Kapitel 4

In der ersten Woche nach den Ferien ignorierte Sophie mich völlig. Was ziemlich hart war. Bis sie schließlich doch anfing, wieder mit mir zu reden, worauf ich allerdings ziemlich schnell merkte, dass mir ihr Schweigen lieber gewesen war.

»Nutte!«

Stets war es nur dieses eine Wort. Ein Wort, unmissverständlich deutlich und mit so viel Gehässigkeit ausgesprochen, dass es mir jedes Mal einen Schlag in die Magengegend versetzte. Manchmal lauerte es mir von hinten auf, schwappte mir über die Schulter, und zwar todsicher genau dann, wenn ich nicht damit gerechnet hatte. Dann wieder sah ich Sophie auf mich zukommen – und schon schleuderte sie es mir direkt ins Gesicht. Das Einzige, worauf ich mich verlassen konnte, war ihr perfektes Timing. Immer dann, wenn ich mich gerade etwas besser fühlte oder einen einigermaßen anständigen Moment an einem leidlich erträglichen Tag hatte, war sie zur Stelle und sorgte dafür, dass es nicht so blieb.

Wie auch jetzt, in diesem Augenblick. Mittagspause. Ich: auf der Mauer, wie jeden Tag seit Beginn des Schuljahrs. Sophie spazierte vorbei, Emily im Schlepptau (zu der Zeit wuselte Emily eigentlich permanent um sie herum). Ich blickte tunlichst nicht zu den beiden hinüber, sondern konzentrierte mich auf den Notizblock, der auf meinem Schoß lag. Geschichte – ich musste ein Referat für Geschichte vorbereiten. Soeben hatte ich das Wort OKKUPATION hingeschrieben, ließ nun meinen Stift weiter über das Papier gleiten, malte die beiden Os aus, bis sie zwei dunkel verschmierte Flecken und Sophie samt ihrem Schatten Emily an mir vorbeigegangen waren.

Mir kam in den Sinn, dass die Sache etwas von Karma hatte, auch wenn ich nicht groß darüber nachdenken mochte. Möglicherweise gibt es schon so etwas wie Karma oder Schicksal oder Bestimmung und dann beeinflusst es wohl auch mein Leben. Das Karmische bestand darin, dass es noch gar nicht so lang her war, dass ich hinter Sophie herdackelte, während sie ihre miesen Spielchen spielte. Dass ich diejenige gewesen war, die sich zwar selbst die Finger nicht schmutzig machte, Sophie aber auch nicht stoppte, sondern zuschaute, wie sie andere schikanierte und niedermachte. Wie zum Beispiel Clarke.

Während ich darüber nachdachte, blickte ich auf und sah mich auf dem Schulhof nach ihr um. Sie saß zusammen mit ein paar Freundinnen an einem der Picknicktische, am Ende der Bank. Vor ihr lag ein aufgeschlagenes Schulbuch. Während sie offensichtlich mit einem Ohr der Unterhaltung um sich zuhörte, blätterte sie in dem Buch. Dass sie an jenem ersten Tag nach den Ferien allein auf der Mauer gehockt hatte, war eindeutig ihre Entscheidung gewesen und nicht aus Mangel an Freunden geschehen. Seitdem war sie weder wieder in die Nähe der Mauer gekommen geschweige denn in meine.

Dafür war Owen Armstrong da. An der Mauer. Immer. Leute kamen und gingen, mal in Grüppchen, mal alleine. Doch nur er und ich kampierten jeden Tag in der Mittagspause dort. An unserer Mauer. Wobei wir wie selbstverständlich einen gewissen Abstand hielten: knapp zwei Meter, mal ein paar Zentimeter mehr, mal etwas weniger. Doch wer von uns beiden auch immer als Zweiter dort eintraf, achtete darauf, dass in etwa dieser Abstand gewahrt blieb, bevor er sich setzte. Es gab noch andere Dinge, die immer gleich blieben. Ihn sah ich nie etwas essen, während ich dank meiner Mutter stets jede Menge Zeugs dabeihatte. Er schien überhaupt nicht zu bemerken oder sich darum zu kümmern, was die Leute um ihn herum trieben. Ich hingegen war während der gesamten Mittagspause, die eine geschlagene Stunde dauerte, davon überzeugt, dass alle Welt mich anstarrte und/oder über mich redete. Ich machte Hausaufgaben. Er hörte Musik. Und wir sprachen nie ein Wort miteinander. Nie.

Vielleicht lag es daran, dass ich so viel Zeit allein mit mir verbrachte. Oder dass selbst die komplizierteste Hausaufgabe nicht eine ganze Mittagspause in Anspruch nehmen kann, so endlos sie sich auch dahinziehen mag. Wie auch immer – Owen Armstrong fing jedenfalls irgendwie, irgendwann an, mich regelrecht zu faszinieren. Ich beobachtete ihn aus den Augenwinkeln, begann mir jeden Tag etwas anderes an seiner Erscheinung oder seinen Gewohnheiten einzuprägen. Was sich zu einer gewissen Routine entwickelte und dazu führte, dass ich auf die Dauer so einiges über ihn herausfand. Ohne dass wir je ein Wort gewechselt hätten.

Zum Beispiel das mit seinen Kopfhörern, die anscheinend angewachsen waren. Owen liebte Musik, das war nicht zu übersehen, und hatte sein iPod immer entweder in der Hosentasche, hielt ihn in der Hand oder das Teil lag neben ihm auf der Mauer. Des Weiteren nahm ich seine unterschiedlichen Stimmungen beim Musikhören wahr. Normalerweise saß er regungslos da, wippte nur leicht mit dem Kopf, langsam, fast unmerklich. Zuweilen trommelte er mit den Fingern auf seinen Knien rum. Ganz selten summte er vor sich hin, aber nur, wenn sonst niemand in der Nähe war, und auch dann so leise, dass ich es kaum mitkriegte. Besonders in diesen Momenten fragte ich mich, was er wohl hörte. Und stellte mir vor, die Musik wäre wie er: düster, aggressiv, laut.

Dann sein Äußeres. Klar, als Erstes stach einem seine physische Gestalt ins Auge, denn er war sehr groß, hatte kräftige Handgelenke, war insgesamt eine eindrucksvolle Erscheinung. Auf jeden Fall gehörte Owen zu den Menschen, die allein dadurch auffallen, dass sie da sind. Doch daneben gab es jede Menge Details zu entdecken. Seine dunklen Augen, die entweder grün oder braun waren – so genau konnte ich das nicht erkennen. Oder die zwei identischen Ringe – flach, breit, aus Silber –, die er an seinen beiden Mittelfingern trug.

Jetzt gerade spähte ich wieder einmal vorsichtig zu Owen hinüber. Er saß zurückgelehnt da, die Beine weit von sich gestreckt, und stützte sich auf den Handflächen ab. Ein Sonnenstrahl fiel direkt auf sein Gesicht. Er hatte – was sonst? – seine Kopfhörer auf, wippte beim Musikhören leicht mit dem Kopf, hielt die Augen fest geschlossen. Ein Mädchen, das eine Pinnwand trug, lief an uns vorbei. Als sie Owen erreichte, wurde sie langsamer, stieg vorsichtig über seine Füße. Wie Jack aus Jack und die Bohnenstange, wenn er über den Riesen klettert. Owen rührte sich nicht; sie huschte eilig weiter.

Zu Anfang hatte ich mich in Owens Gegenwart ähnlich verhalten. Und gefühlt. Das tat jeder. Aber aus irgendeinem Grund hatte sich das verändert; wahrscheinlich, weil wir jeden Tag zusammen auf der Mauer hockten. Jedenfalls fühlte ich mich in seiner Gegenwart mittlerweile etwas entspannter. Beziehungsweise zuckte ich zumindest nicht mehr jedes Mal zusammen, sobald er auch nur ansatzweise in meine Richtung blickte. Sophie, die eine ständige Bedrohung darstellte, machte mich jedenfalls wesentlich nervöser. Oder sogar Clarke, die mir mehr als deutlich zeigte, wie sehr sie mich nach wie vor – ja, hasste.

Trotzdem fand ich es eigenartig, dass ich mich in Owen Armstrongs Nähe sicherer fühlte als bei den beiden besten Freundinnen, die ich je gehabt hatte. Wobei mir allmählich dämmerte, dass das Unbekannte nicht immer das ist, vor dem man sich am meisten fürchten muss. Die Menschen, die dich am besten kennen, können viel bedrohlicher sein. Denn das, was sie sagen oder denken, macht einem möglicherweise nicht nur Angst – es kann zu allem Überfluss auch noch der Realität entsprechen.

Mit Owen verband mich keine Geschichte, keinerlei Vergangenheit. Bei Sophie und Clarke war das anders. Es gab Muster, eine Art Zusammenhang, auch wenn ich das nicht so richtig wahrhaben wollte. Es kam mir zwar weder fair noch gerecht vor, trotzdem fragte ich mich – mehr oder weniger notgedrungen –, ob nicht vielleicht alles, was passiert war, ob überhaupt meine derzeitige Situation insgesamt doch kein Zufall war. Sondern schlicht und einfach das, was ich verdiente.

 

Nach jenem Abend, an dem Clarke und ich Sophie ihre Sachen zu Hause vorbeigebracht hatten, begann sie, mit uns abzuhängen. Wir forderten sie nicht extra dazu auf, sie war einfach plötzlich wie selbstverständlich mit von der Partie. Von einem Tag auf den nächsten stand eben eine dritte Sonnenliege da, eine weitere Hand teilte beim Kartenspielen aus, man musste eine Cola mehr mitbringen, wenn man mit Getränkeholen an der Reihe war. Aber Clarke und ich waren schon so lange befreundet gewesen, da tat uns etwas frischer Wind ganz gut. Und dafür sorgte Sophie. Definitiv. Schon allein ihre Bikinis, ihr Make-up, ihre Geschichten über die Jungs, mit denen sie in Dallas ausgegangen war, machten klar: Sie war total anders als wir.

Und zwar laut. Sogar frech. Hatte keine Probleme, Jungs anzuquatschen, die Klamotten zu tragen, auf die sie Bock hatte, auszusprechen, was ihr auf der Zunge lag. In der Beziehung war sie ein wenig wie Kirsten. Doch während mir die Direktheit meiner Schwester immer eher unangenehm gewesen war, war das bei Sophie anders. Ich mochte ihre Art. Ja, fast beneidete ich sie darum. Ich selbst traute mich oft nicht, das zu sagen, was ich wollte. Aber bei ihr konnte man sicher sein, dass sie den Mund aufmachte, aussprach, was sie dachte. Und all die Aktionen, die sie ins Rollen brachte und die – mir jedenfalls – ziemlich gewagt vorkamen, aber gleichzeitig ziemlich großen Spaß machten – all das hätte ich nie erlebt, wenn ich auf mich allein gestellt gewesen wäre.

Doch es gab auch Momente, in denen ich mich in Sophies Gegenwart unwohl fühlte, obwohl ich gar nicht genau hätte sagen können, warum. So viel wir auch zusammen unternahmen, so sehr sie ein alltäglicher Teil meines Lebens wurde, konnte ich doch nie vergessen, wie ekelhaft sie bei unserem ersten Treffen in der Snackbar zu mir gewesen war. Manchmal betrachtete ich sie, wenn sie mal wieder eine ihrer Geschichten zum Besten gab oder quer auf meinem Bett lag und sich die Nägel lackierte, und fragte mich, warum sie sich so verhalten hatte. Und gleich darauf: Ob sie so etwas wohl wieder tun würde?

Trotz ihrer Angebertour war mir klar, dass Sophie ihre eigenen Probleme hatte. Ihre Eltern hatten sich erst kürzlich scheiden lassen. Immer wieder erzählte sie uns von den Sachen, die ihr Vater für sie gekauft hatte, als sie noch in Texas wohnten: Klamotten, Schmuck – was immer sie wollte. Doch eines Tages hörte ich zufällig mit, wie meine Mutter sich mit einer ihrer Freundinnen über die Trennung unterhielt: anscheinend eine ziemlich schmutzige Angelegenheit. Sophies Vater hatte seine Familie wegen einer wesentlich jüngeren Frau sitzen lassen, es gab wohl einen erbitterten Streit um das gemeinsame Haus in Dallas. Und angeblich hatte Mr Rawlings auch keinen Kontakt mehr zu ihnen, weder zu Sophie noch zu ihrer Mutter. Sophie selbst sprach nie darüber. Ich fragte auch nicht nach, sondern dachte mir: Falls sie darüber reden möchte, wird sie es irgendwann tun.

Dafür nahm Sophie ansonsten kein Blatt vor den Mund. Zum Beispiel rieb sie Clarke und mir dauernd unter die Nase, wie hoffnungslos rückständig wir seien. An uns war offenbar alles daneben: unsere Klamotten (für Kleinkinder), was wir zusammen unternahmen (stinklangweilig), unsere Lebenserfahrung (nicht existent). Mit einem Unterschied: Ich modelte, was sie interessant fand. Von meinen Schwestern – die sie allerdings beide genauso ignorierten wie mich – war Sophie sogar völlig hin und weg. An Clarke hingegen nörgelte sie ununterbrochen herum.

»Du kommst rüber wie ein Junge«, sagte sie eines Tages zu ihr, als wir durch die Mall spazierten. »Dabei könntest du richtig gut aussehen, wenn du dich ein bisschen anstrengen würdest. Warum trägst du kein Make-up?«

»Darf ich nicht.« Clarke putzte sich die Nase.

»Blöde Ausrede! Als ob deine Eltern das mitkriegen müssten! Du schminkst dich eben, wenn du aus dem Haus bist, und machst es wieder weg, bevor du heimgehst.«

Aber Clarke war nicht der Typ für so etwas, das wusste ich. Sie kam gut mit ihren Eltern aus und hätte sie niemals belogen. Dennoch ließ Sophie nicht locker. Wenn es gerade mal nicht um Clarkes Make-up-Abstinenz ging, dann um ihre Klamotten. Oder um ihr ständiges Niesen. Oder darum, dass sie immer eine Stunde vor uns anderen zu Hause sein musste. Was zur Folge hatte, dass wir alles, was wir zusammen unternahmen, vorzeitig abbrechen mussten, damit sie rechtzeitig heimkam. Wenn ich aufmerksamer gewesen wäre, hätte ich vielleicht schon damals vorhersehen können, was später passierte. Doch so dachte ich wahrscheinlich bloß, dass wir uns auf Dauer aneinander gewöhnen und sich letztlich alles von allein in Wohlgefallen auflösen würde. Bis zu jener Nacht im Juli wiegte ich mich in dem (Irr-)Glauben.

Es war ein Samstag. Geplant war ein Abend bei Clarke. Ihre Eltern waren in einem klassischen Konzert, deshalb hatten wir das Haus für uns allein, konnten Tiefkühlpizza aufbacken und Filme anschauen. Ein typischer Samstagabend eben. Clarke und ich heizten schon den Backofen vor und sahen nach, welche Filme im Pay TV liefen, als Sophie auftauchte. Sie trug einen Jeans-Minirock, ein weißes Tank-Top, das die Bräune ihrer Haut besonders hervorhob, sowie weiße Sandalen mit hohen Absätzen.

»Wow!«, entfuhr mir, als sie hereinkam; ihre Absätze klackten auf dem Boden. »Du siehst toll aus.«

»Danke«, erwiderte sie, während ich ihr in die Küche folgte.

»Du bist ziemlich aufgebrezelt, nur für Pizza«, meinte Clarke und musste niesen.

Sophie lächelte. »Das ist nicht für Pizza.«

Clarke und ich wechselten einen Blick. Ich fragte: »Wofür dann?«

»Jungs.«

»Jungs?«, wiederholte Clarke.

»Jawoll.« Sophie schwang sich auf die Küchentheke und schlug die Beine übereinander. »Bevor ich heute aus dem Schwimmbad ging, habe ich mich mit ein paar Typen unterhalten. Die werden da heute Abend abhängen und meinten, wir sollen doch dazukommen.«

»Das Schwimmbad ist nachts geschlossen.« Clarke schob die Pizza auf ein Backblech.

»Und? Jeder geht hin. Was ist schon dabei?«

Mir war sofort klar, dass Clarke bei so was nie im Leben mitmachen würde. Zum einen, weil ihre Eltern sie umgebracht hätten, wenn sie es herausbekommen hätten. Zum anderen hielt Clarke sich grundsätzlich an Regeln, selbst an die, die sonst jeder ignorierte. Zum Beispiel, dass man sich duschen sollte, ehe man im Schwimmbad ins Becken stieg. Oder immer sofort aus dem Wasser ging, sobald der Bademeister das exklusive Seniorenschwimmen ankündigte. »Ich weiß nicht recht«, sagte ich, während ich gleichzeitig noch über Sophies Vorschlag nachdachte. »Vielleicht sollten wir es wirklich lieber lassen.«

»Jetzt komm schon, Annabel! Sei keine Spaßbremse! Außerdem hat sich einer der Jungs speziell nach dir erkundigt. Er hat uns zusammen gesehen und gefragt, ob du auch da sein wirst.«

»Nach mir?«

Sophie nickte. »Ja. Mann, ist der süß! Heißt Chris Penirgendwas. Penner? Penning –«

»Pennington«, fiel ich ein. Ich konnte spüren, wie Clarke mich ansah. Sie war die Einzige, die wusste, wie unsterblich ich in ihn verknallt war. »Chris Pennington?«

»Genau der.« Sophie nickte. »Kennst du ihn?«

Ich warf einen Blick zu Clarke hinüber, die sich jedoch demonstrativ darauf konzentrierte, die Pizza in den Ofen zu schieben und dabei genau in der Mitte des Blechs zu positionieren.

»Wir wissen, wer das ist«, sagte ich. »Nicht wahr, Clarke?«

»Er ist richtig scharf«, ertönte es von Sophie. »Sie meinten, sie seien gegen acht da und brächten auch ein paar Bier mit.«

»Bier?«

»Reg dich ab.« Sophie lachte. »Du musst ja keins trinken, wenn du nicht willst.«

Clarke knallte die Ofentür zu. »Ich kann hier nicht weg.«

»Klar kannst du«, meinte Sophie. »Deine Eltern werden es nicht mal mitkriegen.«

»Ich möchte nicht.« Clarke beendete die Diskussion. »Ich bleibe hier.«

Ich sah sie an und wusste, ich sollte genauso antworten. Aber irgendwie wollte es nicht aus mir heraus. Vielleicht weil all meine Gedanken nur noch darum kreisten, dass Chris Pennington, den ich bestimmt an einer Million Nachmittagen heimlich und sehnsüchtig im Schwimmbad beobachtet hatte, dass eben jener Chris Pennington nach mir gefragt hatte. Ich zwang mich dazu, den Mund aufzumachen. »Na ja, vielleicht sollten wir –«

»Dann gehen eben nur ich und Annabel.« Sophie schnitt mir das Wort ab und sprang dabei von der Küchentheke. »Ist kein Thema, oder, Annabel?«

Jetzt blickte Clarke mich an. Wandte mir ihren Kopf zu. Ich fühlte förmlich, wie ihre dunklen Augen mich eingehend musterten. Mit einem Mal empfand ich zwischen uns dreien ein Ungleichgewicht, eine Unausgewogenheit, die mich dazu zwang, mich zu entscheiden: Auf der einen Seite Clarke, meine beste Freundin, unser vertrautes Verhältnis, alles, was wir miteinander unternommen und durchgemacht hatten. Auf der anderen Seite Sophie und Chris Pennington. Aber nicht nur. Ein komplettes, neues Universum wartete dort auf mich, unentdeckt, grenzenlos. Jedenfalls für einen kurzen Augenblick. Für diese eine Nacht. Und dorthin zog es mich.

»Clarke.« Ich trat einen Schritt auf sie zu. »Lass uns kurz mitgehen. Bloß für eine halbe Stunde oder so. Dann kommen wir zurück, essen Pizza, schauen Filme und so weiter, wie immer, okay?«

Clarke war kein besonders emotionaler Mensch, im Gegenteil. Sie war die geborene Stoikerin, dachte extrem logisch, lebte nach dem Motto: Problem erkennen – Problem lösen – weitermachen. Aber in diesem Moment, noch während ich zu ihr sagte, was ich eben sagte, bemerkte ich etwas in ihrem Gesicht, das ich noch nie bei ihr wahrgenommen hatte: Erstaunen. Gefolgt von Verletztheit. Aber es kam so unerwartet und war auch so schnell wieder verschwunden, dass ich fast daran zweifelte, ob ich es wirklich gesehen hatte.

»Nein. Ich komme nicht mit.« Clarke durchquerte den Raum, setzte sich aufs Sofa, schnappte sich die Fernbedienung. Eine Sekunde später zappte sie durch die Programme, Bildfetzen und buntes Flimmern rauschten über den Fernsehmonitor.

»Dann eben nicht.« Achselzuckend wandte Sophie sich mir zu. »Auf geht’s.«

Sie war schon auf dem Weg zur Haustür, während ich immer noch wie angewurzelt dastand. Alles hier in der Küche der Reynolds, überhaupt alles an diesem Abend, schien so vertraut: der Geruch der Pizza im Ofen, die Zwei-Liter-Colaflasche auf der Arbeitsplatte, Clarke selbst, wie sie in ihrer Ecke auf dem Sofa hockte, mein Platz neben ihr, der frei war und darauf wartete, dass ich mich zu ihr setzte. Doch dann blickte ich den Gang hinunter zu Sophie, die in der offenen Haustür stand. Hinter ihr gingen flackernd die Straßenlaternen an; es wurde gerade dunkel. Und bevor ich es mir anders überlegen konnte, lief ich zu ihr, hinaus auf die Straße.

Noch Jahre später konnte ich mich bis in alle Einzelheiten an jene Nacht erinnern. Wie ich mich fühlte, während ich durch das Loch im Schwimmbadzaun kroch und über den dunklen Parkplatz zu Chris Pennington lief; wie er mich anlächelte und zur Begrüßung laut meinen Namen sagte; wie das Bier schmeckte, das er mitgebracht hatte. Der erste Schluck prickelte frisch in meinem Mund. Wie er später mit mir um das Becken herumging. Wie es sich anfühlte, ihn zu küssen, seine Lippen warm auf meinen, mein Rücken an die kühle Wand hinter mir gepresst. Wie ich Sophie in der Ferne lachen hörte. Ihre Stimme schallte über das ruhige Wasser. Sie stand irgendwo auf der anderen Seite des Schwimmbeckens mit Chris’ bestem Freund zusammen, einem Typen namens Bill, der am Ende jenes Sommers wegzog. An all diese Dinge erinnere ich mich klar und deutlich. Aber ein Bild, ein Moment hat sich mir darüber hinaus förmlich eingebrannt. Es war später an jenem Abend; ich blickte über den Zaun und bemerkte, dass auf der anderen Straßenseite unter einer Laterne jemand stand. Ein Mädchen mit dunklen Haaren, nicht besonders groß, in Shorts, ohne Make-up. Sie konnte unsere Stimmen hören, uns allerdings nicht sehen.

»Annabel, komm endlich, es ist schon ganz schön spät«, rief sie.

Wir verstummten. Ich sah, wie Chris in die Dunkelheit spähte. »Was war das denn?«

»Psst, da ist jemand. Da draußen treibt sich wer rum«, meinte Bill.

»Da ist nicht jemand.« Sophie verdrehte die Augen. »Sondern Cla-atschi.«

»Cla-wie bitte?«, fragte Bill belustigt.

Sophie griff sich an die Nase, hielt sie mit zwei Fingern zu. »Cla-atschi«, wiederholte sie; ihre Stimme klang genau wie die von Clarke, so verstopft und verschnupft, dass es schon fast unheimlich war. Aber während die anderen laut lachten, verspürte ich ein Stechen in der Brust. Erneut spähte ich über die Mauer zu Clarke hinüber und wusste: Das hatte sie gehört. Sie stand nach wie vor unter der Laterne auf der anderen Straßenseite. Aber sie würde keinen Schritt näher kommen. Es war an mir, zu ihr zu gehen.

»Ich werde dann mal besser –«, begann ich und trat einen Schritt vor.

»Annabel!« Sophie warf mir einen durchdringenden Blick zu, der mir in jenem Moment noch neu war; doch lernte ich diesen Gesichtsausdruck, eine Mischung aus Ärger und Ungeduld, im Laufe der Zeit sehr gut kennen. In den Jahren nach jenem Abend warf Sophie mir diesen Blick noch millionenfach zu – immer dann, wenn ich nicht das tat, was sie wollte. »Was hast du vor?«

Chris und Bill beobachteten uns.

»Es ist bloß wegen …«, begann ich, hielt jedoch inne, setzte neu an: »Am besten, ich verschwinde.«

»Nein. Absolut nicht.«

Ich hätte einfach gehen sollen. Weg von Sophie und allem, was dazugehörte. Das Richtige tun. Tat ich aber nicht. Später redete ich mir ein, es hätte an Chris Pennington gelegen. Weil seine Hand auf meinem Rücken ruhte und Sommer war. Weil kurz zuvor seine Lippen meine berührt hatten, er mit seinen Händen mein Haar zerwühlt und mir zugeflüstert hatte, ich sei wunderschön. Die Wahrheit jedoch war: Ich hatte in jenem Moment Angst vor Sophie. Angst davor, was passieren würde, wenn ich mich ihr widersetzte. Das war es, was mich davon abhielt zu gehen. Und mich noch Jahre später beschämte.

Also blieb ich stehen, wo ich war. Und Clarke ging nach Hause. Als ich später bei ihr vorbeischaute, waren die Lichter aus und die Gartentür zu. Ich betrat das Grundstück trotzdem, lief zum Haus. Doch anders als an dem Abend, als wir bei Sophie vorbeigegangen waren, öffnete sich die Haustür nicht. Stattdessen ließ Clarke mich draußen stehen. Ließ mich warten, wie ich sie hatte warten lassen, vor dem Schwimmbad. Bis ich mich schließlich umdrehte und heimtrottete.

Ich wusste, dass Clarke obersauer auf mich war, ging jedoch trotzdem davon aus, wir würden das schon wieder hinbiegen. Es war ein Abend – ich hatte einen Fehler gemacht. Sie würde darüber hinwegkommen. Aber als ich mich am nächsten Tag im Schwimmbad zu ihr gesellte, würdigte sie mich keines Blickes, ignorierte meine wiederholten Begrüßungen, wandte sich ab, als ich mich auf den Liegestuhl neben ihr setzte.

»Komm schon, Clarke.« Ich versuchte es dennoch immer wieder. Keine Antwort. »Es war blöd von mir, da mitzumachen. Tut mir echt leid, okay?«

Doch ganz offensichtlich war es nicht okay, denn sie schaute mich immer noch nicht an. Alles, was ich zu sehen bekam, war ihr steinernes Profil. Sie war so wütend und ich fühlte mich so hilflos, dass ich es nicht länger ertrug, neben ihr sitzen zu bleiben. Deshalb stand ich auf und verzog mich.

»Na und?«, meinte Sophie, als ich ihr davon erzählte. »Warum machst du dir überhaupt einen Kopf deswegen? Nur weil sie sauer ist?«

»Sie ist meine beste Freundin. Und jetzt hasst sie mich.«

»Sie ist bloß ein kleines Mädchen«, erwiderte Sophie, die vor ihrem Spiegel stand. Ich saß auf dem Bett und sah zu, wie sie ihre Bürste von der Kommode darunter nahm und sich ein paarmal damit durchs Haar fuhr. »Um ehrlich zu sein, Annabel, ist sie eine ziemliche Langweilerin. Ich meine, willst du wirklich so deinen Sommer verbringen? Karten spielen und ihr andächtig beim Schnäuzen lauschen? Ich bitte dich. Du hattest gestern Abend dein erstes Date mit Chris Pennington. Sei lieber glücklich.«

»Bin ich.« Doch ich war mir nicht einmal, während ich das sagte, sicher, ob es tatsächlich stimmte.

»Dann ist ja gut.« Sophie legte die Bürste beiseite, drehte sich um, sah mich an. »Komm, lass uns zur Mall gehen oder so.«

Und das war’s. Lange Jahre der Freundschaft, endlose Kartenspiele, Pizza-und-Fernseh-Abende, wechselseitige Übernachtungen – wie weggewischt. In weniger als vierundzwanzig Stunden. Rückblickend frage ich mich, ob wir uns am Ende nicht doch versöhnt hätten, wenn ich noch einmal auf Clarke zugegangen wäre. Aber ich tat es nicht. Die Zeit verging, beziehungsweise ich ließ sie vergehen. Meine Schuldgefühle und Scham rissen einen Graben zwischen uns auf, der immer breiter wurde. Vielleicht gab es einen Moment, da ich noch hätte hinüberspringen können. Doch schließlich war das andere Ufer so weit entfernt, dass ich es nicht mehr erkennen, geschweige denn einen Weg auf die andere Seite finden konnte.

Natürlich begegneten Clarke und ich uns auch weiterhin. Wir lebten schließlich im selben Viertel, nahmen jeden Morgen denselben Bus, gingen auf dieselbe Schule. Aber wir sprachen nie mehr ein Wort miteinander. Sophie wurde meine beste Freundin. Mit Chris Pennington hingegen lief gar nichts, Chris Pennington redete – trotz all der Dinge, die er mir im Dunkel jener Nacht ins Ohr gehaucht hatte – nie wieder mit mir. Clarke fand neue Freunde in der Fußballmannschaft, bei der sie im Herbst einstieg und sich bald als Mittelstürmerin in der Startaufstellung wiederfand. Am Ende wurden wir so verschieden, gehörten zu dermaßen unterschiedlichen Cliquen, dass man kaum noch glauben mochte, wie eng wir einmal befreundet gewesen waren. Wofür meine Fotoalben allerdings seitenweise Beweise lieferten: Wir zwei beim Grillen im Garten, beim Radfahren oder auf den Treppenstufen vor ihrem Haus, zwischen uns die unvermeidliche Kleenex-Schachtel.

Bevor ich Sophie kennenlernte, kannten mich die Leute eigentlich nur wegen meiner Schwestern und weil ich modelte. Doch seitdem wir Freundinnen waren, war ich plötzlich nicht nur allgemein bekannt, sondern sogar ziemlich angesagt. Und noch etwas hatte sich geändert. Sophies »besonderes Kennzeichen« – ihr freches Mundwerk, ihre Furchtlosigkeit, ja Dreistigkeit – eignete sich perfekt, um diverse Dramen in der Mittel- wie auch der Oberstufe unserer Highschool anzuzetteln. Sie schaffte es, bis dahin eingeschworene Cliquen rettungslos zu entzweien, und hatte absolut kein Problem, mit den Angeberinnen und Arrogantlingen unserer Schule fertig zu werden, die mich in der Vergangenheit mit ihrem Getuschel und Getratsche genervt oder gar verunsichert hatten. Sophie bildete gleichsam die Vorhut, in deren Windschatten ich mich auf dem schwierigen sozialen Parkett eines Teenagerdaseins wesentlich müheloser bewegte als vorher. Außerdem war ich auf einmal nicht mehr nur Zaungast, sondern mir standen alle Möglichkeiten offen, Spaß zu haben: neue Freunde, Partys, Jungs. Vor allem Jungs. Bis zu Sophies Auftauchen hatte ich eigentlich immer nur staunend und neidisch zugeschaut. Jetzt rückte all das in greifbare Nähe. Und zwar ausschließlich wegen Sophie. Was die anderen Dinge, die ich hinnehmen musste – ihre Launenhaftigkeit beispielsweise oder das, was mit Clarke passiert war –, fast aufwog. Fast.

Was sich zwischen Clarke, Sophie und mir abgespielt hat, liegt immerhin bereits einige Jahre zurück. Trotzdem musste ich in dem Sommer, der gerade vergangen ist, plötzlich wieder häufig an Clarke denken, besonders, wenn ich allein im Schwimmbad war. Vieles wäre anders gelaufen, wenn ich in jener Nacht nicht Sophie gefolgt, sondern sie ohne mich zum Schwimmbad gegangen wäre und ich mich auf meinen angestammten Sofaplatz neben Clarke gesetzt hätte. Aber ich hatte mich entschieden und konnte das Rad nicht mehr zurückdrehen.

Dennoch kam es mir manchmal – insbesondere am späten Nachmittag, wenn ich die Augen schloss und vor mich hin träumte, der schrillen Trillerpfeife des Bademeisters sowie dem Lärmen der Kinder lauschte, die im Wasser planschten – so vor, als wäre alles noch wie früher. Zumindest so lang, bis ich hochschreckte, weil mein Liegestuhl mittlerweile im Schatten stand, die Luft kühler und es Zeit geworden war, heimzugehen.

 

Als ich von der Schule nach Hause kam, war niemand da. Das Lämpchen am Anrufbeantworter blinkte. Ich holte mir einen Apfel aus dem Kühlschrank und polierte ihn an meinem T-Shirt, während ich zurückging, um die Nachrichten abzuhören. Die erste war von Lindy, meiner Agentin.

»Hi Grace, ich bin’s. Ich sollte dich zurückrufen. Tut mir leid, dass es so lang gedauert hat, aber meine Assistentin hat gekündigt, worauf ich diesen nichtsnutzigen Kerl von der Zeitarbeitsagentur hier hocken hatte, damit wenigstens wer ans Telefon geht – eine einzige Katastrophe, das kann ich dir flüstern. Wie auch immer, bisher gibt es jedenfalls nichts Neues, aber ich habe demnächst noch mal einen Termin bei Mooshka. Vielleicht ergibt sich daraus ja etwas. Ich halte dich auf dem Laufenden. Hoffe, bei dir ist alles okay. Grüß Annabel von mir. Ciao.«

Biep. Ich hatte seit Tagen nicht mehr an den Vorstellungstermin bei Mooshka Surfwear gedacht; meiner Mutter dagegen ging das Thema vermutlich nicht aus dem Kopf. Doch da ich auch jetzt nicht groß darüber nachdenken wollte, hörte ich die nächste Nachricht ab. Kirsten. Sie war berüchtigt für ihre Endlosnachrichten. Gelegentlich, wenn der Anrufbeantworter sie vorzeitig aus der Leitung warf, rief sie sogar zweimal hintereinander an. Sobald ich daher hörte, um wen es sich handelte, rückte ich mir einen Stuhl zurecht.

»Ich bin’s. Wollte nur mal Hallo sagen und fragen, wie es euch so geht. Bin gerade auf dem Weg zu einer Vorlesung; wir haben heute mal wieder ein Traumwetter. Ach, und ich weiß nicht, ob ich euch das schon erzählt habe: Ich gehe in diesem Semester zu ein paar Veranstaltungen in Kommunikationswissenschaft. Wurde mir von einer Freundin wärmstens empfohlen, ist auch wirklich super. Psychologischer Ansatz, ich lerne total viel. Und der Assistent des Professors, der den Begleitkurs dazu unterrichtet, ist toll. Ich meine, in anderen Seminaren schalte ich schon mal ab, selbst wenn ich das Thema eigentlich interessant finde. Aber Brian schafft es echt, einen zu begeistern. Wirklich. Er hat mich sogar dazu gebracht, darüber nachzudenken, ob ich Kommunikationswissenschaft nicht als Nebenfach machen möchte, weil ich damit so viel anfangen kann. Aber da gibt es ja auch noch mein Filmseminar, das ich ebenfalls superspannend finde. Na ja, wie ihr seht, weiß ich noch nicht genau … So, ich bin fast da, die Vorlesung fängt gleich an. Hoffe, euch geht’s gut. Vermisseeuchhabeuchliebtschüs.«

Kirsten war so daran gewöhnt, dass der Anrufbeantworter ihr das Wort abschnitt, dass sie gegen Ende ihrer Nachrichten immer rasend schnell sprach. Die letzten Worte ratterte sie bloß noch so runter und gewann den Kampf gegen den drohenden Biep oft nur knapp. Ich drückte auf den entsprechenden Schalter am Gerät, um die beiden Nachrichten zu speichern. Dann war es wieder still im Haus.

Ich stand auf, nahm meinen Apfel, ging durchs Esszimmer und blieb im Eingangsbereich – wie so oft – vor dem großen Schwarz-Weiß-Foto stehen, das gleich gegenüber der Haustür hing. Ein querformatiges Bild, das meine Mutter und uns drei Schwestern auf der steinernen Mole in der Nähe eines Ferienhauses am Meer zeigt, welches meinem Onkel gehört. Wir haben alle etwas Weißes an. Kirsten eine Jeans und ein schlichtes T-Shirt mit V-Ausschnitt; meine Mutter ein Sommerkleid. Whitney trug ein Bikini-Oberteil und eine Hose mit Kordel im Bund, ich: Tank-Top, langer Rock. Hinter uns das Wasser erstreckte sich bis zu den Rändern des Bildes.

Das Foto war vor drei Jahren bei einem unserer ausgedehnten Urlaube am Meer entstanden. Der Freund eines Freundes meines Vaters hatte es gemacht. Als er uns damals vorschlug, für ihn Modell zu stehen, schien es aus einer spontanen Laune heraus zu sein. In Wahrheit hatte mein Vater die Aktion wochenlang im Voraus bis ins Kleinste geplant, als Weihnachtsgeschenk für meine Mutter. Ich weiß noch genau, wie wir dem Fotografen – ein hochgewachsener, dynamischer Mann, dessen Namen ich vergessen habe – über den Strand bis zur Mole folgten. Kirsten sprang zuerst hinauf, streckte dann ihre Hand aus, um meiner Mutter zu helfen, Whitney und ich kletterten hinter ihnen her. Auf den Felsbrocken (die Mole war eher eine Art Wellenbrecher) die Balance zu halten, war nicht ganz einfach; ich sehe noch vor mir, wie Kirsten meiner Mutter über die schroffen Kanten half, bis wir zu einer ebenen Fläche kamen, auf der wir nebeneinander Platz hatten.

Auf dem Foto hat jede von uns irgendwie mit jeder Körperkontakt: Meine Mutter hält Kirstens Hand, Whitney wiederum hat den Arm um ihre Schultern gelegt und ich bin meiner Mutter, obwohl ich vor ihr stehe, ebenfalls halb zugewandt, habe den Arm um ihre Taille geschlungen. Sie lächelt, genau wie Kirsten. Whitney blickt einfach nur geradeaus in die Kamera; es haut einen um, wie schön sie ist – wie immer. Und ich erinnere mich zwar daran, dass ich jedes Mal bewusst lächelte, wenn der Blitz aufleuchtete. Doch auf dem endgültigen Foto kann ich meinen Gesichtsausdruck nicht recht deuten. Er liegt irgendwo zwischen Kirstens strahlendem Lächeln und Whitneys ungemein attraktiver Getriebenheit.

Auf jeden Fall war das Foto wunderschön, die Komposition perfekt. Wer auch immer es betrachtete, gab garantiert einen Kommentar dazu ab. Zudem war es das Erste, worauf der Blick fiel, wenn man unser Haus betrat. Doch irgendwie war mir das Bild seit einigen Monaten fast unheimlich geworden. Als ob ich darin nicht nur die feinen Abstufungen in den Schwarz-Weiß-Kontrasten erkennen konnte, oder wie sich unsere jeweiligen Charaktereigenschaften – einerseits auf ganz unterschiedliche Art und Weise, doch dann auch wieder sehr ähnlich – in unseren Gesichtszügen widerspiegelten. Was mir beinahe Angst einflößte, war, dass ich mittlerweile noch ganz andere Dinge wahrnahm, wenn ich das Foto betrachtete. Zum Beispiel, dass Kirsten und Whitney so dicht nebeneinanderstanden, dass kein Blatt zwischen sie gepasst hätte; mir mein eigenes Gesicht viel entspannter schien als jetzt; und wie zierlich meine Mutter zwischen uns wirkte, während wir sie nahe an uns heranzogen, sie mit unseren Körpern förmlich abschirmten. Als wäre sie uns davongeflogen, wenn wir sie nicht festgehalten hätten.

Ich biss gerade in meinen Apfel, als der Wagen meiner Mutter in die Garage fuhr. Sekunden später hörte ich Türen schlagen, Stimmen … Whitney und sie kamen ins Haus.

»Hallo«, sagte meine Mutter, als sie mich sah, und stellte ihre Einkaufstasche mit Schwung auf die Küchentheke. »Wie war’s in der Schule?«

»Wie immer«, antwortete ich und wich leicht zurück, weil Whitney dicht an mir vorbeifegte, mich fast anrempelte, ohne mich weiter zu beachten, und schnell nach oben verschwand. Es war Mittwoch, was hieß, sie kam gerade von ihrem Seelenklempner, wodurch sie unweigerlich noch mieser drauf kam als sonst. Bis dahin hatte ich immer gedacht, wenn man zum Therapeuten geht, fühlt man sich irgendwann besser. Nicht schlechter. Aber offensichtlich war die Sache wohl etwas komplizierter. Jedenfalls für Whitney.

»Lindy hat dir eine Nachricht hinterlassen.«

»Was sagt sie?«

»Die Leute von Mooshka haben sich noch nicht gemeldet.«

Meine Mutter wirkte enttäuscht, jedoch nur kurz. »Na ja, sie werden sich schon noch rühren, da bin ich mir sicher.« Sie trat vor die Spüle, drehte den Hahn auf und wusch sich gründlich die Hände, wobei sie jede Menge Flüssigseife benutzte und durchs Fenster zum Pool hinausblickte. Im Nachmittagslicht sah sie ziemlich erschöpft aus; die Mittwochnachmittage verlangten auch ihr einiges an Kraft ab.

»Außerdem hat Kirsten angerufen und eine ellenlange Nachricht hinterlassen.«

Meine Mutter lächelte. »Was du nicht sagst.«

»Um es kurz zu fassen: Sie geht gern in ihre Vorlesungen und Seminare.«

»Schön zu hören.« Meine Mutter trocknete sich die Hände an einem Geschirrtuch ab. Faltete es wieder zusammen, legte es neben die Spüle, setzte sich neben mich. »So, und nun erzähl du mir, was du heute erlebt hast. Etwas Schönes.«

Etwas Schönes. Ich dachte unwillkürlich an Sophie. An meine täglichen Beobachtungen von Owen Armstrong und seinen Angewohnheiten. Daran, dass Clarke mich nach wie vor hasste. Nichts davon fiel in die Kategorie »schön«, nicht einmal ansatzweise. Während die Sekunden dahinrasten, merkte ich, wie ich langsam Panik schob, weil ich etwas finden wollte, das sie von den Mooshka-Leuten, von Whitneys Launen, von überhaupt allem ablenken würde. Sie sah mich an, wartete auf eine Antwort.

»In meinem Sportkurs ist ein ziemlich süßer Typ, der mich heute angesprochen hat.« Wenigstens das bekam ich schließlich heraus.

»Wirklich?« Sie lächelte. Volltreffer. »Wie heißt er denn?«

»Peter Matchinsky. Er macht nächstes Jahr seinen Abschluss.«

Was nicht einmal gelogen war. Peter Matchinsky und ich hatten tatsächlich Sport zusammen, er war wirklich ziemlich süß und eine Stufe über mir. Und er hatte an dem Tag sogar mit mir geredet. Mich nämlich gefragt, was unser Sportlehrer, Mr Erlenbach, gerade über den bevorstehenden Schwimmtest erzählt hatte. Normalerweise ging ich meiner Mutter gegenüber mit der Wahrheit nicht ganz so flexibel um. Aber in den letzten Monaten hatte ich gelernt, mir solche kleinen Schummeleien zuzugestehen, weil es sie glücklich machte. Im Gegensatz zur Wahrheit. Die wäre das Letzte gewesen, das sie hätte hören mögen.

»Ein süßer Typ aus der Abschlussklasse?« Sie lehnte sich zurück. »Erzähl mir mehr.«

Das tat ich denn auch. Wie jedes Mal. Auch wenn es gar nicht mehr zu erzählen gab. Doch falls nötig, verlängerte ich meine Geschichten eben, schmückte sie so lange aus, bis es ausreichte, damit meine Mutter bekam, was sie wollte. Was sie brauchte. Das Gefühl nämlich, dass zumindest mein Leben in Ansätzen normal lief. Das Schlimmste daran war: Es hätte jede Menge Dinge gegeben, die ich meiner Mutter liebend gern erzählt hätte, vollkommen freiwillig. Aber nichts davon hätte sie verkraftet. Sie hatte mit meinen Schwestern schon so viel durchgemacht – ich wollte ihr Leben nicht noch weiter verkomplizieren. Deshalb tat ich mein Möglichstes, um auszugleichen, Stück für Stück, Wort für Wort, Geschichte für Geschichte. Auch wenn nichts davon stimmte.

***

Meistens saß ich morgens vor der Schule mit meiner Mutter allein beim Frühstück. Mein Vater war nur dabei, wenn er ausnahmsweise später ins Büro fuhr. Whitney stand, wenn sie es vermeiden konnte, nie vor elf auf. Als ich sie deshalb ein paar Wochen später am Frühstückstisch sitzen sah, bereits geduscht und angezogen, meine Autoschlüssel vor sich, beschlich mich sogleich das dumpfe Gefühl, dass etwas im Busch war. Und ich sollte recht behalten.

»Heute fährt deine Schwester dich zur Schule«, sagte meine Mutter. »Dann nimmt sie dein Auto, macht ein paar Einkäufe, geht ins Kino und holt dich am Nachmittag wieder ab, okay?«

Ich sah Whitney an, die mich von der Seite aufmerksam beobachtete. Ihr Mund glich einem dünnen Strich. »Klar«, antwortete ich.

Meine Mutter lächelte, blickte von Whitney zu mir und wieder zu meiner Schwester. »Wunderbar. Dann passt ja alles.«

Beim Sprechen gab sie sich alle Mühe, betont locker zu wirken. Aber ihre Stimme verriet sie. Sie war weit jenseits von locker. Seit Whitney aus dem Krankenhaus entlassen worden war, versuchte meine Mutter, sie möglichst durchgehend zu beschäftigen und in Sichtweite zu behalten. Deshalb musste meine Schwester eigentlich dauernd irgendetwas erledigen; außerdem schleifte meine Mutter sie zu sämtlichen ihrer eigenen Verabredungen und Termine mit. Whitney verlangte ständig mehr Freiraum. Aber Mama hatte Angst, sie würde entweder Essen in sich hineinstopfen und wieder auskotzen oder trainieren oder sonst etwas Verbotenes tun. Offenbar hatte sich etwas verändert, auch wenn ich weder wusste, was genau, oder gar warum.

Als wir hinaus zu meinem Auto gingen, steuerte ich wie selbstverständlich auf die Fahrerseite zu, stutzte aber, weil Whitney dasselbe machte. Einen Moment lang standen wir beide einfach nur so da. Dann sagte sie: »Ich fahre.«

»Okay. Von mir aus.«

Während der Fahrt herrschte eine angespannte Atmosphäre. Mir fiel plötzlich auf, dass Whitney und ich seit ewigen Zeiten nicht mehr zu zweit allein gewesen waren. Keine Ahnung, worüber ich mit ihr reden sollte. Shopping? Wäre eine Möglichkeit. Aber das Thema hätte das Gespräch auf Figur, Körperbewusstsein und Ähnliches lenken können. Deshalb zerbrach ich mir den Kopf auf der Suche nach etwas anderem. Kino? Der morgendliche Verkehr? Mir fiel nichts ein. Also saß ich bloß da. Und schwieg.

Whitney ebenfalls. Es war nicht zu übersehen, dass sie längere Zeit nicht mehr am Steuer gesessen hatte. Sie fuhr übervorsichtig, blieb länger als nötig an Stoppschildern stehen, ließ lieber andere Autos überholen, als selbst einmal Gas zu geben, durchzustarten. An einer roten Ampel bemerkte ich, wie zwei Geschäftsleute in einem dieser aufgemotzten Geländewagen sie anstarrten. Beide trugen Anzüge; einer war um die zwanzig, der andere etwa so alt wie unser Vater. Ich ging innerlich augenblicklich in eine Art Verteidigungsstellung, wollte Whitney beschützen, obwohl mir klar war, wie sehr sie das gehasst hätte – vorausgesetzt, sie hätte es gemerkt. Doch dann wurde mir klar, dass die beiden sie nicht deshalb musterten, weil sie so dürr war, sondern weil sie einfach auffiel. Ich hatte vergessen, dass meine Schwester das schönste Mädchen war, das ich kannte. Und der Rest der Menschheit – oder zumindest ein Teil davon – schien nach wie vor dieser Ansicht zu sein.

Es war noch gut ein Kilometer bis zur Schule, als ich mich endlich dazu durchringen konnte, etwas zu sagen: »Und? Bist du aufgeregt?«

Sie warf mir einen kurzen Seitenblick zu, sah dann wieder auf die Straße. »Aufgeregt? Warum sollte ich aufgeregt sein?«

»Ich weiß nicht.« Wir fuhren gerade die Zufahrt zur Schule entlang. »Vielleicht, weil du weißt, dass du den ganzen Tag für dich hast.«

Whitney gab zunächst keine Antwort, konzentrierte sich stattdessen auf die Bordsteinkante. »Einen Tag. Ich hatte einmal ein ganzes Leben für mich.«

Mir fiel nichts ein, was ich darauf hätte erwidern können. Ein »Fein, wir sehen uns später« erschien mir zu flapsig, wenn nicht sogar total daneben. Deswegen öffnete ich bloß die Tür und langte nach hinten, um meine Tasche von der Rückbank zu nehmen.

»Um halb vier hole ich dich wieder ab«, sagte sie.

»Ist gut«, entgegnete ich.

Whitney setzte den Blinker, warf einen Blick über ihre Schulter. Ich machte die Tür zu, sie fädelte sich in den Verkehr ein und fuhr davon.

Den Rest des Tages über dachte ich kaum noch an Whitney. Am Nachmittag schrieb ich nämlich eine Englischklausur, wegen der ich ziemlich nervös war. Und zwar zu Recht, wie sich herausstellte. Denn obwohl ich die ganze Nacht durch gelernt und in der Mittagspause sogar Mrs Ginghers Wiederholungskurs über mich hatte ergehen lassen, war ich bei mehreren der gestellten Aufgaben mit meiner Weisheit am Ende. Ich konnte nichts anderes tun, als dazusitzen, auf das Papier zu starren und mich wie der letzte Schwachkopf zu fühlen, bis ich am Ende der Stunde abgeben musste.

Als ich aus dem Hauptgebäude trat und die Stufen hinunterlief, um mich mit Whitney am Ende der Zufahrt zur Schule zu treffen, kramte ich meine Notizen hervor und fing an, sie noch einmal durchzusehen. Ich wollte herausfinden, welche Fragen ich bei der Klausur falsch beantwortet hatte. Auf der Zufahrt herrschte ein ziemliches Gewimmel, und ich war so vertieft, dass ich den geparkten roten Jeep erst sah, als ich unmittelbar davorstand.

Gerade noch hatte ich die Aufzeichnungen, die ich mir zur Literatur des amerikanischen Südens gemacht hatte, nach einem Zitat durchforstet, das mir völlig entfallen war – im nächsten Augenblick starrte ich in Will Cashs Gesicht. Dieses Mal hatte er mich zuerst entdeckt und sah mir nun direkt in die Augen.

Ich blickte rasch zur Seite. Und als ich am Kotflügel seines Jeeps vorbeilief, beschleunigte ich meine Schritte. Hatte schon fast den Gehsteig erreicht, als er mir nachrief: »Annabel.«

Ich wusste, ich hätte ihn schlicht ignorieren sollen. Aber noch während ich das dachte, drehte sich mein Kopf instinktiv zu ihm um. Er saß am Steuer seines Jeeps, trug ein kariertes Hemd, war unrasiert und hatte seine Sonnenbrille so auf die Stirn geschoben, dass es aussah, als könnte sie jeden Moment runterrutschen.

»Hallo«, sagte er. Ich war nahe genug an seinem Wagen, um die kühle Luft der Klimaanlage zu spüren, die aus dem Fenster waberte.

»Hi.« Nur dieses eine Wort. Aber es wand sich, verknotete sich förmlich, während es sich durch meine Kehle quetschte.

Will schien meine Nervosität jedoch überhaupt nicht wahrzunehmen, ließ einen Ellbogen aus dem Fenster gleiten und blickte über den Schulhof, der hinter mir lag. »Hab dich in letzter Zeit auf keiner Party mehr gesehen. Gehst du überhaupt noch weg?«

Eine Windbö streifte mich und erfasste meine Notizen, sodass sie im Wind flatterten, was sich wie das Schlagen kleiner Flügel anhörte. Meine Finger schlossen sich fester um das Papier. »Nein, nicht wirklich«, brachte ich schließlich heraus.

Ein Frösteln zog meinen Nacken hoch und ich hatte das Gefühl, ich würde jeden Moment umkippen. Ich konnte ihn nicht ansehen, blickte zu Boden. Aber aus den Augenwinkeln nahm ich seine Hand wahr, die auf dem Rahmen des geöffneten Fensters lag. Und erwischte mich dabei, wie ich seine langen, spitz zulaufenden Finger anstarrte, die lässig auf das Türblech des Jeeps trommelten.

Schsch, Annabel. Ich bin’s bloß.

»Na dann. Man sieht sich«, meinte er.

Ich nickte. Drehte mich – endlich – um. Ging davon. Atmete tief durch, versuchte mir zu vergegenwärtigen, dass ich, umgeben von so vielen Menschen, in Sicherheit war. Doch fast augenblicklich bekam ich auch schon den Beweis des Gegenteils geliefert: Mein Magen begehrte auf, gurgelte, alles kam mir hoch. Genau die Reaktion, die ich nie unter Kontrolle hatte. Nein, bitte nicht!, dachte ich, stopfte meine Unterlagen schnell oben in meine Tasche, nahm mir nicht die Zeit, sie zu schließen, zog sie bloß dichter über die Schulter an meinen Körper heran und startete durch, auf das nächstgelegene Gebäude zu. Betete, dass ich es so lange zurückhalten konnte, bis ich die Toilette dort erreichte. Oder zumindest außer Sichtweite war. Aber so weit kam ich leider nicht.

»Was war das denn?«

Sophie. Unmittelbar hinter mir. Ich blieb stehen. Was auch immer ich im Magen hatte, stieg unaufhaltsam hoch, Säure inklusive. Nach all der Zeit, in der sie immer nur ein Wort zu mir gesagt hatte, nun diese vier auf einmal zu hören, überwältigte mich förmlich. Und dann redete sie sogar noch weiter.

»Was zum Teufel sollte das, Annabel?«

Zwei jüngere Mädchen hasteten mit vor Neugier aufgerissenen Augen an uns vorbei. Ich umklammerte den Riemen meiner Tasche noch fester und würgte, schluckte, würgte.

»Hast du in der Nacht damals nicht genug gekriegt? Brauchst du etwa noch mehr?«

Endlich schaffte ich es weiterzugehen. Pass auf, dass dir nicht schlecht wird, sieh nicht zurück, tu am besten gar nichts. Das waren meine Gedanken, die ich innerlich wie ein Mantra wiederholte. Doch meine Kehle fühlte sich wie wund an und mein Kopf so leicht, dass sich alles drehte.

»Jetzt tu nicht so, als wäre ich nicht da. Dreh dich endlich um, du Schlampe!«

Alles, was ich wollte, alles, was ich je gewollt hatte, war wegzugehen. Irgendwo anders zu sein, mich wie ein kleines Tier zu verkriechen, in Sicherheit, unsichtbar, mit vier soliden Wänden um mich herum. An einem Ort, wo niemand war, der mich anstarrte oder mit dem Finger auf mich zeigte oder mich anschrie. Stattdessen stand ich wie auf dem Präsentierteller da; jeder konnte mich sehen. Ich hätte aufgeben können, wie jedes Mal in den vergangenen Wochen. Sollte sie doch machen, was sie wollte. Aber dann griff Sophie nach meiner Schulter.

Und etwas in mir zerbrach. Ein harter, klarer Bruch, wie bei einem Knochen oder Ast. Ein Durchbruch. Noch ehe mir klar wurde, was ich da eigentlich machte, wirbelte ich herum. Sah ihr direkt ins Gesicht und stieß sie weg. Ich konnte kaum glauben, dass es meine Hände waren, die das taten. Aber ich stieß sie vor die Brust und nach hinten, so heftig, dass sie schwankte. Es geschah automatisch und spontan und überraschte uns beide. Aber am meisten überraschte es mich.

Sie verlor den Halt, riss unwillkürlich erschrocken die Augen auf, fing sich aber schnell wieder und trat erneut dicht auf mich zu. Sie trug einen schwarzen Rock und ein hellgelbes Tanktop; ihre Arme waren sonnengebräunt und drahtig; ihr Haar fiel in lockerer Fülle über ihre Schultern. »Ach du liebes bisschen«, sagte sie mit gedämpfter Stimme. Ich wich zurück, meine Füße fühlten sich wie Blei an. »Ich glaube, du solltest –«

Doch sie wurde unterbrochen. Um uns hatte sich eine Menschentraube gebildet, die Leute drängelten sich, um besser sehen zu können. Dennoch hörte ich durch den Tumult hindurch das Surren des Golfcarts, mit dem der Typ vom Sicherheitsdienst herbeidüste. »Auseinander«, rief er. »Alle weitergehen, Richtung Parkplatz oder Bushaltestelle.«

Sophie rückte noch näher an mich heran. »Du bist eine Schlampe«, zischte sie. Ich hörte ein Raunen, dieses typische, tiefe Uuuuuuuuh des Mobs, gefolgt von der Stimme des Wachmanns, der die Leute erneut mahnend zum Gehen aufforderte.

»Hände weg von meinem Freund.« Sie sprach nach wie vor mit sehr leiser Stimme. »Hast du mich verstanden?«

Ich stand einfach bloß da. Spürte noch immer den Druck ihrer Brust gegen meine Hände. Und wie es sich angefühlt hatte, sie zurückzustoßen. Als etwas Festes plötzlich nachgab. »Sophie …«, begann ich.

Sie schüttelte abwehrend den Kopf, schob sich an mir vorbei, stieß so heftig mit ihrer Schulter gegen meine, dass ich stolperte und in jemanden hinter mir taumelte, bevor ich mich fangen konnte. Alle starrten uns an, eine verschwommene, schwammige Masse von Gesichtern, immer in Bewegung, während Sophie durch die Leute hindurch fortging. Nun richteten sich alle Augen auf mich.

Ich schob mich durch die Menge, eine Hand vor dem Mund. Hörte, wie die anderen redeten, lachten. Endlich musste ich mich nicht mehr so hindurchdrängen, standen die Leute weniger dicht beieinander. Das Hauptgebäude lag direkt vor mir, davor eine Reihe hoher Büsche, die sich ums Haus herum zog. Darauf rannte ich zu. Die dornigen Blätter zerkratzten meine Hände, als ich mich hineinzwängte. Ich kam nicht sehr weit und konnte nur hoffen, dass mich niemand sah, als ich mich vornüberkrümmte. Meine Hand krallte sich in meinen Bauch, und ich übergab mich ins Gras, hustete, spuckte. Das Geräusch hallte unangenehm in meinen Ohren wider.

Als ich fertig war, fühlte sich meine Haut klebrig an und ich hatte Tränen in den Augen. Es war grauenvoll und demütigend. Einer der Momente, in denen man sich nichts sehnlicher wünscht, als allein zu sein. Besonders, wenn man plötzlich merkt, dass man nicht allein ist.

Ich hatte die Schritte nicht gehört. Und auch den Schatten nicht gesehen. Von dort, wo ich am Boden kauerte, sah ich zunächst nur den grünen Rasen. Doch auf einmal geriet ein Paar Hände in mein Blickfeld; an jedem der beiden Mittelfinger steckte ein flacher silberner Ring. Eine der Hände griff nach meinen Aufzeichnungen, die anscheinend zwischendurch aus der Tasche gefallen waren; die andere streckte sich mir entgegen.