Kapitel 1

Ich hatte den Werbespot im April gedreht – also bevor alles passiert war – und anschließend fast wieder vergessen. Doch seit einigen Wochen lief er im Fernsehen. Und plötzlich gab es mich überall.

Auf den Bildschirmen, die über den Laufbändern und Crosstrainern im Fitnesscenter hingen. Auf dem Monitor in der Post, der einen davon ablenken soll, wie lange man schon in der Schlange wartet. Und ich flimmerte über den Fernsehbildschirm in meinem Zimmer – jetzt, hier. Ich sitze auf der Bettkante, presse die Fingernägel in meine Handflächen und nehme mühsam Anlauf: Aufstehen, losgehen 

»Wie jedes Jahr hat die Herbstsaison begonnen …«

Ich starrte mich selbst – beziehungsweise eine fünf Monate jüngere Version meiner selbst – an und suchte nach den kleinsten Anzeichen von Veränderungen, nach irgendeinem sichtbaren Beweis für das, was mir seitdem passiert war. Doch vor allem haute mich um, wie seltsam es sich anfühlte, mich selbst auf diese Weise zu sehen, also nicht in einem Spiegel oder auf einem Foto. Gewöhnt habe ich mich daran übrigens bis heute nicht.

»Im Stadion«, hörte und sah ich mich selbst sagen. Ich trug ein babyblaues Cheerleader-Outfit, meine Haare waren zu einem straffen Pferdeschwanz zurückgebunden und in der Hand hielt ich eines dieser altmodischen Megafone, die heutzutage kein Mensch mehr benutzt; ein K war darauf eingraviert.

»In der Schule.« Schnitt auf mich, in seriösem Faltenrock und kurzem braunen Pullover, der gekratzt hatte, das wusste ich noch genau. Außerdem hatte es sich merkwürdig angefühlt, das Teil exakt zu einer Zeit anziehen zu müssen, als es draußen endlich warm wurde.

»Und auf Partys.« Ich beugte mich ein wenig vor, während ich mich selbst auf dem Fernseher anstarrte. In dieser Einstellung trug ich ein Glitzershirt zu Jeans, saß auf einer Bank und wandte mich über die Rücklehne zur Kamera um, während ich sprach. Im Hintergrund: eine Gruppe Mädchen, die lautlos miteinander schwatzten.

Der Regisseur, ein Milchbubi frisch von der Filmakademie, hatte mir das Konzept dieses seines Werks erläutert: »Das Mädchen, das alles hat!« Beim Sprechen hatte er mit den Händen einen kleinen, runden Kreis in die Luft gemalt, als ließe sich etwas so Ungeheures, um nicht zu sagen Unglaubliches, in eine einzige Geste fassen. Auf jeden Fall bedeutete es offenbar, ein Megafon, immer die angesagtesten Klamotten sowie einen Haufen Freunde zu haben. Doch bevor ich die Chance hatte, über die feine Ironie von Letzterem nachzudenken, fuhr mein Bildschirm-Ich bereits fort.

»Die Ereignisse des kommenden Schuljahrs werfen ihre Schatten voraus«, verkündete ich, angetan mit einem rosafarbenen Abendkleid; auf einer quer darüber drapierten Schärpe stand BALLKÖNIGIN. Ein Junge im Smoking trat neben mich, reichte mir den Arm. Strahlend hakte ich mich bei ihm ein. Er studierte an der Uni in unserer Stadt, drittes Semester, und war während der Dreharbeiten eher zurückhaltend gewesen, obwohl – gerade fiel es mir wieder ein: Am Ende, bevor wir alle auseinandergingen, hatte er mich nach meiner Nummer gefragt. Wie hatte ich das bloß vergessen können?

»Die schönste Zeit in deinem Leben«, sagte mein Bildschirm-Ich gerade. »Die schönsten Erinnerungen. Und das passende Outfit für jede Gelegenheit – im Kaufhaus Kopf

Die Kamera zoomte immer dichter an mich heran, bis nur noch mein Gesicht zu sehen und der Rest des Bildes völlig verschwommen war. Der Dreh hatte vor dem Abend stattgefunden, an dem das mit Sophie geschehen war, vor dem langen, einsamen Sommer der Geheimnisse und des Schweigens, der hinter mir lag. Ich war am Ende, aber dem Mädchen dort auf dem Fernsehschirm ging es gut. Man sah es ihr an, erkannte es an der selbstbewussten Art und Weise, mit der sie mich und die übrige Welt anblickte und ihren Mund öffnete, um weiterzusprechen.

»Sorg dafür, dass dieses Jahr dein bisher bestes wird«, sagte sie; ich merkte, dass ich beim Warten die Luft anhielt, beim Warten auf den nächsten Satz, den letzten, den einzigen, der tatsächlich der Wahrheit entsprach, auch und gerade jetzt, hier, in der Gegenwart: »Die Schule hat wieder angefangen. Auf geht’s.«

Und Freeze! Neben meinem nun stocksteif-stillen Ebenbild wurde das Kopf-Logo eingeblendet, das allerdings in kürzester Zeit von einem Werbespot für Eiswaffeln oder der neuesten Wettervorhersage abgelöst werden würde. Fünfzehn Sekunden folgten nahtlos auf die nächsten fünfzehn, ein Spot nach dem anderen; doch das wartete ich nicht mehr ab, sondern schnappte mir die Fernbedienung, schaltete mich ab und verließ den Raum.

 

Ich hatte über drei Monate Zeit gehabt, um mich seelisch auf die erste Wiederbegegnung mit Sophie vorzubereiten. Aber als es schließlich so weit war, fühlte ich mich immer noch nicht wirklich bereit dazu.

Lange bevor es das erste Mal zur ersten Stunde läutete, stand ich schon auf dem Parkplatz und versuchte, alles an Mut und überhaupt zu sammeln, was nötig sein würde, um auszusteigen und offiziell ins neue Schuljahr zu starten. Während meine Mitschüler schwatzend und lachend an mir vorbei Richtung Schulhof strömten, führte ich mir alle Vielleichts vor mein geistiges Auge: Vielleicht war sie mittlerweile drüber weg; vielleicht hatte sich im Laufe des Sommers irgendetwas ereignet, das unser kleines Drama verdrängte oder gar ersetzte; vielleicht war das Ganze ohnehin längst nicht so schlimm gewesen, wie ich geglaubt hatte. Alles reine Spekulation, natürlich, aber immerhin möglich. Eben vielleicht.

Ich wartete bis zur allerletzten Sekunde, bevor ich den Schlüssel aus dem Anlasser zog. Als ich mich der Tür zuwandte und die Hand nach dem Griff ausstreckte, stand sie direkt vor mir.

Einen Moment lang starrten wir einander nur an. Sofort fielen mir die Veränderungen an ihr auf: Ihr kurzes dunkles Haar war kürzer, sie selbst – sofern das überhaupt möglich war – noch schlanker und statt des dicken schwarzen Kajals, mit dem sie im Frühling ihre Augen geschminkt hatte, hatte sie sich auf einen natürlicheren Look in Bronze und Pink verlegt. Ob ich mich in ihren Augen wohl ebenfalls verändert hatte? Und falls ja, inwiefern?

Noch während ich diesen Gedanken dachte, öffnete Sophie ihre vollendet geschwungenen Lippen, verengte leicht die Augen und sprach das Urteil, mit dem ich den ganzen Sommer lang gerechnet hatte. Ja, ich hatte im Grunde auf nichts anderes gewartet, als es zu hören.

»Schlampe!«

Durch die Glasscheibe zwischen uns wurden weder die Lautstärke verringert noch die Reaktionen der Leute gemildert, die in dem Moment vorbeiliefen. Ich nahm wahr, wie ein Mädchen, mit dem ich im Vorjahr zusammen Englisch gehabt hatte, leicht die Augen zusammenkniff, während ein anderes Mädchen – sie hatte ich an unserer Schule allerdings noch nie gesehen – lauthals lachte.

Sophie selbst machte ein Pokerface. Warf sich ihre Tasche über die andere Schulter, drehte sich um und marschierte los, Richtung Schulhof. Ich merkte, dass ich rot geworden war. Spürte die Blicke der anderen auf mir. Auf so etwas war ich nicht vorbereitet gewesen. Konnte man sich vermutlich auch gar nicht vorbereiten. Außerdem würde dieses Jahr, genauso wenig wie vieles andere, nicht einfach stehen bleiben und warten. Ich hatte gar keine andere Wahl, als unter den neugierigen Blicken der anderen auszusteigen, die Ärmel hochzukrempeln und loszulegen, ganz konkret. Und allein. Also tat ich es.

 

Ich hatte Sophie vor vier Jahren kennengelernt, zu Beginn der Sommerferien nach der Sechsten. Und zwar stand ich, zwei leicht feuchte Dollarscheine in der Hand, vor der Snackbar in unserem Freibad, um mir eine Cola zu kaufen, als ich spürte, wie sich jemand hinter mich stellte. Ich wandte den Kopf. Ein Mädchen, das ich nie zuvor gesehen hatte, stand hinter mir. Sie trug einen Hauch von Bikini in Orange und farblich dazu passende Flipflops mit extradicker Sohle. Olivfarbene Haut, dichter, hoch oben auf dem Kopf zum Pferdeschwanz gebundener Lockenschopf, sehr dunkle Sonnenbrille sowie ein gelangweilter, ungeduldiger Gesichtsausdruck. Als wäre sie gerade vom Himmel gefallen. Denn in unserem Viertel kennt im Prinzip jeder jeden. Ich wollte sie nicht anglotzen. Tat ich aber offensichtlich.

»Was?«, blaffte sie mich an. Ich sah mein Spiegelbild, klein und verzerrt, in ihrer Sonnenbrille. »Was gibt es so Interessantes zu sehen?«

Ich wurde rot – wie immer, wenn jemand seine Stimme gegen mich erhebt. Was laute Töne angeht, bin ich extrem empfindlich, bis zu dem Punkt, dass ich mich sogar über irgendeine dämliche Gerichtsshow tödlich aufrege und umschalten muss, sobald der Richter anfängt, jemanden zusammenzubrüllen. »Nichts«, erwiderte ich und wandte mich rasch ab.

Der Typ von unserer örtlichen Highschool, der in diesem Sommer an der Snackbar jobbte, winkte mich mit einem müden Der-Nächste-Blick zu sich. Während er meine Cola einschenkte, nahm ich die Gegenwart des Mädchens hinter mir wahr wie etwas physisch Schweres. Ich konzentrierte mich darauf, meine beiden Dollarnoten auf dem Glas der Theke so glatt wie möglich zu streichen. Nachdem ich bezahlt hatte, ging ich davon, tunlichst ohne ein einziges Mal von dem rauen Zementweg aufzublicken; lief um das tiefe Ende des Beckens herum zu unserem Platz, wo meine beste Freundin, Clarke Reynolds, auf mich wartete.

»Whitney ist schon los, nach Hause«, sagte Clarke und putzte sich die Nase. Vorsichtig stellte ich meinen Becher Cola neben meinem Liegestuhl auf der Erde ab. »Ich habe gesagt, dass wir laufen.«

»Okay«, antwortete ich. Meine Schwester Whitney hatte seit Kurzem ihren Führerschein und damit die Aufgabe, mich rumzukutschieren. Machte sie meistens allerdings nur hin. Das Zurückkommen überließ sie mir, egal ob vom Freibad – von dem man bequem zu Fuß gehen konnte –, oder dem Einkaufszentrum im nächsten Ort (nichts mit bequem zu Fuß gehen). Schon damals war Whitney eine echte Einzelgängerin. Die Welt bestand quasi aus ihrer Privatsphäre; selbst wenn man ihr nicht total dicht auf die Pelle rückte, drang man also bereits ein.

Erst nachdem ich mich wieder hingesetzt hatte, gestattete ich mir einen Blick zu dem Mädchen im orangefarbenen Bikini. Sie stand mittlerweile auch nicht mehr an der Snackbar, sondern gegenüber von uns auf der anderen Seite des Schwimmbeckens und sondierte die Lage an der Liegestuhlfront. In der einen Hand hielt sie ihren Becher, über ihrem anderen Arm hing ihr Handtuch.

»Hier.« Clarke gab mir das Kartenspiel, das sie in der Hand hielt. »Du bist dran mit Geben.«

Clarke war meine beste Freundin, seit wir sechs gewesen waren. Zwar lebten in unserem Viertel jede Menge Kinder, aber aus irgendeinem Grund waren die meisten entweder Teenager – wie meine Schwestern – oder vier Jahre alt und jünger, wofür es allerdings einen Grund gab: Babyboomer-Nachwuchs. Kurz nachdem Clarkes Familie aus Washington D.C. hergezogen war, lernten unsere Mütter sich bei einem Meeting der Nachbarschaftshilfe kennen. Sobald ihnen klar wurde, dass wir gleich alt waren, steckten sie uns zusammen. Und so war es bis heute geblieben.

Die Reynolds hatten Clarke mit sechs Monaten adoptiert; sie kam ursprünglich aus China. Wir waren gleich groß, doch mehr Ähnlichkeiten gab es zwischen uns nicht. Ich war mit meinen blonden Haaren und blauen Augen eine typische Greene, wohingegen niemand auf der ganzen Welt so dunkle, glänzende Haare und braune, fast schwarze Augen hatte wie Clarke. Ich war schüchtern und wollte es immer allen recht machen; Clarke trat schon als kleines Mädchen richtig seriös auf, war ernsthaft und nachdenklich, sowohl was ihr Äußeres, als auch was Persönlichkeit und Verhalten betraf. Genau wie meine Schwestern hatte ich gemodelt, seit ich denken konnte. Clarke dagegen war ein jungenhafter Typ, beste Fußballerin in unserer Straße und meisterhafte Kartenspielerin, vor allem Canasta. Ich hatte den ganzen Sommer über noch kein einziges Spiel gewonnen.

»Kann ich einen Schluck von deiner Cola haben?«, fragte sie mich und nieste. »Ganz schön heiß hier.«

Ich nickte und beugte mich vor, um ihr meinen Becher zu geben. Clarke litt das ganze Jahr über unter Allergien, aber im Sommerhalbjahr wurde es am schlimmsten. Von April bis Oktober war ihre Nase entweder verstopft oder tropfte, sie musste sich ununterbrochen schnäuzen und nichts schien zu helfen, egal, wie viele Pillen sie schluckte oder Spritzen sie bekam. Ich war das alles seit Langem gewohnt: ihre näselnde Stimme, die unvermeidliche Packung Papiertaschentücher in ihrer Hand 

In unserem Freibad existierte eine streng geregelte, hierarchische Sitzordnung: Die Bademeister saßen an den Picknicktischen in der Nähe der Snackbar, die Mütter mit kleinen Kindern hockten um den flachen Teil des Beckens herum beziehungsweise am Nichtschwimmer-, auch genannt Pipibecken. Clarke und ich zogen uns am liebsten in den Halbschatten hinter den Schaukeln zurück, während die männlichen Stars von der Highschool in der Nähe des Sprungturms abhingen, darunter Chris Pennington, drei Jahre älter als ich und mit Abstand der bestaussehende Typ sowohl im ganzen Viertel als auch – wie ich damals fand – der ganzen Welt. Die optimale und entsprechend beliebteste Stelle zum Sonnenbaden waren die Liegestühle, die säuberlich nebeneinander zwischen der Snackbar und der ersten, abgeteilten Bahn im Becken standen; dort saßen in der Regel nur die populärsten Mädchen aus unserer Highschool. Auch meine älteste Schwester Kirsten räkelte sich dort in einem knallpinken Bikini und fächelte sich mit einer Ausgabe von Glamour Luft zu.

Zu meiner Überraschung sah ich – nachdem ich gerade die Karten ausgeteilt hatte –, wie das Mädchen in Orange in Kirstens Richtung lief und sich in den Stuhl neben ihr legte. Auf Kirstens anderer Seite saß ihre beste Freundin, Molly Clayton, die Kirsten prompt am Arm stupste und zu dem Mädchen rübernickte. Kirsten blickte kurz auf, hob den Kopf, checkte ihre Nachbarin ab, zuckte die Achseln, ließ sich wieder in ihren Liegestuhl zurückfallen und schlang einen Arm über ihr Gesicht.

»Annabel?« Clarke hatte ihr Blatt bereits aufgenommen und wartete nur darauf, mich wieder mal zu besiegen. »Du fängst an.«

»Stimmt.« Ich drehte mich wieder zu ihr um.

Auch am nächsten Tag erschien das Mädchen im Schwimmbad, dieses Mal in einem silbernen Badeanzug. Als ich ankam, hatte sie es sich bereits mit ausgebreitetem Handtuch, Zeitschrift auf dem Schoß und einer Flasche Mineralwasser neben sich in dem Liegestuhl gemütlich gemacht, auf dem am Tag zuvor meine Schwester gesessen hatte. Clarke hatte gerade Tennisstunde, deshalb war ich allein, als meine Schwester und ihre Freundinnen etwa eine Stunde später eintrudelten – wie immer ein großer, lautstarker Auftritt; ihre Schuhe klatschten hörbar auf den Zement. Als sie ihren Stammplatz erreichten und das fremde Mädchen bemerkten, wurden sie langsamer, sahen einander an. Molly Clayton wirkte ziemlich genervt, aber Kirsten ging einfach vier Stühle weiter und schlug dort ihr Lager auf.

Auch in den folgenden Tagen beobachtete ich, wie die Neue systematisch und hartnäckig versuchte, sich in die Clique meiner Schwester hineinzudrängen. Was mit einem simplen Liegestuhlmanöver begonnen hatte, eskalierte am dritten Tag, indem sie sich gleichzeitig mit den anderen Mädchen an der Snackbar anstellte. Am Tag darauf sprang sie nur Sekunden nach ihnen ins Wasser und lungerte keinen halben Meter entfernt von ihnen am Beckenrand herum, während sie im Wasser rumplanschten und quatschten und einander bespritzten. Es wurde Samstag, es wurde Sonntag – sie folgte ihnen mittlerweile auf Schritt und Tritt, wie ein lebender Schatten.

Es war unter Garantie extrem nervig. Ich sah, wie Molly ihr ein paarmal giftige Blicke zuwarf; sogar Kirsten bat sie einmal, sich bitte nicht so dicht an sie ranzudrängeln, als sie am tiefen Ende des Beckens herumschwamm. Was das Mädchen allerdings nicht weiter zu stören schien. Im Gegenteil, sie heischte nun noch mehr um Beachtung, als wäre es vollkommen egal, was sie zu ihr sagten – Hauptsache, sie sprachen mit ihr, Punkt.

»Ich habe gehört, dass eine neue Familie in das Haus an der Sycamore Road eingezogen ist«, sagte meine Mutter eines Abends beim Essen, »da, wo früher die Daughtrys gewohnt haben.«

»Die Daughtrys sind weggezogen?«, fragte mein Vater.

Meine Mutter nickte. »Schon im Juni. Nach Toledo. Weißt du nicht mehr?«

Mein Vater überlegte kurz. »Stimmt«, sagte er schließlich und nickte. »Toledo.«

»Außerdem habe ich gehört«, fuhr meine Mutter fort und reichte dabei die Schüssel mit Spaghetti an Whitney weiter, die sie prompt zu mir rüberschob, »dass sie eine Tochter in deinem Alter haben, Annabel. Ich glaube, ich habe sie sogar schon mal gesehen, neulich, als ich bei Margie war.«

»Wirklich?«, meinte ich.

Meine Mutter nickte. »Sie hat dunkle Haare und ist ein bisschen größer als du. Vielleicht ist sie dir ja schon mal irgendwo hier in der Gegend über den Weg gelaufen.«

Ich überlegte einen Moment. »Keine Ahnung –«

Aber ich wurde von Kirsten unterbrochen: »Das muss sie sein!« Ihre Gabel landete mit einem vernehmlichen Scheppern auf dem Tisch, so abrupt legte Kirsten sie ab. »Die Stalkerin aus dem Schwimmbad. Ich hab’s geahnt! Ich wusste, dass sie jünger ist als wir, wesentlich jünger.«

»Moment.« Endlich hörte auch mein Vater richtig zu. »Im Schwimmbad gibt es einen Stalker?«

»Hoffentlich nicht«, sagte meine Mutter mit ihrer Ich-mache-mir-Sorgen-Stimme.

»Doch keine richtige Stalkerin«, meinte Kirsten. »Nur dieses Mädel, das immer um uns rumhängt. Ganz schön unheimlich, wie sie sich total dicht neben einen setzt, einem überallhin folgt und ständig mitschneidet, aber selbst keinen Ton sagt. Ich habe sie gebeten zu verschwinden, aber so was ignoriert sie einfach. Meine Güte! Ich kann kaum fassen, dass sie erst zwölf ist. Echt krank.«

»Echt theatralisch«, murmelte Whitney und spießte mit ihrer Gabel ein Salatblatt auf.

Natürlich hatte sie recht. Kirsten machte aus allem ein Drama, darin schlug sie bei uns zu Hause keiner. Sie gab grundsätzlich Vollgas, sowohl in ihren Gefühlen als auch mit dem Mund, denn sie redete ohne Unterlass, sogar wenn ihr durchaus klar war, dass keiner zuhörte. Im Gegensatz dazu war Whitney extrem schweigsam, was dazu führte, dass die wenigen Worte, die sie von sich gab, viel mehr Gewicht hatten.

»Sei nett, Kirsten«, sagte meine Mutter.

»Habe ich ja versucht, Mama. Aber wenn du sie sehen würdest, würdest du sofort begreifen, was ich meine. Sie ist wirklich eigenartig.«

Meine Mutter trank einen Schluck Wein. »Neu wo hinzuziehen, ist oft schwierig. Vielleicht weiß sie einfach nicht, wie sie es anstellen soll, neue Freundinnen zu finden …«

»Allerdings!«, entgegnete Kirsten.

»... aber das heißt, es liegt womöglich bei dir, ihr auf halbem Weg entgegenzukommen«, fuhr meine Mutter fort.

»Sie ist zwölf«, entgegnete Kirsten, als wäre das in etwa gleichbedeutend mit einer ansteckenden Krankheit oder sonst irgendeiner Katastrophe.

»Wie deine Schwester«, sagte mein Vater.

Kirsten nahm ihre Gabel und deutete damit auf ihn. »Eben«, antwortete sie.

Whitney schnaubte leise. Aber meine Mutter richtete ihre Aufmerksamkeit bereits auf mich. Natürlich. »Vielleicht könntest du dich ja ein wenig um sie bemühen, Annabel«, schlug sie vor. »Sie einfach grüßen, wenn du sie mal wieder siehst, oder etwas in der Art.«

Ich erzählte meiner Mutter nicht, dass ich mit der Neuen längst zu tun gehabt hatte, und zwar vor allem deswegen, weil meine Mutter entsetzt darüber gewesen wäre, wie unfreundlich sie mich behandelt hatte. Was allerdings nichts an ihren Vorstellungen, was mein Verhalten betraf, geändert hätte. Meine Mutter war berühmt für ihre Manieren und erwartete die gleiche Höflichkeit von uns, egal unter welchen Umständen. Unser Leben sollte perfekt sein, immer und ausnahmslos. Das galt auch für unser Benehmen und moralischen Werte. »Okay«, sagte ich deshalb. »Mach ich. Vielleicht.«

»Lieb von dir«, antwortete sie. Womit das Thema erledigt war. Hoffte ich.

Doch als Clarke und ich am nächsten Nachmittag ins Schwimmbad kamen, lag das Mädchen bereits wieder dicht neben Kirsten und – auf deren anderer Seite – Molly. Ich versuchte, das zu ignorieren, während wir uns an unserem Stammplatz niederließen, kam aber nicht umhin, irgendwann doch rüberzuschauen. Und, was war? Klar, Kirsten ließ mich nicht aus den Augen. Stand auf, warf mir einen vielsagenden Blick zu, ging zur Snackbar. Die Neue heftete sich an ihre Fersen. Ich wusste, was nun von mir erwartet wurde.

»Bin gleich wieder da«, sagte ich zu Clarke, die einen Stephen-King-Thriller las und sich die Nase putzte.

»Okay«, meinte sie.

Ich stand auf und nahm die Route um den Sprungturm herum. Als ich an Chris Pennington vorbeikam, verschränkte ich die Arme über der Brust. Er hatte seine Augen mit einem Handtuch bedeckt und fläzte sich in seinem Liegestuhl, während ein paar seiner Kumpel am Beckenrand miteinander rangen. Super. Nur weil meine Mutter darauf bestand, uns zu perfekten guten Samariterinnen zu erziehen, musste ich mich wieder anmachen lassen, anstatt das zu tun, was ich an jenen Sommerferien-Schwimmbadnachmittagen gewöhnlich tat: Chris Pennington beobachten – still und heimlich, versteht sich. Das war, abgesehen vom Schwimmen und beim Kartenspielen Verlieren, meine Hauptaktivität.

Ich hätte Kirsten erzählen können, dass ich mit der Neuen schon mal zusammengerasselt war, ließ es aber lieber bleiben. Denn anders als ich schreckte sie vor Konfrontationen nicht zurück, im Gegenteil, sie steuerte zielstrebig auf solche Situationen zu und nahm dann prompt das Heft in die Hand. Sie war das Pulverfass unserer Familie; ich kann mich nicht erinnern, wie viele Male ich peinlich berührt und rot wie eine Tomate Zeugin gewesen war, während Kirsten Verkäuferinnen, Autofahrern oder diversen Exfreunden gegenüber klar und deutlich ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck brachte. Ich liebte sie, aber – um ehrlich zu sein – sie machte mich nervös.

Whitney war das genaue Gegenteil: Sie kochte innerlich. Ließ ihre Wut nie raus. Man merkte es natürlich trotzdem, wenn sie sauer war. Merkte es an ihrem Gesichtsausdruck, ihren zu schmalen, harten Schlitzen verengten Augen, den bedeutsamen, schweren Seufzern, die einen so fertigmachen, ja demütigen konnten, dass jedes noch so scharfe Wort erträglicher gewesen wäre. Da Kirsten und Whitney bloß zwei Jahre auseinander waren, hatten sie ziemlich häufig Zoff. Nun hätte man natürlich meinen können, so ein Streit wäre eine ziemlich einseitige Angelegenheit; denn alles, was man zunächst vernahm, war Kirstens Stimme, die Vorwürfe und Beleidigungen abfeuerte wie ein Maschinengewehr. Hörte man allerdings genauer hin, nahm man die Pausen zwischendrin wahr, wenn Whitney schwieg, versteinert, anklagend schwieg; und die wenigen kritischen Bemerkungen, die sie machte, waren immer viel treffender und letztlich kränkender als Kirstens endlose Tiraden.

Die eine offen, die andere verschlossen. Wenn ich an meine Schwestern dachte, kamen mir als erstes Bild immer zwei Türen in den Sinn. Was echt nicht verwunderlich war. Mit Kirsten assoziierte ich unsere Haustür. Sie schien – in der Regel von ihrer halben Clique umschwirrt – immer entweder gerade zu kommen oder zu gehen; ihre Sätze brachen mittendrin ab oder fingen irgendwo an. Die Whitney-Tür hingegen war Whitneys eigene Schlafzimmertür, die sie am liebsten permanent geschlossen hielt, als Barriere zwischen sich und uns.

Und ich? Ich kam mir vor wie im Niemandsland zwischen meinen beiden Schwestern und ihren starken Persönlichkeiten; als wäre ich das lebende Symbol für die tiefe Kluft, die sie trennte. Ich war weder mutig und extrovertiert noch schweigsam und berechnend. Ich hatte keine Ahnung, wie jemand anderer mich beschreiben würde oder was für einen Menschen man mit meinem Namen verband. Ich war einfach bloß Annabel.

Harmoniesüchtig wie sie war, konnte meine Mutter es nicht ausstehen, wenn meine Schwestern sich stritten. »Könnt ihr nicht nett miteinander sein?«, bat sie in solchen Momenten flehentlich. Die beiden verdrehten vermutlich bloß die Augen, aber für mich kam dabei eins ganz klar und deutlich rüber: Dass Nettsein der ideale Zustand war. Denn nur dann brüllten Leute nicht rum oder wurden so still, bis man regelrecht Angst bekam. Wenn es einem gelang, nett zu sein, nichts weiter, war man aus dem Schneider. Denn dann hatte man mit dem Problem, sich wegen irgendetwas streiten zu müssen, nichts mehr zu tun. Allerdings war immer nett sein gar nicht so leicht, wie man vielleicht hätte denken können, vor allem deshalb nicht, weil der Rest der Welt so ätzend und fies sein konnte.

Als ich zur Snackbar kam, war Kirsten – klar – schon weg. Doch das Mädchen stand noch da und wartete darauf, dass sie ihren Schokoriegel bei dem Typen an der Kasse bezahlen konnte. Na gut, dachte ich, während ich auf sie zuging. Dann wollen wir mal; mir bleibt sowieso nichts anderes übrig.

»Hallo«, sagte ich. Sie sah mich mit einem unergründlichen Gesichtsausdruck an. Schwieg. »Äh, ich heiße Annabel. Du bist gerade erst hergezogen, oder?«

Sie schwieg immer weiter, es kam mir vor wie eine Ewigkeit. Irgendwann trat Kirsten hinter ihr aus der Damentoilette und blieb stehen, als sie sah, dass ich mit ihr redete.

»Ich … äh«, fuhr ich fort und fühlte mich dabei zunehmend unbehaglich, »ich glaube, wir gehen in dieselbe Klasse.«

Das Mädchen schob die Sonnenbrille ein Stück höher. »Ach ja?« In demselben scharfen, herablassenden Ton wie beim ersten Mal, als wir miteinander gesprochen hatten.

»Ich dachte bloß«, sagte ich tapfer, »wo wir gleich alt sind, könnten wir doch, du weißt schon, ja, vielleicht würdest du gern mal was zusammen machen? Oder so?«

Erneutes Schweigen. Schließlich antwortete das Mädchen, als hätte sie es nicht gleich richtig verstanden und müsste es erst klären: »Du möchtest, dass wir etwas zusammen machen. Also ich. Mit dir.«

Aus ihrem Mund klang das so absurd, dass ich sofort begann zurückzurudern. »Ich meine, nur wenn du willst«, sagte ich. »Wie gesagt, ich dachte bloß –«

»Nein.« Sie unterbrach mich. Einfach so, zack. Legte den Kopf in den Nacken und lachte. »Nie im Leben!«

Das war’s. Zumindest, wenn ich allein dort gewesen wäre. Dann hätte ich mich an dieser Stelle mit hochrotem Kopf umgedreht. Wäre zu Clarke zurückgekehrt. Und Schluss. Aber ich war nicht allein dort.

»Moment«, meinte Kirsten, laut. »Was hast du gerade gesagt?«

Das Mädchen wandte sich um. Als sie meine Schwester sah, wurden ihre Augen ganz groß. »Was ist?«, fragte sie und ich musste unwillkürlich daran denken, wie anders es geklungen hatte, als sie genau diese Worte zu mir gesagt hatten – ihre ersten Worte überhaupt zu mir.

»Ich wiederhole«, meinte Kirsten in scharfem Ton: »Was hast du gerade zu ihr gesagt?«

Ojemine, dachte ich.

»Nichts«, antwortete das Mädchen, »ich habe bloß –«

»Das ist meine Schwester.« Kirsten deutete auf mich. »Und du warst gerade absolut ätzend zu ihr.«

Längst hätte ich vor lauter Peinlichkeit im Boden versinken können, wohingegen Kirsten die Hände in die Hüften stemmte, was so viel bedeutete wie: Ich werde gerade erst richtig warm.

»Ich war nicht ätzend.« Das Mädchen nahm die Sonnenbrille ab. »Ich habe bloß –«

Kirsten unterbrach sie erneut: »Doch, warst du, und das weißt du auch. Also fang gar nicht erst an, dich rauszumogeln. Und hör endlich auf, hinter mir herzulaufen, kapiert? Du gehst mir auf den Keks. Komm, Annabel!«

Doch ich konnte mich nicht vom Fleck rühren, konnte nichts tun, als das Mädchen anzustarren. Ohne ihre Sonnenbrille und mit diesem getroffenen Gesichtsausdruck sah sie auf einmal aus wie zwölf. Stumm schaute sie zu, wie Kirsten mich am Handgelenk packte und mich mit sich zog. Wir liefen zu ihrem Platz; ihre Freundinnen blickten uns bereits entgegen.

»Ist es zu fassen?!«, murmelte Kirsten im Gehen vor sich hin. »Ist es denn zu fassen?« Clarke stand auf der anderen Seite des Schwimmbeckens und blickte verwirrt zu uns herüber. Kirsten setzte sich, zog mich zu sich auf ihren Liegestuhl. Molly richtete sich blinzelnd auf und griff dabei hinter ihren Rücken, um ihre losen Bikiniträger zusammenzubinden.

»Was war denn da los?«, fragte sie. Kirsten fing an zu erzählen. Ich schaute mich nach dem Mädchen um, doch sie war verschwunden. Auf einmal sah ich sie durch den Zaun hinter mir. Sie lief mit gesenktem Kopf und barfuß über den Parkplatz. Ihr gesamtes Zeug hatte sie auf dem Liegestuhl neben Kirsten und mir liegen lassen: Handtuch, Schuhe, eine pinkfarbene Haarbürste, eine Tasche mit einer Zeitschrift und ihrem Portemonnaie darin. Ich rechnete jeden Moment damit, dass sie es bemerken und umkehren würde, um die Sachen zu holen. Fehlanzeige.

Sie blieben den ganzen Nachmittag über dort liegen. In der Zwischenzeit war ich zu Clarke zurückgegangen und hatte ihr alles erzählt; wir hatten mehrere Runden Canasta gespielt und waren so viele Bahnen geschwommen, dass unsere Finger wie Backpflaumen aussahen. Kirsten und Molly hatten sich längst verzogen, andere Leute ihre Plätze eingenommen. Die Sachen lagen weiterhin auf dem Liegestuhl. Selbst dann noch, als der Bademeister in seine Trillerpfeife blies, weil das Schwimmbad schloss, und Clarke und ich unseren Kram zusammenpackten und um das Becken herum Richtung Ausgang liefen. Wir hatten Hunger, fühlten uns leicht verbrannt, wollten bloß noch heim.

Ich wusste, das Mädchen ging mich nichts mehr an. Sie war ätzend zu mir gewesen, zweimal, das heißt, ich brauchte ihr weder zu helfen noch gar Mitleid mit ihr zu haben. Aber als wir an dem Liegestuhl vorbeikamen, blieb Clarke stehen. »Wir können das nicht einfach hier liegen lassen«, sagte sie, bückte sich nach den Schuhen und stopfte sie in die Tasche. »Außerdem kommen wir direkt an ihrem Haus vorbei.«

Ich hätte protestieren können, doch da sah ich sie plötzlich wieder vor mir, wie sie allein und barfuß über den Parkplatz lief. Deshalb nahm ich das Handtuch, faltete es zusammen und legte es auf mein eigenes, das ich über dem Arm trug. »Na gut«, sagte ich. »Okay.«

Dennoch war ich erleichtert, als in dem Haus, in dem früher die Daughtrys gewohnt hatten, alle Fenster dunkel waren und kein Auto in der Auffahrt stand. Also konnten wir ihre Sachen schnell an der Haustür abstellen und wieder gehen – alles erledigt. Aber in dem Moment, als Clarke sich bückte, um die Tasche an die Haustür zu lehnen, ging diese auf. Und da stand sie.

Sie trug ausgefranste Jeansshorts und ein rotes T-Shirt. Ihre Haare hatte sie zu einem schlichten Pferdeschwanz zusammengebunden. Keine Sonnenbrille. Keine hochhackigen Sandalen. Bei unserem Anblick errötete sie.

»Hallo«, meinte Clarke, nachdem wir ein paar Sekunden zu lang geschwiegen hatten – so lang eben, dass das Schweigen eindeutig in die Kategorie »beklommen« fiel. Clarke nieste, bevor sie hinzufügte: »Wir wollten dir dein Zeug vorbeibringen.«

Das Mädchen sah sie an, als hätte sie kein Wort von dem verstanden, was Clarke gerade gesagt hatte. Was wegen Clarkes verstopfter Nase tatsächlich sehr gut möglich war. Ich beugte mich daher vor, hielt ihr ihre Tasche entgegen. »Die hast du im Schwimmbad liegen lassen«, meinte ich.

Ihr Blick wanderte von der Tasche zu mir, wobei sie aussah wie zum Sprung geduckt, als wäre sie vor etwas auf der Hut. »Ach so«, meinte sie schließlich und streckte die Hand aus. »Danke.«

Hinter uns düsten ein paar Kinder lärmend auf ihren Fahrrädern die Straße entlang. Dann war es wieder still.

»Schatz?« Vom dunklen Ende des Flurs hinter ihr drang eine Stimme zu uns. »Ist da jemand an der Tür?«

»Schon okay«, erwiderte sie über ihre Schulter hinweg, bevor sie auf die Veranda trat und die Haustür hinter sich zuzog. Obwohl sie schnell an uns vorüberging, sah ich an ihren roten, geschwollenen Augen, dass sie geweint hatte. Und auf einmal hörte ich, wie schon so oft, die Stimme meiner Mutter in meinem Kopf: Neu wohin zu ziehen, ist nicht einfach. Vielleicht weiß sie einfach nicht, wie sie es anstellen soll, neue Freundinnen zu finden.

»Also, wegen dem, was vorhin passiert ist«, setzte ich an. »Meine Schwester –«

»Kein Problem«, fiel sie mir ins Wort. »Echt, ist kein Thema.« Aber noch während sie das sagte, wandte sie sich ab und verbarg ihren Mund hinter ihrer Hand. Ich war vollkommen verunsichert, stand einfach bloß da. Doch dann sah ich, wie Clarke in ihren Hosentaschen herumwühlte, um ihre Papiertaschentücher hervorzuziehen. Sie nahm ein Taschentuch aus der Packung, hielt es dem Mädchen von hinten unter die Nase. Nach kurzem Zögern nahm sie es, wortlos, und hielt es sich vors Gesicht.

»Ich heiße Clarke«, sagte Clarke. »Und das ist Annabel.«

Ich würde in den Jahren, die vor uns lagen, immer wieder an genau diesen Moment denken: Wie Clarke und ich in den Sommerferien nach unserem sechsten Schuljahr hinter dem Mädchen standen, das uns den Rücken zuwandte. Wenn der Augenblick anders gelaufen wäre, hätten sich die Dinge vermutlich nicht nur für mich, sondern für uns alle anders entwickelt. Damals, in dem Moment, war es nur ein Moment wie unzählige andere – flüchtig, unwichtig. Der Moment nämlich, in dem das Mädchen sich schließlich zu uns umdrehte und antwortete: »Hi, ich heiße Sophie.«