Dies ist New York, eine Reihe von Jahren vorher, und dies ist geschehen:
1
Bob Garvin sah zu, als die Armee abzog. Er hatte seine Hände in die Taschen gesteckt, und in seinen Augen brannte ein seltsames Feuer. Er wartete, bis der letzte LKW von der Vierzehnten Straße abgebogen und in der Richtung des Lincoln-Tunnels weitergefahren war, bis der letzte Soldat abmarschiert, bis der letzte Lichtblitz auf den Gewehrläufen verschwunden war. Dann erst trat er zurück, entschuldigte sich bei dem Bürger, den er dabei angestoßen hatte, und ging zu der Gruppe hinüber, die sich um Brent Mackay geschart hatte.
„Morgen, Bürgermeister“, sagte er.
„Ah, guten Morgen, Stadtrat! Auch hier draußen wie wir anderen, sehe ich.“ Mackay war ein seltsamer Mensch. Er sah so mager und hart wie nur irgendeiner aus, aber innerlich war er weich – wie ein Windsack, der so fest aufgeblasen ist, daß das Tuch straff gespannt und hart aussieht, trotzdem aber nur mit Luft gefüllt ist.
„Muß ja schließlich den tapferen Soldaten zum Abschied zuwinken, meinen Sie nicht auch?“ sagte Bob.
Ein Mann aus der Gefolgschaft des Bürgermeisters – ein stahläugiger Mensch namens Mert Hollig – lachte metallisch. Eine Welle von hämischem Gelächter lief durch die Gruppe.
„Na“, sagte Bob Garvin, „dann wollen wir uns mal wieder an die Arbeit machen. Hier in der Stadt gibt es schließlich immer noch eine Regierung, selbst wenn der Kronprinz sich wieder auf die Jagd gemacht hat.“
Mackay nickte hastig. „Selbstverständlich! Sie haben völlig recht, Stadtrat.“ Er drehte sich zu den übrigen Mitgliedern des Stadtrats und ihren Assistenten um. „Also los, Leute! Zurück in die Galeeren! Das Kanalisationsprojekt muß angegangen werden.“
„Äh … Bürgermeister …“, warf Garvin leise ein.
„Ja, bitte, Stadtrat?“
„Ich würde eigentlich meinen, daß dies noch ein bißchen Zeit hat. Rom wurde ja schließlich auch nicht an einem Tag erbaut. Ich hätte ganz gerne die Frage der Stimmberechtigung für die Wahl heute morgen geklärt.“
„Aber sicher, Stadtrat!“ Mackay lachte verbindlich. „Wissen Sie, das war mir doch tatsächlich entfallen. Vielen Dank, daß Sie mich daran erinnert haben.“
„Keine Ursache, mein Bester.“
Die Vereinigungsarmee nahm Trenton ohne Schwierigkeiten. In Philadelphia stieß sie auf heftigen Widerstand, und Berendtsen überlegte, ob es nicht besser gewesen wäre, in das südliche New Jersey einzudringen, statt daran vorbeizuziehen. Aber eine flankierende Marschkolonne schlug sich schließlich von Chester aus nach oben durch, und die Stadt fiel. Kurz darauf fiel Camden ebenso, und damit war die Strategie des schnellen Vormarschs gerechtfertigt. Nachdem einmal eine starke Stellung in dem Camden-Philadelphia-Bezirk eingerichtet war, mußte das südliche New Jersey zwangsläufig schrittweise in der Union aufgehen. Die Verlustquote konnte so weit niedriger gehalten werden, und Wochen an wertvoller Zeit waren gespart worden.
Die Armee drängte nach Süden.
Bob Garvin genoß das Essen seiner Mutter und aß langsam. Er lächelte ihr zärtlich zu, als sie ihm eine weitere Portion Kartoffeln auf seinen Teller gab. „Vielen Dank, Mama, aber ich bin so gut wie satt.“
„Schmecken sie dir nicht?“ fragte seine Mutter besorgt.
„Doch, doch sie sind ganz hervorragend, Mama!“ protestierte er. „Aber der Platz ist eben beschränkt, und von dem Kürbiskuchen möchte ich auch noch etwas.“
Mary sah in mit beißendem Spott an. „Privatleben des Politikers“, sagte sie. „Der populäre Kandidat für den Stadtratsposten aus dem sechsten Bezirk liebt die Hausmannskost. Geht am Abend vor den Kommunalwahlen nach Hause, weil Mama ihm Kuchen gebacken hat.“
„Mary!“ Margaret Garvin sah ihre Tochter vorwurfsvoll an. Mary schaute auf ihren Teller herab. „Tut mir leid, Mutter.“
„Ich kann einfach nicht verstehen, was du in letzter Zeit hast.“
Margaret Garvin sagte es mit beunruhigtem Gesicht. „So warst du doch früher nicht.“
Mary zuckte die Achseln. „Niemand ist so, wie er früher war.“ Sie spielte mit ihrem Messer. „Aber es tut mir leid, ich werd’s nicht wieder tun.“
Margaret Garvin sah ihren Sohn besorgt an. Bob lächelte leicht, wie er es oft zu tun schien. Er war offensichtlich völlig unempfindlich gegen alles, was seine Schwester sagen mochte.
„Also …“, begann Margaret Garvin unentschlossen. Sie runzelte die Stirn, als ihr klarwurde, daß sie keine Ahnung hatte, was sie sagen wollte. So war es ihr immer häufiger gegangen, seit Matt …
Matt war nicht mehr da. Es war sinnlos, sich selbst weh zu tun, indem man daran dachte. Er war nicht mehr da, aber sie war da. Und wenn sie seine Kraft auch jeden Tag mehr vermißte – jeder wurde eben irgendwann alt.
„Ich geh’ mal rüber und besuche Carol Berendtsen“, sagte sie schließlich. „Ihr Kinder könnt euch den Nachtisch ohne Schwierigkeiten selber holen. Die arme Frau ist ja wirklich zu einem Schatten abgehärmt.“
Ted fehlte ihr. Ihr Sohn war zu ihrem Lebensinhalt geworden, seit Gus …
Sie wollte nicht an den Tod denken!
… seit Carol Gus nicht mehr hatte. Und wo Ted war, das wußte keiner. Man hörte nur dann und wann in einem Bericht über Funk davon, daß diese Stadt belagert, jene erobert worden war. Und mehr als das … Mehr als das – es war das gleiche, das den Schmerz in Marys Augen brachte. Frau und Mutter, beide fragten sich, was in dem Mann vorging, den die eine geboren und die andere geheiratet hatte, den aber keine von beiden verstand.
Margaret Garvin stand auf. Ihr eigener ältester Sohn, Jim, war bei Ted. Vielleicht sollte sie sich ebenfalls Gedanken machen. Aber über Jim machte sie sich nie Sorgen. Jim war wie ein alter Balken, der ein Gebäude stützte. Nichts konnte ihn verletzen, nichts ihn erschüttern. Jim kam schon durch. Nie Sorgen? Nun, ganz stimmte dies nicht. Sie wußte, daß Jim ebenso schwach wie irgendein anderer Mensch war. Ein Geschoß konnte ihn niederstrecken. Aber Jim war nicht der komplexe, empfindliche Organismus, der Ted oder Bob war. Es war unmöglich, von ihm anzunehmen, daß ein leichter Schock den gesamten Mechanismus stören könnte, wie das bei den beiden anderen möglich war.
„Bist du noch da, wenn ich zurückkomme, Bob?“ fragte sie.
Bob schüttelte bedauernd den Kopf. „Ich fürchte, nein, Mama. Ich brauche vor morgen noch meinen Schlaf. Wähle früh und oft, du weißt ja.“ Er lachte ungezwungen.
Sie ging zu ihm hinüber und gab ihm einen Gutenachtkuß. „Paß gut auf dich auf, Bob“, sagte sie sanft.
„Mache ich immer, Mama.“
Nachdem seine Mutter gegangen war, warf Bob einen Blick zu Mary hinüber. Mary Berendtsen starrte mit verlorenen Augen wie aus weiter Ferne ihre Teetasse an.
„Machst du dir Gedanken wegen Ted?“ fragte Bob sanft.
Mary sah ihn nicht an. Ihr Mund verzog sich zu einem dünnen Strich.
„Ich habe mit dir keinen Streit“, sagte er aufrichtig.
„Du hast ihn aber mit meinem Mann!“
Bob schüttelte heftig den Kopf. „Nicht mit ihm. Mit seinen Idealen. Seinen sozialen Theorien, wenn du so willst.“
Mary sah auf und lächelte dünn. „Dann erzähle du einmal mir, wo das eine anfängt und das andere aufhört.“
Bob zuckte die Achseln. „Deshalb sieht es auch so aus, als würde ich ihn persönlich hassen. Aber das ist nicht wahr! Das weißt du.“
„Wenn du damit durchkommen würdest, dann würdest du ihn umbringen lassen. Wenn du ihn hättest umbringen lassen können, dann hättest du dies sogar schon vor zwei Jahren getan, als er aus dem Norden zurückkam.“
Bob nickte. „Das gebe ich zu. Aber nicht, weil ich ihn hasse – oder, da wir schon mal davon sprechen, nicht bewundere. Weil er für die vorherrschende soziale Theorie steht. Eine Theorie, die uns zu den Höhlen und Heckenschützen zurückwerfen wird, wenn sie weiter verfolgt wird.“
„Halt mir hier keine Wahlreden!“ schnappte Mary. „Die kannst du dir bei mir sparen! Worauf es doch eigentlich ankommt, ist, daß trotz Mackay, trotz Polizeichef Merton Hollis und, obwohl du den Stadtrat in der Tasche hast, du eines ganz genau weißt: Wenn Ted auf Dauer zurückkommt, bist du in Sekundenbruchteilen entmachtet. Und dann werden all die schönen Pläne und die fetten Jobs nicht mehr soviel wert sein!“ Sie schnippte mit den Fingern.
Bob schüttelte den Kopf. „Nein, Mary“, sagte er sanft. „Du bist jetzt auf mich wütend, aber du weißt genau, daß dies alles nicht wahr ist. Mackay ist ein Werkzeug, das ist richtig, und noch nicht mal ein sauberes. Aber du weißt, warum ich die Regierung kontrollieren will. Die Dinge, die ich tun muß, sind auch nicht ganz astrein, aber hinter den fetten Jobs bin ich nicht her.“
Marys Ärger war verflogen. Sie nickte zögernd. „Ich weiß“, seufzte sie. „Ehrlich bist du schon.“ Sie lachte kurz. „Der Himmel möge die Menschheit vor dem ehrlichen Idealisten beschützen!“
„Was ist Ted denn?“
Mary zuckte. „Treffer.“
Bob schüttelte den Kopf. „Nein, kein Treffer. Das ist ja nichts Neues. Was daran weh tut, ist die Tatsache, daß dich dies alles in den Wahnsinn treibt.“
Dieses Mal wurde Mary blaß, und über ihre Züge schien sich eine Maske zu ziehen, als sie sich in den Schutz ihres Inneren zurückzog.
„Hör mal zu, Mims, du weißt, woran ich glaube – woran ich geglaubt habe, seit ich mich erinnern kann. Wir alle sind gleich geboren. Wir sind mit einem Erbe persönlicher Waffen geboren, um unsere Gleichheit durchzusetzen. Diese persönlichen Waffen, in den Händen freier Männer, sollen es sicherstellen, daß niemandes Rechte verletzt werden – daß niemand jemals in der Lage sein wird, seinen Mitmenschen zu reglementieren, Unbilliges von ihm zu fordern, in Abhängigkeit zu bringen und einem anderen Menschen das abzunehmen, was von Rechts wegen ihm gehört. Wenn wir alle gleich bewaffnet sind, welcher Mann ist dann besser als seine Nachbarn? Wenn wir alle bewaffnet sind, wer würde es dann wagen, ein Dieb zu sein, gleichgültig, ob er Freiheit oder Besitz stiehlt?
Und woran glaubt Ted Berendtsen? Daß sich Menschen zusammenschließen sollen zu dem Zweck, andere Menschen dazu zu zwingen, dieser Gruppe zu dienen. Wie kann ich mit einem solchen Mann Kompromisse abschließen? Wie kann ich still dasitzen und es zulassen, daß er uns seine Tyrannei aufzwingt? Wie kann ich ihn oder seine Überzeugungen in derselben Welt leben lassen wie mich und meine Überzeugungen?“
Dieses eine Mal hatte Bobs zynische Selbstsicherheit ihn im Stich gelassen. Ihm wurde bewußt, daß er aufgesprungen war und daß seine Fäuste auf der Tischkante lagen. Er sah Ted Berendtsens Frau mit starren Augen erbittert an.
Mary hob den Kopf. Sie war totenblaß. „Hast du solche Wahlreden auch schon öffentlich gehalten?“ fragte sie.
Bob Garvin schüttelte den Kopf. „Nein. Noch nicht.“
Die Vereinigungsarmee nahm Richmond, Atlanta und Jacksonville. Berendtsens Männer marschierten nach Süden.
Jemand warf Mary Berendtsen auf der Straße einen verfaulten Kohlkopf nach.
Der neugewählte Stadtrat für die ganze Stadt, Robert Garvin, saß am Ende des langen Tischs – am Kopfende. Brent Mackay, Bürgermeister der Stadt New York, saß am anderen Ende, dem Fußende.
Merton Hollis, der Polizeichef, saß neben Bob Garvin.
„Also“, sagte Garvin, „was die kommenden nationalen Wahlen anbetrifft, sieht das so aus: Nach dem Wahlrechtserlaß kann ein bestimmtes Familienmitglied an Stelle eines abwesenden Mitglieds der Vereinigungsarmee dessen Stimme zusätzlich zu seiner eigenen abgeben. Ist das klar?“
Der Stadtrat nickte in seiner Gesamtheit.
„Gut. Diese zusätzliche Stimme soll, technisch gesprochen, in Übereinstimmung mit den expliziten Wünschen dieses abwesenden Armeemitglieds abgegeben werden.“
Er breitete mit einer hilflosen Geste seine Hände aus. „Wenn aber die Armee ständig in Bewegung ist wie in diesem Fall, und wenn niemand genau weiß, was sie tut … Also, ohne Gefallenenlisten wissen wir ja noch nicht einmal, wer tot ist oder wer nicht.“
„Aber Robert, wir wissen doch …“, begann Mackay.
Garvin hielt ihn mit einem geduldigen Lächeln an. „Bitte, Bürgermeister. Sicher haben wir Berichte über Funk. Aber die sind ungenau und oft verstümmelt, und wer sagt uns denn, daß Berendtsen nicht Rückschläge verheimlicht, indem er seinen Funkern Anweisung gibt, falsche Angaben durchzugeben?“
Er schüttelte den Kopf. „Nein, nur auf Hörensagen können wir uns nicht verlassen. Wir müssen diese Stimmen einfach akzeptieren, als wären sie unter Anleitung der Abwesenden abgegeben worden. Wir können schließlich nicht beweisen, daß es nicht so ist.“
Ein leiser Chor von unterdrücktem Gelächter der Bewunderung kam von den Mitgliedern des Stadtrats.
„Aber nehmen wir mal an, diese Stimmen werden nicht abgegeben?“ protestierte Mackay. „Die Familien wissen schließlich, daß sie mit den Männern keinen Kontakt hatten. Wie können sie dann mit gutem Gewissen diese Stimmen abgeben?“
Garvin sah ihn mit kalter Belustigung an. „Bürgermeister – haben Sie schon jemals von irgend jemandem gehört, der, wenn er einmal zur Wahl entschlossen war, nicht auch so tüchtig wählte wie er nur konnte?“
Dieses Mal war das Gelächter lauter.
„Außerdem“, sagte Garvin leise, „können die Wähler zwar keine individuellen Anweisungen bekommen, aber ich bin sicher, daß man es sie wissen lassen kann, was die Armee insgesamt von Berendtsen und seinen Theorien hält.“
Einige Köpfe am Tisch fuhren in plötzlicher Aufmerksamkeit hoch.
„Wie Sie wissen“, fuhr Garvin, immer noch leise, fort, „ist der Garnisonskommandant von Philadelphia ein treuer Gefolgsmann von Theodor Berendtsen. Er hat sich dadurch ausgezeichnet, daß er Berendtsens Methoden und seine Politik exakt kopiert. Auch die Verwaltung seiner Garnison folgt identisch dem Muster, das er von seinem Chef übernommen hat. Kurz gesagt, haben wir in Philadelphia einen Miniatur-Berendtsen mit einer Miniatur-Vereinigungsarmee, der eine Miniatur-Republik verwaltet. Daraus folgt, daß die Reaktion der Garnison und der Bevölkerung von Philadelphia mit der Reaktion der Armee insgesamt auf Theodor Berendtsen identisch sein wird. Außerdem dürfte es eine starke Ähnlichkeit zwischen den Bedingungen der Bürger von Philadelphia und jenen Bedingungen geben, die die Bürger der Republik für sich erwarten können, wenn Berendtsen jemals Oberhaupt der Republik werden sollte.“
Die Mitglieder des Stadtrats, die Garvin am nächsten saßen, lachten laut auf und sahen sich mit triumphierendem Lächeln auf den Lippen an.
Mackay sah verblüfft den Tisch hinunter. „Aber … aber das ist doch gar keine VA-Garnison mehr!“ protestierte er. „Hollis ist letztes Jahr mit einem Kontingent Stadtpolizei dorthin gezogen und hat die ursprüngliche Besatzung abgelöst! Die sind doch zu Hause!“
Garvin nickte. „Ganz richtig. Nur daß die Männer der ursprünglichen Garnison jetzt Patrouillendienst in Maine tun. Das wissen wir. Worum geht es ihnen, Bürgermeister?“
Mackay leckte seine Lippen in Verwirrung. „Also …“ Er warf einen Blick zu Hollis, zögerte, machte aber dann weiter. „Ihr wißt doch genau, was das für Leute waren, die wir nach dort geschickt haben. Und ihr wißt auch, daß wir Willets von hieraus keinerlei Unterstützung gewährt haben, wenn er Nachschub und Ersatzmannschaften verlangt hat. Mensch, der war doch dort unten praktisch ein Gefangener! Sogar seine Kommunikation mit Berendtsen wird abgehört. Der ist doch nicht mehr verantwortlich dafür, was da unten in Philadelphia passiert, als … als …“
Er sprach nicht weiter, da er keinen Vergleich fand.
„… als Berendtsen, Bürgermeister?“ Garvin lächelte. „Natürlich. Aber wer weiß das – außer uns?“
„Niemand. Aber das ist nicht recht! Ihr könnt doch einfach nicht jemanden dermaßen kaltblütig verschaukeln!“
„Und was haben Sie denn geglaubt, was wir in Philadelphia anstellen, Bürgermeister? Meinen Sie, daß wir dort ein interessantes soziales Experiment durchführen?“
„Nein, nein, natürlich nicht! Aber das hier …“
Garvin seufzte und ignorierte ihn von diesem Punkt an vollständig. Er wandte sich den anderen Mitgliedern der Regierung der Stadt – und damit des Landes – zu.
„Man wird Kommandant Willets zurückrufen. Er wird sich gegen die Anklagen Unterdrückung, Mißwirtschaft und Hochverrat verteidigen müssen. Sein Prozeß wird eine Woche vor den Wahlen stattfinden. Unsere Kandidatenliste sieht folgendermaßen aus: Oberkommando der Streitkräfte: Merton Hollis.“ Vom Stadtrat kam leichter Applaus, und Garvin schüttelte dem Mann mit dem stählernen Blick kräftig die Hand. Dann fuhr er fort: „Als Erster Bürger – ein neues Amt, wie Sie wissen, das die alte Funktion und Bezeichnung ‚Präsident’ ersetzt – wird nominiert: Robert Garvin.“
Dieses Mal war der Applaus donnernd, und Hollis schüttelte Garvin feierlich die Hand.
„Und als Bürgermeister der Stadt New York …“ Garvin sah den Tisch herunter zu einem lächelnden Stadtrat, „William Hammersby.“
Garvins Blick verschob sich, und Mackay starrte hilflos dem Ende ins Gesicht.
Der Mann mit dem Anzug, der entfernt nach Armee aussah, stützte sich an einem Laternenpfahl ab und kletterte auf die Mauer am Union Square. Über seinem Kopf schwenkte er wild die blau-silberne Fahne der Vereinigungsarmee.
„Hört mir zu!“ rief er. „Hört mir zu, Bürger! Ich war in Philadelphia. Ich war über drei Jahre bei Berendtsen. Und ich sage euch, zur Hölle mit diesem Wahnsinnigen, und zur Hölle mit seiner Fahne!“ Er riß den silbernen Streifen ab. „Ich habe genug von der Farbe der Bajonette!“ Er warf die zerrissene Fahne zur Seite und schwenkte eine andere über seinem Kopf, die dieses mal blau und rot gefärbt war. „Das hier ist die Fahne für mich! Blau für die Ehre, und Rot für das Blut, das Berendtsen getrunken hat!“
„Aber kein Weiß für Reinheit“, murmelte Mary Berendtsen in sich hinein, die am Rande der Menge stand. In der tobenden Masse am Abend vor der Wahl hörte sie niemand. Zu ihrem Glück wurde sie auch von niemandem erkannt.
Garvin lächelte dem neuen Verbindungsoffizier freundlich zu. „Sie sind sich doch sicher über ihre Pflichten im klaren, Oberst. Also, hier ist der Text für Ihre allabendliche Nachricht an Berendtsen.“ Und die Leiche Brent Mackays trieb langsam den Hudson hinab zu dem breiten, wartenden Ozean.
2
Jim Garvin hatte seine Hände tief in die Taschen gesteckt. Er hörte dem Wind zu, der düster durch das Lagergelände pfiff und die Zeltwände knattern ließ. Der Wind war so kalt, daß sein Atem sich in unangenehmer, spröder Nässe auf seinem dicken Kragen niederschlug. Er zitterte heftig, als ein plötzlicher Windstoß sein empfindliches rechtes Bein wie mit Nadeln traf, jenes Bein, das immer noch leicht reizbar war, seit es vor zwei Jahren bei der Besetzung von Jacksonville von einer Schrotladung getroffen worden war, die den Knochen verletzt hatte. Durch die verkümmerten Pinien im Osten fiel ein dünnes Licht. Es würde ein kalter, elender Tag werden.
Er sah auf seine Armbanduhr und ging zum nächsten Zelt. Er war froh, sich bewegen zu können. Als er den Eingang aufknöpfte, hatte er mit seinen steifen Fingern Mühe, mit dem engen Verschluß fertig zu werden. Er schüttelte den ersten der beiden Männer, die innen schliefen, am Kopf. „Hallo, Miller, auf geht’s!“
Miller grunzte irgend etwas zusammenhanglos in sich hinein und wachte auf. Er wickelte sich aus seiner Rolle von Decken heraus, griff mit einer blinden Bewegung seines Arms nach seinem Helm, setzte ihn auf und kroch aus dem Zelt. Den zweiten Mann stieß er mit dem Stiefel an. Unter den Decken, die er noch immer umgehängt hatte, verschloß er den Reißverschluß seiner Jacke. Erst dann zog er sich die Decken von den Schultern und warf sie in das Zelt zurück. Begley, der zweite Mann in dem Zelt, kam nach ihm herausgekrochen. Er fluchte in sich hinein, als er Miller die Fahnentasche aus Leinen übergab.
„Das ist wieder ein scheißkalter Tag“, sagte Begley grimmig, als er sein Signalhorn aufnahm.
„Dieser dreckige Süden hat uns das ganze Blut herausgepreßt“, stimmte Miller ihm zu.
Garvin knurrte. Wenn er sich überhaupt die Mühe machte, darüber nachzudenken, hatte er irgendwie immer angenommen, daß die letzten Tage dieses Feldzuges genauso sein würden wie jene Tage damals, als die noch junge Vereinigungsarmee an der Grenze von Jersey entlang nach New York zurückgekommen war – in kaltem, klarem Wetter mit dem Versprechen des kommenden Winters. Nun war statt dessen der Winter fast vorüber und der Boden mit Regen und getautem Frost vollgesogen. Der rauhe Wind ging einem bis in die Eingeweide. Es würde noch einen guten Monat dauern, bis das Wetter wieder einigermaßen erträglich sein würde.
Wenn man jedoch bedachte, wie es bei der letzten Heimkehr gewesen war, war es wahrscheinlich ebensogut, wenn es dieses Mal anders sein würde. Also knurrte er nur.
Sie gingen über das Lagergelände zu Berendtsens Wagen, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Als sie dort angekommen waren, hing Miller die Fahne in die Schnüre des Mastes ein, während Begley ein Mundstück in sein Signalhorn drehte. Garvin stand ohne Bewegung neben dem Wagen. Den Kopf unter dem grauen Helm hielt er bewegungslos und aufgerichtet. Die grünen Dienstgradabzeichen waren von einem Mantel aus Rauhreif bedeckt. Seine Schultern hielt er gerade, und seine Stiefel bildeten einen Winkel von fünfundvierzig Grad.
Er sah wieder auf seine Uhr.
„Heißt …“ Er zählte bis drei. „Flagge!“
Miller ließ die blau-silberne Flagge im Wind flattern, und Garvins Jacke spannte sich über seinem steifen Rücken, als Begley zum Sammeln blies.
Er blieb regungslos stehen, bis die Männer sich aus ihren Zelten herausgearbeitet hatten und angetreten waren.
„Das ist jetzt eine Armee“, hatte Berendtsen gesagt. „Sie repräsentiert eine Nation. Und eine Nation benötigt ständig eine verfügbare Armee. Die Antwort ist eine Tradition, die darauf gerichtet ist, immer eine Armee zu haben, Jim. Ich möchte, daß du darauf achtest, daß sie auch ein bißchen wie eine Armee aussieht.“
Die Männer hatten sich nach und nach an Disziplin gewöhnt, nachdem ihnen einmal klargeworden war, daß ihre Wirksamkeit als Organisation dadurch wuchs, solange alles innerhalb vernünftiger Grenzen blieb. Und das war nur eine der vielen Veränderungen, die sich eingestellt hatten, während die VA sich ihren Weg die Ostküste hinunter freikämpfte.
Die VA hatte einen langen Weg hinter sich, und das in jeder Beziehung. Der wilde Haufen von damals hätte heute nicht einmal eine Chance gegen eine einzige Vorausabteilung von Berendtsens Armee. Selbst die kampferprobte und organisierte Streitmacht, die vom Nord-Feldzug aus nach New York zurückmarschiert war, wäre von einer der jetzt existierenden Spezialeinheiten zerschmettert worden – Eisners gepanzerte Verbände etwa, die durch die sintflutartigen Regen des Tampa-Feldzugs wie wütende Bluthunde ihren Weg genommen hatten –, um dann von der Infanterie den Rest zu bekommen. Als die silberblaue Fahne über Key West wehte, hatte die VA bereits viel gelernt. Viel gelernt, viele Männer aufgenommen, viel geplündert. Noch mehr hatte sie gelernt, als sie nach Norden zurückkehrte, Widerstandsnester ausräumte und Garnisonen in der gewohnten Strategie hinterließ, die Berendtsen während des Nord-Feldzugs entwickelt hatte.
Alles, was östlich der Alleghenies lag, gehörte also jetzt Berendtsen. Garvins Blick schwang düster über die Reihe von schweigsamen Männern, die reglos warteten.
Die Männer wirkten mager und hart in ihren Uniformen – alte Marineuniformen mit Helmen und Koppelschlössern, die mit mattgrauer Farbe aus einer Maschinenfabrik angestrichen waren.
Die meisten von ihnen wären wahrscheinlich jedem Soldaten gewachsen gewesen, den es jemals auf der Welt gab, so ausgesucht und erfahren wie sie waren. Und warum sie kämpften … Drei Mahlzeiten am Tag und das Gefühl, daß ihr Leben einen Sinn hatte, reichten als Grund. Jeder Soldat bekam noch etwas von der Beute ab – Beute wie Uhren und Feuerzeuge, weniger Luxusartikel als Gebrauchsgegenstände –, erhielt ein Stück Land, das er sich zur Bebauung nach seiner Entlassung verdient hatte, und bekam die Möglichkeit, eine Frau zu finden.
Garvin nahm den Rapport entgegen, ohne seine Augen von den Männern zu lösen.
Nur ein paar von ihnen fühlten sich Berendtsen persönlich verpflichtet, aber sie folgten ihm alle. Garvin fragte sich, wie sie empfinden würden, wenn sie über die Appalachen nach Westen geführt werden würden. Er fragte sich außerdem, was er selbst empfinden würde – und entdeckte, daß sein Bewußtsein der Frage ausgewichen war.
Er hörte, wie Berendtsens Hand den inneren Griff der Wagentür herabdrückte. „Aaaach-tung“, brüllte er, und die Blicke der bereits stocksteifen Männer hefteten sich auf die Tür. In den Zelten schworen manche, daß sie das nächste Mal nicht so genau hinschauen würden, wenn die Wagentür aufging. Keiner hielt sein Versprechen.
Die Tür ging auf. Garvin trat zur Seite und hielt sie auf. Als Berendtsen drei Schritte vorwärts auf das Lager zuging, schloß er sie wieder.
Er trug einen schwarzgefärbten Overall mit einem Gürtel, und nur Garvin, der ein paar Schritte seitlich hinter ihm stand, konnte sehen, daß sein Bauch schwerer als früher war. Er sah das Regiment mit seinem üblichen undurchdringlichen Gesichtsausdruck an, und heute sah Garvin zum erstenmal, ohne deutlichen Grund, daß die Jugendlichkeit seines Gesichts weiter nichts als eine Maske war. Seine Gesichtshaut war wächsern, als hätte jemand einen Abdruck der Züge des jungen Ted Berendtsen genommen und sie auf den alten Schädel gesetzt. Die müden Augen sahen unter dem jungenhaft gekämmten, aber dunkelnden Haar durch diese Maske. Um seinen Hals hatte er einen Kranz von tiefen Falten.
„Alle Mann vollzählig“, meldete Garvin.
Berendtsen nickte kurz. „Guten Morgen, Jim.“ Seine Augen veränderten ihren Ausdruck nicht, der unpersönlich und doch eindringlich war. Sein Gesicht verlor nicht die Beharrlichkeit, die ihm den unveränderlichen starren Blick verschaffte.
Nach seinem plötzlichen Einblick in einen Berendtsen, der den letzten Rest von Jugend verloren hatte, wurde Garvin klar, daß Berendtsen schon vor Jahren die letzte Tür geschlossen hatte, die sich von ihm zur Welt öffnete, und daß das Geräusch dieses Vorgangs nun endlich seine, Garvins, Ohren erreicht hatte.
„Lassen Sie die Männer wegtreten. Alle Kompanien haben in einer Stunde gepackt und sind abmarschbereit. Ich möchte Sie und die Kommandeure Eisner und Holland in fünf Minuten in meinem Quartier sehen.“
„Zu Befehl.“ Garvin grüßte, gab die Befehle aus und ließ die Soldaten wegtreten. Er ging über den Platz zu den Kompaniechefs, die in der Morgendämmerung beieinanderstanden, und ließ den altjungen Fremden hinter sich.
„Wir sind hier.“ Berendtsen setzte seinen Finger auf eine Oberflächenkarte von Bucks County und fügte ein verspätetes und charakteristisches „Wie Sie wissen“ hinzu. Garvin bemerkte, daß Holland, der ihm gegenüber am Kartentisch stand, mit seinen dünnen Lippen zuckte. Eisner, dessen Hände von Fett und Graphit für immer geschwärzt waren, und der vollständig zurückgezogen wirkte, wenn er nicht bei seinen Fahrzeugen sein konnte, hielt sein Gesicht ausdruckslos.
„Übermorgen sind wir in New York“, sprach Berendtsen weiter. „Das heißt, die Hauptmasse wird es sein.“ Er legte die Karte beiseite und ersetzte sie durch eine andere, die den unteren Teil von New Jersey zeigte.
„Also – unsere zentrale Kommunikationslinie zwischen New York und der Gegend von Philadelphia verläuft, ebenso wie unsere allgemeine Route in den Süden, durch das nördliche New Jersey und überquert bei Trenton den Delaware. Bis jetzt gab es keinen Grund, in das südliche New Jersey überhaupt einzurücken, weil die Garnison von Camden unsere Flanke geschützt hat, was dadurch ermöglicht wurde, daß die Gegend eine Halbinsel ist. Aber das wissen Sie ja selbst.
Die A-Kompanie unter der Führung von Kommandeur Holland wird sich also von der Hauptmasse des Heers trennen, den Fluß an einem gangbaren Punkt überschreiten und das südliche New Jersey besetzen. Garvin, Sie übernehmen den ersten Zug der A-Kompanie und fungieren als Adjutant von Kommandeur Holland. Es werden Sie so viele gepanzerte Fahrzeuge unterstützen, wie Kommandeur Eisner für eine solche Operation für angebracht hält. Die untergeordneten Offiziere für diese Fahrzeuge wird Kommandeur Eisner bestimmen. Nachschub und unterstützende Waffen werden nach dem Ermessen von Kommandeur Holland ausgegeben. Die Verpflegung wird direkt vom Land bezogen. Mitgeführt wird nur eine Grundration für Notfälle. Ist das klar?“ Aus Gründen der Disziplin hatte er es sich angewöhnt, alle Offiziere förmlich anzureden, wenn er als Befehlshaber mit ihnen redete.
Holland und Eisner nickten. Garvin, der kein Offizier war, sagte „Jawohl“. Er hielt sein Gesicht ausdruckslos. Die Befehle Berendtsens überstellten ihn de facto dem Offizier, dem die gepanzerten Verbände unterstellt waren. Sie übertrugen ihm außerdem die Pflichten eines Leutnants. Er hatte natürlich gewußt, daß Berendtsen ihn eines Tages trotz seiner zahlreichen Ablehnungen dieses Dienstgrads zum Offizier machen würde. Aber jetzt fragte er sich, warum Berendtsen so lange gewartet hatte, bis er diese einfache Maßnahme durchgeführt hatte. Das Ganze hatte bislang wie eine einfache Säuberungsaktion ausgesehen. Nun war offenbar ein neuer Faktor zu dem Gesamtbild hinzugekommen, und Garvin fragte sich, worum es sich handelte.
Berendtsen nahm den Faden wieder auf. „Also gut. Sie werden Patrouillen in jede Stadt von einiger Bedeutung schicken und Kommunikationsstellen einrichten. Mit der Schreibstube der Philadelphia-Camden-Garnison wird eine Funkverbindung aufrechterhalten, um regelmäßig Nachrichten übermitteln zu können. In Atlantic City, Bridgeton und in den alten Marineanlagen von Cape May werden neue Garnisonen eingerichtet.“
Er machte eine Pause, und irgend etwas huschte über sein Gesicht, zu schnell für Garvin, als daß er es hätte erkennen können.
„Das sind also Ihre Anweisungen. Sie werden selbstverständlich nach der üblichen Besetzungs- und Rekrutierungspolitik verfahren. Ehemalige Offiziere in Ansiedlungen, die in der Nähe früherer Militäranlagen überlebt haben, sind wie üblich mit Vorsicht zu behandeln.“
Berendtsen sah von der Karte auf.
„Der Kommandant der Garnison Philadelphia hat gemeldet, daß die Gegend nur dünn besiedelt ist, da seit dem Sturz der alten Philadelphia-Organisation vor sechs Jahren keine zivile Gruppe in das Gebiet eingedrungen ist. Ich habe erfahren, daß Philadelphia nie Gelegenheit hatte, Neubesiedlungen in größerem Umfang durchzuführen.
Daher schicke ich nur eine Kompanie. Die Garnison von Philadelphia hat aber in der Gegend nur oberflächliche Erkundungen angestellt, trotz der verallgemeinernden Schlüsse, die der Kommandant vielleicht gezogen hat. Was Sie nicht wissen können, ist, daß der Kommandant ein Mann ist, der von New York geschickt wurde, um Kommandant Willets abzulösen.“ Er lächelte trocken. „Deshalb verstärke ich die Kompanie mit einer gepanzerten Abteilung und besetze sie mit meinen besten Leuten. Kommandeur Eisner, ich möchte Sie bitten, diese Bemerkungen bei der Auswahl Ihres Offiziers in Ihre Überlegungen mit einzubeziehen.
Ein paar letzte Befehle, die ich Ihnen schriftlich bestätigen werde, sobald mein Schreiber sie getippt hat. Versichern Sie sich, daß Sie sie in der Hand haben, bevor Sie abrücken, Kommandeur Holland. Folgendes: Sie werden mit Philadelphia und New York in Funkkontakt bleiben, sind aber eine völlig unabhängige Einheit, bis der Bezirk völlig besetzt und der Republik angegliedert ist. Wenn dies geschehen ist, wird die Kommandantur von New-Jersey-Süd der militärischen Bezirksverwaltung von Philadelphia unterstellt und unterliegt der Befehlsgewalt des Garnisonskommandanten von Philadelphia. Bis zu diesem Zeitpunkt werden Sie als unabhängige Einheit der Vereinigungsarmee im Fronteinsatz geführt, die nur den Befehlen des Oberkommandierenden untersteht.“
Garvin versuchte, in den Gesichtern von Berendtsen oder Holland etwas zu lesen, aber es gelang ihm nicht.
Berendtsen vertraute dem Kommandeur von Philadelphia nicht, soviel war sicher. Und dieser Bezug auf sich selbst als Oberkommandierender in der dritten Person wirkte unnötig verschleiernd.
Der Verdacht, daß etwas nicht stimmte, wurde in Garvin immer stärker. Vielleicht war die VA in einem Maß angewachsen, daß Berendtsen nicht mehr in der Lage war, ihre gesamte Organisation persönlich zu überwachen, aber die Garnison von Philadelphia war wichtig, und es schien unfaßbar, daß ein unzuverlässiger Mann das Kommando über sie bekommen hatte.
„Noch Fragen?“
Garvin blieb wie die beiden Kommandeure still.
„Vorschläge?“
„Ich möchte die Abteilung selbst führen“, sagte Eisner. Das Leben in New York, das zwangsläufig langweilig sein mußte, übte keine Anziehungskraft auf ihn aus. Die Operation in New Jersey hingegen bot für einen weiteren Monat Aktion.
Berendtsen schüttelte den Kopf. „Ich habe mir überlegt, ob ich Sie schicken sollte“, sagte er, „aber an New York liegt mir zuviel.“
Eisners Augenbrauen zuckten. Das Gesicht des Mannes war nicht daran gewöhnt, Gedanken zu verbergen und zeigte deutlich seine Zweifel.
„Tut mir leid“, sagte Berendtsen ausdruckslos.
„Jawohl“, gab Eisner zurück.
„Also, alles klar“, schloß Berendtsen. „Abtreten – und viel Glück.“
Mit der Begleitmusik der Schreibmaschine des Schreibers, auf der die beunruhigenden offiziellen Befehle getippt wurden, mit denen man gegen alles abgedeckt war, folgte Garvin den beiden Kommandeuren aus dem Wagen. Abgedeckt wogegen?
Und der Wind, der durch die Zelte pfiff, schien nun stärker und beißender zu sein, als er es vorher gewesen war.
Berendtsen sah zu, wie die Kompanie ausrückte. Sie fehlte ihm jetzt schon. Er fühlte die Lücke in der Armee so deutlich, als sei aus seiner Seite ein Stück herausgeschnitten worden. Daran aber war nichts zu ändern.
Vielleicht hätte er für das Untenehmen die ganze Armee unter seiner Führung einsetzen sollen. Er war versucht gewesen, es zu tun. Aber die Männer waren jetzt nahe ihrer Heimat – die aus New York zumindest –, und sie wollten nach Hause. Die übrigen freuten sich auf den Ausgang in der Stadt. Für die meisten von ihnen war es seit sechs Jahren die erste Pause.
Er hatte eigentlich keinen wirklichen Grund für seine Beunruhigung. Was auch immer in Philadelphia geschehen war, wahrscheinlich handelte es sich um nichts weiter als um politische Manöver. Hollands Kompanie würde mit allem fertig werden, was New Jersey zu bieten hatte, zumal er die Panzer dabeihatte. Wenn sie in größere Schwierigkeiten kommen sollten, konnten sie sich außerdem um Hilfe an Philadelphia wenden. Was auch immer dort los war – wenn sie angerufen wurden, mußten sie die Garnison mobilisieren, ganz gleich, was sie davon hielten.
Vielleicht hätte er die Armee nach Philadelphia führen sollen.
Wozu? Bloß deshalb, weil von Willets plötzlich keine Nachricht mehr kam und er schließlich nach New York gegangen war? Willets war jetzt ein alter Mann, und alte Männer bekamen manchmal die seltsamsten Ideen.
Mit Politik wollte er nichts zu tun haben. Darüber war er sich schon vor langer Zeit klargeworden, und jetzt wollte er sich nicht mehr ändern. Er wollte unter keinen Umständen anfangen, sich in die inneren Angelegenheiten der Republik einzumischen. Er hatte kein Bedürfnis danach, Militärdiktator zu werden.
Warum sollte es denn einen Grund für ihn geben, Militärdiktator zu werden?
Woran arbeitete sein Unterbewußtsein?
Er drehte sich um und ging zu seinem Wagen zurück. Dort warf er sich auf sein Feldbett und starrte an die Decke.
Er hatte Holland von der Leine gelassen und ihm ein völlig unabhängiges Kommando gegeben. Warum? Was brachte ihn auf den Gedanken, daß er möglicherweise die Armee nicht mehr viel länger führen würde?
War es das also? War dies das Ende, das er immer erwartet hatte, das in der Zukunft auf ihn lauerte? Jenes Schicksal, das ihn veranlaßt hatte zu tun, was er zu tun hatte, um ihn dann schließlich zu ereilen?
Warum hatte er Eisner bei sich behalten?
Warum war er Theodor Berendtsen?
Der Delaware hatte in seinem Quellgebiet Wärme aufgenommen, die nun mit dem Fluß südwärts floß. Die letzte kalte Luftmasse des Jahres hatte sich westnordwestlich über die Berge gewälzt, um ihr zu begegnen, war durch die noch immer steigende Wärme im Norden leicht abgelenkt worden und kam nun auf Delaware zu. Sie schwappte in die Bucht wie eine Springflut, nachdem sie in ihrer südwestlichen Bewegung, die sich in leichten Kreisen vollzog, an Schnelligkeit gewonnen hatte. Sie raffte Feuchtigkeit wie mit einer hohlen Hand aus der feuchteren Luft über der Bucht an sich und schleuderte Nebelfetzen und kalte Windstöße der marschierenden Armee ins Gesicht.
Wie bei allen Truppenbewegungen in der langen militärischen Geschichte der Erde rückte die Marschkolonne im Tempo ihres langsamsten Teils vor – mit jenen hundert Schritten von je neunzig Zentimetern in der Minute, die die Züge der Schützen zurücklegten. Garvin saß bewegungslos auf einem der beiden gepanzerten Fahrzeuge, die zwischen dem zweiten und dritten Zug fuhren. Seine Stiefel hatte er gegen einen Keil gestützt, und er sah der Kolonne zu, die sich in die Kälte und den Nebel hineinwand. Sein Körper vibrierte leicht durch das Dröhnen des gedrosselten Motors. Obwohl sein Gesicht und seine Hände klamm und feucht waren, blieb er, wo er war, statt in dem warmen Kampfraum des Wagens zu verschwinden, von dem aus er die Truppenbewegungen nicht hätte beobachten können. Dann und wann brach er in ein kurzes Zittern aus, kletterte aber nicht von seinem Aussichtsposten herab.
Er sah über seine Schulter zurück und erkannte Carmodys Jeep, der vom Kolonnenende nach vorn kam, wo weitere vier der insgesamt zehn Panzer ihren Platz hatten. Er runzelte leicht seine Stirn und drehte seinen Kopf, um wieder nach vorn zu sehen. Holland hatte mit der Kompanie Philadelphia umgangen und war in Richtung Talcomy-Palmyra-Brücke marschiert. Wahrscheinlich würden sie jetzt auf die Befehlsstelle aus Philadelphia treffen, die dort postiert war.
Garvin fletschte die Zähne zu einer unruhigen Grimasse und erhob sich abrupt zu einem Kauern. Er winkte dem Fahrer des Jeeps zu, als er nahe an dem Panzer vorbeiheulte, und kletterte über den Turm. Einen Augenblick hielt er sich an einer Leitersprosse fest und ließ sich dann auf die Straße fallen. Die Geschwindigkeit des Panzers fing er ohne Stolpern mühelos auf. Er griff nach einem Haltegriff am Jeep und schwang sich hinter Carmody, dem Leutnant der gepanzerten Verbände, auf den Rücksitz. Der Leutnant war ein Mann mit beginnender Glatze, der aus den Resten der alten Marine-Kolonie in Quantico stammte.
„Wir haben Kontakt“, sagte er. „Mein Führungsfahrzeug hat gerade zurückgefunkt – im Tampa-Code. Die haben schon so eine Art Befehlsstelle an der Brücke erreicht, aber der Junge ist aus irgendeinem Grund aufgeregt, und Dune regt sich nicht so leicht auf.“
Garvin runzelte die Stirn. Tampa hatte ihren Funk abgehört, und während der Belagerung hatte man einen Code entwickeln müssen. Jetzt benutzte ihn der Mann Carmodys in dem Spähpanzer, was nur bedeuten konnte, daß er nicht wollte, daß Philadelphia seine Beobachtungen und Bemerkungen zu der Befehlsstelle aus Philadelphia abhören konnte.
„Glauben Sie, daß er mit Schwierigkeiten für uns rechnet?“
„Die müßten ja verrückt sein – mit unseren Panzern.“
„Sie könnten die Brücke sprengen“, meinte Garvin.
Was bringt mich eigentlich auf den Gedanken, sie könnten so etwas machen, fragte er sich in einem Anflug plötzlicher Panik.
„Meinen Sie, ihre Gefühle uns gegenüber könnten so aussehen?“ fragte Carmody in einem Ton, der für Garvins inneren Frieden nicht ungläubig genug war.
„Ich weiß es nicht“, sagte Garvin langsam. Er machte sich plötzlich klar, daß sie sich hier, tief im Inneren der Republik, immer noch durch jenes stille Land zu bewegen schienen, wie sie es gewohnt waren, immer in Erwartung des Lärms und der Flammen unerwarteter Gefahren. Es war genauso, als könnte jeden Augenblick der Kampf ausbrechen.
„Aber sehen wir mal zu, daß wir möglichst schnell hinkommen“, sagte er zu Carmody.
Die Befehlsstelle bestand aus einem schlecht gepanzerten Schuppen neben dem Zugang zur Brücke. Aus seinem Dach ragte eine Antenne, und daneben parkte ein Jeep mit abblätternder Farbe. Jemand hatte in blau-roter Farbe ein V mit auseinanderlaufenden Balken auf die Kühlerhaube gemalt.
„Verdammt noch mal, in welcher Armee seid ihr denn?“ bellte Garvin den Mann an, den sie dort angetroffen hatten.
Der Mann spuckte über seine Schulter und glotzte verschlafen zu Holland hoch, der aus der vorderen Luke des Panzers sah. „Das is’ doch nicht Berendtsen, oder?“
„Freundchen, ich hab’ Sie was gefragt!“
„Ich denke doch, daß ich in derselben Scheiß-Armee wie ihr bin“, sagte der Mann verärgert. „Das ist doch nicht Berendtsen, oder?“
„Ich bin Kommandeur Holland, Chef der A-Kompanie, Vereinigungsarmee“, sagte Holland ärgerlich und ungeduldig. „Wo ist der Rest Ihrer Gruppe?“
„Mehr is’ nicht.“
„Was haben Sie denn für’n Dienstgrad, mein Freund?“ fragte Garvin und sah sich den fettigen Pullover des Mannes an.
„Unteroffizier, Militärbezirk Philadelphia“, antwortete der Mann und spuckte wieder aus.
„Schön, Uffz“, sagte Garvin. „Wir fahren jetzt über Ihre kleine Brücke.“ Er fühlte die Adern auf seinem Handrücken klopfen, und am Kiefer von Holland konnte er mahlende weiße Erhebungen erkennen.
„Nicht ohne Passierschein von Kommandant Horton – auf gar keinen Fall.“
„Wer ist das denn schon wieder?“
„Macht keine Witze. Er ist Kommandant von Philadelphia, und ohne seinen Passierschein kommt keiner über die Brücke hier.“
„Machen Sie Witze?“ fragte Carmody sanft und schwang das MG auf seiner Lafette am Jeep herum, bis es auf den Mann zielte.
Der Mann wurde blaß, schickte aber Carmody zur gleichen Zeit einen Fluch entgegen. „Ihr geht trotzdem nicht über die Brücke.“
„Damit ist alles klar“, sagte Garvin zu Holland. „Sie haben die Brücke vermint. Miller! Haben Sie so etwas wie einen Detonator in dem Schuppen dort gefunden?“
„Nichts“, rief der Obergefreite von der Tür des Schuppens zurück.
„Na schön, mein Lieber, dann machen wir beide mal eine kleine Spazierfahrt“, sagte Jim. Er zog seinen Colt und richtete ihn auf den Bauch des Mannes. „Los, auf die Kühlerhaube“, befahl er und machte eine Bewegung auf den Jeep der Befehlsstelle zu. Widerspenstig kletterte der Mann auf die Kühlerhaube. Jim setzte sich hinter das Lenkrad und betätigte den Anlasser. Der Motor lief nur schwer an, und er brauchte ein paar Minuten, bis er anfahren konnte. Als es soweit war, bog er auf die Straße ein und setzte sich in Richtung Brücke in Bewegung.
Der Mann auf der Haube drehte sich herum und starrte Jim an. „He!“ rief er zurück. „Willst du dich umbringen?“
Garvin fuhr langsamer. „Wo ist sie vermint?“
Der Mann leckte sich über die Lippen, sagte aber nichts. Garvin gab Gas.
„Schon gut, schon gut! Da vorn im Asphalt sind Kontaktzünder vergraben.“ Er hatte eine Todesangst und schnaufte schwer. Nicht wegen der Minenzünder, erkannte Jim, sondern vor dem, was sie mit ihm machen würden, weil er die Stelle verraten hatte. Er fragte sich, welche Methoden Kommandant Horton wohl anwandte, um seinen Befehlen Nachdruck zu verschaffen.
Sie sprengten den Schuppen und machten den Jeep durch ein paar Schüsse in den Motor unbrauchbar. Als sie über die Brücke fuhren, sah Garvin zurück und sah einen dunklen Fleck, der wohl der Posten war, am Flußufer hochrennen. Sein Weg führte fort von Philadelphia.
Er schaute Jack Holland an, und was er in den Augen des Kommandeurs fand, das gefiel ihm gar nicht, weil er wußte, daß er selbst den gleichen Ausdruck trug. Irgend etwas stimmte nicht, etwas war so sehr faul, daß er sich überlegte, ob er nicht den Befehl mißachten und empfehlen sollte, so schnell nach New York zurückzukehren, wie es den Marschkolonnen nur möglich war.
Holland sah ihn an und schüttelte den Kopf. „Berendtsen wußte schon, was er tat, als er uns hier herunterschickte“, sagte er. „Wir wollen uns daranmachen, es herauszufinden.“
Die Armee marschierte in ein New York ein, dessen Einwohner mürrisch geworden waren. Berendtsen fühlte den Haß wie einen feuchten Nebel um sich und atmete tief ein.
Ein schiefes Lächeln umspielte seine Lippen. Er hatte fast immer recht. Es war ein prickelndes Gefühl, das er immer dann hinten im Nacken spürte, wenn er eine Entscheidung traf, die sich nur auf ein Ahnen zu gründen schien. Später stellte sich dann meistens heraus, daß er mit fast vorausahnender Genauigkeit entschieden hatte.
Das zweite Gesicht? Oder nur ein Unterbewußtsein, das unermeßlich genau arbeitete?
Niemand konnte diese Fragen beantworten.
Auf den Straßen waren Sperren errichtet worden. Dahinter standen Leute, die von Soldatengruppen bewacht wurden, damit sie auch dort blieben. Auf den Dächern waren Bewaffnete postiert, und an Knotenpunkten waren schwere Waffen in Stellung gebracht worden. Über ihnen flog eine Hubschrauberstaffel, die ihnen wie ein Schwarm Krähen folgte.
Er bemerkte, daß die Männer hinter ihm wachsam wurden. Sie marschierten nicht zum erstenmal in eine feindliche Stadt ein.
Er ließ die erste Kolonne an dem vertrauten Platz vor der Stuyvesant-Stadt anhalten. Mit einem Teil seines Bewußtseins nahm er wahr, daß die kahlen und groben Umrisse, die er zurückgelassen hatte, überbaut waren, so daß man nicht mehr erkennen konnte, daß hier einmal mehrere einzelne Gebäude gestanden hatten.
Der Rest der Armee marschierte auf dem Platz auf und verharrte in strammer Haltung. Die Befehle der Unteroffiziere durchbrachen scharf und zugleich einsam die Stille.
Und noch immer sahen die Menschen aus den Fenstern.
Worauf warteten sie? Was erwarteten sie von ihm? Daß er plötzlich die Gebäude unter Feuer nehmen würde? Dachten sie, er würde diese Stadt erobern, so wie er die anderen niedergerungen hatte? Meinten sie etwa, er habe all dies getan, all diese Schlachten geschlagen, all diese prächtigen Menschen getötet, weil er etwas anderes wollte als ihr Wohl?
Er drehte sich zu seiner Armee um. Er sah, wie blasse Gesichter ihn ansahen, wie die Männer verstohlene Blicke zu dem Gebäude warfen, wie sich Finger um Gewehre schlossen, die Körper zum Herumwirbeln und Niederkauern angespannt, bereit zu schießen. Die meisten dieser Männer kamen nicht aus New York. Und alle gehorchten sie ihm. Er brauchte nur einen Befehl zu geben.
Er spürte, wie ein sanfter Windhauch vom Fluß hochkam, die Straße herabwehte und sein Gesicht berührte.
„Wegtreten!“ befahl er.
Obwohl die A-Kompanie mit Philadelphia und Camden einen routinemäßigen Funkkontakt aufrechterhielt, erfuhr sie nichts. Hortons Verbindungsoffizier und seine Funker gaben ihre Meldungen schweigend weiter, und von Horton selbst erfuhren sie nichts. Ebensowenig von Berendtsen. Der Nebel, der über Delaware hing, schien plötzlich weitaus dichter geworden zu sein. Er schnitt sie von ihrem Oberbefehlshaber, dem Rest der Republik, dem Rest der Welt ab. Sie erfuhren nichts, hörten nichts, wußten nichts. Die Kompanie marschierte ins Nichts, und Jim und Holland fanden es schwierig, einander in die Augen zu sehen.
Und dennoch hatte es nichts gegeben, was sie wirklich hätte beunruhigen können. Das Land auf der anderen Seite der Brücke lag kahl und verlassen da, und sie sahen nichts. In Philadelphia wurde der Zwischenfall auf der Brücke mit keinem Wort erwähnt, und noch nicht einmal nach dem Unteroffizier auf der Befehlsstelle erkundigte man sich. Es war, als sei nichts geschehen.
Aber es war etwas geschehen.
Sie schwenkten in einem großen Bogen in den mittleren Teil der Halbinsel ein. Eine leichte Nachhut, die durch die hin und her fahrenden Panzer abgesichert wurde, deckte ihnen den Rücken.
Aber die ansteckende Krankheit Unruhe hatte sich unter den Männern verbreitet. Garvin fuhr zusammen mit Carmody, als sie ihre Position für das übliche zangenartige Umklammerungsmanöver einnahmen, das für die erste größere Stadt vollzogen wurde, die sie antrafen. Er klatschte irritiert mit der Hand auf die Kuppel.
„Verdammt noch mal, Bill, schauen Sie sich die Schützen doch mal an! Sie sind überall im Gelände, aus hundert Seiten angreifbar, und sie behalten die Köpfe nicht unten und nichts! Sie benehmen sich, als seien sie auf einer Wanderung.
Ein Vakuum. Wir schleichen hier herum in einem beschissenen geistigen Vakuum, und das macht aus einem Haufen von Berufssoldaten einfach Milchmädchen!“
„Nur Ruhe, Jim“, sagte Carmody, dessen Stimme selbst rauh war. „Wenn wir nicht aufpassen, dann trifft dies bald auch für Offiziere zu!“
„Da können Sie Gift drauf nehmen! Ich wünsche fast, es würde etwas passieren, damit wir wieder zu uns kommen.“
Ein Stück Wellblech, das wie ein Tischtuch ausgeschüttelt wird, hätte das gleiche plötzliche Geräusch verursacht.
Er sah noch aus den Augenwinkeln, wie Soldaten plötzlich umfielen, als das harsche Geräusch von kontrolliertem schwerem Maschinengewehrfeuer über sie hereinbrach.
„Mein lieber Freund!“ sagte Carmody. „Dieses Mal haben Sie aber etwas heraufbeschworen!“ Dann knallte die Bazooka-Rakete in den Panzer und explodierte.
Garvin kletterte irgendwie an der Seite des brennenden Panzers hinunter. Seine Beine zog er nach. Er stolperte und kroch in den Straßengraben, lag da und schluchzte Flüche, während der Schmerz ihn auffraß.
Sie benötigten drei Tage, um mit der Stadt fertig zu werden. Sie rückten systematisch von Haus zu hartnäckigem Haus vor, nachdem sie einen ganzen Zug an die MG-Stellungen verloren hatten. Sie fanden sich im Kampf mit Frauen und Kindern ebenso wie mit den Männern, und als es vorüber war, formierten sie sich zu einer Notkompanie, die aus drei unterbesetzten Zügen und acht Panzern bestand.
Jack Holland besuchte Jim, bevor sie für die Weiterführung der Operation abrückten. Er kam in die baufällige Scheune, die in der ganzen Stadt praktisch das einzige unverteidigte Gebäude gewesen war. Er mußte sich seinen Weg zwischen anderen Verwundeten suchen.
„Wie geht’s Jim?“ war seine erste Frage.
Garvin zuckte die Achseln. „Ich wünsche, ich würde so schnell damit fertig, wie es passiert ist.“ Er verzog das Gesicht. „Scheiß drauf. Einmal mußte es mir ja passieren, nach all den Jahren. Wirklich schlimm ist es ja nicht.“ Er sah schnell auf. „Irgend etwas von Ted gehört?“
Holland schüttelte den Kopf. Die Falten auf seiner Stirn zogen sich zu einem dichten Netz zusammen. „Nein. Von ihm nicht und auch sonst von niemandem. Ich habe über das Nest hier einen Bericht abgeschickt, mit einem speziellen Seitenhieb für Horton, indem ich schilderte, wie elend schlecht er hier die Lage ausgekundschaftet hat. Ich wollte ihn aus der Reserve locken.“ Er kauerte sich neben Garvins Liege und senkte seine Stimme. „Ist mir aber nicht gelungen, und ich kenne auch den Grund dafür. Das ist hier unten kein Niemandsland mehr, Jim. Hortons Leute waren hier schon überall. Nur gekämpft haben sie nicht. Die haben seit drei Jahren den Bauern hier erzählt, was Ted für ein Schwein sei. Die haben denen einen Mist erzählt, daß dir die Haare zu Berge stehen würden. Was glaubst du denn, warum die Leute hier so gut auf uns vorbereitet waren? Warum haben die wohl derartig gekämpft? Und was glaubst du wohl, wo die ihre Waffen herhaben?“
Jim pfiff leise durch seine zusammengebissenen Zähne. „Verdammt noch mal, was ist eigentlich los hier?“
Holland schüttelte trübe seinen Kopf. „Genau weiß ich es noch nicht. Hör mal zu. Ich habe bei den Überlebenden nach Freiwilligen für Lazarettdienst gefragt. Da kommen jetzt bald so acht oder zehn Mädchen hier hoch. Vielleicht sind sie dankbar, daß wir manche von den malerischen Versprechungen nicht erfüllt haben, die sie über uns gehört haben. Vielleicht auch nicht. Ich bin mir verdammt sicher, daß es hier in der Gegend so etwas wie einen Gerüchtekanal gibt, der direkt zu Horton führt, und wenn sie schlau sind, dann benutzen sie ihn. Na ja, vielleicht funktioniert er in beiden Richtungen. Egal, versuch auf jeden Fall, soviel herauszukriegen wie du kannst.“
Jim nickte. „Wird gemacht.“ Er sah zu Holland auf, der sich wieder aufgerichtet hatte. „In welchen Schlamassel sind wir da hineingeraten, Jack? Wie ist das alles passiert? Warum hat Horton geglaubt, er käme hiermit durch?“
Natürlich kam keine Antwort. Noch nicht. Vielleicht nie, und wenn sie möglicherweise etwas herausbekamen, könnte es zu spät sein.
Hollands Blick sagte das gleiche. Er gestikulierte unbeholfen. „Also, ich mache mich jetzt auf den Weg.“
„Viel Glück. Wir sehen uns dann in etwa zwei Wochen, oder?“ Holland zuckte mit dem Mund. „Ich hoffe es.“
„Also, bis dann“, sagte Jim und sah Holland zu, der zwischen den Reihen von Verwundeten hinausging und sich von jedem verabschiedete.
Die Schwester war ein Mädchen von ungefähr achtzehn Jahren, eine blasse, dunkelhaarige Gestalt im Dämmerlicht des Schuppens. Sie hieß Edith und sprach so leise, daß man sich manchmal anstrengen mußte, um zu verstehen, was sie sagte.
„Weh getan?“ fragte sie, als sie seine Decken aufschüttelte.
„Es geht. Aber machen Sie sich darüber keine Gedanken, Goldstück, damit werde ich schon fertig.“
Er lag auf dem Rücken und sah zu ihr auf, als sie ihm ein Glas mit Wasser füllte. In den letzten fünf Tagen war sie regelmäßig gekommen, um ihn zu pflegen. Die restlichen Männer hatte sie den anderen Mädchen überlassen, die mit ihr gekommen waren, und sich allein auf ihn konzentriert.
Er hatte sie daraufhin angesprochen. „Sollten Sie sich nicht etwas weniger um mich kümmern? Mir geht es doch gar nicht so schlecht.“
„Aber Sie sind doch ein Offizier“, hatte sie zur Antwort gegeben.
Er hatte sich gefragt, wo sie diese Philosophie wohl aufgeschnappt hatte, und an Hortons Männer gedacht. Das waren interessante Gedanken.
„Seid ihr Mädchen deshalb hier oben? Weil es eure natürliche Pflicht ist, verwundete Soldaten zu pflegen?“
„Also … Also, nein, es ist nur eben … das macht man eben so, das ist alles.“
Sie schüttelte ihren Kopf und reichte ihm das Glas. Sie half ihm, die Schultern zu heben, um ihm das Trinken zu erleichtern.
Die Antwort gefiel ihm nicht. Sie erklärte gar nichts. Sie war vor Ungenauigkeit lahm. Nun sah er zu ihr auf und fragte sich, ob Holland mit dem Gerüchtekanal wohl recht gehabt hatte.
„Wohnen Sie immer hier, Edith?“
„O nein, ich bin von Pennsylvanien mit meinen Leuten hergekommen, wie wir alle. Vorher hat hier niemand gewohnt.“
Er verdaute das und fragte sich, wie weit Hortons Verrat gegangen war.
„Tut es Ihnen jetzt leid, daß Sie hergekommen sind?“
„Aber nein! Wenn wir dort geblieben wären, wo wir vorher waren, dann hätte uns Berendtsen erwischt.“
„Aber wir sind doch auch Berendtsens Leute, oder?“
„Ich weiß“, sagte sie. „Aber ihr seid kein bißchen wie er.“
Sie schien sich ihrer Sache so ernsthaft sicher zu sein, daß er fast gelacht hätte. Er konnte es gerade noch unterdrücken.
„Wußten Sie, daß er mit meiner Schwester verheiratet ist?“
„Mit Ihrer Schwester!“ Er schien sie zutiefst schockiert zu haben.
„Ist sie … ist sie eine gute Frau?“
Dieses Mal lachte er, und sie verbarg ihr Gesicht in ihren Händen.
„Mein Gott, das tut mir leid. Ich weiß wirklich nicht, warum ich das gesagt habe.“
Er hob seine Hand und streichelte über ihr Haar. „Ist schon gut. Außerdem – ja, sie ist eine gute Frau.“
Aber er fing jetzt an zu verstehen, was Holland mit Propaganda gemeint hatte. Jemand hatte diesen Leuten eine fast tödliche Dosis verabreicht.
Jemand klopfte an die Wohnungstür. Mary sah Ted an.
„Jetzt?“
Berendtsen nickte. „Es ist die beste Zeit. Die Armee ist aufgelöst, aber die Männer hatten noch keine Chance, wirklich mit dem Erzählen anzufangen. Es dauert noch Tage, bevor die Öffentlichkeit mehr als eine leise Ahnung hat, daß irgend etwas Seltsames vorgefallen ist.“
„Du hättest Eisner nicht wegschicken sollen“, erklärte Mary mit plötzlichem Ingrimm. „Du hast jedermann davon überzeugt, daß du schuldig bist. Die waren sich doch sicher, daß Eisner nicht die Konsequenzen dafür tragen wollte, was er unter deinem Kommando gemacht hat. Was werden sie dann erst von dem Mann denken, der die Befehle erteilt hat?“
Berendtsen zuckte die Achseln. „Macht das irgendeinen Unterschied, was sie denken? Macht das einen Unterschied, ob ich wirklich der blutige Schlächter bin, für den sie mich halten, oder nicht? Eisner und seine Leute sind frei und auf dem Weg nach Westen.“
Plötzlich lächelte er. „Ich habe nur befohlen, daß er abrückt. Nach Westen ist er aus eigenem Entschluß aufgebrochen.“
Mary sprang auf. „Und bist du jetzt zufrieden? Macht es dich glücklich, wenn du weißt, daß der große Plan ausgeführt wird, daß Berendtsens Traum der Vereinigung weitermarschiert, wenn auch nur in diesem kleinen Maßstab?“
Berendtsen seufzte, als das Klopfen an der Tür sich wiederholte. „Wessen Plan das ist, oder wie er heißt, das ist mir gleichgültig. Alles, was ich weiß, ist, daß ich Eisner einen Befehl gegeben habe, den ich unmöglich durchsetzen konnte. Er hat ihn trotzdem ausgeführt.“
Er stand auf, ging zur Tür und öffnete sie. „Wie geht’s, Bob?“ sagte er.
Robert Garvin sah ihn einen Augenblick lang wortlos an. Dann atmete er laut aus, als sei er erleichtert, daß ein schwieriger und komplizierter Plan nun endlich zur Durchführung käme.
„Du hast dich wegen Hochverrats zu verantworten“, sagte er unverblümt. „Morgen beginnt dein Prozeß.“
Es dauerte drei Wochen, nicht zwei, bis Jack Holland mit der A-Kompanie zurückkam. Jim, der mit grob geschienten Beinen vor der Scheune saß, zuckte zusammen, als er sie sah. Sie hatten jetzt vier Panzer, auf denen sich Verwundete festklammerten. Der letzte Panzer wurde von dem davor abgeschleppt. Er sah sich die marschierenden Soldaten an, zählte sie und glaubte, er habe sich verzählt, bis der Jacks Gesicht sah.
„Wir sind erledigt“, stieß Holland hervor und ließ sich neben ihm auf den Boden fallen. „Zur Zeit könnten wir nicht einmal mehr einen Angriff von Bogenschützen abwehren.“
„Worauf seid ihr gestoßen?“ fragte Jim, der nicht wußte, was er sonst sagen sollte.
„Auf alles. Bazookas, Mörser, Splittergranaten, Minen … Was du willst, alles haben wir angetroffen. Und rekrutieren können wir auch niemanden. Schlagen können wir sie, aber rekrutieren können wir sie nicht. Sie haben einfach kein Interesse. Am Anfang machen sie sich vor Angst in die Hosen, aber wenn sie dann merken, daß wir ihnen nicht bei lebendigem Leib die Haut abziehen, weil sie in die falsche Richtung geschnauft haben, werden manche von ihnen pampig. Aber meistens sitzen sie nur so da und glotzen uns an, als seien wir Eroberer oder so etwas. Wir haben ihnen jedesmal das gleiche Angebot gemacht, bevor wir einmarschiert sind. Wir haben Schilder aufgestellt, Radiosendungen ausgestrahlt, gebrüllt. Sie haben uns einfach nicht genug vertraut, um zuzuhören. Dann unterwerfen wir sie, und damit sind wir Eroberer. Die Eroberer von Süd-Jersey! Ich weiß nicht, Jim. Das ist das gruseligste Scheißgefühl, das ich je hatte. Es ist völlig anders als früher.“
Jim nickte. „Ich habe auch meinen Teil davon mitgekriegt. Sie sind alle so voll von diesem Buhmann-Berendtsen-Zeug, daß nichts zu ihnen durchdringt. Wir sind in Ordnung, verstehst du? Wenn wir auch die Soldaten des Ungeheuers sind. Aber Berendtsen selbst? Brrr!“
„Weißt du, was die für Gewehre benutzen?“
„M-16er.“
„Die Wälder sind voll davon.“
„Horton war nicht faul, wie mir scheint“, sagte Jim säuerlich. „Ich habe mir Gedanken gemacht über die Brücke. Wir sind dort verdammt leicht hinüber gekommen.“
„Stimmt“, meinte Holland. „Ein einziger mickriger Typ, der Straßensperre spielt. Wenn wir niemanden angetroffen hätten, hätten wir einen Bericht an Ted geschickt. Wenn wir zu viele gefunden hätten, dann hätten wir das ebenfalls berichtet. Die haben uns hier schon ganz schön hereingelegt.“
„Meinst du, daß Ted Philly nicht vertrauen sollte?“
„Ja, ist doch logisch. Er spaltet einen ordentlichen Teil von seiner Armee ab – aber er läßt die ganze Armee einmarschieren. Er scheint nicht angenommen zu haben, daß es wirklich haarig würde. Mit gutem Grund, denn wer auch immer hinter dieser Sache steckt, weiß, daß die VA von nichts auf der Welt aufgehalten werden kann. Wenn Ted den Braten gerochen hätte, wäre er umgekehrt und hätte Philly noch einmal auf die Nase gehauen. Und wenn man ihn wütend genug gemacht hätte, dann wäre er wie ein Büffel in New York eingefallen, statt so vorzugehen, wie er es getan hat.“
„Hört sich wie eine Sache an, die sich nur jemand mit einigem Verstand ausdenken könnte.“
„Eher ein ganzer Haufen. Ich glaube nicht, daß es irgend jemanden gibt, der besser als Ted denken kann“, sagte Holland.
„Ich möchte gern wissen, was Bob heute so macht“, sagte Jim halb zu sich selbst. Seine Augen wurden zu Schlitzen. „Wie auch immer, hier sitzen wir also und sterben ab.“
„Und die Bauern helfen kräftig nach, allerdings.“
Jim befeuchtete seine Lippen. Er fragte die nutzlose Frage. „Hast du versucht, Ted zu erreichen?“
„Klar.“ Holland seufzte. „Hab’ ich, und das seit zwei Wochen. Das einzige, was ich erreicht habe, ist eine Verbindung mit irgendeiner Rotznase in New York. ‚Übergeben Sie Ihre Nachricht bitte mir!’“ äffte er böse nach.
Jim schloß seine Augen und ließ seinen Kopf sinken. „Ted wußte schon, was er tat, als er uns zu einer unabhängigen Einheit machte.“
Selbst wenn wir in unserem Zustand nicht einmal eine ordentliche Fußballmannschaft zusammenbekommen würden, dachte er.
„Er wußte auch, warum er Eisner in New York dabeihaben wollte“, sagte Holland. „Mann, ich stelle mir gerade vor, wie seine fahrenden Straßensperren in New York aufgeräumt haben als sei das nichts!“
Sie hörten plötzlich auf zu sprechen und sahen sich an. Der Maßstab ihrer Gedanken war ihnen mit einemmal klargeworden. Es handelte sich hier um mehr als nur um Horton, der sein eigenes Spiel spielte. Hier arbeiteten New York und Philadelphia zusammen. Eine ganze Nation hatte gegen sie Stellung bezogen.
Und in dieser Nacht kam die erste Nachricht aus New York.
„An den befehlshabenden Offizier, A-Kompanie und angeschlossene gepanzerte Verbände, Vereinigungsarmee. Von dem Interims-Oberbefehlshaber ergehen folgende Befehle: Alle Einheiten der VA unter Ihrem Kommando sind unverzüglich aufzulösen. Jedes Truppenmitglied behält seine persönlichen Ausrüstungsgegenstände und seine Bewaffnung. Nachschub ist bis zur Ankunft des zivilen Gouverneurs des vorherigen Militärbezirks unter Verschluß zu halten. Im Bedarfsfall soll eine Truppe, bestehend aus Freiwilligen, zur Bildung einer Miliz für die Aufrechterhaltung der Ordnung sorgen. Diese Milizeinheiten sollen keinerlei VA-Insignien tragen. Halten Sie diese Frequenz für weitere Befehle offen. Übermitteln Sie selbst keine Nachrichten.“
gez. Hollis,
Interims-Oberbefehlshaber
Holland sah Garvin an, der in das Kommunikationszentrum gebracht worden war, das die Soldaten aufgestellt hatten. „Hast du schon mal von jemandem gehört, der Hollis heißt?“ fragte er.
Jim sah auf. „Wahrscheinlich gibt es heutzutage in New York eine Menge Leute, von denen wir noch nichts gehört haben.“ Er sah hilflos auf seine nutzlosen Beine herunter. „Ich möchte bloß wissen, was aus Ted geworden ist.“ Er war sich des klagenden Tonfalls in seiner Stimme bewußt. Sie wußten jedoch beide, daß es nicht mehr darauf ankam. Irgendwo in New York war die Initiative der Führung von anderen Männern mit anderen Zielen aufgenommen worden. Die VA war gestorben, das Ziel, das hinter ihr gestanden hatte, gab es nicht mehr. Ted Berendtsen hatte eine Verabredung mit der Geschichte eingehalten, und seine Zeit war vorbei, selbst wenn er noch lebte. Und wenn die Kraft, die er und sein Werk gewesen waren, nicht mehr existierte, war der Arm, den er in dieses letzte Gebiet ausgestreckt hatte, ebenso machtlos wie alles andere.
Sie waren am Ende. Abgeschnitten und fertig.
„Was machen wir jetzt?“ fragte Jim.
„Was können wir schon machen?“ gab Holland zur Antwort. „Wir machen genau das gleiche, was Boston und Tampa auch gemacht haben. Wir sind geschlagen. Wir haben nichts mehr zu sagen. Es ist noch immer eine Nation – eine Organisation. Wir führen sie nicht mehr, aber zu arbeiten haben wir immer noch darin, um sie am Leben zu erhalten, weil es eine Organisation ist.“
Er grinste schief. „Ted hatte recht – wieder einmal.“
Aber die Botschaften hörten noch nicht auf. Sie hörten einer Durchsage aus New York zu und gaben sie befehlsmäßig über Lautsprecher an die allgemeine Bevölkerung weiter.
„Hier spricht Robert Garvin, Präsident der verfassungsgebenden Versammlung für die Zweite Freie Amerikanische Republik. Wir sind wieder frei. Die Macht der Vereinigungsarmee ist gebrochen, und diese Nation, die sich aus der Asche von Auflösung und Hoffnungslosigkeit erhoben hat, kann wieder wachsen, groß und reich der Sonne entgegenblühen. Von Maine bis Florida sind wir ein Volk, eine Union, untrennbar und ohne Joch. Wir sind eine Nation freier bewaffneter Menschen, gleich untereinander, Brüder zueinander, fest in dem Entschluß, daß nie wieder ein Mann seinen verdrehten Willen anderen aufzwingen wird.
Das Recht, Waffen zu tragen, ist jedem von uns angeboren. Das Recht, andere zu unterwerfen, ist es nicht. Kein Mensch darf zu einem anderen sagen: ‚Du wirst dies oder jenes tun, weil ich es bestimme, weil ich eine Armee zusammengestellt habe, um dein Heim zu plündern und dir den Lebensunterhalt zu rauben.’ Bald werden Zivilgouverneure zu euch gesandt werden. Sie werden eine Organisation aufrichten, mit deren Hilfe freie Wahlen abgehalten werden können. Man wird euch darum bitten, lokale Beamte zu wählen, die unter der allgemeinen Aufsicht des Gouverneurs euer Gebiet verwalten werden. Einwohner der Zweiten Freien Amerikanischen Republik, wir bringen euch die Freiheit.“
Holland spuckte aus. „Wir bringen euch Zivilgouverneure statt eine Armee“, sagte er bitter. „Bitte entschuldigt die Tatsache, daß diese Beamten von uns eingesetzt worden sind. Haben wir es denn nicht im Namen der Freiheit getan? Verdammt noch mal, wer hat ihnen denn ihre großartige Union zuerst gegeben!“
Jim lächelte traurig. „Wahrscheinlich wußte Ted schon immer, daß die Leute, wenn sie eine neue Regierung wählen würden, dies keine Regierung sein würde, die Berendtsen billigt.“
„Trotzdem – hast du etwas gemerkt?“ meinte Holland. „Ted wird nicht erwähnt. Es gibt nur ein paar beiläufige Bezüge. Die sind sich ihrer Sache noch nicht sicher – sie sind sich noch gar nicht sicher, ob man so ohne weiteres herkommen und auf ihn schimpfen kann. Sie sind nervös.“
„Ich möchte zu gern wissen, was in New York vor sich geht“, sagte Jim Garvin. Was er von Bob dachte, behielt er für sich.
3
Robert Garvin saß locker auf seinem Stuhl und sah auf den Mann herab, der unter dem Pult stand. Zu seiner Rechten und Linken saßen die anderen Richter.
Garvin lächelte dünn und ein wenig bedauernd. Er fühlte das Gewicht dessen, was er getan hatte. Er hatte es aber trotzdem getan, denn dadurch hatte er seiner wichtigeren Pflicht für die Freiheit Genüge getan, für Freiheit vor Unterdrückung, für die Befreiung von Männern wie Berendtsen.
Er lehnte sich nach vorn. „Theodor Berendtsen, Sie sind für schuldig befunden worden des Verbrechens des Hochverrats gegen die Menschenrechte der Bürger der Zweiten Freien Amerikanischen Republik. Haben Sie noch etwas zu sagen, bevor das Urteil gegen Sie verkündet wird?“
Es war gleichgültig, was er jetzt sagte. Welche Worte Berendtsen auch finden mochte, sie trugen kein Gewicht mehr. Er hatte keine Armee. Er hatte keine Waffen.
Garvin berührte den Karabiner, der gegen seinen Stuhl gelehnt war. Waffen waren das Zeichen der Freiheit eines Menschen, und alle freien Menschen trugen sie nun. Sicher sahen manche von ihnen grotesk und lächerlich aus, aber das Symbol war trotzdem da. Rühr mich nicht an!
Berendtsen schien zu zögern, als sei er sich nicht sicher, ob er sprechen solle oder nicht.
Berendtsen trug keine Waffen.
Er begann zu sprechen: „Ich bin nicht hergekommen, um mich zu verteidigen“, sagte er. „Ich kann mich nämlich nicht verteidigen. Ich habe gebrannt, getötet und geplündert, und meine Leute haben manchmal noch Schlimmeres getan … .“
Robert Garvin hörte die Worte kaum. Er saß geduldig da, hörte nicht zu, beobachtete aber trotzdem den Mann. Berendtsen stand mit erhobenem Kopf da, und seine Arme hingen locker an seiner Seite herab. Von Garvins Blickwinkel aus war es unmöglich zu erkennen, wohin er schaute.
Garvin bemerkte, daß eine kurze Woge von Aufregung durch den kleinen Zuschauerraum ging und sogar den Richtertisch erreichte. Innerlich zuckte er die Achseln. Ohne Zweifel konnte sein Schwager den einen oder anderen emotionellen Punkt für sich verbuchen.
Aber man konnte den ganzen Tag lang emotionelle Punkte sammeln und trotzdem die Tatsachen nicht ändern. Garvin hatte seine Macht und den Weg dorthin auf emotionellen Faktoren aufgebaut – was aber zählte, das war die kühle, logische Idee, die dahinterstand. Man konnte eine Masse mit Worten in Bewegung setzen, sie dazu bringen, Dinge zu tun. Aber das hier war keine Masse. Das hier waren Berendtsens Richter, der Urteilsspruch war schon gefällt, die Strafe schon beschlossene Sache.
„Robert Garvin!“
Garvins Kopf fuhr nach oben, und seine Augen richteten sich wieder auf Berendtsen.
„Du hast den Menschen persönlich Waffen gegeben“, sagte Berendtsen. „Du hast ihnen verkündet, daß sie von diesem Tag an Waffen tragen dürften; daß sie ebenbürtig seien, gleich mit allen anderen. Daß in Zukunft kein Mensch dem anderen zu sagen habe, was ihm gehöre und was nicht, daß jeder unverletzlich sei und keiner Herr über den anderen.“
Garvin nickte automatisch. Erst später wurde ihm klar, daß dazu keine Notwendigkeit bestand.
„Also gut, Bob“, sagte Berendtsen leise, als unterhielten sie sich wieder am Eßtisch, „wer hat dir denn das Recht gegeben, dieses Recht zu verleihen?“
In Garvins Augen blitzte etwas.
„Wir haben einst Waffen getragen. Jeder einzelne von uns. Wir waren dazu gezwungen. Schritt für Schritt erreichten wir es, daß wir es nicht mehr mußten. Allen Theorien zum Trotz trugen manche von uns ihre Waffen mit Unbehagen und waren froh, als es auf den Straßen keine Heckenschützen mehr gab und sie diese Waffen niederlegen konnten. Manche von uns waren froh, sich friedlichen Beschäftigungen zuwenden zu können – wie zum Beispiel der Politik.“
Trotz der Zeit und des Ortes kam ein kurzes Gelächter auf, das Garvin auf die Nerven ging, bis es wieder erstarb.
Berendtsen lächelte dünn zu Garvin hoch. „Du bist heute an deinem Platz, weil du keine Waffen getragen hast – weil es eine Organisation von freien Männern gab, die bereit waren, die Waffen wieder aufzunehmen, falls dies nötig sein sollte, aber zur gleichen Zeit froh, daß sie sie niedergelegt hatten. Sie alle arbeiteten in einer Zivilisation zusammen, die die Zeit dazu hatte, Individuen wie dich zu unterstützen. Wer Waffen trägt, ist sein eigener Verwalter. Wer das nicht tut, benötigt andere, die es für ihn erledigen.
Hier stehst du also, ein Verwalter, den eine Organisation gewählt hat, und du hast den Leuten ihre Waffen zurückgegeben. Du hast sie ihnen praktisch aufgezwungen, sie an den Straßenecken ausgegeben. Aber – ich frage es noch einmal – wer hat dir das Recht dazu verliehen?“
Berendtsen lächelte sarkastisch. „Es sieht so aus, als hätte ich es getan. Ich habe die Organisation aufgebaut, die dich unterstützt. Ich habe sie aufgebaut, ohne zu wissen, welche Gesellschaft sich aus ihr entwickeln würde. Ich habe niemals auch nur einen Augenblick lang angenommen, daß ein einzelner Mensch so klug, so vorausschauend sei, daß er anderen sein Konzept einer idealen Gesellschaft aufzwingen könne. Ich habe einfach nur eine Gemeinschaft aufgebaut und ihre Struktur dem Willen des Volkes überlassen.“
Er sah Garvin fest in die Augen. „Du hast den Menschen Gewehre gegeben und geglaubt, du gäbest ihnen Waffen. Aber die Menschen verfügen über tödlichere Waffen, als irgendein Waffenschmied sie entwerfen könnte.
Die Menschen wollen sicher sein und in Bequemlichkeit leben. Wenn diese Sicherheit und Bequemlichkeit durch Gewehre erzielt werden kann, dann werden sie diese Gewehre aufnehmen – aus eigenem Antrieb, nach ihrem Bedarf. Und wenn Sicherheit und Bequemlichkeit in Büchereien zu finden sind, dann verrosten die Gewehre.“
Die ruhigen, besorgten und doch sicheren Augen sahen tief in das Innerste Garvins hinein.
„Du glaubst, daß Männer wie du das Volk regieren. Zweifellos billigst du diese Qualität auch mir zu. Du irrst dich. Wir existieren – und wir finden unseren Weg in jene schlechten Geschichtsbücher, die vom falschen Standpunkt aus geschrieben sind –, weil das Volk, wie lange oder wie kurz auch immer, eine Zeitlang glaubt, bei uns sei Ruhe und Bequemlichkeit zu finden.“
Er lachte kurz auf und kam zum Ende. „Das Volk täuscht sich oft. Aber es berichtigt seine Irrtümer.“
Garvin fühlte jedes Auge in dem Raum auf seiner Person haften. Er war wahrscheinlich etwas blaß geworden. Aber das war bei der Belastung, der er durch das, was er zu tun hatte, ausgesetzt war, wohl nur natürlich.
„Theodor Berendtsen, du bist des Hochverrats überführt. Die Bürger dieser Republik sind sich deiner Verbrechen bewußt. Wir verurteilen dich dazu, einer Beschäftigung deiner Wahl nachzugehen, ohne eine Waffe zu tragen.“
Berendtsen neigte seinen Kopf. Garvin bemerkte zum erstenmal und zu seiner Verblüffung, daß er viel älter war, als er oberflächlich betrachtet aussah – daß sein Bauch ein wenig dicker geworden war und daß auf seinem Gesicht vollständige Erschöpfung geschrieben stand.
Dann sah Berendtsen zum letztenmal auf, und Robert Garvin erkannte den tiefer eingegrabenen Ausdruck auf seinem Gesicht, der immer da war, ganz gleich, welche oberflächliche Stimmung darüber hinweg huschte. Er verstand nun, was ihm ständig den Eindruck vermittelt hatte, Berendtsen sei noch immer der gleiche, irgendwie unangreifbare Mann, der auf der anderen Seite des Tisches so viele Mahlzeiten mit ihm eingenommen hatte.
Eine Reihe von Anweisungen erreichte die Kommunikationsstelle in New Jersey:
„An alle Einheiten, Interims-Militärführung, ZFAR:
Sie werden hiermit davon unterrichtet, daß die folgenden ehemaligen Offiziere der aufgelösten Vereinigungsarmee zu Volksfeinden erklärt worden sind:
Samuel Ryder – Randolph Willets – John Eisner.
Zur Ergreifung dieser Männer sollen alle Anstrengungen unternommen werden, gleiches gilt für die Ausschaltung der abtrünnigen Einheiten, die sie befehligen. Diese Männer sind geächtet. Sie repräsentieren in keiner Weise die ZFAR oder die verfassungsgebende Versammlung. Sie werden versuchen, diese Männer zu fangen und für den Transport zurück nach New York festzuhalten, wo sie vor ein Militärgericht gestellt werden. Jeder Bürger, Zivilist oder Milizionär, der versucht, diesen Männern Hilfe und Unterstützung zu gewähren, wird automatisch zum Volksfeind. Der obige Befehl trifft dann auch auf diese Leute zu. Jeder Bürger von zweifelsfrei zivilem Status, der über diese Männer aufrührerische Diskussionen führt, ist sofort festzunehmen und zur Aburteilung durch den Zivilgouverneur zu inhaftieren. Jeder Angehörige der Miliz, der so geartete Gespräche führt, ist sofort vor ein Standgericht zu stellen. Die Höchststrafe ist Tod durch Erschießen. Jeder Offizier der Miliz, der sich weigert, den obigen Befehl auszuführen, wird nach dem Ermessen des ranghöchsten loyalen Offiziers festgenommen, der dann den Befehl ausführt und das Kommando übernimmt.“
gez. Hollis,
Oberbefehlshaber, ZFAR
Jim sah Holland ungläubig an. „Was glaubst du, was passiert ist?“ Holland schüttelte mit ernstem Gesicht den Kopf. „Ich bin mir nicht sicher – aber ich glaube, ich weiß jetzt, warum Ted Eisner dabeihaben wollte. Ich bin mir ziemlich sicher, daß Johns letzter Befehl war, mit den Panzern nach Westen aufzubrechen.“
„Glaubst du, daß Ted dabei ist?“
Hollands Gesicht trug einen Augenblick lang einen seltsamen Ausdruck. „Nicht persönlich.“
„An alle Einheiten, Interims-Militärführung, ZFAR:
Sie werden hiermit davon unterrichtet, daß die abtrünnigen Militäreinheiten unter der Führung der ehemaligen VA-Offiziere Eisner, Willets und Ryder unter energischer Verfolgung durch Einheiten der Volksmiliz New York aus dem Gebiet der ZFAR geflohen sind. Die Rebellen mußten schwere Verluste hinnehmen. Unsere Einheiten kehrten ohne Verluste zurück.“
Holland und Garvin brachen in wildes Gelächter aus.
„Sie werden weiterhin davon unterrichtet, daß jedes Anzeichen von Berendtsenismus in der Bevölkerung oder den Militäreinheiten rigoros zu unterdrücken ist.“
gez. Hollis
Oberbefehlshaber, ZFAR
Der Ansager, der die Nachricht verlas, hatte eine nervöse Stimme.
Holland hob eine Augenbraue. „Berendtsenismus?“
Einen Augenblick lang leuchtete ein wildes Feuer in seinen und Jims Augen, das die dumpfe Verzweiflung hinwegwischte, die angefangen hatte, sich dort niederzulassen.
„Meinst du, Ted sei doch nicht so dumm gewesen, wie New York geglaubt hat?“ fragte Jim. „Es hört sich doch ein ganz, ganz kleines bißchen so an, als würde dort oben alles auseinanderfallen. Nimm doch mal an, daß es ihm klargeworden ist, daß er vielleicht jemanden braucht, der ausbricht, und deshalb Eisner mitgenommen hat. Und vielleicht hat er uns nach hier verlegt, damit wir uns verkriechen, bis New York sich selbst zugrunde gerichtet hat?“
Holland schüttelte verblüfft den Kopf. „Ich weiß nicht. Bei Ted wußte man nie so recht, woran man war, da konnte man nur staunen.“
Robert Garvin fuhr herum, als Bürgermeister Hammersby durch die Tür kam.
„Na?“ schnappte er.
Hammersby zuckte die Achseln. „Noch nichts.“
„ Was ist bloß los mit denen?“
Hammersby sah ihn von der Seite an. „Nur Ruhe, Garvin. Das kommt schon.“
Robert Garvin sah ihn durch einen Schleier von überwältigender Wut an. Es sah fast so aus, als würde selbst Hammersby eine Art Unverschämtheit aus der unmöglichen Situation ziehen.
„Wir können nicht mehr warten. Die Leute von der alten Armee haben uns mit ihrem Gerede schon in Verlegenheit gebracht. Wenn wir es noch lange hinauszögern, dann bricht hier eine Revolution aus.“
„Soll das nicht der Theorie nach auch so sein?“ fragte Hammersby trocken. „Bewaffnete freie Männer wählen sich ihre eigenen Führer. Was haben Sie denn dagegen?“
Die Worte brachen über Garvin wie eine kalte Brandung zusammen. Hammersby hatte natürlich recht. Das Volk hatte das volle Recht, selbst zu wählen, zu töten oder nicht zu töten.
„Berendtsen muß sterben!“ brüllte er plötzlich. „Schicken Sie doch einen von Hollis’ famosen Mob-Haufen los.“
„Das Volk wird herrschen, was? Mit ein wenig Hilfe dann und wann.“
„Verdammt noch mal, Hammersby!“
„Schon gut, schon gut. Ich habe genausoviel Angst um meinen Hals wie Sie.“ Der Bürgermeister drehte sich um und ging. Garvin starrte ihm wütend nach.
Er konnte natürlich niemanden in den Rücken schießen.
Die letzte Nachricht traf mit metallischem Klang in der Funkbude ein:
„Nach Ermessen an die Bevölkerung weiterzugeben:
Das Folgende sagte Theodor Berendtsen zu seinen Richtern. Es ist die einzige öffentliche Rede, die er je gehalten hat, und er hielt sie in der Umgebung von Männern, die einmal seine Freunde gewesen waren. Er hat niemanden angesehen, als er dies sagte. Seine Augen waren auf etwas gerichtet, das von uns in dem Zimmer niemand sehen konnte. Aber ich bin sicher, daß er es gesehen hat, so sicher wie ich bin, daß jemand, der dies in hundert Jahren liest, wissen wird, daß ein Mann, der zu unserer Zeit gelebt hat, groß genug war, über sein eigenes Leben hinaus zu planen.“
Die Stimme war völlig unbekannt und zitterte vor Gefühl. Es mochte sentimental oder echt sein. Ziemlich sicher war jedenfalls, daß der Mann, der dort sprach, im Griff machtvoller Gefühle war und später, wenn er wieder daran dachte, vielleicht verlegen lächeln würde. Aber irgendein unbekannter Richter Berendtsens hatte seine Pflicht besser erfüllt, als man es von ihm erwartet hatte. Jim lief es kalt den Rücken hinunter, während er zuhörte, und – nachdem er den Schalter umgeworfen hatte – die Außenlautsprecher ihr klagendes Echo hinzufügten.
Er stand auf und schwang sich sorgfältig zum Fenster. Er stützte sich schwer auf seine Krücken und sah in die Gesichter der Leute, die zuhörten. Und dann fing die Stimme auf dem Tonband an zu sprechen, und Garvin sah, wie die Menschen tief Luft holten.
„Ich bin nicht hergekommen, um mich zu verteidigen“, sagte Berendtsen. „Ich kann mich nämlich nicht verteidigen. Ich habe gebrannt, getötet und geplündert, und meine Leute haben manchmal noch Schlimmeres getan.
Ich habe getötet, weil manche Menschen lieber zerstören als aufbauen – weil ihnen persönliche Macht süßer schmeckt als die Freiheit für alle Menschen. Ich habe auch getötet, weil ich in eine Gesellschaft hineingeboren wurde, die die Menschen nicht akzeptieren wollten. Daher bin ich doppelt schuldig – aber ich konnte nichts anderes tun. Manche Probleme sind nicht einfach zu lösen. Wie die Übel unserer Gesellschaft auch aussehen mögen, so kann ich doch nur eines sagen: Es war und ist meine feste Überzeugung, daß es für uns unerträglich gewesen wäre, wenn diese Gesellschaft durch Einflüsse von außen geändert worden wäre. Letzten Endes habe ich, bei Licht betrachtet, nicht viele Entscheidungen getroffen. Ich bin kein übermenschlicher Held. Ich bin ein Mensch. Ich habe als Arm des Krieges gebrandschatzt – aber es war nicht ein Krieg gegen einzelne, sondern gegen das, was mir als die Finsternis vorkam. Ich habe geplündert, weil ich die Ausrüstung zum Töten und Brandschatzen benötigte.
Ich habe diese Dinge getan, um Einigkeit in das Gebilde zu bringen, das nur aus versprengten Stämmen und einzelnen Stadtstaaten bestand. Wir standen hart am Rand des Dschungels, dem wir gerade wieder entkommen waren, und ohne Hilfe von außen hätte es Jahrhunderte gedauert, bis die einzelnen Fürstentümer sich einen blutigen Frieden erkämpft hätten, der uns dann endlich die Zivilisation zurückgegeben hätte – aber zu einem Zeitpunkt, da es zu spät gewesen wäre, weil die Bücher zerfallen und die Maschinen verrostet gewesen wären.
Was eine Organisation von Menschen zusammenhält, ist uninteressant. Politische Ideologien ändern sich. Ziele ändern sich. Die Herrschaft eines Menschen geht zu Ende. Aber die Tatsache der Organisation bleibt bestehen, ganz gleich, welche Veränderungen innerhalb dieser Organisation vor sich gehen.
Ich habe mein letztes Verbrechen gegen das Heute begangen. Ich überlasse euch eine Organisation, aus der ihr machen könnt, was ihr wollt. Ich habe meine Hand auf das Heute gelegt, aber das Morgen habe ich nicht angerührt.“
Einen Augenblick lang herrschte noch rauschendes Schweigen, bis der Ansager aus New York ganz abschaltete. Den Namen, den er als Urheber der Nachricht schließlich noch genannt hatte, schmückte weder ein militärischer Rang noch ein Titel. Hollis, die ZFAR oder Robert Garvin erwähnte er nicht. Was auch immer sich in New York zusammengebraut hatte, es war vorbei, und das war es, nicht die leere, tödliche Stille, was das eigentliche Ende der Zeit von Theodor Berendtsen bedeutete.
„Was ist das eigentlich für ein Ding?“ fragte Jim und sah mit zusammengekniffenen Augen in die Sonne.
„Ein Hubschrauber, denke ich. Sieht auf jeden Fall so aus wie auf dem Bild“, antwortete Holland. „Siehst du das? Er hat einen blau-roten Streifen auf der Kabine.“
Garvin nickte. „Stimmt, hab’ ich gesehen.“ Er lehnte sich schwerer auf seine Krücken.
Um sie herum stand eine Menge von Dorfbewohnern, die gegen die Absperrung durch die Miliz drängte. Die Soldaten waren sich ihrer gegenwärtigen Autorität unsicher genug, um ihre Sperrkette unter dem Druck nachgeben zu lassen.
„Siehst du das?“ sagte Holland und deutete mit der Hand auf das, was ihm aufgefallen war.
Jim sah sich die häßlichen Pockennarben auf der Kabine an, die von Gewehrkugeln stammten, und nickte. Dann stürmte der Hubschrauber über sie hinweg, hustete und spuckte seinen Weg nach unten, bis die Landekufen den Boden berührten und der Motor erstarb. Die Kabinentür öffnete sich.
„Das ist also aus Bob geworden“, sagte Jim leise. Er lächelte schief und begann, sich zu der Maschine hinzuarbeiten. Holland ging im gleichen Tempo neben ihm her. Sie hatten sie fast erreicht, als Holland Jim plötzlich am Arm berührte.
Ein zweiter Mann war mit Bob ausgestiegen, und nun drehten sie sich um, um einem dritten Passagier herauszuhelfen. Jim stockte der Atem, als er seine Mutter erkannte. Dann aber hielt er an und richtete sich auf. Er war bereit, als seine Mutter ihn ansah und der Schock des Erkennens von Schmerz und Unsicherheit gefolgt wurde.
„Hallo, Mama“, sagte er. „Keine große Affäre – in vierzehn Tagen ist es wieder in Ordnung.“ Sie sah ihn unsicher an, und schließlich hängte sie sich bei Bob ein.
„Hallo, Jimmy“, sagte sie. Sie war viel älter geworden, als er sie in Erinnerung hatte. Nach dem langen Flug brauchte sie Bob zur Unterstützung. Jim lächelte und nickte wieder beruhigend.
„Hallo, Holland“, sagte Bob und leckte sich nervös die Lippen. „Das ist Merton Hollis“, fügte er hinzu und deutete auf den zweiten Mann, der unruhig zu der Menge hinübersah. Der arrogante Gesichtsausdruck verlor sich in schlaffer Unsicherheit.
Holland zog die Augenbrauen hoch.
„Können Sie … kannst du vielleicht hier einen Platz finden, wo wir bleiben können?“ fragte Bob.
Holland grinste schief. „Für immer, nehme ich an? Exil ist ein häßliches Wort, nicht?“
Garvin zuckte zusammen, sagte aber nichts.
„Hallo, Bob“, sagte Jim.
„Hallo, Jim“, antwortete sein Bruder, ohne ihn anzusehen.
„Ich denke, Platz haben wir jede Menge hier“, sagte Holland. Er lächelte gefährlich. „Nur eines möchte ich klarstellen – ich bleibe in der Gegend hier. Hier wohnen drei Schwestern mit einem großen Bauernhof, ganz ohne Mann. Eine von ihnen hab’ ich ganz gern. Wie ich schon sagte, nur diese eine: Zutritt verboten.“ Er tätschelte seinen Gewehrkolben.
„Was ist aus Mary geworden, Mama?“ fragte Jim.
Langsam begannen Tränen über Margaret Garvins Gesicht zu fließen. „Sie ist tot, Jimmy. Sie und Ted. Die … die Leute sind gekommen und … und sie …“ Sie sah Jim völlig verwirrt an. „Aber jetzt sagen die gleichen Leute, daß es ihnen leid tut. Jetzt sagen sie, daß sie die beiden lieben, und dauernd erzählen sie mir, daß es ihnen leid tut … Ich verstehe das alles nicht, Jimmy.“
Jim und Holland sahen Bobs Gesicht an und fanden Bestätigung darin. Jim lachte über seinen Gesichtsausdruck. Dann schwang er sich nach vorn und schaute in die Kabine des Hubschraubers. „Ist da noch Platz für einen Passagier zurück nach New York?“ fragte er den Piloten.
Der Mann zuckte die Achseln. „Ich habe nichts dagegen. Sie müssen allerdings ein paar Minuten warten.“ Er holte sich ein Klappmesser aus der Tasche und sprang auf den Boden, wo er begann, den blau-roten Streifen abzukratzen.
„Mensch, sei doch kein Idiot, Jim“, rief Garvin. „Die fragen einen heutzutage, was für eine Sorte Garvin man ist.“
Jim sah ihn müde an. „Wenn du es herauskriegst, dann laß es mich wissen, hörst du?“
Zufällig sah er zu der Menge hinüber und konnte Edith erkennen, die von den Dörflern nach vorn gedrängt wurde.
„Warum kratzt er den Streifen ab?“ fragte sie den Milizsoldaten vor sich aufgeregt. „Warum macht er das? Das ist doch die Flagge der Freiheit! Das kann er doch einfach nicht machen.“
„Ich habe einen kleinen Tip für dich, Bob“, sagte Jim und lächelte dünn. „Einen Freund hast du jedenfalls noch hier.“ Er fragte sich, was daraus wohl noch werden würde.
Als der Hubschrauber nach Norden schaukelte, fragte er sich, was aus einer ganzen Menge von Dingen werden würde. Er fragte sich, welches Vermächtnis Ted Berendtsen eigentlich der menschlichen Rasse überlassen hatte.
War er gerade zur rechten Zeit gestorben oder zu früh?
Und Jim wußte, daß kein Historiker, der die Zeit untersuchte, dies jemals würde sagen können, genausowenig wie er oder Jack es sagen konnten. Selbst jetzt, selbst ganz zum Schluß, mußte man dem Urteil Berendtsens vertrauen.