11. KAPITEL

Als Kenneth Marsh diese Worte ausgesprochen hatte, herrschte für einige Minuten Totenstille in seinem Büro. Carol musste an ihr letztes Gespräch mit Eve denken. Was hatte ihre Mitbewohnerin noch gesagt?

Ich weiß ja aus eigener Erfahrung, wozu die Liebe mich bringen kann.

Momentan konnte Carol sich die sanfte und verständnisvolle Eve nicht als Mörderin vorstellen. Aber Ken Marsh hatte offenbar für die Tatzeit ein Alibi – und Eve? Nun war auch klar, warum der Anwalt zu feige gewesen war, Tricia zu Hause zu besuchen. Schließlich wohnten dort seine Freundin und seine Ex-Freundin unter einem Dach. Man hätte darüber lachen können, wenn es nicht so traurig gewesen wäre.

Carol erinnerte sich an den Moment, als Eve ihr von dem Anruf der Inspektorin erzählt hatte. Kein Wunder, dass sie so verblüfft gewesen war, weil die Polizei einen geständigen Täter verhaftet hatte. Zumindest dann nicht, wenn Eve selbst Tricia auf dem Gewissen hatte.

Marsh fand als Erster die Sprache wieder.

„Um Gottes willen – glauben Sie, dass Eve etwas mit Tricias Tod zu tun hat?“

„Das wird sich zeigen“, murmelte Carol. Ihre Stimme war belegt. „Warum mussten Sie auch unbedingt mit zwei Frauen liiert sein, die unter einem Dach wohnen?“

„Das wollte ich doch gar nicht! Ich war schon ein halbes Jahr mit Eve zusammen, als ich plötzlich durch sie ihre Mitbewohnerin kennenlernte. Und Tricia war es, die mir schöne Augen gemacht hat. Sie zeigte deutliches Interesse an mir. Nun ja, da konnte ich einfach nicht widerstehen.“

Carol nickte düster. Marsh war wirklich ein schwacher Mann, der unfähig war, sich zu entscheiden. Aber dieser Typ interessierte sie nicht. Für Carol stellte sich nur noch die Frage, ob Eve Tricia ermordet hatte. Immerhin war es ja möglich, dass Eve ein wasserdichtes Alibi hatte. Dann musste man wohl wirklich Phil Gordon als Tricias Mörder ansehen.

„Und das Wilfox – das war Tricias Stammdisco?“

„Ja, richtig. Sie ist öfter mit mir dort gewesen. Ich hatte den Verdacht, dass sie sich schon früher mit anderen Männern dort getroffen hat. Aber es war mir egal. Als ich mit ihr im Wilfox war, gab es nur uns beide.“

Carol hatte sich nun endgültig damit abgefunden, dass ihre beste Freundin Geheimnisse vor ihr gehabt hatte. Und – Tricia war überhaupt nicht so toll, wie Carol sie immer angesehen hatte. Gewiss, ihre Blutsschwester war sehr selbstbewusst. Aber gleichzeitig hatte sie eine Rücksichtslosigkeit besessen, die Carol an ihr nicht gekannt hatte. Ihrer Mitbewohnerin eiskalt den Freund auszuspannen – das ging ja gar nicht!

„Mit mir wollte Tricia auch ins Wilfox gehen“, warf Brent ein. „Ich schätze, sie hat sich auch nach anderen Männern umgesehen, Mr. Marsh.“

„Ja, das habe ich mir wohl selbst zuzuschreiben“, jammerte der Anwalt. „Als es mit meiner Scheidung überhaupt nicht voranging, hat Tricia mir gedroht. Sie wollte sich einen anderen Freund suchen, falls ich nicht Nägel mit Köpfen mache. Aber so einfach ist das alles nicht.“

„Ja, ich weiß, Sie sind ein Unschuldslamm und armes Opfer“, entgegnete Carol wütend. „Also nahmen Sie an, dass Tricia sich einen anderen Kerl gesucht hat?“

„Das stimmt. Ich ging immer wieder ins Wilfox, um dort nach ihr Ausschau zu halten.“

„Ich weiß, dort haben wir Sie nämlich gestern Abend gesehen. Sie nahmen also an, Tricia wollte einfach nichts mehr mit Ihnen zu tun haben?“

„Ja, genau.“

Carol stand auf. Marshs Geschichte war schlüssig. Der Typ war ihr unsympathisch, aber das machte ihn nicht zum Mörder. Sein Alibi ließ sich leicht nachprüfen, aber das konnte die Polizei erledigen.

„Was haben Sie jetzt vor?“, fragte der Anwalt ängstlich.

„Keine Sorge, Mr. Marsh – ich rede nicht mit Ihrer Frau. Stattdessen will ich hören, was Eve zu sagen hat. Und lassen Sie es sich nicht einfallen, sie vorzuwarnen!“

„Nein, das werde ich gewiss nicht tun. Ich empfinde nichts mehr für Eve. Ich habe nur Tricia geliebt.“

Wortlos verließen Carol und Brent die Anwaltskanzlei. Erst auf der Straße sagte Brent: „So, Marsh hat also nur Tricia geliebt. Und trotzdem hatte er nicht den Mut, sich zu deiner Freundin zu bekennen und scheiden zu lassen.“

„Ja, Marsh ist ein Jammerlappen. Ich verstehe nicht, was Tricia an dem gefunden hat. Aber meine Freundin wird mir sowieso immer mehr zum Rätsel.“

Carol versuchte, Eve auf dem Handy zu erreichen. Aber das Gerät ihrer Mitbewohnerin war ausgeschaltet. Nach zwei vergeblichen Versuchen steckte sie ihr Mobiltelefon wieder ein.

„Was tun wir jetzt, Carol? Gehen wir zur Polizei?“, fragte Brent.

„Nein, noch nicht. Die Inspektorin ist sowieso schon sauer auf uns wegen der Geschichte mit Jeanie Wilde und Eric Ulmer. Bei der Polizei können wir uns erst sehen lassen, wenn es an Eves Schuld keinen Zweifel mehr gibt. – Ich fahre nach Hause. Kommst du mit?“

„Auf jeden Fall.“

In der U-Bahn war Carol sehr schweigsam. Wie hatte sie sich nur so in Eve täuschen können. Obwohl – noch stand überhaupt nichts fest. Vielleicht hatte Eve Tricia ja wirklich noch nicht mal ein Haar gekrümmt? Saß der wahre Täter schon längst im Gefängnis? Diese Fragen wollte sie nun endlich beantwortet haben.

Carols Handflächen waren feucht vor Nervosität, als sie ihre Haustür aufschloss.

„Eve? – Eve, bist du da?“, rief sie.

Carol blieb mit Brent im schmalen Hausflur stehen. Bis auf das Geräusch ihrer eigenen Atemzüge war es totenstill.

„Es scheint niemand da zu sein“, raunte Brent.

„Ich gehe nach oben“, meinte Carol.

Er wollte mitkommen, doch sie hielt ihn zurück. „Bleib bitte in der Küche, Brent. Ich werde in Eves Zimmer nachschauen. Das ist sowieso schon ein Vertrauensbruch, dann will ich nicht auch noch einen fremden Mann dorthin mitnehmen. Vielleicht täusche ich mich ja, und sie ist unschuldig. Dann wäre mir das schrecklich peinlich.“

„Klar, das würde ich an deiner Stelle genauso machen. Ich könnte ja einen Tee kochen.“

„Super, Tee ist immer gut.“

Langsam stieg Carol die Stufen hinauf. Sie hatte ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, obwohl Eve nicht wissen konnte, dass Carol sie verdächtigte. Sie hatte der Mitbewohnerin nicht gesagt, dass sie ins Wilfox gehen wollte. Also konnte Eve auch nicht wissen, dass Carol von ihrer ehemaligen Beziehung zu Ken Marsh wusste. Doch trotzdem fürchtete sie sich vor der Begegnung. Wenn ihre Annahmen stimmten, dann hatte sie tagelang mit einer Mörderin unter einem Dach gelebt.

„Eve?“

Immer war noch kein Laut zu hören. Eve war keine Langschläferin. Inzwischen war es schon später Vormittag. Vorsichtig, Zentimeter für Zentimeter, öffnete sie die Zimmertür. Eves Zimmer ließ sich ebenso wenig abschließen wie ihr eigenes. Aber bisher hatte Carol auch noch nicht das Bedürfnis gehabt, sich in ihren vier Wänden zu verbarrikadieren.

Eves Zimmer war verwaist. Das Bett war ordentlich gemacht, nichts deutete auf eine Flucht hin. Doch Carol musste sich vergewissern. Sie öffnete den Kleiderschrank. Er war genauso voll wie ihr eigener. Sie begann dann, die Schubladen und Stauräume des kleinen Zimmers zu durchsuchen. Vielleicht stieß sie auf Spuren, die auf den Mord hindeuteten.

Carol fand überhaupt nichts Verdächtiges. Das Zimmer wirkte aufgeräumt, zweckmäßig und ein wenig langweilig – so wie seine Bewohnerin. Carol fand Eve nett, jedenfalls, bevor sie den Mordverdacht gegen sie hegte. Aber sie war ihr auch immer wie eine Streberin vorgekommen, die nur ihr Studium im Kopf hat. Tricia war da ganz anders gewesen. Carols Freundin ging gerne feiern und ließ bei Typen nichts anbrennen.

Während ihr diese Überlegungen durch den Kopf gingen, entdeckte Carol plötzlich Eves Tagebuch. Unschlüssig hielt sie es in ihren Händen. Es war eigentlich schon nicht in Ordnung von ihr, einfach in das fremde Zimmer einzudringen und in Eves Sachen zu schnüffeln, aber ihr Tagebuch zu lesen führte entschieden zu weit.

Und was, wenn in den Aufzeichnungen nun etwas über den Mord stand? Schließlich diente ein Tagebuch doch dazu, dass man ihm die geheimsten Gedanken und Wünsche anvertraute, oder?

Carol presste die Lippen aufeinander. Sie würde es vielleicht bereuen. Aber sie öffnete nun das Tagebuch. Eves ordentliche Mädchenhandschrift ließ sich gut lesen. Die ersten Seiten blätterte Carol schnell durch. Schon glaubte sie, einen Fehler begangen zu haben. Aber dann wurde es richtig spannend.

Sie setzte sich auf Eves Schreibtischstuhl und las weiter. Ihre Mitbewohnerin schilderte, wie sie Ken Marsh kennengelernt hatte. Für Carol war der Anwalt nur ein schwacher Mann, der sich nicht entscheiden konnte und nicht zu seinen Gefühlen stand. Doch Eve hatte ihn ganz anders betrachtet. In ihrem Tagebuch vergötterte sie ihn beinahe. War Marsh ihre erste große Liebe gewesen?

Das ging aus den eng beschriebenen Seiten nicht hervor. Doch Eve schrieb so voller Leidenschaft über Marsh, wie Carol es ihr niemals zugetraut hätte. Plötzlich musste sie an die Redensart denken: Stille Wasser sind tief.

Der Spruch passte haargenau auf Eve. Carol vergaß die Zeit und den Ort. Sie dachte sogar momentan nicht an Brent, der in der Küche Tee trank und auf sie wartete. Carol vertiefte sich immer weiter in die Aufzeichnungen.

Nachdem Tricia und Marsh sich kennengelernt hatten, wurde Eves Stil aggressiv. Aus den Sätzen war der Hass zu spüren, den sie gegen Tricia empfunden haben musste. Wenn man ihrem Tagebuch glauben konnte, dann hatte sie Tricia gegenüber weiterhin Verständnis und Freundlichkeit geheuchelt. Doch für Eve stand schon länger fest, dass sie ihre Mitbewohnerin ins Jenseits befördern wollte.

Da stand es schwarz auf weiß.

Diese Schlange Tricia muss sterben.

Die Worte brannten sich in Carols Seele. Offenbar hatte sich Eve längere Zeit den Kopf über die passende Mordmethode zerbrochen. Sie ließ sich in ihrem Tagebuch darüber aus, ob sie Tricia Gift verabreichen wollte. Eine Zeitlang überlegte sie anscheinend auch, einen elektrischen Fön in die Wanne zu werfen, wenn Tricia gerade ein Bad nahm. Aber schließlich entschied sie sich doch für ein Messer.

Es soll wie ein normaler Raubüberfall aussehen. Niemand wird mich verdächtigen.

Fassungslos las Carol diese Sätze, wieder und wieder. Es stimmte, beinahe wäre Eve wirklich mit dem Mord durchgekommen. Aber warum hatte sie die Taschen ihres Opfers nicht ausgeplündert, um den perfekten Raubmord vorzutäuschen?

Plötzlich hörte Carol ein Geräusch an der Tür. Sie glaubte, Brent wäre hochgekommen, um nach ihr zu sehen. Aber es war Eve, die in der Tür stand. Und sie hielt ein Messer in der Hand, während ein kleines böses Lächeln ihre Lippen umspielte.

„Hallo, Carol. Interessante Lektüre, nicht wahr?“

Einen Moment lang starrte Carol die Mörderin nur an, bevor sie aufsprang und das Tagebuch auf den Tisch warf.

„Du hast meine beste Freundin auf dem Gewissen!“, schrie sie empört.

„Freundin?“, höhnte Eve. „Du solltest besser auf deinen Umgang achten, Carol. Du bist doch selbst eigentlich ganz okay. Wie konntest du dich mit einer widerwärtigen Hexe wie Tricia abgeben?“

„Tricia war keine Hexe! Sie war nur … nur …“

„Dir fehlen selbst die Worte, nicht wahr? Wie würdest du es denn nennen, wenn dir jemand den einzigen Menschen wegnimmt, den du liebst? Wie würde es dir gefallen, wenn ich mir deinen Brent schnappe? Ich nehme an, das ist der Typ, der in der Küche gesessen hat.“

Carol erschrak beinahe zu Tode. Unwillkürlich starrte sie die Messerklinge an, aber sie konnte darauf kein frisches Blut entdecken. Trotzdem sorgte sie sich natürlich um Brent. Eve musste an der Küche vorbeigekommen sein, um ins erste Stockwerk zu gelangen.

„Was hast du mit Brent gemacht?“

„Nichts Schlimmes. Ich kam leise herein. Er hat mich gar nicht bemerkt, da er mit dem Rücken zu mir stand. Im ersten Moment dachte ich, er wäre ein Einbrecher. Da habe ich ihm mit der Bratpfanne eins über den Schädel gehauen. Aber dann schaute ich in sein Handy und sah deine Nummer im Speicher. Da wusste ich, dass er zu dir gehört. Und dann habe ich eins und eins zusammengezählt.“

Mit einer Bratpfanne? Carol erinnerte sich daran, dass sie selbst noch vor kurzer Zeit Brent ebenfalls auf diese Art außer Gefecht gesetzt hatte. Aber momentan konnte sie diese Übereinstimmung nicht komisch finden. Carol begann zu zittern. Sie fürchtete um Brents Leben. Tricias Tod begann sie allmählich zu verarbeiten. Das war schmerzhaft, aber nicht mehr zu ändern. Doch die Vorstellung, dass Brent womöglich in diesem Moment in der Küche verblutete, brachte sie beinahe um den Verstand. Sie ging einen Schritt auf die Tür zu.

Eve Stimme war plötzlich so laut und scharf wie ein Peitschenknall.

„Bleib stehen! Du weißt, dass ich gut mit einem Messer umgehen kann! Übrigens sah das andere Messer, mit dem ich Tricia erledigt habe, genauso aus wie dieses.“

„Eve, das ist doch Wahnsinn. Du kommst nicht damit durch, das weißt du doch selbst.“

„Abwarten. Bisher hat doch alles gut geklappt. Es ist zwar nervig, dass du unbedingt Detektivin spielen musstest, aber damit werde ich auch noch fertig. Du hättest lieber auf die Inspektorin hören sollen. Die hat doch einen perfekten Täter hinter Gitter gebracht.“ Eve lachte zynisch.

„Es macht dir also nichts aus, dass ein Unschuldiger im Gefängnis sitzt?“, fragte Carol empört.

„Manche Leute gefallen sich in der Opferrolle“, entgegnete Eve kalt. „Ich selbst war ja früher auch so. Immer war ich das liebe und angepasste Mädchen. Nie bin ich irgendwo angeeckt, alles habe ich mir gefallen lassen. Aber dann hat jemand den Bogen überspannt. Und dieser Jemand war deine ach so tolle Freundin Tricia.“

„Tricia hätte Ken Marsh bestimmt in Ruhe gelassen, wenn sie gewusst hätte, wie weh sie dir damit tut.“

„Träum weiter, Carol! Deine Tricia war ein eiskaltes, berechnendes Biest. Dich hat sie doch auch um den kleinen Finger gewickelt. Aber so clever, wie sie sich vorkam, war sie nicht.“

„Aber du, ja?“, feuerte Carol zurück. „Du wolltest einen Raubüberfall vortäuschen. Und dann hast du vergessen, Tricias Taschen auszuleeren. Wie blöd ist das denn?“

„Das habe ich nicht vergessen, sondern ich wurde gestört“, antwortete Eve. „Jemand kam die Straße entlang, hat aber weder Tricias Leiche noch mich gesehen. War wohl zu betrunken. Zeugen konnte ich jedenfalls keine gebrauchen. Es schien mir wichtiger, einen Sündenbock zu suchen. Und den fand ich dann ja auch. Dieser Penner ist zwei Straßen weiter in einem Hauseingang zusammengebrochen.“

„Du hast Phil Gordon einfach die Mordwaffe untergeschoben!“, erwiderte Carol fassungslos.

„Heißt er so? Ist ja auch egal, von der Sorte gibt es in Camden Town mehr als genug. Vorher habe ich natürlich meine Fingerabdrücke abgewischt. Ich war an dem Abend Tricia schon auf dem Heimweg von dieser dämlichen Jack-the-Ripper-Tour gefolgt. Ich habe immer wieder eine passende Gelegenheit gesucht. Die kam dann erst kurz vor unserer Haustür. Na ja, besser spät als nie.“

„Und was hat es dir genützt? Gar nichts! Dein Supermann Ken Marsh bleibt bei seiner Frau. Willst du die vielleicht auch noch umlegen?“ Carol war nicht mehr zu bremsen.

„Pass auf, was du sagst! Sonst könnte ich glatt vergessen, dass ich dich eigentlich mag.“

„Ich mag dich auch, oder besser gesagt, ich mochte dich. Wie konntest du nur so etwas tun?“

„Warum hast du das nicht deine Freundin Tricia gefragt, hm? Beste Freundinnen erzählen sich doch immer alles.“

Carol schwieg betreten und starrte auf den Boden.

„Tricia hat dir also verschwiegen, dass sie mir meinen Freund ausgespannt hat!“, triumphierte Eve. „Und weißt du auch, warum? Weil sie genau gewusst hat, dass es falsch war und dass du es nicht gut finden würdest. Du siehst also, sie hatte ihre gerechte Strafe verdient.“

„Aber doch nicht den Tod!“, rief Carol aufgebracht. „Du bist so hinterhältig, Eve! Wenn ich daran denke, dass du mir sogar bei der Suche nach dem wahren Mörder helfen wolltest. Wie durchgeknallt ist das denn?“

„Ich finde, das war eher ein genialer Schachzug. Irgendwie musste ich doch von mir selbst ablenken. Eine Zeitlang wollte ich ja alles deinem Freund Brent in die Schuhe schieben. Zu schade, dass das nicht geklappt hat. Aber wer hätte denn ahnen können, dass du nicht auf so einen erstklassigen Sündenbock wie Phil Gordon hereinfallen würdest?“

„Erwartest du darauf wirklich eine ernsthafte Antwort, Eve?“

Carol wollte noch mehr sagen, aber plötzlich hörte sie Brents Stimme auf der Treppe.

„Carol? Ist alles okay bei dir?“

Bevor Carol antworten konnte, machte Eve einen Satz auf sie zu. Sie packte Carol, drehte ihr den Arm auf den Rücken und presste die Spitze des Messers gegen Carols Kehle.

„Verschwinde, Brent! Ich habe deine kleine Freundin hier als Geisel. Und sie wird so enden wie ihre Freundin Tricia, wenn ihr mich nicht endlich in Ruhe lasst.“

„Okay, Eve. Immer cool bleiben. Ich gehe jetzt, es ist alles in Ordnung.“

Man konnte hören, wie sich Brents Schritte auf der Treppe entfernten. Sein vorheriges Herannahen hatte Carol in der Aufregung glatt überhört. Nun fühlte sie sich plötzlich einsam und verlassen, weil er sie mit der Mörderin allein ließ. Doch im nächsten Moment wurde ihr klar, dass diese Empfindung Unsinn war. Brent liebte sie, daran gab es keinen Zweifel. Aber allein konnte er gegen Eve nichts ausrichten, und er wollte gewiss auch Carols Leben nicht gefährden. Also tat er das einzig Sinnvolle in dieser Situation und holte Hilfe.

Eve schien die Lage anders einzuschätzen, denn sie grinste siegessicher.

„Du hast mich glatt auf eine Idee gebracht, Carol. Kens Frau klammert sich an ihren Mann. Sie will ihn einfach nicht gehen lassen. Dabei gibt es doch viel einfachere Methoden als eine Scheidung, findest du nicht auch?“

Das klang für Carol ganz danach, als ob Eve jetzt völlig den Verstand verloren hatte. Wollte sie wirklich auch die Ehefrau ihres verheirateten Ex-Geliebten beseitigen? Sie musste sich doch sagen, dass sie damit auffliegen würde. Aber das war Carol egal. Ihr kam es nur darauf an, Zeit zu schinden. Mit jeder Minute, die verging, kam die Rettung näher. Daran zweifelte sie nicht. Sie musste Eve einfach nur hinhalten.

„Ich kann dir helfen, Eve. Vielleicht können wir Kens Frau ja gemeinsam aus dem Weg schaffen.“

Eve hob eine Augenbraue. „Das willst du tun? Wieso hast du denn so plötzlich deine Meinung geändert?“

„Weil, äh, weil Ken tatsächlich zu dir gehört. Das glaube ich jedenfalls. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass er dich immer noch liebt. Er kann sich nur nicht gegen seine Frau durchsetzen.“

Bei Carols Worten nahm Eves Gesicht einen verträumten Ausdruck an. Einen Moment lang tat sie Carol sogar beinahe leid. Sie war vielleicht wirklich nicht ganz richtig im Kopf und konnte für ihre Bluttat nicht verantwortlich gemacht werden. Aber auf jeden Fall war sie gefährlich. Das bemerkte Carol im nächsten Moment.

Eve, die sie immer noch festgehalten hatte, stieß sie abrupt zurück. Dabei wurde Carol so heftig gegen den Drehstuhl geschleudert, dass sie über ihn stolperte und zu Boden ging. Sie stieß sich den Kopf an der Schreibtischecke.

„Au!“

„Das geschieht dir recht, du falsche Schlange! Du hast wohl geglaubt, du könntest mich einwickeln? Du bist im Grunde nicht besser als deine Tricia. – Verflixt, was ist das?“

Eve stellte die Frage sich selbst, während sie einen Blick aus dem Fenster warf. Carol konnte vom Boden aus nicht ganz so gut sehen. Aber sie reckte sich hoch und bemerkte nun ebenfalls das, was Eve entdeckt hatte.

Auf dem gegenüberliegenden Hausdach hatte ein vermummter Mann mit Gewehr und Zielfernrohr Position bezogen. Er legte seine Waffe auf das Haus an, in dem sich Carol und Eve befanden.

Carols Herz hüpfte vor Freude. Der Maskierte war ein Polizist einer Spezialeinheit. Das war die einzig mögliche Erklärung. Brent hatte also wirklich Hilfe geholt!

Eve ging vom Fenster weg und wollte die Jalousie herunterlassen. Plötzlich ertönte eine wohlbekannte Frauenstimme, die durch ein Megaphon verstärkt wurde.

„Eve Sutton? Hier spricht Inspektorin Victoria Shepley von der Metropolitan Police. Ich möchte, dass Sie sich beruhigen. Lassen Sie uns diese Situation beenden, bevor noch weitere Menschen zu Schaden kommen. Wie wäre es, wenn Sie Carol Garner gehen ließen? Sie könnten stattdessen mich als Geisel nehmen.“

Eve ging neben dem Fenster in Deckung und öffnete es, ohne dabei in das Schussfeld des Scharfschützen zu geraten.

„Hauen Sie ab, Sie alle!“, schrie sie gellend. „Ich will einfach nur in Ruhe gelassen werden.“

„Das geht nicht, Eve, und das wissen Sie. Ein unschuldiger Mann sitzt im Gefängnis, der dringend freigelassen werden muss. Wir alle müssen mit den Folgen dessen leben, was wir tun. Auch Sie.“

Da Carol immer noch auf dem Boden hockte, konnte sie nicht auf die Straße hinuntersehen. Doch sie hörte die Geräusche von rangierenden Autos, die Stiefeltritte und das Waffenklirren von Polizisten. Es war ein gutes Gefühl, dass Hilfe im Anmarsch war.

Doch wie lange würde es noch dauern, bis Eve vollkommen durchdrehte? Carols Mitbewohnerin stand unter einer riesigen Anspannung. So hatte Carol sie noch nie gesehen. Der Schweiß lief ihr über das Gesicht, der Blick war unstet und irrlichterte durch den Raum, die Unterlippe zitterte unaufhörlich.

„Ich werfe gleich einen von Carols Fingern aus dem Fenster!“, drohte Eve. „Vielleicht zieht ihr dann endlich ab!“

Als Eve sich zu ihr umdrehte, wusste Carol, dass das keine leere Drohung war. Eve hatte innerlich eine Grenze überschritten. Sie konnte nun nicht mehr zurück. Tricias Mörderin kam auf Carol zu. So, wie sie sich durch den Raum bewegte, konnte der Scharfschütze sie nicht treffen, ohne dabei Carol auch zu verwunden. Man musste kein Experte sein, um das zu erkennen.

In diesem Moment war Carol auf sich allein gestellt. Sie wusste nur, dass sie sich keinen Finger abschneiden lassen würde. Wenn sie heil hier herauskommen wollte, musste sie das tun, womit Eve nicht rechnete.

Carol griff selbst an.

Sie zog blitzschnell die Beine zum Körper und ließ sie dann wieder nach vorne schnellen. Ihre Schuhsohlen stießen gegen Eves Fußknöchel. Die Mörderin hatte sich nicht schnell genug aus Carols Aktionsradius entfernt. Sie strauchelte und fiel hin. Carol, die selbst immer noch am Boden war, stürzte sich auf ihre Gegnerin. Sie umklammerte das Gelenk von Eves Hand, die das Messer hielt. Die beiden Frauen lieferten sich einen heftigen Ringkampf.

Da ertönte ein Schussgeräusch, Glas klirrte.

Carol dachte noch, dass es sehr riskant sei, jetzt zu feuern. Aber dann bemerkte sie, dass es keine scharfe Munition gewesen war. Mitten im Zimmer detonierte eine kleine Granate, und im Handumdrehen breiteten sich dicke weiße Wolken aus.

Zum ersten Mal in ihrem Leben bekam Carol die Wirkung von Tränengas zu spüren. Im nächsten Moment wurde die Haustür eingetreten, Stiefeltritte waren auf der Treppe zu hören.

Durch einen Tränenschleier sah Carol, wie eine Spezialeinheit in Kampfausrüstung und mit Gasmasken das Zimmer stürmte. Die Elitepolizisten entwaffneten Eve und legten ihr Handschellen an.

Carol wurde sofort den Rettungssanitätern übergeben. Die Menschen um sie herum waren nur schemenhaft zu erkennen. Aber dann hörte sie eine Stimme, die ihr Herz höherschlagen ließ.

„Ist sie schwer verletzt?“, fragte Brent besorgt, als man sie auf eine Trage legte. Carol war so erleichtert, dass sie lachen musste.

„Nein, mir fehlt nichts“, sagte sie. „Ich heule nur ein bisschen.“