Im Gerichtssaal sah ich Will Cash zunächst immer nur von hinten und ganz kurz. Seinen Hinterkopf, seinen Arm im Anzug, ein rascher Blick aufs Profil, alles nur flüchtige Eindrücke. Im ersten Moment war das irgendwie frustrierend, machte mich noch nervöser als ohnehin schon. Doch je näher der Zeitpunkt rückte, an dem ich in den Zeugenstand gerufen werden sollte, umso mehr gab ich mich damit zufrieden. Fand es am Ende eigentlich sogar besser. Teilstücke, Fragmente waren immer einfacher zu verarbeiten. Das Bild in seiner Gesamtheit zu sehen und auszuhalten, war etwas völlig anderes. Trotzdem, man konnte nie wissen. Manchmal überraschten einen die Menschen tatsächlich.
Es meiner Familie zu erzählen, war am Ende doch erheblich schwieriger als bei Owen. Aber ich hatte es geschafft, auch durch die heikelsten Passagen hindurch, als meine Mutter die Luft anhielt, mein Vater die Lippen aufeinanderpresste, Kirsten neben mir zu zittern begann. Trotzdem fuhr ich fort, den Blick fest auf Whitney gerichtet, die nicht ein einziges Mal zusammenzuckte. Sie war von uns allen die Stärkste. Deshalb ließ ich sie bis zum Schluss nicht aus den Augen.
Meine Mutter überraschte mich tatsächlich. Sie brach weder zusammen, noch implodierte sie, obwohl es für sie mit Sicherheit unerträglich war, mit anzuhören, was ich durchgemacht hatte. Hinterher, als Kirsten vor sich hin schluchzte und Whitney meinem Vater half, Andrea Thomlinsons Visitenkarte in meinem Zimmer zu finden, weil er sie wegen genauerer Informationen anrufen wollte, saß meine Mutter still neben mir, hatte den Arm um meine Schulter gelegt und streichelte sanft über mein Haar, immer und immer wieder.
An diesem Morgen, auf der Fahrt zum Gericht, saß ich zwischen meinen Schwestern auf dem Rücksitz und beobachtete meine Eltern von hinten. Ab und zu bewegte sich die Schulter meiner Mutter und ich wusste, jetzt streckte sie die Hand aus, um die meines Vaters beruhigend zu tätscheln. Ganz so, wie er es während einer anderen, gemeinsamen Autofahrt bei ihr getan hatte, an einem anderen Tag, als langsam ein anderes Geheimnis ans Tageslicht gekommen war. Was noch gar nicht so lange her war.
Mir fiel auf, dass ich meine Eltern mein ganzes Leben lang immer nur auf eine Art betrachtet hatte. Als könnten sie auch nur so sein: die eine schwach, der andere stark. Die eine verunsichert und verängstigt, der andere zupackend und unerschrocken. Doch allmählich begann ich zu begreifen, dass es so etwas wie absolut nur das eine oder das andere weder im Leben noch bei Menschen gibt. Wie hatte Owen es einmal ausgedrückt: Man konnte es nur Tag für Tag angehen, vielleicht sogar bloß Moment für Moment. Konnte nichts anderes tun, als so viel Gewicht zu schultern, wie man eben tragen konnte. Und wenn man Glück hatte, war zufällig wer in der Nähe, der den Rest übernahm.
Gegen Viertel vor neun liefen wir auf das Gerichtsgebäude zu. Ich musterte die Leute, die um den Brunnen herum standen, suchte Owen mit den Augen. Er war nicht da. Nicht in jenem Moment und auch nicht, nachdem meine Mutter und ich uns mit Andrea Thomlinson in einem Büro in der Nähe zusammengesetzt hatten, um meine Aussage noch einmal durchzugehen. Er tauchte nicht einmal auf, als sich die Türen zum Gerichtssaal öffneten, wir im Gänsemarsch hineingingen und in der Reihe gleich neben Emily und ihrer Mutter unsere Plätze einnahmen. Ich hielt weiter nach ihm Ausschau, dachte, er würde vielleicht in letzter Minute hereinschlüpfen, gerade noch rechtzeitig. Aber er kam nicht. Was ihm überhaupt nicht ähnlich sah. Ich fing an, mir Sorgen zu machen.
Nach anderthalb Stunden wurde ich vom Staatsanwalt als Zeugin aufgerufen. Ich stand auf, ging an meinen Schwestern vorbei zum Ende der Reihe, wobei meine Handflächen über die Lehne der Bank vor uns strichen, vielmehr glitschten – so sehr schwitzten sie. Ich trat auf den Mittelgang hinaus. Und war auf mich allein gestellt.
Während ich nach vorne ging, hätte ich erstmals freie Sicht auf alles und jeden – Zuschauer, Richter, Staatsanwälte, Verteidiger – gehabt, beschloss aber, mich einzig auf den Gerichtsdiener zu fixieren, der neben dem Zeugenstand auf mich wartete. Ich setzte mich. Spürte, wie mein Herz schlug, als ich auf seine Fragen antwortete und der Richter mir zunickte. Erst als der Staatsanwalt aufstand und sich mir zuwandte, gestattete ich mir einen Blick auf Will Cash.
Als Erstes stach mir nicht sein schicker Anzug ins Auge oder sein neuer Haarschnitt: stoppelkurzer Bubischnitt; sollte ihn wahrscheinlich jünger und unschuldig wirken lassen. Auch sein Gesicht – zusammengekniffene Augen, verkrampfter Mund – nahm ich gar nicht wirklich wahr. Alles, was ich sah, war der dunkle Ring unter seinem linken Auge, seine gerötete Wange. Man hatte versucht, das Veilchen zu überschminken, aber es war trotzdem deutlich erkennbar. Klar wie der helle Tag.
»Nennen Sie uns Ihren Namen fürs Protokoll, bitte«, forderte der Staatsanwalt mich auf.
»Annabel Greene.« Meine Stimme zitterte.
»Kennen Sie William Cash, Annabel?«
»Ja.«
»Könnten Sie ihn uns bitte zeigen?«
Nachdem ich so lange geschwiegen hatte, kam es mir vor, als hätte ich in den letzten vierundzwanzig Stunden ununterbrochen geredet. Aber mit etwas Glück war das hier für lange Zeit das letzte Mal, dass ich reden musste. Vielleicht fiel es mir deshalb nicht allzu schwer, mich zu beruhigen, tief durchzuatmen, loszulegen.
»Da.« Ich hob die Hand, deutete auf ihn. »Da sitzt er.«
***
Als es vorbei war, liefen wir durch die dunkle Eingangshalle des Gerichtsgebäudes in die Mittagssonne hinaus, die so hell war, dass meine Augen einen Moment brauchten, um sich daran zu gewöhnen. Und dann, bevor ich irgendetwas anderes wahrnehmen konnte, entdeckte ich Owen.
Er saß auf dem Brunnenrand, trug Jeans sowie ein weißes T-Shirt, hatte eine blaue Jacke darübergezogen und seine Kopfhörer baumelten um seinen Hals. Es war um die Mittagszeit, der Platz wimmelte von Menschen: Geschäftsleute mit Aktentaschen, Studenten von der Uni, eine Gruppe Vorschüler, die sich an den Händen hielten und brav in einer Reihe liefen. Als Owen mich sah, stand er auf.
»Was haltet ihr davon«, fragte meine Mutter, strich mir mit der Hand über den Arm, »wenn wir alle zusammen etwas essen gehen? Was meinst du, Annabel? Hast du Hunger?«
Ich blickte zu Owen hinüber, der mich aus der Ferne beobachtete, Hände in den Taschen. »Ja. Nur einen Moment, bitte.«
Als ich die Treppe hinunterlief, hörte ich, wie mein Vater fragte, wo ich hingehe, und meine Mutter antwortete, sie habe keine Ahnung. Bestimmt blickte mir meine gesamte Familie nach; doch ich schaute mich beim Überqueren des Platzes nicht um, sondern ging schnurstracks auf Owen zu. Er machte ein ganz seltsames Gesicht, trat von einem Fuß auf den anderen. So hatte ich ihn noch nie erlebt. Offenbar war ihm ziemlich unbehaglich zumute.
»Hey«, sagte er rasch, sobald ich in Hörweite gekommen war.
»Hallo.«
Er holte tief Luft, wollte etwas sagen, ließ es aber, rieb sich mit der Hand übers Gesicht. »Hör mal, mir ist klar, dass du stinksauer auf mich sein musst.«
Was jedoch merkwürdigerweise gar nicht stimmte. Als er nicht auftauchte, war ich erst überrascht, dann besorgt gewesen. Doch die ganze Erfahrung im Gericht, die hinter mir lag, hatte mich dermaßen umgehauen – war allerdings gleichzeitig wie eine Erlösung gewesen –, dass ich Owen, nachdem ich den Zeugenstand betreten hatte, fast vergessen hatte. Das wollte ich ihm gerade erzählen, doch er hatte bereits wieder zu sprechen angefangen.
»Ich hätte da sein müssen. Punkt. Ich habe keinerlei Entschuldigung.« Er sah zu Boden, schabte mit dem Fuß übers Pflaster. »Ich meine, es gibt schon einen Grund. Aber keine Entschuldigung.«
»Owen. Du brauchst –«
»Es ist etwas passiert.« Seufzend schüttelte er den Kopf, lief hochrot an, hibbelte peinlich berührt von einem Bein aufs andere. »Etwas Idiotisches. Ich habe einen Fehler gemacht, und …«
Plötzlich – aber wirklich erst jetzt – fiel bei mir der Groschen, konnte ich mir alles zusammenreimen: dass Owen nicht da gewesen war, jetzt vor lauter Verlegenheit fast im Boden versank und Will Cash ein blaues Auge hatte. Ach du liebe Zeit, dachte ich.
»Owen«, sagte ich leise. »Das ist nicht dein Ernst.«
»Ich habe die Situation falsch eingeschätzt«, sagte er schnell. »Und ich bereue es echt.«
»Es.«
»Ja.«
Ein Geschäftsmann, der etwas über Fusionen in sein Handy trompetete, ging an uns vorbei. »Platzhalter«, lautete mein einziger Kommentar.
Er wand sich wie ein Wurm am Haken. »Dachte mir schon, dass du so etwas sagen würdest.«
»Komm, du wusstest, ich würde genau das Wort benutzen.«
»Ist ja gut.« Er raufte sich geradezu die Haare. »Ich hatte eine ausführliche Grundsatzdiskussion mit meiner Mutter, aus der ich mich schlecht rausziehen konnte.«
»Eine Grundsatzdiskussion. Worüber?«
Wieder zuckte er zusammen. Hielt es echt kaum noch aus. Aber ich konnte nichts dafür: Nachdem ich so lange auf der anderen Seite der Wahrheit gestanden hatte, merkte ich auf einmal, dass es beinahe Spaß machte, diejenige zu sein, welche die Fragen stellte.
»Nun ja.« Er hüstelte. »Genau genommen muss ich gerade eine längere Strafe absitzen. Eine sehr lange Strafe, Ende fast nicht absehbar. Deshalb musste ich eine Art Freigang aushandeln, bevor ich abhauen durfte. Und das dauerte länger, als ich dachte.«
»Du hast also Hausarrest«, stellte ich klar.
»Ja.«
»Weswegen?«
Erneut wand er sich und zappelte, schüttelte den Kopf, blickte über den Brunnen auf einen Punkt in der Ferne. Wer hätte gedacht, dass es Owen Armstrong, dem ehrlichsten Jungen der Welt, so schwerfallen würde, die Wahrheit zu sagen? Aber wenn ich ihn unumwunden fragte, würde er antworten, da war ich mir sicher.
»Owen«, sagte ich. Sein Unbehagen drückte sich in körperlichen Zuckungen aus, bis in die Schultern hinauf. »Was hast du gemacht?«
Er sah mich fast eine Minute lang stumm an. Schließlich seufzte er abgrundtief. »Will Cash eine verpasst.«
Ich schüttelte entgeistert den Kopf. »Was um alles in der Welt hast du dir dabei gedacht?«
»Na ja, ehrlich gesagt … gar nichts.« Seine Gesichtsfarbe wechselte von Hoch- zu Tiefrot. »Direkt vor hatte ich es jedenfalls nicht.«
»Du hast ihm aus Versehen eine verpasst?!«
»Nein.« Er warf mir einen Blick zu. »Okay, willst du es wirklich wissen?«
»Würde ich sonst fragen?«
»Hör mal, die Wahrheit ist … also, nachdem du gestern gegangen bist, war ich echt stinkig. Ich meine, ich bin auch bloß ein Mensch oder etwa nicht?«
»Doch. Bist du.«
»Ich wollte ihn nur mal etwas genauer unter die Lupe nehmen. Das war’s auch schon. Außerdem wusste ich, dass er manchmal bei dieser elend miesen Perkins Day-Band mitspielt, die gestern Abend bei einem Showcase im Bendo auftreten würde. Deshalb dachte ich mir, vielleicht ist er ja dabei. War er auch. Was schon an und für sich ätzend ist. Wer geht am Abend vor seiner eigenen Gerichtsverhandlung in einen Club, und dann auch noch, um in so einer Kackband mitzuspielen? Es ist –«
»Owen.«
»Im Ernst jetzt. Hast du überhaupt eine Ahnung, wie grottig schlecht die Typen sind? Selbst für eine Cover-Band! So was von jämmerlich, glaub’s mir. Ich meine, wer sich auf die Bühne stellt und von vornherein zugibt, er könne nicht einmal seine eigenen Stücke schreiben, sollte zumindest in der Lage sein, die Songs anderer anständig zu interpretieren …«
Ich sah ihn nur an.
»Okay.« Wieder fuhr er sich mit der Hand durchs Haar. »Egal, jedenfalls war er da, ich habe ihn mir ein bisschen angeguckt, Ende der Geschichte.«
»Das ist definitiv nicht das Ende der Geschichte«, sagte ich streng.
Worauf Owen widerstrebend fortfuhr: »Ich habe mir ihren Auftritt angesehen. Indiskutabel, wie schon gesagt. Ich musste raus, Luft schnappen. Und da stand er, rauchte sich eine. Laberte mich auf einmal an. Als würden wir uns kennen, als wäre er nicht voll der Abschaum, dieses verfluchte, widerliche Arschloch.«
»Owen«, sagte ich beschwichtigend.
»Ich merkte, wie ich innerlich anfing zu kochen.« Er verzog selbstkritisch das Gesicht, bekam die nächsten Worte kaum über die Lippen. »Mir war absolut klar, ich hätte dringend durchatmen sollen, einfach weitergehen und so weiter. Aber ich hab’s nicht gemacht. Er rauchte seine Zigarette fertig, wollte gerade wieder rein. Aber als er mir dann plötzlich auch noch auf die Schulter haute, bin ich …«
Ich trat einen Schritt auf ihn zu.
»... ausgerastet. Habe komplett die Kontrolle verloren.«
»Ist schon gut«, sagte ich.
»Ich wusste im selben Moment, dass ich es bereuen würde«, fuhr er fort. »Dass es die Sache nicht wert war. Aber da war es auch schon passiert. Ich bin vor allem auch auf mich ganz schön sauer, das kannst du mir ruhig glauben.«
»Tue ich.«
»Nur ein Schlag«, brummte er, bevor er hastig hinzufügte: »Was es nicht rechtfertigt. Außerdem hatte ich verdammtes Glück im Unglück, weil uns der Türsteher sofort getrennt und gesagt hat, wir sollen verschwinden. Und weil er nicht die Bullen gerufen hat. Denn in dem Fall …« Er verstummte kurz. »Es war einfach ultradämlich.«
»Aber deiner Mutter hast du es erzählt. Immerhin.«
»Sie hat auf den ersten Blick gesehen, wie stinkig ich war, als ich nach Hause kam, und sofort nachgefragt, was passiert sei. Da musste ich ihr natürlich reinen Wein einschenken –«
»Weil du immer ehrlich bist.« Ich trat noch einen Schritt vor.
»Nun denn, ja.« Er sah mich an, vielmehr zu mir runter. »Sie war auf hundertachtzig, um es gelinde auszudrücken. Fand, völlig zu Recht, dass ich jetzt mit den Konsequenzen, sprich der Strafe, leben muss. Aber als ich heute trotzdem unbedingt herkommen wollte, wurde die Sache ein bisschen knifflig.«
»Ist schon gut.«
»Ist es nicht.« Hinter ihm sprudelte der Brunnen, Sonnenlicht glitzerte auf der Wasseroberfläche. »Weil ich eigentlich nicht so bin. Jedenfalls nicht mehr. Aber ich bin schlicht und einfach … ausgeflippt.«
Ich strich ihm eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Findest du wirklich?«
»Bitte was?«
»Ich weiß nicht«, meinte ich achselzuckend. »Aber für mich ist das nicht ausflippen.«
»Nicht?« Er stutzte, sah mich an. »Ach so, ja. Richtig.«
»Ausflippen bedeutet für mich etwas anderes. Einfach abhauen, niemandem sagen, was los ist, langsam im eigenen Saft schmoren, bis man explodiert. Eher in der Art.«
»Ah ja. Alles bloß eine Frage der Definition, schätze ich.«
»Denke ich auch.«
Immer noch wuselten die Menschen um uns herum, liefen hierhin, dorthin, verbrachten ihre Mittagspause so angenehm oder sinnvoll wie möglich, ehe der Rest des Tages begann. Ich wusste, dass irgendwo hinter mir meine Familie auf mich wartete. Dennoch ergriff ich Owens Hand, streichelte sie.
»Sieht fast so aus«, meinte er und seine Finger umschlangen die meinen, »als hättest du auf alles eine Antwort.«
»Nö. Ich versuche nur, unter den gegebenen Umständen mein Bestes zu geben.«
»Und wie läuft das so?«
Darauf gab es keine schnelle Antwort. Wie so vieles andere war auch das eine lange Geschichte. Aber was jede Geschichte erst real werden lässt, ist jemand, der zuhört. Und versteht.
»Na ja, es läuft eben so, irgendwie, einen Tag nach dem anderen«, antwortete ich.
Er lächelte mich an. Ich erwiderte sein Lächeln, trat noch näher, wandte ihm mein Gesicht zu. Als er sich vorbeugte, um mich zu küssen, schloss ich die Augen. Sah in dem Moment jedoch nicht das übliche, undurchdringliche Schwarz der Dunkelheit. Sondern etwas anderes. Etwas Strahlendes, fast wie ein kleines Licht, das zart, aber beständig leuchtete. Mehr als genug für mich, um vorwärtszugehen, Schritt für Schritt, mich aus der Tiefe hochzuarbeiten, auszubrechen, dem Licht entgegen. Endlich.