KAPITEL 15

Wahrheiten

Nach dem Bad und der Tasse heißen Tees, die Mom mir verordnet hatte, kroch ich ins Bett und fiel augenblicklich in einen tiefen Schlaf. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft auf Selkie schlief ich, ohne zu träumen.

Ich erwachte vom hellen, durch die rosafarbenen Vorhänge dringenden Tageslicht und einem köstlichen Duft, der unter der Tür hindurch in mein Zimmer waberte. Der Geruch war gleichermaßen exotisch und vertraut – Zimt und Lorbeer und Ingwer und irgendetwas, was ich nicht benennen konnte – und ließ meinen Magen knurren.

Mir tat noch immer alles weh, was sich unangenehm bemerkbar machte, als ich den Kopf drehte, um auf die Uhr zu sehen. Es war zwei Uhr nachmittags. Doch ich fühlte mich nicht länger schwach und zittrig, wenngleich mir die Ereignisse der vergangenen Nacht noch immer greifbar nah und real vorkamen. Noch immer konnte ich mich an die Panik erinnern, die mich kurz vor dem Untergehen überfallen hatte. Noch immer konnte ich Leos Umarmung spüren.

Während ich mich fragte, ob Leo wohl schon auf seiner Angeltour war, bewegte ich mich vorsichtig aus dem Bett. Ich zog meine Pyjamahose ein Stück hoch und stellte fest, dass die Kratzer an meinen Beinen dank Moms Behandlung mit Wundsalbe zu verheilen begannen. Dann humpelte ich die Treppe hinunter, wobei der köstliche Duft immer stärker wurde.

Mom stand in der Küche an der Arbeitsplatte und war von verschiedenen Zutaten umringt. In einer Schüssel lagen geputzte rote Kartoffeln neben frischen Maiskolben, daneben wartete ein mit rosafarbenen Garnelen beladenes Schneidebrett. Ein großer silbriger Topf mit Wasser köchelte auf dem Herd vor sich hin.

Als ich hereinkam, drehte sich Mom zu mir, und ich sah, dass ihre Augen von Tränen gerötet waren. Alarmiert erinnerte mich daran, wie sie mir die Nachricht von Isadoras Tod überbracht hatte. Doch dann entdeckte ich, dass sie gerade damit beschäftigt war, eine Zwiebel zu schneiden.

»Du bist wach«, sagte sie, legte ihr Messer beiseite und kam zu mir. Sie wischte sich ihre Hände an der Schürze ab und sah mich aufmerksam an. »Wie fühlst du dich?«

»Viel besser«, erwiderte ich. »Ich hab den Schlaf gebraucht.«

Verhalten lächelte ich Mom an; sie schien jetzt nicht sauer zu sein und war es auch gestern Nacht nicht gewesen, nachdem sie Mr. Illingworth verabschiedet hatte. Doch Leo hatte sie mit keiner Silbe erwähnt. Ich deutete auf den Kochtopf, da ich wusste, dass ich zu weinen anfangen würde, wenn ich mit meinen Gedanken länger bei Leo verweilte. »Was machst du denn da?«

»Low Country Boil«, erwiderte Mom und wandte sich wieder ihren Zutaten zu. »Ich dachte, du könntest ein bisschen von unserer herzhaften regionalen Küche vertragen. Ein alter Klassiker. Meine Mutter hat es schon gekocht, und davor meine Großmutter.«

»Es riecht köstlich«, sagte ich, trat zu meiner Mutter an die Arbeitsplatte und begutachtete die verschiedenen Zauberkunststücke, mit denen sie gleichzeitig beschäftigt war. »Was kommt denn rein?«

»Alles«, rief Mom lachend, und ich bemerkte, wie viel Freude ihr das Kochen bereitete. »Kartoffeln, Mais, Würstchen, Garnelen. Oh, und natürlich die Old-Bay-Gewürzmischung – das war’s bestimmt, was du gerochen hast. Die gibt dem Ganzen erst den richtigen Kick.« Mom sah mich von der Seite an und fragte beiläufig: »Möchtest du zusehen?«

»Eigentlich … könnte ich dir doch … helfen«, entgegnete ich, plötzlich neugierig geworden und wild darauf, mich mit einer handfesten, realen Aktivität zu beschäftigen.

Innerhalb weniger Minuten hatte ich gelernt, die Garnelen zu schälen und zu entdarmen, und war zu meiner Überraschung nicht völlig angeekelt. Mit meinen Händen zu arbeiten, war irgendwie befriedigend; der Arbeitsprozess hatte beinahe etwas Wissenschaftliches an sich. Mom und ich arbeiteten im perfekten Rhythmus, während sie mir das Messer herüberreichte und ich ihr in regelmäßigen Abständen einen Maiskolben gab – wie zwei Chirurgen, dachte ich.

Nachdem alle Zutaten vorbereitet waren und nun in den Topf gelegt werden konnten, beobachtete ich genauestens den Kochvorgang, wobei jedes Element aufgelöst wurde und auf die anderen Zutaten einwirkte. Die Kartoffeln wurden roter, die Garnelen blasser, der Mais nahm ein helles Sonnengelb an. Kochen, so wurde mir klar, war der Chemie nicht unähnlich. Beide Künste beschäftigten sich letztlich mit Verwandlung.

Als das Gericht fertig war und Mom und ich essen konnten, hatte ich beinahe schon die Feindseligkeit vergessen, die in den letzten Tagen zwischen uns geherrscht hatte. Das Kochen hatte uns wieder vereint, und wir lächelten uns an, als Mom sich eine Flasche Bier öffnete (die erste, die ich jemals bei ihr sah) und ich unsere Portionen auf Isadoras Porzellanschalen verteilte. Dann setzten wir uns einander gegenüber an den runden Küchentisch.

In freundschaftlichem Schweigen begannen wir zu essen; der dampfende Eintopf mit den verschiedenen Aromen und Bestandteilen schmeckte so himmlisch, wie er roch. Abgesehen von Grit fand ich langsam Gefallen an der Südstaatenküche. Als ich Mom ein Kompliment für das Gericht machte, grinste sie und sagte freundlich: »Ich hatte eine exzellente Küchenhilfe.«

»Hast du das immer gegessen, als du klein warst?«, fragte ich mit ein paar roten Kartoffeln im Mund. Der vom Essen aufsteigende Dampf erschien mir wie der Atem der Vergangenheit. In ihm konnte ich Nostalgie, Erinnerung und Geschichte erahnen – sowohl die meiner Mutter als die von Selkie Island.

Mom nickte, während sie an einem Maiskolben knabberte. »Die ganze Zeit. Isadora … Nun ja, ich bin nicht bekannt dafür, sie mit Lob zu überschütten, aber sie hat einen lausigen Low Country Boil gemacht.« Moms graue Augen nahmen einen abwesenden Ausdruck an, und ich stellte sie mir als junges Mädchen vor, wie sie hier mit Isadora am Tisch gesessen hatte und beide diesen Mansch aus Mais, Würstchen und Garnelen aßen. Mich überkam wieder derselbe Schauer wie am Tag zuvor, als ich die Briefe in Isadoras schwarzem Koffer gefunden hatte.

Ich räusperte mich und wischte meine Hände an der Serviette ab. Ich musste Mom einfach sagen, was ich in Isadoras Wandschrank gefunden hatte – wenn wir erstmal alles zusammenpackten, würde sie es so oder so entdecken.

»Mom?«, begann ich etwas nervös. »Wo wir gerade von Isadora sprechen …«

Mom seufzte und legte ihren angenagten Maiskolben beiseite. »Miranda, ich weiß, was du mich fragen möchtest.«

Mein Magen machte einen Satz. »Wirklich?« Wieder einmal musste ich an Wades Hellseher-Mom-Theorie denken.

Mom nickte und sah mich mit feierlicher Miene an. »Es wird auch höchste Zeit, dass ich dir erzähle, wieso deine Großmutter und ich uns entfremdet haben.«

Oh.

Vor Neugier brennend nickte ich.

Mom nahm einen Schluck Bier. »Es ist eine lange Geschichte«, warnte sie mich.

»Das ist in Ordnung«, erwiderte ich. Ich musste nirgendwohin, und Geschichten fingen an mir zu gefallen.

»Alles fing vor meinem achtzehnten Geburtstag an«, begann Mom. »Mein siebzehntes Lebensjahr war ziemlich turbulent. Mein Vater starb an einem Herzinfarkt, und Isadora hatte entschieden, dass wir nicht mehr nach Selkie Island zurückkehren sollten. Alle Energie verwandte sie darauf, meine Teilnahme am Debütantenball vorzubereiten. Und meine Hochzeit.«

»Du warst Debütantin?«, fragte ich Mom grinsend.

Mom verdrehte die Augen und ihre Wangen verfärbten sich leicht. »So weit bin ich nie gekommen, aber ja, so war der Plan. Wenn ein Mädchen in der Gesellschaft von Savannah – der guten Gesellschaft – siebzehn oder achtzehn wird, wird sie auf einem Ball oder einer Tanzveranstaltung in eben diese Gesellschaft eingeführt. Diese Tanzveranstaltungen sind sehr aufwendig, fast wie Hochzeiten. Vor langer Zeit hatte diese Tradition der Debütantinnen viel mit dem heiratsfähigen Alter eines Mädchens zu tun. Isadora hatte natürlich dafür gesorgt, dass ich doppeltes Pech hatte. Nach meinem achtzehnten Geburtstag im April sollten Theodore Illingworth und ich im folgenden Sommer heiraten. Ein Studium war für mich nicht vorgesehen, und Teddy und ich sollten in das Kutscherhaus auf dem Besitz der Illingworths in Savannah ziehen.«

»Wie bist du Mr. Illingworth überhaupt begegnet?«, fragte ich in dem Bedürfnis, die weißen Flecken auf der Landkarte auszumalen. Ich musste daran denken, wie er letzte Nacht in der Vorhalle gestanden hatte und wie anders er mir in diesem Augenblick vorgekommen war. »Wie lange wart ihr zusammen?«

Mom zuckte mit den Achseln und fummelte am Etikett ihrer Bierflasche herum. »Wir wuchsen in derselben Gegend in Savannah auf, in Ardsley Park, und verbrachten unsere Sommer hier auf Selkie. Wir waren beide die Jüngsten in der Familie. Was unsere Mütter betraf, so gingen sie ganz selbstverständlich davon aus, dass wir zusammenkommen würden.« Für einen Moment war Mom still und betrachtete ihre Bierflasche. Dann sah sie mich wieder an. »Aber ich habe ihn nicht geliebt«, sagte sie sanft.

Und jetzt?, wollte ich fragen. Ich behielt die Frage jedoch für mich, da ich wusste, dass Mom noch mehr zu sagen hatte.

»Versteh mich nicht falsch«, seufzte sie. »Für eine Weile war ich glücklich mit Teddy. Er war ein echter Gentleman und hat mich sehr gut behandelt. Doch er verstand mein Interesse an Naturwissenschaft und Medizin nicht. Ich glaube, er fand mich etwas merkwürdig.« Mom lächelte mich wissend an. »Und an meinem achtzehnten Geburtstag hatte ich genug. Ich konnte es nicht ausstehen, wie mein ganzes Leben schon für mich vorhergeplant war, bis ins kleinste Detail. Ich fand es schrecklich, wie vorhersehbar alles geworden war, wie alle meine Freundinnen mit meinen anderen Freunden ausgingen, wie die Mädchen jeden Sommer die gleichen Sandalen trugen und die gleichen Partys auf der Strandpromenade besuchten. Ich begann, mich über diese festen Strukturen meines Lebens und die ganzen Regeln, die immer befolgt werden mussten, zu ärgern.«

Die Art und Weise, wie Mom jetzt redete, erinnerte mich daran, wie ich Leo gestern meine Geschichte erzählt hatte – und wieder kam mir ein Springbrunnen oder ein Wasserfall in den Sinn. Endlich sprudelten die Erinnerungen und alten Wahrheiten aus meiner Mutter heraus.

»Ich hatte andere Interessen und Wünsche«, sagte Mom. »Als ich klein war, habe ich einmal zu Isadora gesagt, dass ich gern Ärztin werden wollte. Sie versetzte mir einen kleinen Stoß und sagte, ich könne ja einen heiraten. Das war Isadoras Ziel. Sie war sehr schlau, weißt du, hatte aber schon vor langer Zeit Frieden mit ihrer Stellung im Leben geschlossen. Und sie erkannte keinen Grund, wieso ich ihrem Beispiel nicht folgen sollte. Isadora hat sich immer an die Regeln gehalten.«

Nein, hat sie nicht, dachte ich, sprach es aber nicht aus.

»Ohne meiner Mutter davon zu erzählen, hatte ich mich fürs College beworben – und nicht irgendein College, sondern eins oben im Norden«, fuhr Mom fort.

»Yale«, ergänzte ich für sie, und sie nickte.

»Ypsilon steht für Yankee«, sagte sie lächelnd. »Isadora hatte wenig Respekt vor Yankees. Sie war eine von diesen Südstaatenfrauen, die den Bürgerkrieg als ›Northern Aggression‹ bezeichneten. Und nun sollte ihre jüngste Tochter in der Wildnis von Connecticut studieren – es gab wohl kein schlimmeres Schicksal.«

»Dann habe ich es ihr erzählt. Ich bekam die Zulassung für Yale einen Tag vor dem Debütantenball, lief zu meiner Mutter und sagte ihr, wie überdrüssig ich des Ganzen sei, der Engstirnigkeit, des Mangels an Möglichkeiten. Ich hatte meine Zulassung in der einen und mein Kleid für den Ball in der anderen Hand. Und ich reichte Isadora das Kleid. Ich sagte ihr, dass ich dafür keine Verwendung mehr hätte. Ich forderte sie auf, den Ball abblasen. Und die Hochzeit.«

»Was hat sie gesagt?« Ich versuchte, mir den Showdown vorzustellen.

»Sie war natürlich völlig entsetzt.« Mom sah zufrieden und bedauernd zugleich aus. »Wir hatten einen furchtbaren Streit. Sie sagte, ich würde bloß eine Trotzphase durchmachen und käme sicher bald wieder zur Besinnung. Tja, offenbar ist das nicht geschehen.«

»Habt ihr da aufgehört, miteinander zu sprechen?«, fragte ich.

»Das war der Anfang vom Ende.« Mom zeichnete einen Kreis auf ihre eiskalte Bierflasche. »Als ich nach Yale ging, deinen Vater traf und ihn schließlich heiratete, gab es erst den wirklichen Bruch.« Mom lächelte, ihr Gesichtsausdruck war plötzlich zärtlich. »Dein Vater«, fügte sie hinzu und sah mich an, »war anders als jeder Mann, dem ich zuvor begegnet war. Er war frech und laut und brach ständig die Regeln. Und natürlich ist das wahrscheinlich der Grund, der zu unserer Scheidung führte. Wenn ich zu diesem Zeitpunkt mit Isadora gesprochen hätte, dann hätte sie bestimmt nicht widerstehen können, mir ein ›Hab ich’s nicht gesagt?‹ zuzuglucksen.«

»Isadora hat Dad wohl nicht gebilligt, was?«, fragte ich lächelnd. Allein der Gedanke an meinen Vater – meinen lustigen, unverblümten Yankee-Vater, mit Sicherheit kein Meermann – erfüllte mich mit einem tröstlichen Gefühl von Normalität.

»Machst du Witze?«, fragte Mom lachend. »In meinem Abschlussjahr habe ich gewagt, ihn in den Winterferien mit nach Hause zu bringen. Die Streitereien, die ich seinetwegen mit Isadora hatte, sind legendär.«

Mom machte eine Pause und blickte mich an. Ob sie, so wie ich, an unsere zurückliegenden Streitereien dachte? Mir fiel wieder ein, wie sie am Abend zuvor, als sie mich wegen Leo ausschimpfen wollte, mitten im Satz verstummt war. Wie sie die Fotos auf dem Kaminsims angeschaut hatte. Hatte sie dabei an sich selbst und Isadora gedacht und sich erinnert, wie sie sich ganz ähnlich wegen eines unpassenden Jungen stritten?

Hatte Mom womöglich erkannt – die meisterschreckende aller Erkenntnisse –, dass sie sich in ihre eigene Mutter verwandelte?

»Ich glaube«, fuhr Mom fort und stützte ihr Kinn mit der Hand ab, »dass Isadora einfach nicht akzeptieren konnte, wie weit ich mich von ihr und allem, woran sie glaubte, entfernt hatte.« Sie schüttelte kichernd den Kopf. »Weißt du, Coral hat mir mal erzählt, dass Isadora sogar das Debütantinnenkleid für mich verwahrt hat, so als ob ich irgendwann meine Meinung ändern würde.«

Eine blitzartige Erkenntnis durchfuhr mich. »Wie hat dein Kleid ausgesehen?«

Mom zog die Augenbrauen hoch und war verständlicherweise überrascht von meiner Frage.

»CeeCees Einfluss«, witzelte ich trocken, in der Hoffnung, dass die Erklärung ausreichte.

»Es war ziemlich hübsch«, erwiderte Mom, wobei sich ihre Augen wieder leicht verschleierten. »Cremefarben mit diesen kleinen rosa Rosen, die sich an der Seite entlangzogen. Es hat mir eigentlich das Herz gebrochen, dieses Kleid abzulehnen, aber ich wusste, dass ich mich behaupten musste.« Sie zuckte mit den Schultern und merkte dabei nicht, wie ich sie mit großen Augen anglotzte.

Herz und Kopf rasten. Das Kleid in dem Koffer war Moms Debütantinnenkleid für den Ball! Isadora hatte es all diese Jahre behalten. Doch warum hatte sie es versteckt? Und warum teilte es sich das Versteck mit ihren Briefen von Henry Williams?

Mom sagte noch etwas anderes über Isadoras Reaktion, doch meine Gedanken waren schon bei den Briefen. Obwohl so viel passiert war, seit ich sie gestern gelesen hatte, war die Erinnerung an sie noch frisch. So wie ich es bereits bei Llewellyn Thorpes Buch gemacht hatte, fing ich nun an, ein paar Fragmente zusammenzusetzen – Fragmente, die ich zwar gesehen, aber nicht wirklich aufgenommen hatte.

Wie beispielsweise die Tatsache, dass Isadora diese Briefe ungefähr ein Jahr vor Moms Geburt geschrieben hatte.

Wie beispielsweise die Tatsache, dass – oh, mein Gott – Henry Williams, gemäß der Adresse auf den Umschlägen und gemäß Daryl Phelps Brief, Henry B. Williams war.

Henry Blue Williams.

Moms Name war Amelia Blue. Sie hatte gesagt, dass die Leute sie immer so genannt hatten, bis sie aufs College gegangen war. Bevor sie entschieden hatte, dass einfach nur Amelia viel bequemer war. So nannten sie die Leute auf Selkie Island jetzt.

Ich konnte kaum atmen. Hatte Isadora ihre jüngste Tochter Amelia Blue genannt, weil sie dem Mann, den sie liebte, dadurch ein Denkmal setzen wollte? Oder hatte sie ihr diesen Namen gegeben, weil Henry Blue Williams Moms …

»Miranda?«, fragte Mom, und mir wurde klar, dass sie zu sprechen aufgehört hatte – und dass ich den Stuhl zurückgeschoben und meine Arme um mich selbst geschlungen hatte. Ich konnte spüren, wie groß meine Augen geworden waren, und bemerkte die Gänsehaut auf meinen Armen. Mom blickte mich besorgt an und wiederholte meinen Namen.

»Mom«, platzte ich heraus. »Isadora hat dein Kleid behalten. Es liegt in einem Koffer oben im Wandschrank. Zusammen mit diesen … Briefen. Briefe, die Isadora einem Mann namens Henry Blue Williams geschrieben hat.«

Ich rechnete damit, dass meine Mutter mich fragen würde, wovon um Himmels willen ich gerade sprach. Stattdessen wurde ihr Gesicht ganz blass und sie runzelte die Stirn.

»Sie haben sich geschrieben?«, fragte sie leise.

»Du weißt von ihm?«, fragte ich zurück, während mir ein kalter Schauer den Rücken herunterlief.

Mom nickte langsam und presste die Finger an ihre Schläfen. Dann sah sie mich mit einem furchtsamen, einem zögernden Blick an.

»Mom, erzähl’s mir«, bettelte ich. Ich hatte das Gefühl, bereits zu wissen, was jetzt kam.

»Weißt du«, sagte Mom und überraschte mich damit, dass sie ihre Hand über den Tisch ausstreckte und auf meine legte, »eine Menge Wahrheiten kamen bei diesen Streitereien mit Isadora zutage. Einmal verlor ich die Geduld und warf ihr an den Kopf, dass ihr theatralisches Getue meinen Vater früh ins Grab gebracht habe. Und sie erwiderte …« Mom machte eine Pause und holte tief Luft. »… Sie erwiderte, dass mein richtiger Vater gar nicht Jeremiah Hawkins sei, sondern ein Mann namens Henry Blue Williams. Sie sagte nicht, wo er herstammte, und ich wollte die Einzelheiten auch gar nicht wissen. Ich wusste nicht mal, ob sie die Wahrheit sagte oder nicht. Isadora hat es immer geliebt, fantastische Geschichten zu erfinden.«

»Ich glaube, er muss von Selkie Island gewesen sein«, sagte ich. Mein Herz raste. »Ein Einheimischer.« Und sehr wahrscheinlich ein Meermann.

Was bedeutete, dass Mom …

Was bedeutete, dass ich …

Mein Kopf dröhnte. Die Küche nahm mit einem Mal die schemenhaften Züge einer anderen Welt an. War dies der Grund, warum sich Leo zu mir hingezogen fühlte? Warum ich das Meer liebte? Warum ich Schwimmhäute zwischen den Zehen gehabt hatte? Ich wusste, dass Mom keine Meerjungfrau war – oft genug hatte ich sie schwimmen gesehen –, aber vielleicht verloren sich die Eigenschaften ja im Laufe der Generationen. Oder vielleicht würden meine eigenen Kinder …

Ich konnte nicht mehr denken. Die Grundlage meines Lebens schien plötzlich verändert und infrage gestellt. Immerhin machen unsere Familien, unsere Ahnen auch unsere Identität aus. Biologie ist Schicksal.

›Ich bin nicht die, für die du mich hältst‹, hatte ich zu T. J. bei unserer letzten Begegnung gesagt. Vielleicht war ich auch nicht die, für die ich mich selbst hielt.

»Das … könnte durchaus stimmen«, sagte Mom leise und riss mich aus dem Treibsand meiner Gedanken. Ihre Augen waren tränenfeucht und ihre Unterlippe zitterte, aber ihr Anblick schreckte mich nun nicht. »Meine Güte. Die ganze Zeit hatte ich keine Ahnung – nicht die geringste –, warum Isadora mir den Alten Seemann vererbt hat. Klar, ich hab Selkie Island immer geliebt, aber Coral und Jim ebenfalls, und mit ihnen hat sie nie so gehadert wie mit mir. Aber …«

»Vielleicht hast du ja auf ganz andere Weise ein Anrecht auf dieses Haus«, bot ich als Argument an und fühlte mich ebenso zu Tränen gerührt. Und vielleicht war Isadora gar nicht solch ein Monster. Ich wagte nicht, diese Worte auszusprechen, wenngleich ich an Moms Gesichtsausdruck erkennen konnte, dass sie etwas Ähnliches zu denken schien.

»Weißt du was, mein Schatz?« Mom drückte meine Hand. »Du bist einfach viel schlauer, als es dir guttäte.« Sie stieß einen tiefen Seufzer aus und betupfte dann ihre Wange mit einer Serviette. »Irgendwann würde ich die Briefe gern mal sehen«, fügte sie sanft hinzu und sah mich an.

Ich nickte und freute mich plötzlich, diese Entdeckung mit meiner Mutter teilen zu können. Vielleicht standen in diesen Briefen sogar noch mehr Dinge, die mir etwas beibringen konnten. »Wir müssen sie doch eh bald zusammenpacken, oder?«

»Oh.« Mom lächelte mich an. Sie legte ihre Serviette beiseite und seufzte. »Das war die andere Sache, die ich dir erzählen wollte.«

»Was?«, fragte ich und verspürte einen neuen Anflug von Nervosität. Ich war mir nicht sicher, wie viele weitere Offenbarungen ich würde verarbeiten können.

»Ich habe nach langem Nachdenken entschieden, das Haus nicht zu verkaufen«, sagte Mom. »Wir behalten den Alten Seemann.«

»Wirklich?«, rückversicherte ich mich und schnappte nach Luft. Die Wahrheit war, dass ich solche Anzeichen bereits bemerkt hatte: Moms plötzlich nachlassendes Interesse am Zusammenpacken und Organisieren, ihre Unterhaltung mit Daryl Phelps. »Wieso hast du deine Meinung geändert?«, platzte ich heraus und sagte das Erste, was mir in den Kopf kam. »Ist es wegen Mr. Illingworth?«

Mom sah mich erstaunt an und wurde dann rot – so rot, dass ich nicht anders konnte als zu grinsen. »Zum Teil«, sagte sie und blickte auf ihre halb aufgegessene Mahlzeit. »Teils aber auch wegen Delilah und den anderen alten Freunden, zu denen ich wieder Kontakt aufgenommen habe. Es ist wirklich komisch, wie sich die Leute im Laufe des Lebens verändern, Miranda. Als ich so alt war wie du, war ich mir über viele Dinge so sicher. Ich hatte eine feste Meinung über solche Leute wie Teddy, Delilah und meine Mutter. Ich hab sie abgeschrieben. Doch jetzt … nach so vielen Jahren … tja, da haben einige Leute wohl eine zweite Chance verdient.«

Wie Linda, dachte ich und war von mir selbst überrascht.

»Wie Leo«, sagte Mom und verdoppelte mein Erstaunen.

Ich kniff die Augen zusammen und sah sie entgeistert an.

Mom lächelte, ihr Blick war flehentlich. »Ich weiß, dass ich etwas barsch zu ihm war. Ich muss mich nächstes Mal bei ihm entschuldigen.«

Nächstes Mal. Unglaube und Erleichterung überrollten mich wie eine Dampfwalze, so kraftvoll, dass ich nach Atem ringen musste. Es würde also ein nächstes Mal geben. Wenn Mom und ich das Haus behielten, bedeutete das, wir kämen nach Selkie zurück.

Ich würde Leo wiedersehen.

Mehr als alles andere brachte mich diese Erkenntnis dazu aufzuspringen, um den Tisch herumzulaufen und meine Mutter zu umarmen. »Ich freue mich«, rief ich. »Ich freue mich, dass wir das Haus behalten.« Selbst die Tatsache, dass Mom dann wieder Zeit mit Mr. Illingworth verbringen würde, machte mir nichts aus. Wirklich nicht.

Mom erwiderte meine Umarmung und drückte mich fest, fester, als sie es je getan hatte. Ich fragte mich, ob Mom wohl gerne die Zeit zurückgedreht und Isadora ebenso fest in die Arme genommen hätte. Ich war mir ziemlich sicher, dass sie einander, mit halb aufgegessenen Tellern von Low Country Boils im Hintergrund, nie umarmt hatten.

»Das Haus muss allerdings noch an einigen Stellen auf Vordermann gebracht werden«, sagte Mom und entließ mich mit einem Klaps auf den Arm. »Wenn wir hier die Sommer verbringen, dann brauchen wir einen Internetanschluss. Und das Arbeitszimmer muss neu gestrichen werden. Aber es wird bestimmt nett. Ein neuer Anfang.«

Ich nickte und lauschte dem Ozean, der gegen das Ufer rauschte und sich wieder zurückzog. Plötzlich dachte ich, wie sehr doch die Vergangenheit – nein, nicht nur Vergangenheit, sondern auch Geschichte und Familie den Gezeiten des Meeres ähnelten.

Es war zwar immer derselbe Ozean, doch die Wellen ließen ihn jedes Mal neu und unverbraucht aussehen.

***

Mom und ich verbrachten den Rest des Abends damit, die Sachen zusammenzupacken, die wir mit nach Selkie gebracht hatten. Allerdings gab es auch ein paar Ergänzungen. Als ich Mom Isadoras Koffer zeigte, traten ihr angesichts des Debütantinnenkleids und der Briefe wieder Tränen in die Augen. Sie entschied sich, alles einzupacken, und meinte, es wäre wohl am besten, wenn wir die Briefe zusammen und in aller Ruhe bei uns zu Hause in Riverdale durchgingen. Das Kleid, so sagte sie, könne sicher auch eine ordentliche Reinigung in der Stadt vertragen, genauso wie das, das ich letzte Nacht getragen hatte. Außerdem versicherte sie mir, dass ich gerne alle anderen Klamotten von Isadora probieren könne. »Ich wette, du siehst in dieser Art von Sachen sehr hübsch aus«, sagte sie und sah mich liebevoll an. Ich fühlte mich geschmeichelt.

Es gab ein weiteres Kleid, um das ich mich kümmern musste: Als der Abend hereinbrach, lief ich zu CeeCees Haus. Nach der intensiven Unterredung mit Mom konnte ich eine Dosis von CeeCees Leichtigkeit durchaus gebrauchen. Althea öffnete die Tür, sagte mir, dass CeeCee in ihrem Zimmer sei und dass die Coopers den ganzen Abend nicht zu Hause verbrachten. Jacqueline, so informierte mich Althea und winkte mich nach oben durch, sei mit einem jungen Mann ausgegangen – Macon, wie ich vermutete.

Ich klopfte an CeeCees Tür, doch da sie mich wegen der dröhnenden Musik anscheinend nicht gehört hatte, drehte ich vorsichtig den Türknauf herum und hoffte, keine Grenzen zu überschreiten.

»Bist du angezogen?«, fragte ich und tat so, als hielte ich mir die Hand vor Augen.

»Du meine Güte!«, kreischte CeeCee und wandte sich wirbelnd von ihrem Spiegel ab. »Miranda! Komm bloß nicht rein!«

Sie trug ein kurzes, gekräuseltes Nachthemd und sah eigentlich ganz normal aus – bis ich bemerkte, dass sie einen Streifen weißes Papier am Kinn kleben hatte. Ich sah zu ihrer Frisierkommode und begutachtete die dort liegende kleine Tube Heißwachs und den Zungenspatel.

»Ich … ich bekomme manchmal diese kleinen Haare am Kinn«, erklärte CeeCee unnötigerweise und ihr Gesicht lief rot an. »Ich wollte es eigentlich lasern lassen, aber … ich … hätte wohl die Tür abschließen sollen.« Ihre Hände zitterten, als sie den Papierstreifen ruckartig von ihrem Kinn abzog.

»Schon in Ordnung, CeeCee.« Ich biss mir auf die Lippe, um aufgrund ihrer dramatischen Reaktion nicht loszukichern. »Keine große Sache.«

»Miranda, du darfst es niemandem erzählen«, sagte CeeCee grimmig und knallte die Tür zu, während ich ihr Kleid und ihr Armband aufs Bett legte. »Das würde mich ruinieren.«

Ich drehte mich zu ihr. Sie hatte einen entzündeten roten Fleck am Kinn, und ihre Augen waren voller Scham. »Wovon redest du bloß?«, fragte ich und schüttelte den Kopf. »Du bist nicht das erste Mädchen, dass sich das Kinn wachsen muss. Ich schätze, es ist sehr verbreitet.«

»Es ist be-be-schämend«, stotterte CeeCee. »Das ist ein Problem, das ich … Ich hab’s von der väterlichen Seite meiner Familie bekommen … Sie sind alle so behaart.« Sie schauderte, ging dann zu ihrem Bett, räumte Kleider und Magazine beiseite, um sich danach auf die Matratze plumpsen zu lassen. Mit der Hand machte sie ein Zeichen, dass ich mich neben sie setzen sollte. »Ich wünschte wirklich, du hättest mich das nicht tun sehen«, sagte sie leise.

Ich war erstaunt, wie anders diese CeeCee im Vergleich zu der typisch aufgekratzten CeeCee wirkte, die ich kannte. Ich setzte mich neben sie und betrachtete ihr hübsches Gesicht. »Wieso?«, fragte ich. »Ich bin doch wirklich die Letzte, vor der du dich schämen musst.« Ich sah auf meine Füße hinunter, die in Chucks steckten.

»Oh, bitte.« CeeCee verdrehte ihre großen blauen Augen. »Du bist perfekt, Miranda. Du bist immer so … ich weiß nicht … so kontrolliert und alles. Das ist echt total einschüchternd.«

Ich wurde von ihren Worten aus heiterem Himmel getroffen. »Du machst Witze, oder?«, rief ich. »Das denke ich nämlich eigentlich immer über dich und deine Freunde«, fügte ich mit einem Schulterzucken hinzu. »Ihr Mädels müsst euch keine Gedanken darüber machen, wie ihr auf andere Leute wirkt.«

CeeCee grinste. »Virginia und Jackie? Jetzt mach mal ’nen Punkt. Gin hat einen totalen Minderwertigkeitskomplex. Was glaubst du wohl, wieso sie ständig so verzweifelt die Aufmerksamkeit von Jungs sucht? Jackie geht’s zwar jetzt besser, aber für eine Weile hatte sie eine ziemlich heftige Essstörung. Vor ein paar Jahren war sie ein richtiges Pummelchen, und sie hasst es, wenn irgendjemand davon spricht.«

Es kam mir vor, als spräche CeeCee in einer mir fremden Sprache. »Das ist doch total verrückt«, sagte ich und versuchte, alles zu verarbeiten.

»Das ist natürlich alles streng geheim«, erwiderte CeeCee und sah mich durchdringend an.

»Natürlich«, bestätigte ich und verschränkte die Hände im Schoß. CeeCee sah so verloren aus, dass mir nur eine Methode einfiel, um sie aufzumuntern. »Ich habe übrigens auch ein Geheimnis«, sagte ich und blickte auf meine Sneaker hinunter.

»Oh, was denn?«, flüsterte CeeCee und rutschte näher an mich heran. Ich konnte schon spüren, wie sie bessere Laune bekam. »Ich werd den Mädels nichts erzählen, ich schwör’s.«

»Kannst du dich an den Typen im Meereskundezentrum erinnern?«, fragte ich lächelnd und blickte CeeCee an. »Der die Führung gemacht hat?«

»Glaub schon«, sagte CeeCee und guckte leicht verwirrt. »War er süß?«

Ich nickte, spürte mein Lächeln größer werden und mein Herz pochen. »Wir, äh, also … wir hatten was.«

»Das ist nicht dein Ernst!«, heulte CeeCee und hopste auf dem Bett herum. »Wie? Wann? Oh mein Gott … ein einheimischer Junge? Miranda, das ist so was von ungezogen!« Fast bewundernd sah sie mich an.

»Nicht wirklich«, sagte ich lachend und wurde rot.

»Mach dir keine Sorgen«, versicherte mir CeeCee in verschwörerischem Flüsterton. »Dein Geheimnis ist bei mir sicher.«

Ich war mir nicht sicher, wie ernst dieses Versprechen gemeint war, doch eigentlich war es mir egal. Ich wollte nicht, dass Leo ein Geheimnis blieb.

Mit Ausnahme dessen, was ich unter Wasser gesehen hatte – oder glaubte, gesehen zu haben –, denn das, so wusste ich, würde nur zwischen Leo und mir bleiben.

Als ich gehen wollte, gab CeeCee mir meine Jeans und mein Hemd zurück und umarmte mich schnell. Natürlich hatte sie schon am Abend zuvor erfahren, dass Mom den Alten Seemann nicht verkaufen würde, und freute sich daher, dass wir bald wieder Zeit miteinander verbringen könnten.

»Ach, und übrigens«, fügte CeeCee hinzu, als ich aufbrach. Mit strahlendem Gesichtsausdruck streckte sie die Hand aus, um mein Haar zu berühren. »Dein neuer Look gefällt mir echt gut.«

Ich bedankte mich bei CeeCee und stellte fest, wie wohl ich mich dabei fühlte, das Haar offen zu tragen und ansonsten in meinem üblichen Outfit aus Retro-Jeans und Chucks herumzulaufen. Das war eine gute Kombi.

Als ich von CeeCee nach Hause lief, wanderten meine Gedanken wieder zu Leo. Ich wünschte mir, dass er nicht auf dem Boot seines Vaters unterwegs war und dass ich eine Möglichkeit gehabt hätte, ihm die gute Nachricht über meine absehbare Rückkehr nach Selkie mitzuteilen. Ich wusste zwar, dass ich das Research Center anrufen und dort eine Nachricht für ihn hinterlassen konnte, und war mir auch sicher, dass er eine E-Mail-Adresse oder ein Handy hatte. Doch wie immer, wenn sich Leo in seiner Welt befand und ich mich in meiner, schien die Kluft zwischen beiden Welten nur schwer überbrückbar.

***

Als Mom und ich am nächsten Morgen mit unseren Taschen voller alter Briefe und Kleider zur sonnenbeschienenen Anlegestelle kamen, blickte ich dennoch hoffnungsvoll erst in Richtung des Nebels über Fisherman’s Village und dann in das schimmernde Blau dahinter. Tief im Innern wusste ich, dass Leo auf diese halb magische Weise irgendwie erfahren haben musste, was passiert war, und vielleicht in letzter Minute mit dem Boot seines Vaters auftauchen würde, um mir zu sagen, wie glücklich er über die Neuigkeiten war. Doch ich sah ihn nicht.

Hinter uns, im Glaucus Way, lag der gut verschlossene Alte Seemann. Llewellyn Thorpes Buch stand noch im Regal des Arbeitszimmers. Alles war also in schönster Ordnung. Dennoch war ich nervös und unruhig, so als befände ich mich bereits auf dem Schiff.

Mom stellte sich in die Reihe der wartenden Passagiere – unter ihnen der blonde Junge und seine Eltern, die schon mit mir hierhergekommen waren –, während ich noch auf den hölzernen Planken verweilte. Ich schützte meine Augen vor der gleißenden Sonne, stellte mir Leo auf dem Boot seines Vaters vor und hoffte, einen Fischtrawler zu entdecken.

Doch da war nichts.

Vielleicht war Leo ja auch gar nicht auf Angeltour, dachte ich und erinnerte mich an unseren Augenblick unter Wasser. Vielleicht mussten die Meermänner von Selkie ja manchmal ein paar Tage ins Meer zurückkehren, um wieder zu Kräften zu kommen. Ich grinste und dachte, dass Llewellyn Thorpe so ein Detail bestimmt in seinem Buch festgehalten hätte.

Der Ozean schien heute so gewöhnlich, so ganz er selbst – das Auf und Ab, die sanft an die Anlegestelle schwappenden Wellen –, dass das Unvorstellbare nur schwer vorstellbar war. Ich blickte suchend in seine düsteren Tiefen und bemühte mich zu verstehen, was das Wasser alles bereithalten konnte.

Als ich wieder aufblickte, sah ich einen weißen Fleck am Horizont und mein Herz machte einen Freudensprung. Doch als der Fleck größer und größer wurde, begriff ich, dass es die Princess of the Deep war. Ich war furchtbar enttäuscht, und zum ersten Mal, seitdem wir uns vor seinem Haus gestritten hatten, zweifelte ich an Leo. Ich stieß einen Seufzer aus, der Mom dazu veranlasste, über den Rand ihrer Sonnenbrille zu mir herüberzuschauen.

Den altbekannten Hopser vollführend begann die hübsche Fähre das Anlegemanöver. Das Schiff schien in meinen Augen viel kleiner als noch vor ein paar Wochen. Bin ich etwa gewachsen?, wunderte ich mich.

Es war seltsam, dass unsere Zeit auf Selkie vorerst vorüber war und wir uns in ein paar Stunden wieder in der harten Realität von New York City befinden würden. Ich würde mein Praktikum anfangen und vielleicht – vielleicht – darüber nachdenken, Linda anzurufen. Doch was ich jetzt über Mom und sie über mich wusste, würde uns ebenfalls begleiten.

Als sich die wartenden Passagiere in Bewegung setzten, nahm Mom meine Hand und führte mich zur Gangway. Meine Kehle war vor lauter Gefühlen wie zugeschnürt. Ich blickte über meine Schulter, da ich immer noch hoffte, Leos goldenes Haar irgendwo zu entdecken.

»Komm schon, Miranda«, sagte Mom in ihrem geschäftsmäßigen Tonfall. »Nicht trödeln.« Je näher wir der Fähre, je näher wir dem Festland kamen, desto mehr schien Mom zu ihrem alten Selbst, der routinierten Chirurgin, zurückzukehren.

Ich kämpfte gegen die Tränen an, lief die Gangway hoch und hielt dabei den Blick fest auf meine Chucks gesenkt, als eine raue männliche Stimme sagte: »Da ist ja meine Zuckerschnecke wieder.«

Schon bevor ich meinen Kopf hob, wusste ich, dass es Matrosenmütze war. Er sah unverändert aus, trug dieselben Sachen wie beim letzten Mal. Selbst die Mütze saß im selben flotten Winkel auf seinem Kopf.

»Ich heiße Miranda«, erwiderte ich brüsk und blinzelte meine Tränen weg. Ich wollte nicht, dass er mich weinen sah. Es war sicherer, zu dem Umgang zurückzukehren, den wir schon auf der Hinfahrt gepflegt hatten.

»Sieht so aus, als ob du’s überlebt hast, Miranda«, sagte Matrosenmütze und grinste mich an, während er mein Ticket entzweiriss.

Einerseits war ich nicht in der Stimmung für Matrosenmützes Frotzeleien, andererseits wusste ich jetzt irgendwie alles zu schätzen, was er mir erzählt hatte.

»Stimmt«, erwiderte ich lässig, doch er blickte mich weiter belustigt an.

Vielleicht weiß er es, wurde mir in einer plötzlichen Eingebung klar. Sicher wusste er nicht genau, was mir während meines Aufenthalts widerfahren war, doch vielleicht hatte er Antworten in Bezug auf Leo. Bezüglich der Seeschlangen. Im Hinblick auf Henry Blue Williams.

»Miranda«, sagte Mom und stieß mich von hinten an. Es schien ihr sichtlich auf die Nerven zu gehen, dass ich dort stand und Small Talk mit diesem alten Mann hielt.

»Kein Grund, traurig zu sein«, sagte Matrosenmütze, als ich schließlich an ihm vorbei die Gangway hochlief. »Willst du die Wahrheit über Selkie Island wissen?«, rief er mir nach.

Ich drehte mich um, sah ihn an und nickte.

»Die Insel bleibt bei dir. Immer. Auch wenn du sie zurücklässt. Selkie lässt man nie ganz hinter sich. Wenn du einmal hier warst, kommst du zurück.«

Mom hatte ihn offenbar gehört, und anscheinend hatte er irgendeinen Eindruck bei ihr hinterlassen, denn sie räusperte sich ein paar Mal. Als er ihr Ticket durchgerissen hatte, schloss sie zu mir auf und flüsterte: »Wer ist dieser Kerl?«

»Weiß nicht genau«, erwiderte ich lächelnd. Plötzlich fühlte ich mich ganz leicht, so leicht wie ein Vogel, der übers Wasser gleitet.

Ohne großartig darüber zu diskutieren, hatten Mom und ich offenbar entschieden, dass wir uns auf dem Oberdeck aufhalten wollten. Wir liefen die gewundene Metalltreppe hoch und stellten uns an die Reling. Als mir der Wind die Locken ins Gesicht blies, atmete ich die salzige Luft ein und behielt sie in meinen Lungen. Dann blickte ich noch einmal ins Wasser hinunter.

Und sah etwas.

Eine Bewegung. Ein Aufblitzen. Etwas flüchtig Vertrautes. Vielleicht war es ein Delphin. Eine Schildkröte. Oder eine Seeschlange. Es hätte alles sein können.

Doch bei seinem Anblick, so wie bei Matrosenmützes Worten, hob sich meine Stimmung.

»Bis bald«, flüsterte ich. Dann führte ich meine Hand an die Lippen und warf einen Kuss hinunter ins Meer.

Mom, die mich beobachtete, hatte ein verständnisvolles Lächeln aufgesetzt. »Denkst du an jemanden?«, fragte sie. Als ich nickte und zu ihr aufsah, legte sie mir einen Arm um die Schulter. »Er ist ein netter Junge. Ein sehr netter Junge.«

»Danke, Mom«, sagte ich, während das Fährschiff sein Signalhorn ertönen ließ. »Das finde ich auch.«

Wir glitten aus dem Hafen. Dieses Mal hatten meine Beine festen Halt. Ich musste wieder an die Seefahrer denken – verängstigt, aufgeregt, halb von Sinnen, ihre Gedanken um Kraken und Meerjungfrauen kreisend. Es war leicht, hier draußen auf dem Ozean ein bisschen verrückt zu werden. Hier galt keine Logik, hier gab es keine Anleitung. Das einzige Handbuch war der Himmel. Aber ein wenig Wahnsinn konnte manchmal zauberhaft sein.

Das Fährschiff wendete und richtete seinen Bug auf das entgegengesetzte Ufer. Ich wirbelte herum und betrachtete Selkie Island: die Bäume, die Häuser und die Uferpromenade. Ich sah zur Insel hinüber, so lange es ging, bis sie hinter einem Streifen Dunst verschwunden war und ich sie mir ins Gedächtnis eingeprägt hatte – unverändert, mysteriös und wunderschön.