»Sophie!«
Endlich klingelte es zur Mittagspause, was bedeutete, dass dieser Tag, also der erste Schultag nach den Ferien, wenigstens zur Hälfte vorüber war. Auf dem Flur um mich herum knubbelte es sich, es herrschte ein unbeschreiblicher Lärm, Spindtüren wurden scheppernd zugeknallt, aus der Lautsprecheranlage ertönten jede Menge Ankündigungen. Dennoch hörte ich Emily Shusters Stimme klar und deutlich über den Krach hinweg: »Sophie!«
Ich sah den Flur entlang Richtung Treppe, doch da kam Emily mir auch schon entgegen. Ihr Rotschopf hüpfte zwischen den anderen hindurch, als tanzte sie über Wellen. Kaum einen Meter von mir entfernt schälte sie sich aus der Masse heraus, stand plötzlich vor mir. Unsere Blicke trafen sich, allerdings nur kurz, denn sie ging rasch weiter, auf Sophie zu, die am Ende des Flurs auf sie wartete.
Da ich als Erste mit Emily befreundet gewesen war, hatte ich mich für einen Augenblick der Vorstellung hingegeben, dass sie vielleicht – nur vielleicht – immer noch meine Freundin war. Und mich offensichtlich geirrt. Die Grenzen waren gezogen worden. Und jetzt wusste ich mit Bestimmtheit, dass ich außerhalb stand.
Ich hatte natürlich noch andere Freunde. Leute, die ich aus meinen verschiedenen Kursen kannte oder von Lakeview Models, eine Agentur, für die ich mittlerweile schon seit Jahren jobbte. Trotzdem wurde mir allmählich klar, dass mein freiwilliger Rückzug während der Sommerferien besser funktioniert hatte als gedacht – besser, aber auch anders als beabsichtigt und erhofft. Denn nachdem es passiert war, hatte ich mich erst einmal total aus allem rausgezogen, weil ich das für sicherer hielt, als mir die Vorwürfe der anderen anzuhören oder zu riskieren, dass sie schlecht über mich dachten. Ich war nicht mehr ans Telefon gegangen, und wenn ich Leute, die ich kannte, in der Mall oder im Kino sah, ging ich ihnen aus dem Weg. Weil ich nicht über das sprechen wollte, was geschehen war, hielt ich es für die beste und ungefährlichste Lösung, überhaupt nicht mehr zu reden. Mit dem Ergebnis, dass ich heute Morgen nur eine Reaktion auf mein Erscheinen erlebte: Kühle. Distanziertheit. Egal ob ich die Mädchen begrüßte, die ich kannte oder mich zu Leuten dazustellte, die angeregt schwatzten – jedes Mal blieb mir gar nichts anderes übrig, als mich nach kurzer Zeit mit einer gemurmelten Bemerkung wieder zu entfernen. Damals, im Mai, hatte ich mir nichts sehnlicher gewünscht, als allein zu sein. Dieser Wunsch wurde mir nun erfüllt. Aber so was von.
Dass Sophie und ich mal eine Clique gebildet hatten, half mir auch nicht gerade weiter. Nach dem Motto »mitgehangen, mitgefangen« war ich automatisch an ihren diversen Vergehen und Verstößen gegen die Schuletikette beteiligt, selbst wenn ich nicht die Wortführerin gewesen war. Ihr unsoziales Verhalten hatte zu manchem Skandal geführt. Kein Wunder also, dass viele unserer Mitschüler nicht eben voller Begeisterung auf mich zustürmten. In den Augen der Mädchen, die Sophie beleidigt, gepiesackt und ausgegrenzt hatte, geschah es mir gerade recht, dass ich nun einen Schluck von der Medizin verpasst bekam, die ihnen selbst so bitter geschmeckt hatte. Wenn sie Sophie schon nicht zur Außenseiterin machen konnten, war ich zumindest das zweitbeste Opfer.
Ich durchquerte die Eingangshalle und blieb vor den Glastüren stehen, durch die man auf den Schulhof hinaussehen konnte.
Die diversen Cliquen und Grüppchen unserer Schule – Supersportler, Kunstfreaks, Intellektuelle, Loser – tummelten sich auf den Rasenflächen und Wegen. Jeder gehörte irgendwo hin, irgendwo dazu, und es hatte eine Zeit gegeben, da wusste ich das auch, sogar sehr genau: auf die lange Holzbank neben dem Hauptweg, auf der Sophie und Emily saßen. Doch mittlerweile fragte ich mich, ob ich überhaupt hinausgehen sollte.
»Wie jedes Jahr hat die Herbstsaison begonnen«, sagte jemand mit künstlich hoher Stimme in meinem Rücken. Gelächter ertönte; als ich mich umdrehte, sah ich ein paar Kerle aus unserer Football-Schulmannschaft, die vor dem Schulsekretariat herumlungerten. Ein großer Typ mit Dreadlocks machte nach, wie ich mich bei dem Jungen aus dem Werbespot einhakte; die anderen schauten grinsend zu. Ich wusste, sie alberten bloß rum, und normalerweise hätte es mich auch nicht weiter gestört. Aber in jenem Moment merkte ich nur, dass ich hochrot im Gesicht wurde. Prompt stieß ich die Tür auf und trat ins Freie.
Zu meiner Rechten befand sich eine lange, niedrige Mauer, auf die ich nun auf der Suche nach einem Platz zum Sitzen – irgendeinem Platz – zulief. Auf der Mauer hockten exakt zwei Leute, und zwar so weit auseinander, dass klar wurde, sie gehörten nicht zusammen. Eine von beiden war Clarke Reynolds. Der andere Owen Armstrong. Ich setzte mich auf die breite Fläche zwischen ihnen. Es war ja schließlich nicht so, dass ich eine großartige Wahl gehabt hätte, was einen Ort zum Sitzen betraf oder jemanden, mit dem ich die Mittagspause verbringen konnte.
Die Ziegelsteine unter meinen nackten Beinen fühlten sich warm an. Umständlich packte ich das Lunchpaket aus, das meine Mutter mir an diesem Morgen mitgegeben hatte: Putenbrustsandwich, eine Flasche Mineralwasser, eine Nektarine. Ich schraubte den Verschluss von der Wasserflasche und nahm einen großen Schluck. Erst dann riskierte ich einen vorsichtigen Blick in meine Umgebung. Sophie beobachtete mich von der Bank aus. Als unsere Blicke sich trafen, lächelte sie schmal, schüttelte abfällig den Kopf und sah wieder weg.
Wie tief kann man sinken, sagte ihre Stimme in meinem Kopf. Ich schob Stimme und Gedanken beiseite. Ich wollte überhaupt nicht bei ihr sitzen, selbst wenn ich gekonnt hätte. Andererseits hätte ich es mir auch nie träumen lassen, mich ausgerechnet zwischen Clarke auf der einen und dem größten Schläger unserer Schule auf der anderen Seite wiederzufinden.
Clarke kannte ich wenigstens oder hatte sie mal gekannt. Über Owen Armstrong hingegen wusste ich bloß das, was man weiß, wenn man jemanden immer bloß von Weitem sieht. Dass er groß und durchtrainiert war, mit breiten Schultern, muskulösen Oberarmen. Dass er grundsätzlich Stiefel mit dicken Gummisohlen trug, wodurch er noch größer wirkte, seine Schritte noch schwerer. Sein kurzes dunkles Haar stand oben auf dem Kopf leicht stachelig ab und ich hatte ihn noch nie ohne sein iPod inklusive Kopfhörer erlebt, die er überall trug, drinnen, draußen, während des Unterrichts, außerhalb des Unterrichts. Ich nahm zwar an, dass er Freunde hatte, bestimmt, hatte ihn aber noch nie mit jemandem reden sehen.
Und dann die Sache mit der Prügelei. Letzten Januar, auf dem Schulparkplatz, bevor es zur ersten Stunde läutete. Ich war gerade aus meinem Auto gestiegen, da sah ich Owen auf dem Weg Richtung Schulgebäude, Rucksack über die Schulter geworfen, die unvermeidlichen Kopfhörer auf den Ohren. Er kam an Ronnie Waterman vorbei, der an seinem Wagen lehnte und mit ein paar Kumpels quatschte. Typen wie Ronnie gibt es an jeder Schule – so eine miese Ratte, die Leuten auf dem Flur ein Bein stellt oder jedes Mal »Eins a, dieser Arsch!« brüllt, wenn ein weibliches Wesen vorbeiläuft. Weil Luke, sein älterer Bruder, das exakte Gegenteil gewesen war – Kapitän der Football-Mannschaft, Schulsprecher, supernett, superbeliebt –, hielt man es so eben mit Ronnie aus und sah ihm einiges nach. Aber Luke hatte im letzten Schuljahr Abi gemacht. Daher war Ronnie jetzt auf sich allein gestellt.
Owen lief so vor sich hin und dachte offensichtlich an nichts Böses, als Ronnie ihm plötzlich etwas zurief. Weil Owen nicht reagierte, stieß Ronnie sich von seinem Wagen ab und marschierte los, um Owen den Weg zu verstellen. Ich war zwar noch ein Stück weit weg, aber nah genug, um mitzukriegen, dass das keine gute Idee war. Ronnie war zwar nicht klein, aber im Gegensatz zu Owen Armstrong, der ihn um einen Kopf überragte, wirkte er wie ein Zwerg, zumal er längst nicht so kompakt gebaut war. Doch das schien Ronnie nicht weiter zu jucken. Wieder sagte er etwas zu Owen. Der warf ihm bloß einen Blick zu, wollte um ihn herumgehen. In dem Moment boxte Ronnie ihn aus heiterem Himmel gegen das Kinn.
Owen geriet ins Stolpern, wenn auch nur leicht. Ließ seinen Rucksack fallen, holte mit dem anderen Arm aus und schlug in hohem Bogen zu. Seine Hand landete mitten in Ronnies Gesicht. Das Geräusch – Faust auf Knochen – drang bis zu mir herüber.
Ronnie fiel wie vom Blitz getroffen auf den Boden; zuerst gaben seine Knie nach, sein Körper sackte nach unten, gefolgt von Schultern und Kopf, der leicht nachwippte, als er unten aufschlug. Owen ließ die Hand wieder sinken, stiefelte seelenruhig über Ronnie hinweg, hob seinen Rucksack auf und setzte seinen Weg Richtung Schule fort. Die Leute, die sich um die beiden versammelt hatten, ließen ihn hastig durch, ja, einige scheuten regelrecht vor ihm zurück. Ronnies Freunde scharten sich bereits um ihn, jemand rief aufgeregt, man müsse sofort den Parkplatzwächter zu Hilfe holen; doch mir ist am eindrücklichsten in Erinnerung geblieben, wie Owen einfach davonging. Im selben Tempo wie vorher, mit demselben Gang – als wäre er zwischendurch nicht einmal stehen geblieben.
Zu dem Zeitpunkt war Owen erst seit knapp einem Monat an unserer Schule, also noch relativ frisch. Nach diesem Vorfall durfte er einen weiteren Monat lang nicht am Unterricht teilnehmen. Als er zurückkam, hatte er Karriere gemacht: als Hauptthema des Schultratsches. Man munkelte, er sei eine Zeit lang im Jugendknast gewesen, wäre von seiner alten Schule geflogen, gehöre zu einer Gang. So viele Gerüchte über ihn schwirrten durch die Gegend, dass ich es automatisch für ein weiteres Gerücht hielt, als es einige Monate später hieß, Owen sei wegen einer Schlägerei in einem Club verhaftet worden. Aber von einem Tag auf den anderen kam er damals überhaupt nicht mehr zur Schule. Verschwand einfach. Bis jetzt.
Von Nahem betrachtet, sah Owen gar nicht aus wie ein Monster. Er hockte da in seinem roten T-Shirt, Sonnenbrille auf der Nase, und trommelte im Takt zu der Musik aus seinen Kopfhörern mit den Fingern auf seinen Knien rum. Trotzdem war es wahrscheinlich nicht so günstig, wenn er mich dabei erwischte, dass ich ihn anstarrte. Nachdem ich von meinem Sandwich abgebissen und tief Luft geholt hatte, wandte ich mich deshalb nach rechts und richtete meine Aufmerksamkeit auf – Clarke.
Sie saß auf dem anderen Ende der Mauer, hielt in der einen Hand einen Apfel und kritzelte mit der anderen etwas in das Notizbuch, das auf ihrem Schoß lag. Weißes T-Shirt, Armeehosen, Flipflops. Ihr Haar hatte sie im Nacken mit einem Gummi zusammengebunden. Ihre Brille, die sie seit etwa einem Jahr trug – ein kleines Modell mit Hornrand –, balancierte weit vorn auf ihrer Nasenspitze. Einen Moment später blickte sie auf und sah mich an.
Bestimmt hatte sie gehört, was im vergangenen Mai geschehen war. Jeder hatte davon gehört. Und dennoch – als die Sekunden vergingen und sie nicht sofort wieder wegschaute, fragte ich mich plötzlich, ob sie mir vielleicht endlich vergeben hatte. Ob ich möglicherweise eine alte Kluft schließen könnte, für die neue, die sich aufgetan hatte. Da wir beide von Sophie fertiggemacht und ausgeschlossen worden waren, würde das sogar passen. Denn wir hatten wieder etwas gemeinsam.
Sie sah mich immer noch an. Ich legte mein Sandwich hin, holte erneut tief Luft. Ich brauchte nichts weiter zu tun, als etwas zu ihr zu sagen, hier, in diesem Augenblick, irgendetwas Nettes, irgendetwas, das vielleicht – doch auf einmal wandte sie sich ab. Steckte das Notizbuch in ihre Tasche, zog den Reißverschluss zu. Dabei fuhr sie ihren Ellbogen aus; spitz ragte er in meine Richtung, ihr ganzer Körper wirkte steif, eine unmissverständliche Sprache ohne Worte. Sie hüpfte von der Mauer, schlang den Riemen der Tasche über ihre Schulter und ging davon.
Ich blickte auf mein halb gegessenes Sandwich und fühlte, wie mir ein Kloß in den Hals stieg. Überflüssigerweise, denn Clarke konnte mich schon seit Langem nicht mehr ausstehen. Wenigstens das war nichts Neues.
Ich blieb den Rest der Pause über auf der Mauer hocken und achtete sorgfältig darauf, niemandem ins Gesicht zu schauen. Schließlich blickte ich auf die Uhr. Nur noch fünf Minuten. Das Schlimmste ist vorbei, dachte ich. Aber ich sollte mich irren.
Ich steckte gerade die Wasserflasche in meine Tasche, als ich hörte, wie ein Wagen an der Mauer vorbeifuhr und am Ende der Straße wendete. Im Umdrehen sah ich einen roten Jeep, der am Bordstein hielt. Die Beifahrertür öffnete sich, ein dunkelhaariger Typ stieg aus, steckte sich eine Zigarette hinters Ohr und beugte sich noch einmal ins Wageninnere vor, um dem Fahrer etwas zu sagen. Erst als er die Tür zuwarf und sich vom Wagen entfernte, konnte ich erkennen, wer am Steuer saß. Will Cash.
Mein Magen plumpste nach unten, aber ganz konkret. Als stürzte er aus großer Höhe auf die Erde. Ich hörte nichts mehr, sämtliche Geräusche um mich her fielen über den Rand aus meinem Bewusstsein, mein Blickfeld verengte sich, meine Handflächen begannen zu schwitzen, mein Herz schlug wie wild in meinen Ohren, poch poch poch.
Ich starrte ihn an. Ich konnte nicht anders. Er saß da, eine Hand am Steuer, und wartete darauf, dass der Wagen vor ihm – ein Kombi, aus dem ein Mädchen gerade irgendein großes Instrument auslud, ein Cello oder so etwas – endlich wieder losfuhr. Schüttelte irgendwann ungeduldig den Kopf.
Schsch, Annabel. Ich bin’s bloß.
In den letzten Monaten waren wahrscheinlich eine Million roter Jeeps an mir vorbeigefahren; jedes Mal hatte ich unwillkürlich nachgesehen, wer am Steuer saß, hatte ein bestimmtes Gesicht gesucht. Sein Gesicht. Jedes Mal vergeblich. Erst jetzt, hier – das war er, tatsächlich und höchstpersönlich. Ich hatte mir einzureden versucht, dass ich stark und mutig sein konnte, zumindest bei Tag. Und trotzdem fühlte ich mich in diesem Moment genauso hilflos wie damals, in jener Nacht. Als wäre ich nirgendwo sicher, nicht einmal jetzt, hier, am helllichten Tag, im freien, offenen Gelände.
Endlich hatte das Mädchen ihren Instrumentenkasten aus dem Wagen gezerrt und schloss die Tür, wobei sie dem Fahrer zum Abschied zuwinkte. Der fuhr los. Will ließ seinen Blick über den Schulhof schweifen, betrachtete die Leute dort, ohne sie wirklich wahrzunehmen; zumindest schien er niemanden im Besonderen anzuschauen. Dann richteten seine Augen sich auf mich.
Wieder starrte ich ihn bloß an, wieder schlug mir das Herz bis zum Hals. Das Ganze dauerte nicht länger als eine Sekunde. Sein Gesicht war ausdruckslos. Als wäre ich eine Fremde, irgendwer. Ich entdeckte kein wiedererkennendes Aufblitzen in seinen Augen, gar nichts. Dann gab er Gas, der Wagen flitzte los, ein verschwommener roter Fleck. Es war vorbei.
Plötzlich wurde ich mir der Geräusche und Bewegungen um mich herum wieder bewusst: Leute, die Müll in den nächsten Eimer schmissen, irgendwem irgendwas zuriefen, an mir vorbei zu ihrem nächsten Unterricht eilten. Gleichzeitig jedoch verweilte mein Blick auf dem roten Jeep, der den Hügel hinauf Richtung Hauptstraße fuhr, sich Stück um Stück von mir entfernte. Ich hielt mir die Hand vor den Mund, wandte den Kopf, beugte mich vor und erbrach mich in das Gras hinter der Mauer – mittendrin, umgeben von Lärm und Stimmen, Bewegung und Veränderung.
Als ich mich kurze Zeit später wieder umdrehte, war der Schulhof fast leer. Die Sportcracks der Schule, die jede Pause auf der gegenüberliegenden Mauer hockend verbrachten, waren weg; auf dem Rasen unter den Bäumen fläzte sich niemand mehr; auch Emily und Sophie hatten ihre Bank verlassen. Erst als ich mir den Mund abgewischt hatte und mich zur Seite drehte, merkte ich, dass Owen Armstrong nach wie vor auf der Mauer saß. Und mich beobachtete. Ein intensiver Blick aus dunklen Augen, so intensiv, so dunkel, dass ich zusammenzuckte und rasch wegschaute. Als ich mich eine Minute später erneut zu ihm umwandte, war er verschwunden.
Sophie konnte mich nicht ausstehen. Clarke konnte mich nicht ausstehen. Niemand konnte mich mehr ausstehen. Na gut, ein paar Menschen vielleicht schon noch.
»Die Mooshka-Leute sind von deinen Fotos ganz begeistert«, meinte meine Mutter. Ihre muntere Stimme stand in totalem Gegensatz zu dem, wie ich mich fühlte. Ich saß in meinem Auto und wartete darauf, dass ich nach der siebten Stunde endlich vom Parkplatz fahren konnte; vor mir hatte sich eine endlose Schlange gebildet. »Lindy meinte, sie hätten bei ihr angerufen und bloß noch geschwärmt.«
»Echt.« Ich hielt das Telefon an mein anderes Ohr. »Ist ja toll.«
Ich versuchte, so enthusiastisch wie möglich zu klingen, hatte aber, ehrlich gesagt, völlig vergessen, dass meine Mutter mir vor ein paar Tagen erzählt hatte, Lindy – meine Agentin – habe meine Fotos an eine Firma in unserer Gegend geschickt, die Mooshka Surfwear hieß, Badebekleidung herstellte und derzeit Models für eine neue Werbekampagne suchte. Vielleicht reicht es, wenn ich sage, dass Modeln dieser Tage nicht zu meinen Hauptsorgen gehörte.
»Lindy meint, sie würden dich gern persönlich kennenlernen«, fuhr meine Mutter fort.
»Ach ja?«, sagte ich. Die Schlange kroch zwei bis drei Zentimeter vorwärts. »Okay. Wann?«
»Ja, eigentlich …«, antwortete sie, »... am liebsten – heute.«
»Heute?« Amanda Cheeker, in einem nagelneuen BMW – ja, tatsächlich, ein BMW –, schnitt mir gerade voll den Weg ab. Sie sah nicht einmal zu mir herüber, als sie vor mir aus ihrer Parklücke stieß und sich einreihte.
»Ja. Einer der Chefs ihrer Marketing-Abteilung ist wohl gerade in der Stadt, aber nur noch bis heute Abend.«
»Mama, das schaffe ich niemals.« Millimeter um Millimeter kämpfte ich mich vor und verrenkte mir dabei den Hals, um zu erkennen, wer oder was den Stau verursachte. »Ich hatte einen wirklich harten Tag –«
»Ich weiß, mein Schatz«, antwortete sie, als wüsste sie es tatsächlich, dabei hatte sie keine Ahnung. Da meine Mutter drei Töchter großgezogen hatte, kannte sie sich mit Krisen, Kriegsführung und Konflikten unter Mädchen bestens aus. Deswegen war es eigentlich kein großes Problem gewesen, ihr zu erklären, warum Sophie von einem Tag auf den anderen spurlos aus meinem Leben verschwunden war. Dazu brauchte ich bloß ein paar Standardsätze von mir zu geben, nach dem Motto »Sie ist seit Neuestem so komisch drauf« oder »Keine Ahnung, was da abgeht«. Sie ging davon aus, dass Sophie und ich uns schlicht auseinandergelebt hatten. Wenn ich ihr erzählt hätte, was wirklich passiert war – ich konnte mir nicht vorstellen, wie sie reagiert hätte. Nein, falsch, ich konnte es mir vorstellen. Genau deshalb hatte ich ihr auch nichts davon erzählt. Und beabsichtigte auch weiterhin nicht, das zu tun. »Aber Lindy meint, sie seien wirklich sehr an dir interessiert.«
Ich warf einen Blick in den Seitenspiegel, betrachtete mein Spiegelbild: Gesicht gerötet, Haare wie Spaghetti, Wimperntusche verschmiert – Ergebnis eines kleinen Zusammenbruchs auf dem Mädchenklo nach der sechsten Stunde. Ich sah genauso mies aus, wie ich mich fühlte. »Du verstehst das nicht«, antwortete ich und schob mich gerade mal eine Wagenlänge vorwärts. »Ich habe letzte Nacht nicht gut geschlafen, ich sehe total fertig aus, ich bin völlig verschwitzt –«
»Ach, Annabel, ich weiß, mein Schatz«, sagte sie. Sofort hatte ich wieder diesen Kloß im Hals, diesmal als spontane Reaktion auf den sanften, verständnisvollen Ton ihrer Stimme – Balsam auf meinen Wunden nach dem Horrortag, der hinter mir lag. »Aber es wäre doch nur ein ganz kurzer Termin. Danach könntest du dich ausruhen.«
»Mama!« Die Sonne blendete mich, es stank nach Auspuffgasen. »Ich bin absolut –«
Erneut unterbrach sie mich: »Folgender Vorschlag, wie wär’s? Komm rasch heim, du kannst kurz duschen, ich mache dir ein Sandwich und helfe dir beim Schminken. Dann fahre ich dich hin, wir bringen es hinter uns und das war’s, du hast es aus dem Kopf. Okay?«
So was war typisch für meine Mutter. Es gab immer einen Alternativvorschlag, ein Wie-wär’s?. Irgendeinen Deal, der sich zwar kaum von dem ursprünglichen Ansinnen unterschied, aber besser klang. Deshalb schaffte sie es auch immer wieder, einem ihre Ideen unterzujubeln. Ihr fiel garantiert etwas ein, wie sie es einem schmackhaft machen konnte. Zu Beginn unseres Gesprächs hätte ich wahrscheinlich noch Nein sagen können; aber wenn ich jetzt darauf bestand, wäre ich die Bockige, Unvernünftige, Uneinsichtige.
»Na gut«, erwiderte ich. Endlich setzte sich die Wagenkolonne in Bewegung, langsam zwar, aber immerhin. Ein Stück weiter vor mir sah ich jetzt den Mann vom Sicherheitsdienst; er dirigierte die Leute um einen blauen Toyota mit eingedrückter hinterer Stoßstange herum. »Um wie viel Uhr sollen wir da sein?«
»Um vier.«
Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. »Mama, es ist halb vier und ich bin noch nicht einmal vom Parkplatz runter. Wo ist diese Firma?«
»In …« Ich hörte Papiergeraschel. »Mayor’s Village.«
Zwanzig Minuten Fahrt von hier. Selbst wenn ich direkt hinfuhr, würde ich nur mit Glück pünktlich ankommen, und das auch bloß, falls die Ampelschaltung mehr als gnädig zu mir war. »Super, das schaffe ich sowieso nicht«, meinte ich.
Mir war klar, dass ich mich unmöglich aufführte, ganz abgesehen von meinem gereizten, ungeduldigen Ton. Und mir war klar, dass ich selbstverständlich zu diesem Termin fahren würde, denn Ungeduld, Gereiztheit und unmögliches Benehmen waren so ziemlich das Schlimmste, das ich meiner Mutter antun konnte. Schließlich war ich die Liebe, Nette, Artige der Familie.
»Gut«, sagte sie mit ihrer mir nur zu vertrauten gepressten Stimme. »Wenn du möchtest, rufe ich Lindy an und richte ihr aus, dass du es heute schlicht und einfach nicht schaffst. Das kann ich gern für dich tun.«
»Nein«, antwortete ich. Endlich hatte ich die Ausfahrt erreicht, setzte den Blinker. »Schon okay, ich fahre hin.«
Seit ich denken kann, habe ich gemodelt. Im Grunde sogar schon vorher, denn das erste Mal wurde ich mit neun Monaten fotografiert. Ich trug ein Strampelhöschen aus Baumwolle mit kurzen Ärmeln; das Bild erschien in der Beilage unseres Drogeriemarkts für die Sonntagszeitung. Den Job hatte ich nur bekommen, weil meine Mutter mich mitnehmen musste, als sie Whitney bei einer Kindermodel-Agentur vorstellte, denn der Babysitter hatte kurzfristig abgesagt. Die Frau von der Agentur fragte, ob sie mich buchen könne, meine Mutter sagte Ja – und so ging es los.
Angefangen hatte es allerdings schon mit Kirsten, das Modeln in meiner Familie, meine ich. Als sie acht Jahre alt war, wurden meine Eltern auf dem Parkplatz vor ihrer Ballettschule von einem Talentscout angesprochen; sie wollten Kirsten gerade abholen, als eine Frau auf sie zutrat, ihnen ihre Karte gab und meinte, sie sollten gelegentlich anrufen. Mein Vater hatte bloß gelacht; er hielt das Ganze für einen schlechten Witz, vermutete gar irgendeine Gaunerei dahinter. Doch meine Mutter biss an. Ihr erschien die Aussicht, ihre Tochter könnte modeln, als so reizvoll, dass sie für Kirsten einen Termin bei jener Agentur vereinbarte. Prompt nahm meine Schwester an einem Casting für den Werbespot eines Autohändlers teil, bei dem sie zwar nicht genommen wurde, doch gleich beim nächsten Mal klappte es: Kirsten wurde für eine Anzeige fotografiert, mit der für die österlichen Aktivitäten in der Lakeview Mall geworben wurde. Meine Modelkarriere begann mit einem schnöden Strampelhöschen; Kirsten konnte immerhin auf Häschen verweisen, genauer: ein Häschen, aber dafür ein sehr großes, das sich über ihr Körbchen beugte, um ein glänzendes Ei hineinzulegen, während sie, in einem weißen Rüschenkleidchen, in die Kamera lächelte.
Nachdem es mit Kirsten richtig losgegangen war und sie regelmäßig als Kindermodel jobbte, wollte Whitney natürlich auch. Kurze Zeit später klapperten sie gemeinsam die Agenturen und Firmen ab, konkurrierten sogar häufig um dieselben Jobs, was die Reibereien zwischen ihnen, die es schon immer gegeben hatte, natürlich eher verstärkte. Andererseits sahen sie genauso unterschiedlich aus, wie sie vom Temperament her verschieden und unverwechselbar waren. Whitney war eine natürliche Schönheit mit perfekten Wangenknochen und faszinierenden, geheimnisvollen Augen. Kirsten hingegen wirkte eher durch ihre Ausstrahlung; sie kriegte es irgendwie hin, ihre übersprudelnde Persönlichkeit in einen einzigen Blick zu legen. Entsprechend kam Whitney auf Fotos besser rüber, während Kirsten vor einer Fernsehkamera aufblühte, einen förmlich umhaute. Und so weiter.
Deshalb war meine Familie, als ich schließlich ebenfalls mit dem Modeln anfing, in unserer Gegend schon relativ bekannt. Bei den Jobs, die wir bekamen, ging es in der Regel entweder um Anzeigen für Kaufhäuser und Discounter oder um Werbespots für örtlich ansässige Firmen und Geschäfte, die entsprechend vor Ort produziert wurden. Mein Vater verhielt sich, wenn es um unsere Arbeit ging, genauso wie bei allem anderen, das auch nur ansatzweise mit Mädchenkram zu tun hat (von Tampons bis zu gebrochenen Herzen): Er hielt sich tunlichst raus. Meine Mutter dagegen genoss es. Sie kutschierte uns liebend gern durch die Gegend, telefonierte mit Lindy, um Auf- und Verträge auszuhandeln, achtete darauf, dass die Fotos in unseren Mappen aktuell blieben. Aber wenn man sie auf das Thema Modeln ansprach, beeilte sie sich immer zu betonen, es sei unsere Entscheidung, nicht ihre. »Wenn sie lieber im Sandkasten säßen und Schlammkuchen backen würden, wäre ich genauso glücklich.« Den Satz habe ich bestimmt eine Million Mal von ihr gehört. »Aber sie möchten eben modeln, also tun sie es.«
Ich denke, tief innen war sie genauso begeistert vom Modeln wie wir, auch wenn sie es nie zugegeben hätte. Nein, im Grunde ging es über bloße Begeisterung hinaus, glaube ich. In gewisser Weise hat es ihr wahrscheinlich das Leben gerettet.
Zu Anfang natürlich nicht. Zu Anfang waren unsere Model-Jobs ein Hobby für sie gewesen, das ihr Spaß machte und ihr die Zeit vertrieb, wenn sie nicht gerade in der Firma meines Vaters am Telefon saß. Einer unserer Familienwitze war, dass die Firma meines Vaters wohl der fruchtbarste Ort auf diesem Planeten sei, denn alle seine Sekretärinnen wurden unweigerlich irgendwann schwanger. Deshalb musste meine Mutter häufig in Vertretung die Stellung halten, bis er Ersatz gefunden hatte. Aber in dem Jahr, als ich neun wurde, starb meine Großmutter. Und dadurch veränderte sich etwas.
Ich kann mich nicht besonders gut oder genau an meine Großmutter erinnern; was ich weiß, basiert eher auf Fotos und Geschichten als auf tatsächlichen Ereignissen. Meine Mutter war ein Einzelkind und hatte ihrer Mutter sehr nahegestanden, obwohl sie an den entgegengesetzten Rändern des Kontinents lebten und einander nur wenige Male im Jahr sahen. Aber sie telefonierten täglich miteinander, in der Regel, wenn meine Mutter am späteren Vormittag ihre zweite Runde Kaffee trank. Man hätte die Uhr danach stellen können. Denn wenn man um halb elf in die Küche kam, saß sie auf ihrem Stuhl, Blickrichtung Fenster, den Hörer zwischen Ohr und Schulter eingeklemmt, und rührte einen Löffel Milchweißer in ihren Kaffee. Mir kamen diese Telefonate sterbenslangweilig vor. Es ging um Leute, die ich nicht kannte, oder was meine Mutter am Vorabend gekocht hatte; sogar mein eigenes Leben hörte sich auf einmal, wenn so darüber berichtet wurde, entsetzlich eintönig an. Für meine Mutter war das anders. Lebensnotwendig. Wie notwendig, begriffen wir erst nach dem Tod meiner Großmutter.
Meine Mutter war ohnehin nie das gewesen, was man einen Kraftprotz nennt. Eine stille, sanfte Frau mit einem gütigen Gesicht – die Art Mensch, der man sich intuitiv zuwenden würde, wenn man irgendwo auf der Straße oder an sonst einem öffentlichen Ort ist und es wäre gerade etwas Schlimmes passiert. Jemand, dessen bloßer Anblick einen spontan beruhigen würde. Darauf hatte ich mich bei ihr immer verlassen, ging also fest davon aus, dass es auch weiter so sein würde. Umso eigenartiger war es daher, wie sie sich in den Wochen nach der Beerdigung meiner Großmutter veränderte. Sie wurde einfach … noch stiller. Wirkte – vor allem im Gesicht – so erschöpft, geradezu gezeichnet, dass es selbst mir mit meinen neun Jahren auffiel. Zunächst versicherte uns mein Vater, so etwas sei völlig normal, wenn ein Mensch trauere; meine Mutter sei bloß müde, aber kein Grund zur Sorge, irgendwann werde sie sich wieder besser fühlen. Doch die Zeit verging und sie fühlte sich nicht besser. Stattdessen blieb sie morgens immer länger im Bett liegen, bis sie schließlich oft überhaupt nicht mehr aufstand. Wenn sie es dann doch einmal tat und ich morgens um halb elf in die Küche kam, saß sie auf demselben Stuhl, einen leeren Kaffeebecher in Händen, und starrte aus dem Fenster.
»Mama«, sagte ich dann. Und weil sie nicht antwortete, noch einmal: »Mama.« Manchmal musste ich es sogar ein drittes Mal wiederholen, bevor sie endlich begann, den Kopf zu drehen. Aber wenn sie es dann tat, bekam ich auf einmal Angst, so als wollte ich plötzlich ihr Gesicht lieber gar nicht mehr sehen. Als hätte sie sich innerhalb dieser wenigen Augenblicke noch einmal verändert, wäre tiefer in sich versunken und dadurch noch mehr zu jemandem geworden, den ich nicht mehr wiedererkannte.
Meine Schwestern konnten sich an diese Phase besser erinnern, denn sie waren älter und kriegten dementsprechend mehr mit, was los war. Jede von ihnen hatte – typisch – ihre eigene Art und Weise, damit klarzukommen. An Kirsten blieb plötzlich der halbe Haushalt hängen; sie räumte auf oder machte unsere Lunchpakete, wenn meiner Mutter nicht danach war. Und Kirsten regelte das mit ihrem üblichen Elan, als wäre eigentlich alles in Ordnung. Whitney dagegen stand oft vor der angelehnten Schlafzimmertür, lauschte angestrengt oder spähte ins Zimmer. Allerdings ging sie immer sofort weg, wenn ich vorbeikam, und wich meinen fragenden Blicken aus. Als Jüngste war ich unsicher, wie ich reagieren sollte; deshalb versuchte ich vor allem, mich ruhig zu verhalten, keinen Ärger zu machen, nicht zu viele Fragen zu stellen.
Bald bestimmte das Befinden unserer Mutter unser Leben. Wie ein Barometer, an dem wir ablasen, wie der Tag werden würde. Im Grunde hing alles von dem ersten Eindruck ab, den man morgens von ihr erhielt. Wenn sie zu einer normalen Zeit aufstand, sich anzog, schminkte und Frühstück machte, war alles okay und der Tag auch. Aber wenn sie nicht auftauchte, sondern stattdessen mein Vater in der Küche sein Bestes gab, Cornflakes mit kalter Milch oder Toast servierte, oder – noch schlimmer – wenn gar keiner von beiden zum Frühstück erschien, wusste ich: Das wird kein guter Tag. Vielleicht ein etwas primitives System zur Stimmungsmessung, aber es funktionierte, zumindest halbwegs. Mir blieben ohnehin nicht viele andere Möglichkeiten der Orientierung.
»Eure Mutter fühlt sich nicht besonders gut.« Mehr sagte mein Vater nie, wenn wir ihn, um den Esstisch versammelt, nach ihr fragten. Wenn an ihrem Platz eine fühlbare Lücke klaffte. So lautete seine Standardantwort, selbst dann, als sie ganze Tage nicht mehr aus ihrem Zimmer kam und wir nichts von ihr sahen als eine formlose Gestalt unter der Bettdecke, überdies kaum erkennbar in dem Dämmerlicht, das durch die geschlossenen Jalousien drang. »Wir müssen einfach so gut wie möglich versuchen, ihr das Leben nicht schwerer zu machen als nötig, bis es ihr wieder besser geht, okay?«
Ich weiß noch, dass ich dann jedes Mal nickte. Meine Schwestern ebenfalls. Aber wie wir das anstellen sollten, stand auf einem anderen Blatt. Ich hatte keine Ahnung, wie ich ihr das Leben erleichtern sollte. Ob es vielleicht sogar an mir lag, dass es so schwer geworden war? Aber eins kapierte ich: Wir mussten meine Mutter unbedingt vor jeder unnötigen Aufregung bewahren, obwohl ich nicht einmal genau wusste, was sie aufregte. Deshalb lernte ich noch ein System: Wenn man nicht genau weiß, wie man reagieren soll, reagiert man am besten gar nicht. Zieht sich zurück, außer Hörweite, sogar außerhalb des Hauses, sofern es sein muss. Selbst wenn das bedeutet, dass man was auch immer für sich behält, in sich einkapselt.
Niemand erklärte mir, an was für einer Krankheit meine Mutter nun genau litt, was es nicht eben einfacher machte; jedenfalls hatten diese Depressionen oder depressiven Schübe oder was immer es eben war, bereits drei Monate angedauert, als mein Vater sie endlich davon überzeugen konnte, einen Therapeuten aufzusuchen. Zuerst ging sie nur sehr widerwillig hin, brach das Ganze auch nach ein paar Sitzungen wieder ab. Doch kurze Zeit später unternahm sie einen neuen Anlauf und dann klappte es. Sie hielt ein ganzes Jahr durch, allerdings zunächst ohne sichtbaren Erfolg. Und dennoch: Als ich eines schönen Tages gegen halb elf in die Küche kam, stand sie auf einmal da, munter und fröhlich, als hätte sie bloß darauf gewartet, dass ich kommen und sie in diesem – neuen – Zustand sehen würde. Bis zu dem Moment jedoch war es ein extrem langsamer Prozess gewesen, eine unmerkliche, ganz allmähliche Entwicklung, Schrittchen für Schrittchen. Wie bei einer Schnecke, die täglich nur millimeterweise vorankommt, sodass man ihre Fortschritte lediglich mit zeitlichem Abstand wahrnimmt. Zuerst lag sie nicht mehr den ganzen Tag im Bett. Dann stand sie bereits am Vormittag auf. Bis sie uns schließlich sogar ab und an Frühstück machte. Ihr Schweigen, das – beim Essen immer, aber auch sonst oft – auf uns lastete, wurde langsam weniger bleiern, weniger intensiv: Eine kleine Plauderei hier, ein kurzer Kommentar dort …
Am Ende war es allerdings das Modeln, das mich davon überzeugte: Wir hatten das Schlimmste hinter uns. Da meine Mutter diejenige war, die uns Jobs verschaffte und mit Lindy Termine oder Castings verabredete, hatten wir alle, seit sie krank geworden war, viel weniger zu tun. Zwar fuhr mein Vater Whitney zuerst noch zu einigen Auftritten und ich hatte ein Shooting, das schon seit Langem geplant gewesen war. Doch letztlich kam alles, was mit Modeln zusammenhing, quasi zum Stillstand. Bis Lindy schon automatisch davon ausging, dass wir absagen würden. So bestimmt auch an jenem Abend, als sie während des Essens anrief, um uns über einen Vorstellungstermin zumindest zu informieren.
»Ja, das lassen wir besser«, sagte mein Vater in den Hörer und warf einen Blick zu uns am Tisch herüber, bevor er sich mit dem Telefon Richtung Küche zurückzog. »Ich denke, der Zeitpunkt ist momentan nicht so günstig.«
Kirsten kaute gerade auf einem Stück Brot herum. »Nicht so günstig wofür?«
»Für einen Job«, meinte Whitney tonlos. »Warum sonst sollte Lindy beim Abendessen anrufen?«
Mein Vater kramte derweil in der Schublade bei der Telefonaufladestation herum, bis er endlich einen Stift fand. »Also gut.« Er griff nach einem Notizblock. »Ich notiere es mal, aber sehr wahrscheinlich … – Ja, schon gut. Wie war gleich die Adresse?«
Meine Schwestern beobachteten ihn, während er etwas hinkritzelte. Höchstwahrscheinlich grübelten sie heftig darüber nach, für was der Job wohl war. Und für wen. Doch ich sah zu meiner Mutter hinüber, deren Blick ebenfalls unverwandt auf meinem Vater ruhte, während sie ihre Serviette vom Schoß nahm, um sich die Mundwinkel abzutupfen. Als mein Vater wieder ins Esszimmer kam, sich auf seinen Platz setzte und seine Gabel in die Hand nahm, erwartete ich eigentlich, dass meine Schwestern ihn sofort mit Fragen bestürmen würden.
Stattdessen war es meine Mutter, die als Erste das Wort ergriff: »Worum ging es da gerade?«
Mein Vater blickte sie an. »Nur um ein Casting morgen. Lindy dachte, wir hätten vielleicht Interesse.«
»Wir?«, fragte Kirsten.
»Du.« Vater schob einige Bohnen auf seine Gabel. »Ich habe ihr allerdings gesagt, momentan passe es vielleicht nicht so gut. Es ist am Vormittag, da muss ich auf jeden Fall im Büro sein und …«
Er bemühte sich gar nicht erst, den Satz zu Ende zu sprechen. Nicht, dass es nötig gewesen wäre. Mein Vater war Architekt und hatte mit seiner Arbeit genug um die Ohren. Zudem kümmerte er sich um meine Mutter und hielt das Haus in Ordnung. Da musste er uns nicht auch noch durch die halbe Stadt kutschieren. Kirsten wusste das. Trotzdem war ihre Enttäuschung deutlich zu spüren. In der nun einsetzenden Stille, während wir alle wieder zu essen begannen, hörte ich plötzlich, wie meine Mutter tief durchatmete.
»Ich könnte sie bringen.« Wir starrten sie an. »Ich meine, wenn sie hin möchte.«
»Wirklich?«, fragte Kirsten. »Das wäre echt –«
Mein Vater unterbrach sie mit besorgter Stimme: »Grace, das brauchst du nicht.«
Kirsten lehnte sich resigniert auf ihrem Stuhl zurück.
»Ich weiß.« Ein Lächeln umspielte die Lippen meiner Mutter. Ein mattes Lächeln. Aber ein Lächeln. »Es wäre ja nur dieses eine Mal. Kein Problem, mache ich gern.«
Deshalb war meine Mutter am nächsten Tag – ich werde es nie vergessen – schon zum Frühstück auf den Beinen. Und als Whitney und ich zur Schule losgingen, brachen sie und Kirsten ebenfalls auf: zum Casting für den Werbespot einer Bowlingbahn in unserer Nähe. Kirsten bekam den Job. Es war weder ihr erster Spot noch etwas besonders Großartiges. Aber jedes Mal, wenn der Spot später im Fernsehen lief und ich Kirsten diesen grandiosen Strike werfen sah (natürlich nachträglich reingeschnitten, denn meine Schwester war eine miserable Bowlingspielerin, die ungekrönte Königin der Schlingerkugeln), dachte ich an jenen Abend zurück, dort am Esstisch, als man glatt das Gefühl bekommen konnte, alles würde – endlich – wieder normal werden.
Und so war es auch. Mehr oder weniger zumindest. Meine Mutter kutschierte uns wieder zu diversen Castings und Jobs. Sie wirkte zwar nie besonders aufgeräumt oder lebhaft, aber das war sie vielleicht auch früher nicht gewesen, weil es ihr einfach nicht entsprach. Möglicherweise hatte ich es mir ohnehin bloß eingebildet, ähnlich vielem anderen auch. Oder einfach nur wie selbstverständlich angenommen – wie man das eben so machte.
Doch trotz dieser erfreulichen Entwicklung bekam ich im Lauf jenes Jahres immer mehr Zweifel daran, ob die Dinge tatsächlich auf einem guten Weg waren. Ich hoffte es, wirklich, hielt aber innerlich fast durchgehend den Atem an, aus Angst, es könnte plötzlich wieder vorbei sein. Denn obwohl auch weiterhin alles gut zu gehen schien: Was mit meiner Mutter passiert war, war so plötzlich über uns hereingebrochen, ohne richtigen Anfang oder Ende – was sprach also dagegen, dass es sich wiederholen würde? Im Gegenteil, es war leider gar nicht so unwahrscheinlich. Ich war damals wohl überzeugt davon, dass es nur einen einzigen miesen Moment, eine einzige Enttäuschung geben müsste, und sie würde uns wieder verlassen. Ich glaube, tief drinnen sehe ich das bis heute so.
Denn es scheint der Grund zu sein, warum ich meiner Mutter immer noch nicht gebeichtet habe, dass ich mit Modeln aufhören will. Schon den ganzen Sommer über habe ich mich dabei nicht wohlgefühlt, sondern komisch. Nervös. Was nie zuvor der Fall war. Doch seit Neuestem kann ich auf einmal die prüfenden Blicke nicht mehr ertragen, mit denen mich wildfremde Menschen mustern, während ich vor ihnen hin- und herlaufen muss. Im Juni, bei einer Anprobe für eine Bademoden-Kollektion, zuckte ich, während der Stylist mir meinen Badeanzug anpasste und mich dabei natürlich berühren musste, jedes Mal zusammen. Ich entschuldigte mich, tat so, als wäre alles in bester Ordnung, hatte aber die ganze Zeit über einen dicken Kloß im Hals.
Doch immer, wenn ich kurz davor war, meiner Mutter alles zu erzählen, kam irgendetwas dazwischen, das mich davon abhielt. Mittlerweile war ich nämlich die Einzige von uns dreien, die noch modelte. Und es ist schon hart genug, jemandem etwas wegzunehmen, das die- oder denjenigen glücklich macht. Noch schlimmer aber ist es, wenn dieses Etwas anscheinend das Einzige ist, was dieser Mensch überhaupt noch hat.
Deshalb war ich auch überhaupt nicht erstaunt, dass meine Mutter bereits auf mich wartete, als ich fünfzehn Minuten später bei Mooshka Surfwear eintrudelte. Wie jedes Mal fiel mir vor allem auf, wie klein und zierlich sie ist. Okay, ich selbst bin eins zweiundsiebzig und damit vielleicht nicht eben geeignet, die Größe von Leuten zu beurteilen, die kleiner sind als ich – die Perspektive ist sozusagen ein wenig verzerrt. Übrigens bin ich mit meinen eins zweiundsiebzig noch die Kleinste von uns dreien: Kirsten ist knapp zwei Zentimeter größer als ich, Whitney sogar eins achtundsiebzig und unser Vater überragt uns mit seinen gut eins neunzig alle miteinander, was dazu führt, dass meine Mutter immer etwas fehl am Platz wirkt, wenn wir als Familie zusammen unterwegs sind. Wie bei dem Spiel in der Grundschule, bei dem man herausfinden musste, welches Teil nicht ins Bild passte.
Als ich neben dem Wagen meiner Mutter anhielt, bemerkte ich, dass Whitney, Arme vor der Brust verschränkt, auf dem Beifahrersitz saß. Sie wirkte genervt, was allerdings weder überraschend noch ungewöhnlich war. Deshalb gab ich nicht viel darauf, während ich meinen Make-up-Beutel aus der Tasche nahm und zu meiner Mutter ging. Sie wartete auf der anderen Seite ihres Autos neben dem Kotflügel. Die Heckklappe stand offen.
»Du hättest nicht herzukommen brauchen«, sagte ich.
»Ich weiß«, erwiderte sie und reichte mir übergangslos eine Tupperdose, auf deren Deckel eine Plastikgabel balancierte. »Obstsalat. Ich hatte keine Zeit, ein Sandwich zu machen. Setz dich.«
Ich hockte mich auf den Rand des Kofferraums, öffnete die Dose, spießte mit der Gabel einen Bissen auf und merkte plötzlich, dass ich am Verhungern war. Kein Wunder, schließlich hatte ich das bisschen Mittagessen, das ich mir am Ende reingewürgt hatte, gleich wieder ausgekotzt. Was für ein ätzender Tag!
Meine Mutter nahm mein Make-up-Täschchen, kramte darin herum, zog festen Lidschatten und meinen Puder heraus. »Whitney, gibst du uns bitte die Kleider nach hinten?«
Whitney stöhnte entnervt auf, drehte sich um, langte nach den Blusen und T-Shirts, die hinter ihr über Bügeln an einem Haken der Autotür hingen. »Da«, sagte sie knapp und hob das Ganze so gerade eben über den Rücksitz, unerreichbar für meine Mutter, obwohl sie beide Hände danach ausstreckte. Deshalb drehte ich mich um, wollte die Sachen nur schnell entgegennehmen. Doch als sich meine Finger um die Bügel schlossen, hielt Whitney sie einen Augenblick lang fest, bevor ich sie wieder zurückziehen konnte. Ihr Griff war erstaunlich kraftvoll. Unsere Blicke trafen sich. Dann ließ sie los, wandte sich wieder ab.
Ich wollte ja Geduld mit meiner Schwester haben. Versuchte mir immer wieder zu vergegenwärtigen, dass – wie beispielsweise in Momenten wie diesem – ich eigentlich nicht auf sie sauer war, sondern auf ihre Essstörung. Aber manchmal fiel es echt schwer, den Unterschied zu erkennen. Dann war ich eben doch sauer auf Whitney. Weil Whitney einem auch allen Grund dazu gab. Whitney, nicht ihre Essstörung.
»Hier, trink ein bisschen Wasser.« Meine Mutter reichte mir eine bereits geöffnete Flasche, während sie mir die Blusen abnahm. »Und schau mal her zu mir.«
Ich nahm einen Schluck und hielt still, während sie mein Gesicht abpuderte. Schloss die Augen, lauschte den Geräuschen der Autos, die hinter uns die Schnellstraße entlangfuhren. Meine Mutter trug Lidschatten und Eyeliner auf, begann anschließend, in den Kleidern herumzustöbern. Die Bügel klapperten. Ich öffnete die Augen und bemerkte, dass sie prüfend ein pinkfarbenes Wildledertop vor mich hielt.
Schsch, Annabel. Ich bin’s bloß.
»Nein!«, sagte ich schärfer, als ich eigentlich wollte. Meine Stimme klang richtig harsch. Ich atmete tief durch, zwang mich dazu, so normal wie möglich weiterzusprechen. »Nicht dieses Top«, setzte ich hinzu.
Sie wirkte erstaunt. Blickte auf das Top. Zurück zu mir. »Bist du sicher? Es steht dir so gut. Außerdem dachte ich, es gehört zu deinen Lieblingsstücken.«
Ich schüttelte den Kopf. Wandte rasch den Blick von ihr ab, hin zu einem Minibus, der in diesem Moment an uns vorbeifuhr. An der Rückscheibe klebte einer dieser Angeberaufkleber: MEIN SOHN IST KLASSENBESTER – NA UND? »Nein«, wiederholte ich. Und weil sie mich immer noch aufmerksam betrachtete, fuhr ich fort: »Irgendwie sehe ich in dem Teil total daneben aus, finde ich.«
»Ach ja?« Doch sie reichte mir stattdessen ein blaues, weit ausgeschnittenes Oberteil. »Hier.« Als ich es genauer betrachtete, bemerkte ich, dass das Preisschild noch daranhing. »Schlüpf schnell rein, zieh dich um. Es ist zehn vor vier!«
Ich nickte, verließ meinen Platz auf der Stoßstange, ging um den Wagen zur hinteren Tür, öffnete sie. Stieg ein, duckte mich in die Sitze, um mein Oberteil auszuziehen. Erstarrte. »Mama?«
»Ja?«
»Ich habe keinen BH an.«
Ich hörte ihre Absätze auf dem Asphalt klappern, während sie um das Auto herumlief, zu mir. »Keinen BH?«
Ich schüttelte den Kopf, blieb so geduckt wie möglich sitzen. »Ich hatte ein Miedershirt an, da ist einer eingearbeitet.«
Meine Mutter überlegte kurz. »Whitney«, sagte sie schließlich, »gibst du –«
Whitney schüttelte den Kopf. »Vergiss es!«
Nun seufzte zur Abwechslung meine Mutter laut auf. »Schatz, bitte! Hilf uns jetzt aus, ja?«
Also mussten wir wieder einmal warten und bangen. Wegen Whitney. So wie wir ihretwegen in den vergangenen neun Monaten schon des Öfteren gewartet und gebangt hatten. Nach einer gefühlten Ewigkeit schob sie endlich die Arme unter ihre Bluse, fummelte dort herum, beförderte einen beigefarbenen BH ans Tageslicht, warf ihn einfach hinter sich. Ich fischte ihn vom Boden und zog ihn an. Wir hatten nicht exakt dieselbe Größe, aber immerhin – besser als nichts. Ich zog das blaue Top darüber. Mein »Danke« ignorierte Whitney natürlich.
»Es ist acht vor vier. Lass uns gehen, Schatz«, ließ sich meine Mutter vernehmen.
Ich stieg aus dem Wagen und ging zu ihr. Sie reichte mir meine Tasche, die sie für mich gehalten hatte, und betrachtete eingehend ein letztes Mal ihr Werk in meinem Gesicht. »Augen zu«, wies sie mich an, während sie vorsichtig ein Klümpchen Mascara aus meinen Wimpern zupfte. Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich, dass sie mich anlächelte. »Du siehst wunderschön aus.«
»Ja, schon gut«, brummte ich mehr, als dass ich es sagte. Doch dann nahm ich ihren Blick wahr und schickte hastig ein »Dankeschön« hinterher.
Sie tippte auf ihre Armbanduhr. »Jetzt lauf. Wir warten hier auf dich.«
»Müsst ihr nicht. Ich schaffe das schon.«
Gleichzeitig heulte der Motor des Wagens auf. Whitney hatte ihn angelassen, kurbelte das Fenster runter, ließ ihren Arm rausbaumeln. Sie trug ein Oberteil mit langen Ärmeln, wie immer. Aber ihr Handgelenk konnte man trotzdem deutlich erkennen, bleich und schmal. Sie trommelte mit den Fingern aufs Autoblech. Meine Mutter blickte zu ihr. Dann wieder zu mir.
»Nun, zumindest warte ich noch, bis du drinnen bist«, meinte sie schließlich. »Einverstanden?«
Ich nickte, beugte mich vor und gab ihr einen vorsichtigen Kuss auf die Wange, damit weder mein Lippenstift noch ich sie verschmierten. »Einverstanden.«
Als ich das Gebäude erreichte, wandte ich mich noch einmal um. Meine Mutter hob die Hand, um mir zuzuwinken. Während ich zurückwinkte, fiel mein Blick auf Whitney, deren Gesicht vom Seitenspiegel des Wagens eingefangen wurde. Auch sie beobachtete mich, mit regungslosem Gesichtsausdruck. Und wie so oft in letzter Zeit verspürte ich dabei ein Stechen in der Magengrube.
»Viel Glück!«, rief meine Mutter. Ich nickte ihr zu, bevor ich erneut zu Whitney hinübersah. Doch sie war auf ihrem Sitz zusammengesunken, meinem Blick entschwunden. Und im Seitenspiegel – nichts mehr.