KAPITEL 13

Schlüssel

Als ich das Arbeitszimmer verließ und nach oben in mein

Zimmer lief, wurde ich vom Klingeln meines Handys überrascht. Abgesehen von Dad und Wade hatte mich während meines Aufenthalts auf Selkie niemand angerufen.

Mein erster Gedanke, meine erste Hoffnung war, dass Leo anrief, bis mir einfiel, dass wir unsere Nummern niemals ausgetauscht hatten. War es vielleicht Linda, die sich noch einmal entschuldigen wollte?

Ich schnappte mir das Handy von meinem Nachttisch. Da ich die 912er-Vorwahl nicht einordnen konnte, meldete ich mich verhalten.

»Was ist gestern Abend bloß passiert?«, fragte ein Mädchen mit geziertem Südstaatenakzent.

CeeCee. Ich seufzte. Ich hatte vergessen, dass sie meine Nummer hatte.

»Wovon redest du?«, fragte ich und zog meine Pantoffeln aus. In Gedanken war ich noch immer bei Llewellyn Thorpes Buch.

»Oh, meine Güte! Schneller konntest du wohl nicht verschwinden?!«, rief CeeCee. Am anderen Ende der Leitung hörte ich ein Quietschen, das sich wie eine Tür anhörte, und dann das Tschack-Tschack ihrer Flip-Flops. »Jackie und ich haben uns Sorgen gemacht.«

»Virginia etwa nicht?«, fragte ich ironisch und ließ mich auf mein ungemachtes Bett fallen.

CeeCee war für einen Moment still. »Miranda, es tut mir so furchtbar leid«, sagte sie, und ihre Stimme klang voller Bedauern. Ich begriff so langsam, dass CeeCee trotz ihrer Oberflächlichkeit ein gutes Herz hatte. Vielleicht war ich ja oberflächlich gewesen, weil ich sie nicht ernst genommen hatte. »Virginia und T. J.«, fuhr CeeCee widerstrebend fort, »sie sind, äh … irgendwie zusammengekommen. Wir sind alle zu Bobbys Haus gegangen, und die beiden …«

»CeeCee«, unterbrach ich sie und spürte, wie sich ein Lächeln auf meinem Gesicht ausbreitete. »Ich hatte schon gedacht, dass so etwas passieren könnte, und es ist in Ordnung für mich. Ehrlich. Ich habe letzte Nacht verstanden, dass T. J. nicht … der richtige Typ für mich ist. Verstehst du?«

»Es tut mir so leid!«, jammerte CeeCee. Ich hörte ein plätscherndes Geräusch im Hintergrund, gefolgt von Jacquelines Stimme. »Ja, ich spreche gerade mit ihr«, sagte CeeCee zu Jacqueline. »Miranda, könntest du nicht wenigstens heute Abend vorbeikommen?«, fragte sie mich dann hoffnungsvoll. »Wenn du T. J. vielleicht noch einmal treffen würdest …« Sie hielt inne. Der Nachklang ihrer Stimme hing fragend in der Luft.

»Wieso? Was ist denn heute Abend?«, fragte ich und verspürte beim Gedanken an Leo leichte Ungeduld. Ich blickte aus dem Fenster und wünschte mir, dass der spätnachmittägliche Himmel schneller dunkel wurde.

»Mama hat mir erzählt, dass sie deine Mutter und Mr. Illingworth zu einem Abschiedsessen eingeladen hat«, erklärte CeeCee. »Ich kann gar nicht glauben, dass ihr schon am Sonntag abreist.«

»Dann sind wir ja schon zwei«, murmelte ich. Was nun wiederum ich nicht glauben konnte, war, dass Delilah – und CeeCee – von meiner Abreise wussten, bevor ich überhaupt davon erfahren hatte. Irgendwie fühlte sie sich dadurch noch viel realer an.

Ich versicherte CeeCee, dass ich nicht das Bedürfnis hatte, T. J. wiederzusehen. Ich unterließ es hinzuzufügen, dass ich insbesondere auch keinen Wunsch verspürte, Mom und Mr. Illingworth zusammen zu sehen. Allerdings war ich nicht unglücklich bei dem Gedanken, dass Mom am Abend nicht im Haus sein würde. Das machte mein Entkommen wesentlich einfacher.

»Ich denke, ich werde heute Abend packen«, sagte ich zu CeeCee und nahm ihr Armband vom Nachttisch. »Aber vielleicht kann ich ja morgen vorbeischauen und dir dein Armband und dein Kleid zurückbringen?« Ich wollte mich wirklich gerne von CeeCee und Jacqueline verabschieden – und auch von Virginia, wenn sie dann zugegen war. Ich trug ihr wirklich nichts nach.

»Du könntest auch jetzt kommen!«, bot CeeCee an, und das plätschernde Geräusch im Hintergrund wurde lauter. »Jackie und ich hängen hier gerade am Pool rum. Virginia ist nicht da«, fügte sie treuherzig hinzu.

Ich stellte mir Jacqueline und CeeCee in ihren Bikinis vor und verspürte einen leichten Anflug von Neid. Die Glücklichen. Sie hockten nicht herum und waren besessen von krankhaften Dingen wie Meerwesen und Kreaturen des Ozeans. Wieso musste ich bloß immer so anders als alle anderen sein?

Die Schuld lag bei Llewellyn Thorpe, entschied ich leicht verärgert. Ich dachte an das Buch, das unschuldig neben dem schwarzen quadratischen Kästchen mit dem goldenen Verschluss lag.

Ich runzelte die Stirn. Moment mal.

Das Kästchen.

Im Arbeitszimmer hatten mich so viele andere Dinge abgelenkt, dass ich mich nie gefragt hatte, was das Kästchen eigentlich enthielt; extravagante Füllfederhalter oder kleine Briefpapierstapel wären meine Vermutung gewesen. Doch soeben war mir klar geworden, dass es eine Miniaturkopie eines anderen Gegenstands im Haus war.

Des Koffers in Isadoras Wandschrank.

»Miranda? Bist du noch dran?«, fragte CeeCee.

Mein Herz fing an zu hämmern und ich schwang meine Füße vom Bett. »CeeCee, ich rufe dich später zurück«, erwiderte ich zerstreut und beendete das Gespräch.

Ich war mir absolut sicher, als ich aus meinem Zimmer stürzte und die Treppe hinunterrannte. Plötzlich hatte ich das Gefühl, als ob sich mir alles offenbarte, die Geheimnisse von Leo und die meiner Großmutter. Ich betrat wieder das Arbeitszimmer, rannte auf den Schreibtisch zu und ließ zum ersten Mal Llewellyn Thorpes Buch außer Acht. Stattdessen fasste ich nach dem schwarzen Kästchen und stellte fest, dass der Deckel – Gott sei Dank – unverschlossen war. Im dunkelroten Inneren schmiegten sich, wie ich es vermutet hatte, zwei Füllhalter mit goldenen Schreibfedern aneinander. Ich war enttäuscht. Als ich jedoch einen der Füllhalter herausnahm, fiel mein Blick auf etwas, das darunter lag.

Ein angelaufener Messingschlüssel.

Mein Herz fing wieder an zu rasen.

Der Schlüssel. Er musste es sein.

Ich sah zu Isadoras Porträt. Da sie es hier aufgehängt hatte, musste sie das Arbeitszimmer sehr geliebt haben. Bei meiner Inspektion des Alten Seemanns war ich nie auf die Idee gekommen, am offenkundigsten Platz nach dem Schlüssel für ihren Koffer zu suchen.

Den Schlüssel fest in meine Hand gedrückt lief ich aus dem Zimmer und rannte die Treppe hoch, wo ich beinahe mit Mom zusammenstieß.

Sie trug eine Leinenhose, ein Oberteil mit U-Boot-Kragen und hielt ihre Einkaufstasche in der Hand. »Ich gehe in die Stadt und kaufe eine Flasche Bourbon für die Coopers«, sagte sie und informierte mich damit im Vorbeigehen über das Essen am Abend. »Komm doch mit, wenn du magst«, fügte sie hinzu und lächelte mich zerknirscht an. Es war klar, dass ihr die Sache mit Greg immer noch leidtat.

Ich vergrub den Schlüssel in meiner Hand und schaffte es irgendwie zu sagen, dass ich CeeCees Einladung bereits ausgeschlagen hatte. Dann wartete ich, bis Mom die Treppe hinuntergelaufen und aus dem Haus gegangen war, und rannte mit hämmerndem Puls die restlichen Stufen hinauf.

Ich flitzte in Isadoras Wandschrank und zog an der Schnur, um die Glühbirne über mir einzuschalten. Dann schob ich mich an den noch nicht eingepackten Kleidern vorbei, kniete mich vor den Überseekoffer und steckte den Schlüssel ins Schloss.

Obwohl ich mir sicher war, dass er passte, hörte ich mich nach Atem ringen, als sich das Schloss öffnete.

Langsam hob ich den Kofferdeckel an; der Geruch von Mottenkugeln stieg mir zur Begrüßung in die Nase.

Der Koffer enthielt ein einziges Kleid: Es war cremefarben und trägerlos, und am Hals sowie auf dem langen hauchdünnen Rockteil waren altrosafarbene Blumen appliziert.

Erstaunt zog ich das Kleid heraus, wobei ich einen Nebel aus Staub fabrizierte. Dieses Abendkleid traf zwar genau so wenig meinen Geschmack wie das schwarze Spitzenkleid, das hinter mir hing, doch zweifellos war es wunderschön. Außerdem war es weitaus extravaganter als alles andere in diesem Wandschrank. Das erklärte allerdings nicht, wieso Isadora es hier verstaut hatte.

In der Hoffnung, einen Hinweis zu finden, legte ich das Kleid beiseite und schaute wieder in den Koffer. Lediglich ein Stapel Briefumschläge, die mit einem Gummiband zusammengehalten wurden, hatten unter dem Kleid gelegen. Ich nahm den Stapel heraus und sah, dass ein paar maschinengeschriebene Zeilen auf weißem Papier um den Stapel gewickelt waren, ihn gänzlich einhüllten.

Die Neugier beschleunigte meine Bewegungen, während ich das Gummiband entfernte und den Brief auseinanderfaltete. Die Datumsangabe auf dem Kopf lag nicht lange zurück, nur ein paar Monate vor Isadoras Tod.

 

Liebe Mrs. Hawkins,

gemäß Verfügung des verstorbenen Mr. Henry Blue Williams, Selkie Island, Georgia, füge ich diesem Schreiben die Korrespondenz bei, die Mr. Williams Ihnen testamentarisch zu hinterlassen wünschte.

Mit freundlichen Grüßen

Daryl Phelps

 

Ein Schauder überkam mich, als ich den Brief oben auf das Kleid legte. Irgendjemand – wer immer dieser Henry Blue Williams gewesen sein mochte – hatte Isadora also kurz vor ihrem Tod etwas hinterlassen. Hatte dies etwa Isadoras spätere Großzügigkeit gegenüber Mom ausgelöst? Und worum ging es in dieser Korrespondenz genau?

Als mein Blick wieder auf die vergilbten Briefumschläge in meiner Hand fiel, schreckte ich auf: Die Adresse auf jedem der Umschläge war von Isadora persönlich in ihrer typisch geschwungenen, eleganten Schrift verfasst worden. Alle waren adressiert an:

 

Henry B. Williams

5 McCloud Way

Selkie Island, Georgia

 

Die Absenderadresse auf jedem Brief lautete Der Alte Seemann. Ausgehend vom Poststempel stellte ich eine kurze Berechnung an: Als diese Briefe verschickt worden waren, war Mom noch nicht geboren, und Isadora musste Ende zwanzig gewesen sein. Ich versuchte mich zu erinnern, ob ich den Namen Henry Blue Williams zuvor schon einmal gehört hatte, doch die mir einzig bekannten Namen waren Daryl Phelps – der Anwalt, mit dem Mom gesprochen hatte – und der Straßenname auf dem Umschlag: McCloud Way. Es war der Name des unbefestigten Wegs, der zu Leos Haus führte. Wieso hatte meine Großmutter jemandem in Fisherman’s Village geschrieben?

Mit zitternden Fingern drehte ich den ersten Umschlag des Stapels um und hob die Lasche an, um den auf dünnem Durchschlagpapier geschriebenen Brief zu enthüllen.

 

15. Juni Mein Liebster,

ich denke immer an dich. Während ich hier sitze und auf der Veranda fast vor Hitze umkomme, veranstaltet Klein-C. eine Teeparty mit ihren Puppen. Klein-J. jagt über den Strand und J. H. wütet hier drinnen herum und mixt sich einen weiteren Gin-Tonic. Alles ganz normal, doch wenn ich auf den tiefen Ozean hinausblicke, kommst du mir in den Sinn, und ich einnere mich wieder, wie außergewöhnlich – wie magisch – das Leben sein kann. Hab Dank dafür, dass du mir diese sehr wichtige Lehre erteilt hast.

Immer die deine,

IBH

 

Ich legte den Brief beiseite und spürte mein Herz in der Brust hämmern. Ich konnte nicht glauben, dass Menschen eine so blumige und romantische Sprache im wirklichen Leben benutzt hatten. Ebenso wenig konnte ich glauben, dass meine eigene Großmutter diese Zeilen geschrieben hatte – an irgendeinen Mann. Nicht an meinen Großvater, er dürfte der J. H. in ihrem Brief gewesen sein. Und Klein-C. und Klein-J. mussten dann wohl Tante Carol und Onkel Jim bedeuten.

Dann …

Hatte Isadora eine Affäre gehabt?!

Es kam mir vor, als sei ich eben ganz tief in die Geschichte hineingestolpert, in einen Teil des Lebens meiner Großmutter, dessen Entdeckung nicht für mich bestimmt war.

Eine Affäre. Der Gedanke an Betrug löste ein Brennen tief in meinem Hals aus, verursachte mir Übelkeit. Ich dachte an Linda und Greg und stellte mir dann meine Großmutter in ihrer Jugend vor, hübsch und kokett. War sie wirklich der Typ gewesen, der meinen Großvater betrog, den Vater ihrer Kinder? Nannte meine Mutter sie deswegen ein Monster?

Ich blickte auf die Schnörkel und Kurven in der Handschrift meiner Großmutter – so gänzlich anders als meine eigene ordentliche und solide Schreibweise. In den letzten Tagen hatte ich eine zunehmende Verbindung zu Isadora empfunden, die vielleicht an unserer körperlichen Ähnlichkeit lag. Doch nun konnte ich spüren, dass meine wie auch immer geartete eigenartige Loyalität zu verebben begann.

Nichtsdestotrotz wollte ich mehr wissen und öffnete einen weiteren Umschlag, der nur ein paar Tage später abgestempelt war.

 

Mein geliebter H., ich hasse es, dass wir durch unsere gewaltigen und komplizierten Gegensätze, durch deine Situation, voneinander getrennt sind. Ich möchte am liebsten die Wände meines Hauses einreißen und mich bedenkenlos in den Ozean stürzen. Am liebsten würde ich unser Geheimnis nicht länger verbergen. Wenn wir doch immer auf Siren Beach bleiben könnten, weit entfernt von den neugierigen Blicken der Gesellschaft! Heute Abend werde ich es mir in meinem Arbeitszimmer gemütlich machen, die Gedichte von T. S. Eliot lesen und von dir träumen.

Immer die deine,

IBH

 

Ich legte den Brief beiseite. Es gab noch viel mehr Umschläge, doch zunächst musste ich nachdenken, meine verstreuten Gedanken ordnen. Ich setzte mich auf den staubigen Fußboden und lehnte mich gegen die schwankende Wand aus Kleidern hinter mir.

Ich fragte mich, ob ich das eben Gelesene für bare Münze nehmen konnte. Vielleicht waren diese Briefe, so wie Llewellyn Thorpes Buch, metaphorisch und gar nicht wörtlich gemeint. Obwohl es keinen Zweifel daran gab, dass Isadora diesen Mann, diesen Henry Williams, als ihren ›Geliebten‹ bezeichnet hatte. Es war nicht zu verleugnen, dass sie vorgehabt hatte, von ihm zu träumen. Ich hatte zwar nur Dreien in den geisteswissenschaftlichen Fächern, wusste aber, dass in diesen Sätzen nicht all zuviel Raum für Metaphern übrig war.

Doch es gab andere Dinge in diesen Briefen, vage Anspielungen, die nicht so leicht zu entziffern waren. Ich hasse es, hatte Isadora geschrieben, dass wir durch unsere gewaltigen und komplizierten Gegensätze voneinander getrennt sind. Ihre Worte erinnerten mich daran, was Leo zuvor auf der Veranda über uns gesagt hatte. Und was hatte Isadora mit Henry Williams’ ›Situation‹ gemeint? Stimmte irgendetwas nicht mit ihm? Beinahe gedankenlos blickte ich auf meine nackten Füße. Zusammengewachsene Zehen oder Finger waren interessant, dachte ich. Es gab irgendetwas Aquatisches an ihrer Erscheinung, so als wären sie Reliquien uralter menschlicher Existenz im Wasser.

Oder waren sie vielleicht genau das, was Meerjungfrauen und Meermänner ausmachte?

Mein Herz überschlug sich fast. Erst vor Kurzem hatte ich etwas in Llewellyn Thorpes Buch gelesen, den Keim eines winzigen Details, das sich nun abmühte, in mein Bewusstsein zu dringen. Ich wusste genau, dass es mit Isadoras Brief zusammenhing, doch ich konnte mich nicht daran erinnern.

Ich blickte wieder auf die beiden Umschläge, die ich zur Seite gelegt hatte. Die beiden gleichlautenden Adressen starrten mich an. Henry B. Williams. Henry B. Williams.

Williams.

Ein Schock durchfuhr mich.

Oh mein Gott.

Gemäß der Theorie Llewellyn Thorpes war Williams einer der Familiennamen, der mit den Nachkommen von William McCloud assoziiert wurde. Die Williams waren ein von den McClouds getrennter Familienzweig der Meerwesen.

Wenn Llewellyn Thorpes Buch auch nur im Mindesten Tatsachen beschrieb, würde das bedeuten, dass meine Großmutter eine Affäre gehabt hatte, die …

Meine Stirn war schweißnass, als ich mich auf die Füße zog. Nein. Das konnte nicht sein. Dieses Buch beschrieb keine Tatsachen. Isadora musste auf ihre Klassenunterschiede angespielt haben – sie im Elfenbeinturm des Alten Seemanns und Henry Williams in Fisherman’s Village.

Vielleicht hatten auch sie sich am Siren Beach getroffen, dort wo Unterschiede keine Rolle spielten. Vielleicht hatte sie sich auch von der Freiheit angezogen gefühlt, die er, anders als alle anderen in ihrem Leben, ausgestrahlt hatte. Ich biss mir in die Lippe, blickte mich um und fuhr mit der Hand über das schwarze Spitzenkleid. Vielleicht ähnelten meine Großmutter und ich uns ja tatsächlich, ähnelten uns auf eine Weise, die weit über dunkle Locken und glatte Haut hinausging, ähnelten uns auf eine Weise, die ich mir niemals hätte vorstellen können.

Ich dachte daran, wie Delilah vor einigen Tagen von der sich wiederholenden Geschichte gesprochen hatte. Sie hatte darauf angespielt, dass T. J. und ich die Geschichte der Beziehung zwischen Mom und Mr. Illingworth wiederholten. Doch nun kam es mir vor, als folgte ich Isadoras Weg wie einer Anzahl von Stufen, die zum Ozean hinunterführten. Vielleicht erbten die Menschen ja nicht bloß das Aussehen, die Talente und die Anfälligkeit für Krankheiten, sondern auch das Schicksal.

Dann hörte ich, wie die Haustür aufgeschlossen wurde – Mom kam vom Supermarkt zurück. Mit größter Eile stopfte ich das cremefarbene Kleid und die Briefe zurück in den Koffer, verschloss ihn und steckte den Schlüssel in die Tasche meiner Pyjamahose. Ich würde am nächsten Tag zurückkommen, um weiterzulesen. Einem plötzlichen, sicheren Instinkt nachgebend nahm ich das hochgeschlossene schwarze Spitzenkleid vom Bügel, legte es mir über den Arm und brachte es in mein Zimmer, wo es auf den Anbruch der Nacht warten konnte.

Es war ein Wunder, dass ich den restlichen Nachmittag überstand. Ich nahm eine lange heiße Dusche, lief dann über unseren privaten Strandabschnitt und zählte die verstreichenden Minuten. Als der Abend sich langsam über den Himmel breitete, kehrte ich ins Haus zurück, wo sich Mom in einem eleganten Kleid darauf vorbereitete, zum Abendessen aufzubrechen. Sobald sie gegangen war – nicht ohne argwöhnisch in meine Richtung zu blicken und mich anzuhalten, mir das Abendessen aus dem Kühlschrank warm zu machen –, lief ich in mein Zimmer und begann mich umzuziehen.

Mit den routinierten Bewegungen eines Chemikers im Labor schlüpfte ich in meinen schwarzen Badeanzug. Dann hob ich, mit Schmetterlingen im Bauch, Isadoras Kleid von meinem Bett. Es gab einen kleinen Reißverschluss an der Seite, den ich aufmachte, bevor ich es mir über den Kopf zog. Der Stoff war gleichzeitig weich und kratzig. Der Schnitt war so präzise, als wäre das Kleid für mich geschneidert worden. Ein kalter Schauer lief mir über die Arme, doch die Tatsache, dass das Kleid wie angegossen passte, schien mir ein Zeichen dafür zu sein, dass ich das Richtige tat.

Schließlich schlüpfte ich in meine flachen Schuhe und betrachtete mich selbst im Spiegel über der Kommode. Ich hatte mich entschieden, mein Haar nach der Dusche offen zu tragen, und als ich mich an Jacquelines gestrige Aktion erinnerte, lieh ich mir etwas von Moms Lidschatten aus dem Badezimmerschrank und trug ihn auf.

Ich war auf die Ähnlichkeit mit Isadora durchaus vorbereitet, doch was mir nun aus dem Spiegel entgegenblickte, war mehr als das. Heute Abend war ich meine Großmutter. Es lag ganz sicher auch an diesem Kleid im Retrostil, doch da war auch noch etwas anderes – ein Strahlen in meinem Gesicht, eine Schüchternheit in meinem Blick. War es Leo, waren es meine Gefühle für ihn, die diese Verwandlung bewirkt hatten?

Oder war ich es selbst?

Ich war mir nicht sicher, ob ich tatsächlich meine Großmutter sein wollte. Doch kam es mir vor, als hätte ich in dieser Hinsicht keine Wahl. Die alte Miranda, vernünftig und verantwortungsvoll, hätte sich niemals aus dem Haus geschlichen, wenn sich ihre Mutter ohnehin schon über sie aufgeregt hatte. Doch diese neue Miranda – halb sie selbst, halb das Monster – tat das Unmögliche: Sie schaltete das Licht in ihrem Zimmer aus, schlich auf Zehenspitzen die Treppe hinunter und dachte nicht mal im Traum daran, eine Nachricht zu hinterlassen. Dann verschloss sie die Haustür und trat in die Umarmung der heißen Inselnacht hinaus.