KAPITEL 7

Fehler

Surreal.

Das war das einzig passende Wort, um zu beschreiben, wie es war, am helllichten Tag wieder am Siren Beach zu sein.

Es war Sonntag, der erste Juli, zwei Tage nach meinem Strandspaziergang mit Leo. Ich lag auf einem Handtuch, ein paar Schritte von der Stelle entfernt, wo er und ich uns auf diese atemberaubende Weise geküsst hatten. Jedes Mal, wenn ich an diesen Kuss dachte – ungefähr alle fünf Sekunden –, spürte ich das Blut durch meinen ganzen Körper schießen. Neben mir lagen CeeCee, Jacqueline und Virginia ganz ruhig in ihren Bikinis und hatten ihre Gesichter in Anbetung der Sonne zugewandt. Hinter uns hatten es sich Mom, Delilah und Virginias Mutter, Felice, auf Liegestühlen bequem gemacht und quatschten miteinander. Es gab also niemanden, mit dem ich über meine rotierenden Gefühle hätte sprechen können.

Nicht dass ich wirklich Lust auf eine Unterhaltung gehabt hätte. Mit meinem schwarzen Badeanzug, den Chucks und der übergroßen Sonnenbrille fühlte ich mich irgendwie verkleidet. Inkognito. Ich hatte mir die Kopfhörer meines iPods in die Ohren gestopft, die Musik jedoch nicht angestellt – ein alter Trick, der mir erlaubte, Unterhaltungen mit anzuhören und dabei selbst in Ruhe gelassen zu werden. Ich liebte es zu beobachten.

»Die Handwerker waren eine Katastrophe«, hörte ich Mom stöhnen. Delilah schnalzte mit der Zunge. Ich riskierte einen Blick nach hinten. Moms weißer Kaftan und der passende Schal flatterten im Wind und ließen sie und Delilah fast identisch aussehen. »Sie haben überall Putz auf den Fußböden hinterlassen«, fuhr Mom fort. »Und aus den Wasserhähnen kommt braune Brühe.«

Glücklicherweise war Mom so sehr mit der schlechten Arbeit der Handwerker beschäftigt gewesen, dass sie mich kaum beachtet hatte, als ich am Freitagabend spät, durchnässt und voller Sand in den Alten Seemann zurückgekommen war. Und während ich gestern in einer Mischung aus Unglauben und Glücksgefühl nutzlos durch das Haus gelaufen war, hatte Mom telefoniert – mit dem Immobilienmakler, mit Tante Coral und schließlich mit Delilah, die sie als Einzige hatte beruhigen können. Spätabends hatte Mom die Terrassentüren hinter sich geschlossen und auf der hinteren Veranda ein letztes, geflüstertes Telefongespräch geführt. Doch ich hatte sie nicht darauf angesprochen – ich war viel zu sehr damit beschäftigt, aus dem Küchenfenster zu starren und mich zu fragen, ob ich Leo wirklich wiedersehen würde.

Was nun dazu führte, dass am Strand jedes Mal mein Herz aussetzte und ich mir den Hals verrenkte, wenn irgendein braungebrannter, blonder Junge an meinem Handtuch vorbeigelaufen kam. Ein besonders grauenhafter falscher Alarm war in Gestalt von Virginias jüngerem Bruder ausgelöst worden, der vorbeikam, um sich einen Pfirsich-Fruchtshake zu holen, den Virginias Haushälterin in eine Kühlbox gelegt hatte.

Komm und such mich, hatte Leo schließlich gesagt. Doch bis jetzt hatte ich ihn nicht gefunden.

»Arme Amelia«, seufzte Felice, deren Gesicht durch die Magie von Botox in ewiger Jugend erstarrt war. »Es ist aber in letzter Zeit auch wirklich nicht einfach, gutes Personal zu finden.«

Ich war so schockiert, dass sie tatsächlich – bar jeder Ironie – diese Worte geäußert hatte, dass ich ein Glucksen nicht unterdrücken konnte. In der Erwartung, dass sie ebenfalls lachte, sah ich zu Mom hinüber, doch zu meiner Überraschung nahm sie einfach nur einen Schluck von ihrem Fruchtshake.

Seufzend ließ ich meinen Kopf auf das Handtuch zurücksinken und sah in den mit Wolken besprenkelten Himmel hinauf. Ein Frisbee zischte über unsere Köpfe hinweg. Dann hörte ich, wie Felice zu Mom und Delilah sagte, dass sie mal schnell ins Wasser wolle, und sah durch meine dunklen Gläser zu, wie sie mit wippendem Strohhut und Flip-Flops an meinem Handtuch vorbei auf den Ozean zustapfte.

Ich konnte es nicht genau benennen, aber seit der Erben-Party kam mir Mom irgendwie anders vor. Sie hatte aufgehört, bissige Bemerkungen über Delilah zu machen, und heute Morgen hatte sie dankbar darauf verzichtet, Isadoras Sachen durchzusehen und war Delilahs Einladung gefolgt, mit ›den Damen‹ ein Sonnenbad zu nehmen.

Plötzlich kreischten CeeCee, Jacqueline und Virginia unisono auf. Ich war so auf Mom fixiert gewesen, dass ich die Unterhaltung der Mädels gar nicht mitbekommen hatte.

»Du liebst ihn«, verkündete Virginia und für eine Sekunde fragte ich mich, ob sie mit mir geredet hatte. Konnte sie von Leo erfahren haben?

Ich drehte meinen Kopf den Mädels zu, die sich nun auf ihre Ellbogen abstützten. Jacqueline verdrehte die Augen und wurde rot. Virginia musste von Macon gesprochen haben.

»Und ihr werdet heiraten«, tönte CeeCee, kicherte und leckte Pfirsichschaum von ihrem Strohhalm.

»Ich liebe ihn nicht«, erwiderte Jacqueline nüchtern und rieb ihre langen dunklen Beine mit Sonnencreme ein. »Er ist nur so eine Sommeraffäre. Der Reiz des Neuen, aber in ein paar Wochen kehren wir beide zurück in unsere eigenen, separaten Leben.«

Normalerweise hätte ich Jacquelines besonnener Erklärung applaudiert, doch als ich ihre Worte nun hörte, beschlich mich eine seltsame Traurigkeit.

»Aber Jackie, seit wann bist du denn so pessimistisch?«, stöhnte CeeCee. Gejagt von braungebrannten Jungs in Neoprenanzügen kam eine Gruppe kreischender Mädchen in Bikinis vorbeigerannt und deckte CeeCees Handtuch mit Sand ein. Sie blickte ihnen finster hinterher.

»Nun, Macon allein ist gar nicht so schlimm«, sagte Virginia und nahm einen Schluck Fruchtshake. »Jeder Junge, der mir einen Ausflug nach Fisherman’s Village vorschlüge, würde Punktabzug bekommen.«

»Er behauptete, er wollte erfinderisch sein.« Jacqueline fing an zu lachen, und die anderen stimmten ein.

Ich wurde neugierig. CeeCee hatte doch bei Leos Anblick von Fisherman’s Village gesprochen! Ich setzte mich auf, nahm meine Ohrstöpsel raus und setzte die Sonnenbrille ab.

»Was ist eigentlich Fisherman’s Village?«, fragte ich.

Drei perfekt geschminkte Gesichter drehten sich zu mir, sechs makellos gezupfte Augenbrauen schossen in die Höhe.

»Miranda! Wir dachten, du würdest schlafen!«, rief CeeCee.

»Jetzt, wo du wach bist – gibt’s eigentlich irgendwas Neues von T. J.?«, fragte Virginia und richtete ihren grün gepunkteten Bikini, um ihren Busen besser zur Geltung zu bringen.

»Ich glaube, Fisherman’s Village liegt in dieser Richtung«, ging Jacqueline als Einzige auf meine Frage ein. Mit ihrem Fruchtshakebecher deutete sie auf die zerklüfteten Felsen, wo ich Leo am Donnerstag das erste Mal hatte langgehen sehen. Wieder einmal war alles, was ich erkennen konnte … Nebel. »Ich bin nie da gewesen, aber ich weiß, dass dort die Einheimischen von Selkie Island wohnen.«

»Mach dir keine Sorgen, Miranda«, sagte CeeCee und drehte den Verschluss ihrer Sonnecremetube auf. »T. J. Illingworth würde dich nicht im Traum dorthin ausführen.«

»Genau. Also, was gibt’s Neues von T. J.?«, kreiste Virginia mich ein.

Ich biss mir auf die Lippe. Nach meinem Abend mit Leo hatte ich nicht ein einziges Mal an T. J. gedacht. Nun war ich einigermaßen schuldbewusst, weil ich ihn vergessen hatte.

»Ach, nichts Besonderes«, sagte ich und zuckte mit den Achseln. »Ich hab nichts von ihm gehört …«

»Ja, weil er und Mr. Illingworth das Wochenende in Savannah verbringen«, warf CeeCee ein. »Da gibt’s ein großes Golfturnier oder so was.« Sie gab ein gespieltes Gähnen von sich, und ihre Freundinnen brachen in Gelächter aus.

»Was ist denn mit Mr. Illingworth?«, rief Delilah hinter uns. Ich blickte mich um und sah, wie Mom mit ihrer Ausgabe der Vanity Fair nach Delilah ausholte. Mein Magen zog sich zusammen.

»Wir versuchen, Miranda mit seinem Sohn zu verkuppeln«, rief Jacqueline fröhlich, was dazu führte, dass Mom sich an ihrem Fruchtshake verschluckte. Sie hielt sich die Hand vor den Mund und hustete, bevor sie ihre Fassung wiedergewann.

Delilahs Gesicht verzog sich zu einem Grinsen. »Miranda und T. J. Illingworth? Wie … faszinierend.« Sie riss sich ihre Sonnenbrille vom Kopf und blickte Mom mit einer hochgezogenen Augenbraue an. »Geschichte wiederholt sich eben immer wieder, findest du nicht?«

Moms Sonnenbrille verdeckte ihren Gesichtsausdruck, doch ich sah, wie sie die Zähne zusammenbiss, während sie aufmerksam die Seiten ihrer Vanity Fair umblätterte. Normalerweise hätte sie den Scientific American gelesen. »Delilah«, sagte sie dann in warnendem Tonfall.

Mein Bauch schnürte sich weiter zusammen.

»Uups.« Delilah legte den Finger vor die Lippen. »Mein Fehler«, sagte sie, doch ihre Augen tanzten vor Vergnügen.

»Was meinst du damit, Mama?«, fragte CeeCee und drehte sich auf ihrem Handtuch herum. Virginia und Jacqueline rollten sich ebenfalls auf die andere Seite, und wir alle starrten Delilah an.

Doch die Antwort kam von meiner Mutter. »Keine große Sache«, erwiderte sie knapp und schob ihre Sonnenbrille hoch. »Mr. Illingworth und ich haben uns manchmal getroffen, damals, als wir noch Kinder waren. Eine uralte Geschichte«, ergänzte sie und erwiderte meinen Blick für eine Sekunde, bevor sie sich wieder ihrer Zeitschrift zuwandte.

Ich hatte schon vermutet, dass da irgendetwas zwischen Mom und Mr. Illingworth gewesen war, doch sie diese Worte aussprechen zu hören, war verblüffend. Wenn es wirklich keine große Sache war, wieso hatte mir Mom dann nicht einfach davon erzählt? Und wieso war ihr Gesicht so rosa?

»Oh, mein Gott, gibt es so was wie Schicksal?«, rief CeeCee, während Jacqueline grinste und Virginia keine Miene verzog. »Ich schwöre, dass ich davon keine Ahnung hatte, als ich Miranda und T. J. zusammenbringen wollte. Vielleicht hab ich ja parapsychologische Kräfte!«

»Du meinst wohl eher psychopathische«, grummelte Virginia und legte sich wieder auf den Rücken.

Offensichtlich zufrieden machte es sich Delilah in ihrem Stuhl bequem.

In diesem Moment tauchte Felice in ihrem tropfenden und für ihr Alter völlig unpassenden, mit Goldfäden durchwebtem Bikini wieder auf. »Das Wasser ist für meinen Geschmack viel zu kalt«, sagte sie und wickelte sich in ein Handtuch. Sie blickte unsere kleine Gruppe aus Müttern und Töchtern an und schien die in der Luft hängende Spannung förmlich zu riechen. »Was ist los?«, fragte sie. »Hab ich was verpasst?«

Niemand antwortete.

»CeeCee!«, sagte Mom laut und blätterte energisch durch die Seiten ihres Magazins. »War T. J. der junge Mann, mit dem ich auf der Erben-Party gesprochen habe? Derjenige, der mir sagte, wo Miranda hingegangen war?«

»Jep«, erwiderte CeeCee und wippte ihren Körper ein bisschen auf und ab. »Ist er nicht göttlich?«

»Er sieht ziemlich gut aus«, stimmte Mom zu, während Felice sich neben sie setzte. »Auch ausgesprochen höflich.« Moms Augen sahen wieder bedeutungsvoll zu mir herüber.

Mein Kopf drehte sich. War meine eigene Mutter zur Kupplerin geworden? Nicht nur, dass sie sich auf einmal in meine romantische Zukunft einmischte, sie hatte sogar anscheinend eine romantische Vergangenheit mit dem Vater des Kandidaten. Das war einfach zu abgedreht.

»Ich muss pinkeln«, verkündete ich, stellte meinen leeren Fruchtshakebecher ab und stand auf. Neben dem Eisstand auf der Promenade hatte ich eine Toilette gesehen.

»Miranda!«, rief Delilah und schlug eine Hand gegen ihren Busen. Mom schüttelte den Kopf. Felice wirkte ebenfalls entrüstet – oder versuchte es zumindest.

»Das ist kein angemessener Ausdruck für eine junge Dame«, sagte Mom zu mir und runzelte die Stirn. »Du kannst dich entschuldigen, aber spar dir bitte die Details.«

Ich hörte das leise Gekicher von CeeCee, Virginia und Jacqueline und ließ den Kopf hängen. Ich fühlte mich wie eine Fünfjährige, die sich in die Ecke stellen musste, weil sie in der Klasse zu viel plapperte. Ich hatte nicht gewusst, dass Mom mich auf diese Weise zurechtweisen konnte. Doch andererseits hatte ich ebenso wenig gewusst, dass sie früher was mit Theodore Illingworth senior gehabt hatte.

»Entschuldigt mich bitte«, murmelte ich, bevor ich mich abwandte und im Laufschritt davoneilte. Als ich lossauste, hörte ich noch, wie Virginia fragte: »Und wieso sonnt sie sich in ihren Sneakers?«

In der Toilette spritzte ich mir Wasser ins Gesicht und versuchte, mich zu beruhigen. Doch als ich herauskam, fühlte ich mich nicht in der Lage, wieder zu Mom und den anderen zurückzukehren.

Der Wind zerrte an meinen Haaren, als ich die Strandpromenade entlanglief und wie magnetisch vom Research Center angezogen wurde. Ich wusste, dass es sonntags geschlossen war, blieb jedoch voller Hoffnung draußen vor den Fliegengittertüren stehen. Mein Blick wanderte über die Flyer am Fenster, und als ich einen davon durchlas, pochte mir das Herz in der Brust.

 

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Mittwochs? Leo hatte mich am Freitag auf dem Strandspaziergang begleitet. Ich erinnerte mich, dass Leo meine Bezahlung nicht annehmen wollte und mich ein leiser Verdacht beschlichen hatte. Jetzt war mir alles klar. Es gab freitags keine Strandspaziergänge. Leo hatte geflunkert, damit wir uns allein treffen konnten.

Ich holte tief Luft, fühlte mich sofort geschmeichelt, war aber auch verängstigt. Kein Junge war für mich jemals so weit gegangen. Doch andererseits fragte ich mich, ob ich angesichts meines Vertrauens in Leo vielleicht einem Fehlurteil unterlegen war – konnte ich einem Jungen vertrauen, der mit solcher Ungezwungenheit log? Hätte T. J. etwas Ähnliches getan? Ich bezweifelte es.

Verwirrter als vorher kehrte ich zu meinem Handtuch zurück.

Glücklicherweise unterhielten sich die drei Mütter mittlerweile darüber, wo der frischeste Hummer der Stadt zu bekommen war, und Virginia und Jacqueline planschten im Meer, während CeeCee auf dem Bauch lag und eine SMS an Bobby schrieb.

Ich trug ein bisschen mehr von meiner Sonnencreme auf, streckte mich aus und stopfte mir die Ohrstöpsel meines iPods wieder in die Ohren. Diesmal jedoch drehte ich die Musik auf und ließ sie – in der Hoffnung, so vielleicht einen klaren Kopf zu bekommen – gegen mein Trommelfell dröhnen. Wie Pingpongbälle hüpften T. J. und Leo in meinen Gedanken umher und stritten sich mit Mom und Mr. Illingworth um die besten Plätze. Selbst Greg, den ich schon in die Tiefen meines Unterbewusstseins verbannt geglaubt hatte, tauchte wieder auf.

Waren CeeCee und ihre Freundinnen – ganz zu schweigen von Mom und ihren Freundinnen – gerade dabei, mich irgendwie zu infizieren? Oder lag es an Selkie Island? Vielleicht verwandelte mich die Tatsache, so weit von zu Hause fort zu sein, in ein Mädchen, das an nichts anderes mehr denken konnte als an Jungs, Dates und alte Geschichten.

***

Als der Wind auffrischte und die Flut den Strand hochzukriechen begann, waren sich alle Moms einig, dass es Zeit zum Aufbrechen war. Während Virginia und CeeCee über ihre ungleichmäßige Sonnenbräune lamentierten, warf ich einen letzten Blick auf den Strand. Ich begann mich zu fragen, ob Leos Bemerkung, dass ich ihn jederzeit finden könnte, auch nur ein Lügenmärchen gewesen war.

Außerdem, dachte ich, als ich mein Handtuch ausschüttelte, was hätte ich tatsächlich getan, wenn ich Leo am Strand entdeckt hätte? Ihn vor allen Leuten geküsst?

Meine Gliedmaßen kribbelten bei diesem Gedanken.

Als wir über die Strandpromenade in Richtung Innenstadt liefen, blieben Mom und ich etwas hinter den anderen zurück. Unser gemeinsamer Strandbeutel baumelte von meiner Schulter. Ich wusste zwar, wieso ich etwas trödelte, doch war es merkwürdig, dass meine immer ach so effektive Mutter ihre Schritte ebenfalls verlangsamt hatte.

Ich blickte zu ihr und mir fiel auf, wie still sie seit der Enthüllung über Mr. Illingworth geworden war. Zwei rosafarbene Flecken waren auf ihren Wangenknochen erschienen – kein Sonnenbrand.

»Also … ich habe eine Frage«, sagte sie nach einer Minute so leise, dass Virginia, ihr Bruder und Felice, die vor uns liefen, nichts hören konnten.

»Ich dachte, ich wäre diejenige mit den Fragen«, scherzte ich und versuchte, die zwischen uns aufgekeimte Feindseligkeit zu entschärfen.

Mom schenkte mir ein flüchtiges Lächeln. »Dieser T. J.«, setzte sie an, was meinen Puls sofort beschleunigte. »Vielleicht ist er ja jemand, den du gern besser kennenlernen möchtest? Dann könntest du außer CeeCee und den Mädels noch andere Freunde auf Selkie haben.«

Und außer Leo, dachte ich und blickte auf meine Chucks hinunter.

»Hmm, klingt nett«, gelang es mir zu erwidern, und ich begriff, warum ich mit Mom niemals über Jungs gesprochen hatte – es war die mit Abstand unangenehmste Unterhaltung, die man mit einem Elternteil führen konnte.

Als wir am Crabby Hook vorbeikamen, sog ich den Duft von gekochtem Mais ein und musste wieder an die Erben-Party denken. Da ich wusste, dass Mom und Mr. Illingworth eine Verbindung hatten, erschien T. J. jetzt in einem anderen Licht: Er kam mir sowohl bekannter als auch fremder vor.

»Nun, ich habe überlegt, ihn und seinen Vater morgen zum Tee einzuladen«, sagte Mom eilig, und es war klar, dass sie diese Idee schon den ganzen Nachmittag erwogen hatte. Die rosafarbenen Flecken auf ihrer Wange wurden dunkler.

»Wirklich?« Mein Bauch verkrampfte sich ein wenig. Wollte Mom die beiden zum Tee einladen, damit ich Zeit mit T. J. verbringen konnte? Oder hatte sie andere Motive? Ich dachte an ihr geheimnisvolles Telefongespräch am Abend zuvor. »Mom«, erwiderte ich zögernd und versuchte ihrem Blick auszuweichen, »ich weiß, dass du und Mr. Illingworth euch – was auch immer, aber …« Ich verstummte, und mein Gesicht wurde rot. Vielleicht war das wirklich das unangenehmste Thema überhaupt, das man mit einem Elternteil erörtern konnte.

Mom nickte, ihr Blick wirkte fern. »Es ist schon eine Weile her, seit Teddy … seit Mr. Illingworth und ich miteinander bekannt waren. Doch jetzt, wo ich wieder auf Selkie bin, habe ich viel darüber nachgedacht, wie wichtig es ist, die Dinge zu bereinigen. Ich schätze, ich habe in meiner Jugend ein paar … Fehler gemacht.« Sie zog einen Schmollmund, als ob sie fürchtete, zu viel gesagt zu haben.

»Welche Fehler?«, fragte ich und suchte in ihrem Gesicht nach einer Antwort. Mom machte keine Fehler. Sie war eine erfahrene Ärztin für Plastische Chirurgie – und verdiente ihr Geld damit, das Aussehen anderer Leute zu perfektionieren. Und außerhalb des OPs war sie ebenso kontrolliert und geordnet. Sie löste das Kreuzworträtsel der sonntäglichen New York Times mit einem Füllfederhalter. Sie war Mom.

»Darum geht es jetzt nicht, Miranda«, erwiderte sie forsch und beschleunigte ihre Schritte. »Es geht um …« Sie schien nach den passenden Worten zu suchen. »Ich wollte nur wissen, ob du einverstanden bist, wenn wir Gäste bekommen.«

»Ich denke ja«, entgegnete ich, gleichermaßen aufgeregt und ängstlich. T. J.? Im Alten Seemann? Mit mir? Ich versuchte, es mir vorzustellen: seine großen braunen Augen inspizieren das Chaos aus Kartons, sein gebügeltes Jackett hängt an der ankerförmigen Garderobe.

»In Ordnung«, sagte Mom. Sie klang viel entspannter, als wir jetzt den Platz in der Innenstadt betraten. »Dann rufe ich Mr. Illingworth an und lade sie ein.«

Während Mom beschleunigte, um die anderen einzuholen, konnte ich angesichts dieses merkwürdigen Szenarios nur die Stirn runzeln. Als ich CeeCee gesagt hatte, dass ich mich lieber in einer Vierergruppe mit T. J. treffen wollte – hatte ich mir nicht gerade diese Art von Date vorgestellt.

***

»Dann fragte also der Caddy: ›Sir, ist das Ihr Sohn?‹, und ich konnte bloß sagen: ›Das will ich doch hoffen!‹«

Theodore Illingworth der Erste kicherte über seine eigene Geschichte. Lächelnd zuckte ich neben T. J. zusammen, der ein maßvolles Grinsen aufgesetzt hatte. Mom, die Pfefferminze in den Eisteekrug rührte, murmelte etwas von T. J.s Talent, und ich beneidete sie um ihre soziale Kompetenz.

Montagnachmittag – die Teestunde – war gekommen. Der ältere und der jüngere Illingworth waren erst vor zehn Minuten im Alten Seemann eingetroffen, und schon jetzt hatten wir uns an zwei Golfgeschichten ergötzt. Ich wusste nicht, wie viele ich noch würde ertragen können.

In seinem eleganten Anzug aus Leinen, von dem sich abwechselnd glatte und geraffte Stoffstreifen abzeichneten, weltmännisch und nach Zigarren duftend, machte T. J.s Vater in unserer Küche eine gute Figur. Doch noch immer begriff ich nicht, was Mom in ihm gesehen hatte, selbst damals, vor all diesen Jahren. Mein Dad, der nicht so klassisch gut aussehend war wie Mr. Illingworth, kam mir viel charmanter vor – auch wenn das vielleicht nur daran lag, dass er seine Witze gut erzählen konnte.

»Dieses Haus ist fantastisch«, sagte T. J. zu mir und deutete auf die marmornen Abstellflächen. »Ich hatte natürlich schon davon gehört, aber es selbst zu besuchen, ist eine völlig andere Geschichte.«

Fantastisch war meiner Meinung nach, wie glatt und glänzend T. J.s Haare aussahen, wie adrett er sie sich aus der Stirn gekämmt hatte. Nachdem ich ihn drei Tage lang nicht gesehen hatte, war sein gutes Aussehen fast irritierend. Und die Tatsache, dass er neben mir stand, so dicht, dass ich die Webart seines blauen Button-down-Hemds erkennen konnte, verursachte ein Kribbeln in meinem Nacken.

»Es ist gerade etwas in Auflösung begriffen«, erwiderte ich und benutzte diese entschuldigende Phrase, die ich Mom einmal hatte sagen hören. Ich hörte mich merkwürdig an … damenhaft. Am anderen Ende der Küche öffnete Mr. Illingworth die Kühlschranktür für Mom und sie murmelte: »Aber vielen Dank, Teddy.«

»Ein bisschen mehr Glanz könnte nicht schaden«, wagte sich T. J. hervor und tippte mit dem Finger gegen sein rechteckiges Kinn. Einen Augenblick ließ er seinen Blick auf mir ruhen, bevor er auf die sich ablösende, aquamarinfarbene Tapete deutete.

Es drehte sich mir der Magen um. War ich paranoid geworden, oder deutete T. J. etwa an, dass auch ich etwas mehr Glanz gebrauchen könnte? Ich blickte auf meinen weißen Pullover mit V-Ausschnitt, meine grünen Caprihosen und meinen schwarzen flachen Schuhe hinunter. Mom und ich hatten den Vormittag mit Putzen verbracht, und ich hatte kaum Zeit gehabt, mich zu duschen und ein paar Sachen zusammenzustellen. Jetzt hatte ich das schlichteste Outfit von allen. Mom trug Schuhe mit hohen Absätzen und ein blassrosa Strandkleid mit ausgestelltem Rock, dessen Existenz mir bisher nicht bekannt gewesen war.

»Ich war völlig schockiert, als mir mein Vater erzählte, ihr würdet erwägen, den Alten Seemann zu verkaufen«, fuhr T. J. fort und strich mit der Handfläche über die Arbeitsplatte. »Klar, ihr könntet sicher einen Haufen Geld damit verdienen, aber ein Haus wie dieses ist doch in erster Linie eine historische Sehenswürdigkeit.«

Ich zuckte mit den Schultern und fragte mich, wie ich die Unterhaltung nun wieder vom Thema Immobilienmarkt abbringen könnte. »Unser Leben spielt sich in New York ab«, sagte ich, wobei mir klar wurde, wie weit entfernt New York gerade war. Wie weit entfernt es von Leo war. »Das Haus zu behalten wäre wie …«

»Ein Albatross um euren Hals?«, warf Mr. Illingworth dröhnend ein. Ich hatte keine Ahnung, dass er uns zugehört hatte. Er grinste, wippte auf seinen Absätzen hin und her und fuhr fort: »Wie auf dem Bild von dem alten Seemann, das im Flur vor dem Arbeitszimmer hängt.«

Ich runzelte die Stirn. Wie konnte Mr. Illingworth von dem Gemälde wissen? Auf dem Weg von der Vorhalle in die Küche waren wir nicht daran vorbeigekommen.

»So ähnlich«, sagte Mom lachend. Sie kniete vor dem Backofen und überprüfte ihre Blaubeertarte. Ich konnte mich nicht an den Gedanken gewöhnen, dass Mom anscheinend plötzlich Gefallen am Kochen und Backen gefunden hatte. Sie hatte mich am Morgen sogar gebeten, ihr mit der Tarte zu helfen, doch ich hatte abgelehnt. Die Zubereitung von Essen reizte mich nicht.

»Sag, dass es nicht stimmt, Amelia Blue!«, tönte Mr. Illingworth und legte eine Hand auf seine Brust, während T. J. zustimmend kicherte. »Ich weiß nicht, ob Selkie Island es verkraften kann, wenn du wieder verschwindest.« Er machte eine Pause und fügte dann nüchtern hinzu: »Ich hab dich schon einmal entkommen lassen.«

Okay. Nein. Ich kämpfte gegen das Bedürfnis an, mir die Ohren zuzuhalten. Ich blickte zu T. J., um zu sehen, ob auch er vor lauter Peinlichkeit zusammenzuckte, aber er nickte seinem Vater mit ernster Miene zu.

»Wer möchte Tarte und Tee?«, fragte Mom. Ihre Stimme klang schrill. Sie hielt das Backblech in ihren behandschuhten Händen und schwankte in ihren Pumps hin und her, während ihr Gesicht langsam immer mehr rosa wurde. Mit einem dümmlichen Grinsen blickte sie mich an.

Ich wünschte, der Alte Seemann wäre mit einer geheimen Falltür ausgestattet gewesen, durch die ich hätte fallen können.

Mr. Illingworth langte nach dem Krug mit Eistee. »Lasst uns doch alles nach draußen auf die Terrasse bringen. Es ist zwar bewölkt, aber so schnell gibt es sicher keinen Regen.«

Erschrocken wich ich gegen die Arbeitsplatte zurück. Die Golf-Anekdoten waren eine Sache, aber der Gedanke, dass Mr. Illingworth nun auf der Terrasse weitere Komplimente und viel zu detaillierte Bemerkungen von sich geben könnte, ließ mich schaudern. Was immer Mom gestern auch gesagt hatte, für T. J.s Dad, so schien es, war ihr gegenseitiges Umwerben einst eine große Sache gewesen.

Dann sprach T. J. Mein unerwarteter Retter.

»Daddy, was hast du da eben über ein Gemälde gesagt?«, fragte er. »Gibt es hier so etwas wie Vertreter der Schönen Künste?«

»Der schönsten«, entgegnete Mr. Illingworth und hob den Krug vom Tisch. »Ich meine, Roger St. Claire hat das Bild von Isadora gemalt, das im Arbeitszimmer hängt, nicht wahr?« Mom nickte, und Mr. Illingworth sagte an mich gewandt: »St. Claire ist einer der bekanntesten Porträtisten im gesamten Süden.«

»Ah, Miranda!«, zwitscherte Mom. Ihre Stimme klang noch immer seltsam. »Ich weiß! Warum zeigst du T. J. nicht das Porträt im Arbeitszimmer? Und natürlich auch das Bild vom Seemann. Das wäre doch nett, oder?« Sie schielte zu Mr. Illingworth, der sie verständig anlächelte. Mein Herz fing an zu pochen. Nahm Mom etwa Unterricht bei CeeCee?

»Klingt wunderbar«, sagte T. J. mit warmer Stimme und drehte sich zu mir.

»Okay, ihr geht schön los, und wir heben euch was von der Tarte auf«, sagte Mr. Illingworth, scheuchte uns zur Küchentür und winkte T. J. zu. »Viel Vergnügen.«

»Wollen wir?«, fragte T. J. und bot mir seinen Arm an.

Ich zögerte. Mich bei T. J. einzuhaken schien ein großer Schritt zu sein, fast wie irgendeine Verpflichtung. Greg und ich hatten uns kaum jemals an den Händen gehalten – was rückblickend wahrscheinlich ein Warnzeichen hätte sein sollen. Dennoch gab es etwas Aufregendes daran, diese altmodische Pose mit einem Jungen wie T. J. Illingworth einzunehmen. Mom blickte dabei so anspornend zu mir herüber, dass ich irgendwie das Gefühl hatte, sie nicht im Stich lassen zu können.

Tief Luft holend schlang ich meine Hand um T. J.s Ellbogen, gemeinsam verließen wir die Küche und ließen Mom und Mr. Illingworth zurück.