1. KAPITEL
Aufgeregt rutschte Carol Garner auf ihrem Sitz hin und her, wobei sie ununterbrochen aus dem Zugfenster schaute. Den größten Teil der Fahrt von Shrewsbury nach London hatte sie sich mit ihrem MP3-Player vertrieben. Doch nun schaltete sie den Sound der Black Eyed Peas aus.
Die Bahn hatte bereits die Außenbezirke der Hauptstadt erreicht. Und Carol wollte London nicht nur sehen, sondern auch hören, riechen und schmecken. Es kam ihr so vor, als würde plötzlich eine andere Luft durch den Waggon wehen. Sie hatte mehrmals umsteigen müssen, seit sie am frühen Morgen aus ihrem verschlafenen Heimatstädtchen abgereist war.
Der Typ auf der Sitzbank ihr gegenüber grinste spöttisch. Er sah eigentlich gar nicht mal so übel aus, eine Art Justin-Timberlake-Verschnitt. Aber Carol hatte das Gefühl, er würde sich über sie amüsieren, was sie überhaupt nicht ausstehen konnte.
„Was ist denn so lustig? Habe ich einen Pickel auf der Nase?“, fuhr sie ihn entnervt an.
„Das nicht, Kleine. Aber es ist einfach zum Totlachen, wenn eine Provinztussi das erste Mal nach London kommt.“
Carol war gekränkt. „Du hast wohl den absoluten Durchblick, was? Woher willst du denn wissen, dass ich nicht in der Hauptstadt lebe?“
Arrogant zuckte Carols Gegenüber mit den Schultern. „Lebenserfahrung.“
Nun war es Carol, die lachen musste. Lebenserfahrung! Der Typ war gewiss nur ein paar Jahre älter als sie, also allerhöchstens fünfundzwanzig. Und er führte sich auf, als ob er schon den Zweiten Weltkrieg mitgemacht hätte. Carol konnte auch ironisch sein, wenn sie wollte.
„Du musst ja echt ein weiser alter Mann sein. Hast du dich liften lassen? Wie heißt du überhaupt?“, fragte sie spöttisch.
„Joe. Und du?“
„Carol.“
„Sei nicht sauer auf mich, Carol. Ich finde es okay, wenn Leute vom Dorf fortwollen. Das ist verständlich. Es kann ja nicht jeder ein echter Londoner sein, so wie ich.“
Carol ließ sich nicht für dumm verkaufen. „Wenn du also in London lebst, wieso bist du dann in Milton Keynes eingestiegen? Das ist doch auch ein Provinzkaff, oder nicht?“
„Stimmt genau. Ich lebe nicht in London, ich habe dort nur meinen Job. London ist dreckig, teuer, kriminell – das ist nicht mehr meine Stadt. Da wohne ich lieber in Milton Keynes.“
„Und lachst über Leute, die nach London wollen? Wie albern ist das denn?“
„Du wirst schon erleben, wie gefährlich diese Stadt sein kann.“
Carol hatte überhaupt keine Lust, sich von diesem blöden Joe runterziehen zu lassen. Trotzdem verschlechterte sich ihre Laune. Plötzlich hatte sie das Gefühl, sich vor diesem Fremden rechtfertigen zu müssen. „Es geht dich zwar nichts an, aber London ist die große Chance meines Lebens! Ich habe nämlich einen Studienplatz an der Westminster School bekommen. Das ist eines der besten Colleges in England, aber das wirst du als gebürtiger Londoner natürlich wissen. Und ich werde mit meiner besten Freundin in einer Wohngemeinschaft zusammenleben.“
Carol war immer aufgeregter geworden, je mehr sie diesem eingebildeten Typen erzählte.
Joe ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Immer cool bleiben, Carol. Das ist der wichtigste Rat, den ich dir geben kann. Zieh dein Ding durch und lass dich nicht beirren – auch nicht von mir.“
„Vielen Dank für deine Weisheit, Opa.“ Sie ärgerte sich eigentlich hauptsächlich über sich, weil sie sich von diesem aufgeblasenen Schwätzer niedermachen ließ. Es konnte ihr doch völlig egal sein, was Joe über sie dachte.
Zum Glück fuhr der Zug nun in den Bahnhof Euston ein. Alle Passagiere standen gleichzeitig auf, als ob ein lautloses Kommando ertönt wäre. Im Gedränge verlor Carol Joe sofort aus den Augen. Sie bedauerte es nicht. Dieser Kerl hatte ihr gründlich die Stimmung vermiest. Außerdem hatte sie mit ihren beiden großen Reisetaschen alle Hände voll zu tun.
Doch Tricia wollte sie vom Bahnhof abholen und konnte dann eine von den Taschen tragen. Beim Gedanken an ihre beste Freundin verflog Carols schlechte Laune. Natürlich hatten sie jeden Tag telefoniert und gechattet, seit Tricia vor ein paar Monaten einen Job in London ergattert hatte. Carol wollte nachkommen, sobald sie einen Studienplatz in der Hauptstadt bekam. Und an diesem Septembertag war es endlich so weit. Das Semester startete erst in einigen Wochen. Carol hatte also genug Zeit, um ihre neue Heimat kennenzulernen.
Aber wo war Tricia?
Carol kam sich etwas verloren vor, nachdem sie auf den Bahnsteig getreten war und auf ihre Freundin wartete. Normalerweise war Tricia immer pünktlich. Es sah ihr gar nicht ähnlich, Carol zu versetzen.
„Ich hole dich selbstverständlich ab, das ist doch klar. Meine Chefin gibt mir morgen den ganzen Tag frei, weil ich so viele Überstunden angesammelt habe“, hatte sie ihr gestern noch am Telefon mitgeteilt. „Außerdem habe ich heute Abend etwas vor. Ich weiß aber noch nicht, ob ich mich das traue. Auf jeden Fall werde ich dir morgen alles darüber erzählen.“
Tricia tat gern geheimnisvoll. Darum hatte Carol nicht versucht, Einzelheiten herauszubekommen. Trotzdem hätte Tricia allmählich auftauchen können. Nervös fuhr sich Carol durch ihr kinnlanges kastanienfarbiges Haar. Ob Tricia verschlafen hatte? Sie nahm ihr Handy und rief die Nummer ihrer besten Freundin im Speicher auf. Doch Tricias Apparat war ausgeschaltet. Carol checkte, ob irgendwelche Anrufe in Abwesenheit auf ihrem eigenen Handy eingegangen waren. Aber niemand hatte versucht, sie zu erreichen.
Auch Tricia nicht.
Nach einer halben Stunde beschlich Carol ein mulmiges Gefühl. Außerdem bekam sie auf dem zugigen Bahnsteig kalte Füße. Sie nahm ihre beiden Reisetaschen und ging zum Informationsschalter von British Rail in der Bahnhofshalle. Vor ihr war ein Osteuropäer an der Reihe, der nur gebrochen Englisch sprach. Carols Geduld wurde auf eine weitere Probe gestellt. Immer wieder versuchte sie zwischendurch, Tricia zu erreichen. Vergeblich. Aber dann stand sie endlich vor der uniformierten Angestellten. „Ich bin mit meiner Freundin verabredet. Wir müssen uns irgendwie verpasst haben. Könnte sie ausgerufen werden?“, fragte sie.
„Selbstverständlich, Miss. Wie heißt denn Ihre Freundin?“
Carol nannte der Service-Mitarbeiterin den Namen. Gleich darauf griff diese zu ihrem Mikrofon. „Achtung! Miss Tricia Lloyd wird gebeten, zur Information in der Wartehalle zu kommen. Miss Tricia Lloyd, bitte!“
Carols Unruhe wuchs. Beim Anblick jeder jungen Frau, die auch nur entfernt Ähnlichkeit mit Tricia hatte, verspürte sie Erleichterung. Doch die Hoffnung wurde jedes Mal zerstört, wenn Carol erkannte, dass es nicht Tricia war. Carol wartete eine Viertelstunde neben dem Informationsschalter. Dann gab sie auf, während sie einen Anflug von Panik unter Kontrolle zu bekommen versuchte.
Offenbar war Tricia überhaupt nicht zum Bahnhof Euston gekommen. Abermals versuchte Carol, ihre Freundin über das Handy zu erreichen, wieder ohne Erfolg. Inzwischen machte sie sich ernsthaft Sorgen. Sie spürte, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Carol und Tricia verband eine sehr intensive Freundschaft. Wenn es der einen von ihnen nicht gut ging, spürte die andere das meistens sofort.
Carol beschloss, mit der U-Bahn nach Camden Town zu fahren, wo Tricia sich eine Wohnung mit einer gewissen Eve Sutton teilte. Carol sollte als dritte Mitbewohnerin einziehen.
Nachdem sie sich auf den Weg gemacht hatte, merkte sie schnell, dass London eine riesige, unübersichtliche Stadt war. Man konnte sich leicht verirren und in die falsche U-Bahn steigen. Doch irgendwann war Carol schließlich an ihrem Ziel angelangt und schleppte erschöpft ihre beiden Reisetaschen aus der Station Camden Town. Nach der langen Zeit in den stickigen überfüllten Waggons war ihr nicht mehr kalt, ganz im Gegenteil. Der Schweiß rann ihr über den Rücken, und ihr Gesicht war knallrot, wie sie im Vorbeigehen an einer Schaufensterscheibe erkannte. Carols Spiegelbild sah genervt und abgekämpft aus.
Auf der Camden High Street ging es turbulent zu. Fliegende Händler boten exotische Snacks an, und aus den offenen Fenstern der Pubs wummerten die Bässe. Man sah Asiaten und Afrikaner, kamerabehängte Touristen und zerlumpte Bettler. Der Stadtteil war genauso lebendig, wie Tricia ihn immer beschrieben hatte. Doch momentan hatte Carol für die faszinierende Vielfalt von Camden Town kein Auge. Sie wollte nur noch eins – nämlich ihre Freundin treffen. Carol fragte eine alte Dame nach dem Weg, die ihr Auskunft geben konnte. Keine fünf Minuten später bog sie in die Seitenstraße ab, wo Tricia lebte.
Carols Herz krampfte sich zusammen, als sie den Streifenwagen erblickte. Er parkte auf dem Bürgersteig vor einem der schmalen Reihenhäuser, aus denen der ganze Straßenzug bestand. Das üble Gefühl verstärkte sich, als Carol näher kam. Das Polizeiauto stand tatsächlich vor dem Haus, in das sie einziehen wollte.
Der Eingang wurde von einem uniformierten Bobby bewacht. Er schaute Carol ins Gesicht, als sie ratlos vor dem Gebäude stehen blieb. Einen Moment lang wusste sie nicht, was sie tun sollte. So einsam und verloren hatte sie sich noch nie im Leben gefühlt.
„Bitte gehen Sie weiter, Miss“, sagte der Polizist freundlich. Er konnte nicht viel älter sein als sie. „Hier gibt es nichts zu sehen.“
„Ich wohne aber hier.“ Carol war geschockt, weil sich ihre Stimme plötzlich so dünn und brüchig anhörte. „Das heißt, ich werde ab heute hier wohnen. Meine Freundin wollte mich vom Bahnhof abholen, aber sie ist nicht gekommen.“
Der Bobby hob seine Augenbrauen so weit, dass sie beinahe den Rand seines blauen Helms berührten. „Ihre Freundin – meinen Sie Tricia Lloyd?“, fragte er zögernd.
„Ja, Tricia.“ Carol wurde beinahe hysterisch. „Was ist mit ihr? Ist ihr etwas zugestoßen?“
Der Polizist trat zur Seite und gab den Weg frei. „Am besten reden Sie mit Inspektorin Shepley. Ich nehme Ihr Gepäck, Miss.“
Carols Nerven lagen blank, und ihr wurde schwindelig. Sie ließ die Reisetaschen auf der Straße stehen und rannte ins Haus. In dem schmalen Flur führte eine steile Treppe ins erste Stockwerk. Dort oben war es ruhig, während aus einem Raum am Ende des Ganges Stimmen drangen. Carol eilte dorthin und riss die Tür auf, ohne anzuklopfen.
In der Küche saßen drei Personen an einem Tisch. Eine Frau im Alter von Carols Mutter, eine junge Frau Anfang zwanzig sowie ein weiterer uniformierter Polizist. Die ältere Frau hatte einen Schreibblock vor sich und blickte ungehalten an Carol vorbei. Hinter ihrem Rücken war nämlich der andere Bobby erschienen, der draußen gestanden hatte.
„Konstabler Baker, ich wollte nicht gestört werden. Das habe ich ernst gemeint“, sagte sie.
„Entschuldigen Sie, Madam. Aber das hier ist eine Freundin des – Opfers.“
„Des Opfers?“ Carols Stimme hatte noch nie so schrill geklungen. „Ich will sofort wissen, was mit Tricia passiert ist!“
Die ältere Frau stand auf. „Ich bin Inspektorin Victoria Shepley von der Metropolitan Police. Leider wurde Ihre Freundin Tricia Lloyd am gestrigen Abend ermordet, und zwar nur einen Steinwurf von hier entfernt. Es tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen.“
Wie durch einen Nebelschleier drangen die Worte zu Carol, bevor ihr schwarz vor Augen wurde. Wenn der Polizist sie nicht gehalten hätte, wäre sie zu Boden gegangen. Irgendwie gelang es den Anwesenden in der Küche, sie auf einen Stuhl zu setzen.
Die junge Frau holte ein Medikament aus der Hausapotheke und reichte es ihr mit einem Glas Wasser. „Hier, Carol. Bitte nimm das. Ich bin Eve, Tricias Mitbewohnerin. Du darfst nicht zusammenbrechen, das hätte Tricia nicht gewollt.“
Carol gehorchte und schluckte die Tablette. Wenige Minuten später ging es ihr wirklich schon etwas besser. Aber was hieß das schon? Tricia war tot. Wie sollte Carol nun weiterleben? Sie kannten sich von frühester Kindheit an. Es war, als sei ein Teil von Carol selbst gestorben.
Erst nach einer Weile löste sich das dumpfe Gefühl auf, und Carol konnte die Tränen über den entsetzlichen Verlust Tricias nicht mehr zurückhalten. Eve legte schwesterlich den Arm um ihre Schultern, aber das nutzte nicht viel.
Die Inspektorin war eine resolute Frau, die an eine strenge Lehrerin erinnerte. Dazu passte auch der konservative Hosenanzug, den sie trug. Victoria Shepley war eine Frau von spröder Schönheit, die ihre Attraktivität hinter äußerer Härte verbarg.
„Sie müssen Carol Garner sein. Eve Sutton hat uns mitgeteilt, dass Tricia Lloyd sie heute erwartet hat. In der Aufregung hat leider niemand daran gedacht, Sie zu benachrichtigen. Sie sind jetzt sehr aufgewühlt, Miss Garner. Ich werde morgen wiederkommen, um Sie zu befragen. Allerdings sind die ersten 48 Stunden nach einem Mord entscheidend, um den Täter zu fassen. Je mehr Zeit vergeht, desto größer sind die Chancen des Täters, zu entkommen.“
Carol biss die Zähne aufeinander, trocknete ihre Tränen und putzte sich die Nase. Sie war von einem Gedanken besessen: Der Mörder durfte nicht länger frei herumlaufen. „Ich will mithelfen, diesen Mistkerl zu fangen. Stellen Sie jetzt Ihre Fragen“, sagte sie mit fester Stimme.
„Danke, Miss Garner. Sie sind sehr tapfer. – Hatte sich Tricia Lloyd in letzter Zeit verändert? Wirkte sie bedrückt? Fühlte sie sich verfolgt?“
Carol schüttelte den Kopf. „Nein, überhaupt nicht. Sie war meine beste Freundin. Wir haben uns immer gegenseitig alles erzählt. Wenn da etwas gewesen wäre, hätte ich es gewusst. Allerdings haben wir seit einigen Monaten nur telefoniert und gechattet, weil ich bis heute Morgen noch in Shrewsbury war.“
„Wie die meisten Frauen habe auch ich eine beste Freundin. Und doch gibt es Dinge, die ich noch nicht einmal ihr erzählen würde“, erwiderte die Inspektorin freundlich.
„Das mag ja sein, aber ich würde spüren, wenn Tricia mir etwas verheimlicht hätte. Das wäre mir sofort aufgefallen.“
Noch während Carol diese Sätze von sich gab, kamen ihr selbst Zweifel auf. Eigentlich stimmte ihre Aussage nämlich nicht. Carol hatte Tricia eine Schwindelei nur dann angemerkt, wenn sie ihr dabei ins Gesicht sah. So wie damals, als Tricia damit geprahlt hatte, dass der Mädchenschwarm Tommy Harrow sie geküsst hätte. Am Telefon hatte Carol ihr jedes Wort geglaubt. Doch als sie sich dann trafen, konnte Carol die Lüge sofort durchschauen. Damals waren sie beide vierzehn gewesen. Das lag schon lange zurück. Aber Carol hoffte einfach darauf, dass Tricia ihr in letzter Zeit nichts verschwiegen hatte.
„Wir haben von Miss Sutton erfahren, dass Tricia Lloyd gestern Abend an einer Stadtführung über Jack the Ripper teilnehmen wollte. Mehr wusste die Mitbewohnerin nicht. Ist Ihnen bekannt, ob das Opfer dort mit jemandem verabredet war? Oder wollte sie allein hingehen?“
Carol war sprachlos. Eine Jack-the-Ripper-Tour? Davon hatte Tricia also am Telefon so geheimnisvoll gesprochen. Von einer Verabredung war aber niemals die Rede gewesen.
„Tricia sagte am Telefon, dass sie noch etwas vorhätte. Aber sie wüsste nicht, ob sie den Mut dazu aufbringen würde.“
Inspektorin Shepley nickte und warf ihren uniformierten Kollegen einen vielsagenden Blick zu. „Tricia Lloyd hat Ihnen also nicht konkret gesagt, was sie vorhatte.“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.
„Nein, das nicht.“
„Sie hatte also sehr wohl Geheimnisse vor Ihnen, Miss Garner“, erwiderte die Inspektorin.
„Hey, was soll das denn? Sie kannten Tricia nicht. Sie war ein großer Fan von mysteriösen Geschichten, genau wie ich. Wahrscheinlich wollte sie diese Jack-the-Ripper-Tour nur testen.“ Carol hatte das Gefühl, ihre Freundin verteidigen zu müssen. „Ja, genau! Und später hätte sie dann den Rundgang mit mir gemeinsam gemacht, als Überraschung sozusagen“, fügte sie hinzu.
Carol kamen erneut die Tränen. Nie wieder würde sie etwas mit ihrer besten Freundin unternehmen können.
Die Inspektorin erhob sich und legte eine Visitenkarte auf den Tisch. „Ich schätze, das reicht für heute. Sie können mich jederzeit anrufen, falls Ihnen noch etwas einfällt, Miss Garner. Jede Kleinigkeit kann wichtig sein.“
„Wie wird Mord eigentlich bestraft?“, fragte Carol plötzlich, als die Inspektorin schon gehen wollte.
„Über die Höhe der Strafe entscheidet das Gericht. Darauf hat die Polizei keinen Einfluss.“
„Er verdient den Tod!“, stieß Carol hasserfüllt hervor. Sie kannte sich selbst nicht mehr. Noch nie hatte sie einem Menschen den Tod gewünscht.
„Die Todesstrafe wurde in Großbritannien schon vor Jahren abgeschafft“, entgegnete die Inspektorin. „Ich schlage vor, Sie beruhigen sich erst einmal. Auf Wiedersehen, Miss Garner.“
Carol erwiderte nichts, aber sie bemerkte, dass Victoria Shepley Eve beiseitenahm. Obwohl sie leise sprach, konnte Carol hören, was die Inspektorin zu Tricias Mitbewohnerin sagte.
„Carol Garner ist jetzt sehr aufgebracht. Versprechen Sie mir, dass Sie sie im Auge behalten? Ich möchte nicht, dass sie Dummheiten macht.“
Eve nickte, bevor die Polizei das Haus verließ. Gleich darauf hörte Carol das Geräusch des Streifenwagens, der gestartet wurde und wegfuhr. Wie gelähmt saß sie am Küchentisch.
„Soll ich uns einen Tee machen?“, fragte Eve. „Und du kannst natürlich hier wohnen, so wie Tricia es geplant hatte.“
„Klar, dann ist es leichter für dich, mich zu kontrollieren. Oder glaubst du, ich habe nicht gehört, was diese Polizeitante mit dir zu tuscheln hatte?“, entgegnete Carol wütend, die ihre Worte im nächsten Moment bedauerte. Eve konnte schließlich nichts dafür. Bestimmt litt sie ebenfalls unter Tricias Tod, wenn auch nicht so stark wie Carol. Und die Inspektorin machte letztlich nur ihre Arbeit und durfte nicht zulassen, dass Menschen ihre Rachefantasien in die Tat umsetzten.
Aber wollte Carol sich denn rächen?
Sie war zu aufgewühlt, um einen klaren Gedanken zu fassen. Immerhin schaffte sie es, Eve zuzulächeln. „Es tut mir leid, es war nicht so gemeint. Eine Tasse Tee wäre wirklich toll“, sagte sie.
Eve kochte einen starken Tee, der Carol körperlich ein wenig belebte. Seelisch hingegen fühlte sie sich, als wäre sie in einen tiefen schwarzen Abgrund gestoßen worden, aus dem sie nie wieder auftauchen würde.
Eve schien zu spüren, was in Carol vorging, und versuchte sie abzulenken. „Dieses Haus ist wie geschaffen für eine Wohngemeinschaft. Es hat drei kleine Schlafzimmer, außerdem einen Wohnraum mit Fernseher und W-LAN. Die Schlafräume sind oben. Hier unten gibt es außer Küche und Wohnzimmer noch ein Bad. Wir besitzen sogar eine Waschmaschine. Bella, unsere frühere Mitbewohnerin, ist schon vor einer Woche ausgezogen. Wenn du willst, kannst du das Zimmer nachher sofort haben.“
„Wer, Eve?“, murmelte Carol.
„Bella. Hat Tricia dir nichts von ihr erzählt?“
„Doch, natürlich. Aber das meinte ich nicht. Ich frage mich, wer Tricia auf dem Gewissen hat. Wurde sie wirklich hier ganz in der Nähe umgebracht? Warum hat ihr niemand geholfen?“, fragte sie bitter.
„Das weiß ich doch auch nicht, Carol. Die Polizei sucht immer noch nach Zeugen. Diese Straße ist nachts sehr ruhig, obwohl die Camden High Street in nächster Nähe liegt. Und da geht es immer richtig ab, nicht nur am Wochenende. Es ist wahrscheinlich schwer, Zeugen zu finden. Viele Leute machen in Camden Town Party und fahren dann mit der U-Bahn heim in andere Stadtteile. Wie soll man die wiederfinden?“
Carol nickte düster. Vielleicht gab es ja gar keine Zeugen, aber eines stand fest: Der Täter lief immer noch frei herum, und sie würde alles unternehmen, um ihn hinter Gitter zu bringen. Er sollte für das büßen, was er nicht nur ihrer besten Freundin, sondern auch ihr angetan hatte. Plötzlich hatte sie das Bedürfnis, Eve zu erklären, was für ein besonderes Verhältnis sie zu Tricia gehabt hatte.
„Wir waren Blutsschwestern“, sagte Carol.
„Wie bitte?“, fragte Eve irritiert.
„So haben Tricia und ich uns genannt. Wir waren mehr als Freundinnen. Als Kinder haben wir uns mit einer Stecknadel in den Finger gepikst und unser Blut ausgetauscht, so wie es die Indianer machen, verstehst du? Wir hatten das in einem Western gesehen, der uns sehr beeindruckt hat. Es tat ein bisschen weh, sich mit der Nadel zu stechen. Aber es war einer der aufregendsten Momente in meinem Leben.“
„Tricia muss wirklich eine gute Freundin für dich gewesen sein.“
„Die beste.“ Erneut begannen Carols Tränen zu fließen.
Tröstend nahm Eve ihre Hand. „Komm, ich zeige dir dein Zimmer. Ich könnte mir vorstellen, dass du Ruhe brauchst.“
„Danke, du bist lieb“, erwiderte Carol.
Der Polizist hatte die beiden Reisetaschen auf dem Gang stehen gelassen. Carol und Eve nahmen das Gepäck und gingen die Treppe hinauf ins obere Stockwerk. Carol lief ein kalter Schauer über den Rücken, als sie an einer Zimmertür Polizeisiegel erblickte.
„Das war Tricias Zimmer. Wir dürfen es nicht betreten. Die Inspektorin sagte, dass der Raum kriminaltechnisch untersucht werden muss“, erklärte Eve.
„Hauptsache, der Mörder wird gefasst“, antwortete Carol.
„Die Polizei wird ihn schon erwischen. Ich habe mal gehört, dass die meisten Morde aufgeklärt werden. Und diese Inspektorin Shepley scheint wirklich Ahnung von ihrem Job zu haben“, entgegnete Eve.
Carol nickte mechanisch. Im Moment konnte sie keinen klaren Gedanken fassen Tricias völlig unerwarteter und gewaltsamer Tod hatte sie aus der Bahn geworfen. Bisher hatte Carol nur einmal in ihrem Leben so etwas erlebt, als nämlich ihr Großvater gestorben war. Aber der Vater ihrer Mutter war sehr alt und auch lange krank gewesen, daher konnte sich die Familie innerlich auf sein Ende vorbereiten. Aber Tricia? Das war für Carol immer noch unbegreiflich.
Gewiss, London war eine Metropole. Dort gab es viel mehr Kriminalität als im beschaulichen Shrewsbury. Aber das musste doch nicht bedeuten, dass jeder, der in die britische Hauptstadt zog, sein Leben riskierte!
Carol wurde in ihren Gedanken unterbrochen, als Eve sie in das Zimmer unmittelbar neben dem Raum führte, den Tricia bewohnt hatte. Bis auf wenige Einrichtungsgegenstände war das Zimmer kahl, aber es wirkte sauber und aufgeräumt. Durch das Fenster fiel genügend Licht hinein. Wenn die Sonne schien, war es hier gewiss schön. In diesem Moment konnte Carol sich jedoch nicht vorstellen, sich jemals wieder in ihrem Leben über so etwas Einfaches wie Sonnenstrahlen freuen zu können.
„Das Bett, der Schrank und die Kommode waren schon hier, als wir eingezogen sind“, erklärte Eve. „Bella hat die Sachen nicht mitgenommen. Du könntest sie also übernehmen.“
Carol erwiderte nichts. Es war ein unheimliches Gefühl, direkt neben dem Zimmer ihrer ermordeten Freundin zu wohnen. Aber was sollte sie tun? Nach Shrewsbury zurückkehren? Tatsächlich hatte sie schon daran gedacht. Aber was würde dann aus ihrem Studium werden? Mit dem Umzug nach London hatte Carol sich einen Traum erfüllt. Wenn sie jetzt aufgab, dann war nicht nur Tricia tot, sondern ihre eigene Zukunft begraben, die sie sich in den schönsten Farben ausgemalt hatte.
„Du willst jetzt bestimmt lieber allein sein. Ich lasse dich einfach in Ruhe, okay? Aber du kannst jederzeit zu mir kommen, wenn du etwas brauchst. Und in der Küche bedienst du dich einfach selbst“, sagte Eve.
Sie umarmte Carol, bevor sie das Zimmer verließ und die Tür leise hinter sich schloss. Carol ging zum einzigen Fenster des Raums und schaute hinaus. Die schmalen Reihenhäuser links und rechts sahen alle gleich aus. Die Straße war ruhig, obwohl sie nur eine halbe Meile von der quirligen Camden High Street entfernt lag. Es begann zu regnen.
Und dann entdeckte Carol noch etwas. Auf dem Weg hierher war es ihr gar nicht aufgefallen. Aber nun erkannte sie deutlich die mit Kreide gezeichneten Umrisse eines menschlichen Körpers auf dem Gehweg.
Carols Magen krampfte sich zusammen. Dort musste Tricia hilflos in einer Blutlache gelegen haben. Sie war bereits in Sichtweite des Hauses gewesen, als der Killer zugeschlagen hatte. Dort auf diesen grauen Betonplatten war ihre beste Freundin gestorben.
Carol presste ihre Stirn gegen das kalte Fenster. Von außen liefen Regentropfen am Glas herunter, während Tränen über ihre Wangen strömten.