Der Alte Seemann hob sich blass und majestätisch gegen die Dunkelheit ab – der sprichwörtliche Hafen im realen Sturm. Durch den Regen hastend und bis auf die Knochen durchnässt hatte ich nur zwei bescheidene Wünsche: dass die Haustür unverschlossen wäre und Mom sich entweder am Telefon oder schlafend im Bett befände, sodass ich mich unbemerkt hochschleichen konnte.
Ich kletterte die Verandastufen hoch, und während der Regen auf den Rettungsring prasselte, drückte ich die Tür auf. Sie ließ sich ganz problemlos öffnen, wie ich ziemlich erleichtert feststellte.
Unglücklicherweise stand Mom mitten in der Eingangshalle.
»Wo bist du gewesen?«, fragte sie. Ihr Blick war hart.
Sie trug noch immer ihr hübsches rosafarbenes Kleid, was völlig im Gegensatz zu ihrer wütenden Miene stand. Ihr Haar war feucht und sie trug schmutzige Flip-Flops; offenbar war sie draußen gewesen, um nach mir zu sehen. Das Haus stank nach angebranntem Reis. Hatte sie für uns beide gekocht? Schuldgefühle überkamen mich.
Ich zog meine durchnässte Kapuze herunter und hörte, wie das Regenwasser von meinem Körper auf den Fußboden tropfte. So langsam bekam ich eine Vorstellung davon, wie schiffbrüchig ich aussehen musste.
»Ich war mit CeeCee zusammen«, formte sich die Lüge in meinem Mund.
Mom zog die Augenbrauen hoch. »Ach wirklich? Das ist ja komisch. Ich hab eben mit Delilah gesprochen und sie sagte, CeeCee habe heute Abend einen jungen Mann namens Bobby zu Besuch. Irgendwie muss es ihr entgangen sein, dass du auch da warst.«
Ups, dachte ich und schluckte. So fühlt sich also richtiger Ärger an.
»Und versuch bloß nicht mir weiszumachen, dass du mit T. J. zusammen warst«, fügte Mom hinzu. Bei der Erwähnung seines Namens zuckte ich unwillkürlich zusammen – er war der Letzte, an den ich heute Abend gedacht hätte. »Ich hab auch seinen Vater angerufen.«
Das hast du ganz bestimmt, dachte ich missmutig.
»Ich bin am Strand spazieren gegangen«, entgegnete ich schließlich, redete dabei schnell und nahm die Treppe hinter Moms Schulter ins Visier. »Es fing an zu regnen, und dann bin ich in Fisherman’s Village gelandet.« Mit dumpf schlagendem Herzen überlegte ich fieberhaft, ob ich vielleicht einen Knutschfleck oder ein anderes verräterisches Zeichen am Hals hatte.
»Allein?«, bohrte Mom nach und sah mich streng an.
Als Wade auf der High School und ich in der Mittelstufe war, hatte er mir gegenüber geschworen, dass Mom übersinnliche Kräfte habe. Anscheinend hatte sie immer gewusst, mit wem er sein Ausgehverbot umgangen hatte. Damals hatte ich seine Theorie als Unsinn abgetan, doch nun schien es mir nicht mehr so weit hergeholt, dass unsere Mutter Gedanken lesen konnte.
»Ja, allein«, log ich wieder. Irgendwie gewöhnte ich mich daran.
»Wo hast du das Sweatshirt her?«, fragte Mom und hob ihr Kinn.
Natürlich.
Mein Innerstes verkrampfte sich.
»Ich hab’s gekauft«, erwiderte ich. War das etwa ein neues Talent?
Mom seufzte und lief mit ruhigen Schritten durch den engen Flur. »Ich weiß, ich weiß«, sagte sie und schüttelte den Kopf. Sie schien mit sich selbst zu reden. »Es ist ganz normal für ein Kind, eine rebellische Phase zu durchlaufen. Die deines Bruders scheint ein ganzes Leben lang anzuhalten. Aber irgendwie hatte ich immer geglaubt, du würdest deine umgehen.«
»Ich bin nicht rebellisch!«, heulte ich und zwang mich, nicht an meine Unterhaltung mit Leo zu denken. Ich zog den Reißverschluss seiner Kapuzenjacke auf und warf sie auf den klauenbeinigen Stuhl in der Ecke.
»Ach nein?« Mom wirbelte herum und blickte mich an. »Und wie würdest du es dann nennen, grundlos zu verschwinden – noch dazu unsere Unterhaltung abzubrechen – und dich dann ohne einen Piep für die nächsten zwei Stunden in Luft aufzulösen?«
»Ich hatte mein Handy nicht dabei«, sagte ich und verdrehte meine feuchten Hände hinter dem Rücken.
Mom hörte auf herumzulaufen und rieb sich die Schläfen. »Miranda, ich hab dich gebeten, mit mir nach Selkie Island zu kommen, damit du mir hilfst. Ich bin davon ausgegangen, dass du die einzige Person bist, die nicht über Gebühr an meinen Nerven zerrt. Aber jetzt bist du diejenige, die mir den größten Stress verursacht!« Ihre Stimme klang wie ein Echo durch das Haus.
»Na, du kannst dich doch Delilah anvertrauen«, blaffte ich zurück und war überrascht, wie sehr Moms Worte mich verletzt hatten. »Wo ihr doch jetzt so enge Freundinnen seid.« Mir fiel wieder ein, wie sie mit ihren zueinander passenden Kopfbedeckungen nebeneinander am Strand gelegen hatten. »Ich dachte, sie würde dir auf die Nerven gehen.«
»Wie bitte?«, fauchte Mom völlig perplex. »Es steht dir in keiner Weise zu, zu kommentieren oder zu beurteilen, wenn und wie ich wieder Kontakt zu alten Freunden aufnehme.«
»Wie Mr. Illingworth?«, schoss ich zurück.
Mom starrte mich an. Ihr Gesichtsausdruck hatte einen seltsam triumphierenden Zug angenommen. »Ach, darum geht es hier, oder was? Der Besuch von Mr. Illingworth und T. J.?«
»Nein. Ach, was auch immer.« Ich fühlte mich ausgelaugt. Im Augenblick wollte ich nur noch ein heißes Bad und mich dann damit beschäftigen, Leo zu vergessen. »Du hast doch selbst gesagt, dass die Bekanntschaft zwischen dir und Mr. Illingworth keine große Sache war. Wieso müssen wir das jetzt sezieren?« Kannst du nicht einmal aufhören, Chirurgin zu sein, fügte ich im Stillen hinzu.
Mom holte tief Luft und drückte ihre Handflächen zusammen. Ihr Gesicht war fleckig geworden. »Miranda, es gibt da etwas, das du wissen solltest.«
Ich bekam es mit der Angst zu tun. »Mom …«, setzte ich an.
»Mr. Illingworth und ich waren nicht nur einfach Bekannte«, sagte Mom und blickte mich direkt an, während ihr Gesicht immer fleckiger wurde. »Als ich achtzehn war, haben wir uns verlobt und wollten heiraten.«
Es war ein Gefühl, als ob alle Kraft plötzlich aus mir entwich. Verwirrt und geschockt starrte ich meine Mutter an. Das Regenwasser plitsch-platschte auf den Boden.
»Das ist … wirklich eine große Sache?«, gelang es mir zu murmeln, und der Satz hatte am Ende ein Fragezeichen.
»Ja«, erwiderte Mom und sah auf ihre Flip-Flops hinunter. »Das war es, damals.«
»Weiß T. J. davon? Oder CeeCee?«, fragte ich. Meine Gedanken überschlugen sich. »Weiß es Dad? Und Wade?« Es war ziemlich offensichtlich, so wurde mir schlagartig klar, dass Delilah es wusste.
»Ich glaube nicht, dass T. J. oder CeeCee etwas davon wissen. Wade mit Sicherheit nicht«, entgegnete Mom leise. »Dein Vater weiß es natürlich.« Sie klang sehr bestimmt.
Ich schüttelte den Kopf. »Aber in meinem ganzen Leben hast du nicht einmal erwähnt …«, setzte ich an, verlor mich aber.
Mom trat einen Schritt auf mich zu. Sie hatte die Hände so fest aneinandergedrückt, dass ihre Fingerknöchel weiß wurden. »Es schien mir nie zweckmäßig, dir davon zu erzählen, Miranda. Ich habe nie geglaubt, dass du und ich hier auf Selkie landen würden oder dass ich Teddy noch mal wiedersehen könnte. Ich dachte, dass dieser Teil meines Lebens tot und begraben sei.«
Der Wind peitschte gegen die Fenster und ließ die Spitzenvorhänge hin- und hertanzen. Die Vergangenheit schien wie ein Geist um uns herumzuwirbeln.
Achtzehn. Mom war achtzehn gewesen und verlobt. So alt wäre ich in zwei Jahren. Ich versuchte, mir vorzustellen, wie ich in einem Brautkleid aussähe, mit einem glitzernden Diamantring am Finger. Und wen würde ich wohl heiraten? Greg? T. J.? Leo? Es war ein Gefühl, als ob ich gleichzeitig lachen und weinen würde.
»Warum nicht?«, fragte ich schließlich meine Mutter. »Warum hast du ihn nicht geheiratet?« Ich war erschüttert bei dem Gedanken, dass, wenn Mom es getan hätte, ich – also die spezifische Kombination der Gene meiner Eltern – niemals existiert hätte. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.
Mom trat zu mir und legte mir ihre Hände auf die Schultern, doch ich riss mich los. »Du wirst dich noch erkälten«, sagte sie. »Du solltest eine heiße Dusche nehmen. Wir reden ein andermal weiter. Anweisung der Ärztin«, fügte sie mit einem kleinen Lächeln hinzu.
»Ich will nicht darüber reden«, blaffte ich. Es war die letzte Lüge des Abends. Und mit diesen Worten schob ich mich an Mom vorbei, lief die Treppen hoch und hinterließ beim Aufstieg kleine Pfützen.
»Miranda!«, bellte Mom. Ihre Stimme war so streng, dass ich mich umdrehte. »Mir ist klar, dass diese Neuigkeiten nicht leicht zu verdauen sind. Ich erwarte trotzdem, dass du dich benimmst. Und keine Ausflüge mehr nach Fisherman’s Village. Hab ich mich klar ausgedrückt?«
»Keine Sorge«, sagte ich und hörte dabei die Bitterkeit in meiner Stimme. »Ich werde mit Sicherheit Fisherman’s Village nicht mehr betreten.« Ich kämpfte gegen einen Anflug von Traurigkeit. »Aber du kannst mich hier nicht wie eine Gefangene halten«, fügte ich trotzig hinzu.
Mom ließ ein kurzes Lachen hören. »Du«, betonte sie und verschränkte die Arme vor der Brust, »bist genauso dickköpfig wie deine Großmutter.«
Das Monster, dachte ich. Dann drehte ich mich wieder um und stapfte die Treppe hoch.
Ich rannte ins Gästezimmer und knallte so laut es ging die Tür zu – das erste Mal in den bisherigen sechzehn Jahren meines Lebens.
***
Während der nächsten zwei Tage übernahm das Wetter den Job, dessen Durchführung ich Mom abgesprochen hatte: Kalter Regen lief an den Fenstern des Alten Seemanns hinab und hielt mich gefangen.
Jedes Mal, wenn ich in den strömenden Regen hinausblickte, musste ich an die delphinförmigen Regenrinnen an Leos Haus denken und spürte einen Stich in meiner Brust. Bis jetzt hatte mein Vergiss-ihn-Plan nicht besonders gut funktioniert. Nachts hatte ich immer wieder lebhafte, nach Salz duftende Träume über unsere Grotte, nur dass die Grotte unter Wasser lag, Leo und ich dort lebten und uns unter Wolken von Seetang küssten. Jedes Aufwachen schien wie eine Atempause vom nagenden Gefühl der Sehnsucht.
Obwohl Mom und ich im Haus gemeinsam von der Außenwelt abgeschnitten waren, gingen wir uns doch aus dem Weg. Während sie sich unten aufhielt, die Organisation der Küche übernahm und Anrufe tätigte, trug ich die Verantwortung für das obere Stockwerk und kramte im ehemaligen Zimmer von Onkel Jim herum, das jetzt mit alten Fahrrädern, Schaukelstühlen und noch mehr Porträts von Isadora vollgestopft war – wobei allerdings keines so extravagant war wie das im Arbeitszimmer.
Irgendwann zwischendurch rief mich Wade aus L. A. an. »Wollte nur mal meine brüderliche Pflicht tun und Hallo sagen«, kicherte er, bevor er dann auch Dad ans Telefon holte. Beide klangen so locker-leicht nach Kalifornien, so weit entfernt von der verwunschenen Stille des Alten Seemanns, dass mich die Unterhaltung nur noch missmutiger stimmte. Ich hatte nicht die geringste Lust, ihnen von Leo, T. J. oder Moms neuem Quasi-Freund zu erzählen.
Am zweiten Tag machte ich es mir in Isadoras begehbarem Kleiderschrank gemütlich; als Mom und ich noch auf Kommunikation eingestellt waren, hatte sie erwähnt, dass wir Isadoras Sachen zusammenpacken und als Kommissionsware an einen Secondhandshop in Savannah schicken müssten. Ich war dankbar, dass mich diese Aufgabe zumindest zeitweise von Leo und allem anderen ablenkte. Wenn ich ein Modefan wie CeeCee gewesen wäre, hätte ich mich jetzt im Himmel befunden. Von den Kleiderbügeln hingen erstklassig gefertigte Strandkleider in verschiedenen leuchtenden Farbtönen, daneben Fächer voller Schuhe mit weißen Riemchen und hohen Absätzen, Lederpantoletten, Strohhüte mit breiten Krempen und winzige, mit Schmucksteinen verzierte Handtaschen.
Während ich auf dem staubigen Boden des Kämmerchens saß und jeden Gegenstand sorgfältig in Seidenpapier einwickelte, verspürte ich einen Anflug von Traurigkeit. Es schien nicht richtig, all diese großartigen Dinge einfach wegzugeben. Aber was hätten Mom und ich mit den Sachen anfangen sollen? Sie tragen?
Ich stand auf, um meinen schmerzenden Rücken zu strecken. Es war eine Kleiderstange übrig, die ich noch nicht durchgesehen hatte. Ich fuhr mit den Fingern über einen Rock mit Paisley-Muster. Isadora hatte bestimmt sehr elegant darin ausgesehen. Ein exquisites, hochgeschlossenes schwarzes Spitzenkleid mit kurzen Ärmeln und kurzem Rock fiel in mein Blickfeld. Das Schildchen am Kragen verriet, dass es mir vielleicht passen könnte. Ich musste lächeln, als ich das Was-wäre-Wenn beiseite schob, das sich eben in meine Gedanken drängte.
Dann fiel mir plötzlich ein großer schwarzer Überseekoffer auf, der direkt hinter dem Kleid in die Ecke gezwängt worden war. Er war stark abgenutzt, und sein riesiger goldfarbener Verschluss musste poliert werden. Ich vermutete, dass sich noch weitere Sachen in dem Koffer befanden, und schob die Kleider beiseite, um mich hinzuknien und ihn zu untersuchen. Ich versuchte, den Deckel zu öffnen, doch er rührte sich nicht. Dann rüttelte ich an dem goldfarbenen Vorhängeschloss und hoffte, dass es nachgab, aber der Koffer war fest verschlossen.
Ich spürte Entschlossenheit in mir, während ich mich auf die Fersen zurücksinken ließ und sich ein warmes Prickeln auf meiner Haut ausbreitete. Ich hatte das Gefühl, an der Schwelle zu einer großen Entdeckung zu stehen – so wie sich Alexander Fleming gefühlt haben musste, bevor er das Penicillin entdeckte.
Ich klopfte auf den schwarzen Deckel, was ein dumpfes Echo hervorrief. Hätte sich Isadora die Mühe gemacht, den Koffer zu verschließen, wenn er nur Kleider enthielt? Und was war, wenn Isadora gar nichts mit dem Koffer zu tun hatte? Was, wenn er von einem alten Piraten im Haus zurückgelassen worden war? Ich wollte meiner Fantasie nicht zu freien Lauf lassen, aber es schien mir durchaus plausibel, dass sich ein verborgener Schatz im Koffer befand.
Aber vielleicht lag das auch nur an Llewellyn Thorpes Einfluss.
Ich hörte, wie unten die Haustür geöffnet wurde und Mom jemanden begrüßte. Wahrscheinlich die Handwerker, die gekommen waren, um irgendetwas zu reparieren, oder es war Delilah, die, wie schon am Tag zuvor, zum Mittagessen kam.
Ein Schlüssel, überlegte ich und tastete den Boden um den Koffer herum ab. Jedes Schloss hat einen Schlüssel. Doch natürlich würde niemand den Schlüssel gleich neben dem Koffer aufbewahren – das wäre ein allzu offensichtliches Versteck gewesen.
Ich hörte Moms Schritte auf der Treppe und stand auf; mein Puls raste.
Ich war mir nicht sicher, ob Mom von dem Koffer wusste, fand aber irgendwie, dass ich dieses Geheimnis für den Rest der Zeit für mich behalten sollte – ähnlich wie Llewellyn Thorpes Buch.
Schnell verteilte ich die Kleider wieder gleichmäßig über die Stange, sodass sie den Koffer verdeckten, und rief Mom zu, dass ich mich im Kleiderkämmerchen befand.
Mom öffnete die Tür und begutachtete die in Seidenpapier verpackten Kleider. »Du machst Fortschritte«, bemerkte sie kühl.
Ich nickte. Ich konnte sie nicht ansehen, ohne mir Mr. Illingworth vorzustellen, der mit einem Bein vor ihr kniete. Und ich konnte nicht aufhören, mich zu fragen, ob sie dieses Mal seinen Antrag annehmen würde. Nach dem Montagabend schien das Verhältnis zu meiner Mutter irgendwie beschädigt und verändert zu sein.
»Komm runter«, sagte sie und drehte sich wieder um. »Du hast Besuch.«
Mein Herz machte einen Satz. War Leo gekommen, um mich um Vergebung zu bitten? Oder T. J., um mich vielleicht zu fragen, was ich von der Beziehung zwischen Mom und seinem Vater wusste? Dann wäre Mom allerdings besserer Laune gewesen.
Ich war mir nicht sicher, welchen Jungen ich lieber – oder nicht so gerne – sehen wollte.
Bedauernd ließ ich den Blick über mein schwarzes Tanktop, die grauen Shorts und die Chucks gleiten, trat aus dem Wandschrank und folgte Mom nach unten. Mit jedem Schritt wurde mein Puls schneller, während ich mir vorstellte, dass Leo dort in der Eingangshalle stand und mich mit seinen grünen Augen ansah.
»Wo hast du dich bloß versteckt, Süße?«, rief CeeCee, als ich die Vorhalle betrat. Sie schloss gerade einen durchsichtigen weißen Regenschirm und trug eine Jeansjacke über einem rosafarbenen Strandkleid sowie gepunktete Gummistiefel.
»Ich hab mich nicht versteckt«, erwiderte ich abwehrend, während mein Puls wieder auf Normalgeschwindigkeit absackte. Ich musste an den Koffer oben denken – war er vielleicht Isadoras Versteck gewesen? Und wofür?
Mom winkte CeeCee zu und lief ins Arbeitszimmer. Unwillkürlich hoffte ich, dass sie nicht Llewellyn Thorpes Buch einpacken würde. Irgendwie hatte ich das Gefühl, es noch zu brauchen.
CeeCee knallte ihren Schirm in den Schirmständer und schüttelte ihre roten Locken. Dann lächelte sie mich auf diese Art an, die verriet, dass sie ganz scharf auf den neuesten Klatsch war. »Deine Mutter hat Montagabend bei uns angerufen und nach dir gefragt!«, flüsterte sie.
Ich sah kurz zu Leos roter Kapuzenjacke auf dem klauenbeinigen Stuhl hinüber und fragte mich, wie CeeCee wohl reagieren würde, wenn ich ihr erzählte, dass ich mit diesem ganz und gar nicht dörflichen Typen vom Meereskundezentrum in Fisherman’s Village gewesen war.
»Ich war spazieren und hatte mein Handy vergessen«, sagte ich nonchalant.
»Klar«, antwortete CeeCee augenzwinkernd. Ich schluckte und fragte mich, ob irgendjemand Leo und mich gesehen hatte. »Wie auch immer«, fuhr sie fort und machte dabei eine schnelle Drehung mit dem Handgelenk, sodass ihr Glücksarmband klimperte. »Ich bin unterwegs zur Strandpromenade, um Bobby zum Mittagessen zu treffen. Aber ich dachte, ich komme mal vorbei und höre, wie deine Pläne für morgen aussehen.«
»Morgen?«, fragte ich verwirrt. Ich war so mit Leo und Mom und Mr. Illingworth beschäftigt gewesen, dass ich kaum wusste, was heute für ein Tag war. Mittwoch, erinnerte ich mich. Das Research Center hatte geöffnet. Leo war jetzt also dort. Wenn ich wollte, könnte ich mit CeeCee einen Spaziergang zur Strandpromenade machen und …
Nein. Hör auf. Lass es sein.
CeeCee runzelte die Stirn. Offensichtlich war sie nicht daran gewöhnt, die weniger Vergessliche zu sein. »Hallo? Der Vierte Juli? Unser Nationalfeiertag? Klingelt da was bei dir?«
»Natürlich.« Ich spürte, wie ich rot wurde. Der Vierte Juli mit seinen Wunderkerzen und Picknicks und diesem sommerlichen Gefühl von Freiheit war einer meiner Lieblingsfeiertage.
»Jeden Sommer gibt es auf der Insel ein wahnsinniges Feuerwerk, das sich alle Leute vom Strand aus ansehen«, erklärte CeeCee. »Aber Bobby hat versprochen, dass wir dieses Jahr mit ihrem Familienboot rausfahren und alles vom Wasser aus verfolgen können! Virginia und Jacqueline und alle Jungs sind dabei.« Sie warf mir einen bedeutungsschwangeren Blick zu und kam einen Schritt näher. Ihre Gummistiefel quietschten über den Fußboden. »Ich weiß es«, flüsterte sie.
Mein Magen schnürte sich zu einer Brezel zusammen und meine Handflächen wurden eiskalt. »Du weißt was?«
»Dass T. J. und du euch geküsst habt!« CeeCees Augen glänzten. »T. J. hat’s Bobby erzählt, und Bobby mir. Du warst mit ihm am Montagabend zusammen, stimmt’s?«
Ich war gleichzeitig erleichtert und verlegen. »Ich war nicht mit T. J. zusammen«, beharrte ich. »Wir treffen uns jetzt nicht regelmäßig oder so was. Es war nur ein einziger K-kuss«, stotterte ich und wurde noch roter. »Und wieso hat er es Bobby erzählt?« Dieses Verhalten kam mir nicht besonders gentlemanmäßig vor.
»Weil er auf dich steht!«, rief CeeCee. »Er möchte, dass es alle wissen.«
Ich sah auf den Kompass am Boden hinunter, hörte den Regen aufs Dach prasseln und ließ CeeCees Worte wirken. Vielleicht hatte unser nicht gerade heißer Kuss T. J. eine Menge bedeutet. Und vielleicht verband er – anders als ein gewisser einheimischer Junge – etwas mehr mit mir als nur ein sommerliches Liebesabenteuer. In gewisser Weise war es so einfach wie eine mathematische Gleichung: Was die Arithmetik der Jungs betraf, so erzielte T. J. das bessere Ergebnis.
»Wo wir gerade vom Küssen sprechen«, sagte CeeCee und drückte meinen Arm. »Nach dem Essen mit meinen Eltern am Montagabend sind Bobby und ich in mein Zimmer und haben es ausgiebig getestet.« Sie kicherte. »Und dir, Fräulein Skepsis, kann ich nur sagen, dass er in der Tat ein ziemlich guter Küsser ist. Kennst du diese Art von Knutscherei, wo du einfach nur wegschmelzen möchtest?«
Ich nickte. Mir war überall heiß. Denk nicht an Leo, befahl ich mir selbst.
»War es mit T. J. auch so?«, bohrte CeeCee und sah mich verschlagen an.
Bevor ich wahrheitsgemäß mit einem Nein antworten konnte, hatte ich die Lösung. Das war der Schlüssel! Wenn ich T. J. eine Chance gäbe, wenn ich meine Aufmerksamkeit auf ihn richtete, dann würde Leo aus meinen Gedanken verschwinden. Vielleicht war ja die Party mit den Thronerben am Vierten Juli genau das, was ich brauchte. Und vielleicht könnte ich sogar mit T. J. über die Geschichte zwischen Mom und seinem Dad reden und herausfinden, welchen Einblick – wenn überhaupt – er in diese seltsame Sache hatte.
Ich sagte CeeCee, dass sie zum Feuerwerk mit mir rechnen könne. Sie küsste mich aufgeregt auf die Wange und nahm ihren Regenschirm aus dem Ständer.
»Wir treffen uns nach Sonnenuntergang am Hafen«, sagte sie, während sie die Tür öffnete. Ein Stoß kalter Luft wehte herein. »Aber du kannst auch gerne vorher zu mir kommen, um dir einen Lippenstift oder ein paar Klamotten auszuleihen … wenn du magst«, fügte sie vorsichtig hinzu und zog ihre Augenbrauen in die Höhe, bevor sie in den Regen hinausflitzte.
Ich schloss die Tür und zog CeeCees Angebot in Erwägung, während ich mir einen Fussel von meinem zerknitterten Tanktop zupfte. Es war unbestreitbar, dass ich beim Thema Style ein bisschen Hilfe gebrauchen konnte. Ich dachte an Isadoras Wandschrank. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Ihre Kleider. Der Koffer. Mein Herzschlag beschleunigte sich.
Ich wollte gerade die Treppe hochgehen, als ich Moms Handy im Arbeitszimmer trillern hörte. Ich blieb stehen, hielt den Atem an und wünschte, ich hätte nicht den unwiderstehlichen Drang empfunden, meine Mutter zu belauschen. Es konnten natürlich Tante Carol oder Onkel Jim sein. Aber ich war ziemlich sicher, dass Mr. Illingworth anrief.
»Guten Tag, Mr. Phelps«, hörte ich Mom trällern und ihr Südstaatenakzent meldete sich wieder zu Besuch an. »Ich bin so froh, dass Sie bei diesem Regen lieber nicht kommen möchten.«
Wer war Mr. Phelps? Ein weiterer Verlobter? Ich biss mir in die Lippen.
»Danke, dass Sie mir die Papiere zugemailt haben«, sagte Mom. »Ich wollte gerne den Marktwert des Hauses mit Ihnen erörtern. Der interessierte Käufer …«
In Ordnung. Ich entspannte mich und kam mir albern vor. Mr. Phelps war der Notar, der sich mit dem Verkauf des Alten Seemanns befasste. An meinem ersten Abend hier hatte Mom seinen Namen beim Essen erwähnt.
»Ja«, fuhr Mom fort. »Ich habe viel darüber nachgedacht …« Sie senkte die Stimme, und so sehr ich mich auch anstrengte, ich konnte ihre Worte nicht länger verstehen.
Selbst die Luft im Alten Seemann schien mit lang verborgenen Geheimnissen getränkt zu sein. Plötzlich war ich mehr als zuvor daran interessiert, den Schlüssel zu Isadoras Koffer zu finden, um diesem welches Mysterium auch immer zu entlocken.
Ich überließ meine Mutter dem Geflüster im Arbeitszimmer und stieg die Treppen hinauf, um meine Suche zu beginnen.