PROLOG
Tricia Lloyd bekam weiche Knie. Ihr zitterten die Hände, und das lag nicht nur an dem feuchtkalten Wind. Es war viel zu frisch für Anfang September. Eisige Böen wehten von der Themse her und strichen durch Tricias schulterlanges blondes Haar.
Die Zwanzigjährige schaute nach links und rechts. Tricia war von einem Dutzend Menschen umgeben, die dicht zusammenblieben. Sie gehörte zu den jüngsten Teilnehmern der Stadtführung „Jack the Rippers London“.
Tricia lebte erst seit kurzer Zeit in der Stadt. Sie wollte nicht nur im Nachtleben der Millionenmetropole feiern gehen, sondern auch etwas über die Geschichte der britischen Hauptstadt erfahren. Außerdem hatte Tricia eine Schwäche für alles Mysteriöse. Deshalb hatte sie sich für einen geführten Spaziergang angemeldet, der zu den Tatorten des geheimnisumwitterten Serienmörders führte. Jetzt fragte sie sich allerdings, ob das eine gute Idee gewesen war. Aber als Tricia in die Gesichter der anderen Teilnehmer blickte, wusste sie, dass nicht nur ihr mulmig zumute war. Die anderen wirkten genauso angespannt. Oder lag es nur an der schlechten Beleuchtung durch die uralten Straßenlaternen?
Tricia ärgerte, dass sie so ängstlich war. Schließlich hatte niemand sie gezwungen, an der Tour teilzunehmen. Sie konzentrierte sich auf die Erklärungen des Touristenführers Arnold Feathers. Der kauzige Schnurrbartträger hätte vom Alter her ihr Großvater sein können. Feathers hatte vor seiner Pensionierung als Sergeant bei der Army gedient, wie er erzählt hatte. Entsprechend laut und volltönend war seine Stimme.
„Ladys und Gentlemen, wir befinden uns hier an dem Ort, wo am 8. September 1888 die Prostituierte Annie Chapman ermordet wurde. Sie war höchstwahrscheinlich das zweite Opfer von Jack the Ripper.“
„Höchstwahrscheinlich?“, wiederholte eine ältere Schwedin, die schon mehrere Fragen gestellt hatte. Laut ihrem Namensschild hieß sie Kerstin. „Also ist nicht sicher, wie viele Menschen dieser Killer auf dem Gewissen hat?“
„Man geht heute von insgesamt fünf Opfern aus: Mary Ann Nichols, Annie Chapman, Elizabeth Stride, Catharine Eddowes und Mary Jane Kelly. Allerdings sind die Meinungen geteilt. Es wäre möglich, dass der mysteriöse Killer noch weitaus mehr Frauen auf dem Gewissen hat.“
„Und man weiß wirklich nicht, wer Jack the Ripper war?“, wollte Tricia wissen. Feathers lächelte ihr zu, was allerdings eher wie ein Zähnefletschen aussah. Er warf einen Blick auf ihr Namensschild, bevor er antwortete.
„Nein, Tricia. Es gibt abenteuerliche Theorien über Jack the Ripper. Manche Leute haben den damaligen Thronfolger Prinz Albert verdächtigt – sogar der Schriftsteller Lewis Carroll wurde zeitweise als Täter in Betracht gezogen. Er hat übrigens Alice im Wunderland geschrieben. Tatsache ist: Jack the Ripper konnte nie gefunden werden. Vielleicht irrt er ja immer noch durch Whitechapel, wer weiß? Viel verändert hat sich hier seit dem Jahre 1888 jedenfalls nicht.“
Die letzten Sätze sagte Feathers mit einem Augenzwinkern, aber Tricia fand seinen Spruch nicht witzig. Jack the Ripper konnte unmöglich noch leben. Er hätte mehr als 150 Jahre alt sein müssen, um im 21. Jahrhundert Angst und Schrecken zu verbreiten. Mit einer Sache hatte der Fremdenführer allerdings recht. Whitechapel war nach wie vor ein ärmliches und heruntergekommenes Viertel. Daran hatte sich seit den Ripper-Morden nichts geändert.
Die Straßen waren schmal und mit Mülltonen übersät. Es gab verwahrloste Hinterhöfe und verschachtelt gebaute Schuppen. Ohne Feathers hätte sich wahrscheinlich jeder Teilnehmer der Führung in diesem Gassenlabyrinth hoffnungslos verirrt. Tricia achtete deshalb darauf, nicht den Anschluss an die Gruppe zu verlieren.
Feathers setzte den Rundgang fort. „Ladies und Gentlemen, wir begeben uns jetzt zum Fundort der Leiche von Elizabeth Stride, die von ihren Freunden Long Liz genannt wurde. Sie war eine Prostituierte, genau wie alle anderen Opfer von Jack the Ripper. Und auch der Körper von Long Liz wurde durch den Serienmörder grausam verstümmelt.“
Obwohl Whitechapel immer noch ein dicht bevölkerter Stadtteil war, herrschte nach Einbruch der Dunkelheit Totenstille. Oder kam Tricia das nur so vor? Es konnte hier gar nicht so ruhig sein wie in der Kleinstadt Shrewsbury, aus der sie stammte. London war schließlich die Party-Hochburg Großbritanniens, eine internationale Mode- und Medien-Metropole. Doch davon spürte man in den schmutzigen Gassen von Whitechapel nichts. Hier war wirklich die Zeit stehen geblieben, seit Jack the Ripper mit dem Messer in der Tasche durch den Nebel geschlichen war.
London hatte eine schaurige Vergangenheit, und es gab sogar ein Museum, das sich ausschließlich mit den spektakulären Kriminalfällen der britischen Hauptstadt beschäftigte. Auch dem berühmten Detektiv Sherlock Holmes wurde in London gehuldigt. Doch Holmes und sein Assistent Dr. Watson waren nur erdachte Romanfiguren, während Jack the Ripper wirklich hier sein Unwesen getrieben hatte.
Tricia war angespannt. Sie konnte sich der unheimlichen Ausstrahlung dieses Ortes nicht entziehen. Eigentlich war sie von gruseligen Begebenheiten und Geheimnissen fasziniert, sonst hätte sie sich wohl kaum freiwillig für diese Tour angemeldet. Abends im Bett verschlang sie blutrünstige Thriller geradezu, und auch im Kino versäumte sie selten einen Mystery- oder Fantasy-Film, der ihr eine Gänsehaut bescherte.
Doch in Whitechapel war sie an einem wahren Schauplatz des Grauens gelandet.
Auf dieses Kopfsteinpflaster unter ihren Schuhsohlen war das Blut der Frauen gespritzt, von diesen schäbigen Häuserwänden hatten ihre Schreie widergehallt. Hier hatte Jack the Ripper seine wehrlosen Opfer gnadenlos niedergemetzelt.
Tricia musste zugeben, dass Feathers seine Sache ausgezeichnet machte. Er konnte packend erzählen. Mit wenigen Sätzen verstand er es, die Atmosphäre des Jahres 1888 lebendig werden zu lassen. Das Rattern der Fuhrwerke, die Gesänge der Trinker in den sogenannten Ginpalästen, der schwarze Rauch aus unzähligen Öfen und Schiffsschornsteinen – Tricia fühlte sich in die Vergangenheit versetzt. Der Rundgang war nicht einen Moment langweilig. Trotzdem war sie erleichtert, als die Führung an der U-Bahn-Station Aldgate East endete. Dort hatte sie auch zwei Stunden zuvor begonnen.
„Ladies und Gentlemen, ich wünsche Ihnen eine gute Nachtruhe in der Stadt Jack the Rippers.“ Mit diesen makabren Worten verabschiedete Feathers seine Gruppe.
Tricia wollte nur noch nach Hause. Sie bezweifelte, dass sie an diesem Abend ein Auge zubekommen würde. Sie nahm sich vor, von ihrem Festnetzanschluss aus Carol anzurufen. Mit ihr konnte sie über alles reden. Es gab keinen Menschen auf der Welt, dem sie sich näher fühlte. Noch nicht einmal ihren Eltern.
Der Gedanke an ihre beste Freundin verlieh Tricia neuen Mut. Doch dieser Moment dauerte nicht lange, denn nach einer Weile verspürte sie ein unangenehmes Kribbeln im Nacken. Spielte ihr die Fantasie einen Streich, oder wurde sie tatsächlich verfolgt? In der U-Bahn schien es niemand auf sie abgesehen zu haben. Der Waggon war mit jungem Partyvolk gefüllt. Die Leute fuhren ins West End, wo sich die angesagten Clubs und Discos von London befanden.
Tricia musste an der Station Moorgate umsteigen, um nach Camden Town zu gelangen, wo sie lebte. Immer wieder schaute sich die Zwanzigjährige nervös um. Doch sie konnte niemanden entdecken, der hinter ihr herschlich. Als Tricia in Camden Town ankam, war sie schon wieder etwas lockerer geworden. In den Pubs des quirligen Stadtteils war noch viel los. Musik dröhnte auf den Gehsteig. Ein Streifenwagen der Metropolitan Police fuhr langsam Richtung Chalk Farm. Doch die Nebenstraße der Camden High Street, in der Tricia wohnte, war menschenleer.
Bis auf Tricia und ihren Verfolger.
Er hatte sie nur in Sicherheit wiegen wollen, das begriff sie nun. Die dunkle Gestalt war die ganze Zeit hinter ihr gewesen. Tricia begann zu laufen, aber ihr Verfolger hatte sie bereits eingeholt. Sie riss den Mund auf, um zu schreien, doch die behandschuhte Linke ihres Verfolgers drückte ihr die Kehle zu. Tricia sah das Messer kurz aufblitzen, bevor es in ihren Oberkörper eindrang.
Hilf mir, Carol! Bitte, hilf mir, flehte sie stumm. Dann hatte die ewige Nacht sie für immer geschluckt.