»Sophie!«
30. Juni, Tag der alljährlichen Party am letzten Schultag, zu Beginn der letzten Sommerferien. Ich kam zu spät. Emilys Stimme, die nach Sophie rief, war das Erste, das ich hörte, als ich durch die Tür trat.
Zu dem Zeitpunkt konnte ich sie noch nicht sehen – der Eingangsflur war gestopft voll, auch auf den Treppenstufen drängten sich die Leute –, doch im nächsten Moment bog sie um die Ecke, in jeder Hand einen Plastikbecher mit Bier. Als Emily mich entdeckte, lächelte sie und meinte: »Da bist du ja. Wo hast du so lang gesteckt?«
Unwillkürlich stand mir das Gesicht meiner Mutter wieder vor Augen; wie erschrocken, ja entsetzt sie vor einer Stunde dreingeblickt hatte, als Whitney ihren Stuhl zurückstieß, wobei er so gegen den Tisch knallte, dass unsere Teller in die Luft sprangen. Dieses Mal war es um Hähnchen gegangen, besser gesagt: um die halbe Hähnchenbrust, die mein Vater auf Whitneys Teller platziert hatte. Nachdem sie das Fleisch erst in Viertel, dann in Achtel und schließlich in fast verschwindend kleine Sechzehntel zerteilt hatte, schob sie die Stücke allesamt zur Seite und begann, ihren Salat zu essen. Kaute dabei allerdings so lang auf jedem Salatblatt herum, dass es einem wie eine Ewigkeit vorkam. Meine Eltern und ich taten, als würden wir es gar nicht sehen, sogar so, als wäre es im Grunde nichts weiter Bemerkenswertes, und hielten zwischen uns dreien irgendwie eine Konversation über das Wetter im Gange. Doch als Whitney einige Minuten später ihre Serviette auf den Teller legte, konnte ich nicht anders, als wie gebannt zuzuschauen, wie der Stoff sich senkte und das Hähnchen mit einem Zaubertuch bedeckte, unter dem Whitney es verschwinden lassen wollte. Doch sie hatte kein Glück. Mein Vater sagte ihr, sie möge bitte aufessen, worauf sie explodierte.
Eigentlich hätten wir an ihr hyperdramatisches Getue beim Abendessen längst gewöhnt sein sollen. Whitney war mittlerweile seit sieben Monaten aus dem Krankenhaus raus und seitdem hatte sich diese Form von Verhalten schon fast zu einer Art Routine entwickelt. Aber es gab immer noch Momente, in denen Lautstärke, Ausmaß und Plötzlichkeit ihrer Ausbrüche uns kalt erwischten. Insbesondere meine Mutter, die ohnehin jedes etwas betonter geäußerte Wort, jedes lautere Geräusch oder gar Knallen, ja sogar ihre unzähligen sarkastischen Stöhner und Seufzer als persönlichen Angriff auffasste. Darum hatte ich nach dem Abendessen noch eine Weile in der Küche herumgetrödelt und meiner Mutter zugesehen, die das Geschirr abwusch. Forschend betrachtete ich ihr Gesicht, das sich im Fenster über der Spüle spiegelte. Behielt sie einfach sorgfältig im Auge, wie immer, wenn sie durcheinander war oder sich aufgeregt hatte. Hatte Angst, ich könnte außer den mir so vertrauten Zügen noch etwas anderes in ihrer Miene entdecken. Etwas, das ich wiedererkennen würde.
»War einiges los bei uns daheim«, sagte ich zu Emily. »Habe ich etwas verpasst?«
»Nein, war noch nichts Besonderes«, erwiderte sie. »Hast du zufällig Sophie schon gesehen?«
Ich blickte mich um in dem Gewühl um uns herum und entdeckte sie schließlich im Wohnzimmer. Sie saß mit gelangweilter Miene auf einer kleinen Couch am Fenster.
»Da drüben.« Ich nahm Emily einen der Becher aus der Hand und arbeitete mich langsam durch die Menge zu Sophie vor. »Hey«, rief ich ihr in dem mühsamen Versuch zu, das Geräusch eines in der Nähe stehenden Fernsehers zu übertönen. »Was geht ab?«
»Nichts«, antwortete sie knapp. Zeigte auf das Bier. »Für mich?«
»Vielleicht«, sagte ich. Sie verzog das Gesicht. Ich reichte ihr den Becher, setzte mich neben sie. Sophie trank einen Schluck; ihr Lippenstift blieb am Becherrand haften.
»Super-Top, Annabel. Ist das neu?«, fragte Emily, die sich hinter mir durch die Leute gedrängelt hatte.
»Ja. Kann man so sagen.« Ich strich mit der Hand über das pinkfarbene Wildleder. Meine Mutter und ich hatten das Top am Tag zuvor bei Tosca entdeckt. Es war teuer gewesen, aber wir fanden den Preis gerechtfertigt, vor allem, wenn man bedachte, dass ich es den ganzen Sommer über würde tragen können. »Ich habe es erst seit dieser Woche.«
Sophie atmete hörbar aus und schüttelte missbilligend den Kopf: »Das ist die mit Abstand mieseste Endlich-ist-die-Schule-vorbei-Party, die wir je hatten.«
»Komm, ist doch gerade mal halb neun.« Ich sondierte kurz die Lage. In einem Sessel in unserer Nähe knutschte ein Pärchen rum; im Esszimmer hockte eine Gruppe Leute um den Tisch und spielte Karten. Von irgendwoher – vermutlich aus einem der hinteren Räume – drang Musik. Die Bässe dröhnten unter unseren Füßen. »Da geht noch was.«
Sophie nahm einen weiteren, tiefen Schluck Bier. »Das bezweifle ich. Wenn diese Party so was wie ein Vorzeichen ist, wird das garantiert der mieseste Sommer aller Zeiten.«
»Meinst du?« Emily klang überrascht. »Draußen standen einige süße College-Typen.«
»Und du würdest tatsächlich mit einem Studenten ausgehen, der auf einer Schülerparty rumlungert?«, konterte Sophie.
»Nein, stimmt schon, nicht direkt.«
»Ich sag’s doch: lahm.«
Links von uns wurde es plötzlich ziemlich laut. Ich drehte mich um. Eine ganze Gruppe Partygäste trampelte geräuschvoll durch die Haustür in den Flur. Ich entdeckte ein Mädchen, mit der ich Sport hatte, sowie ein paar Jungs, die ich nicht kannte. Das Schlusslicht der Neuankömmlinge bildete – Will Cash.
»Na siehst du, wird doch schon besser«, sagte ich zu Sophie. Doch anstatt sich zu freuen, schnitt sie eine abfällige Grimasse.
Die beiden hatten sich einige Tage zuvor mal wieder gezofft, aber ich dachte, die Sache wäre geklärt, jedenfalls so weit, wie zwischen ihnen je irgendetwas geklärt werden konnte. Offenbar hatte ich mich geirrt. Will nickte Sophie nur knapp zu, ehe er den Leuten, mit denen er gekommen war, den Gang hinunter zur Küche folgte.
Als er außer Sichtweite war, setzte Sophie sich auf und schlug die Beine übereinander. »Alles Scheiße«, verkündete sie. Dieses Mal widersprach ich tunlichst nicht.
Stattdessen stand ich auf, streckte ihr eine Hand entgegen. »Komm, wir drehen mal eine Runde.«
»Nein«, sagte sie brüsk. Emily, die schon im Aufstehen begriffen gewesen war, setzte sich wieder.
»Sophie.«
Sie schüttelte den Kopf. »Geht ihr nur. Viel Spaß.«
»Du willst also einfach hier sitzen bleiben und schmollen?«
»Ich schmolle nicht.« Ihre Stimme klang kalt. »Ich sitze hier nur.«
»Wie du willst«, sagte ich. »Dann hole ich mir mal ein Bier. Möchte jemand von euch auch noch was?«
»Nein.« Sophie starrte Richtung Esszimmer, wo Will sich mit dem Typen am Tischende, der die Karten austeilte, unterhielt.
»Magst du mitkommen?«, fragte ich Emily. Sie nickte, stellte ihr Bier auf dem Couchtisch ab und folgte mir auf den Flur hinaus.
»Ist sie okay?«, fragte sie mich, sobald wir außer Hörweite waren.
»Klar.«
»Aber sie wirkt genervt, vielleicht sogar sauer. Bevor du gekommen bist, hat sie kaum ein Wort mit mir gewechselt.«
»Sie taut schon auf. Du kennst sie doch.«
Wir gingen durch die Küche hinaus auf die Veranda zu dem Bierfässchen, um das einige Typen herumstanden, die schon etwas älter waren. »Hallo-o hallöchen!« Der Junge, der mich auf die Weise anquatschte, war groß und dünn und rauchte. »Komm, ich zapf dir ein Bier.«
»Danke, nicht nötig.« Ich bedachte ihn mit einem nachsichtigen Lächeln, während ich mir einen Becher nahm und mir mein Bier selbst zapfte.
»Geht ihr beide auf die Jackson High?«, fragte ein anderer von den Kerlen Emily, die sich mit verschränkten Armen etwas abseits hielt. Sie nickte, sah mich an. »Mannomann, ihr Frischlinge aus der Unterstufe werdet jedes Jahr heißer.«
»Wir sind weder aus der Unterstufe noch Frischlinge.« Ich wandte mich von dem Fässchen ab. Ein Typ mit Lockenmähne stand direkt vor mir, blockierte mir den Weg. »Darf ich?«, fragte ich ruhig.
Er musterte mich ziemlich ausgiebig, ehe er zur Seite trat. »Schwer zu kriegen, was?«, fragte er, während ich an ihm vorbeiging. »Steh ich drauf.«
Ich kehrte in die Küche zurück. Emily folgte mir und schloss die Verandatür hinter uns.
»Solche wie die habe ich vorhin nicht gemeint«, sagte sie.
»Ich weiß. Aber genau diese Typen hängen auf jeder Party rum.«
Wir wollten zurück zu Sophie, aber da gerade wieder ein ganzer Haufen Leute frisch angekommen war, wimmelte es im Flur von lärmenden Menschen. Es herrschte das reinste Verkehrschaos. Ich versuchte trotzdem, mich irgendwie durchzuboxen, mit dem Ergebnis, dass ich auf der Hälfte des Weges zum Wohnzimmer von allen Seiten eingekesselt wurde und stecken blieb. Ich wandte mich nach Emily um, aber sie war in die Fänge eines Mädchens namens Helena geraten, die wir unter anderem vom Modeln kannten. Sie hielt Emily fest und laberte, vielmehr brüllte, sie gerade zu. Direkt an Emilys Ohr.
»Sorry, pass doch auf«, blaffte mich ein mir unbekanntes Mädchen an, die sich gerade an mir vorbeidrängelte. Ihr Ellbogen stieß heftig gegen meinen. Ich spürte etwas Feuchtes, und als ich nach unten blickte, bemerkte ich, dass mir Bier – ihres oder meines, das war nicht festzustellen – übers Bein lief. Plötzlich erschien mir der Gang noch enger und vor allem heißer. Als sich zu meiner Linken eine schmale Lücke zwischen den Menschen auftat, schob ich mich in eine Nische unter der Treppe, wo ich endlich wieder Luft bekam.
Ich lehnte mich zurück, drückte mich gegen die Wand und nahm einen Schluck von meinem Bier, während die Leute sich an mir vorbeischoben. Ich bereitete mich schon innerlich darauf vor, mich wieder ins Gewühl zu stürzen, da schlenderte Will Cash an mir vorbei. Entdeckte mich. Blieb stehen.
»Hey«, sagte er. Zwei Typen drängten sich in der Gegenrichtung an ihm vorbei. Einer von ihnen hob die Hand, verstrubbelte mit einer raschen Geste spielerisch Wills Haar. Der schnitt eine Grimasse. »Was treibst du hier?«
»Nichts. Ich wollte nur …«
Ich unterbrach mich, denn er hatte sich plötzlich zur Seite gewandt, um sich – leicht gebückt – neben mich zu stellen. Die Nische war eigentlich zu klein für uns beide, gedacht wahrscheinlich für ein dekoratives Tischchen oder eine Skulptur. Trotzdem rückte ich so weit wie möglich nach links, um Abstand zwischen uns zu schaffen.
»Versteckst du dich ein bisschen?« Beim Reden lächelte er nicht, obwohl ich mir ziemlich sicher war, dass die Frage scherzhaft gemeint war. Typisch Will. Man wusste einfach nie, woran man bei ihm war. Jedenfalls ich nicht.
»Es war … es wurde da draußen vorübergehend einfach ein bisschen zu viel. Hast du schon mit Sophie geredet?«
Nach wie vor starrte er mich mit diesem ausdruckslosen Blick an, den er immer draufhatte. Ich spürte, dass ich wieder einmal rot wurde. »Noch nicht«, antwortete er. »Wie lang seid ihr denn schon hier?«
»Ich bin nicht mit den anderen gekommen.« Hillary Prescott ging an uns vorbei. Als sie uns bemerkte, blieb sie kurz stehen, warf uns einen prüfenden Blick zu, bevor sie sich um die nächste Ecke schob. »Ich bin erst später … äh, bin nicht pünktlich von zu Hause weggekommen.«
Will schwieg. Sah mich nur weiter unverwandt an.
»Du kennst das ja.« Ich trank noch einen Schluck Bier; ein paar Mädels liefen laut lachend und schwatzend an uns vorbei. »Familiendramen und andere Kleinigkeiten.«
Keine Ahnung, warum ich ihm das erzählte. In Will Cashs Gegenwart wusste ich sowieso nie, warum ich was tat. Etwas an ihm brachte mich dermaßen durcheinander, dass ich viel zu offen war. Wahrscheinlich um meine Scheu und Unsicherheit auszugleichen.
»Ach ja?« Seine Stimme klang ebenfalls vollkommen ausdruckslos.
Erneut wurde ich rot. »Ich sollte allmählich zu Sophie rübergehen«, stammelte ich. »Wir sehen uns sicher noch, denke ich.«
Er nickte. »Ja. Bis dann.«
Diesmal wartete ich nicht darauf, dass sich eine Lücke im Gedränge auftat. Ich quetschte mich einfach vorwärts, prallte gegen einen Typen aus unserer Football-Schulmannschaft, nutzte die Gunst der Stunde und schlängelte mich in seinem Windschatten zurück zur Küche. Emily stand an der Theke mitten im Raum, Handy am Ohr.
»Wo hast du gesteckt?«, fragte sie, klappte das Handy zusammen und verstaute es in ihrer Tasche.
»Nirgends. Los, komm.«
Als wir ins Wohnzimmer traten, saß Sophie immer noch auf der Couch. Aber sie war nicht mehr allein. Will hockte neben ihr; es sah schwer nach einem neuerlichen Streit aus. Sophie redete mit verkniffenem Gesicht auf ihn ein. Will hingegen schien ihr nur mit halbem Ohr zuzuhören. Während sie sprach, schweifte sein Blick ununterbrochen durch den Raum.
»Die lassen wir besser in Ruhe und nerven nicht«, sagte ich zu Emily, »sondern kommen später wieder her. Ich muss sowieso mal für kleine Mädchen. Hast du eine Ahnung, wo hier Toiletten sind?«
»Ich glaube, ich habe da drüben eine gesehen.« Emily deutete den Flur entlang. »Komm mit.«
Es gab dort tatsächlich eine Toilette, aber auch die dazugehörige Schlange. Deshalb beschlossen wir, unser Glück im ersten Stock zu versuchen. Suchend liefen wir durch einen langen Korridor, als ich auf einmal hörte, wie jemand meinen Namen rief.
Ich blieb abrupt stehen und trat rückwärts an die offene Tür heran, an der wir soeben vorbeigegangen waren. Michael Kitchens und Nick Lester, zwei Oberstufler, mit denen ich mich ein ganzes Schuljahr lang zusammen durch Kunstgeschichte gequält hatte, standen in dem Raum hinter der Tür und spielten Poolbillard.
»Da staunst du, was? Ich sagte dir doch, ich habe Annabel gesehen!«, meinte Nick.
»Jajaja.« Michael, im Begriff, einen Stoß auszuführen, beugte sich über den Tisch. »Und ich Frevler dachte, du halluzinierst schon.«
Nick wandte sich mir zu und legte die Hand auf sein Herz. »Nein, es ist wahrhaftig Annabel. Annabel, Annabel, Annabel Greene.«
»Du hast mir versprochen, du lässt den Quatsch, sobald das Schuljahr vorbei ist«, sagte ich. Nick hatte seine Hausarbeit über Edgar Allan Poe gemacht und mich mit seiner Deklamiererei eben dieser Zeile fast in den Wahnsinn getrieben. »Aber das ist dir anscheinend praktischerweise entfallen …?«
»Nein.« Er grinste mich an.
Michael stieß an, die Bälle sprangen klackend auseinander. »Nick ist betrunken«, informierte er uns. »Sagt später nicht, ich hätte euch nicht gewarnt!«
»Ich bin nicht betrunken, sondern bloß gut drauf.«
»Gibt es hier oben irgendwo eine Toilette?«, fragte ich. »Wir haben schon überall gesucht.«
»Gleich da drüben.« Michael deutete auf das andere Ende des Raumes.
»Dann mal los«, sagte ich zu Emily, die hinter mir das Zimmer betrat.
»Das sind Nick und Michael.« Ich drückte ihr meinen Becher in die Hand. »Und das ist Emily. Bin gleich wieder da, okay?«
Sie nickte, wirkte aber leicht nervös. »Spielst du Billard?«, fragte Michael sie und zeigte dabei auf den Tisch.
»Ein bisschen«, antwortete Emily.
Er ging zur Wand, um einen Queue für sie zu holen. »Ja klar. Das sagst du jetzt so und dann schlägst du mich innerhalb der nächsten zehn Sekunden vernichtend.«
»Ja, sie hat diesen haifischmäßigen Billardblick an sich«, mischte Nick sich ein. Emily schüttelte lachend den Kopf. »Es sind immer die Stillen, die es in sich haben.«
»Ich bitte nur um ein bisschen Gnade«, sagte Michael zu Emily. »Das ist alles.«
Als ich zwei Minuten später von der Toilette zurückkam, schlug sich Emily nicht nur beim Billard wacker, sondern flirtete auch ausgelassen mit Michael, der offenbar nur zu gern darauf einstieg. Sprich: Mir blieb also bloß noch Nick. Er setzte sich auch prompt neben mich auf das Sofa, das in der Nähe des Billardtisches stand, und verkündete, er habe mir etwas zu sagen.
»Weißt du, jetzt wo die Schule vorbei ist …« – er trank einen Schluck von seinem Bier – »... sollst du endlich erfahren, dass mir durchaus bewusst ist, was du für mich empfindest.«
»Was ich für dich empfinde«, wiederholte ich.
»He, Alter«, rief Michael ihm vom Billardtisch aus zu. »Halt lieber den Mund, bevor du etwas sagst, das du schwer bereuen könntest.«
Dafür erhielt Michael ein unwilliges »Schsch« zur Antwort, unterstrichen durch wildes Gefuchtel, bevor Nick sich wieder mir zuwandte und mit ernster Stimme fortfuhr: »Annabel, es ist total verständlich, dass du in mich verknallt bist.«
»O Mann!« Michael stöhnte auf. »Ladys, ich schäme mich in Grund und Boden. Für den da.«
»Ich meine, was wäre auch anderes zu erwarten?«, lallte Nick. Ich bemühte mich krampfhaft, nicht zu lachen. »Ich bin einer aus der Oberstufe. Ein älterer Herr sozusagen. Logisch, dass du mich bewunderst. Aber …« – er legte eine Pause ein, in der er einen weiteren, tiefen Schluck Bier trank – »... es wird leider nicht funktionieren.«
»Oh«, sagte ich. »Tja, ich denke, es ist trotzdem besser, dass ich jetzt Bescheid weiß.«
Nick tätschelte meine Hand und nickte. »Ich fühle mich wirklich sehr geschmeichelt, aber das spielt keine Rolle, denn wie sehr du mich auch lieben magst – ich empfinde für dich einfach nicht dasselbe.«
»Ist ja wohl genau umgekehrt«, meinte Michael. Emily lachte.
»Ich habe vollstes Verständnis für deine Situation«, sagte ich zu Nick.
»Wirklich?«
»Absolut.«
Schweigend tätschelte er weiter meine Hand. Wobei ich mir allerdings nicht sicher war, ob er das überhaupt noch wahrnahm. »Gut. Denn ich fände es super, wenn wir Freunde bleiben könnten. Das heißt, falls du es schaffst, darüber hinwegzukommen.«
»Das fände ich auch«, antwortete ich artig.
Nick lehnte sich zurück, setzte die Flasche an, kippte sich, was auch immer noch drin war, hinter die Binde. Setzte sie wieder ab, drehte sie um. Ein einziger, einsamer Tropfen dröppelte heraus. »Leer«, verkündete er. »Ich brauche dringend mehr Bier.«
»Eher nicht«, schaltete Michael sich ein und zuckte gleichzeitig schmerzlich zusammen, weil Emily mit der kleinen weißen gleich zwei ihrer gestreiften Kugeln in eine Tasche beförderte.
»Wie wäre es mit einem Wasser?«, fragte ich Nick. »Ich wollte mir auch gerade eins holen.«
»Wasser«, antwortete Nick gedehnt – als wäre das ein vollkommen fremdartiges Konzept für ihn. »Okay. Ich folge dir.«
»Wir kommen gleich wieder«, sagte ich zu Emily und stand auf. Nick hatte mit dem Hochkommen etwas mehr Probleme. »Soll ich dir auch irgendwas mitbringen?«
Sie schüttelte den Kopf, beugte sich für einen weiteren Stoß vor. »Ich habe alles, was ich brauche.«
»Und noch ein bisschen mehr«, sagte Michael, als zwei weitere ihrer Kugeln verschwanden. »›Ich spiele ein bisschen‹ – ha!«
Nick und ich schafften es gerade einmal bis zur Mitte des Korridors, als er verkündete, er habe seine Meinung geändert. »Bin zu kaputt.« Er ließ sich vor einer Schlafzimmertür auf den Boden sacken. »Muss kurz ausruhen.«
»Alles okay?«
»Bestens. Du marschierst jetzt brav los und holst dieses …«
»Wasser.«
»Wasser … jawoll. Und ich warte genau hier auf dich, mh?« Als er sich zurücklehnte, schlug sein Kopf gegen die Wand. »Genau hier.«
Ich nickte, ging weiter Richtung Treppe. Unterwegs blieb ich stehen und blickte hinunter ins Wohnzimmer, das sich mittlerweile merklich gefüllt hatte. Weder Sophie noch Will saßen auf der Couch, was ich für ein entweder sehr gutes oder echt schlechtes Zeichen hielt.
Unten angekommen, trieb ich irgendwie zwei Flaschen Wasser auf, ging aber nicht sofort zurück, sondern schwatzte noch kurz mit ein paar Leuten. Als ich wieder im oberen Flur ankam, saß Nick nicht mehr an derselben Stelle. Weil ich davon ausging, dass er in den Billardraum zurückgekehrt war, wollte ich ihm gerade dorthin folgen, als ich eine Stimme hörte.
»Annabel.«
Eine weiche, leise Stimme. Ich drehte mich um. Zu meiner Rechten lag ein weiteres Schlafzimmer. Die Tür stand einen kleinen Spalt weit offen. Praktisch, wenn man wackelig auf den Beinen ist oder – noch schlimmer – sich übergeben muss. Armer Nick, dachte ich, steckte die eine Wasserflasche in meine Hosentasche, öffnete die andere, drückte die Tür vollends auf und ging ins Zimmer.
»Hast du dich verlaufen?«
Sobald ich über die Schwelle ins Dunkle eintauchte, kamen mir erste, stechende Zweifel, ob alles mit rechten Dingen zuging, was daran lag, wie der Raum um mich her sich anfühlte. Er wirkte irgendwie – nicht in Ordnung. Ich trat einen Schritt zurück, tastete nach der Türklinke, dem Lichtschalter, fand jedoch beides nicht. Meine Finger berührten nur die Wand. »Nick?«
Da spürte ich plötzlich, wie etwas gegen meine linke Seite stieß. Kein Möbelstück, kein Gegenstand. Etwas Lebendiges. Jemand. Nick, sagte ich mir. Er ist betrunken. Aber gleichzeitig bewegten sich meine Hände hinter meinem Rücken automatisch schneller, um entweder den Lichtschalter oder die Türklinke zu fassen zu kriegen. Endlich – die Klinke. Doch als ich sie gerade runterdrücken wollte, spürte ich, wie sich Finger um mein Handgelenk schlossen.
»Hey.« Obwohl ich versuchte, ganz normal zu wirken, klang meine Stimme verängstigt. »Was ist –«
»Schsch, Annabel.« Dieselbe Stimme wie vorher. Die Finger wanderten meinen bloßen Arm hinauf, eine Hand legte sich unvermittelt auf meine rechte Schulter. »Ich bin’s bloß.«
Das war nicht Nick. Die Stimme klang tiefer, lallte auch kein bisschen. Jede Silbe war perfekt artikuliert. Als mir das bewusst wurde, überfiel mich plötzlich Panik. Unwillkürlich umschloss meine Hand die Wasserflasche fester. Der Deckel sprang mit einem Knall ab. Ich spürte, wie sich kalte Flüssigkeit über mein Top und meine Haut ergoss. »Bitte nicht«, sagte ich.
»Schsch«, wiederholte die Stimme. Ich wurde für eine Sekunde losgelassen, spürte die Hände nicht mehr auf meiner Haut. Doch einen Moment später bedeckten sie meine Augen.
Ich machte einen Satz nach vorn, versuchte mich loszureißen. Die Wasserflasche, inzwischen ohnehin halb leer, fiel mir aus der Hand, schlug mit einem dumpfen Geräusch auf dem Teppich auf. Seine Hände packten mich hart bei den Schultern. Ich wand mich unter seinem Griff, versuchte weiterhin krampfhaft wegzukommen, mich zur Tür umzudrehen. Aber meine Hände ruderten hilflos durch leeren Raum, bekamen nichts zu packen als Luft. Es war fast so, als wären die Wände eigenständig zurückgewichen, sodass sie sich weit außerhalb meiner Reichweite befanden. Nirgendwo ein Halt.
Ich hörte, wie ich keuchte. Mein Atem ging stoßweise. Er legte den Arm um meinen Hals und presste mich an sich.
Ich verlor den Boden unter den Füßen und fing an, um mich zu treten. Traf sogar einmal die Tür – peng! –, ehe er mich ein paar Schritte tiefer in den Raum zog. Dort umschlang er mit dem anderen Arm meinen Bauch, schob zuerst mein Top hoch und dann seine Hand zielstrebig in den Bund meiner Jeans.
»Aufhören!«, flehte ich. Doch sein Arm – der warm war und nach Schweiß roch – bedeckte meinen Mund, erstickte jeden Laut, den ich von mir gab. Ich spürte seine Finger auf meiner Haut, hart, spitz, rau. Sie zerrten meinen Slip beiseite, drangen immer tiefer vor. Und ich hörte nun auch seinen Atem, kurze, flache Keucher dicht an meinem Ohr. Ich kämpfte weiter, um mich loszureißen, wand mich unter seinem Griff, während seine Finger immer weiter nach unten glitten. Und dann waren sie in mir.
Ich biss ihn fest in den Arm. Er stieß einen Schmerzenslaut aus, zog seinen Arm von meinem Mund weg, schob mich grob vor sich her, sodass ich stolperte. Sobald ich vorübergehend Boden unter die Füße bekam, versuchte ich, die nächste Wand zu erreichen, die Orientierung wiederzugewinnen, hielt mich an allem fest, das mir in die Quere kam, schaffte es allerdings immer nur kurz, bevor er mich schließlich gewaltsam zu sich umdrehte, sodass ich ihm gegenüberstand, und den Bund meiner Jeans ergriff. Ich riss instinktiv die Hände hoch, um mich zu schützen, aber er schlug sie zur Seite. Dann lag ich unten, auf dem Boden.
Gleichzeitig – ich konnte nicht fassen, wie schnell er sich bewegte – warf er sich auf mich. Seine Finger fummelten am Verschluss meiner Jeans herum, bis er ihn offen hatte. Ich spürte den Teppich unter mir, er kratzte am Rücken, während ich verzweifelt versuchte, ihn wegzustoßen. Der Geruch nach nassem Wildleder stieg mir in die Nase, als er eine Hand schwer auf meine Brust legte, um mich unten zu halten. Mit der anderen begann er, mir die Jeans runterzuziehen. Ich stemmte mich mit beiden Ellbogen in den Boden, versuchte, mit aller Kraft aufzustehen. Aber ich kam keinen Millimeter hoch.
Ich hörte, wie er einen – seinen – Reißverschluss öffnete. Dann war er wieder über mir. Ich wollte seine Schultern wegdrücken, warf mich mit meiner gesamten Körpermasse gegen ihn, aber er war zu schwer, begrub mich einfach unter sich. Er stieß eines meiner Beine nach oben – das hier geschieht wirklich!, schoss mir durch den Kopf –, und dann, als ich ihn gerade auf meinem Bein spürte, mich ein letztes, verzweifeltes Mal wand, sah ich einen dünnen silbrigen Lichtstreifen über uns, der die Dunkelheit durchdrang.
Ein heller Faden zog sich durch die Finsternis. Zum ersten Mal konnte ich wieder etwas sehen, ein Stück seines Nackens erkennen, die Sommersprossen darauf … die feinen, blonden Härchen auf dem Arm, der um mich geschlungen war … ein winziges Stück pinkfarbenen Wildleders … und in dem Moment, da er mich wegstieß, seine Augen. Blau. Die Pupillen weiteten sich, verengten sich, weiteten sich wieder, während der Lichtstrahl stetig breiter wurde. Blitzartig rappelte er sich hoch.
Ich setzte mich ebenfalls auf. Mein Herz schlug wie rasend. Zog die Jeans hoch, schaffte es irgendwie, sie zu schließen. Konzentrierte mich so umständlich darauf, als wäre das in diesem Augenblick das Allerwichtigste überhaupt. Ich wurde gerade fertig, als das Deckenlicht über uns aufleuchtete. Sophie stand in der Tür.
Mich sah sie als Erstes, bevor sie den Kopf wandte und Will Cash entdeckte, der inzwischen hinter mir auf dem Bett saß. »Will?« Ihre Stimme klang unnatürlich hoch und angespannt. »Was geht hier ab?«
Will, dachte ich. Schlagartig spürte ich wieder, wie sein Arm meinen Mund verschloss, seine Hände meine Augen zupressten. Und wie er vorhin neben mir in der Nische gestanden hatte, so nah. Zu nah. Das war Will.
»Keine Ahnung.« Er zuckte die Achseln, fuhr sich mit der Hand durchs Haar. »Sie hat nur …«
Sophie starrte ihn lange schweigend an. Über den Flur in ihrem Rücken konnte ich Lachen hören. Emily, Michael … bestimmt spielten sie immer noch Billard. Bestimmt warteten sie auf mich.
Sophie wandte sich mir zu. »Annabel?« Sie trat einen Schritt ins Zimmer, ließ den Türpfosten jedoch nicht los. »Was machst du da?«
Ich fühlte mich wie erschlagen. Zerschlagen. Alles war zerschlagen. Ich. Alles, was gerade passiert war. Lediglich Bruchstücke, keine Teile irgendeines Ganzen. Ich stand auf, strich, so gut es ging, mein Top glatt. »Nichts.« Das kam als Keuchen raus. Ich versuchte zu schlucken. »Ich war –«
Sophie schaute derweil wieder zu Will hinüber. Und obwohl sie mich nicht unterbrochen hatte, hörte ich auf zu reden. Er erwiderte ihren Blick ebenso unverwandt. Kein Muskel zuckte in seinem Gesicht. Nicht einer. »Irgendjemand«, sagte Sophie, »sollte allmählich damit loslegen, mir zu erklären, was hier läuft. Und zwar sofort.«
Doch keiner von uns sagte ein Wort. Jedes Mal, wenn ich später an die Situation zurückdachte, konnte ich es nicht fassen, dass ich in jenem Moment anscheinend wirklich auf jemand anderen gehofft hatte, der Sophie erzählen würde, was geschehen war. Als wäre ich selbst gar nicht dabei gewesen; als hätte ich niemals Worte dafür finden können.
»Will, sag endlich was«, forderte Sophie ihn auf.
»Was denn? Ich habe auf dich gewartet, dann kam sie vorbei …« Er stockte, schüttelte den Kopf, ließ Sophie nicht aus den Augen. »Ich weiß auch nicht.«
Sophie nahm erneut mich ins Visier. Einen Moment lang sahen wir einander stumm an. Sie musste merken, dass etwas nicht stimmte. Das brauchte ich ihr doch nicht noch extra zu sagen. Ich war keines von den Mädchen, derentwegen wir nächtelang suchend durch die Stadt gedüst waren. Wir waren Freundinnen. Beste Freundinnen. Das glaubte ich tatsächlich. Damals.
Ihr Mund verzerrte sich. Ich sah, wie ihre Lippen sich aufeinanderpressten. »Du Schlampe!«
Im Nachhinein wurde mir klar, wie idiotisch es war: Doch in dem Augenblick dachte ich tatsächlich, ich hätte mich verhört. Sie missverstanden. »Bitte?«, fragte ich nach.
»Du verdammte Hure!« Sophies Stimme wurde allmählich lauter. Sie zitterte zwar noch ein bisschen, gewann aber trotzdem zunehmend an Stärke. »Ich fasse es nicht.«
»Sophie«, sagte ich. »Warte, ich habe nicht –«
»Du hast was nicht?« An Sophie vorbei sah ich auf einmal Schatten an der gegenüberliegenden Wand des Korridors, die sich im Näherkommen ausdehnten. Gleich tauchen hier Leute auf, dachte ich. Leute, die alles hören würden. Leute, die alles verstehen würden. »Du denkst, du kannst mit meinem Freund ficken, einfach so, auf einer Party, und ich kriege nichts davon mit?«
Mein Mund öffnete sich, das spürte ich. Doch es kam kein Ton heraus. Ich stand nur da und starrte sie an. Emily erschien hinter Sophie im Türrahmen und versuchte entgeistert, die Situation zu erfassen. »Annabel? Was ist denn hier los?«
»Deine Freundin ist eine Schlampe. Das ist hier los«, fauchte Sophie.
»Nein«, hielt ich dagegen. »Das stimmt nicht.«
»Ich weiß doch, was ich gesehen habe!«, schrie Sophie. Emily wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Sophie zeigte mit dem Finger auf mich. »Du hast immer gewollt, was ich habe. Du warst immer eifersüchtig auf mich.«
Ich merkte, dass ich schwankte. Ihre Stimme war so laut und durchdringend, dass ich das Gefühl hatte, sie würde mir die Knochen durchschütteln und bis in sämtliche Eingeweide vordringen. Ich war völlig verstört. Und merkte plötzlich, wie mir die Tränen kamen. Dabei hatte ich bis zu diesem Augenblick trotz allem, was geschehen war, nicht geweint. (Echt, wie hatte ich nur nicht weinen können, dabei?) Doch jetzt spürte ich einen dicken, langsam anschwellenden Kloß in meinem Hals.
Sophie stürmte endgültig ins Zimmer. Stand nach zwei großen Schritten dicht vor mir. Der Raum schien zusammenzuschrumpfen – Will, Emily, alle anderen verschwanden aus meinem Blickfeld –, bis nichts mehr existierte außer Sophies zusammengekniffenen Augen. Ihrem Finger, der anklagend auf mich deutete. Und ihrer Wut, ihrer rasenden Wut.
»Das war’s.« Ihre Stimme zitterte. »Ich mach dich so was von fertig.«
»Sophie.« Abwehrend schüttelte ich den Kopf. »Bitte. Jetzt hör –«
»Hau ab!«, schrie sie. »Verschwinde!«
Und dann schob sich – so unvermittelt, wie es zuvor ausgeblendet worden war – alles in mein Blickfeld zurück. Drang wieder in mein Bewusstsein. Und ich sah: die Gesichter der Leute, die sich im Flur versammelt hatten und neugierig zu uns hereinschauten; Will Cash, der immer noch auf dem Bett saß; den meerschaumgrünen Teppich zu meinen Füßen, das gelblich-grelle Licht der Lampe über mir. Vorhin war es so stockfinster gewesen – schwer vorstellbar bei der Helligkeit, die mittlerweile herrschte –, dass ich nichts, aber auch gar nichts um mich her hatte erkennen können. Doch jetzt war alles im Raum deutlich sichtbar. Entblößt. Genau wie ich.
Immer noch stand Sophie direkt vor mir. Um uns herum war es still. Ich wusste, ich hätte das Schweigen brechen, hätte etwas sagen können. Mein Wort stand gegen seines und jetzt noch gegen ihres. Aber ich schwieg.
Stattdessen verließ ich, von allen stumm beobachtet, den Raum. Ich spürte ihre Blicke auf mir, als ich um Sophie herumging, mich in den Flur hinausdrängte, Richtung Treppe lief. Kam unten im Eingangsflur an, erreichte schließlich die Haustür, öffnete sie, ging hinaus in die Nacht. Über das feuchte Gras zu meinem Wagen. Vollführte jede Bewegung mit Absicht sehr bedächtig und bewusst, als wäre es womöglich ein Ausgleich für das, was gerade passiert war, wenn ich jetzt über jede noch so banale Kleinigkeit die Kontrolle behielt.
Das Einzige allerdings, was ich während der gesamten Fahrt nach Hause vermied, war, mir selbst ins Gesicht zu schauen. Weder im Seitenspiegel. Noch im Rückspiegel. Bei jedem Stoppschild, jeder Ampel, jedes Mal, wenn ich runterschalten musste, suchte ich nach einem vor mir liegenden Punkt, den ich fixieren konnte: den Kotflügel des Autos, das vor mir herfuhr, ein Gebäude in der Ferne, sogar die durchbrochene gelbe Mittellinie auf dem Asphalt. Ich wollte mich nicht so sehen.
Als ich heimkam, saß mein Vater wie immer allein vor dem Fernseher und wartete. In dem Moment, da ich das Haus betrat, sah ich es, das fahle, flackernde Licht.
»Annabel?«, rief er. Gleichzeitig wurde der Fernseher leiser, bis er den Ton endgültig abgestellt hatte. »Bist du das?«
Da stand ich in unserem Hausflur und wusste: Sofern ich nicht zumindest kurz bei ihm reinschaute, würde er misstrauisch werden. Ich kämmte mir rasch mit den Fingern durchs Haar, atmete tief durch und ging ins Wohnzimmer. »Ja, ich bin’s.«
Er drehte sich auf seinem Sessel um, blickte mich an. »Hattest du einen netten Abend?«
»War ganz okay«, antwortete ich.
»Da läuft gerade eine großartige Sendung.« Er deutete auf den Fernseher. »Geht um Roosevelts Politik zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise während der Großen Depression, den New Deal. Interessant, findest du nicht?«
An jedem anderen Abend hätte ich mich zu ihm gesetzt. Das war unsere persönliche kleine Tradition, sogar, wenn ich nur einige Minuten lang bei ihm blieb. Doch an diesem Abend konnte ich einfach nicht.
»Nein danke, bin ziemlich müde. Ich denke, ich gehe besser ins Bett.«
»In Ordnung.« Er wandte sich wieder zum Fernseher um. »Gute Nacht, Annabel.«
»Gute Nacht.«
Mein Vater nahm die Fernbedienung zur Hand. Ich ging in den Flur zurück. Mondlicht fiel in schräg geneigten Strahlen durch das Fenster über der Tür, beleuchtete das große, gerahmte Foto von meiner Mutter, meinen Schwestern und mir an der gegenüberliegenden Wand. In dem silbernen Licht konnte man jede Einzelheit erkennen: die Wellenkämme im Hintergrund, den leichten Graustich des Himmels. Ich stand eine Weile da und betrachtete uns, dort alle miteinander. Sog Kirstens Lachen, Whitneys gequälten Blick, die Art, wie meine Mutter ihren Kopf leicht zur Seite geneigt hielt, in mich auf. Als ich bei meinem eigenen Gesicht – in sich selbst strahlend, aber von unendlich viel Dunkelheit umrahmt – angelangt war, kam es mir für einen Moment so vor, als würde ich eine Person anstarren, die ich gar nicht kannte. Wie ein Wort, das man millionenfach geschrieben oder gelesen hat und das dennoch auf einmal ganz seltsam oder falsch aussieht. Fremd. Und man erschrickt kurz, als würde einem in dem Moment auffallen, dass man etwas verloren hat, obwohl man gar nicht sicher ist, was eigentlich.
Am nächsten Tag rief ich mehrmals bei Sophie an, aber sie ging nicht ans Telefon. Ich wusste, ich hätte zu ihr gehen und ihr das persönlich erklären sollen. Aber jedes Mal, wenn ich kurz davor war, schossen mir blitzartig Erinnerungen an das dunkle Zimmer durch den Kopf: wie dieser Arm meinen Mund zupresste, wie meine Füße krachend gegen die Tür schlugen. Und ich schaffte es einfach nicht, loszugehen. Im Gegenteil, immer wenn ich daran dachte, was passiert war, drehte sich mir der Magen um, stieg mir Galle in die Kehle. Als ob ein Teil von mir das Geschehene hochtreiben, ausstoßen, meinen Körper davon reinigen wollte, weil ich selbst das anscheinend nicht fertigbrachte.
Die Alternative war natürlich auch nicht prickelnd. Sophie hatte mich schon jetzt als Schlampe gebranntmarkt. Und wer weiß, wie die Geschichte im Laufe der letzten Stunden noch aufgebläht und übertrieben worden war. Und dennoch: Was sich tatsächlich ereignet hatte, war noch viel, viel schlimmer als alles, was Sophie in ihrem Wahn daraus machen und überall rumerzählen konnte.
Wenigstens wusste ich, tief in mir drinnen, dass ich nichts falsch gemacht hatte. Es war nicht mein Fehler gewesen. In einer besseren Welt hätte ich es allen erzählen können, ohne mich dafür schämen zu müssen. Aber im realen Leben war das nicht so simpel. Ich war es gewohnt, im Rampenlicht zu stehen, angeschaut zu werden – es war Teil meines Lebens, schon immer gewesen, solange ich mich zurückerinnern konnte. Aber wenn die Leute erst einmal von der Sache erfuhren, würden sie mich garantiert auf eine andere Art wahrnehmen. Nicht länger mich sehen, sondern nur noch das, was mir zugestoßen war. Alles Verletzliche und Verletzte, Beschämende, Intime würde nach außen gekehrt, ihren scharfen, forschenden Blicken ausgesetzt sein. Ich wäre nicht länger das Mädchen, das alles hat, sondern die, die überfallen und halb vergewaltigt worden war. Hilflos, ohnmächtig gewesen war. Deshalb erschien es mir sicherer, das Geschehene für mich zu behalten. Dann gab es wenigstens nur einen Menschen, der ein Urteil darüber fällen konnte: mich selbst.
Natürlich kamen auch Zeiten, in denen ich mich fragte, ob diese Entscheidung wirklich richtig war. Aber während die Tage und Wochen vergingen, hatte ich zunehmend das Gefühl, jetzt wäre es ohnehin zu spät. Sogar, wenn ich es überhaupt fertiggebracht hätte, darüber zu reden. Je länger es her war, umso weniger Leute würden mir glauben. Dachte ich jedenfalls.
Deshalb unternahm ich gar nichts.
Ein paar Wochen später war ich mit meiner Mutter im Drogeriemarkt, um ein paar Sachen zu besorgen, als sie plötzlich fragte: »Ist das nicht Sophie?«
Ja, es war Sophie. Sie stand am anderen Ende des Ganges, eine Zeitschrift in der Hand. Ich beobachtete, wie sie eine Seite umblätterte und wegen etwas, das sie dort entdeckte, kritisch das Gesicht verzog. »Stimmt, das ist sie.«
»Geh ruhig hin und sag Hallo. Ich suche zusammen, was wir brauchen.« Meine Mutter nahm mir die Einkaufsliste aus der Hand. »Wir treffen uns vorn bei den Kassen, einverstanden?« Sie schob den Einkaufskorb auf ihrem Arm etwas höher und ging. Ließ uns allein.
Ich hätte ihr einfach folgen sollen. Stattdessen – aus welchem Grund auch immer – ging ich tatsächlich zu Sophie hinüber. Erreichte sie in dem Moment, als sie die Zeitschrift, deren Titelbild ganz der aktuellsten, spektakulären Promi-Scheidung gewidmet war, ins Regal zurückstopfte.
»Hi.«
Sophie zuckte leicht zusammen, drehte sich um. Als sie mich sah, verengten sich ihre Augen zu Schlitzen. »Was willst du?«
Ich hatte mir nicht überlegt, was ich sagen wollte. Und selbst wenn – es wäre nur noch schwerer geworden. »Hör mal …« Ich warf einen Blick in den nächsten Gang, wo meine Mutter interessiert eine Medikamentenwerbung betrachtete. »Ich wollte nur –«
»Wie kommst du überhaupt dazu, mich anzulabern?« Ihre Stimme war laut, viel lauter als meine. »Ich habe dir nichts zu sagen.«
»Sophie.« Ich flüsterte beinahe. »Es war nicht so, wie du denkst.«
»Wie ich denke? Jetzt bist du also auch noch Hellseherin, nicht nur Schlampe?«
Ich merkte, wie ich bei dem Wort rot wurde. Unwillkürlich sah ich noch einmal zu meiner Mutter hinüber. Ob sie uns wohl hören konnte? Doch sie erwiderte meinen Blick mit einem Lächeln und nickte zu uns, bevor sie weiterlief, in den nächsten Gang.
»Probleme, Annabel? Lass mich raten: euer übliches Familiendrama?«
Ich schaute sie verwirrt an. Bis es mir wieder einfiel: So was in der Art hatte ich zu Will gesagt, als wir an jenem Abend in der Nische standen. Weshalb ich das getan hatte, war mir bis heute nicht klar. Es war so idiotisch gewesen, ihm überhaupt auch nur ansatzweise mein Herz auszuschütten. Und natürlich hatte er ihr prompt davon erzählt, es geschickt gegen mich verwendet. Ich konnte ihn förmlich vor mir sehen: Lang und schmutzig hatte er Sophie beschrieben, wie ich mich ihm erst anvertraut hatte und ihm anschließend die Treppe hinauf gefolgt war. »Keine Ahnung«, hatte er an jenem Abend gemeint, als ich – wir beide – auf eine Erklärung von ihm wartete, »sie hat nur …«
»Wenn du weißt, dass der Kerl, mit dem du redest, eine Freundin hat – besonders, wenn ich diese Freundin bin –, lässt du die Finger von ihm und machst nichts, das man missverstehen könnte.« Zitat Sophie, von vor einigen – vor endlos vielen – Monaten, wie mir schien. »In so einem Fall hat man die Wahl, Annabel. Es ist allein deine Sache, was du tust, wie du dich entscheidest. Und sofern man sich falsch entscheidet und das Ganze ein Nachspiel hat, muss man sich leider an die eigene Nase fassen.«
So einfach war das. Für Sophie. Ich wusste, dass es nicht stimmte. Trotzdem begann ich auf einmal zu zweifeln. Bekam Schiss. Denn wie aus Puzzleteilen fügte sich die Geschichte in diesem Moment für mich noch einmal neu zusammen, und zwar aus Sophies Perspektive. Die alles, aber auch alles gegen mich verwendete. Was, wenn meine schlimmsten Befürchtungen wahr wurden? Mir niemand glaubte, selbst wenn ich alles erzählt hätte oder noch erzählen würde? Oder, noch schlimmer: Wenn man mir die Schuld daran gäbe?
Mein Magen drehte sich; der widerliche Geschmack, den ich nur allzu gut kannte, stieg mir in den Mund.
Sophie sah zu meiner Mutter hinüber, beobachtete sie einen Moment lang. Wodurch mir plötzlich wieder vor Augen stand, wie heftig sie an jenem Abend beim Essen zusammengezuckt war, als Whitney ihren Stuhl gegen den Tisch gedonnert hatte. Nicht nur in dem Moment hatte ich mir solche Sorgen um sie gemacht; es hatte schließlich viele Momente in der Art gegeben. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie meine Mutter reagieren würde, wenn sie, möglicherweise durch einen blöden Zufall oder hintenrum, davon erfuhr.
»Sophie, bitte, nur eins –«
»Lass mich in Ruhe. Ich will nie wieder etwas mit dir zu tun haben.«
Wutschnaubend drängte sie sich an mir vorbei und rauschte ab. Ich schaffte es irgendwie, mich umzudrehen und den Gang entlang zurückzulaufen. Die Regale verschwammen vor meinen Augen. Ich nahm eine Frau wahr, die ein Kind auf der Hüfte trug; ein alter Mann schob seinen Rollator vor sich her; ein Angestellter begutachtete den Auspreisapparat in seiner Hand. Schließlich entdeckte ich meine Mutter. Sie stand vor einer Auslage für Sonnencreme und hielt bereits nach mir Ausschau.
»Da bist du ja. Wie geht es Sophie?«
Ich zwang mich, tief durchzuatmen. »Gut. Alles okay.«
Es war das erste Mal, dass ich meine Mutter wegen Sophie anlog, doch bei Weitem nicht das letzte Mal. Damals glaubte ich noch, alles, was ich im Zusammenhang mit jener Nacht empfand – die Scham, die Angst –, würde mit der Zeit verblassen. Würde heilen. So wie sich selbst eine klaffende Wunde in eine kaum sichtbare Narbe verwandeln kann. Aber nichts da. Stattdessen schienen die Dinge, die mir in Erinnerung geblieben waren, vor allem die kleinsten Details, im Laufe der Zeit erst recht intensiver zu werden, bis ich sie wie ein Gewicht auf meiner Brust spürte. Doch nichts hing mir so nach wie der Moment, als ich den stockdunklen Raum betrat, wo das Grauen auf mich wartete. Und wie das Licht anschließend aus dem Albtraum Realität gemacht hatte. Diese eine Erinnerung konnte ich einfach nicht verdrängen. Jedes Mal, wenn ich hinausging, ins helle Sonnenlicht, oder in ein dunkles Zimmer, wo ich erst einmal den Lichtschalter ertasten musste, stürzte alles, was geschehen war, wieder auf mich ein.
Denn im Grunde ging es genau darum: Früher einmal war der Unterschied zwischen hell und dunkel vollkommen klar gewesen. Das eine war eben gut, das andere schlecht. Doch nun lagen die Dinge nicht mehr so eindeutig. Zwar blieb das Dunkle geheimnisvoll, etwas, vor dem man Angst hatte, weil es Unbekanntes in sich verbergen mochte. Aber mittlerweile hatte ich gelernt, auch das Licht zu fürchten. Es legte alles offen oder erweckte zumindest diesen Anschein. Wenn ich die Augen schloss, sah ich die Schwärze, die mich permanent an diese eine Erfahrung, an mein tiefstes Geheimnis, erinnerte. Hatte ich die Augen jedoch geöffnet, erstreckte sich vor mir nichts als die Welt, die nach wie vor nichts davon ahnte. Sie war hell erleuchtet, man konnte ihr nicht entrinnen und aus irgendeinem Grund existierte sie einfach weiter.