»Also gut«, sagte meine Mutter und zog einen Einkaufswagen aus der Reihe, die vor den automatischen Türen stand. Stellte ihre Tasche in das vordere Ausklappfach, kramte ihre Liste hervor, faltete sie auseinander. »Dann wollen wir mal.«
Supermarkt, zweite Dezemberwoche. Ich half meiner Mutter beim Einkaufen der Lebensmittel, die sie für Kirstens Willkommensabendessen brauchte. Denn Kirsten kam nach Hause. Nicht, dass ich deswegen vor lauter Begeisterung Hurra geschrien hätte. Aber da meine Mutter in bester Vorweihnachtslaune war, lächelte ich tapfer zurück, als sie mich nun anstrahlte, während sie den Einkaufswagen Richtung Tür – die glitt brav beiseite – schob. Schließlich ging es im Grunde bloß noch darum, Haltung zu bewahren. Irgendwie.
Die letzten anderthalb Monate hatte ich wie unter Wasser verbracht. Alles verschwamm ineinander, ich funktionierte quasi auf Halbautomatik. Nur eins stand fest: Mein Leben verlief in exakt denselben Bahnen wie zu Beginn des Schuljahrs. Als ob die Zeit, die ich mit Owen verbracht hatte, gelöscht war. Wieder schlug ich mich in der Schule allein durch, wieder modelte ich, obwohl ich gar nicht wollte. Und war völlig unfähig, irgendetwas gegen irgendetwas zu unternehmen.
Damals, an jenem Sonntagmorgen nach der Nacht im Bendo, wachte ich wie jede Woche pünktlich um sieben auf, genau rechtzeitig für Owens Sendung. Doch ich musste nur einmal die Augen öffnen, um zu wissen, dass dieser Morgen anders war. Deshalb drehte ich mich um, weg von meinem Wecker, und versuchte krampfhaft, wieder einzuschlafen. Konnte aber spüren, wie etwas in mir dennoch hartnäckig aufwachte, Stück für Stück. Bis die Erinnerungen über mich hereinbrachen.
Owen war garantiert supersauer auf mich. Schließlich hatte ich mich klammheimlich verzogen. Ohne Erklärung. Ohne gar nichts. Und das Schlimmste: Noch während ich es tat, wusste ich: Du machst einen Fehler! Konnte trotzdem nichts daran ändern. Der einzige Weg, die Sache wieder hinzubiegen, wäre gewesen, ihm offen und ehrlich zu erklären, warum ich abgehauen war. Aber das kriegte ich nicht hin. Nicht einmal für ihn.
Wie sich allerdings herausstellte, lag die Entscheidung, ob wir uns über jenen fatalen Abend unterhalten würden oder nicht, längst nicht mehr allein bei mir. Am folgenden Montag, unserem nächsten gemeinsamen Schultag, traf Owen diese Entscheidung für uns beide.
Ich hatte gerade eingeparkt und saß noch im Wagen, als er plötzlich auf der Fahrerseite auftauchte. Er kündigte sich durch Klopfen an, durch ein dreimaliges, energisches Pochen, tock tock tock. Ich zuckte zusammen, wandte mich zum Fenster. Sobald er sah, dass ich ihn bemerkt hatte, nahm er die Hand runter und ging um meine vordere Stoßstange Richtung Beifahrertür. Als er sie öffnete, holte ich tief Luft – so, wie man es tun soll, falls der Wagen jemals unter Wasser gerät. Ein letzter Atemzug, bevor man untergeht. Und dann saß Owen auch schon auf dem Beifahrersitz.
Keine Begrüßung (ich hatte auch nichts anderes erwartet). Kein kühles Schweigen, das ich irgendwie hätte beenden müssen. Nur das, was ihn seit, nun ja, etwa sechsunddreißig Stunden beschäftigte. Doch was fast das Schlimmste war: Er sah mich so angespannt, so – ja, so wütend an, dass ich ihm nur flüchtig in die Augen blicken konnte. Sein Mund war ein dünner Strich, sein Gesicht gerötet. Er füllte den kleinen Raum um uns völlig aus, nicht nur physisch. Es war beunruhigend. Beängstigend.
»Es tut mir leid.« Ich brachte die Worte kaum heraus, meine Stimme zitterte. »Ich war nur …«
Das ist das Problem mit guten Zuhörern. So jemand unterbricht dich nicht einfach. Bewahrt dich nicht davor, deine Sätze zu Ende bringen zu müssen. Redet auch nicht dazwischen, wodurch es viel schwieriger wird, sich an unangenehmen Stellen rauszuwinden oder Sachen wegzunuscheln, weil nichts von dem, was man sagt, verlorengeht oder im Durcheinanderreden so ganz nebenbei eine andere Bedeutung annimmt. Gute Zuhörer warten geduldig, dass man weiterspricht. Unerbittlich weiter.
»Ich weiß nicht, was ich sagen soll«, bekam ich schließlich zustande. »Ich weiß … es wirklich nicht.«
Er schwieg. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor. Ich ertrage das nicht länger, dachte ich. Da machte Owen den Mund auf: »Du hättest es mir doch sagen können, wenn du nicht ins Bendo gewollt hättest am Samstag.«
Ich biss mir auf die Lippen, starrte auf meine Hände. Ein paar Typen, die sich lautstark über ihr Footballtraining unterhielten, latschten an meinem Fenster vorbei. »Ich wollte hin.«
»Was bitte war dann los? Wieso bist du einfach abgezischt? Ich hatte keine Ahnung, was passiert war. Ich habe auf dich gewartet.«
Dieser letzte Satz ließ mir fast das Herz zerspringen. Ich habe auf dich gewartet. Natürlich hatte er das. Und natürlich sagte er mir das auch, denn im Gegensatz zu mir behielt Owen nichts für sich. Bei ihm war das, was man sah, auch wirklich das, was man bekam.
»Tut mir leid«, sagte ich erneut, doch es klang selbst in meinen Ohren wenig überzeugend. Lahm. Bedeutungslos. »Ich war nur … ist ziemlich viel passiert.«
»Zum Beispiel?«
Ich schüttelte den Kopf. Ich konnte nicht. Konnte mich keinesfalls bis an den Punkt vorwagen, wo ich mit dem Rücken zur Wand stehen und gar keine andere Wahl mehr haben würde, als die Wahrheit zu sagen. »’ne ganze Menge Sachen eben.«
»Sachen«, wiederholte er. Platzhalter!, dachte ich. Aber er sprach es nicht aus.
Stattdessen atmete er resigniert aus, wandte den Kopf zum Fenster. Worauf ich den ersten echten Blick in seine Richtung riskierte. Ihn tatsächlich einmal richtig ansah: das energische Kinn, die Ringe an seinen Fingern, die Kopfhörer, lose um seinen Nacken geschlungen. Durch einen davon vernahm ich leise Musik und fragte mich aus alter Gewohnheit reflexartig, was er wohl hörte.
»Ich kapiere das nicht«, sagte er. »Es muss ja einen Grund geben, aber du willst ihn mir einfach nicht sagen. Und das ist …« Er unterbrach sich kopfschüttelnd. »So bist du nicht.«
Einen Moment lang war es ganz ruhig. Niemand ging vorbei, kein Auto fuhr auf der Straße hinter uns her. Sehr still war es, als ich antwortete: »Doch, so bin ich.«
Owen sah mich an, schob seinen Rucksack auf sein anderes Bein. »Was?«
»So bin ich.« Selbst in meinen eigenen Ohren klang meine Stimme zu leise. »Genau so bin ich.«
»Annabel.« Er wirkte immer noch sauer. Als ob das einfach nicht wahr sein durfte. Er lag falsch. Und wie falsch er lag. »Komm schon, was ist los?«
Ich blickte wieder auf meine Hände. »Ich wollte ja anders sein. Bin aber eben so.«
Immerhin hatte ich von Anfang an versucht, ihm das klarzumachen. Hatte ihm erzählt, dass ich manchmal nicht die Wahrheit sagte, nicht gut mit Konflikten umgehen konnte, Angst bekam, wenn jemand wütend wurde, gewohnt war, dass Menschen, die aus irgendeinem Grund ausrasteten, einfach von der Bildfläche verschwanden. Unser gemeinsamer Irrtum bestand darin, dass wir geglaubt hatten, ich könnte mich ändern. Hätte mich geändert. Doch das war am Ende vielleicht die größte Lüge von allen.
Es klingelte zum ersten Mal zur ersten Stunde, lang und schrill. Owen rutschte unruhig auf seinem Sitz herum, legte seine Hand auf den Türgriff.
»Was auch immer es war, du hättest es mir erzählen können. Das weißt du, oder?«
Er blieb einfach nur so da sitzen, eine Hand am Türgriff. Mir war klar, er wartete darauf, dass ich das mutige Mädchen wäre, welches er in mir sehen wollte. Dass ich ihm schlicht die Wahrheit sagte. Er wartete. Länger, als ich je vermutet hätte. Doch schließlich stieß er die Tür auf, stieg aus. Und war weg.
Er ging über den Parkplatz davon, Rucksack über die Schulter geworfen, und stülpte sich bereits die Kopfhörer über die Ohren. Es war fast ein Jahr her, da hatte ich ihm genauso hinterhergeblickt. Nachdem er Ronnie Waterman zu Boden geschlagen hatte. Ich war damals total überwältigt gewesen. Und ziemlich erschrocken. In diesem Augenblick empfand ich ähnlich. Denn ich begriff, was mein Schweigen und meine Angst mich gekostet hatten. Wieder einmal.
Ich wartete bis zum zweiten Klingeln. Bis der Schulhof fast leer war. Erst dann stieg ich aus meinem Auto, ging zum Unterricht. Ich wollte weder Owen noch sonst jemandem begegnen. Den ganzen Morgen über lief ich wie in einem Nebel durch die Flure und Klassenzimmer, blendete die Stimmen um mich herum aus. Mittags flüchtete ich mich in unsere Schulbibliothek, verkroch mich in der Abteilung »Amerikanische Geschichte« an einem der Arbeitsplätze dort. Breitete Bücher um mich herum aus. Las kein einziges Wort.
Als die Pause fast vorbei war, packte ich meine Sachen zusammen und ging zur Toilette. Bis auf zwei Mädchen, die ich nicht kannte, war sie leer. Die beiden standen an den Waschbecken. Als ich eine der Kabinen betrat, setzten sie ihr Gespräch fort.
»Ich will damit bloß sagen …« – ein Hahn wurde aufgedreht, Wasser plätscherte – »... ich kann mir nicht vorstellen, dass sie lügt.«
»Ach, komm schon.« Die Stimme des anderen Mädchens klang höher und quäkiger. »Er hätte mit jeder ausgehen können, die er wollte. Ist ja wirklich nicht so, als ob ausgerechnet er es nötig gehabt hätte. Also, warum sollte er dann so etwas machen?«
»Meinst du wirklich, sie wäre zur Polizei gegangen, wenn er es nicht getan hätte?«
»Vielleicht ist sie nur scharf darauf, im Mittelpunkt zu stehen.«
»Niemals.« Der Wasserhahn wurde zugedreht, Papiertücher wurden raschelnd aus dem Spender genommen. »Sie war Sophies beste Freundin. Und jetzt weiß jeder Bescheid. Ist doch voll der Horror. In so einem Fall lügt man nicht. So was tut sich kein Mensch ohne Grund an.«
Ich erstarrte: Sie sprachen über Emily.
»Wie lautet die Anklage?«
»Sexuelle Nötigung. Oder minderschwere Vergewaltigung. Keine Ahnung, eins von beidem.«
»Ich fasse es nicht, dass er tatsächlich verhaftet wurde.«
»Ja, im A-Frame! Meghan sagte, als die Bullen aufschlugen, liefen alle davon wie die Hasen. Jeder dachte wohl, es wäre eine Alkohol-Razzia.«
»Blöder Witz.« Der Reißverschluss eines Rucksacks wurde geöffnet. »Hast du schon mit Sophie geredet?«
»Nö. Ich glaube auch nicht, dass sie heute in die Schule gekommen ist. Würdest du etwa, an ihrer Stelle?«
Die Antwort darauf hörte ich nicht mehr, weil sie auf laut klappernden Absätzen die Toilette verließen. Ich blieb stehen, wo ich war, stützte mich mit der Hand an der Kabinenwand ab, an die jemand mit blauem Kuli ICH HASSE DIESEN ORT geschmiert hatte. Direkt neben meiner Hand. Ich nahm sie weg, klappte den Klodeckel runter, setzte mich. Rekapitulierte, was ich gerade gehört hatte. Versuchte, mir einen Reim darauf zu machen.
Emily war zur Polizei gegangen. Emily hatte Anzeige erstattet. Emily hatte es erzählt.
Ich begriff. Und konnte nur noch dasitzen, wie gelähmt, die Hände im Schoß. Will war verhaftet worden. Die Leute wussten Bescheid. Seit Samstagabend, auf der Modenschau, war ich davon ausgegangen, dass Emily, wie ich, den Mund halten würde. Die Geschichte in sich reinfressen, sie dort in ihrem Inneren begraben würde. Wie ich. Aber das hatte sie nicht getan.
Den Rest des Nachmittags über hörte ich genauer hin, wenn über den Skandal geredet und getuschelt wurde, setzte mir die Geschichte auf die Weise Stück für Stück zusammen: Emily wollte wohl vom A-Frame aus mit Sophie zu dieser Party fahren, aber die wurde aus irgendeinem Grund woanders aufgehalten, deshalb bot Will Emily an, sie hinzukutschieren. Er habe dann auf der Straße vor dem Haus angehalten und sich – je nachdem, welcher Seite man Glauben schenken wollte – entweder auf Emily gestürzt oder völlig überrascht reagiert, weil sie sich an ihn ranmachte. Einer Frau, die gerade mit ihrem Hund vorbeispazierte, fiel auf, was in dem parkenden Wagen abging, und sie drohte, die Bullen zu rufen, falls die beiden nicht weiterfuhren. So sei Emily aus dem Auto rausgekommen, habe es geschafft, sich nach Hause bringen zu lassen, und ihrer Mutter alles erzählt. Den Samstagvormittag verbrachte sie auf der Wache, erstattete Anzeige, füllte Formulare aus. Als die Bullen Will Samstagabend abholten und ihm Handschellen anlegten, habe er angeblich angefangen zu weinen. Wills Vater holte ihn innerhalb weniger Stunden durch Hinterlegung einer Kaution aus dem Gefängnis und besorgte ihm den besten Anwalt der Stadt. Und Sophie erzähle jedem, Emily sei schon immer scharf auf Will gewesen und fasele jetzt bloß deshalb was von Vergewaltigung, weil er sich nicht die Bohne für sie interessiere. Und was ich auch noch mitkriegte: Emily war heute in die Schule gekommen. Sophie nicht.
Ich sah Emily erst beim letzten Klingeln. Nahm gerade ein Schulbuch aus meinem Spind, als mir die unvermittelte, eigenartige Ruhe auffiel, die inmitten des üblichen Endlich-ist-die-Schule-aus-Tumults am Ende des Tages entstand. Es wurde nicht völlig still. Nur leiser, gedämpfter. Ich wandte den Kopf. Emily kam den Gang entlang auf mich zu. Versteckte sich nicht, war auch nicht allein, sondern hatte zwei Begleiterinnen, auf jeder Seite eine. Mit beiden Mädchen war sie schon vor der Zeit mit Sophie befreundet gewesen. Ich hatte damals, nach Wills Angriff, automatisch angenommen, dass niemand auf meiner Seite stehen und alle ausschließlich Sophies Version der Geschichte glauben würden. Es war mir nicht einmal in den Sinn gekommen, dass möglicherweise auch meine Version nicht sofort verworfen würde.
In den folgenden Tagen war die Sache mit Emily und Will das Thema überhaupt. Ich versuchte, mich so weit wie möglich rauszuhalten, das Geschwätz zu ignorieren. Doch manchmal klappte es einfach nicht. Zum Beispiel, als ich mir in Englisch, kurz vor einer entscheidenden Klassenarbeit, rasch noch ein paar Fakten einprägen wollte. Doch Jessica Norfolk und Tabitha Johnson, die hinter mir saßen, fingen auf einmal an, sich über Will zu unterhalten.
»Nach allem, was ich gehört habe«, sagte Jessica, Koordinatorin aller Sonderaktivitäten unserer Stufe und eigentlich nicht der Typ Waschweib, »hat er so etwas schon mindestens einmal gebracht.«
»Echt?«, erwiderte Tabitha. Sie saß schon das ganze Jahr hinter mir und hatte die nervige Angewohnheit, ununterbrochen mit ihrem Kuli klick zu machen, was mich schier in den Wahnsinn trieb. Jetzt gerade klickte sie auch.
»Ja. Es gab anscheinend Gerüchte in die Richtung, als er noch auf die Perkins Day ging. Du weißt schon, Mädchen, die behauptet haben, ihnen sei Ähnliches passiert.«
»Aber niemand hat ihn je angezeigt.«
»Nein, stimmt«, meinte Jessica. »Trotzdem könnte es heißen, dass es so etwas wie ein wiederkehrendes Muster gibt.«
Tabitha, die immer noch mit ihrem blöden Kuli klickte, stieß einen leisen Seufzer zwischen den Zähnen hervor. »Arme Sophie.«
»Allerdings. Stell dir vor, du bist mit jemandem zusammen – und dann so was?!«
Viele der Gespräche, die ich zufällig mitbekam, endeten früher oder später beim Thema Sophie, was nicht weiter verwunderlich war. Sie und Will gehörten zu jener Sorte Pärchen, die jeder kannte, und sei es auch nur wegen der regelmäßigen Beziehungsdramen, die sie in aller Öffentlichkeit austrugen. Umso merkwürdiger, dass sie an jenem ersten Schultag nach dem Vorfall überhaupt nicht auftauchte. Emilys Verhalten hatte mich überrascht, Sophies allerdings ebenfalls. Nicht nur, weil sie nicht zur Schule kam, sondern vor allem auch wegen der Art, wie sie sich benahm, als sie schließlich doch wieder aufkreuzte.
Sie postierte sich nicht mitten auf dem Schulhof, um jedem, der es nicht hören wollte, unmissverständlich klarzumachen, das Geschehene mache ihr nicht im Geringsten etwas aus. Auch konfrontierte sie Emily nicht in aller Öffentlichkeit, so wie sie es mit mir getan hatte. Als ich sie das erste Mal nach jenem Wochenende wiedersah, ging sie ganz allein einen Flur im Hauptgebäude entlang, Handy ans Ohr gepresst. In der Mittagspause warf ich aus dem Fenster in der Bibliothek einen Blick auf ihren Stammplatz auf der Bank; doch dort hatten sich ein paar Mädels aus der Stufe unter uns breitgemacht, die ich nicht einmal kannte. Sophie hingegen hockte auf dem Bordstein der Wendebucht am Ende des Zufahrtswegs zur Schule, wartete darauf, dass sie abgeholt wurde, während Emily, von diversen Freundinnen und Bekannten umringt, an einem Tisch auf dem Schulhof saß, Mineralwasser trank und Kartoffelchips aß.
Sophie war also allein. Ich war allein. Und Owen ebenfalls. Nahm ich jedenfalls an. Ab und an erhaschte ich kurz vor oder nach der Schule einen Blick auf ihn. Entdeckte ihn – da er ja alle überragte –, wenn er sich seinen Weg quer durch die Leute bahnte oder um eine Ecke verschwand. In solchen Momenten wünschte ich mir manchmal nichts sehnlicher, als ihm alles zu erzählen. Die Vorstellung schlug wie eine Welle über mir zusammen, plötzlich und unerwartet. Doch schon im nächsten Augenblick sagte ich mir selbst, jetzt würde er es vermutlich nicht einmal mehr hören wollen. Er schien sich, wie er dort mit unergründlicher Miene und Kopfhörern an den Ohren über den Schulhof ging, vor meinen Augen in den Menschen zurückzuverwandeln, der er vor all diesen Ereignissen für mich gewesen war: Jemand, den ich nicht kannte, ein weiteres anonymes Gesicht in der Menge, ein unergründliches Rätsel. Wie so vieles andere.
Die Schule war schon Stress genug, aber zu Hause erging es mir nicht viel besser. Was allerdings tatsächlich wohl nur für mich galt. Für alle anderen Familienmitglieder lief es gerade richtig gut. Meine Mutter zum Beispiel, die in diesem Moment fröhlich unseren Einkaufswagen neben mir her durch das Schlaraffenland schob, das die Obst- und Gemüseabteilung im Supermarkt für sie darstellte: Sie freute sich total, weil die ganze Familie demnächst endlich einmal wieder zusammen sein würde. Denn auch an Thanksgiving hatte Kirsten erst angekündigt heimzukommen, dann allerdings doch beschlossen, in New York zu bleiben, angeblich, um einige Extraschichten bei ihrem Kellnerjob einzuschieben und jede Menge Zeug für die Uni zu lernen, wozu sie sonst nicht komme. Erst später erwähnte sie eher beiläufig etwas von einem Truthahnessen mit ihrem Dozenten Brian. Weitere Einzelheiten spuckte sie indes nicht aus – völlig untypisch für Kirsten. Jetzt kam sie endlich nach Hause, sogar deutlich vor Weihnachten, und meine Mutter war völlig aus dem Häuschen.
»Wir haben uns gedacht, es gibt zweierlei Kartoffeln.« Sie signalisierte mir, bitte mehrere Plastiktüten aus dem Spender zu ziehen. »Ich mache mein Gratin mit der Sahnesauce, Whitney Ofenkartoffeln in Olivenöl.«
»Ach ja?« Ich reichte ihr die Tüten.
»Ein Rezept von Moira. Ist das nicht großartig?«
Allerdings. Wenn ich meine eigenen Probleme mal außer Acht ließ, fiel mir schon sehr positiv auf, was für Fortschritte Whitney in dem Jahr, seit alles begann, gemacht hatte. Sie war zwar noch lange nicht gesund, hatte sich aber ganz offensichtlich wieder einmal verändert. Nur eben jetzt zum Positiven.
Es fing damit an, dass sie kochte. Nicht viel, nicht ständig. Aber unser gemeinsames Abendessen hatte so eine Art Ausgangspunkt für diese Entwicklung markiert. Offensichtlich fuhr diese Moira Bell ziemlich auf Biokost und schonende Garmethoden ab. Nachdem Whitney ihr von unseren Spaghetti mit Fertigsauce erzählt hatte, lieh sie ihr daher prompt ein paar Kochbücher. Das Essen meiner Mutter tendierte zu »herzhaft mit Sahne«: Aufläufe mit Pilzcreme oder Ähnlichem, schwere Saucen, viel Fleisch, Kartoffeln, Mehlprodukte. Whitneys kulinarische Vorlieben bewegten sich – wen wundert’s? – in eine völlig andere Richtung. Zunächst bestand ihr Beitrag darin, dass sie gelegentlich den Salat fürs Abendessen machte; in dem Fall ging sie eigens auf den Wochenmarkt und kam mit Gemüse beladen zurück, das sie in endloser Kleinarbeit schälte, schnibbelte, anrichtete. Ihre bevorzugte Salatsauce war Kräutervinaigrette. Sobald jemand von uns nach der Flasche mit Thousand Islands oder Farmer’s Dressing griff, erntete er oder sie mittlerweile einen strafenden Blick nach dem Motto: Lass es. An dem Abend, als meine Modenschau stattfand, machte Whitney für meine Eltern gegrillten Lachs mit Limonensauce. Und später, für unser Thanksgiving-Essen, gedünstete grüne Bohnen mit frischer Zitrone, um den köstlich-cremigen Auflauf mit frittierten Zwiebeln zu ersetzen – oder vielleicht eher zu verdrängen? –, den es sonst traditionell an diesem speziellen Feiertag gab. Meine Mutter war eine begnadete, aber spontane Köchin; eine von denen, die gefühlsmäßig vorgehen, ohne Messbecher und Waagen. Bei ihr gab es Prisen, Spritzer, eine Handvoll dies oder das. Whitney hingegen war beim Kochen die Genauigkeit in Person und ihr typischer Befehlston gehörte einfach dazu, egal, ob es nun um Salatsaucen ging oder darum, dass wir – ja doch, absolut – auch ohne Butter auf jeder Beilage auskommen konnten. Aber auch, wenn Whitneys pedantische Art manchmal nervte: Es war und blieb ein Fortschritt. Außerdem aßen wir alle seitdem besser, sprich gesünder. Ob wir wollten oder nicht.
Und sie schrieb. Ihre offizielle Lebensgeschichte hatte sie Ende Oktober fertig, doch seitdem blieb sie weiter dran. Saß häufig am Tisch im Esszimmer und bedeckte eine Seite nach der anderen mit ihrer ordentlichen Handschrift; oder rollte sich vor dem Kamin auf dem Teppich zusammen und kaute auf ihrem Stift rum. Bisher hatte sie mich nichts von dem, was sie da schrieb, lesen lassen. Andererseits hatte ich sie auch noch nicht darum gebeten. Doch die paar Mal, die ich ihren Schreibblock zufällig auf der Treppe oder dem Küchentisch entdeckte, geriet ich schon in Versuchung, schnell einen Blick draufzuwerfen. Mal schnell nachzusehen, was auf den eng beschriebenen Seiten stand. Aber ich ließ es dann doch. Schließlich hatte ich vollstes Verständnis dafür, wenn man etwas für sich behalten wollte.
Und dann war da noch das Ding mit den Kräutern. Echt irre und vielleicht die sensationellste Entwicklung überhaupt. Die Töpfe standen schon seit ein paar Monaten auf der Fensterbank, ohne dass sich irgendetwas tat. Doch dann, kurz vor Halloween, trieb der Rosmarin plötzlich. Zunächst nur ein dünner, grüner Schössling; aber in der nächsten Woche folgten die anderen Kräuter seinem Beispiel. Jeden Tag checkte Whitney die Feuchtigkeit der Erde mit den Fingern, drehte die Töpfe ein bisschen, sodass sie immer optimal im Licht standen. Früher hatte ich meine mittlere Schwester innerlich stets mit einer verschlossenen Tür verglichen, doch mittlerweile drängten sich mir, wenn ich sie beobachtete, ganz andere Bilder auf: Ihre Finger, die sich um ein Küchenmesser oder einen Stift schlossen; die Gießkanne in ihrer Hand, die Wasser über Pflanzen verteilte und ihnen so beim Wachsen half.
Kirsten hatte in der Zwischenzeit nicht nur die Vorführung ihres Films vor einem kritischen Publikum aus Professoren und Kommilitonen überlebt, sondern ging auch konkret als Siegerin aus der Aktion hervor: Sie gewann für ihren Kurzfilm nämlich den ersten Preis beim Uniwettbewerb. Ich hatte fest damit gerechnet, dass wir die frohe Botschaft durch eins ihrer Endlostelefonate erfahren würden, bei denen sie unerbittlich und assoziativ von Hölzchen auf Stöckchen kam, was ja sehr unterhaltsam sein konnte. Doch Pustekuchen – sie hinterließ lediglich eine Nachricht auf unserem Anrufbeantworter, berichtete knapp von ihrem Erfolg und wie sehr sie sich darüber freute. Das Ganze in unter zwei Minuten. Ein absoluter Rekord. Es war so ungewohnt, dass wir alle überzeugt waren, irgendetwas würde nicht stimmen. Doch als ich sie zurückrief, meinte sie bloß, es sei genau umgekehrt.
»Bei mir läuft alles super«, sagte sie mir. »Absolut wunderbar.«
»Ehrlich? Deine Nachricht war so furchtbar kurz.«
»Wirklich?«
»Im ersten Moment dachte ich, der Anrufbeantworter hätte dich aus der Leitung geschmissen.«
Kirsten seufzte. »Kam mir zwar nicht so vor, aber letztlich wundert es mich nicht, dass du das Gefühl hattest. Ich habe echt hart an mir gearbeitet, was meine Außenwirkung angeht. Also wie ich rüberkomme, wenn ich was sage.«
»Ach?«
»Ja.« Sie seufzte erneut. Ein glücklicher Seufzer. »Es ist einfach der Hammer, was ich in diesem Semester alles gelernt habe. Ich meine, durchs Filmedrehen und das Seminar bei Brian kriege ich total viel über die wahre Bedeutung von Kommunikation mit. Hat mir echt die Augen geöffnet.«
Ich rechnete fest damit, dass sie das genauer erklären würde. Besonders das mit Brian. Tat sie aber nicht. Meinte bloß noch, sie habe mich lieb, müsse sich jetzt leider beeilen und ich werde sie ja bald wiedersehen. Wir legten auf. Nach weniger als vier Minuten.
Kirsten mochte die Kunst der Kommunikation für sich entdeckt – und gemeistert – haben. Ich hingegen scheiterte kläglich. Nicht nur bei Owen, sondern auch bei meiner Mutter. Denn aus irgendeinem bescheuerten Grund ließ ich mich in dem ganz alltäglichen Trubel breitschlagen, einen weiteren Werbespot fürs Kaufhaus Kopf zu drehen.
Und zwar geschah das am Ende derselben Woche, in der ich erfuhr, dass Emily Will angezeigt hatte. Als ich an jenem Freitag von der Schule heimkam, erwartete mich meine Mutter bereits an der Haustür.
»Rate mal, was passiert ist!« Ich war noch nicht einmal über die Schwelle getreten. »Lindy hat gerade angerufen. Die Leute vom Kaufhaus Kopf haben sie gestern Morgen kontaktiert. Sie wollen dich für ihre nächste Frühjahrswerbung engagieren.«
»Was?«
»Anscheinend waren sie sehr angetan vom Erfolg der Herbstkampagne. Obwohl ich sagen muss, die kurze Begegnung mit dem Mann aus der Marketingabteilung letzte Woche nach der Modenschau hat sicher auch nicht geschadet. Gedreht wird im Januar, aber sie wollen schon im Dezember einen Termin für eine erste Anprobe mit dir machen. Ist das nicht großartig?«
Großartig, dachte ich. In Wahrheit stellte es sich für mich so dar: Noch vor wenigen Monaten hätte ich das Angebot als total aufregend empfunden. Und noch vor wenigen Wochen möglicherweise die Kurve gekriegt abzulehnen. Doch jetzt, in der Gegenwart, stand ich einfach bloß da und schaffte es kaum, vage zu nicken.
»Ich habe Lindy versprochen, ich würde sie anrufen, sobald ich dir Bescheid gesagt hätte.« Meine Mutter ging in die Küche, griff nach dem Telefonhörer. Während sie wählte, fügte sie hinzu: »Nach allem, was Lindy erzählt hat, ist die Anzeigenkampagne für die Herbstmode speziell bei jüngeren Mädchen wohl richtig gut angekommen. Und genau das hat auch die Leute vom Kaufhaus Kopf letztlich von dir als ihrem idealen Model überzeugt. Du bist ein Vorbild, Annabel! Ist das nicht toll?«
Ich dachte an Mallorys Zimmer, tapeziert mit Computerausdrucken des »Mädchens, das alles hat«. An Mallorys Gesicht, wie sie in die Kamera blickte und die Federn ihrer Boa das Foto bis zu den Rändern ausfüllten.
»Ich bin kein Vorbild.«
»Natürlich bist du das«, erwiderte meine Mutter unbekümmert. Wandte sich zu mir um, lächelte mich erneut an, hielt den Hörer an ihr anderes Ohr. »Du kannst auf so vieles stolz sein, mein Schatz. Wirklich. Ich meine … – Lindy? – Hi, ich bin’s, Grace. Ich habe schon mal versucht durchzuklingeln, ohne Erfolg. Ist deine Assistentin gerade weg? – Immer noch? Wie lästig. – Ja, ich habe es Annabel gerade erzählt. Sie ist begeistert …«
Begeistert, dachte ich. Nicht ganz. Und auch kein Vorbild. Wobei das alles im Grunde keine Rolle mehr spielte. Solange andere Menschen fanden, dass ich all das war – etwas anderes zählte ohnehin nicht mehr.
Oktober ging in November über, Dezember kam, ohne dass ich es überhaupt richtig merkte. Die Tage wurden kürzer und kälter, plötzlich dudelte Weihnachtsmusik im Radio und aus Kaufhauslautsprechern. Ich ging zur Schule, ich lernte, ich ging wieder heim. Selbst wenn meine Mitschüler versuchten, ein Gespräch mit mir anzufangen, gab ich kaum eine Antwort. Ich hatte mich so sehr an die Isolation gewöhnt, dass es mir so fast lieber war. An den Wochenenden erkundigten sich meine Eltern zunächst noch neugierig, warum ich nie ausging oder sonstige Pläne hatte. Aber nachdem ich ihnen ein paar Mal erklärt hatte, ich sei nach dem Modeln und der Schule und den Hausaufgaben einfach zu kaputt, hörten sie auf zu fragen.
Und doch kriegte ich durchaus mit, was um mich herum geschah. Ich hörte gerüchteweise, Wills Prozess sei angesetzt worden, und dass einige der Mädchen von der Perkins Day wohl als Zeuginnen aussagen würden, weil sie ähnliche Geschichten mit ihm erlebt hatten wie Emily. Sie schien ganz gut drauf zu sein. Jedenfalls verkroch sie sich nicht. Ich traf sie eigentlich dauernd, auf den Fluren, auf dem Schulhof oder wenn sie auf dem Parkplatz abhing, und sie war nie allein, sondern stets von diversen Freundinnen umgeben. Etwa eine Woche zuvor hatte ich beobachtet, wie sie auf dem Flur zwischen den Klassenräumen vor ihrem Spind stand und sich köstlich über etwas amüsierte. Ihre Wangen waren gerötet, beim Lachen hielt sie sich die Hand vor den Mund. Nur ein Augenblick, eine Momentaufnahme, nichts Bedeutendes, aber aus irgendeinem Grund hing mir dieses Bild von ihr den ganzen restlichen Tag über und sogar noch am nächsten nach.
Bei Sophie lief es allem Anschein nach weniger gut. Wenn ich sie überhaupt einmal zu Gesicht bekam, war sie normalerweise allein, und während der Mittagspause verließ sie nun fast jeden Tag das Schulgelände, wurde an einem bestimmten Treffpunkt von jemandem mit einem schwarzen Auto abgeholt. Will war es allerdings nicht. Ob sie wohl immer noch zusammen waren? Da ich nichts Gegenteiliges gehört hatte, nahm ich es an.
Seit Schuljahrsbeginn schien eine Ewigkeit vergangen zu sein. Und damit war es auch eine Ewigkeit her, dass ich Angst vor Sophie gehabt hatte. Wenn ich sie jetzt sah, war ich eigentlich bloß noch müde und traurig, über uns beide. Nur wenn Owen mir ab und an zufällig über den Weg lief, verspürte ich einen Stich und so etwas wie Einsamkeit. Obwohl wir nicht mehr miteinander redeten, hörte ich noch zu – auf meine Art.
Allerdings nicht mehr bei seiner Radiosendung, obwohl ich nach wie vor jeden Sonntagmorgen Schlag sieben wach wurde. Als hätte ich eine innere Uhr. Eine äußerst bescheuerte Angewohnheit, die ich jedoch aus irgendeinem Grund nicht ablegen konnte. Noch schwerer war es, die Musik selbst loszuwerden. Nicht nur seine Musik – Musik überhaupt.
Ich bin mir nicht sicher, wann genau es anfing, aber irgendwann merkte ich, dass mir sofort auffiel, wenn es still war. Wohin ich auch ging: Ich brauchte immer Geräusche um mich herum. Im Wagen drehte ich sofort die Anlage an; in meinem Zimmer drückte ich gleich nach dem Lichtschalter auf die Starttaste meines CD-Spielers. Sogar in der Schule oder wenn ich mit meinen Eltern am Tisch saß, holte ich mir ein Lied in den Kopf, das sich in Endlosschleife wiederholte. Brauchte das. Ich erinnerte mich daran, wie Owen mir erzählt hatte, dass Musik ihn in Phoenix, mit seinen Eltern, gerettet hatte, indem sie alles andere übertönte. Mir erging es jetzt ähnlich. Solange ich etwas zum Zuhören hatte, gelang es mir, Dinge, an die ich nicht denken wollte, auszublenden, ja, sogar komplett zu verdrängen.
Dafür war allerdings ganz schön viel Musik nötig; entsprechend hatte ich schon nach wenigen Wochen meine sämtlichen CDs mehrfach hintereinander durchgehört. Nur aus dem Grund war ich auch an irgendeinem Samstagabend schwach geworden und kramte den Stapel CDs hervor, die Owen mir gebrannt hatte. Wahrlich schlechte Zeiten, dachte ich, öffnete die Hülle mit PROTESTSONGS und schob sie ein.
Sie gefielen mir immer noch nicht. Einige der Lieder waren einfach zu schräg, andere verstand ich schlicht nicht. Aber eine Sache verblüffte mich doch: Ich war fest davon ausgegangen, es würde sich komisch anfühlen, Owens Musik zu hören. Stattdessen empfand ich es als überraschend angenehm. Irgendwie war es ein tröstliches, schönes Gefühl, sich ihn dabei vorzustellen, wie er die Lieder für mich aussuchte, sorgfältig ordnete und dabei hoffte, ich würde dadurch erleuchtet. Immerhin bewiesen diese CDs, dass wir einmal Freunde gewesen waren. Wenn schon sonst nichts.
In den vergangenen Wochen hatte ich mich daher durch Owens CDs gearbeitet. Nahm mir ein Lied nach dem anderen vor, hörte jeden einzelnen Track jeder einzelnen CD so oft, bis ich die Songs auswendig kannte. Jedes Mal, wenn ich mit einer CD durch war, überfiel mich eine gewisse Wehmut, weil mein Vorrat unaufhaltsam dahinschwand und irgendwann auch mit diesem Prozess Schluss sein würde. Deshalb nahm ich mir vor, die CD mit dem Titel JUST LISTEN so aufzuheben. Ohne sie mir angehört zu haben. Sie erschien mir extrem geheimnisvoll, das totale Mysterium, genau wie Owen früher. Ein Rätsel, das möglicherweise ohnehin besser ungelöst blieb, dachte ich zuweilen. Trotzdem holte ich JUST LISTEN gelegentlich hervor, hielt die CD eine Zeit lang einfach nur in der Hand, bevor ich sie wieder zuunterst in den Stapel steckte und bis zum nächsten Mal dort liegen ließ.
Als meine Mutter und ich wieder auf den Parkplatz des Supermarkts traten, stellte ich erstaunt fest, dass es schneite. Die Flocken waren von der dicken, fetten Sorte, zu schön, um irgendwo zu haften oder liegen zu bleiben. Aber wir hielten beide einen Moment lang schweigend inne und sahen ihnen entgegen, während sie lautlos vom Himmel fielen. Als wir aus der Parkbucht fuhren, fielen die Flocken schon langsamer; einige wurden vom Wind mitgetragen und verwirbelt, sodass sich kleine Schneekreise in der Luft bildeten. Wir blieben an einer Ampel stehen. Meine Mutter stellte die Scheibenwischer an. Wir beobachteten, wie die Flocken auf die Windschutzscheibe auftrafen.
»Wunderschön, nicht wahr?«, sagte sie. »Schnee lässt alles immer so frisch und neu aussehen. Findest du nicht?«
Ich nickte. Die Ampel war langsam geschaltet, die rote Phase dehnte sich endlos. Obwohl es gerade mal fünf war, wurde es bereits dunkel. Meine Mutter warf mir einen Blick zu, lächelte, stellte das Radio an. Sie betätigte den Lautstärkeregler. Auf einmal war der Wagen von klassischer Musik erfüllt. Ich drehte den Kopf zur Seite. Die Fensterscheibe drückte kalt gegen meine Wange, die hübschen Flocken fielen immer noch. Ich schloss die Augen.