EPILOG

Als Carol und Brent am übernächsten Tag zu Victoria Shepley bei New Scotland Yard vorgeladen wurden, machten sie sich auf ein riesiges Donnerwetter gefasst. Stattdessen empfing die Inspektorin sie freundlich und bat sie, Platz zu nehmen.

„Eigentlich sollte ich böse auf Sie beide sein. Ich muss Ihnen wohl keine Moralpredigt darüber halten, wie gefährlich es ist, wenn Laien Polizei spielen. Dennoch kann sich Ihre Bilanz sehen lassen. Über die beiden verhafteten Produktfälscher Jeanie Wilde und Eric Ulmer freuen sich hauptsächlich meine Kollegen vom Betrugsdezernat. – Aber dass Sie an meiner Stelle den Mordfall Tricia Lloyd erfolgreich gelöst haben, dafür verdienen Sie Respekt.“

„Wir wollten nicht auftrumpfen, Inspektorin“, beteuerte Carol. „Ich könnte selbst nicht sagen, warum ich Phil Gordon für unschuldig hielt. Es war einfach so ein Gefühl.“

„Und ich begreife immer noch nicht, warum der Typ ein Verbrechen gestanden hat, obwohl er unschuldig war“, ergänzte Brent.

„Das kann ich Ihnen erklären“, sagte die Inspektorin. „So etwas kommt öfter vor, als Außenstehende es sich vorstellen. Phil Gordon lässt sich treiben, er hat keinen Respekt vor sich selbst und kein Rückgrat. Außerdem lebt er auf der Straße. Hätte er seine Unschuld länger beteuert, dann hätte ich nach dem richtigen Täter suchen müssen. Aber er hat sich wohl überlegt, dass es in der kalten Jahreszeit im Gefängnis angenehmer ist als auf den Straßen. Im vorigen Winter sind in London Obdachlose erfroren. Das kann hinter Gittern nicht passieren. Dort kriegt er regelmäßige Mahlzeiten und kann fernsehen. Das ist für einen Mann wie Phil Gordon ein guter Deal.“

„Und dafür nimmt er lebenslänglich auf sich?“, fragte Brent fassungslos.

Die Polizistin zuckte mit den Schultern. „Sie wären erstaunt, wenn Sie wüssten, mit wie wenig manche Menschen zufrieden sind. – Aber daraus ist ja nun nichts geworden, dank Ihnen. Wir haben Phil Gordon schon wieder auf freien Fuß gesetzt.“

„Wurde eigentlich Tricias Handy bei Eve gefunden?“, wollte Carol wissen.

„Nein. Die Täterin gibt an, es nicht zu besitzen. Ich finde sie in diesem Punkt glaubhaft. Das Handy hat bei der ganzen Untersuchung keine Rolle gespielt. Wir können es nicht orten, weil es ausgeschaltet ist. Wahrscheinlich liegt es irgendwo in London herum. Ich vermute, dass Ihre Freundin es schlicht und einfach verloren hat.“

„Und Sie sind wirklich nicht sauer auf uns, Inspektorin?“

„Nein. – Aber Sie müssen mir versprechen, sich nicht noch einmal in meinen Job einzumischen.“

Das sagten Carol und Brent gerne zu. Beim Abschied fragte Carol: „Was wird nun eigentlich aus Eve Sutton?“

„Sie wurde zur Beobachtung in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. Die Ärzte können sich noch kein abschließendes Urteil bilden. Möglicherweise war sie zur Tatzeit nicht zurechnungsfähig.“

Carol atmete tief durch, als sie wieder vor dem 20-stöckigen Hauptquartier der Metropolitan Police stand. Ein kühler Herbstwind wehte durch ihr Haar. Brent legte den Arm um ihre Schultern.

„Woran denkst du gerade, Carol?“, fragte er.

„Mir ist klar geworden, dass ich momentan allein lebe. Eves Eltern haben sich bei mir gemeldet. Sie sind absolut geschockt darüber, was ihre Tochter getan hat. Aber sie wollen auch das Zimmer räumen, denn Eve wird ja in absehbarer Zeit entweder im Gefängnis oder in der Nervenheilanstalt sein.“

„Ich hätte da so eine Idee“, meinte Brent. Erwartungsvoll schaute Carol ihn an.

„Könntest du dir auch vorstellen, mit einem Mann zusammenzuleben, zum Beispiel mit mir?“

Carol stockte der Atem, und im ersten Moment fragte sie sich, ob das nicht alles ein wenig zu schnell ging. Schließlich kannte sie Brent erst seit kurzer Zeit. Doch andererseits waren diese wenigen Tage intensiver gewesen als Jahre ihres früheren Lebens.

„Es gibt so einiges, was ich mir vorstellen kann“, erwiderte sie lächelnd. „Lass dich doch einfach überraschen.“

– ENDE –