»Hier ist WRUS, euer kommunales Radio. Es ist sieben Uhr achtundfünfzig, ihr hört die Sendung Anger Management, es folgt: der letzte Song für heute.«
Ein näselnder Klang, eine laute Rückkopplung. Etwas Experimentelles, Andersartiges, absolut Unanhörbares. Eben ein weiterer Sonntagmorgen mit Owens Sendung.
Doch für mich war es kein Sonntag wie jeder andere. Seit ich mir in der vergangenen Nacht den Kopfhörer übergestülpt hatte, hatte sich etwas verändert. Nachdem ich lange nur dagelegen und mir die einzelnen Phasen jenes bewussten Partyabends in Erinnerung gerufen hatte, driftete ich in die Stille ab. Denn die Stimme in meinem Kopf hatte endlich ausgeredet. Als ich um sieben aufwachte, hatte ich den Kopfhörer immer noch auf und konnte mein Herz in meinen Ohren schlagen hören. Ich setzte mich im Bett auf, nahm den Kopfhörer ab. Die Stille um mich herum wirkte ausnahmsweise nicht leer und übergroß. Stattdessen fühlte sie sich, zum ersten Mal seit langer Zeit, erfüllt an. Bedeutungsvoll, gesättigt.
Ich schaltete das Radio ein. Die Sendung hatte bereits begonnen, mit einem klassischen und entsprechend irrsinnig lauten Heavy-Metal-Stück: massive E-Gitarren, jaulender Gesang. Anschließend folgte eine Art russischer Popsong oder so. Und dann ertönte endlich Owens Stimme.
»Das war die Band Leningrad. Ihr hört die Sendung Anger Management, am Mikrofon: Owen. Es ist sechs Minuten nach sieben. Danke, dass ihr eingeschaltet habt. Irgendwelche Musikwünsche? Vorschläge? Fragen? Ruft an unter 555-WRUS. – Hier ist Dominic Waverly.«
Das folgende Stück war voll der Techno, startete mit einigen rasanten, hörbar computergenerierten und asynchronen Beats, die allmählich zusammengemixt und einander angeglichen wurden. An früheren Sonntagen hatte ich immer extrem aufmerksam zugehört, weil ich das, was ich hörte, mögen oder zumindest verstehen wollte. Wenn das nicht klappte, hatte ich nie gezögert, es Owen auch direkt ins Gesicht zu sagen. Wäre ich bloß in der Lage gewesen, das auch bei allem anderen zu tun, das vielleicht zu sagen gewesen wäre. Aber man erwischt nicht immer den perfekten Augenblick. Manchmal muss man einfach das tun, was unter den gegebenen Umständen das Beste ist.
Deshalb saß ich in dieser Minute in meinem Auto, auf dem Weg zum WRUS-Gebäude. Um exakt zwei nach acht bog ich auf den Parkplatz ein. Heilen mit Kräutern, das nach Owens Sendung lief, hatte gerade begonnen. Ich parkte zwischen den Autos von Owen und Rolly, schnappte mir die CD, die auf dem Beifahrersitz lag, und ging hinein.
Im Sender war es ruhig. Eine Stimme rezitierte murmelnd Wissenswertes über Ginkgo Biloba. Ich durchquerte die Lobby. Am Ende des Ganges zu meiner Rechten befand sich eine der gläsernen Sprecherkabinen. Während ich mich näherte, entdeckte ich zunächst einmal Rolly; er hockte in dem kleinen Nebenkabuff an den Kontrollschaltern, trug ein grellgrünes T-Shirt sowie eine Baseballkappe verkehrt herum und hatte seinen Kopfhörer darübergestülpt. Neben ihm saß Clarke, einen Becher mit Kaffee aus dem Automaten in der Hand; vor ihr lag das Kreuzworträtsel aus der Sonntagszeitung. Sie unterhielten sich, keiner der beiden bemerkte meine Anwesenheit. Doch Owen sah mir, als ich mich nun der Hauptkabine zuwandte, bereits direkt in die Augen.
Er saß noch am Mikrofon, stapelweise CDs vor sich auf dem Tisch, überall verstreut. Seiner Miene nach zu urteilen freute er sich nicht gerade, mich zu sehen. Er wirkte sogar noch frostiger als an dem Tag auf dem Parkplatz. Umso wichtiger also, dass ich jetzt diese Tür öffnen und zu ihm hineingehen würde. Was ich denn auch tat.
»Hi.«
Er warf mir einen flüchtigen Blick zu. »Hey.« Seine Stimme klang völlig ausdruckslos.
Ein Brummen ertönte, dann hörte ich, wie Rolly mich durch einen der Lautsprecher über meinem Kopf begrüßte: »Annabel!« Sein munterer Ton stand in direktem Kontrast zu Owens, der gerade mal konventionell höflich gewesen war. »Hallo, wie läuft’s denn so bei dir?«
Ich drehte mich um, winkte ihm zu. Er und Clarke winkten zurück. Rolly beugte sich vor, um mir noch etwas zu sagen, entschied sich jedoch auf Owens Blick hin rasch um und zog den Kopf von der Gegensprechanlage zurück. Mit einem hörbaren Klicken schaltete sich das Mikrofon aus.
»Was machst du hier?«, fragte Owen.
Klar, dass er sofort auf den Punkt kam. »Ich muss mit dir reden«, antwortete ich.
Aus den Augenwinkeln bekam ich mit, dass in dem angrenzenden Kabuff leichte Hektik entstand. Ich drehte den Kopf, blickte hinüber. Clarke stopfte eilig die Zeitung in ihre Tasche, Rolly zog sich den Kopfhörer ab, stand auf. Wer ist jetzt konfliktscheu?, dachte ich, während die beiden hinausstürzten. Rolly schaffte es trotz ihres nahezu halsbrecherischen Tempos so eben noch, mit einem Klaps auf den Schalter das Licht auszuknipsen.
»Wir … äh … fahren schon mal vor, Bacon fassen«, sagte er zu Owen, als er hinter mir vorbeimarschierte. »Bis später?«
Owen nickte. Rolly lächelte mich noch einmal an, bevor er endgültig abzischte. Clarke zögerte einen Moment, ihre Hand hielt die offene Tür. »Alles okay bei dir?«
»Ja«, erwiderte ich. »Mir geht es gut.«
Sie zog ihre Tasche enger über die Schulter, warf Owen einen Blick zu, den ich nicht deuten konnte. Beeilte sich, Rolly einzuholen, griff nach seiner Hand. Gemeinsam entschwanden sie Richtung Lobby.
Ich drehte mich wieder zu Owen um, der ebenfalls seine Sachen zusammenräumte, das Kabel um den Kopfhörer wickelte. »Ich habe nicht viel Zeit.« Beim Sprechen blickte er mich nicht an. »Wenn du mir also etwas zu sagen hast, spuck’s aus. Jetzt.«
»Okay. Die Sache ist die …« Ich musste innehalten. Mein Herz schlug rasend schnell, mir war richtig übel. Normalerweise würde ich an diesem Punkt aufhören, ausweichen, den Rückwärtsgang einlegen. »Es geht um Folgendes.« Ich hielt die CD in meiner Hand hoch. Meine Stimme zitterte, ich räusperte mich. »Diese CD würde mich angeblich umhauen, hast du gesagt. Weißt du noch?«
Er betrachtete sie misstrauisch. »Vage.«
»Ich habe sie mir letzte Nacht angehört. Aber ich wollte sicher sein, dass ich sie wirklich verstehe. Ich meine, deine Absicht dahinter.«
»Meine Absicht«, wiederholte er.
»Na ja, man könnte eine Menge hineininterpretieren.« Allmählich – endlich – klang meine Stimme nicht mehr so wackelig. In der Tat: die Kraft der Musik. »Deshalb wollte ich mich bloß vergewissern, dass ich das Richtige verstanden habe.«
Wir sahen einander stumm in die Augen. Ich schaffte es gerade so, seinem Blick nicht auszuweichen. Aber ich schaffte es. Und er? Streckte schließlich – endlich – die Hand nach der CD aus.
Betrachtete das Cover, drehte die Hülle um. »Ist ja gar keine Titelliste drauf.«
»Weißt du nicht mehr, was du aufgenommen hast?«
»Das ist ewig her.« Er schleuderte mir förmlich einen Blick entgegen. »Außerdem habe ich dir viele CDs gebrannt.«
»Zehn. Ich habe sie alle durchgehört. X-mal.«
»Ist nicht wahr.«
Ich nickte. »Doch. Du hast gemeint, das solle ich tun, ehe ich die hier auflege.«
»Aha. Auf einmal interessiert dich, was ich möchte?!«
Durchs Fenster sah ich Rolly und Clarke in Rollys Wagen sitzen und rückwärts vom Parkplatz fahren. Rolly sagte etwas, Clarke schüttelte lachend den Kopf.
»Das hat mich immer interessiert«, antwortete ich.
»Tatsächlich?! Mir fällt es, ehrlich gesagt, ein bisschen schwer, das zu glauben, wenn ich bedenke, wie du mir in den letzten zwei Monaten ausgewichen bist.« Owen streckte die Hand aus, drückte auf einen Knopf am Mischpult. Der Schuber fuhr heraus, er legte die CD ein.
»Ich dachte, es wäre dir lieber so«, meinte ich.
»Wie kommst du darauf?« Er tippte mit dem Finger leicht auf einen Schalter neben dem CD-Spieler.
Ich schluckte. Es tat richtig weh. »Du warst derjenige, der an dem Tag auf dem Parkplatz aus dem Wagen gestiegen und weggegangen ist. Du wolltest nichts mehr von mir wissen.«
»Und du hast mich in einem Club sitzen lassen und wolltest mir nicht einmal verraten, wieso.« Seine Stimme wurde lauter. Er betätigte einen anderen Schalter. »Ich war ziemlich sauer, Annabel.«
»Genau.« Jetzt hörte ich das leise Rauschen der Elektronik über unseren Köpfen. »Du warst sauer. Ich habe dich enttäuscht. Ich war nicht die, die ich deiner Meinung nach sein sollte …«
»... und deshalb hast du dich einfach verkrümelt«, vollendete er meinen Satz für mich. Drückte noch einmal auf den Schalter. Das Rauschen wurde lauter. »Bist abgetaucht. Ein Streit, und du hast gekniffen. Haust einfach ab.«
»Was hast du denn von mir erwartet?«
»Dass du mir zumindest sagst, was los ist. Meine Güte, irgendwas. Ich hatte dir doch gesagt, ich komme damit klar. Mit egal was.«
»So wie du damit klargekommen bist, dass ich nichts erzählt habe? Im Gegenteil, du bist doch völlig ausgeflippt.«
»Und? Ich hatte ja wohl ein Recht darauf.« Er warf einen Blick aufs Mischpult. »Menschen werden nun einmal wütend, Annabel. Das ist nicht das Ende der Welt.«
»Ich sollte also erklären, was los ist, und du hättest wütend auf mich sein dürfen, und dann, vielleicht, wärst du irgendwann darüber hinweggekommen …«
»Ja, ich wäre darüber hinweggekommen.«
»... oder eben auch nicht.« Ich funkelte ihn an. »Vielleicht hätte es ja alles verändert.«
»Das ist sowieso passiert! Ich meine, schau uns doch an. Wenn du mir erklärt hättest, was los ist, hätten wir wenigstens damit umgehen können. Aber du hast es einfach schleifen lassen, keine Entscheidung getroffen, nichts. Wolltest du das? War es dir etwa lieber, dass ich endgültig abhaue, anstatt vielleicht eine Zeit lang rumzupunken? Und gut ist?«
Ich stand wie angewurzelt da, als er mir das entgegenschrie. Musste es erst einmal sacken lassen. »Ich konnte … ich habe nicht kapiert, dass es diese Alternative überhaupt gibt.«
»Natürlich, die gibt es immer.« Er blickte auf den Lautsprecher über seinem Kopf; das elektrostatische Geräusch war inzwischen lauter denn je. »Was auch immer es ist, es wäre nicht so schlimm gewesen. Du hättest nur ehrlich zu sein brauchen. Mir erklären müssen, was wirklich passiert war.«
»Das ist nicht so einfach.«
»Aber das jetzt vielleicht? Den anderen ignorieren, ihm absichtlich aus dem Weg gehen? So zu tun, als wären wir niemals Freunde gewesen? Für dich mag das vielleicht einfach gewesen sein, aber ich fand es absolut ätzend. Das Allerletzte. Ich kann solche Spielchen nicht ausstehen.«
In dem Moment, da er das sagte, spürte ich etwas in meinem Magen. Aber es war nicht dieses Würgen, die sattsam bekannte Übelkeit. Eher ein leichtes Ziehen. Oder Sieden? »Ich stehe da auch nicht drauf, aber –«
»Wenn es so grauenhaft ist, dass du lieber all das in Kauf nimmst« – er umfasste mit einer weit ausholenden Geste das Studio, das Rauschen aus den Lautsprechern, uns mittendrin – »den ganzen Mist und Horror, der in letzter Zeit abgegangen ist … wenn es wirklich so ungeheuerlich ist, dann darf man es einfach nicht in sich reinfressen. Und das weißt du auch.«
»Nein. Du weißt das, Owen. Weil du mit Wut keine Probleme hast, weder mit deiner eigenen noch mit der von anderen. Du orientierst dich einfach an den Sprüchen und allem anderen, was du zu dem Thema gelernt hast, bist immer ehrlich, bereust nie etwas, das du gesagt oder getan hast …«
»Doch, das tue ich schon.«
»... aber ich bin nun einmal nicht so«, brachte ich meinen Satz zu Ende. »Bin ich einfach nicht.«
»Was bist du denn dann, Annabel?«, konterte er. »Etwa eine Lügnerin, so wie du gleich am ersten Tag zu mir gesagt hast? Komm schon, das glaubst du doch selbst nicht. Das war die größte Lüge von allen.«
Ich sah ihn nur an. Meine Hände zitterten.
»Wenn du wirklich eine Lügnerin wärst, hättest du mich einfach angelogen.« Er blickte erneut auf das Mischpult. Das statische Geräusch wurde noch lauter. »Du hättest so getan, als wäre alles in Ordnung. Hast du aber nicht.«
»Nein.« Ich nickte.
»Und erzähl mir nicht, für mich sei alles so easy. Ist es nämlich nicht. Die letzten paar Monate, in denen ich nicht wusste, was mit dir los ist, waren beschissen. Was geht hier ab, Annabel? Was ist so schlimm, dass du es nicht einmal mir erzählen kannst?«
Ich spürte, wie mein Herz schlug, mein Blut in meinen Adern pulsierte. Owen beugte sich übers Mischpult, betätigte noch einmal ungeduldig den Lautstärkeregler. Das statische Geräusch füllte meine Ohren vollständig aus. Und plötzlich begriff ich, was für ein Gefühl sich in mir aufbaute: Wut.
Ich war wütend. Auf ihn, weil er mich dermaßen rundmachte. Auf mich selbst, weil ich bis heute gewartet hatte, um mich zu wehren. Auf jede andere verpasste Gelegenheit, die ich hätte nützen können. Ich hatte mich all die Monate über immer gleich verhalten und geglaubt, es geschähe aus Unsicherheit oder Angst. Aber ich hatte mich geirrt.
»Du kapierst das nicht«, sagte ich.
»Dann erklär’s mir, damit ich die Chance dazu bekomme.« Er schob den leeren Stuhl, der vor ihm stand, in meine Richtung. »Und was«, fuhr er aufgebracht fort, »ist bloß mit der verdammten CD los? Wo bleibt die Musik? Warum hören wir nichts?«
»Bitte, was sagst du da?«
Er drückte ein paar Knöpfe und Schalter, fluchte leise vor sich hin. »Da ist gar nichts drauf. Die ist leer.«
»Ging es nicht genau darum?«
»Wovon redest du? Worum soll was gehen?«
Das gibt’s nicht!, dachte ich. Zog den Stuhl näher zu mir heran, setzte mich behutsam hin. Und da hatte ich geglaubt, die leere CD wäre ein tiefgründiges, bedeutsames Zeichen gewesen. Pustekuchen. Das Ganze war bloß … ein Versehen. Ein technischer Fehler. Ein einziger großer Irrtum.
Oder vielleicht doch nicht?
Plötzlich empfand ich alles als überlaut: seine Stimme, mein Herz, das statische Geräusch. Ich schloss die Augen, zwang mich, an letzte Nacht zu denken, als ich endlich in der Lage gewesen war, all die Dinge zu hören, die ich seit Ewigkeiten geheim gehalten hatte, sogar vor mir selbst.
Schsch, Annabel, hörte ich eine Stimme sagen. Aber dieses Mal klang sie anders als sonst. Ich bin’s bloß.
Owen drehte langsam die Lautstärke runter; das Rauschen über unseren Köpfen ebbte allmählich ab. Im Leben eines jeden Menschen kommt ein Augenblick, in dem die Welt verstummt. Alles, was bleibt, ist der eigene Herzschlag. Deshalb sollte man sich mit dem Geräusch rechtzeitig vertraut machen. Sonst versteht man nie, was es einem mitteilen will.
»Annabel?« Owens Stimme klang ruhiger. Näher bei mir. Besorgt. »Was hast du?«
Er hatte mir bereits so viel gegeben. Dennoch beugte ich mich jetzt vor, zu ihm, und bat ihn um einen letzten Gefallen. Um etwas, das er besser konnte als jeder andere: »Denk nicht nach. Fäll kein vorschnelles Urteil. Hör einfach zu.«
»Annabel? Wir wollen demnächst mit dem Video anfangen …« Die Stimme meiner Mutter klang sehr sanft. Sie dachte, ich würde schlafen. »Bist du im Prinzip so weit?«
»Fast.«
»Okay. Wir sind dann unten.«
Gestern hatte ich Owen nicht nur erzählt, was auf der Party geschehen war. Sondern alles. Von Sophies Verhalten mir gegenüber, Kirstens Film, Whitneys schrittweiser Genesung. Dass ich mich hatte breitschlagen lassen, doch noch einen Werbespot zu drehen, mich mit meinem Vater über Geschichte unterhalten und mir letzte Nacht seine leere CD angehört hatte. Owen saß einfach bloß da und hörte zu. Lauschte eingehend jedem einzelnen Wort. Und als ich schließlich fertig war, sagte er die drei Worte, die normalerweise nichts sagen, diesmal jedoch alles.
»Tut mir leid, Annabel. Es tut mir so leid, was dir da passiert ist.«
Genau das hatte ich mir vielleicht die ganze Zeit gewünscht. Keine Entschuldigung – und ganz sicher nicht von Owen –, aber eine Würdigung. Dass jemand es einfach wahrnahm. Beachtete. Doch am meisten zählte, dass ich letztlich durchgehalten hatte – Anfang, Mitte, Ende. Was natürlich nicht bedeutete, dass es vorbei war.
»Was hast du jetzt vor?«, fragte er mich später. Wir standen bei seinem Wagen, hatten den Senderaum verlassen müssen, weil die nächste Sendung anfing, die von zwei munteren Immobilienmaklern aus unserer Gegend moderiert wurde. »Rufst du die Tante von der Staatsanwaltschaft an? Wegen des Prozesses?«
»Ich weiß es noch nicht.«
Mir war klar, dass er unter anderen Umständen keine Sekunde gezögert hätte, mich mit seiner Meinung zu dem Thema zu konfrontieren. Doch diesmal hielt er sich zurück. Fast eine Minute lang.
»Ich finde nur«, fuhr er dann schließlich doch fort, »dass man im Leben nicht häufig die Chance bekommt, wirklich etwas zu verändern. Ein Zeichen zu setzen. Das ist so eine Chance.«
»Du hast gut reden. Du machst immer alles richtig.«
»Stimmt nicht.« Er schüttelte den Kopf. »Ich versuche nur zu tun, was ich …«
»... unter den gegebenen Umständen tun kannst, weiß ich. Aber ich habe Angst. Ich weiß nicht, ob ich das durchstehe.«
»Klar stehst du das durch!«
»Warum bist du dir dessen so sicher?«
»Weil du es schon einmal geschafft hast. Du bist aufgekreuzt und hast mir alles erzählt. Das ist der Hammer. Das bringen nicht viele. Aber du hast es getan.«
»Ich musste. Ich wollte dir endlich alles erklären«, sagte ich.
»Dann schaffst du es auch noch einmal. Ruf einfach diese Frau an und erzähl ihr das Gleiche wie mir.«
Ich fuhr mir mit der Hand durchs Haar. »Aber es geht um mehr als um einen Anruf. Was passiert beispielsweise, wenn die möchten, dass ich offiziell aussage? Ich müsste es meinen Eltern erzählen, meiner Mutter … Ich weiß nicht, ob sie das verkraftet.«
»Doch, das wird sie.«
»Du kennst sie nicht mal.«
»Brauche ich gar nicht«, antwortete er. »Annabel, du stehst vor einer superwichtigen Entscheidung. Und das weißt du auch. Also tu, was du tun musst, und sieh dann weiter. Wer weiß, wie deine Mutter reagiert? Möglicherweise erlebst du ja eine Überraschung.«
Ich spürte einen Kloß im Hals. Ich wollte so gern glauben, dass er recht hatte. Und vielleicht hatte er ja auch recht.
Owen stellte seinen Rucksack auf den Boden, hockte sich daneben, wühlte darin herum. Mir kam auf einmal der Tag in den Sinn, an dem wir hinter der Schule auf der Wiese saßen und er ebenfalls in seinem Rucksack herumgekramt hatte. Damals wie jetzt hatte ich nicht die leiseste Ahnung, was am Ende zum Vorschein kommen würde; was um alles in der Welt Owen Armstrong mir wohl zeigen wollte. Nach einem Augenblick zog er ein Bild heraus.
»Da. Als Inspiration.«
Es handelte sich um das Foto, das er am Abend von Mallorys Shooting von mir gemacht hatte. Ich stand im Durchgang zur Garderobe/Maske, ohne Make-up, mit entspanntem Gesicht; von hinten schimmerte gelb das Licht. Merkst du das?, hatte er damals zu mir gesagt. Das bist du. Genauso siehst du aus. Als ich das Bild in diesem Moment betrachtete, erschien es mir wie der endgültige Beweis dafür, dass ich nicht das Mädchen an Mallorys Wand war oder das aus der Kaufhaus Kopf-Werbung, nicht einmal das von der Party zu Ferienbeginn. Dass sich in diesem Herbst etwas in mir verändert hatte, und zwar wegen und durch Owen. Auch wenn ich jetzt erst in der Lage war, es wirklich wahrzunehmen.
»Mallory hatte mich gebeten, es dir zu geben, aber …«
»Aber?«
»Ich hab’s nicht gemacht, wie du siehst.«
Vielleicht hätte ich mir die Frage verkneifen sollen, tat ich aber nicht. »Warum nicht?«
»Es gefiel mir zu gut«, erwiderte er achselzuckend. »Ich wollte es behalten.«
Am Nachmittag desselben Tages brachte ich endlich den Mut auf, Andrea Thomlinson anzurufen, die Frau von der Staatsanwaltschaft. Das Bild hielt ich währenddessen in der Hand. Ich hinterließ eine Nachricht auf ihrer Mailbox. Innerhalb von zehn Minuten rief sie mich zurück. Emily hatte recht: Sie war nett. Wir telefonierten ungefähr eine Dreiviertelstunde miteinander. Und als sie mich fragte, ob ich am nächsten Tag zur Verhandlung käme, falls sie mich brauchen würden, sagte ich Ja, obwohl ich wusste, was das möglicherweise bedeutete. Nachdem wir aufgelegt hatten, rief ich sofort Owen an und erzählte ihm, was ich getan hatte.
»Super!« Ich konnte an seiner Stimme hören, dass er sich aufrichtig – für mich – freute. Sie klang warm. Ich presste den Hörer fester ans Ohr, um diese Stimme noch deutlicher zu hören. Ließ sie mich ganz ausfüllen. »Das war genau richtig.«
»Ich weiß. Aber jetzt muss ich mich vielleicht vor alle hinstellen, da im Gericht …«
»Du schaffst das.«
Ich stöhnte leicht. War mir dessen gar nicht so sicher. Was er natürlich merkte.
»Doch, du kannst das«, meinte er beharrlich. »Und falls du wegen morgen nervös bist …«
»Falls?«
»... komme ich gerne mit. Sofern du das möchtest.«
»Das würdest du tun?«
»Logo«, antwortete er. Einfach so. »Sag mir, wo und wann.«
Wir verabredeten uns für kurz vor neun am Brunnen vor dem Gerichtsgebäude. Mir war klar, dass ich auch ohne ihn nicht allein sein würde. Aber es war immer gut, Alternativen zu haben.
Ich warf einen letzten Blick auf Owens Foto von mir, bevor ich es in die Nachttischschublade legte.
Auf dem Weg ins Wohnzimmer, wo meine Familie bereits auf mich wartete, blieb ich kurz stehen, um das Foto im Eingangsflur zu betrachten. Wie immer richteten sich meine Augen zuerst auf mein eigenes Gesicht, dann auf die Gesichter meiner Schwestern, bevor sie schließlich zu meiner Mutter wanderten, die zwischen uns dreien so zierlich und zerbrechlich wirkte. Doch heute sah ich das Bild in einem ganz anderen Licht.
Als diese spezielle Aufnahme entstand, hatten wir uns instinktiv um meine Mutter versammelt, um sie zu beschützen. Doch das war nur ein Tag gewesen, ein Schnappschuss. Seitdem hatten wir uns viele Male neu gruppiert. Umgruppiert. Hatten uns um Whitney geschart, selbst als sie es gar nicht wollte; Kirsten und ich waren einander dadurch nähergekommen, dass Whitney uns beide abgelehnt hatte. Bis heute war bei uns alles im Fluss, was mir an jenem Abend klar geworden war, als ich beobachtete, wie sich meine Mutter und meine Schwestern beim Essen fast wortlos versöhnten. Damals war ich felsenfest davon überzeugt gewesen, dass ich die Ausgeschlossene war. Aber das stimmte nicht. In Wirklichkeit war ich immer in Reichweite gewesen, gerade mal eine Armlänge entfernt. Ich hätte nur fragen müssen, um dazuzugehören, und sie hätten mich wie selbstverständlich wieder in ihre Mitte genommen, wo ich mich uneingeschränkt sicher fühlen konnte. Irgendwo zwischen allen anderen, behütet und beschützt.
Ich ging ins Wohnzimmer, wo meine Familie bereits vorm Fernseher saß. Zunächst bemerkte mich niemand, daher blieb ich einen Moment still stehen und betrachtete sie, alle nacheinander. Doch dann wandte meine Mutter den Kopf, entdeckte mich. Ich atmete tief durch und wusste: Egal, was für ein Gesicht sie gleich machte und was auch immer ich darin las – ich würde es tun. Musste es tun.
»Annabel.« Sie rutschte lächelnd ein Stück beiseite, um neben sich Platz zu machen. »Komm, setz dich zu uns.«
Ich zögerte. Bis mein Blick auf Whitney fiel, die mich mit ernstem Gesicht ansah. Mir fiel die Nacht vor etwa einem Jahr wieder ein, als ich die Badezimmertür aufgestoßen, einen Schalter betätigt und sie dem Licht ausgesetzt hatte. Was mit ihr passiert war, hatte mich zu Tode erschreckt. Aber sie hatte es überlebt. Deshalb sah ich sie unverwandt an, während ich mich hinsetzte.
Wieder lächelte meine Mutter mich an. Eine Welle von Traurigkeit und Angst schlug über mir zusammen, denn mir war vollkommen klar, was ich im Begriff stand zu tun. Bist du im Prinzip so weit?, hatte sie mich vorhin gefragt. In dem Moment war ich es noch nicht gewesen. Würde es vielleicht auch nie sein. Dennoch führte jetzt kein Weg mehr daran vorbei. Und als ich mich nun innerlich darauf vorbereitete, noch einmal meine Geschichte zu erzählen, tat ich das, was Owen so oft für mich getan hatte: Ich streckte die Hand aus, meiner Mutter, meiner Familie entgegen. Hielt sie fest, zog sie mit mir. Hindurch.