2. KAPITEL
Die Prärie war eine Wiese am Stadtrand von Shrewsbury.
Tricia und Carol hockten im Schatten einer uralten Eiche, die an diesem heißen Augusttag Schatten spendete. Die Hitze flirrte über den Dächern und Kirchtürmen des Städtchens, das von hier aus so weit entfernt schien wie der Mond. Am Ufer des Bachs schwirrten schillernde Libellen durch die Luft.
Die beiden vierzehnjährigen Mädchen waren in ihre Fantasiewelt abgetaucht. Ihre Fahrräder, die an dem dicken Baumstamm lehnten, hatten sich in feurige Mustangs verwandelt. Tricia und Carol waren nun keine Schülerinnen mehr, die sich in den Sommerferien daheim langweilten. Stattdessen hatten sie sich selbst zu Häuptlingstöchtern ernannt, die von gutaussehenden und tapferen Kriegern umschwärmt wurden.
Sie saßen einander gegenüber. Tricia war ein halbes Jahr älter als Carol, und nicht nur deshalb wurde sie von ihrer jüngeren Freundin heimlich bewundert. Tricia ließ sich nichts gefallen. Wenn ein Junge in der Schule sie ärgerte, dann fing er sich schnell eine Ohrfeige von ihr ein. Und Tricia wurde oft von den Typen genervt. Insgeheim schwärmten fast alle Klassenkameraden von ihr. Aber weil sie das nie zugegeben hätten, machten sie ihr lieber das Leben schwer.
Tricia fand alle Typen in der Schule ätzend. Keiner von ihnen konnte mit den muskulösen Indianern aus ihren Fantasien konkurrieren. Und außerdem lebten die Jungs sowieso auf einem anderen Planeten. So kam es Tricia wenigstens vor. Es gab nur einen Menschen, mit dem sie sich wirklich gut verstand und über alles reden konnte – Carol.
Tricias beste Freundin war nicht ganz so hübsch und wurde daher etwas weniger geneckt. Aber Carol hatte von Tricia gelernt, zu sich zu stehen. Oft schien es Carol, als würde Tricia ihr von ihrem starken Selbstvertrauen etwas abgeben. Unbewusst ahmte Carol ihre ältere Freundin nach. So kam es, dass sie ebenfalls von den Jungs aus ihrer Klasse nichts wissen wollte.
Insgeheim gestand sich Carol jedoch ein, dass Mike Connors gar nicht so übel war. Jedenfalls nervte er sie nie, sondern schaute sie manchmal sogar richtig süß an.
„Bist du bereit, Kleine Feder?“
Tricias Stimme riss Carol aus ihren Gedanken. „Kleine Feder“ war Carols Indianername. Tricia nannte sich „Schnelle Zunge“, weil sie so schlagfertig war und immer einen passenden Spruch auf Lager hatte.
„Ja, Schnelle Zunge.“
Carols Herzschlag beschleunigte sich, aber sie wollte sich ihre Aufregung nicht anmerken lassen. Für diesen Tag hatten die Freundinnen sich vorgenommen, Blutsschwestern zu werden. Eigentlich fürchtete sich Carol vor Blut, aber sie wollte kein feiges Bleichgesicht sein. Außerdem bedeutete ihr die Freundschaft zu Tricia sehr viel. Dafür war sie sogar bereit, ihren Widerwillen gegen Blut zu überwinden.
Feierlich zog Tricia die Nadel aus ihrer Tasche. Carol brach bereits der kalte Schweiß aus. Irgendwie schaffte sie es, ihre zitternden Hände ruhig zu halten. Ihr Magen krampfte sich zusammen. Aber sie wusste, dass sie ihrer Freundin vertrauen konnte. Tricia würde Carol niemals schaden. Was sollte also schon passieren? Es war schließlich nur ein winziger Nadelstich in die Fingerkuppe.
Reiß dich zusammen, du bist kein Baby mehr!, ermahnte Carol sich. Sie ließ sich von Tricias Gelassenheit anstecken und entspannte sich tatsächlich. Wenig später drang die winzige Stahlspitze in ihr Fleisch, und ein einzelner Blutstropfen rollte an Carols Finger hinab. Tricia hatte sich ebenfalls mit der Nadel gestochen. Nun pressten die beiden Mädchen ihre Handflächen gegeneinander.
„Du bist für immer meine Schwester, Kleine Feder.“
„Du bist für immer meine Schwester, Schnelle Zunge.“
Carol und Tricia lächelten sich an. Doch plötzlich geschah etwas Entsetzliches. Während Carols Finger nur wenig geblutet hatte, ergoss sich ein Blutstrom aus Tricias Fingerkuppe wie aus einer klaffenden Wunde.
Schreckensbleich starrte Tricia auf ihren Arm, an dem das Blut hinabrann. Es gelang ihr nicht, den Fluss zu stoppen.
Ein verzweifelter Schrei drang aus ihrer Kehle. „Hilf mir, Carol! Bitte, hilf mir!“
Carol wachte völlig verschwitzt auf. Es dauerte einige Minuten, bis sie in die Wirklichkeit zurückfand. Tricia war nicht bei ihr, sie hatte nur geträumt. Carol lag im Bett in ihrem neuen Zimmer in London. Sie warf einen Blick auf den Wecker. Es war kurz vor neun Uhr morgens.
Carol wusste nicht mehr, wie lange sie am vergangenen Abend wach gelegen und über den Tod ihrer Freundin nachgegrübelt hatte. Irgendwann musste sie erschöpft eingeschlafen sein. Kein Wunder, dass ihre trüben Gedanken ihr einen fürchterlichen Albtraum beschert hatten.
Carol richtete sich im Bett auf und fuhr sich mit den Handflächen über das Gesicht, während sie über den Traum nachdachte. Der feierliche Pakt, den Tricia und sie auf der Wiese am Stadtrand geschlossen hatten, gehörte eigentlich zu den schönsten Momenten ihres Lebens. Damals hatte sie sich Tricia, ihrer Blutsschwester, so eng verbunden wie noch nie gefühlt. Alles hatte sich wirklich so abgespielt wie in ihrem Traum – nur das schreckliche Ende mit dem unendlichen Blutfluss war das Produkt ihres Unterbewusstseins. In Wirklichkeit hatte sich Tricias Wunde genauso schnell geschlossen wie ihre eigene.
Als sie aus dem Bett aufstand, fühlte sich Carol wie betäubt. Außerdem hatte sie Kopfschmerzen. Der graue Himmel über London, den sie durch das Fenster sah, trug auch nicht dazu bei, ihre Laune aufzuheitern. Plötzlich erschien ihr alles sinnlos. Wie sollte sie nach Tricias Tod jemals wieder glücklich werden können?
Carol musste an den Mörder denken. Wünschte sie sich wirklich, dass er ebenfalls starb? Dadurch wurde Tricia nicht wieder lebendig. Carol bezweifelte, dass sie sich nach seinem Tod wirklich besser fühlen würde. Aber sie musste zumindest erfahren, wer er war. Vielleicht wäre es dann möglich, über den schmerzlichen Verlust ihrer Freundin hinwegzukommen.
Das war momentan ihre einzige Hoffnung.
Nach einer Dusche fühlte sich Carol zwar nicht wirklich gut, aber wenigstens halbwegs wie ein normaler Mensch. Sie zog eine schwarze Jeans und einen dunkelgrauen Rollkragenpulli an. Die Farben ihres Outfits entsprachen ihrer Stimmung.
Als Carol die Küche betrat, lächelte Eve sie freundlich an. „Da bist du ja! Ich habe gerade frischen Tee gekocht. Was möchtest du zum Frühstück?“, fragte sie.
„Ich kriege keinen Bissen runter.“
Doch als Carol wenig später etwas Tee getrunken hatte, begann ihr Magen unüberhörbar zu knurren. Ihr Kreislauf würde verrücktspielen, wenn sie nichts aß, und deshalb nahm sie sich eine Scheibe Toast.
„Ich muss dich wohl nicht fragen, ob du gut geschlafen hast“, bemerkte Eve.
„Lieber nicht“, antwortete Carol.
Obwohl sie Tricias Mitbewohnerin erst seit gestern kannte, vertraute Carol ihr. Tricia hatte über Eve bei ihren Telefonaten selten gesprochen. Viel öfter hatte sie sich über Bella ausgelassen, die nach Tricias Worten eine Nervensäge gewesen war und in der WG nur für Stress gesorgt hatte. Aber Bella war Vergangenheit, schließlich wohnte Carol jetzt in ihrem Zimmer. Vielleicht hatte Tricia Eve kaum erwähnt, weil die blasse, braunhaarige Frau so unscheinbar war. Das konnte sich Carol jedenfalls gut vorstellen. Man hätte Eve als typisches Mauerblümchen bezeichnen können, obwohl sie auf eine dezente Art eigentlich hübsch war.
Eve legte ihre schmale Hand auf Carols Unterarm. „Tricia hat häufig davon gesprochen, wie großartig ihr euch verstanden habt. Eure Freundschaft muss etwas ganz Besonderes gewesen sein, nicht wahr?“
Carol nickte stumm. Sie hatte einen dicken Kloß im Hals. Wenn sie ständig an Tricia dachte, würde sie noch verrückt werden. „Was machst du eigentlich, Eve? Tricia hat mir kaum etwas über dich erzählt“, wechselte sie deshalb das Thema.
„Das kann ich mir vorstellen“, antwortete Eve.
„Wieso? Wie meinst du das?“
„Na, weil unser Leben völlig unterschiedlich verlief. Wir haben uns auch kaum gesehen, außer manchmal beim Frühstück. Tricia hatte ja ihren coolen Boutique-Job in den Docklands. Abends hat sie oft Überstunden gemacht und ist dann direkt feiern gegangen, ohne vorher nach Hause zurückzukehren. So aufregend ist mein Leben nicht. Ich studiere Jura. Das bedeutet büffeln, büffeln und nochmals büffeln. Ich bin oft in der Uni-Bibliothek und lerne Gesetzestexte auswendig. Momentan sind Semesterferien, aber ich muss noch eine lange Hausarbeit schreiben.“
Carol nickte verständnisvoll. Da sie gerade erst ihren Platz an der Westminster School ergattert hatte, kannte sie das Studentenleben noch gar nicht. Aber was Eve über ihr Studium berichtete, klang nach harter Arbeit.
„Ihr hattet also ganz unterschiedliche Interessen“, stellte Carol fest.
„Ja, aber wir sind uns deshalb nicht aus dem Weg gegangen. Wenn wir uns getroffen haben, dann gab es zwischen uns auch keinen Ärger. Bella war da ganz anders. Die hat uns beiden das Leben schwer gemacht.“
„Wieso?“
„Sie war immer mit ihrem Mietanteil im Rückstand, hat die Küche in ein Schlachtfeld verwandelt und die unmöglichsten Typen angeschleppt. Einer von den Kerlen ist sogar so aggressiv geworden, dass wir die Polizei rufen mussten. Er hat wüste Drohungen ausgestoßen, als sie ihn in Handschellen abgeführt haben.“
Während der letzten Minuten hatte sich Carol bemüht, jeden Gedanken an den Mord zu verdrängen. Aber nun fragte sie sich wieder, wer ihre beste Freundin getötet haben könnte. „Dieser Lover von Bella – glaubst du, er hat etwas mit Tricias Tod zu tun?“
Eve riss ihre dunklen Augen auf. „Daran habe ich auch schon gedacht. Jedenfalls habe ich der Inspektorin gestern von dem Zwischenfall erzählt. Es ist ja auch erst ein paar Wochen her. Das war der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Danach haben Tricia und ich Bella klargemacht, dass wir sie nicht länger bei uns haben wollen. Wenigstens hat sie klein beigegeben und sich verdrückt“, erklärte Eve. „Ich finde es schön, dass du jetzt da bist. Mit dir werde ich keinen Ärger haben, das spüre ich.“
Carol zwang sich zu lächeln. Eves freundliche Art war momentan der einzige Lichtblick in ihrem traurigen Leben. Am liebsten wäre sie nach Shrewsbury zurückgekehrt, hätte sich die Bettdecke über den Kopf gezogen und wäre nie wieder aufgestanden.
Aber das durfte sie nicht tun. Seit Jahren hatten sie und Tricia davon geträumt, gemeinsam in London zu leben und diese Metropole zu erobern. Wenn Carol jetzt in ihren Heimatort zurückkehrte, wäre das wie ein Verrat an ihrer toten Freundin gewesen. Jedenfalls kam es ihr so vor.
Carol spürte, dass ihre Augen schon wieder feucht wurden. Sie wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln. „Ich sollte mich allmählich zusammenreißen. Tricia wird bestimmt bald beerdigt. Es wird schrecklich für mich sein, dort hinzugehen, aber ich könnte es mir nie verzeihen, mich nicht von ihr verabschiedet zu haben.“
„Tricia konnte froh sein, eine Freundin wie dich gehabt zu haben“, bekräftigte Eve.
Ihre Worte taten Carol gut, aber sie wusste nicht, was sie darauf entgegnen sollte. Zum Glück klingelte das Telefon. Eve stand auf und ging zu dem Festnetzapparat, der an der Wand im Korridor hing. Das Gespräch dauerte nur kurz, aber Carols neue Mitbewohnerin hörte sich plötzlich sehr aufgeregt an. Schnell kehrte sie in die Küche zurück. Carol sah, dass sie völlig durcheinander war.
„Was ist passiert?“, fragte Carol.
„Ja, ich – ich kann es kaum glauben. Inspektorin Shepley hat angerufen. Die Polizei hat Tricias Mörder verhaftet. Und er hat auch schon ein Geständnis abgelegt!“