6. KAPITEL

Mit allem hätte Carol gerechnet, aber nicht mit einem solchen Geständnis. Ihre Gefühle waren in Aufruhr. Natürlich war sie geschmeichelt, denn Brent sah gut aus. Und er war gewiss kein Langweiler, obwohl diese aufgetakelte Valentine ihn dafür hielt. Aber andererseits war Carol momentan nicht in Flirtlaune, denn der Schmerz über Tricias Tod saß noch zu tief. Und vor allem konnte sie nicht glauben, dass Brent sich in so kurzer Zeit ernsthaft in sie verliebt hatte.

Brent schien ihre Gedanken gelesen zu haben. „Das kommt für dich wahrscheinlich sehr überraschend“, meinte er verständnisvoll.

„Allerdings! Verliebst du dich immer in Frauen, die dich mit einem Kerzenhalter niederschlagen?“

„So oft ist das noch nicht passiert. Eigentlich war es heute das erste Mal. Aber so läuft es immer bei mir. Wenn ich eine Frau sehe, dann gefällt sie mir auf den ersten Blick – oder auch nicht. Erst später zeigt sich dann, ob tiefere Gefühle entstehen.“

„Und was ist mit Valentine? Ganz ehrlich, Brent – du und diese Tussi? Das geht ja gar nicht!“

„Ich weiß. Jetzt ist mir das auch klar. Aber als ich Valentine zuerst sah, mochte ich sie sofort und habe sie zum Essen eingeladen. Na ja, du hast sie ja selbst erlebt. Aus uns beiden wäre nie ein Paar geworden.“ Brent schwieg einen kurzen Moment. „Kann es übrigens sein, dass du eifersüchtig bist?“, fragte er direkt.

„Eifersüchtig, ich? Bilde dir bloß nichts ein“, giftete Carol.

Doch insgeheim war sie erleichtert darüber, wie abweisend Valentine zu Brent gewesen war. Viele Männer standen auf solche übertrieben aufgebrezelten Frauen. Aber Brent? Nein, zu dem passte Valentine doch überhaupt nicht.

Aber wer passte dann zu ihm?

Als Carol über diese Frage nachgrübelte, zog sie innerlich die Notbremse. „Hör mal, Brent – das geht mir alles viel zu schnell. Momentan fühle ich mich schlecht. Ich wollte hier in London einen neuen Lebensabschnitt beginnen, und nun ist meine beste Freundin tot, und ich muss …“

„Pssst.“ Brent legte seinen Zeigefinger an ihre Lippen.

„Ich wollte dir gegenüber nur ehrlich sein. Wir wissen kaum etwas voneinander. Aber ich würde dich sehr gerne näher kennenlernen. Und ich will dir auch dabei helfen, den Mörder deiner Freundin zu finden. Denn das willst du doch nach wie vor, oder?“

Carol nickte heftig. „Auf jeden Fall.“

„Ich studiere Journalismus und kenne mich in London inzwischen ganz gut aus. Ich habe eine Menge Kontakte und weiß, wie man Dinge herausfindet. Du kannst mich gerne jederzeit anrufen. Soll ich dich nach Hause bringen?“

Sie tauschten ihre Handynummern aus.

„Nein, danke, Brent. Ich muss jetzt erst einmal allein sein. Das war heute doch alles etwas viel für mich.“

Carol und Brent gingen noch gemeinsam zur U-Bahn-Station. Dann fuhr sie nach Norden, Richtung Camden Town, und er nahm den Zug in die entgegengesetzte Richtung.

Carol fiel ein, dass sie seit heute Morgen nicht mehr mit Eve gesprochen hatte. Hoffentlich war sie daheim, denn Carol konnte es kaum erwarten, ihr von ihren Erlebnissen zu berichten.

Als Carol das Haus betrat, brannte in der Küche Licht. Sie war erleichtert darüber, ihre Mitbewohnerin zu treffen. Beim Geruch der leckeren Düfte, die aus der Küche drangen, knurrte ihr Magen.

„Du kommst genau richtig. Ich mache mir gerade ein paar Backofen-Pommes frites. Wie sieht es aus, bist du dabei?“, begrüßte Eve sie.

„Gerne. Was riecht denn hier so gut?“, fragte sie neugierig.

„Meine teuflische Spezialsoße, ein selbstgemachtes Geheimrezept.“

Erst jetzt merkte Carol, wie hungrig sie wirklich war. Die beiden Frauen machten sich über die Pommes her. Carol konnte nicht jede Zutat erraten, die in der köstlichen Gewürzmischung war. Doch Eves Kreation basierte stark auf Chili, wie Carol herausschmeckte.

„So, und nun musst du mir erzählen, was geschehen ist. Hast du mit diesem Touristenführer Arnold Feathers gesprochen?“, erkundigte sich Eve.

„Ja, und nicht nur mit dem.“ Carol berichtete, wie sie Brent kennengelernt und ihn mit dem Kerzenständer niedergeschlagen hatte, weil sie ihn für Tricias Mörder hielt. Sie ließ auch sein Alibi nicht aus – und natürlich sein überraschendes Liebesgeständnis.

Eve war skeptisch. „Diesem Typen solltest du nicht vertrauen, Carol. Es geht mich ja nichts an, aber er scheint mir nicht ganz sauber zu sein.“

„Aber warum? Er hat doch seine Karten auf den Tisch gelegt. Ich fand es auch ziemlich ehrlich und mutig von ihm, mir gleich seine Liebe zu gestehen.“

„Ein Ablenkungsmanöver, wenn du mich fragst. Wie du ihn beschreibst, sieht er ja recht gut aus. Natürlich ist es schmeichelhaft, von einem solchen Typ umschwärmt zu werden. Wir Frauen sind doch eigentlich ausnahmslos Romantikerinnen, auch wenn wir uns manchmal anders verhalten. Schenkt uns jemand rote Rosen, dann schmelzen wir dahin. Dieser Brent spielt mit deinen Gefühlen.“ Eve schien aus Erfahrung zu sprechen.

„Aber warum sollte Brent das tun? Du kennst ihn doch überhaupt nicht.“

„Du ebenfalls nicht“, konterte Eve nüchtern.

Carols Wangen brannten vor Verlegenheit. Damit hatte ihre Mitbewohnerin natürlich vollkommen recht. Sie musste vorsichtiger sein.

„Ich glaube, du bist momentan total durcheinander, Carol. Das ist auch kein Wunder, denn du hast ein paar furchtbare Tage hinter dir. Ich kann mir gut vorstellen, was in dir vorgeht. Ich will dir diesen Brent ja gar nicht madig machen. Aber ich würde mir wünschen, dass du gut auf dich aufpasst“, fuhr Eve besorgt fort.

„Ich war eigentlich schon überzeugt davon, dass er Tricia nicht getötet hat. Aber vielleicht bin ich wirklich zu leichtgläubig gewesen“, räumte Carol ein.

„Es ist ja auch nicht gesagt, dass er es war“, beschwichtigte Eve sie. „War diese Valentine denn eine glaubwürdige Zeugin?“

„Allerdings“, stieß Carol hervor. „Valentine kann sich nicht verstellen. Und überzeugend lügen kann sie auch nicht. Für beides ist sie viel zu dumm.“

Plötzlich musste Eve lachen. „Du hättest dein Gesicht sehen sollen, als du das gerade gesagt hast! Diese Valentine muss ja wirklich eine ätzende Ziege sein.“

„Damit hast du sie gut beschrieben. – Könnte ich noch ein paar Pommes frites haben?“

„Sicher. Es ist genug da.“

Carol machte sich über das Essen her. Sie war Eve dankbar, sie auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt zu haben. Gewiss, Brent war ein toller und faszinierender Typ, der die Schmetterlinge in ihrem Bauch flattern ließ. Es schmeichelte ihr, dass er sich in sie verliebt hatte. Aber stimmte das wirklich, oder hatte er ihr nur aus Berechnung etwas vorgespielt? Schmiedete er finstere Pläne, von denen sie noch gar nichts ahnte? War seine Begegnung mit Tricia bei der Jack-the-Ripper-Tour vielleicht gar nicht zufällig gewesen?

Sie musste dringend mehr über ihn erfahren. Carol durfte ihm nicht vertrauen, bevor ihre Zweifel nicht ausgeräumt waren. In Gedanken ging sie die Telefonate mit ihrer besten Freundin durch, die sie in den letzten Monaten geführt hatten. War der Name Brent jemals gefallen? Tricia hatte viele neue Leute kennengelernt, seit sie nach London gezogen war. Neidisch hatte Carol sich am Telefon anhören müssen, wie sie sich in irgendwelchen angesagten West-End-Discos amüsiert hatte. Ob ihr dort Brent über den Weg gelaufen war?

Mittlerweile hatte Carol so viel gegessen, dass ihr Hosenbund schon spannte. Sie war pappsatt und konnte kaum noch einen klaren Gedanken fassen. Gemeinsam mit Eve räumte sie in der Küche auf und spülte ab. Die beiden Frauen waren schon ein eingespieltes Team, obwohl sie sich erst seit kurzer Zeit kannten. Carol fühlte sich in Eves Gegenwart wohl. Die Mitbewohnerin konnte zwar niemals ein Ersatz für Tricia sein, mit der sie praktisch ihr ganzes bisheriges Leben verbracht hatte. Aber es war viel besser, als allein zu sein.

„Ich gehe ins Fitnessstudio“, kündigte Eve an und griff nach ihrer Sporttasche. „Sonst setzen sich die Pommes noch auf meinen Hüften fest. Hast du auch noch etwas vor?“

„Ich werde noch ein paar Sachen im Internet checken. Und dann fallen mir vermutlich sowieso bald die Augen zu.“

Nachdem Eve fortgegangen war, fuhr Carol den PC hoch. Sie forschte nach einer Verbindung zwischen Brent und ihrer toten Freundin. Erneut studierte sie Brents Profil bei London Faces. Er hatte 49 Online-Freunde mit Fotos in seiner Liste. Carol kopierte sich die Namen. Sie glaubte sich zu erinnern, dass Tricia ebenfalls bei London Faces registriert war. Es versetzte ihr einen Stich ins Herz, die Homepage ihrer toten Freundin aufzurufen. Der letzte Blog-Eintrag stammte von Tricias Todestag.

„Ich traue mich heute, auf den Spuren von Jack the Ripper zu wandeln. Wünscht mir Glück – brrrr!“

Diese Worte waren typisch für sie. Carol musste ein paar Tränen vergießen, bevor sie weitermachen konnte. Auch Tricia hatte natürlich eine Freundesliste mit insgesamt 33 Eintragungen. Es waren keine von den früheren Schulkameraden aus Shrewsbury dabei, aber das soziale Netzwerk hieß ja schließlich auch London Faces. Es war ausschließlich für Leute gedacht, die in der britischen Hauptstadt lebten und Kontakt zueinander halten wollten.

Jedenfalls gab es keine Überschneidungen zwischen Tricias und Brents Bekanntenkreisen. Das war natürlich noch kein Beweis dafür, dass sie sich nicht doch schon vor Tricias Todestag begegnet waren. Doch wie realistisch war das eigentlich? Carol führte sich vor Augen, dass sie sich als Blutsschwestern immer alles anvertraut hatten. Wenn Carol einen tollen Typen kennenlernte, dann erfuhr Tricia als Erste davon, und umgekehrt war es genauso.

Nach einer Weile brannten Carols Augen so stark, dass sie sich kaum noch auf den Bildschirm konzentrieren konnte. Sie schaltete den Computer wieder aus.

Als sie noch in Shewsbury gewesen war, hatte sie sich vorgestellt, in London jeden Abend feiern zu gehen. Doch daran war jetzt nicht zu denken. Sie war so müde, dass sie sich nur noch die Zähne putzte und in ihren Schlafanzug schlüpfte. Kaum hatte Carol sich ins Bett gelegt, fielen ihr die Augen zu.

Für einen Kriminalbeamten wirkte der Mann sehr jung. Carol hatte bisher noch niemals eine der legendären Spürnasen von Scotland Yard gesehen. In ihrer Vorstellung waren es alte, weise Männer, die mit einer Lupe in der Hand auf den Knien eine Leiche untersuchten.

Doch dieser Zivilpolizist stand nur nachdenklich neben dem blutbeschmierten Frauenkörper. In einer Hand hielt er eine Zigarre, die andere hatte er tief in die Tasche seines Tweedmantels versenkt, die Melone hatte er in den Nacken geschoben. Carol schaute ihn ehrfurchtsvoll an.

„Das ist Inspektor Brent Temple von Scotland Yard“, raunte Konstabler Briggs ihr zu. Carol hatte ihre Kollegin Tricia Lloyd in einer Blutlache gefunden, nachdem sie sich von einem zahlungskräftigen Gentleman verabschiedet hatte. Sie hatte einen Entsetzensschrei ausgestoßen, woraufhin ihr der uniformierte Polizist sofort zu Hilfe geeilt war.

Und nun hatten die Konstabler das ganze Gebiet abgesperrt. Bis hinunter zu den West India Docks und hinauf bis Aldgate konnte keine Maus mehr entkommen. Und doch spürte Carol, dass es vergeblich war. Der Mörder von Tricia hatte mehr als genug Zeit gehabt, um zu fliehen.

Oder lauerte er in einem dieser engen, schäbigen Zimmer und warf hinter einer löcherigen Gardine heimtückische Blicke auf die versammelte Staatsmacht? Vielleicht lachte sich der Schlächter sogar ins Fäustchen, weil man ihn immer noch nicht erwischt hatte. Und jede Frau im East End lebte nachts in Angst und Schrecken.

Als sich Inspektor Brent Temple langsam zu Carol umwandte, schlug ihr Herz schneller. Sie hatte etwas Angst vor ihm, weil sie sich normalerweise vor Respektspersonen fürchtete. Doch gleichzeitig fühlte sie sich auch sehr zu ihm hingezogen, denn er war ein schöner Mann. Allerdings würde sie ihm wohl niemals wirklich nahekommen. Er gehörte nicht zu denen, die mit einem Mädchen wie Carol aufs Zimmer gingen. Das spürte sie deutlich, und ein Anflug von Traurigkeit legte sich wie ein Schatten über ihre Seele. Sie hatte immer gehofft, von einem Mann wie Brent Temple aus ihrem elenden Leben befreit zu werden. Doch das war aussichtslos.

„Sie sind die Zeugin, Miss?“

Seine Stimme war tief, ruhig und wohltönend. Carol bekam weiche Knie.

„Jawohl, Sir.“

„Wie lautet Ihr Name, Miss?“

„Carol Garner.“

„Sie sind sehr blass, Miss Garner. Ich bringe Sie fort von dieser Stätte des Blutes und des Grauens. Ich möchte mich in Ruhe mit Ihnen unterhalten.“

Carol glaubte zu träumen, als der Inspektor von Scotland Yard ihr seinen Arm anbot. Damit hatte sie nicht gerechnet. Ihr lief ein angenehm kribbelnder Schauer des Wohlbefindens über den Rücken. Die Konstabler salutierten, als Brent Temple und Carol durch die Polizeiabsperrung traten. Der Inspektor führte sie an Aldgate vorbei Richtung Westen. Carol riss die Augen auf. Obwohl sie sich nur wenige Straßenzüge von Whitechapel entfernt hatte, befand sie sich nun in einer anderen Welt. Arm und Reich existierten in London dicht nebeneinander. Hier im vornehmen Mayfair liefen aber keine Ratten über die Straße. Die Häuser waren sauber und frisch gestrichen, die Fenster blank geputzt. Kinder spielten nicht in der schmutzigen Gosse, sondern wurden von Nannys mit gestärkten Hauben in die grünen Parks begleitet. Carol liebte diese Welt, die ihr so fremd war. Doch sie bemerkte auch die verächtlichen Blicke, die ihr zugeworfen wurden. Natürlich konnte jeder sehen, dass sie ein Freudenmädchen aus Whitechapel war. Aber der Inspektor hatte keine Probleme damit, sich mit ihr auf der Straße zu zeigen. Sie fühlte sich von ihm respektiert, und daher wuchs ihre Sympathie für ihn von Minute zu Minute.

Brent Temple lud sie in ein Teehaus ein. Obwohl der Kellner mit der weißen Schürze sich hochnäsig und arrogant verhielt, bestellte der Inspektor für sich und für Carol. Sie hatte noch niemals einen so guten Tee getrunken. Außerdem war es das erste Mal in ihrem Leben, dass sie in einem so schönen Raum saß. Ehrfürchtig schaute Carol sich um. Das Teehaus mit seinen Marmortischen, dem polierten Parkettfußboden und den großen Spiegeln an den Wänden erschien ihr so prächtig wie der Palast von Königin Victoria.

Carol fühlte sich sehr wohl. Sie schaute Brent Temple an. Er hatte seinen Mantel ausgezogen. Wie die meisten Gentlemen trug er darunter einen schwarzen Gehrock und außerdem ein Hemd mit steifem Kragen. Carol hatte in ihrem Berufsleben als Freudenmädchen schon mehr als genug Herren aus den besseren Kreisen kennengelernt. Nur war noch keiner von ihnen so freundlich zu ihr gewesen wie dieser Inspektor von Scotland Yard.

„Geht es Ihnen jetzt etwas besser, Miss Garner? Fühlen Sie sich dazu in der Lage, meine Fragen zu beantworten?“, fragte er einfühlsam.

„Jawohl, Sir.“

„Haben Sie das Opfer Tricia Lloyd gekannt? Und wenn ja, wie lange?“

„Seit einigen Monaten.“

„Und woher, wenn ich fragen darf?“

Carol errötete, was ihr äußerst selten passierte.

„Wir – Tricia und ich – wir üben denselben Beruf aus“, antwortete sie leise, wobei sie Brent Temple nicht in die Augen blicken konnte.

„Sie müssen sich nicht schämen, Miss Garner. Sie verdienen sich nur Ihren Lebensunterhalt. – Sehen Sie sich doch in diesem Teehaus einmal um. Was glauben Sie, wie viele von den Gentlemen hier sich abends nach Whitechapel schleichen, wenn es ihnen bei der Gattin zu langweilig wird? Ich wette, dass fast jeder von ihnen schon einmal mit einem Mädchen wie Ihnen aufs Zimmer gegangen ist. Doch nach außen hin spielen diese Männer die Moralapostel.“

Carol konnte nur nicken. Diese Verlogenheit war ihr noch niemals so bewusst gemacht worden wie in diesem Moment. Und schon gar nicht von einem Polizisten. Brent Temple war ein ganz besonderer Mann. Er hatte Ansichten, mit denen er sich in Schwierigkeiten bringen konnte. Aber das schien ihm egal zu sein, denn Ehrlichkeit war ihm offenbar sehr wichtig.

Warum können nicht alle Männer so sein wie er, wenigstens ein bisschen? dachte Carol wehmütig. Nun traute sie sich wieder, dem Inspektor direkt ins Gesicht zu schauen. Er hatte dunkle Augen, die Carol innerlich völlig durcheinanderbrachten. Sie glaubte nämlich, in seinen unergründlichen Pupillen ein Feuer zu entdecken, das für sie entflammt war. Aber machte sie sich nicht etwas vor? Wie kam sie nur darauf, dass dieser beeindruckende Mann in ihr jemals mehr sehen könnte als eine Zeugin in einem Mordfall?

Brent Temple fuhr mit der Befragung fort. Carol liebte es, seine tiefe und gleichzeitig sehr weiche Stimme zu hören.

„Wann haben Sie das letzte Mal mit Miss Tricia Lloyd gesprochen, bevor Sie ihre Leiche gefunden haben?“

„Gestern Abend, Sir.“

Der Inspektor lächelte sie an. „Wenn wir unter uns sind, können Sie mich gerne Brent nennen.“

Carols Herz klopfte immer schneller. Eine solche Vertraulichkeit wäre ihr noch vor Kurzem völlig undenkbar erschienen. Die Männer, mit denen sie aufs Zimmer gehen musste, verrieten ihr niemals ihre Namen, noch nicht einmal ihre Vornamen. Aber es war völlig absurd, Brent mit diesen Kerlen zu vergleichen. Er war ganz anders, und gerade deshalb fühlte sie sich so zu ihm hingezogen.

„Sehr gerne, Brent. Und ich bin Carol.“

Mit diesen Worten legte sie ihre Hand auf seinen Jackenärmel. Carol erschrak selbst über ihren eigenen Mut. Sie rechnete damit, dass der Inspektor seinen Arm sofort zurückziehen würde. Berührungen zwischen Mann und Frau in der Öffentlichkeit galten als anstößig, sogar bei Ehepaaren. Eine anständige Frau musste ihren Körper möglichst vollständig bedecken. Ehrbare Herren redeten über Sitte und Anstand, bevor sie sich zu den Mädchen von Whitechapel schlichen. Es war eine scheinheilige und heuchlerische Zeit.

Doch Brents Augen glänzten, als er Carols Hand spürte. Und nun legte er sogar seine Finger auf die ihren. Der Kellner warf ihnen empörte Blicke zu. Er konnte es nicht fassen, dass dieser junge Gentleman so schamlos mit einem Freudenmädchen Händchen hielt. Der Mann mit der weißen Schürze eilte zur Theke und kehrte gleich darauf mit einem Silbertablett zurück.

„Die Rechnung, Sir“, sagte er barsch.

„Ich wollte noch gar nicht gehen“, erwiderte Brent ruhig.

„Oh doch, das wollten Sie. Ihr Benehmen ist untragbar. Wir sind ein angesehenes Haus“, antwortete der Kellner streng.

Brent zog einen Shilling aus der Westentasche und bezahlte damit den Tee. Am liebsten wäre Carol vor Scham im Erdboden versunken. Aber gleichzeitig war sie auch stolz auf sich, weil sie Brent gezeigt hatte, was sie für ihn empfand. Und weil er sie nicht von sich zurückstieß.

Brent nahm demonstrativ wieder ihren Arm, als sie gemeinsam das Teehaus verließen.

„Ärgere dich nicht über diese Spießbürger, Carol. Sie sehen deine Schönheit und sind nur neidisch. Aber ich sehe noch viel mehr.“

„Wirklich?“, fragte sie.

„Ja. Ich erkenne, dass du ein gutes Herz hast. Das ist wundervoll für mich, denn als Inspektor bei Scotland Yard erlebe ich mehr Bosheit und Gemeinheit, als du dir vorstellen kannst.“

Carol musste sich nun wirklich auf Brent stützen, denn sie wurde von einem wogenden Glücksgefühl überrollt und bekam weiche Knie. Sie glaubte schon längst nicht mehr, dass Brent nur an der Lösung seines Kriminalfalls interessiert war. Nein, er suchte auch ihre Nähe. Und das war ein sehr schönes Gefühl für sie. Dennoch nahm er seinen Beruf ernst, wie ihr im nächsten Moment deutlich wurde.

„Ich muss noch einmal auf dein letztes Gespräch mit Tricia Lloyd zurückkommen, Carol. Wirkte sie verändert auf dich? Gab es jemanden, der sie bedrohte? Ein Stammkunde vielleicht?“, fragte er.

Carol runzelte nachdenklich die Stirn. „Sie war anders als sonst, das stimmt. So, als würde sie das Unheil vorausahnen. Sie sagte noch zu mir, dass ich ihre beste Freundin wäre – was immer auch geschehen würde. Und dabei kannten wir uns kaum.“

Bei der schmerzlichen Erinnerung schimmerten Tränen in Carols Augen. Brent führte sie in einen nahe gelegenen Park. Dort, auf einer kleinen Bank im Schatten einer großen Linde, waren sie allein und durch Hecken vor neugierigen Blicken geschützt. Der Inspektor reichte ihr sein großes Taschentuch. Es war sauber und gebügelt. Carol trocknete ihre Tränen, als ihr plötzlich etwas einfiel.

„Wer sorgt dafür, dass du so ein feines Taschentuch bei dir hast? Deine Frau?“

„Nein, meine Vermieterin.“

Diese Antwort hatte Carol erhofft. Natürlich wusste sie, dass es eigentlich zwischen einem Mädchen aus Whitechapel und einem Inspektor von Scotland Yard keine Verbindung geben durfte. Sie lebten in zu verschiedenen Welten. Aber ihre Gefühle für Brent waren trotzdem vorhanden. Und ein Blick in seine Augen bewies ihr, dass es ihm genauso ging.

Brent zog sie in seine Arme. Er roch nach einem teuren Rasierwasser. Im Gegensatz zu den vielen bärtigen Strolchen aus dem East End war er glattrasiert. Carol sah seinen Gehrock und seine Weste aus gutem Stoff nun aus nächster Nähe. Wieder einmal wurde ihr die Schäbigkeit ihrer eigenen Aufmachung bewusst. Doch gleichzeitig erkannte sie, dass Brent sich um solche Dinge überhaupt nicht scherte.

Im nächsten Moment trafen sich ihre Lippen zu einem langen und zärtlichen Kuss.