Der Arbeitsplatz in der Schulbibliothek, wo ich mittlerweile meine Mittagspausen verbrachte, lag außer Sichtweite in der hinteren rechten Ecke des Raums; kaum jemand verirrte sich je dorthin. Daher irritierte mich jegliche Bewegung an diesem meinem Rückzugsort, weswegen ich Emily eher bemerkte als sie mich. Eine halbe Stunde nach Beginn der letzten Mittagspause vor den Weihnachtsferien tauchte sie urplötzlich dort auf.
Zuerst war sie bloß so eine Art flüchtiger, roter Schatten in meinem Augenwinkel, der erst ein, dann ein zweites Mal vorüberhuschte. Ich blickte von meinen Englischnotizen auf, die ich vor mir ausgebreitet hatte, weil ich vor der letzten Klausur in diesem Jahr dringend noch etwas pauken musste. Schaute mich leicht irritiert um: nichts. Regale, Trennwände, Bücherreihen, alles wie immer. Und ganz still. Eine Sekunde später hörte ich allerdings Schritte. Als ich mich umdrehte, stand sie hinter mir neben einem Regal.
»Hi.« Ihre Stimme war leise, aber deutlich hörbar. »Da bist du ja.«
Als ob man mich verlegt hätte oder ich verloren gegangen und eben erst wieder aufgetaucht war. Wie eine Socke, von der man dachte, sie wäre vom Wäschetrockner verschluckt worden. Und die dann doch plötzlich wieder da ist. Ich schwieg. Denn Panik stieg in mir hoch, brachte mich völlig durcheinander. Ich hatte mir diesen Platz ausgesucht, weil er versteckt, verschwiegen und von Wänden umgeben war. Was allerdings gleichzeitig bedeutete, dass es kein Ort war, an dem man gern in der Falle saß – im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Rücken zur Wand.
Als Emily näher trat, lehnte ich mich unwillkürlich zurück und stieß gegen die Trennwand hinter mir. Sie blieb stehen, verschränkte die Arme.
»Hör mal«, begann sie. »Zwischen uns ist dieses Jahr einiges schiefgelaufen. Aber ich … ich muss mit dir reden.«
Irgendwo in der Nähe konnte ich Stimmen hören, eine männliche und eine weibliche. Die dazugehörigen Menschen plauderten miteinander, während sie durch die Regalreihen liefen. Emily vernahm sie natürlich ebenfalls und wandte sich in Richtung der Geräusche um, bis sie leiser wurden und schließlich ganz aufhörten. Sofort schnappte Emily sich einen Stuhl, der in der Nähe stand, schob ihn dichter an mich heran, setzte sich. Ihre Stimme erstarb zu einem Flüstern: »Du hast sicher mitgekriegt, was passiert ist. Was Will mir angetan hat.«
Sie war mir so nah, dass ich ihr Parfüm riechen konnte. Etwas Fruchtig-Blumiges.
»Danach fing ich an, über dich nachzudenken.« Ihre grünen Augen ruhten unverwandt auf mir. »Und über die Party vor den letzten Sommerferien.«
Ich hörte mich atmen, sie mich vermutlich ebenfalls. Die Bäume im Fenster hinter ihr bewegten sich leicht im Wind; ein Sonnenstrahl, in dem Staubpartikel tanzten, leuchtete flüchtig über den Bücherregalen auf.
»Du brauchst nicht weiter mit mir darüber zu reden«, sagte Emily. »Mir ist schon klar, dass du mich nicht mehr ausstehen kannst.«
Sofort fiel mir Clarke ein. Wie sie im Bendo auf ihrem Stuhl saß, zu mir hochblickte. Das glaubst du?, antwortete sie, nachdem ich zu ihr dasselbe gesagt hatte.
»Mir geht es um Folgendes«, fuhr Emily fort, »falls etwas passiert ist … das Gleiche wie mit mir, dann könnte es allen helfen. Damit es aufhört, meine ich. Damit er aufhört. Endlich gestoppt wird.«
Ich hatte immer noch keinen Ton gesagt. Schaffte es einfach nicht. Saß völlig regungslos da. Emily zog eine kleine weiße Karte aus ihrer Jeanstasche.
»Hier sind Name und Telefonnummer der Frau, die meinen Fall bearbeitet.« Sie hielt mir die Visitenkarte entgegen. Da ich sie jedoch nicht nahm, legte Emily sie mit der Schrift nach oben neben meinen Ellbogen auf den Tisch. In der oberen linken Ecke war ein Siegel aufgedruckt, der Name stand in schwarzen Buchstaben darunter. »Das Verfahren wird am Montag eröffnet, aber es ist noch nicht zu spät, mit denen zu reden. Beziehungsweise sie nehmen jede Aussage auf, die kommt. Du könntest sie anrufen und ihr erzählen … nur, was du möchtest natürlich. Die Frau ist echt nett.«
Reden. Alles erzählen. Aus Emilys Mund klang das so einfach. Wohingegen es mir mehr Angst gemacht hatte als alles andere. Nur deswegen war ich Owen gegenüber nicht ehrlich gewesen, hatte ihm verschwiegen, was mich an jenem Abend bei dem Konzert im Bendo wirklich quälte. Wenn ich es nicht einmal schaffte, mich ihm anzuvertrauen, dem einzigen Menschen, von dem ich annahm, er könnte die Wahrheit verkraften – wie konnte man dann im Ernst von mir erwarten, dass ich mich einer Fremden gegenüber öffnen würde? Nie im Leben. Selbst wenn ich gewollt hätte. Was aber nicht der Fall war.
»Denk einfach drüber nach.« Emily atmete ein, als wollte sie noch etwas hinzufügen. Ließ es aber. Stand stattdessen auf. »Bis die Tage, okay?«
Sie schob den Stuhl an seinen Platz zurück, ging in Richtung Regale. Drehte sich nach ein paar Schritten allerdings noch einmal zu mir um. Sah mich an. »Und außerdem, Annabel – es tut mir leid.«
Die Worte hingen eine Weile zwischen uns in der Luft. Dann wandte sie sich ab, verschwand bei der letzten Kabine in der Reihe um die Ecke. Es tut mir leid. Dasselbe hatte ich ihr auch sagen wollen, längst, schon seit jenem Samstagabend auf der Modenschau. Und begriff überhaupt nicht, wofür sie sich nun bei mir entschuldigte.
Doch während ich mir noch das Hirn zermarterte, um die Logik dahinter zu entdecken, konnte ich plötzlich überhaupt nicht mehr denken, weil ich nur noch fühlte. Eine intuitive, geradezu körperliche Reaktion auf das, was soeben passiert war: Dass Emily nämlich der Wahrheit nähergekommen war als irgendjemand sonst bisher. Meiner Wahrheit. Prompt kam es mir hoch. Hektisch blickte ich mich nach einer Möglichkeit um, mich spontan und diskret übergeben zu können. Doch dann geschah etwas völlig anderes: Ich fing an zu weinen.
Weinen. Wirkliches, echtes Weinen, wie ich es seit Jahren nicht mehr erlebt hatte. Totales, hemmungsloses Schluchzen, das einen umhaut wie Brandung und mitzieht, runterzieht – so unvermittelt kamen mir die Tränen. Schluchzer stiegen unaufhaltsam meinen Hals hoch, meine Schultern bebten. In dem kläglichen Versuch, mich irgendwie zu verstecken, drehte ich mich unbeholfen um. Stieß dabei mit dem Ellbogen an die dünne Kabinenwand, sodass die Visitenkarte, die Emily mir dagelassen hatte, auf den Boden fiel. In der Luft drehte sie sich mehrmals um sich selbst, landete schließlich neben meinen Füßen. Ich vergrub den Kopf in meinen Händen, presste die Handflächen vor die Augen. Die Tränen flossen weiter. Ich weinte und weinte, dort in der Bibliothek, in mein Eckchen verkrochen, bis ich mich innerlich ganz wund fühlte.
Ich hatte totalen Schiss, entdeckt zu werden. Doch niemand kam. Niemand hörte mich. Dabei klangen meine Schluchzer in meinen Ohren total beängstigend, wie etwas Primitives, Wildes. Urschreie. Wenn es mir möglich gewesen wäre, hätte ich garantiert so schnell wie möglich damit aufgehört. Ich ertrug mich ja selbst kaum in dem Moment. Aber ich konnte nichts anderes tun, als es auszuhalten, durchzustehen, bis es – und ich – fertig waren.
Irgendwann, endlich, war es vorbei. Ich nahm die Hände runter, blickte mich um. Nichts hatte sich verändert. Die Bücher standen noch auf den Regalen, der Staub tanzte noch im Licht, die Visitenkarte lag vor mir auf dem Boden. Ich streckte die Hand aus, fasste die Karte an einer Ecke an, hob sie auf. Las nicht, was draufstand, blickte nicht einmal richtig hin. Aber ich steckte sie in meine Schultasche, stopfte sie ganz hinten unten hinein. Die Klingel ertönte. Die Pause war zu Ende.
***
Den Rest des Tages über herrschte die übliche Hektik kurz vor Schluss; die Unruhe vor den Weihnachtsferien war körperlich spürbar. Jeder zählte die Minuten bis zu ihrem offiziellen Beginn.
Ich wurde mit meiner Englischklausur erst ziemlich spät fertig. Ging anschließend zu meinem Spind und zur Toilette, die leer war, bis auf ein Mädchen, das sich dicht zum Spiegel vorbeugte, um flüssigen blauen Eyeliner aufzutragen. Kurz nachdem ich in die Kabine gegangen war, hörte ich, wie sie die Toilette verließ; nahm daher an, ich wäre allein dort. Doch als ich aus der Kabine trat, lehnte Clarke Reynolds, in Jeans und einem Truth Squad-T-Shirt, am Waschbecken.
»Hi«, sagte sie. Instinktiv wollte ich mich umdrehen und einen Blick hinter mich werfen, was bescheuert und außerdem richtig dumm war. Schließlich konnte ich im Spiegel sehen, dass sich außer uns niemand im Raum befand.
»Hey«, antwortete ich.
Ging um Clarke herum zum nächsten Waschbecken, drehte den Wasserhahn auf. Spürte ihren Blick auf mir ruhen, während ich meine Hände nass machte und am Seifenspender pumpte, der wie immer leer war.
»Alles klar bei dir?«
Wieder fiel mir auf, dass sie kein bisschen mehr durch die Nase sprach. Ich stellte das Wasser ab. »Was?«
Clarke rückte ihre Brille zurecht. »Ehrlich gesagt, frage nicht nur ich mich das«, sagte sie. »Ich meine, ich stelle dir jetzt gerade konkret die Frage, klar. Nur, Owen beschäftigt das auch.«
Owens Namen aus ihrem Mund zu hören, fühlte sich so schräg an, dass mein Verstand eine Weile brauchte, um hinterherzukommen. »Owen«, wiederholte ich.
Sie nickte. »Er ist …« – sie hielt kurz inne – »... besorgt. Ja, so könnte man es ausdrücken.«
»Meinetwegen?«, fragte ich um der Klarheit willen vorsichtshalber nach.
Irgendetwas stimmte hier nicht. »Owen hat dich gebeten, mit mir zu reden?«
»Nein.« Sie schüttelte den Kopf. »Er hat mir gegenüber nur ein paarmal so was in der Art erwähnt, dadurch kam ich ins Grübeln … Und dann habe ich gesehen, wie du heute nach der Mittagspause aus der Bibliothek kamst. Du sahst total verstört aus.«
Möglicherweise lag es daran, dass sie Owen erwähnt hatte, war das der Auslöser; vielleicht dachte ich aber auch unbewusst, dass ich – was Clarke und mich betraf – an diesem Punkt eigentlich wirklich nicht mehr viel zu verlieren hatte. Jedenfalls, warum auch immer – ich entschied mich, ehrlich zu sein. »Das wundert mich«, sagte ich. »Dass es dich interessiert, wie es mir geht. Ob ich durcheinander bin oder so.«
Sie biss sich kurz auf die Lippen. Und plötzlich stand mir wieder vor Augen, wie sie das früher Millionen Male getan hatte. Diese Reaktion war ein untrügliches Zeichen dafür, dass Clarke von irgendetwas – in dem Fall meiner Bemerkung – kalt erwischt wurde. »Glaubst du das wirklich?«, fragte sie. »Dass ich dich nicht leiden kann?«
»Du kannst mich nicht mehr ausstehen seit dem Sommer, als das mit Sophie passiert ist.«
»Ach komm, Annabel. Du warst diejenige, die mich hat abblitzen lassen, weißt du nicht mehr?«
»Ja, schon, aber –«
»Ja, schon, aber was? Du kannst mich nicht leiden, Annabel, so rum läuft das.« Clarkes Stimme klang ganz gelassen, gleichmütig, ruhig. »Und zwar seit dem bewussten Sommer mit Sophie.«
Ich starrte sie perplex an. »Aber du schaust mich seitdem nicht einmal mehr an, wenn wir uns hier irgendwo über den Weg laufen. Und dieses Jahr am ersten Schultag, bei der Mauer –«
»Du hast meine Gefühle verletzt«, unterbrach sie mich. »Meine Güte, Annabel, du warst meine beste Freundin und hast mich eiskalt abserviert. Was denkst du denn, wie es mir dabei gegangen ist?«
»Ich habe versucht, mit dir zu reden«, sagte ich. »An dem Tag danach, im Schwimmbad.«
»Und das«, gab sie scharf zurück, zeigte mit dem Finger auf mich, »war das absolut einzige Mal. Klar war ich sauer. Es war ja gerade erst passiert! Aber du hast dich nie wieder blicken lassen, nicht einmal mehr angerufen. Du bist einfach untergetaucht.«
Emilys unverhoffte Entschuldigung kam mir wieder in den Sinn: Genauso fühlte sich die jetzige Situation mit Clarke an, in der ich etwas erlebte, das meiner Sicht der Dinge diametral widersprach. Es war total irre. Und ich hatte echt Mühe mitzukommen, das Ganze zu verdauen.
»Und warum heute?«, sagte ich. »Wieso redest du auf einmal doch wieder mit mir?«
Sie seufzte leicht. »Okay«, erwiderte sie gedehnt, »ehrlich gesagt, hat es viel mit Rolly zu tun.«
Rolly, dachte ich. Erinnerte mich plötzlich an ihn an jenem Abend im Bendo, wie er die Wasserflaschen umklammert hielt. Richtest du Owen bitte aus, er hatte recht. Mit allem, hatte er total aufgeregt zu mir gesagt. »Du und Rolly?«, fragte ich.
Sie biss sich wieder auf die Lippen und ich hätte schwören können, dass sie rot wurde. Aber nur eine Sekunde lang. »Wir reden ziemlich viel miteinander«, antwortete sie schließlich und zupfte dabei am Saum ihres Truth Squad-Shirts herum. Jetzt fiel mir auch auf, dass das T-Shirt für jemanden, der die Band anderthalb Monate zuvor überhaupt das erste Mal gesehen hatte, ziemlich abgetragen war. »Egal, an dem Abend jedenfalls, als Rolly dich im Bendo dazu gebracht hat, ihn mir vorzustellen, sagtest du zu mir, ich könne dich ja wohl nicht ausstehen. Worauf ich anfing, genauer darüber nachzudenken, was mit uns passiert ist, seit damals. Dann machte Owen auch noch ab und zu eine Bemerkung über dich – jedenfalls bist du mir nicht mehr aus dem Sinn gegangen. Als ich dich heute Mittag gesehen habe und du so –«
»Moment mal: Owen redet über mich?!«
»Konkret hat er nicht viel erzählt«, antwortete sie. »Nur, dass ihr beide befreundet wart, irgendetwas passiert ist und ihr jetzt keine Freunde mehr seid. Sei mir nicht böse, wenn ich das jetzt sage, aber das klang, ich weiß nicht … irgendwie vertraut. Wenn du weißt, was ich meine.«
Ich merkte, dass ich bei der Vorstellung, wie Clarke und Owen über mich und mein ausweichendes Verhalten diskutierten, rot wurde. Peinlich!
»Aber denk jetzt nicht, wir würden lang und schmutzig über dich rumtratschen«, fügte sie hinzu, als ob ich meinen Gedanken von gerade laut ausgesprochen hätte. Noch etwas, das mir auf einmal wieder einfiel: Clarke hatte schon immer die Fähigkeit gehabt, meine Gedanken zu lesen, irgendwie.
Clarke machte sich Sorgen um mich. Emily hatte sich bei mir entschuldigt. Was für ein verrückter Tag!
»Also, was ist?«, fragte Clarke. In dem Moment kamen ein paar Mädchen herein. Sie hatten ihre Zigaretten schon in den Fingern und machten lange Gesichter, als sie uns bei den Waschbecken stehen sahen. Steckten missmutig die Köpfe zusammen, tuschelten, gingen dann aber doch wieder hinaus. Vermutlich wollten sie warten, bis wir weg waren. »Ich meine, bist du okay?«
Was sollte ich darauf antworten? Ich merkte plötzlich, dass ich in den letzten Wochen nicht nur Owen vermisst hatte, sondern auch den Teil meiner selbst, dem es gelungen war, so ehrlich zu ihm zu sein. Vielleicht kriegte ich das hier und jetzt nicht hin. Aber direkt zu lügen brauchte ich auch nicht. Deshalb entschied ich mich für das, was ich eigentlich immer anstrebte: die Mitte.
»Weiß nicht genau«, sagte ich.
Clarke betrachtete mich einen Moment lang forschend. »Möchtest du darüber reden?«
Ich hatte so viele Gelegenheiten zum Reden bekommen. Clarke, Owen, Emily. Hatte auch lange Zeit angenommen, dass ich bloß jemanden brauchte, der mir endlich zuhörte, und alles würde gut. Doch das stimmte gar nicht. Ich selbst war das Problem. Ich verhielt mich eben so, wie ich mich verhielt. Tat, was ich tat, auch jetzt wieder: »Nein. Trotzdem, vielen Dank.«
Clarke nickte, löste sich vom Waschbecken, ging Richtung Tür. Ich folgte ihr hinaus, auf den Gang vor den Toiletten. Wir wollten gerade jede unseres Weges gehen, da holte sie einen Kugelschreiber sowie ein Stück Papier aus der Tasche, kritzelte etwas darauf, reichte es mir. »Meine Handynummer. Nur für den Fall, dass du es dir anders überlegst.«
Unter der Nummer stand in der mir nach wie vor vertrauten Handschrift ihr Name – adrette, ordentliche Blockbuchstaben, ein kleines, schwungvolles Häkchen beim letzten E. »Danke«, sagte ich.
»Kein Problem. Fröhliche Weihnachten, Annabel.«
Sie ging davon, ich – in die Gegenrichtung – ebenfalls. Mir war klar, dass ich sie wahrscheinlich nicht anrufen würde. Dennoch öffnete ich den Reißverschluss meiner Tasche und stopfte Clarkes Zettel zu der Visitenkarte, die Emily mir gegeben hatte. Auch wenn ich vermutlich keine der beiden Nummern je wählen würde, war es aus irgendeinem Grund angenehm zu wissen, dass sie dort in meiner Tasche steckten.
Wieder ein Feiertag, wieder eine Fahrt zum Flughafen. Wie bereits ungefähr vor einem Jahr saß ich auf dem Rücksitz hinter meinen Eltern und wir fuhren die Autobahn entlang. Ein Flugzeug stieg in dem Moment auf, als wir in die Ausfahrt zum Flughafen einbogen, wodurch für uns der Eindruck entstand, als flöge es einmal quer über die Windschutzscheibe. Whitney war zu Hause geblieben, angeblich, um das Abendessen vorzubereiten. Deshalb warteten nur wir drei hinter der Absperrung darauf, dass Kirsten rauskam.
»Da ist sie!«, rief meine Mutter und winkte begeistert, als meine Schwester erschien. Sie trug einen hellroten Mantel und hatte ihr Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Kirsten winkte lächelnd zurück, während sie auf uns zulief; die Rollen unter ihrem Koffer surrten über den Boden.
»Hallo!« Als Erstes umarmte sie meinen Vater, dann kam meine Mutter an die Reihe, die natürlich gleich wieder Tränen in den Augen hatte, wie immer bei einer Ankunft oder einem Abschied. Schließlich umarmte Kirsten auch mich, fest, lang. Ich schloss die Augen, sog ihren Duft ein: Seife, kalte Luft, ihr Pfefferminzshampoo – alles unendlich vertraut. »Ich freue mich tierisch, euch zu sehen!«
»Wie war die Reise?«, fragte meine Mutter. Mein Vater schnappte sich Kirstens Koffer. Wir marschierten durch das Terminal. »Irgendwelche Unannehmlichkeiten?«
»Nicht im Geringsten.« Kirsten hakte sich bei mir ein. »Alles super.«
Ich wartete darauf, dass sie weitersprach, aber sie sagte nichts mehr. Lächelte mich nur an, ließ ihre Hand an meinem Arm nach unten gleiten, fasste meine Hand und drückte sie. Wir traten in die Kälte hinaus.
Auf der Heimfahrt löcherten meine Eltern Kirsten mit Fragen über die Uni, die sie beantwortete, und über Brian, denen sie stillvergnügt auswich, wobei sie zwischendurch immer mal wieder rot wurde. Die neue Kirsten, die ich ja schon am Telefon kennengelernt hatte, war deutlich präsent. In dem Sinne wortkarg war sie zwar nicht, dennoch fielen ihre Antworten viel kürzer aus, als wir es gewohnt waren. So kurz, dass verwirrende Pausen entstanden, nachdem sie etwas gesagt hatte und der Rest von uns darauf wartete, dass sie fortfuhr. Doch das tat sie nicht. Stattdessen atmete sie manchmal tief durch, schaute aus dem Fenster oder drückte meine Hand, die sie immer noch festhielt. Auf der gesamten Fahrt nach Hause blieb ihre Hand, wo sie war.
»Ich muss schon sagen«, bemerkte meine Mutter schließlich, als mein Vater in die Abfahrt zu unserem Viertel einbog. »Du hast dich irgendwie verändert, mein Schatz.«
»Wirklich?«, fragte Kirsten.
»Ich kann nicht genau sagen, was es ist.« Meine Mutter machte ein nachdenkliches Gesicht. »Aber ich glaube, es liegt daran …«
»... dass sie den Rest der Welt auch mal zu Wort kommen lässt?«, vervollständigte mein Vater den Satz und warf Kirsten einen kurzen Blick im Rückspiegel zu. Er lächelte. Und er hatte recht.
»Echt, Papa?«, meinte Kirsten. »Habe ich tatsächlich sooo viel gequasselt?«
»Natürlich nicht!«, entgegnete meine Mutter. »Wir hören immer gern, was du uns zu sagen hast.«
Kirsten seufzte. »Ich habe in letzter Zeit gelernt, mich kürzer zu fassen, präziser zu sein, zuzuhören, wenn mir etwas erzählt wird. Ich meine, ist euch eigentlich klar, wie schlecht die Leute heutzutage überhaupt noch zuhören können?«
Mir war das absolut klar. Ich hatte nämlich die Zeit zwischen Schulschluss und Abfahrt zum Flughafen damit zugebracht, mir die letzten Tracks auf Owens CD mit dem Titel KLASSISCHER PUNK/SKA anzuhören. Der letzte Genremix aus dem Stapel, den er mir gegeben hatte. Jetzt blieb tatsächlich nur noch JUST LISTEN übrig, was mich richtig traurig stimmte, denn ich hatte mich so daran gewöhnt, mir jeden Tag – oder in der Nacht – mal hier, mal da ein paar Stücke anzuhören. Es hatte sich zu einem auf seltsame Weise beruhigenden, tröstlichen Ritual entwickelt. Auch wenn die Musik oft alles andere als beruhigend war.
Meistens lag ich beim Zuhören mit geschlossenen Augen auf meinem Bett und versuchte, wirklich einzutauchen. Aber als heute die wummernden Bässe eines Reggaes aus dem Lautsprecher meiner Anlage drangen, legte ich meine Schultasche aufs Bett, holte Clarkes Zettel mit der Handynummer sowie die Visitenkarte heraus, die Emily mir gegeben hatte, breitete beides vor mir auf der Bettdecke aus. Das Stück lief weiter und ich betrachtete sowohl Karte als auch Zettel eingehend, als müsste ich mir jedes Detail genau einprägen: die fetten Buchstaben – ANDREA THOMLINSON, STAATSANWALTSCHAFT –, die Druckerschwärze so dick, dass sie leicht über die Papieroberfläche hinausragten; die Mittelstriche der beiden Ziffern Sieben in Clarkes Telefonnummer. Auch wenn ich nichts davon je brauchen würde. Gezwungen war ich auf jeden Fall zu gar nichts, sagte ich mir selbst. Es waren nur Möglichkeiten. Eventuelle Chancen. Zwei Botschaften, zwei Aussagen. Wie Owens beide Ringe. Und es war definitiv von Vorteil, sich der eigenen Möglichkeiten zumindest bewusst zu sein.
Als wir heimkamen, war es bereits dunkel, aber das Haus hell erleuchtet, sodass wir Whitney, die in der Küche am Herd stand und etwas umrührte, deutlich sehen konnten. Während mein Vater im Leerlauf die Einfahrt hinunterrollte, drückte Kirsten erneut meine Hand. War sie vielleicht nervös? Sie sagte jedenfalls nichts in der Richtung.
Im Haus war es schön warm; ich merkte plötzlich, dass ich richtig Hunger hatte. Kirsten sog tief die Luft ein, schloss die Augen. »Wahnsinn«, sagte sie, als sie hinter unserem Vater durch die Haustür trat. »Irgendetwas riecht hier einfach super.«
»Whitney macht Wokgemüse«, erklärte meine Mutter.
»Whitney kocht?«, entfuhr es Kirsten.
Ich blickte nach vorne, sah, dass Whitney im Moment vor der Küchentheke stand, ein Geschirrspültuch in der Hand. »Ja, Whitney kocht«, wiederholte sie trocken. »Das Essen ist in ungefähr fünf Minuten fertig.«
»Du kannst dich wirklich auf etwas freuen, Kirsten«, sagte meine Mutter mit etwas zu lauter Stimme. »Whitney ist als Köchin ein Naturtalent.«
»Wow«, meinte Kirsten. Wieder entstand eine Pause, bis sie, an Whitney gewandt, fortfuhr: »Du siehst übrigens gut aus.«
»Danke«, erwiderte Whitney. »Dito.«
So weit, so gut. Meine Mutter neben mir lächelte.
»Ich stelle dein Gepäck nach oben«, sagte mein Vater zu Kirsten. Sie nickte dankend.
»Ich mache noch schnell den Salat«, beschloss meine Mutter. »Und dann setzen wir uns zusammen um den Tisch und erzählen, was es Neues gibt. In der Zwischenzeit könnt ihr Mädchen doch alle nach oben gehen und euch etwas frisch machen. Was meint ihr?«
»Okay«, sagte Kirsten. Blickte wieder Whitney an. Mein Vater ging mit ihrem Koffer Richtung Treppe. »Klingt gut.«
Oben, in meinem Zimmer, saß ich dann einfach bloß da und lauschte den Geräuschen um mich herum. Kirstens Zimmer hatte in ihrer Abwesenheit so gut wie nie jemand betreten, deshalb war es irgendwie seltsam, auf einmal wieder Leben auf der anderen Seite der Wand zwischen unseren beiden Zimmern zu vernehmen: Schubladen wurden geöffnet und geschlossen, Möbel gerückt … Von der anderen Seite dagegen hörte ich die Whitney-Geräusche, an die ich gewöhnt war: das Quietschen des Bettes, das leise Summen des Radios. Als meine Mutter die Treppe hinaufrief, jetzt sei alles fürs Essen fertig, trafen wir drei uns im Flur, um gemeinsam hinunterzugehen.
Kirsten hatte eine frische Bluse an und trug ihre Haare nun offen. Sie blickte über die Schulter erst mich, dann Whitney an, die hinter mir stand und sich soeben einen Pullover über den Kopf zog. »Seid ihr bereit?«, fragte Kirsten. Als läge ein weiterer Weg als der zum Esszimmer vor uns. Ich nickte. Sie marschierte los, auf die Treppe zu.
Als wir im Esszimmer ankamen, stand das Essen bereits auf dem Tisch. Das Wokgemüse war auf einer großen Platte angerichtet, es gab eine Schüssel mit braunem Reis sowie Salat, dessen Sauce meine Mutter selbstverständlich streng nach Whitneys Rezept und Vorgaben zubereitet hatte. Es roch wunderbar. Mein Vater blieb vor dem Kopf stehen, während wir unsere Plätze am Tisch einnahmen.
Als wir alle saßen, schenkte meine Mutter Kirsten ein Glas Wein ein. Mein Vater, der klassische Fleisch-und-Kartoffeln-Typ, bat Whitney zu erklären – sofern sie dazu in der Lage sei –, was genau wir im Begriff zu essen seien.
»Kurz gebratenes Gemüse mit Tempeh in Erdnuss-Hoisin-Sauce.«
»Tempeh? Was ist das?«
»Ganz ruhig, Papa«, schaltete Kirsten sich ein. »Mehr musst du gar nicht wissen.«
»Du brauchst nichts davon zu essen, wenn du nicht möchtest«, meinte Whitney. »Aber es ist so ziemlich das Beste, das ich je gekocht habe.«
»Servier ihm einfach etwas«, sagte meine Mutter. »Es wird ihm schon schmecken.«
Mein Vater blickte dennoch zweifelnd drein, als Whitney einen Löffel nahm und ihm etwas Gemüse auf den Teller gab, gefolgt von Reis und Salat. Ich betrachtete meine Familie, rund um den Tisch. So anders als noch vor einem Jahr. Wahrscheinlich würde es nie wieder so sein wie ganz früher einmal, doch Hauptsache war: Wir waren zusammen. Alle. Hier.
Noch während dieses Gedankengangs nahm ich aus den Augenwinkeln einen Lichtschein wahr. Ja, dort beim Fenster, hinter der Kräutertopfreihe, fuhr ein Auto vorbei. Bremste etwas ab, weil der Fahrer – natürlich – einen raschen Blick zu uns hereinwarf. Wieder einmal kam mir in den Sinn, dass man sich wirklich nie sicher sein konnte, was genau man gesehen hatte, wenn man nur flüchtig hinschaute, also lediglich im Vorbeigehen, Vorüberhuschen, in einem furchtbar kurzen Moment. Gut oder schlecht, richtig oder falsch. Im Grunde steckte immer mehr dahinter.
In unserem Haus galt die Regel: Wer nicht kocht, räumt auf. Entsprechend fanden sich Kirsten, mein Vater und ich nach dem Essen in der Küche wieder, um das Geschirr zu spülen.
»Das war köstlich!« Kirsten gab mir den mit Spülmittel geschrubbten Reistopf, damit ich ihn unter den Wasserhahn halten konnte. »In die Sauce hätte ich mich reinsetzen können.«
»Nicht wahr?«, pflichtete meine Mutter ihr bei; sie saß am Küchentisch, trank eine Tasse Kaffee und gähnte trotzdem. »Euer Vater hat sogar zweimal nachgenommen. Hoffentlich hat Whitney das mitbekommen. Es ist das beste Kompliment, das man einem Koch machen kann.«
»Ich koche nie, es sei denn, es zählt auch, wenn man bestellt, um sich Essen nach Hause liefern zu lassen«, witzelte Kirsten.
»Doch, das zählt«, erwiderte mein Vater. Er hätte eigentlich auch beim Abwasch helfen sollen, hatte aber bisher nichts weiter zustande gebracht, als den Müll rauszutragen und ewig lang dafür zu brauchen, einen neuen Müllbeutel einzusetzen. »Den Lieferservice anzurufen, ist mein Lieblingsrezept.«
Meine Mutter sah ihn an, schnitt eine belustigte Grimasse. Whitney, die gleich nach dem Abendessen ins obere Stockwerk verschwunden war, kam in die Küche. Sie hatte ihre Jacke an und ihren Schlüssel in der Hand. »Ich gehe noch kurz weg«, meinte sie. »Bin bald wieder da.«
Kirsten, die Hände im Spülwasser, drehte sich um, schaute sie an. »Was hast du vor?«
»Ach, ich treffe mich bloß mit ein paar Leuten. Im Café«, antwortete Whitney.
»Oh.« Kirsten nickte. Wandte sich wieder zur Spüle um.
»Möchtest du …« – Whitney hielt inne, setzte neu an: »Hattest du überlegt mitzukommen?«
»Ich möchte mich nicht dazwischendrängen«, antwortete Kirsten. »Ist schon okay.«
»Nein, du kannst gern mitkommen«, hörte ich Whitney sagen. »Ich meine, wenn es dir nichts ausmacht, ein bisschen im Café abzuhängen.«
Da, schon wieder – ich spürte ihn nahezu körperlich: den behutsamen, zögerlichen Frieden zwischen meinen Schwestern. Nicht total brüchig, doch auch nicht in Stein gemeißelt. Meine Eltern wechselten einen Blick.
»Annabel, möchtest du auch mitkommen?«, fragte Kirsten. »Ich spendiere dir einen Cappuccino.«
Kirstens Blick ruhte unverwandt auf mir, als sie mich das fragte. Mir fiel wieder ein, wie sie vorhin meine Hand umklammert hatte. Vielleicht war sie tatsächlich nervöser, als es schien. »Klar«, erwiderte ich. »Okay.«
»Wunderbar«, sagte meine Mutter. »Zieht ihr mal los und habt Spaß. Euer Vater und ich kümmern uns um den Rest hier.«
»Bist du sicher?«, fragte ich. »Wir sind noch nicht einmal halb fertig –«
»Kein Problem.« Sie stand auf, krempelte die Ärmel hoch, verscheuchte Kirsten und mich von der Spüle. Ich blickte zu Whitney hinüber, die im Türbogen stand. Keine Ahnung, wie ich da hineingeraten war. Aber jetzt steckte ich mittendrin. »Jetzt fahrt schon los.«
»Hallo und willkommen bei Jump Java. Heute ist wie jede Woche Nacht der langen Messer, pardon, des für alle frei zugänglichen Mikrofons. Ich heiße Esther und bin Kummerkasten, Moderatorin, Wachhund, alles in einer Person. Falls ihr schon mal bei uns wart, kennt ihr ja die Regeln. Schreibt euch hinten auf die Liste, haltet möglichst die Klappe, wenn vorne jemand liest, und – ganz wichtig – vergesst das Trinkgeld für den Mann an der Kaffeebar nicht. Vielen Dank und viel Spaß!«
Bei unserer Ankunft dachte ich im ersten Moment, wir wären zufällig in diese Veranstaltung hineingeraten. Doch als Whitneys Freunde aus ihrer Therapiegruppe uns zu sich winkten, wurde mir schnell klar: nix mit Zufall.
»Alles klar? Bist du gut vorbereitet?«, sagte ein Mädchen namens Jane zu Whitney, nachdem wir unseren Kaffee bekommen hatten und einander vorgestellt worden waren. Jane war groß und dünn – sehr dünn – und trug einen roten Pullover mit Vordertasche, aus der eine Zigarettenschachtel herausragte. »Und, noch viel wichtiger: Bist du nervös? Aufgeregt?«
»Whitney regt sich wegen gar nichts auf«, sagte Heather, das andere Mädchen. Sie war ungefähr in meinem Alter, hatte kurze schwarze Haare, eine Stachelfrisur und eine Vielzahl von Piercings in Nase und Lippen. »Das weißt du doch.«
Kirsten und ich wechselten einen Blick. »Weshalb solltest du nervös sein?«, fragte Kirsten Whitney, die neben mir saß und in ihrer Handtasche herumkramte.
»Wegen ihrer Lesung.« Jane nahm einen Schluck aus ihrem Kaffeebecher, der vor ihr auf dem Tisch stand. »Sie hat sich für heute Abend angemeldet.«
»Sie musste sich anmelden«, fügte Heather hinzu. »Eine Moira-Ansage.«
»Moira-Ansage?«, wiederholte ich.
»Hat was mit unserer Gruppe zu tun.« Whitney zog ein paar zusammengefaltete Blatt Papier aus ihrer Handtasche, legte sie vor sich auf den Tisch. »Eine Art Auftrag. Moira gehört zu meinen Therapeuten.«
»Ach so«, sagte Kirsten. »Alles klar.«
»Du liest also etwas vor, das du geschrieben hast?«, fragte ich. »Sozusagen etwas Autobiografisches?«
Whitney nickte. »Ja, so ungefähr.«
»Okay, wir legen jetzt los«, verkündete Esther. »Als Erster heute Abend ist Jakob dran. Hallo, Jakob.«
Allgemeiner Applaus. Ein großer, dürrer Junge mit schwarzer Strickkappe auf dem Kopf schlängelte sich auf seinem Weg zum Mikrofon durch die Tische. Er schlug ein schmales Spiralheft auf. Räusperte sich.
»Mein Text hat den Titel ›Ohne Titel‹.« Hinter uns zischte die Espressomaschine. »Es geht … äh, um meine Exfreundin.«
Das Gedicht, das er nun vortrug, begann ganz sachte mit Impressionen über Tageslicht und Träume, wurde jedoch rasch heftiger, aufgewühlter, vehementer, seine Stimme zunehmend lauter, bis er uns im Grunde nur noch stakkatohaft aneinandergereihte Worte entgegenschleuderte, unerbittlich, eins nach dem anderen: »Metall, Kälte, Betrug, Unendlichkeit!« Ab und zu flog etwas Spucke in hohem Bogen über das Mikro hinweg. Ich sah zu Whitney hinüber, die sich auf die Lippen biss. Dann zu Kirsten, die wie gebannt zuhörte.
»Was soll das denn werden?«, flüsterte ich.
»Psst«, war alles, was ich zur Antwort erhielt.
Eine Menge Zeit schien vergangen zu sein, bevor Jakobs Gedicht schließlich mit einer Serie langer, atemloser Keucher abschloss. Als er fertig war, saßen wir alle noch einen Moment lang überwältigt da, bevor wir kollektiv beschlossen, dass Klatschen jetzt wohl nicht mehr unpassend wäre.
»Wow«, sagte ich zu Heather. »Das war ja irre.«
»Das war gar nichts«, erwiderte sie. »Du hättest letzte Woche hier sein müssen. Da hat er sich zehn Minuten lang über Kastration ausgelassen.«
»Ekelhaft«, fügte Jane hinzu. »Faszinierend, aber ekelhaft.«
»Als Nächstes tritt jemand auf, der zum ersten Mal hier vorliest«, sagte Esther. »Applaus für Whitney, bitte.«
Jane und Heather fingen laut an zu klatschen, Kirsten und ich stimmten sofort mit ein. Als Whitney nach vorne zum Mikrofon ging, nahm ich deutlich wahr, wie das Publikum auf sie reagierte. Die Leute wandten neugierig den Kopf, viele sahen gleich zweimal hin, konnten kaum glauben, was für eine Schönheit sich unter ihnen befand.
»Ich werde einen kurzen Text vorlesen.« Ihre Stimme blieb ihr fast im Hals stecken; sie trat näher ans Mikrofon. »Einen kurzen Text«, wiederholte sie, »über meine Schwestern.«
Vor lauter Überraschung musste ich blinzeln. Warf einen Blick zu Kirsten hinüber. Wollte etwas sagen, ließ es aber, weil ich mir nicht schon wieder ein »Psst« einfangen wollte.
Whitney schluckte, blickte auf ihre Blätter, deren Ränder kaum wahrnehmbar zitterten. Sie sah aus, als hätte sie Angst. Und plötzlich erschien es im Raum viel zu still. Doch dann fing sie an zu lesen.
»Ich bin die mittlere Schwester. Die dazwischen. Nicht die Älteste, nicht die Jüngste, nicht die Mutigste, nicht die Netteste. Ich bin der Grauton, das halb volle oder halb leere Glas, je nachdem, wie man es betrachtet. Es gab wenige Dinge in meinem Leben, die ich zuerst oder besser gemacht habe als diejenige vor oder nach mir. Doch ich bin von uns allen die Einzige, die zusammengebrochen ist.«
Ich hörte das Klingeln der Türglocke, drehte mich auf meinem Stuhl um. Eine etwas ältere Frau mit langen, lockigen Haaren betrat das Lokal. Als sie Whitney am Mikrofon stehen sah, lächelte sie, stellte sich hinten hin und begann, ihren Schal vom Hals zu wickeln.
»Es geschah an dem Tag, an dem meine jüngere Schwester ihren neunten Geburtstag feierte. Ich hatte schon den ganzen Tag im Haus rumgehangen und geschmollt und gedacht, entweder kümmert sich niemand um mich oder alle wollen was von mir. Das war nichts Neues oder gar Besonderes, denn im Grunde war meine Festplatte schon im zarten Alter von elf Jahren so konfiguriert.«
Kirsten machte ganz große Augen, als ein Mann an einem der Nebentische amüsiert auflachte. Auch von anderen im Publikum war leises Gelächter zu hören. Whitney wurde rot und – lächelte ebenfalls. »Meine ältere Schwester – die Gesellschaftsnudel der Familie – wollte mit ihrem Rad zum Schwimmbad fahren, um sich mit ein paar Freunden zu treffen. Sie fragte mich, ob ich mitkommen wolle. Ich wollte nicht. Ich wollte mit niemandem zusammen sein. Meine ältere Schwester war die Liebenswürdige, meine jüngere die Süße, ich die Dunkelheit. Niemand verstand meinen Schmerz. Nicht einmal ich selbst.«
Erneutes Gelächter, diesmal von jemanden, der auf der anderen Seite des Raumes saß. Whitney lächelte auch wieder. Meine mittlere Schwester konnte also witzig sein. Wer hätte das gedacht?
»Meine ältere Schwester stieg auf ihr Rad und fuhr Richtung Schwimmbad. Ich fuhr hinter ihr her. Ich fuhr immer hinterher, und als wir da auf unseren Rädern saßen, ärgerte ich mich plötzlich maßlos darüber. Ich hatte die Nase voll davon, immer nur die Zweite zu sein.«
Wieder blickte ich zu Kirsten hinüber. Sie beobachtete Whitney so konzentriert, als wäre außer ihnen beiden niemand im Raum. »Deshalb drehte ich um. Plötzlich war die Straße vor mir leer, eine ganz neue Sicht auf die Welt. Alles gehörte mir, war nur für mich da. Ich trat, so schnell ich konnte, in die Pedale.«
Heathers Löffel klimperte im Becher, als sie sich ein weiteres Päckchen Zucker in den Kaffee schüttete. Ich saß still und unbeweglich da.
»Es war toll. Das ist Freiheit immer, auch die, die man sich nur einbildet. Aber während ich weiterfuhr, bis das, was vor mir lag, mir fremd wurde, unbekanntes Terrain, wurde ich mir plötzlich auch der Entfernung bewusst, die ich bereits zurückgelegt hatte. Ich fuhr immer noch volles Tempo, weg von zu Hause, als mein Vorderrad plötzlich umknickte. Und ich flog.«
Kirsten neben mir rutschte auf ihrem Stuhl herum. Ich rückte mit meinem näher an sie heran.
»Ein echt krasses Gefühl, plötzlich durch die Luft befördert zu werden. Du bist noch dabei, es überhaupt zu begreifen, und da ist es auch schon wieder vorbei. Du fällst. Als ich auf dem Asphalt aufschlug, hörte ich, wie der Knochen in meinem Arm brach. Und in den folgenden Sekunden, wie sich mein Vorderrad in der Luft weiterdrehte. Die Speichen knackten. Doch alles, was mir durch den Kopf ging, war das, was mir immer durch den Kopf ging. Was ich immer dachte, sogar in jenem Augenblick: Das ist nicht fair. Für einen Moment zu schmecken, wie Freiheit schmeckt, aber sofort dafür bestraft zu werden.«
Ich wandte mich um, blickte zu der Frau hinten neben der Eingangstür. Sie ließ Whitney nicht aus den Augen.
»Mir tat alles weh. Ich schloss die Augen, presste meine Wange auf die Straße und wartete. Auf was, wusste ich nicht. Darauf, gerettet zu werden. Oder gefunden. Aber niemand kam. Ich hatte immer geglaubt, dass in Ruhe und allein gelassen zu werden, mein größter Wunsch wäre. Bis ich in Ruhe und allein gelassen wurde.«
Ich schluckte. Blickte auf meine Tasse, schlang meine Finger darum herum.
»Ich weiß nicht, wie lange ich da lag, bis meine Schwester zu mir kam. Mir ist im Gedächtnis, dass ich in den Himmel starrte, wo die Wolken vorbeizogen. Dann hörte ich auf einmal, wie sie meinen Namen rief, schlitternd neben mir abbremste. Sie war der letzte Mensch, den ich in diesem Moment sehen wollte. Und dennoch, wie so viele Male zuvor und danach, der Einzige, der da war.«
Whitney hielt inne, atmete tief durch.
»Sie half mir hoch und setzte mich auf ihre Lenkstange. Mir war völlig bewusst, dass ich ihr eigentlich dankbar sein sollte. Stattdessen war ich während der gesamten Heimfahrt wütend. Auf mich, weil ich gestürzt war. Auf sie, weil sie es mitbekommen hatte. Als sie mit mir in unsere Einfahrt radelte, kam meine jüngere Schwester, das Geburtstagskind, aus dem Haus gestürmt. Sobald sie mich mit meinem lose runterbaumelnden Arm sah, rannte sie wieder rein und rief nach unserer Mutter. Das war seit jeher ihre Rolle gewesen, als die Kleine. Sie hat immer alles erzählt.«
Ich erinnerte mich gut an die Situation. In jenem Moment hatte ich sofort begriffen, dass irgendetwas nicht stimmte. Und zwar, weil Kirsten und Whitney so eng beieinander waren, wie sonst nie.
»Mein Vater brachte mich zur Notaufnahme, wo man den Knochen richtete, den Arm eingipste. Als wir nach Hause zurückkehrten, war die Party fast vorbei. Die Geschenke waren bereits ausgepackt, die Geburtstagstorte wurde gerade serviert. Auf den Fotos, die an diesem Tag aufgenommen wurden, halte ich meinen einen Arm vor den eingegipsten anderen. Als ob ich dem Gips nicht zutrauen würde, mich beziehungsweise meinen gebrochenen Knochen zusammenzuhalten. Meine ältere Schwester, die Heldin, steht auf der einen Seite neben mir, meine jüngere, das Geburtstagskind, auf der anderen.«
Ich kannte das Bild natürlich auch: Ich, im Badeanzug, ein Stück Torte in der Hand; Kirsten stemmt eine Hand in die Hüfte, die sie kess ein wenig vorschiebt, und lächelt strahlend in die Kamera.
»Jahrelang sah ich, wenn ich mir diesen Schnappschuss anschaute, stets bloß meinen gebrochenen Arm. Erst später nahm ich auch andere Dinge wahr. Zum Beispiel, wie meine beiden Schwestern lächeln und sich mir zuwenden, während ich, wie immer, zwischen ihnen stehe.«
Whitney atmete erneut tief durch. Blickte auf ihre Aufzeichnungen.
»Es war nicht das erste Mal, dass ich vor meinen Schwestern davongelaufen bin. Und nicht das letzte Mal, dass ich dachte, Alleinsein wäre auf jeden Fall die bessere Alternative. Ich bin immer noch die Schwester in der Mitte. Aber ich sehe das jetzt differenzierter. Es muss eine Mitte geben. Ohne Mitte kann nichts wirklich vollständig sein. Denn die Mitte ist nicht nur der Raum dazwischen, sondern auch das, was alles zusammenhält. Danke.«
Ich saß da, einen dicken Kloß im Hals, während um mich herum die Leute zu klatschen begannen. Erst vereinzelt, hier und dort, doch allmählich erfüllte der Applaus den ganzen Raum. Whitney wurde rot, legte eine Hand auf ihre Brust. Doch als sie nun hinter dem Mikrofon hervortrat, lächelte sie. Kirsten neben mir hatte Tränen in den Augen.
Als Whitney zu unserem Tisch zurückkehrte, nickten ihr die Leute, an denen sie vorbeilief, anerkennend zu. Ich war so stolz auf sie! Ich konnte mir nämlich absolut vorstellen, wie schwer es ihr gefallen sein musste, diesen Text laut vorzulesen. Nicht nur vor allen Fremden, sondern auch und vor allem vor uns beiden. Aber sie hatte es getan. Während ich meiner Schwester entgegenblickte, fragte ich mich, was letztlich schwerer war. So etwas überhaupt offen auszusprechen? Oder wem gegenüber man es aussprach? Aber vielleicht zählte ja am Ende, wenn es endlich raus war, doch nur die Geschichte selbst.