7. KAPITEL
Diesmal kehrte Carol nur sehr unwillig aus ihrem Traum in die Wirklichkeit zurück. Sicher, einige Dinge hatten sie irritiert. Wieder hatte sie vom London des viktorianischen Zeitalters geträumt, erneut verdiente sie sich ihren Lebensunterhalt als Prostituierte – und diesmal war ihre Freundin Tricia sogar gleichzeitig ihre Kollegin gewesen!
Lächelnd schüttelte Carol den Kopf. Sie kannte sich nicht aus mit Traumdeutung. Sie wusste auch nicht, ob sie an solche Dinge überhaupt glauben sollte. Ihre Freundin hatte im Traum wieder eine wichtige Rolle gespielt. Aber während der erste Traum größtenteils eine Erinnerung gewesen war, kam Tricia diesmal als Ermordete vor.
War sie von Jack the Ripper getötet worden?
Darüber war in dem Traum nichts zu erfahren gewesen, und natürlich stimmte das Geschehen in ihrem Unterbewusstsein überhaupt nicht mit der Realität überein. Brent war kein Polizeiinspektor, sondern Student, und er hatte sie auch nicht geküsst.
Als Carol in den Spiegel schaute, lächelte sie immer noch. Das kam in den letzten Tagen nicht so oft vor, denn Tricias Ermordung saß ihr immer noch in den Knochen. Aber sie musste sich eingestehen, dass sich Brents Kuss im Traum ziemlich gut angefühlt hatte. Als sie die Augen schloss, glaubte sie, seine Lippen wieder auf den ihren zu spüren, während ihr ein wohliger Schauer über den Rücken lief.
Carol erinnerte sich an Brents Liebesgeständnis. Auch in ihrem Traum war er in sie verliebt gewesen. Und er trug als Inspektor von Scotland Yard dazu bei, den Mord an Tricia aufzuklären. Brent hatte ihr seine Hilfe angeboten, mehr über das Verbrechen herauszufinden. Aber konnte sie ihm wirklich vertrauen?
Carol war noch unentschlossen. Aber sie nahm sich fest vor, Eve nichts von diesem Traum zu berichten. Aus irgendeinem unerklärlichen Grund konnte ihre Mitbewohnerin Brent nicht ausstehen. Vielleicht hatte Eve ja schlechte Erfahrungen mit Typen gemacht, die ihr gleich beim ersten Treffen die große Liebe vorspielten. Das war jedenfalls denkbar.
Als Carol die Küche betrat, saß Eve schon beim Frühstück. „Hast du heute etwas vor?“, fragte sie.
„Ja. Ich wollte mich mal in der Boutique umschauen, wo Tricia gearbeitet hat. Es gibt da eine Kollegin, mit der sie sich ab und zu gezofft hat. Davon hat sie mir jedenfalls am Telefon öfter erzählt.“
Angewidert verzog Eve das Gesicht. „Du meinst diese Jeanie Wilde, nicht wahr? Über die hat sich Tricia auch immer mal wieder bei mir beklagt. Dieses Weib muss echt Haare auf den Zähnen haben. Und sie ist mit Vorsicht zu genießen. – Wieso willst du dorthin? Glaubst du, Jeanie hat etwas mit Tricias Tod zu tun?“
„Ich habe keine Ahnung, aber ich will das abchecken. Wenn sie unschuldig ist, kann ich sie jedenfalls als Verdächtige streichen. Und das ist doch auch schon mal etwas wert.“
„Ich finde es toll, wie du dich in die Sache hineinkniest. Jemand anderes hätte den Job längst der Polizei überlassen“, erwiderte Eve anerkennend.
„Die Polizei hat ja ihren Mordverdächtigen. Aber ich bin immer noch nicht davon überzeugt, dass Gordon die Tat begangen hat.“
„Und dein Verdacht richtet sich jetzt gegen Jeanie Wilde und nicht mehr gegen Brent Temple?“
„Doch, teilweise auch“, murmelte Carol, obwohl dies nicht der Wahrheit entsprach. Tief in ihrem Inneren zweifelte sie daran, dass Brent zu einem Mord fähig war. Aber das musste sie ja Eve nicht auf die Nase binden. Ihre Mitbewohnerin brauchte schließlich nicht alles zu wissen.
„Ich würde dich gern zur Boutique begleiten, aber ich habe heute Vormittag eine Klausur mit Anwesenheitspflicht.“
„Ich dachte, es sind Semesterferien.“
„Ja, das ist aber ein Nachschreibetermin. Ich habe beim ersten Mal gefehlt, und da kennt der Professor keine Gnade. Wenn ich heute auch nicht komme, muss ich das Semester wiederholen.“
„Ich fahre allein zur Boutique. Ich muss mich ja auch langsam in meiner neuen Heimat einleben.“
„Du wirst es nicht bereuen, Carol. Tricias Arbeitsplatz befand sich in den Docklands, das ist ein ganz besonderer Teil von London.“
Natürlich hatte Carol schon von den Docklands gehört und auch einen Bericht im Fernsehen gesehen. Doch es war ein ganz anderes Erlebnis, selbst dorthin zu fahren. Schon von dem vollautomatischen Zug der Docklands Light Railway aus konnte sie den faszinierenden Blick auf die Mischung aus alten Industriedenkmälern und modernster Architektur genießen. Von Tricia wusste Carol, dass in den Docklands hauptsächlich junge Leute mit gut bezahlten Jobs lebten und arbeiteten. Es gab Yachthäfen, coole Bars und Restaurants – und natürlich Shopping-Möglichkeiten ohne Ende.
Tricia war in einer Edel-Boutique namens Spizo’s angestellt gewesen. Carol ging dort hinein wie eine normale Kundin. Sie beschloss, sich nicht als Freundin von Tricia vorzustellen. Schließlich wollte sie sich unauffällig umsehen. Zum Glück war kurz vor Carol eine ganze Busladung junger Belgierinnen ins Spizo’s eingefallen, sodass sich in dem Gedränge niemand um Carol kümmerte.
Die Designer-Outfits waren großartig, aber sie sprengten Carols schmales Budget. Außerdem war sie nicht zum Shoppen gekommen. Stattdessen brannte sie darauf, diese Jeanie Wilde unter die Lupe zu nehmen. Carol hatte kein Foto von ihr, aber bei ihren Telefonaten hatte Tricia ihre Arbeitskollegin immer als „durchgeknallte Amazone mit schwarzer Mähne“ bezeichnet.
Eine junge Frau mit lang auf den Rücken wallendem dunklem Haar fiel Carol tatsächlich schon nach kurzer Zeit ins Auge. Sie scheuchte einige der Belgierinnen hektisch weg, weil sie Ware auffüllen wollte. Das alles beobachtete Carol aus sicherer Entfernung. Es musste sich um Jeanie Wilde handeln. Diese Frau war ihr genauso unsympathisch, wie Tricia sie beschrieben hatte. Aber weshalb hätte sie Carols Freundin töten sollen?
Plötzlich fiel Carol eines der letzten Telefonate mit Tricia ein. „Heute hat Jeanie irgendetwas mit den Warenbestandsdateien gemacht. Ich kam rein, ohne anzuklopfen. Sie fuhr von ihrem Stuhl hoch, als wäre sie plötzlich von einer Tarantel gestochen. Dann blökte sie mich an, was ich im Büro zu suchen hätte. Dabei wollte ich nur eine Schere holen. Ich hätte schwören können, dass sie am PC Daten manipuliert hat. Na ja, geht mich ja nichts an. Schließlich ist das nicht mein Laden. Ich will einfach nur von dieser Sumpfkuh in Ruhe gelassen werden. Aber das wird wohl nichts, die legt sich nämlich mit jedem an.“
Das waren Tricias Worte gewesen, obwohl Carol sich nicht an jedes einzelne davon genau erinnern konnte. Sie fragte sich, warum sie nicht Inspektorin Victoria Shepley davon erzählt hatte. Doch was hätte die Polizistin schon tun können? Carol hatte etwas von Tricia erfahren, aber das war nur Hörensagen. Und so etwas zählte nicht in einer polizeilichen Untersuchung. Sie hatte schon genug Krimis gelesen, um darüber Bescheid zu wissen. Nein, sie brauchte harte Fakten, die gegen Jeanie Wilde sprachen. Wenn die Verkäuferin wirklich in den Mordfall Tricia Lloyd verwickelt war, würde sich das hoffentlich beweisen lassen.
Offenbar waren die Docklands ein beliebtes Ausflugsziel. Als eine weitere Ladung von Bustouristen die Edel-Boutique stürmte, nutzte Carol die Gelegenheit und verschwand durch eine Tür, auf der Personal stand.
Ihr Herz klopfte laut, während sie vor Aufregung zitterte und sich nur allmählich beruhigen konnte. Dabei wusste sie noch gar nicht so genau, wonach sie eigentlich suchte. Von dem schmalen Flur, in den sie sich geschlichen hatte, gingen einige Türen ab. Hinter der ersten befand sich eine Toilette. Die zweite gehörte zu einem fensterlosen Abstellraum, in dem sich Besen, Aufnehmer und andere Putzutensilien befanden. Die dritte Tür führte in einen Aufenthaltsraum mit einem großen Fenster, durch das die Themse und die ehemaligen West India Docks zu sehen waren.
Doch für das Panorama hatte Carol jetzt keinen Blick. Sie interessierte sich nur für die Handtaschen der Verkäuferinnen, die auf den Stühlen abgelegt waren. Welche davon gehörte Jeanie Wilde?
Carols Nerven waren angespannt. Jeden Moment konnte jemand hereinkommen und sie hinauswerfen oder ihr richtigen Ärger machen. Verzweifelt bemühte sie sich, logisch zu denken, während sie die erste Handtasche öffnete. Es half nichts, sie musste sich die Geldbörsen ansehen, auch wenn es den Anschein hatte, als ob sie Geld stehlen wollte. Doch in den Geldbörsen befanden sich meist auch Ausweispapiere und Ähnliches.
Schnell durchforstete sie eine weitere Tasche, die einer anderen Verkäuferin gehörte. Doch die dritte war ein Volltreffer. Carol entdeckte einen Reisepass, ausgestellt auf Miss Jeanette Wilde. Bingo! Außerdem fand sie Jeanies Handy.
Carols Puls raste. Es kam ihr vor, als würde sie jeden Moment einen Kreislaufkollaps bekommen. Sie checkte die letzten SMS-Nachrichten.
„Klappt es heute Nacht wieder? Dienstagnacht hat sich richtig gelohnt. Liebe Grüße Eric.“
Carol fühlte sich, als ob eine eisige Klaue nach ihrem Herzen greifen würde. Dienstagnacht war Tricia ermordet worden! Spielte dieser Eric darauf an? Wer war der Kerl überhaupt? Sie kontrollierte den Rufnummernspeicher von Jeanies Handy. Dort gab es einen Eric, aber ohne Nachnamen. Carol schrieb sich trotzdem schnell seine Mobilfunknummer auf.
Was war mit der Nachricht gemeint? Was sollte heute Nacht wieder klappen? Erics SMS war vom selben Tag, also musste die Sache nach Feierabend über die Bühne gehen. Carol durchsuchte die Handtasche der verdächtigen Frau weiter und fand auch noch einen Zündschlüssel für einen Porsche.
Sie presste die Lippen aufeinander. Verflixt! Carol hatte noch nicht einmal einen Führerschein, geschweige denn ein Auto. Sie musste Jeanie beschatten, wenn sie die Geheimnisse dieser Frau enttarnen wollte. Aber wie sollte das funktionieren? Sie konnte den Porsche ja wohl schlecht mit einem Fahrrad verfolgen.
Auch Eve besaß keinen fahrbaren Untersatz. Einmal ganz abgesehen davon, dass ihre Mitbewohnerin in diesem Moment noch an ihrer Klausur schrieb und gewiss keine Zeit hatte, um Carol zu helfen. So wie es aussah, gab es nur einen Menschen, der das momentan tun konnte.
Brent.
Eigentlich hätte Carol gerade nach seinem Liebesgeständnis etwas Abstand zu ihm gebraucht. Das ging ihr alles zu schnell, und sie brauchte Zeit, um sich über ihre Gefühle klar zu werden. Aber Jeanie Wilde erschien ihr immer verdächtiger.
Carol schloss die Handtasche und verließ den Aufenthaltsraum. Sie wollte sich gerade wieder aus dem Personaltrakt schleichen, als ihr eine Verkäuferin entgegenkam. Glücklicherweise war es nicht Jeanie Wilde.
„Was tun Sie hier, Miss? Diese Räume sind nur fürs Personal.“
„Ich, äh, musste dringend zur Toilette“, schwindelte Carol.
„Okay, aber wir haben auch ein Kunden-WC direkt neben der Treppe zur Galerie.“
„Das muss ich übersehen haben. Entschuldigen Sie bitte.“
Die Verkäuferin gab sich mit der Erklärung zufrieden und machte keinen Aufstand. Unauffällig verließ Carol die Boutique. Sie war davon überzeugt, dass Jeanie Wilde sie nicht bemerkt hatte. Carol hatte das Überraschungsmoment auf ihrer Seite. Jeanie Wilde konnte nicht ahnen, dass Carol ihr auf den Fersen war. Woher hätte die Verkäuferin wissen sollen, dass Tricias beste Freundin auf eigene Faust den Mord untersuchte?
Carol ging in ein Szene-Eiscafé, von dem aus man das Spizo’s im Auge behalten konnte. Sie bestellte sich einen Espresso und rief Brent von ihrem Handy an. Plötzlich musste sie wieder an ihren Traum denken, in dem er sie geküsst hatte. Wünschte sie sich das vielleicht unbewusst?
In diesem Moment hoffte sie nur darauf, dass er sie wirklich unterstützen würde.
Nachdem drei Mal das Freizeichen ertönt war, meldete sich Brent.
„Ich bin es, Carol.“
„Carol! Es ist schön, deine Stimme zu hören.“
Sie war auch erleichtert, ihn erreicht zu haben. Aber sie befand sich nicht in Flirtlaune, denn dafür war sie viel zu aufgeregt.
„Gilt dein Hilfsangebot noch?“, fragte sie direkt.
„Selbstverständlich.“
„Okay. Hast du ein Auto?“
„Yep. Eine echte Rostlaube, einen Honda Civic. Aber er fährt.“
„Kannst du zu mir kommen? Ich bin in den Docklands, im Eiscafé am Silvertown Way am Royal Victoria Dock. Dann erkläre ich dir alles.“
„Ich bin in ungefähr einer halben Stunde bei dir.“
Nach dem Telefonat mit Brent fühlte sich Carol schon etwas ruhiger. Sie spürte, dass sie sich auf ihn verlassen konnte. Er hatte nicht lang und breit herumgeredet, sondern sofort zugesagt. Während sie auf Brent wartete, ging Carol erneut ihre Beweise und Spuren durch.
Reagierte sie vielleicht völlig hysterisch? War Jeanies Verabredung mit diesem Eric eventuell völlig harmlos? War er einfach nur ihr Freund? Carol durchkämmte ihr Gedächtnis. Hatte Tricia einmal etwas über Jeanies Beziehungen zu Männern erwähnt? Sie konnte sich nicht daran erinnern. Ihre Freundin hatte sich immer nur darüber beklagt, wie unsympathisch und rücksichtslos diese Jeanie wäre. Gewiss war es kein Zuckerschlecken, in einer so angesagten Boutique zu arbeiten. Carol konnte sich vorstellen, dass dort stets ein rauer Wind herrschte. Auf die Jobs waren gewiss viele Frauen scharf, und beim Konkurrenzkampf wurden die Ellenbogen eingesetzt. Carol hatte Tricia immer dafür bewundert, dass sie sich in einer solchen Umgebung behaupten konnte. Aber war ihr das vielleicht sogar zum Verhängnis geworden?
Carol wusste nicht, was sie denken sollte. Sie war erleichtert, als nach knapp dreißig Minuten ein japanischer Kleinwagen auf den Parkstreifen neben dem Eiscafé fuhr. Als Brent ausstieg, schlug Carols Herz schneller. Sie war gar nicht unbedingt verliebt in ihn, obwohl er ihr sympathisch war. Es fühlte sich einfach nur gut an, in einer völlig fremden Millionenstadt nicht mehr allein vor einer schwierigen Aufgabe zu stehen. Außerdem hatte Brent soeben seine Zuverlässigkeit bewiesen. Das war Carol sehr wichtig. Auf Freunde, die ihre Zusagen nicht einhielten, konnte sie verzichten.
Brent lächelte ihr zu. Wieder musste sie an ihren Traum denken, in dem er sie geküsst hatte. Bei Carol ging es eigentlich nicht so schnell, dass sie für einen Typen Gefühle entwickelte. Aber ein Traum musste ja nicht unbedingt etwas mit der Wirklichkeit zu tun haben, selbst wenn er noch so intensiv war. Carol hoffte, dass Brent ihr ihre Verlegenheit nicht ansah. Sie konzentrierte sich nun lieber auf ihr Vorhaben.
„Hallo, Brent. Schön, dass du kommen konntest“, begrüßte sie ihn.
„Das habe ich dir schließlich versprochen, oder? Wozu brauchst du denn ein Auto, wenn ich fragen darf? In einer Stadt wie London ist so eine Karre eher lästig, weil man mit der U-Bahn schneller vorankommt. Ich habe schon zigmal überlegt, mein Auto zu verkaufen.“
Carol wartete mit ihrer Antwort, bis Brent sich einen Kaffee bestellt hatte. Als die Kellnerin wieder gegangen war, berichtete sie von ihren Nachforschungen.
„Wow! Du bist ganz schön mutig. Die Aktion mit der Handtasche hätte auch schiefgehen können. Aber du musst wahrscheinlich wirklich etwas riskieren, wenn du Tricias Ermordung aufklären willst. – Du hast also geplant, dass wir in meinem Auto diese Jeanie Wilde beschatten?“, meinte er.
„Ja, genau. Ihr Freund Eric hat per SMS gefragt, ob heute Abend wieder eine Sache klappen soll. Was damit gemeint ist, weiß ich nicht. Ob ich diesen Eric einfach mal anrufe und ihn unauffällig aushorche …“
Brent schüttelte den Kopf. „Das halte ich für keine gute Idee. Im schlimmsten Fall wird er misstrauisch. Momentan ahnt doch Jeanie Wilde noch gar nicht, dass du hinter ihr her bist. Das müssen wir ausnutzen. – Wie wäre es, wenn ich mehr über Eric herausfinde? Wir haben doch noch ein paar Stunden Zeit, bevor Jeanie Feierabend macht, oder?“
„Ja, die Boutique hat bis sieben Uhr abends geöffnet. – Wie willst du denn etwas über Eric in Erfahrung bringen? Wir haben doch bisher nur seinen Vornamen und seine Handynummer.“
„Das stimmt. Aber ich habe mal ein Praktikum bei einer großen Zeitung gemacht. Dort kenne ich einen Kriminalreporter, den ich jetzt anrufen werde.“
Brent nahm sein Handy und begann zu telefonieren. Der Kriminalreporter hieß offenbar Jim. Brent plauderte ein paar Minuten über alles Mögliche mit ihm, bevor er mit seinem Anliegen rausrückte. Brent gab Jim den Vornamen und die Handynummer durch. Zuvor hatte er schon sein Notizbuch auf den Tisch gelegt. Staunend sah Carol, wie der Kriminalreporter ihm offenbar eine Fülle von Informationen durchgab. Jedenfalls schrieb Brent fast zwei Seiten voll. Schließlich bedankte er sich bei Jim und beendete das Gespräch.
„Wie hast du das gemacht, Brent?“
„Es gibt Programme, mit denen man aufgrund einer Handynummer den vollständigen Namen des Besitzers herausfinden kann. Damit arbeitet Jim ganz gerne. Man sollte es bloß nicht an die große Glocke hängen, jedenfalls nicht gegenüber der Polizei.“
„Verstehe. Aber du hast doch eine Menge Infos über diesen Eric gesammelt.“
„Ja, Jim konnte mir viel über diesen Eric Ulmer erzählen. Das liegt daran, dass Eric Ulmer kein unbeschriebenes Blatt ist. Du hattest recht mit deinem Verdacht, dass Jeanie Wilde in unsaubere Machenschaften verwickelt ist. Ihr Freund Eric Ulmer jedenfalls ist ein mehrfach vorbestrafter Krimineller.“
Carol wurde immer aufgeregter. Es war so ein gutes Gefühl, endlich eine heiße Spur zu haben. Sie konnte es kaum erwarten, mehr zu hören. Aber da fuhr Brent auch schon fort: „Eric Ulmer hat eine richtige kriminelle Karriere gemacht, sagt Jim. Es fing an mit Jugendstrafen wegen Einbruch und räuberischer Erpressung. Jetzt ist Eric Ulmer Mitte zwanzig und war schon zwei Mal wegen Körperverletzung und Betrug im Gefängnis.“
„Ich frage mich, ob Eric Ulmer Tricia getötet hat. Vielleicht wurde er ja von Jeanie Wilde auf meine Freundin angesetzt.“
Brent schüttelte den Kopf. „Es hieß doch in der SMS, Dienstagnacht hätte sich richtig gelohnt. Ist Tricia denn bei ihrer Ermordung auch beraubt worden?“
„Nein, das nicht. Jedenfalls hat die Polizei nichts erwähnt. Soweit ich weiß, hatte Tricia Geld, Kreditkarte und Schmuck bei sich, als man ihre Leiche fand. Nur ihr Handy ist verschwunden, aber das muss nichts zu bedeuten haben. Tricia hat ihr Telefon auch früher in Shrewsbury öfter verlegt. Möglicherweise war aber etwas anderes in ihrem Besitz, das für Jeanie Wilde und Eric Ulmer viel kostbarer war als irgendwelche Wertsachen.“
„Und was könnte das gewesen sein?“
Carol runzelte die Stirn. „Eine Sache, die Jeanie so wichtig war, dass sie dafür sogar ein Leben auslöschen ließ.“
„Das wissen wir noch nicht, Carol. Die kommende Nacht wird hoffentlich mehr Licht in diese undurchsichtige Geschichte bringen. Wir sollten uns einen guten Standort suchen, von dem aus wir den Parkplatz vom Spizo’s im Auge behalten können.“
Carol war einverstanden. Sie bereute es nicht, Brent ins Vertrauen gezogen zu haben. Ohne ihren neuen Verehrer hätte sie niemals herausbekommen, was für ein übler Halunke dieser Eric Ulmer war. Brent hatte gute Ideen und half ihr tatkräftig dabei, das Rätsel um Tricias Tod zu lösen.
Sie bezahlten ihre Getränke, stiegen in den japanischen Kleinwagen und parkten ihn in der Nähe der Boutique. Jeanies Porsche war nicht zu übersehen. Brent stellte seinen Honda Civic nun so ab, dass sie die Fahrertür des deutschen Sportwagens ständig im Blickfeld hatten. Jeanie hingegen hätte sich den Hals verrenken müssen, um ihre Beschatter zu bemerken. Carol schaute sich in dem altersschwachen japanischen Auto mit gemischten Gefühlen um.
Brent lachte. „Ich weiß, was du jetzt denkst.“
„So? Was habe ich denn gerade gedacht?“
„Du hast dich gefragt, ob wir mit meiner Rostlaube überhaupt einen so PS-starken Porsche verfolgen können.“
Carol errötete. „Okay, so etwas in der Art ging mir wirklich durch den Kopf. Aber ich will nicht, dass du mich für undankbar hältst, okay?“
„Das tue ich nicht. Deine Zweifel sind berechtigt – aber nur, falls Jeanie auf die Autobahn fährt. Dort hängt sie uns sofort ab. Aber im Londoner Stadtverkehr spielt es überhaupt keine Rolle, was für eine Spitzengeschwindigkeit ein Wagen hat. Da geht es zu Stoßzeiten nur im Schneckentempo voran, und man wird sogar von Fußgängern überholt.“
„Das beruhigt mich“, meinte Carol. „Übrigens glaube ich nicht, dass du meine Gedanken immer lesen kannst“, fügte sie grinsend hinzu.
„So etwas habe ich auch nicht behauptet. Aber wie kommst du jetzt darauf?“
„Weil ich in der vergangenen Nacht von dir geträumt habe.“
Carol hätte selbst nicht sagen können, warum sie Brent dieses Geständnis machte. Doch es hatte sich gelohnt, denn der erstaunte Ausdruck auf seinem Gesicht war einfach einmalig.
„Du hast tatsächlich von mir geträumt?“
„Ja, und ich selbst kam in dem Traum auch vor.“
„Und wie – ich meine, was ist in deinem Traum passiert?“
Carol lächelte geheimnisvoll. Sie würde ihm ganz bestimmt nicht auf die Nase binden, dass sie von sich als einer Prostituierten und von Brent als einem Scotland-Yard-Inspektor im Jahre 1888 geträumt hatte. Jedenfalls jetzt noch nicht.
„Das erzähle ich dir, wenn wir uns besser kennen.“
„Also willst du mich besser kennenlernen, Carol?“
„Das könnte passieren. Wir werden wohl nicht schweigend nebeneinandersitzen, bis Jeanie endlich aus dem Spizo’s kommt, oder?“
Brent lachte. „Nein, wahrscheinlich nicht. – Glaubst du an Zufälle, Carol?“
„Ich weiß nicht. Darüber habe ich noch nie nachgedacht.“
„Also ich denke nicht, dass es Zufälle gibt. Wenn ich nicht an dieser Jack-the-Ripper-Führung teilgenommen hätte, dann wären wir uns nie über den Weg gelaufen.“
„Das ist nicht gesagt. Wir hätten uns auch auf der Straße begegnen können. Du glaubst doch angeblich an die Liebe auf den ersten Blick. Dann hättest du dich auch in mich verknallen können, wenn ich einfach nur neben dir an einer roten Ampel gestanden hätte.“
„Von der Seite habe ich das noch gar nicht gesehen.“
„Liegt das vielleicht daran, dass die Liebe auf den ersten Blick bei dir nur eine Masche ist?“
„Nein, das stimmt nicht. Du hast mir auf Anhieb gefallen. Selbst nachdem du mir den Kerzenhalter über den Schädel gezogen hattest.“
Als sich Carol an die Szene erinnerte, wurde sie rot, während sie gleichzeitig schmunzeln musste. Zum Glück hatte sie Brent nicht ernsthaft verletzt. Sie spürte, dass er ihr deswegen nicht böse war. Sie war ihm bei ihrer spontanen Attacke ziemlich nahe gekommen. Aber auch jetzt, in dem japanischen Kleinwagen, befand sich Brent unmittelbar neben ihr. Sie war von ihm nur durch die schmale Mittelkonsole getrennt. Carol fand es aufregend, Brents Körper so dicht neben sich zu spüren. Und sie musste sich eingestehen, dass sie allmählich mehr als nur Sympathie für ihn zu empfinden begann.
Brent saß scheinbar entspannt da. Seine Hände ruhten locker auf dem Lenkrad, der Motor des Wagens war ausgestellt. Doch Carol entgingen nicht die häufigen Seitenblicke, die er ihr immer wieder zuwarf. Er konnte seine Augen nicht von ihr lassen, was sie sehr schmeichelhaft fand.
„Gefällt dir, was du siehst, Brent?“, fragte sie.
„Oh! Starre ich dich wirklich so auffällig an?“
„Jedenfalls habe ich es bemerkt. Aber wieso auch nicht? Schließlich behauptest du, in mich verliebt zu sein.“
„Und was ist mit dir? Wovon handelte denn der Traum, in dem wir beide vorkommen?“
Carol lächelte. „Das möchtest du wohl wissen, wie?“
„Ja, das möchte ich.“
„Meine Mom sagt immer, dass kleine Geheimnisse einen Menschen erst interessant machen.“
Carol genoss die unverkrampfte Leichtigkeit, die zwischen ihr und Brent herrschte. In den vergangenen Tagen hatte sie genug Tränen vergossen und über düsteren Gedanken gebrütet. An Brents Seite konnte sie wieder locker sein. Ihr wurde plötzlich klar, wie oft sie lächelte oder lachte. Normalerweise wäre es öde und trist gewesen, im Auto zu sitzen und stundenlang zu warten. Doch mit Brent verging die Zeit wie im Flug.
Die Dämmerung senkte sich über London, die Straßenlaternen wurden eingeschaltet. Noch war es abends relativ lange hell. Aber man konnte schon den herannahenden Herbst spüren.
Die ersten Verkäuferinnen verließen das Spizo’s durch den Personaleingang. Unwillkürlich spannte Carol ihre Muskeln an. Sie spürte, dass die Verfolgung gleich beginnen würde. Und dann tauchte wirklich die hochgewachsene Gestalt von Jeanie Wilde auf. Die Dunkelhaarige trug einen topmodischen knielangen Mantel in Glockenform. Sie schritt auf den Porsche zu, als ob sie sich auf dem Laufsteg befände.
„Ich schätze, es geht los. Was meinst du?“, fragte Brent.
„Ja. Jetzt geht es los.“