Ich setzte den Kopfhörer auf. Blickte zu Rolly hinüber. Und als er jetzt den Daumen hob, beugte ich mich übers Mikrofon.
»Es ist zehn vor acht. Ihr hört WRUS, euren kommunalen Radiosender. Ich weiß, normalerweise läuft um die Zeit die Sendung Anger Management. Die kommt auch wieder, und zwar in genau …« – ich warf einen Blick auf meinen Notizblock, wo über meiner detaillierten Playlist in meiner Sonntagshandschrift eine große Zwei mit dickem Ausrufezeichen prangte – »... zwei Wochen. Bis dahin gibt es hier jeden Sonntagmorgen die Geschichte meines Lebens mit Annabel. Und jetzt: The Clash.«
Ich behielt den Kopfhörer auf und Rolly so lang im Auge, bis die ersten Töne des Rebel Waltz zu hören waren. Worauf ich erst einmal tief durchatmete. Ich hatte das Gefühl, seit Ewigkeiten die Luft angehalten zu haben. Der Lautsprecher über meinem Kopf brummte leicht. Clarkes Stimme drang durch die Gegensprechanlage.
»Sehr gut«, meinte sie. »Das klang kaum noch nervös.«
»Kaum nervös heißt trotzdem nervös.«
»Du warst spitze«, quasselte Rolly dazwischen. »Ich weiß gar nicht, warum du dich dauernd so verrückt machst. Schließlich läufst du hier nicht im Bikini vor irgendwelchen wildfremden Leuten rum.« Clarke warf ihm einen giftigen Blick zu. »Was? Stimmt doch!«
»Das hier ist schwerer.« Ich nahm den Kopfhörer ab. »Viel schwerer.«
»Warum?«
Ich zuckte die Achseln. »Keine Ahnung. Es ist konkreter. Persönlicher.«
Das war es, allerdings und zweifellos. Als Owen mich gefragt hatte, ob ich für ihn einspringen würde, hatte ich zunächst total panisch reagiert. Seine Mutter war nämlich der Meinung, ihm die Radiosendung zu verbieten, wäre die einzige adäquate Strafe für das, was er mit Will Cash angestellt hatte. Owen hatte mich schließlich mit dem Hinweis rumgekriegt, dass Rolly (und Clarke) ja auch noch da seien, mir mit dem Technikkram helfen und mit darauf achten würden, dass ich die Zeiten nicht überschritt. Also sagte ich Ja, ich würde es zumindest einmal ausprobieren. Das war mittlerweile vier Wochen her. Obwohl ich immer noch nervös war, machte das Ganze auch ziemlichen Spaß. Klappte außerdem letztlich so gut, dass Rolly mich bereits damit nervte, an dem Einführungskurs teilzunehmen, den WRUS anbot, und mich um meine eigene Sendezeit zu bewerben. Wozu ich innerlich zwar noch nicht bereit war. Aber man soll ja nie nie sagen.
Natürlich war Owen nach wie vor an der Sendung beteiligt. Als ich anfing, statt seiner zu moderieren, bestand er darauf, dass ich mich exakt an seine Playlist hielt, selbst wenn das bedeutete, dass ich den Zuhörern Musik aufdrängen musste, die ich persönlich verabscheute. Aber schon nach der ersten Sendung (und als er kapiert hatte, dass er mich sowieso nicht aufhalten konnte) gab er allmählich nach, sodass ich gelegentlich auch Songs spielte, die ich mir ausgesucht hatte. Es war schon ein Supergefühl, etwas in die Welt hinaussenden zu können – ein Lied, einen Kommentar, meine eigene Stimme – und dann einfach zuzulassen, dass die Leute dort draußen genau das für sich rausholten, was sie wollten. Ich brauchte mir keine Gedanken über mein Aussehen zu machen oder darüber, ob das Bild der Zuhörer von mir auch zu mir als Person passte. Die Musik sprach für sich – und für mich. Nachdem ich so lange angeschaut und beobachtet worden war, stellte ich fest, dass mir das gefiel. Sehr sogar.
Rolly klopfte an die Glasscheibe zwischen uns, als Zeichen, dass ich mich für den Start des nächsten Liedes bereit machen sollte. Eine Jenny-Reef-Single. Für Mallory, meinen ersten echten Fan, die mittlerweile jeden Sonntagmorgen pünktlich und hartnäckig ihren Wecker stellte, damit sie mit einem Musikwunsch anrufen konnte. Ich spulte an die richtige Stelle und wartete, bis The Clash allmählich leiser wurden, bevor ich die Starttaste drückte und der quirlige Rhythmus des Intros zu dem Jenny-Reef-Song einsetzte (ein Übergang, der – wie mir sonnenklar war – Owen total nerven würde; aus diversen Gründen bestand er übrigens darauf, sich die Sendung jeden Sonntagmorgen in seinem Straßenkreuzer anzuhören, allein). Nachdem das Lied dann richtig losgegangen war, lehnte ich mich auf meinem Stuhl zurück und betrachtete die Fotos, die ich nebeneinander auf dem Mischpult aufgestellt hatte. Am Anfang hatte ich solches Lampenfieber gehabt, dass ich mir sagte, ich könne garantiert jede Form der Inspiration brauchen, die ich kriegen konnte. Deshalb brachte ich mir Fotos mit: das von Mallory, auf dem die Federboa ihr Gesicht umrahmte; es sollte mich daran erinnern, dass zumindest ein Mensch dort draußen zuhörte. Dann das Bild, das Owen von mir gemacht hatte, damit ich nicht vergaß, dass es letztlich keine Rolle spielte, ob Mallory tatsächlich die Einzige war. Und dann noch ein drittes.
Ein Schnappschuss von meiner Mutter, meinen Schwestern und mir, der Silvester entstanden war. Anders als das Foto im Eingangsflur stammte es nicht von einem Profi, auch der Hintergrund war längst nicht so spektakulär. Wir standen nämlich gerade an der Küchentheke und unterhielten uns über etwas, an das ich mich schon gar nicht mehr erinnere, als Kirstens Freund Brian – nach Ende des Seminars war endlich Schluss mit der heimlichen Beziehung gewesen, sie konnten in aller Öffentlichkeit als Paar auftreten – uns zurief, doch bitte mal eben zu ihm zu schauen. Und schon macht es Klick. Unter technisch-ästhetischen Aspekten war es bestimmt kein besonders gelungenes Bild. Hinter uns spiegelt der Blitz sich in der Fensterscheibe, der Mund meiner Mutter steht offen, Whitney lacht aus vollem Hals. Aber ich liebte es, denn es zeigte uns, wie wir waren. Und das Beste daran: Niemand nahm die Position in der Mitte ein.
Jedes Mal, wenn ich es betrachtete, musste ich daran denken, wie sehr mir dieses neue Leben gefiel, in dem kein Geheimnis mehr auf mir lastete. Es war ein frischer Anfang. Ich brauchte nicht mehr das Mädchen zu sein, das alles hatte. Oder gar nichts. War jetzt eine völlig andere. Vielleicht sogar die, die alles ausspricht. Alles erzählt.
»Zwei Minuten bis zur nächsten Unterbrechung«, sagte Rolly. Ich nickte, setzte den Kopfhörer wieder auf. Als er sich vom Mikrofon abwandte, wuschelte Clarke ihm durchs Haar. Er lächelte sie an und schnitt eine gespielt genervte Grimasse, weil sie sich wieder über ihr Sonntags-Kreuzworträtsel beugte. Sie hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, das Rätsel jede Woche in exakt der Zeit lösen zu wollen, in der die Sendung lief. Clarke betrachtete das Leben grundsätzlich als eine Art Wettkampf, sogar mit sich selbst. Eine ihrer Eigenschaften, die ich – wie so vieles über sie – total vergessen hatte. Doch inzwischen war es mir wieder eingefallen. Wie zum Beispiel auch, dass sie gern mitsang, wenn das Radio lief, sich aus Prinzip keine Horrorfilme ansah und mich dazu bringen konnte, wegen der idiotischsten Kinkerlitzchen in haltlose Lachkrämpfe auszubrechen. Ganz vorsichtig tasteten wir uns wieder an eine Freundschaft heran. Es war nicht mehr so wie früher. Aber das hätte ohnehin keine von uns gewollt. Derzeit waren wir einfach nur froh darüber, gelegentlich zusammen abzuhängen. Alles andere würde sich ergeben. Wir nahmen es eben, wie es kam, einen Tag nach dem nächsten.
Und so ging ich seit Neuestem mit allem und jedem um. Ich akzeptierte das Gute, wie es kam, und das Schlechte genauso. Wusste, dass beides jeweils irgendwann vorbei sein würde – wenn es eben so weit war. Meine Schwestern redeten immer noch miteinander, von Zeit zu Zeit stritten sie auch immer noch. Kirsten hatte ihr zweites Filmseminar belegt und arbeitete an einem Film übers Modeln. Das war an und für sich schon ziemlich schräg, aber darüber hinaus behauptete sie auch noch steif und fest, ihr Film werde »die Welt aus den Angeln heben« (was auch immer das bedeuten sollte). Whitney ging seit Anfang Januar auf unser örtliches College, wo sie neben ein paar Pflichtkursen an zwei Schreibseminaren teilnahm, eins über biografisches, das andere über fiktionales Erzählen. Sofern ihre Ärzte und Therapeuten ihr das Okay gaben, würde sie im Frühjahr in ihr eigenes Apartment ziehen. Bei der Wohnungssuche achtete sie peinlich genau darauf, dass Pflanzen dort genug Licht haben würden. In der Zwischenzeit standen ihre Kräuter nach wie vor auf unserer Fensterbank. Ich ging eigentlich jeden Tag mindestens einmal daran vorbei, rieb sanft die würzig duftenden Blätter zwischen meinen Fingern, sodass sich die unterschiedlichen Aromen in der Luft um mich herum auflösten, davonschwebten. Und verweilten.
Meine Mutter hatte all diese Veränderungen hingenommen. Natürlich flossen zwischendurch Tränen; doch gleichzeitig legte sie eine Stärke an den Tag, die mich verblüffte. Ich hatte ihr endlich eröffnet, dass ich nicht mehr modeln wollte. Während sie noch damit kämpfte, diesen Teil meines – und ihres – Lebens loszulassen, schuf sie sich selbst einen Ausgleich, indem sie eine Halbtagsstelle bei Lindy annahm, die immer noch verzweifelt eine Assistentin suchte. Und das passte einfach. Denn jetzt schickte sie andere Mädchen zu Castings, verhandelte mit Kunden und behielt so einen Fuß in der Welt, in der sie sich von uns allen immer am wohlsten gefühlt hatte.
Trotzdem standen ihr vermutlich noch einmal harte Zeiten bevor, wenn in ein paar Wochen der neue Werbespot laufen würde, den das Kaufhaus Kopf für seine Frühjahrsmode produziert hatte. Soweit ich mitgekriegt hatte, waren sie bei dem Konzept geblieben, das schon meinem Spot zugrunde lag: der Idee vom perfekten »Mädchen, das alles hat«; die zur Schule geht, Sportveranstaltungen besucht, auf einem Ball tanzt. Nur eben in Frühlings- und Sommerklamotten. Vielleicht hätte mich das Konzept auch diesmal wieder genervt, genau wie letztes Jahr, als ich den Spot gedreht hatte. Tat es aber nicht, und zwar wegen des Mädchens, das statt meiner gecastet wurde: Emily. Was mir absolut stimmig erschien. Denn wenn hier schon jemand Vorbild sein musste, dann – nach all den Ereignissen der letzten Monate – doch wohl sie.
Was Emilys und mein Verhältnis zueinander betraf: Freundinnen waren wir nicht direkt. Aber wir wussten beide, was wir zusammen durchgemacht hatten, würde uns für immer verbinden. Ob wir wollten oder nicht. Wenn wir einander in der Schule oder sonst wo begegneten, achteten wir darauf, uns freundlich zu begrüßen, selbst wenn das alles war. Was schon einmal weit mehr war, als ich über meine Beziehung zu Sophie sagen kann, die uns beide geflissentlich ignorierte. Nachdem Will schuldig gesprochen und wegen minderschwerer Vergewaltigung in mehreren Fällen zu sechs Jahren Gefängnis – obwohl er wahrscheinlich eher rauskommen würde – verurteilt worden war, hielt sie erst einmal gehörig den Ball flach. Wahrscheinlich war es schwer auszuhalten, im Mittelpunkt des allgemeinen Getratsches zu stehen. Manchmal sah ich sie, allein, auf den Gängen oder mittags in der Cafeteria. Und dachte mir, dass ich idealerweise fähig sein sollte, auf sie zuzugehen, um die Kluft zwischen uns zu überbrücken und für sie zu tun, was sie für mich nie getan hatte.
Oder auch nicht.
Während ich noch darüber nachdachte, blickte ich auf meinen Daumen und zog den massiven Silberring ab, auf dessen Innenseite exakt diese drei Worte standen. Er war für sämtliche meiner Finger zu groß, deshalb musste ich Klebeband drum herumwickeln, damit er passte. Aber als Provisorium war das okay. Jedenfalls so lange, bis ich mich entschieden hatte, was auf dem Ring stehen sollte, den Rolly für mich machen wollte. Bis dahin, fand Owen, könne ich seinen tragen, als ständige Erinnerung daran, dass es immer gut ist, seine Alternativen zu kennen.
»Dreißig Sekunden«, verkündete Rollys Stimme in meinem Kopfhörer.
Ich nickte, rückte meinen Stuhl näher ans Mikrofon. Während die Sekunden verstrichen, warf ich einen Blick aus dem Fenster zu meiner Linken und bemerkte, wie ein blauer Straßenkreuzer auf den Parkplatz fuhr. Genau pünktlich.
»Und …«, sagte Rolly, »jetzt! Dein Mikro ist offen.«
»Das war Jenny Reef mit Whatever. Damit geht Geschichte meines Lebens hier auf WRUS für heute zu Ende. Am Mikrofon war Annabel. Als Nächstes hören Sie Heilen mit Kräutern. Danke fürs Zuhören. Und jetzt der letzte Song.«
Die einleitenden Akkorde von Led Zeppelins Thank You. Ich schob meinen Stuhl zurück, schloss die Augen, hörte zu. Wie jedes Mal, wenn das Lied lief. Mein persönliches, kleines Ritual. Als der Chorus einsetzte, öffnete sich die Tür. Einen Augenblick später legte sich eine Hand auf meine Schulter.
»Bitte sag mir, das gerade war nicht Jenny Reef!« Owen ließ sich melodramatisch auf den Stuhl neben mir sinken. »In meiner Sendung.«
»Es war ein Hörerwunsch. Außerdem hast du gesagt, ich könne spielen, was ich wolle, solange wir die Sendung anders nennen.«
»In vernünftigen Grenzen! Du musst dir immer vor Augen führen, dass meine Zuhörer sonst total durcheinandergeraten. Sie schalten schließlich ein, weil sie Qualität erwarten. Möglicherweise sogar Erleuchtung, sofern möglich. Keine kommerzielle Massenware, keinen Teenager, der unter der Knute eines kapitalistischen Unternehmens irgendwelche minderwertigen Songs daherträllert, bei denen es sowieso bloß um die Vermarktbarkeit geht.«
»Ja, klar, ironische Anspielungen sind in Ordnung, dafür sollte durchaus Platz sein. Trotzdem ist es eine heikle Gratwanderung. Wenn man zu weit geht, egal, in welche Richtung, verliert man seine Glaubwürdigkeit. Was wiederum heißt –«
»Kriegst du überhaupt mit, was ich gerade spiele?«, fragte ich.
Er unterbrach sich mitten in seiner Predigt, blickte zum Lautsprecher über uns, lauschte einen Moment. »Ach so. Ja, aber das ist genau das, was ich meinte. Das ist mein …«
»... Lieblingsstück von Led Zeppelin. Ich weiß.«
Clarke, im Glaskabuff neben uns, verdrehte die Augen.
»Okay, fein. Oder auch nicht.« Owen schob seinen Stuhl dichter an mich ran. »Du hast also was von Jenny Reef gespielt. Vergessen wir das mal. Der Rest der Sendung war trotzdem ziemlich gut. Wobei ich mir bei dem Übergang, den du bei der zweiten Song-Kombi gebracht hast, nicht ganz sicher bin …«
»Owen!«
»... ich meine, ein Stück von Alamance mit Etta James zu überblenden, ist ein bisschen übertrieben. Und –«
»Owen!«
»Was?«
Ich beugte mich vor, legte meine Lippen an sein Ohr. »Schsch.«
Er wollte trotzdem noch etwas sagen – natürlich –, ließ es jedoch sein, als ich meine Hand nach seiner ausstreckte und unsere Finger sich ineinander verschlangen. Was nicht hieß, dass es vorbei war. Im Gegenteil, er würde seine Meinung später noch einmal unmissverständlich äußern und auf Teufel komm raus versuchen, mich zu überzeugen. Oder mich so lange in Grund und Boden argumentieren, bis ich um des lieben Friedens willen nachgab. Aber jetzt ging erst einmal das Lied in ein anhaltendes Crescendo über, der Chorus setzte wieder ein. Ich rutschte näher an Owen heran, lehnte meinen Kopf an seine Schulter. Hörte zu. Wir saßen ruhig im Sonnenlicht, das durch das Fenster neben uns hereinfiel. Es war strahlend und warm und brach sich funkelnd in dem Ring an meinem Daumen. Owen streckte die Hand aus. Fing an, ihn zu drehen. Langsam, ganz langsam, während das Lied ausklang.