3. KAPITEL

Die Beerdigung war bereits für den nächsten Tag angesetzt. Tricias Eltern wollten ihre Tochter in Shrewsbury beisetzen, sodass Carol wieder in ihren Heimatort reiste. Eve kam nicht mit, denn sie hatte Tricia nicht so nahegestanden wie Carol, und in Shrewsbury kannte Eve keine Menschenseele.

Carol wusste später selbst nicht mehr, wie sie die Beisetzung überstanden hatte. Es war schrecklich, Tricias Eltern und ihren Bruder Danny so traurig sehen zu müssen. Doch auch ihre eigenen Eltern hatten es ihr nicht gerade leicht gemacht.

„Schatz, willst du wirklich in London bleiben? Dort ist man seines Lebens nicht sicher.“ Mit diesen Worten hatte Carols Mutter versucht, sie von ihren Plänen abzubringen. Aber Carol blieb standhaft. Sie musste einfach in die Hauptstadt zurückkehren, um einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Außerdem hatte es auch in Shrewsbury vor Kurzem einen Mord gegeben. Ihre Mutter konnte also nicht behaupten, dass man in der Provinz vor Kriminalität sicher sei.

„Ich werde in London studieren, Mom. Ihr wart doch so stolz, als ich einen Studienplatz an der Westminster School bekommen habe. Ich will meine Zukunft nicht aufs Spiel setzen.“

„Du klingst schon so ehrgeizig wie Tricia, Schatz. Sie hat immer nach ihren Chancen gesucht und sie ergriffen. Es ist traurig, dass sie sterben musste.“

Diese Worte ihrer Mutter gingen Carol immer wieder durch den Kopf, als sie sich auf dem Rückweg nach London befand. Sie war vom Friedhof aus direkt zum Bahnhof gegangen. An der anschließenden Trauerfeier wollte sie nicht mehr teilnehmen, denn das wäre über ihre Kräfte gegangen. Es war schon schmerzlich genug gewesen, Erde auf den Sarg ihrer besten Freundin zu werfen.

Nachdem Tricias Mörder endlich gefasst war, wich Carols Trauer einer finsteren Entschlossenheit. Sie wollte dem Mann gegenübertreten, der ihre Freundin auf dem Gewissen hatte. Die Rachefantasien spukten immer noch durch ihren Kopf. Doch der Kerl saß hinter Gittern. Die Polizei würde schon dafür sorgen, dass sie ihm nicht gefährlich werden konnte. Aber was hätte Carol ihm antun können? Sie besaß ja noch nicht einmal eine Waffe.

Außerdem war Carols erster Zorn inzwischen verraucht. Sie konnte sich nicht ernsthaft vorstellen, einen Menschen zu töten – selbst Tricias Mörder nicht. Aber sie musste einfach wissen, wer dieser Typ war und warum er die Tat begangen hatte.

Bis zu Semesterbeginn war noch Zeit, die Carol nutzen wollte, um die Wahrheit über Tricias Tod herauszufinden.

Auf der Visitenkarte, die Inspektorin Victoria Shepley ihr gegeben hatte, standen nicht nur ihre Telefonnummern, sondern auch ihre Dienstadresse. Obwohl sich Carol in London noch nicht gut auskannte, fragte sie sich schnell vom Bahnhof Euston zum Gebäude von New Scotland Yard durch.

Der Ruf der Londoner Polizei war legendär, wie Carol wusste. Durch ihre Vorliebe für mysteriöse Thriller war sie mit einigen der spektakulärsten Fälle vertraut, die von den Scotland-Yard-Beamten gelöst worden waren.

Wenig später stand sie vor dem imposanten 20-stöckigen Hauptquartier der Metropolitan Police. Plötzlich kam sich Carol klein und unwichtig vor. Tricia hatte ihr immer Mut gemacht, wenn sie verzagt und schüchtern war. Jetzt, wo ihre Freundin nicht mehr lebte, musste sie das selbst tun. Carol straffte ihre Schultern und ging mit festen Schritten zum Empfang. „Ich muss mit Inspektorin Shepley sprechen“, sagte sie selbstbewusst.

Der uniformierte Bobby griff zum Telefon. Wenig später geleitete ein junger Polizist Carol zu dem Großraumbüro im siebten Stockwerk, wo die Beamtin an einem Schreibtisch saß.

Die Inspektorin nickte Carol zu. „Guten Tag, Miss Garner. Wie ich hörte, hat heute die Beerdigung Ihrer Freundin stattgefunden. Das war gewiss nicht leicht für Sie.“

Carol kam ohne Umschweife zur Sache. „Nein, aber ich bin froh, dass Sie den Mörder so schnell verhaften konnten. Wie kam es eigentlich dazu?“

Victoria Shepley forderte Carol mit einer Handbewegung auf, Platz zu nehmen, bevor sie kurz die Einzelheiten der Festnahme schilderte. „Weder am Tatort noch in der näheren Umgebung konnten wir die Tatwaffe finden. Ich ordnete also an, dass der gesamte Stadtteil durch Streifenwagen systematisch abgesucht wurde. Dabei fiel meinen Kollegen ein gewisser Phil Gordon auf. Als seine Personalien überprüft werden sollten, entzog er sich der Kontrolle.“

„Sie meinen, er haute ab?“, fragte Carol.

„Genau. Aber die Streifenwagen-Besatzung erwischte ihn dann doch noch. Er war aggressiv und angetrunken, sodass die Kollegen ihm Handschellen anlegen mussten. In seiner Jackentasche fanden sie ein blutiges Messer. Bei der kriminaltechnischen Untersuchung zeigte sich, dass Ihre Freundin mit dieser Waffe getötet wurde. Sie starb übrigens kurz nach halb neun Uhr abends. Das hat die Obduktion inzwischen ergeben.“

„Das ist ja unglaublich. Und – warum hat Phil Gordon Tricia erstochen?“

„So genau kann ich Ihnen das nicht sagen, Miss Garner. Auf jeden Fall gibt der Mordverdächtige die Tat zu. Er ist kein unbeschriebenes Blatt für uns. Phil Gordon ist wegen verschiedener Gewaltdelikte vorbestraft. Er fährt wegen jeder Kleinigkeit sofort aus der Haut. Vermutlich hat er sich von Tricia Lloyd irgendwie provoziert gefühlt. Aber ein überzeugendes Motiv habe ich bis jetzt noch nicht. Immerhin hat er für die Tatzeit kein Alibi.“

„Dürfte ich vielleicht mal mit ihm reden?“

Die Inspektorin blinzelte irritiert. Carol vermutete, sie hätte etwas unglaublich Dummes gesagt. Aber dann erblickte sie ein unterdrücktes Schmunzeln auf Victoria Shepleys Gesicht.

„Zweifeln Sie an meinen beruflichen Fähigkeiten, Miss Garner?“, fragte die Inspektorin.

„Nein, auf gar keinen Fall! Sie haben den Mörder ja auch total schnell verhaften können. Aber ich habe Tricia Lloyd so gut gekannt wie kein anderer Mensch auf der Welt. Selbst ihre eigenen Eltern nicht. Ich weiß, wie sie auf Leute reagiert hat. Bitte, Inspektorin!“

Nachdenklich blickte die Polizistin auf ihre Schreibtischunterlage, bevor sie nickte. „Also gut, einen Versuch ist es wert. Aber ich möchte bei dem Gespräch dabei sein.“

Carol hätte niemals damit gerechnet, dass Victoria Shepley ihren Wunsch erfüllte. Die Polizistin griff jedoch im nächsten Moment nach dem Telefonhörer und meldete sich und Carol in der Strafanstalt an.

Wenig später saß Carol zum ersten Mal in ihrem Leben in einem Polizeiauto. Das Fahrzeug war äußerlich ein ziviler rot lackierter Vauxhall. Doch am Armaturenbrett befand sich ein Funkgerät, das pausenlos Meldungen durchgab, die für Carol unverständlich klangen.

„Wir fahren jetzt in den Südwesten Londons“, erklärte die Inspektorin. „Phil Gordon sitzt in Wandsworth. Das ist übrigens eine der größten Strafanstalten Westeuropas.“

Carol musste nicht fragen, wann sie ihr Ziel erreichten. Die Silhouette mit den abweisenden hohen Mauern, den Gittern und Wachttürmen deutete unverkennbar auf das Gefängnis hin. Die Polizistin und ihre Begleiterin passierten verschiedene Sicherheitsschleusen, bis ein Wärter sie schließlich in einen fensterlosen Raum führte, in dem sich nur ein Kunststofftisch sowie einige Stühle befanden.

Carol hatte ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Gleich würde sie den Mann sehen, der ihre beste Freundin getötet hatte. Das war schon nervenaufreibend genug. Aber dieser Ort gab ihr den Rest. Wandsworth wirkte auf Carol bedrückend und unheimlich. Obwohl es hier peinlich sauber war und überall nach Desinfektionsmitteln roch, kam ihr das Gefängnis schmutzig vor. Vielleicht lag es daran, dass hier so viele Menschen einsaßen, die abscheuliche Dinge getan hatten. In diesem Moment war Carol froh, dass Mauern nicht reden konnten.

Plötzlich wurde eine Tür aufgeschlossen und zwei Wärter brachten einen Gefangenen herein, der einen Overall trug. Seine Hände waren mit Handschellen gefesselt, zusätzlich trug er eine Stahlkette am Fuß.

„Gordon wird besonders scharf bewacht, weil er ein Mörder ist“, raunte die Inspektorin Carol zu. „Deshalb bleibt er auch während des Verhörs in Ketten.“

Carol nickte. Sie konnte ihren Blick nicht von Phil Gordons Gesicht abwenden, wobei sie eine maßlose Enttäuschung verspürte.

Carol hatte sich den Mörder von Tricia furchteinflößend vorgestellt – so wie einen Psychopathen in einem Thriller. Sie war auf eine Bestie in Menschengestalt gefasst gewesen. Carol wusste selbst, dass sie eine lebhafte Fantasie hatte. Aber so groß war der Unterschied zwischen ihrer Einbildung und der Wirklichkeit noch nie gewesen.

Phil Gordon wirkte völlig nichtssagend auf sie. Und das lag gewiss nicht nur an seiner uniformähnlichen Gefängniskluft. Er war ein Durchschnittstyp, schätzungsweise zwei oder drei Jahre älter als Carol. Gordons Haut war blass und grobporig. Momentan war er sauber und geduscht. Aber er wirkte nicht so, als ob das sein Normalzustand wäre. Carol konnte sich gut vorstellen, dass er in schmutzstarrenden Klamotten auf der Straße lag. Er hatte eine große Unterlippe. Es sah so aus, als ob er ständig schmollen würde. Auch seine Stimme klang wehleidig.

„Warum werde ich schon wieder hierhergeschleppt, Inspektorin? In der Glotze läuft gerade Chelsea gegen Manchester City!“, beschwerte er sich.

„Sie werden noch mehr als genug Zeit zum Fernsehen haben, Gordon“, erwiderte Victoria Shepley scharf. „Und nun hören Sie mit dem Gejammer auf und setzen Sie sich. Die junge Dame hier ist Carol Garner. Sie war die beste Freundin von Tricia Lloyd. Sie wissen schon, die Frau, die Sie ins Jenseits befördert haben.“

Phil Gordon warf Carol einen kurzen Blick zu. Er schien keine Reue zu empfinden. Allerdings konnte sie sich auch nicht vorstellen, wie er mit einem Messer in der Hand auf einen Menschen einstach. Gordon war in ihren Augen ein richtiges Weichei. Mit krummem Rücken lümmelte er auf seinem Stuhl. Sein Gesicht sah so aus, als ob er gleich gähnen wollte.

„Okay, was soll ich sagen? Ich habe doch schon alles gestanden. Hat man denn hier nie seine Ruhe?“

Carol nahm ihren Mut zusammen. „Warum hast du es getan? Kanntest du Tricia irgendwoher? Hattet ihr Zoff?“ Sie war selbst verblüfft, wie ruhig ihre Stimme klang. Es war ihr tatsächlich gelungen, den Mörder ihrer Freundin anzusprechen.

„Nee, überhaupt nicht. Es ist irgendwie passiert. Ich habe mir in der Nacht ziemlich heftig die Kante gegeben.“

„Mr. Gordon hatte am Tag nach der Tat noch reichlich Restalkohol im Blut“, erklärte die Inspektorin. „Vermutlich war er zur Tatzeit beinahe volltrunken. Mr. Gordon ist obdachlos und verbringt die Nächte im Freien. Seine Habseligkeiten führt er in drei Plastiktüten mit sich. Als die Streifenwagenbesatzung auf ihn aufmerksam wurde, war er gerade aufgestanden.“

Der Mörder nickte bestätigend. „Ja, so war es. Ist irgendwie echt schade um deine Freundin. Aber sie kann nicht viel gespürt haben. Ich habe sie direkt in den Hals gestochen, als sie aus dem Auto gestiegen ist. Schätze, sie war sofort tot.“

Carol spürte, wie Hass in ihr aufstieg. Aber dann siegte ihr Verstand. Phil Gordon verstrickte sich in Widersprüche. Auch die Inspektorin hatte bemerkt, dass an seiner halbherzigen Rechtfertigung etwas faul war.

„Was erzählen Sie denn da für einen Unsinn, Gordon? Tricia Lloyd hatte gar kein Auto. Sie kam zu Fuß von der U-Bahn-Station. Und sie wurde nicht an der Kehle tödlich verletzt, sondern im Brustbereich“, erwiderte sie.

„So? Dann muss ich mich wohl geirrt haben. Es war doch finster. Oder wollen Sie mir einreden, ich hätte die Frau am helllichten Tag abgestochen?“

Eigentlich hätte Carol vor Wut explodieren müssen, als sie seine blöden Sprüche hörte. Dennoch tat sie es nicht. Und dafür gab es einen ganz einfachen Grund.

„Du hast meine Freundin überhaupt nicht getötet. Warum nimmst du die Schuld auf dich? Wen willst du decken?“, fuhr sie ihn an.

Bei Carols Worten blinzelte Phil Gordon verunsichert. Für einen Moment kam es Carol so vor, als wollte er die Wahrheit sagen. Aber dann zog er sich wieder in sein Schneckenhaus zurück.

„Du irrst dich, ich bin es gewesen. Keine Ahnung, warum ich es getan habe. Mein Anwalt meint, wir sollten auf verminderte Schuldfähigkeit plädieren. Weil ich in der Nacht so getankt hatte.“

Aber Carol war jetzt richtig in Fahrt. „Was hatte Tricia denn an, als du sie erstochen hast?“

„Irgendwelche Kleider. Es war so verflucht finster“, erwiderte der Häftling genervt.

Carol erinnerte sich, dass die Umrisszeichnung der Leiche direkt unter einer Straßenlaterne gewesen war. Es konnte also nicht so dunkel gewesen sein, wie Gordon behauptete, es sei denn, die Beleuchtung war defekt gewesen.

„Kannst du dich denn wenigstens noch an ihre Haarfarbe erinnern?“, fragte Carol hartnäckig.

„Nicht wirklich.“

„Die meisten Typen haben immer von Tricias tollen blonden Haaren geschwärmt. Seltsam, dass du davon nichts gemerkt hast“, sagte sie.

Phil Gordon antwortete nicht mehr, sondern warf der Inspektorin einen flehenden Blick zu, die ihm tatsächlich zu Hilfe kam. Sie wandte sich an Carol. „Der Beschuldigte hat bereits ein umfassendes Geständnis abgelegt. Die Tatwaffe wurde bei ihm gefunden. Zwar waren nicht seine Fingerabdrücke darauf, aber der Griff ist abgewischt worden. Mr. Gordon hat für die Tatzeit kein Alibi. Außerdem gibt er zu, Ihre Freundin ermordet zu haben.“

Am liebsten hätte Carol Gordon angeschrien, um ihn aus der Reserve zu locken, aber vermutlich hätte sie damit nichts erreicht. Sie zwang sich deshalb zur Ruhe. Die Inspektorin schien Carols inneren Aufruhr zu spüren.

„Ich denke, wir sollten den Besuch beenden. Falls Ihnen noch etwas einfällt, dann wissen Sie ja, wo Sie Mr. Gordon erreichen können. Und zwar für den Rest seines Lebens“, versuchte sie Carol zu beschwichtigen.

Carol nickte düster. Phil Gordon machte sich so schnell aus dem Staub, wie es mit seinen zusammengeketteten Füßen möglich war. Offensichtlich hatte er nur noch das Fußballspiel im Kopf.

Schweigend gingen die beiden Frauen durch die endlos erscheinenden Korridore von Wandsworth. Die Stimmen und Laute Hunderter von Strafgefangenen bildeten eine unheimliche Geräuschkulisse, sodass Carol vor Beklemmung der kalte Schweiß ausbrach. Sie wollte nicht eine Minute länger als nötig in diesem riesigen Käfig bleiben.

„Ich kann verstehen, wie Sie sich fühlen, Miss Garner“, brach die Inspektorin schließlich das Schweigen.

„Ach, wirklich?“, antwortete Carol ironisch.

„Ja. Ich habe sehr oft mit Angehörigen oder nahen Freunden von Verbrechensopfern zu tun. Vielleicht erscheint es Ihnen zu einfach, dass Phil Gordon der Täter ist. Aber glauben Sie mir: Er hat Ihre Freundin erstochen. – Wissen Sie, warum die meisten Morde so schnell aufgeklärt werden? Weil die Verbrecher dumm sind. Und damit meine ich nicht nur den Täter, der seinen Personalausweis neben der Leiche liegen lässt, obwohl es einen solchen Fall auch schon gegeben hat. Richtig raffinierte Straftaten gibt es nur in Romanen oder Filmen. Das ist jedenfalls meine Erfahrung.“

„Aber Gordon wusste noch nicht einmal, wie meine Freundin ausgesehen hat. Und dann dieser Schwachsinn mit dem Auto und dem Stich in die Kehle!“, widersprach Carol.

„Unter uns gesagt: Phil Gordon ist ein Asozialer. Er hat keinen Schulabschluss, dafür aber verschiedene Vorstrafen. Er lebt auf der Straße und schaut zu tief ins Glas. Glauben Sie, so ein Typ ist ein guter Beobachter?“, argumentierte die Inspektorin.

„Wahrscheinlich nicht. Aber ich hatte mir einen Mörder irgendwie anders vorgestellt. Heimtückischer und unberechenbarer und gewiss nicht so – nichtssagend.“

Aufmunternd klopfte Victoria Shepley Carol auf die Schulter. „Nehmen Sie sich Zeit zum Trauern, um über den Verlust Ihrer Freundin hinwegzukommen. Phil Gordon bekommt einen fairen Prozess. Wenn er wirklich unschuldig sein sollte, wird sich das schon herausstellen.“

„Ermitteln Sie denn weiter?“, fragte Carol hoffnungsvoll.

„Nur, falls sich neue Gesichtspunkte ergeben. Momentan haben wir ein Geständnis des Hauptverdächtigen und belastende Indizien. Es deutet nichts auf einen anderen Täter hin.“

Carol tat so, als würde sie sich mit dieser Erklärung zufriedengeben. Aber davon konnte keine Rede sein, obwohl sie die Inspektorin in gewisser Weise verstand. Phil Gordon hatte die Tat zugegeben. Wer war schon so dumm, unschuldig ins Gefängnis zu gehen? Noch dazu für einen Mord, der mit lebenslanger Haft bestraft wurde? Es war sinnlos, weiter mit Victoria Shepley zu diskutieren. Die Inspektorin hatte sicherlich gute Arbeit geleistet, aber Tricias Ermordung war für sie nur ein Fall von vielen anderen. Carol musste jetzt unbedingt mit einem Unbeteiligten reden. Und es gab nur einen Menschen in London, dem sie sich anvertrauen konnte.

Eve, Tricias Mitbewohnerin.

Vor dem Gebäude von New Scotland Yard verabschiedete sich Carol von der Polizistin. Victoria Shepley warf ihr einen seltsamen Blick zu. Die Inspektorin schien nicht zu glauben, dass Carol die Sache auf sich beruhen lassen würde. Und damit lag sie richtig.

Nach einer neuerlichen Irrfahrt mit der U-Bahn kehrte Carol nach Camden Town zurück. So richtig heimisch fühlte sie sich in dem schmalen Reihenhaus noch nicht, obwohl sie inzwischen einen eigenen Schlüssel hatte. Es war ruhig, als sie das Haus betrat, nachdem sie die Tür aufgeschlossen hatte.

„Eve, bist du da?“, rief sie. Carol blieb neben der Treppe stehen und horchte. Eve musste eine Hausarbeit für die Uni schreiben. Aber das konnte sie ebenso gut in ihrem Zimmer wie auch in der Bibliothek machen.

„Ich bin oben“, antwortete Eve.

Carol fand, dass ihre Stimme angespannt klang. Nachdem sie die Treppe hochgestiegen war und Eves Zimmer betreten hatte, sah sie, wie ihre Mitbewohnerin verstohlen einige Tränen wegwischte. Tricias Tod ging ihr wohl doch näher, als Carol ursprünglich gedacht hatte. Aber dadurch wurde Eve ihr nur noch sympathischer.

Carol legte ihr die Hand auf die Schulter. „Hey, was ist denn los?“, fragte sie.

Eve lächelte gezwungen. „Es geht schon wieder. Momentan ist es wohl für keinen von uns leicht. – Wie war die Beerdigung?“

„Frag nicht. Aber ich habe etwas Wichtiges entdeckt.“

Carol erzählte von dem gemeinsamen Besuch mit der Inspektorin bei dem Mordverdächtigen. Eve bekam große Augen. Carol hatte das Gefühl, so etwas wie Bewunderung in ihrem Gesicht ablesen zu können, die noch größer wurde, als sie von ihren Zweifeln an Phil Gordons Schuld berichtete.

„Glaubst du wirklich, dass dieser Typ Tricia nicht auf dem Gewissen hat? Aber ich denke, das Messer wurde bei ihm gefunden“, warf Eve ein.

„Ja, er hatte es in seiner Tasche. Aber das kann ihm der richtige Täter auch untergeschoben haben. Dieser Phil Gordon lebt auf der Straße. Er hat in der Mordnacht ziemlich tief ins Glas geschaut. Man konnte ihm die Waffe zustecken, ohne dass er es überhaupt gemerkt hat.“

„Okay, das verstehe ich. Aber mir ist schleierhaft, warum Phil Gordon dann die Schuld auf sich nimmt. Wer geht schon für einen Mord ins Gefängnis, den er nicht begangen hat? Dafür bekommt er doch lebenslänglich, oder nicht?“, fragte Eve zweifelnd.

„Du hast ja recht. Das verstehe ich auch nicht. An der Sache ist irgendetwas faul. Von der Polizei kann ich keine Unterstützung erwarten. Die Inspektorin will erst aktiv werden, wenn es neue ernst zu nehmende Verdächtige gibt. Bis dahin gilt Phil Gordon als Tricias Mörder.“

Eve blickte Carol offen an. „Weißt du was? Ich glaube dir. Du hast wahrscheinlich Tricia am besten gekannt. Wenn dir die Sache merkwürdig vorkommt, dann wird schon etwas dran sein. – Falls du möchtest, helfe ich dir bei der Suche nach dem wahren Täter.“

„Das würdest du wirklich tun?“, fragte Carol erfreut.

„Auf jeden Fall. Ich studiere doch schließlich Jura und will später Rechtsanwältin werden. Da kann ich es doch nicht zulassen, dass ein Unschuldiger verurteilt wird. Außerdem kenne ich mich in London schon ganz gut aus, obwohl ich erst seit drei Jahren hier lebe.“

Erleichtert umarmte Carol ihre Mitbewohnerin. Nun stand sie nicht allein vor der schweren Aufgabe, Tricias Tod aufzuklären. Aber war es nicht ein hoffnungsloses Unterfangen, den echten Mörder zu finden? In dieser Stadt lebten mehrere Millionen Menschen, hinzu kamen unzählige Touristen aus aller Welt.

„Was wirst du eigentlich tun, wenn dir der Verbrecher gegenübersteht, Carol? Würdest du ihn tatsächlich umbringen, wie du es gestern gesagt hast?“, fragte Eve plötzlich.

„Was? Nein, natürlich nicht.“ Carols Antwort war ihr spontan herausgerutscht. Doch entsprach das der Wahrheit? Sie war sich über ihre Gefühle nicht mehr im Klaren.

Sollte sie Tricias Mörder finden, dann konnte sie für nichts garantieren.