9. KAPITEL
Als Carol die Augen aufschlug, fühlte sie nichts als tiefe Zufriedenheit. Falls sie in dieser Nacht wieder geträumt hatte, dann konnte sie sich nicht erinnern. Der Schlaf war erholsam gewesen, und sie hatte am gestrigen Abend das Richtige getan. Sie erinnerte sich voller Befriedigung wieder an die Verhaftung von Jeanie Wilde und Eric Ulmer. Jetzt, wo sie Energie getankt hatte, musste sie unbedingt jemandem von ihrem Erfolg erzählen. Sie hoffte, dass Eve noch im Haus war. Carol duschte und stylte sich in Rekordzeit.
Doch als sie in die Küche kam, wurde sie enttäuscht. Von ihrer Mitbewohnerin war weit und breit nichts zu sehen. Musste Eve wieder in der Bibliothek an ihrer Arbeit feilen?
Da ertönten schlurfende Schritte hinter Carol. Es war Eve, die gähnend und im Bademantel auf sie zukam.
„Guten Morgen, Carol. So früh schon munter? Bist du aus dem Bett gefallen? Du sprühst ja förmlich vor Energie.“
„Ja, so fühle ich mich auch. Ich muss dir unbedingt berichten, was gestern geschehen ist.“
Carol war so aufgeregt, dass sie nicht stillsitzen konnte. Sie kochte Tee und Eier und röstete Toast, während sie von den gemeinsamen Recherchen mit Brent und von Jeanie Wildes und Eric Ulmers Verhaftung erzählte. Doch Eve ließ sich von ihrer Begeisterung nicht anstecken.
„Dann hast du mich also angelogen, als ich dich angerufen habe“, bemerkte sie vorwurfsvoll.
Carols Wangen brannten vor Scham. Das hatte sie in ihrer Euphorie ja völlig vergessen! Es war ihr peinlich. Aber gleichzeitig war sie auch enttäuscht, weil Eve sich nicht mit ihr freuen konnte.
„Es tut mir leid, Eve. Das war nicht gut von mir. Aber ich wollte die Sache nicht so kompliziert machen, verstehst du? Ich war mit Brent unterwegs, und ich stand die ganze Zeit unheimlich unter Stress.“
Eve lächelte traurig. „Dieser Brent hat dir ganz schön den Kopf verdreht, was?“
„Ach, ich weiß auch nicht. Er ist schon ein toller Typ. Und er hat mir echt geholfen. Die Polizei hat nun richtige Beweise gegen diese Jeanie Wilde. Wenn ich allein an die gefälschten Designer-Klamotten denke – ich weiß nicht, wie sie aus der Nummer wieder rauskommen will.“
„Und du bist dir sicher, dass sie Tricias Mörderin ist?“
„Zumindest ist sie die Anstifterin. Ich werde nachher mal zur Polizei fahren und hören, ob ich etwas in Erfahrung bringen kann. Die Inspektorin hat mir ja gesagt, dass ich mich jederzeit wieder an sie wenden könnte.“
„Ja, das ist eine gute Idee.“
„Bist du nicht mehr sauer, weil ich dich angeschwindelt habe?“
Eve stand auf und nahm Carol schwesterlich in die Arme. „Nein, das ist schon vergessen. Ich kann dich sogar verstehen. Ich komme mir auch blöd vor, weil ich etwas gegen deinen Brent hatte, ohne ihn überhaupt zu kennen. Ich weiß ja aus eigener Erfahrung, wozu die Liebe mich bringen kann.“
Carol lächelte erleichtert und fragte scherzhaft: „Möchtest du mir etwas beichten?“
Eve schüttelte heftig den Kopf und stand abrupt auf. „Nein, nicht wirklich. Ich muss mich mit meiner Hausarbeit sputen, mein Prof hat mir Druck gemacht. Deshalb werde ich gleich in die Bibliothek fahren. Aber ich bin wirklich nicht mehr böse auf dich.“
„Das ist gut. Ich mag dich nämlich.“
„Ich mag dich auch, Carol. So eine kleine Lüge kann ich dir problemlos verzeihen. Es gib schlimmere Arten, einen Menschen zu hintergehen“, antwortete sie, bevor sie eilig die Küche verließ.
Carol überlegte, was Eve damit meinte. Offensichtlich hatte sie schmerzliche Erfahrungen gemacht, über die sie nicht gerne reden wollte. Und darauf nahm Carol natürlich Rücksicht.
Eve verließ bald das Haus. Auch Carol machte sich auf den Weg, und zwar zur Polizei. Sie wollte ganz harmlos fragen, ob es Neuigkeiten gäbe. Dann würde sich die Inspektorin hoffentlich ein paar Informationen aus der Nase ziehen lassen.
Carol hatte Glück. Als sie bei New Scotland Yard eintraf, hatte Victoria Shepley sofort Zeit für sie. Carol wusste nicht so recht, was sie davon halten sollte, denn sie hatte angenommen, dass die Polizeibeamtin Jeanie Wilde und Eric Ulmer verhören würde. Aber vielleicht war das Duo ja schon geständig.
Victoria Shepley hob die Augenbrauen und warf Carol einen ironischen Blick zu, als sie an den Schreibtisch der Inspektorin trat. „Guten Morgen, Miss Garner! Wie kommt es nur, dass ich mich über Ihren Besuch nicht wundere? Nehmen Sie doch Platz, bitte.“
„Danke, Inspektorin. – Wie meinen Sie das? Ich wollte nur von Ihnen hören, ob es vielleicht neue Erkenntnisse im Mordfall meiner Freundin gibt.“
Victoria Shepley lachte und nahm einen Schluck Tee. „Sie sind wirklich einmalig, Miss Garner. Sie haben nicht zufällig der Polizei einen anonymen Hinweis gegeben? – Ach nein, das ist ja unmöglich. Es war ja die Stimme eines jungen Mannes. Ist das zufällig ein Bekannter von Ihnen?“
Carol fragte sich, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, bei der Polizei vorbeizuschauen. Sie durfte sich nicht in widersprüchliche Aussagen verwickeln. Deshalb hielt sie vorerst lieber den Mund.
„Sie schweigen? Nun, das ist auch eine Antwort. – Aber verstehen Sie mich nicht falsch, Miss Garner. Wir sind durchaus dankbar für die Hinweise, die zur Verhaftung von Jeanie Wilde und Eric Ulmer geführt haben. Am größten ist die Freude natürlich beim Inhaber der Boutique Spizo’s, dem durch die gefälschte Markenkleidung ein großer finanzieller Verlust entstanden ist. Ich möchte gar nicht so genau wissen, wie Sie die Informationen über das kriminelle Pärchen zusammengetragen haben. – Aber ich muss Sie enttäuschen, Miss Garner. Jeanie Wilde und Eric Ulmer haben Ihre Freundin Tricia Lloyd nicht getötet.“
Carol fühlte sich, als ob die Inspektorin sie mit einem Eimer Eiswasser übergossen hätte. Ihr stockte der Atem. Sie war fest davon ausgegangen, die Schuldigen gefunden zu haben. Es dauerte einige Minuten, bis sie ihre Sprache wiederfand.
„Aber das ist unmöglich! Jeanie Wilde und Eric Ulmer waren in der Mordnacht zusammen, sie – sie haben …“
„Die beiden Täter waren damit beschäftigt, gefälschte Produkte in die Boutique zu schaffen, Miss Garner. Natürlich haben wir den anonymen Hinweis auf die Verwicklung in den Mordfall ernst genommen. Aber für den Mord an Tricia Lloyd haben Jeanie Wilde und Eric Ulmer ein wasserdichtes Alibi.“
„Ach, wirklich?“, höhnte Carol unter Tränen. „Wahrscheinlich haben sie sich gegenseitig ein Alibi gegeben!“
Die Inspektorin schüttelte den Kopf. „Nein, das nicht. Zu der Zeit, als Tricia Lloyd ermordet wurde, befanden sich Jeanie Wilde und Eric Ulmer in einer Verkehrskontrolle der Polizei. Ich habe bereits mit den Kollegen vom Streifendienst gesprochen. Sie konnten sich an das Duo erinnern. Eric Ulmer bekam wegen überhöhter Geschwindigkeit einen Strafzettel. Und auf solchen Dokumenten wird automatisch Datum und Uhrzeit ausgedruckt.“
Carol putzte sich die Nase. Obwohl ihre Tränen allmählich versiegten, war sie trotzdem maßlos enttäuscht.
Victoria Shepley lächelte sie an. „Ich kann verstehen, was in Ihnen vorgeht. Aber glauben Sie mir: Ich nehme meine Arbeit sehr ernst. Phil Gordon ist der Mörder Ihrer Freundin, auch wenn Sie immer noch anderer Meinung sind. Schließlich hat er gestanden, vergessen Sie das nicht. – Und ich bitte Sie eindringlich, mit dem Detektivspielen aufzuhören. Dieses eine Mal hatten Sie noch Glück. Aber Ihre Aktion hätte auch ins Auge gehen können. Eric Ulmer trug eine Schusswaffe bei sich, als er verhaftet wurde.“
Das wusste Carol natürlich, schließlich hatte sie es aus sicherer Entfernung beobachtet. Sollte sie das jetzt zugeben? Sie wusste es nicht. Auf jeden Fall hatte die Inspektorin Carol ohnehin durchschaut.
„Der gewaltsame Tod Ihrer Freundin hat Sie völlig durcheinandergebracht“, fuhr Victoria Shepley fort. „Vielleicht sollten Sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.“
Carol sprang auf. „Ich bin wütend und traurig, Inspektorin – aber ich bin bestimmt nicht verrückt!“, schrie sie, bevor sie aus dem Büro hinausstürmte, ohne die Antwort der Polizeibeamtin abzuwarten.
Carol rannte beinahe, als sie das Hauptquartier der Metropolitan Police verließ. Sie wurde allmählich langsamer, aber bewegte sich immer noch mit eiligen Schritten vorwärts. Ein bestimmtes Ziel hatte sie nicht. Das Gehen half ihr dabei, das Chaos in ihrem Kopf etwas unter Kontrolle zu bekommen.
Sie hetzte über den Trafalgar Square, wo traditionell jedes Jahr eine riesige Menschenmenge gemeinsam Silvester feiert. Dieses Jahr hatte Carol gemeinsam mit Tricia hier in der Neujahrsnacht Party machen wollen, doch darüber wollte sie jetzt nicht nachdenken. Carol lief die Pall Mall hinunter, bog in die Regent Street ein und landete schließlich am Piccadilly Circus. Die riesigen Leuchtreklamen an den Gebäuden rund um diesen Platz kamen tagsüber nicht wirklich zur Geltung, aber das war ihr egal. Erschöpft ließ sie sich auf die Stufen unter dem Eros-Brunnen sinken. Um sie herum lagerten unzählige Touristen aus aller Welt, aber sie nahm die vielen Menschen gar nicht wahr.
War die Inspektorin nachlässig gewesen, als sie das Alibi des kriminellen Pärchens überprüft hatte? Das konnte sich Carol eigentlich nicht vorstellen. Sie erinnerte sich daran, dass Eric Ulmer im vorgeschriebenen Tempo gefahren war, als er von ihr und Brent beschattet wurde. Kein Wunder, denn er wollte sich nicht einen weiteren Strafzettel einhandeln, nachdem er schon Dienstagnacht einen kassiert hatte! Wahrscheinlich hatten Jeanie und Eric Blut und Wasser geschwitzt, als sie von der Polizei gestoppt wurden. Schließlich hatten sie gefälschte Markenprodukte in ihrem Van.
Auch wenn es Carol schwerfiel – sie musste sich eingestehen, dass das Duo mit Tricias Tod nichts zu tun hatte. Ob sie völlig auf dem Holzweg war? Wenn die Polizei nun Phil Gordon völlig zu Recht verdächtigte?
Carol musste sich dringend mit jemandem beraten, dem sie vertrauen konnte. Eve war in der Bibliothek, also blieb nur Brent. Sie rief ihn sofort an.
„Hallo, Carol.“ Seine Stimme klang sehr verliebt, als er sich meldete.
„Mir geht es gar nicht gut.“ Carol war selbst geschockt darüber, wie kläglich sie sich anhörte. „Können wir uns treffen?“
„Sicher. Wo bist du denn?“
Sie sagte es ihm.
„Dann komme ich aber mit der U-Bahn, Carol. In der Nähe vom Piccadilly Circus gibt es keine Parkplätze, die ein armer Student bezahlen kann.“
„Hauptsache, du bist bald da“, flehte sie.
Es dauerte noch nicht einmal zwanzig Minuten, bis Carol Brent zwischen den unzähligen Menschen erblickte, die ständig aus der U-Bahn-Station Piccadilly Circus kamen. Er hatte sie auch schon entdeckt. Gleich darauf setzte er sich neben sie und nahm sie sanft in die Arme.
Es tat ihr gut, sich einfach nur von Brent trösten zu lassen.
„Magst du mir erzählen, was passiert ist?“, fragte er leise, während er ihr über das Haar strich.
Carol berichtete von dem Gespräch mit der Inspektorin. Brent wirkte ebenfalls betroffen, wenn auch nicht so stark wie sie. Aber das war verständlich, denn Tricia war ja Carols Freundin gewesen und nicht die von Brent.
„Dann müssen wir wohl weitersuchen, Carol.“
Sie hatte tief in ihrem Inneren gehofft, dass er etwas in der Art sagen würde. Sie brauchte jetzt jemanden, der sie in ihrem Vorhaben bestärkte. Leute, die ihr die Mördersuche ausreden wollten, gab es mehr als genug.
„Du willst mir also weiterhin helfen?“
„Sicher, Carol. Wir werden uns doch jetzt nicht entmutigen lassen, oder?“
„Aber Jeanie Wilde war die einzige Person, die etwas gegen Tricia hatte! Tricia kam immer gut mit allen Menschen aus. Sie hätte mir bestimmt am Telefon erzählt, wenn sie jemand bedroht oder verfolgt.“
Brent schloss die Augen, als würde er angestrengt nachdenken. „Als Tricia mich bei der Jack-the-Ripper-Führung ansprach, da fragte sie mich nicht einfach nur, ob ich mich später mit ihr treffen wollte. Sie hatte vor, in eine bestimmte Disco in Soho zu gehen. Vielleicht war sie öfter da.“
„Aber da gibt es doch bestimmt unheimlich viele Discos!“
„Allerdings. Wenn mir bloß der Namen wieder einfallen würde … Es war jedenfalls ein Laden, den ich selber nicht kannte.“
Carol durchforstete ihr Gedächtnis. Tricia ging gerne feiern. Sie hatte am Telefon unzählige In-Night-Spots genannt, in denen sie getanzt hatte. In Soho gab es in einer Straße ungefähr so viele Discos wie in ganz Shrewsbury.
Brent stand auf. „Komm, wir gehen einen Burger essen. Ich lade dich ein. Wenn ich jetzt verkrampft nachdenke, komme ich garantiert nicht darauf. Ich muss mich locker machen, dann fällt mir bestimmt wieder ein, wohin Tricia mit mir wollte“, sagte er.
Carol war zu aufgewühlt, um Lust auf einen Imbiss zu verspüren. Aber dann führte Brent sie in ein tolles Burger-Restaurant, das wie ein amerikanisches Diner aus den Fünfzigerjahren gestylt war. Es gab viel Chrom und rote Kunststoff-Sitzbänke. Die uniformierten Bedienungen bewegten sich auf Rollerskates durch den Laden, und der Mann hinter der Theke war ein Elvis-Presley-Imitator.
Der Burger war köstlich und lenkte Carol von ihrer Anspannung ab. Plötzlich sagte Brent: „Wilfox.“
„Wie bitte?“
„Die Disco heißt Wilfox. Sie liegt in der Shaftesbury Avenue. Als Tricia sie erwähnte, dachte ich noch, das wäre doch ein ziemlich dämlicher Name für eine Disco. Aber ich bin mir jetzt hundertprozentig sicher.“
„Und du selbst bist noch nie im Wilfox gewesen?“
„Nein. Ich habe keine Ahnung, was für ein Publikum dorthin geht.“
„Begleitest du mich heute Abend ins Wilfox?“, fragte Carol.
„Unter einer Bedingung.“
„Nämlich?“
„Ich möchte den heutigen Tag mit dir verbringen. Ich will dir London zeigen und dich noch besser kennenlernen.“
Das war Carol nur recht. Wenn sie allein in ihrem Zimmer saß, würde sie die Wände anstarren und über den Mordfall nachgrübeln. Etwas Ablenkung konnte ihr nicht schaden. Allerdings fuhr sie noch schnell nach Hause und holte ein Kleid, Pumps und ihr Schminkzeug. Eve war noch nicht aus der Bibliothek zurück, wie sie erleichtert feststellte. Carol wollte sich nicht vor den Augen ihrer Mitbewohnerin stylen und ihr erzählen, dass sie abends tanzen ging. So kurze Zeit nach Tricias Tod kam es ihr fast unanständig vor, sich zu amüsieren. Aber anlügen wollte sie Eve ebenfalls nicht schon wieder. Doch da die Mitbewohnerin nicht daheim war, musste sie weder das eine noch das andere tun.
Brent ging mit ihr durch das Shoppingparadies Oxford Street, er führte sie zum Buckingham Palast und schlenderte mit ihr am Ufer der Themse entlang. Die Zeit verging wie im Flug. Schließlich schaute Brent auf die Uhr.
„Wie wäre es, wenn wir heute Abend ins Kino gehen? Wenn die Vorstellung vorbei ist, können wir uns vor dem Wilfox anstellen. Bei diesen angesagten Soho-Discos ist Geduld gefragt. Und ich bin leider kein Promi, der durch den VIP-Eingang hineinkommt.“
„Okay, aber vorher sollten wir uns noch umziehen.“
Sie fuhren mit der U-Bahn nach Brixton, wo sich Carol in Brents winziges Bad zurückzog und stylte. Als sie im Kleid und auf High Heels heraus kam, war er zuerst sprachlos.
„Du siehst fantastisch aus“, sagte er hingerissen.
Carol lächelte geschmeichelt. Sie wollte Brent gefallen, das war ihr in diesem Moment erst so richtig bewusst geworden. Ihre Gefühle für ihn entwickelten sich langsam, aber stetig. Sie fühlte sich einfach nur wohl, wenn er bei ihr war. Es erschien ihr nicht mehr undenkbar, dass er ihr fester Freund werden würde. Doch momentan hatte sie den Kopf noch nicht frei. Solange der wahre Mörder von Tricia frei herumlief, konnte Carol kein neues Kapitel in ihrem Leben aufschlagen.
Auch Brent verschwand nun im Bad, um sich umzuziehen. Er warf sich in einen modischen dunklen Anzug und ein violettes offenes Hemd, um sich ins Londoner Nachtleben zu stürzen. Carol schob anerkennend die Unterlippe vor. Sie musste sich wirklich nicht genieren, wenn sie mit diesem Typen an ihrer Seite auf die Piste ging.
Sie fuhren mit der U-Bahn nach Soho. Das Kino befand sich nur wenige Straßen vom Wilfox entfernt. Es gab eine romantische Komödie mit Hugh Grant, von der Carol allerdings kaum etwas mitbekam. Und das lag nicht nur daran, dass Brent die ganze Zeit ihre Hand hielt. Sie zerbrach sich den Kopf über ihre Telefonate mit Tricia. Carol war sicher, dass ihre Freundin das Wilfox niemals erwähnt hatte. Dieser alberne Name wäre Carol ganz sicher im Gedächtnis geblieben. Warum hatte Tricia ihr verheimlicht, dass sie dorthin ging? Oder war es vielleicht alles völlig harmlos? Hatte Tricia an diesem Dienstagabend zum ersten Mal das Wilfox besuchen wollen? Carol wusste nicht mehr, was sie glauben sollte. Sie war nur erleichtert, als der Film endlich vorbei war.
Auf dem Weg zum Wilfox stärkten Brent und Carol sich mit einer Portion Sushi. Carol hatte die japanische Spezialität noch nie gegessen, war aber neugierig. Es schmeckte nicht so seltsam, wie sie befürchtet hatte.
„Es ist gut, etwas im Magen zu haben“, meinte Brent. „Wir werden noch lange genug anstehen müssen.“
Und so war es auch. Die Menschenschlange vor dem Wilfox rückte nur langsam vorwärts. Die Türsteher ließen allerdings längst nicht jeden herein. Carols Unruhe wuchs von Minute zu Minute. Was sollte sie tun, wenn ihr der Eintritt verwehrt wurde? Mit Türstehern zu diskutieren war in London gewiss ebenso sinnlos wie in Shrewsbury.
Doch sie hatten Glück. Die Bodybuilding gestählten Männer mit den rasierten Schädeln waren der Meinung, dass Carol und Brent ihrer Disco keine Schande machen würden. Jedenfalls ließen sie das Paar hinein, ohne mit der Wimper zu zucken.
Der Elektropop aus den Boxen war ganz nach Carols Geschmack. Aber sie war ja nicht zum Tanzen hierhergekommen.
„Ich habe ein Foto von Tricia dabei“, rief sie Brent ins Ohr. „Das können wir den Bedienungen zeigen. Vielleicht erkennt sie ja jemand.“
Brent nickte. Sie schoben sich gemeinsam durch die feiernde Partymeute. Das Publikum war gemischter als in Carols provinzieller Heimatstadt. Und das lag nicht nur daran, dass viele Afrikaner und Asiaten unter den Gästen waren. Auch vom Alter her unterschied sich das Publikum von dem in Carols Stammdisco in Shrewsbury. Hier im Wilfox feierten auch Leute, die vierzig oder älter waren.
Endlich hatten sich Carol und Brent zur Theke durchgekämpft. Sie bestellten sich zwei Cola mit Eis. Hier war der Sound etwas leiser als unmittelbar an der Tanzfläche. Carol fragte den Barkeeper nach Tricia und hielt ihm das Foto unter die Nase.
„Ich kenne deine Freundin nicht, aber ich bin auch nur Aushilfe. Am besten fragst du Jordana, die kommt in einer Stunde. Sie arbeitet jeden Abend hier und hat ein unglaubliches Personengedächtnis.“
Wieder wurde Carols Geduld auf eine harte Probe gestellt. Aber dann wurde der Aushilfs-Barkeeper durch Jordana abgelöst. Sie war eine hochgewachsene Schwarze, die Carol an Grace Jones erinnerte. Als sie bei Jordana erneut Cola bestellte, zeigte sie ihr das Bild von Tricia.
„Ja, ich kenne sie“, sagte Jordana. „Sie heißt Tricia, nicht wahr? Ist sie in Schwierigkeiten?“
Carols Herzschlag beschleunigte sich. Offenbar wusste die Barkeeperin noch nicht, dass Tricia tot war. Sollte sie es ihr sagen? Dann riskierte sie vielleicht, keine weiteren Auskünfte mehr zu bekommen. Deshalb beschloss sie, es für sich zu behalten.
„Nein, es gibt keine Probleme. Ich suche sie nur, weil ich ihre Handynummer verloren habe. Ich weiß auch nicht, wo sie in London wohnt. Kennst du Leute, mit denen sie sich hier trifft?“
„Tricia ist ein Stammgast. Sie kommt oft hierher.“
Dieser Satz gab Carol einen Stich. Tricia hatte ihr also tatsächlich verschwiegen, dass sie hierher ging. Aber warum nur?
Jordana bediente ein paar andere Gäste, bevor sie sich wieder Carol zuwandte.
„Siehst du den Mann da hinten? Er heißt Ken – und ich glaube, er ist Tricias neuer Freund. Wenn Ken hier ist, dann wird Tricia bestimmt auch bald kommen. In letzter Zeit haben die beiden jedenfalls ziemlich heftig geknutscht.“
Carol konnte nur noch nicken. Sie schaute sich diesen Ken aus der Entfernung an. Er sah nicht schlecht aus, das musste sie zugeben. Aber er war mindestens 15 Jahre älter als Tricia oder als sie selbst!
Früher hatte Tricia nie auf ältere Typen gestanden. Sollte sich ihr Geschmack in London so sehr geändert haben? Oder schämte sie sich, mit Ken zusammen zu sein? Hatte sie ihn deshalb vor ihrer besten Freundin Carol verheimlicht?
Oder irrte sich Jordana? Hatte sie vielleicht sogar jemand anderen gemeint? Nein, das konnte nicht sein. Jordana hatte eindeutig in seine Richtung gezeigt. Andere Männer standen nicht in seiner Nähe. Ken war umgeben von einer Schar Asiatinnen, die es offenbar sehr aufregend fanden, in London zu sein. Sie fotografierten sich alle gegenseitig, während Ken nur trübselig auf die Tanzfläche starrte. Er machte keinen besonders glücklichen Eindruck.
Kein Wunder! dachte Carol düster. Vielleicht hat er ja Gewissensbisse wegen des Mordes, den er begangen hat.
War dieser Ken wirklich der Täter? Sie wollte nicht noch einmal so voreilig sein wie bei Jeanie Wilde und Eric Ulmer. Momentan schmerzte es sie nur, dass Tricia nicht ehrlich zu ihr gewesen war. Aber vielleicht gab es ja Gründe dafür? Hatte Tricia sich vor Ken gefürchtet? Wurde sie ihn nicht wieder los?
Carol neigte sich zu Brent hinüber und brachte ihn auf den neuesten Stand.
„Soll ich mal zu Ken hinübergehen und ihn unauffällig aushorchen? Von Mann zu Mann sozusagen?“, fragte er.
„Nein, auf gar keinen Fall. Er darf keinen Verdacht schöpfen, Brent. Wir müssen ihn verfolgen und alles über ihn herausbekommen. Falls er Tricia wirklich getötet hat, dann wird es doch ein überzeugendes Motiv geben.“
Ken bemerkte Carol und Brent nicht. Er schien ohnehin kaum mitzubekommen, was um ihn herum vorging. Ken machte auch keine Versuche, eine der vielen jungen Frauen anzubaggern. Er stand nur gegen eine Marmorsäule gelehnt da und trank Whisky.
Carol wurde ungeduldig. Ken stand einfach nur da wie eine Statue. Wenn Jordana sich nun getäuscht hatte? Oder wenn sie Tricia mit einer anderen Frau verwechselte? Aber das war nicht möglich, denn die Barkeeperin hatte ja Tricias Namen gewusst.
Plötzlich setzte Ken sich langsam in Bewegung. Carol war alarmiert. Ob er bemerkt hatte, dass sie und Brent ihn beobachteten? Aber nichts deutete darauf hin. Er schob sich durch die feiernde Menschenmenge zum Ausgang, ohne die beiden zu beachten.
Carol und Brent verfolgten ihn sofort, was in dem Gedränge nicht einfach war. Aber irgendwie gelang es ihnen doch. Sie eilten hinter ihm her auf die Straße. Inzwischen hatte es zu regnen begonnen. Der Asphalt war nass. Die Leuchtreklame des Wilfox spiegelte sich in den Pfützen.
„Da ist er!“, rief Brent. „Er steigt in ein Taxi.“
Einen Steinwurf von der Disco entfernt befand sich ein Taxistand. Der große schwarze Wagen mit dem Taxi-Schild auf dem Dach rollte langsam vorwärts. Carol und Brent rannten zum Taxistand, so schnell es mit Carols hohen Absätzen möglich war. Dort wartete noch ein anderer Wagen. Sie rissen die hinteren Türen auf und schoben sich rasch auf den Rücksitz.
„Folgen Sie dem anderen Taxi!“, rief Carol dem Fahrer zu, der sich zu ihnen umdrehte.
„Ich will keinen Ärger“, brummte der Inder, der einen Turban trug.
Brent steckte ihm eine Fünf-Pfund-Note zu. „Das ist für Sie. Und nun fahren Sie bitte los.“
Der Inder drehte den Zündschlüssel. Von Kens Taxi waren nur noch die Rücklichter zu sehen. Aber Carols und Brents Fahrer machte seinen Job gut. Er holte auf und blieb in einem konstanten Abstand hinter dem schwarzen Fahrzeug seines Kollegen. Carol hatte eigentlich immer schon davon geträumt, in einem dieser altmodischen Londoner Taxis zu fahren. Aber nun konnte sie es nicht wirklich genießen, denn die Anspannung, unter der sie stand, war zu groß.
Schon nach kurzer Zeit verlor Carol völlig die Orientierung. Das nächtliche London war für sie eine völlig fremde Welt. Sie wusste überhaupt nicht mehr, wo sie sich befand. Als sie Brent einen hilflosen Blick zuwarf, drückte er beruhigend ihre Hand.
„Wir sind jetzt in Fulham. Sieht so aus, als ob die Reise bald zu Ende wäre“, meinte er.
Kens Taxi bog von einer vielbefahrenen Hauptstraße ab und glitt langsam in eine Nebenstraße mit Reihenhäusern. Sie ähnelte der, in der Carol lebte. Allerdings waren die Häuser etwas größer und vermutlich auch teurer. Kens Taxi hielt. Der Wagen des Inders war noch etwa hundert Meter dahinter.
„Wir steigen hier aus“, sagte Brent. Er und Carol legten für den Fahrpreis zusammen und verließen das Taxi. Aus sicherer Entfernung beobachteten sie, wie Ken eine Haustür aufschloss und hineinging. Im ersten Stock brannte in einem Fenster noch Licht.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite standen Carol und Brent eng umschlungen. Die wenigen nächtlichen Passanten hielten sie gewiss für ein Liebespaar, was sie ja auch waren. Aber sie hatten vor dem Haus nicht Position bezogen, um zärtlich zueinander zu sein. Sie waren dort, um mehr über Ken zu erfahren.
„Immerhin wissen wir jetzt, wo er wohnt“, flüsterte Carol. „Und er lebt nicht allein. Siehst du?“
Sie deutete auf das Fenster, hinter dem man die Schatten von zwei Menschen erkennen konnte. Einzelheiten waren nicht auszumachen, denn die Vorhänge waren zugezogen. Eine halbe Stunde später wurde das Licht gelöscht.
„Lass uns mal rübergehen und das Namensschild checken“, raunte Brent. „Dann kennen wir seinen Nachnamen.“
„Das ist eine gute Idee“, meinte Carol.
Sie überquerten die Fahrbahn. Brent hatte eine kleine Taschenlampe an seinem Schlüsselbund, mit der er das Messingschild beleuchtete.
„Dieser miese Heuchler“, schimpfte Carol leise. Brent nickte. Auf dem Schild stand: Kenneth und Janet Marsh.
Tricias Freund war verheiratet.