»Okay, Mädels, Ruhe bitte. Alle mal herhören. Wir fangen jetzt an, also achtet bitte darauf, wenn euer Name aufgerufen wird …«
Seit ich fünfzehn war, hatte ich für Lakeview Models gearbeitet. Jeden Sommer wurden durch eine Art Wettbewerb sechzehn Mädchen ausgewählt, die bei Promotion-Events in der Mall mitmachen sollten. Da musste man dann zum Beispiel beim Pinewood Derby neben den jüngsten Pfadfindern posieren oder auf dem alljährlichen Herbstfest der Gemeinde Luftballons im Streichelzoo verteilen. Die Models tauchten auch in Werbebeilagen auf, beteiligten sich an Modeschauen und waren im Lakeview Mall-Kalender abgebildet, der jedes Jahr zusammen mit dem neuen Telefonbuch verteilt wurde. Genau dieses Shooting stand heute auf dem Programm. Wir hätten schon am Vortag damit fertig sein sollen, aber der Fotograf arbeitete extrem langsam, deshalb waren wir am heutigen Sonntagnachmittag noch einmal einbestellt worden, damit er das Projekt glücklich zu Ende bringen konnte.
Gähnend hockte ich mich auf den Boden und lehnte mich mit dem Rücken an eine riesige Topfpflanze, die hinter mir stand. Sah mich im Raum um. Die neueren Mädels steckten in einer Ecke die Köpfe zusammen und schnatterten viel zu laut, während sich ein paar andere, die ich aus den vorangegangenen Jahren kannte, gerade über eine Party ausließen. Die beiden einzigen Mädchen, die bereits ins letzte Schuljahr gingen, hatten sich von den anderen abgesondert. Die eine hatte die Augen geschlossen und den Kopf in den Nacken gelegt; die andere blätterte in einem Pauk-Buch für die College-Aufnahmeprüfungen. Und schließlich war da noch Emily Shuster, die – ebenfalls allein – auf der anderen Seite des Raums saß, mir gegenüber.
Ich hatte Emily beim letztjährigen Kalender-Shooting kennengelernt. Sie war ein Jahr jünger als ich und damals gerade neu in die Stadt gezogen. Sie kannte niemanden, und während alle noch wartend herumstanden, kam sie auf mich zu und setzte sich neben mich. Wir fingen an zu schwatzen und plötzlich waren wir Freundinnen.
Emily war – mit einem Wort – süß: kurze, rote Haare, ein herzförmiges Gesicht. Ich schlug ihr eher beiläufig vor, abends nach dem Shooting mit Sophie und mir wegzugehen. Sie war wie elektrisiert. Als wir bei ihr zu Hause vorfuhren, stand sie bereits vor der Tür und wartete auf uns. Ihre Wangen waren von der kühlen Abendluft ganz rosig; offenbar hatte sie schon eine ganze Weile dort draußen gestanden.
Sophie war weniger begeistert. Im Klartext: Sie hatte Probleme im Umgang mit Mädchen, besonders, wenn es hübsche Mädchen waren. Dabei war sie selbst superattraktiv. Immer, wenn ich für Lakeview Models arbeitete oder sonst einen dicken Job ergatterte, bekam sie schlechte Laune. Im Laufe der Zeit hatte ich noch mehr Eigenschaften an ihr entdeckt, die mich leicht bis ziemlich nervös machten. Zum Beispiel, wie sie mich zuweilen anblaffte, und so tat, als wäre ich geistig etwas zurückgeblieben. Oder dass sie oft nur dann nett zu Leuten war, wenn sie sich einen Vorteil davon versprach oder sonst aus irgendeinem Grund. Und gelegentlich war sie sogar nicht einmal dann nett. Meine Freundschaft mit Sophie war, ehrlich gesagt, ziemlich kompliziert. Ab und an fragte ich mich selbst, warum sie eigentlich meine beste Freundin war. Denn mehr als einmal traute ich mich in ihrer Gegenwart nur auf Zehenspitzen zu gehen oder musste bewusst weghören, wenn sie eine ihrer spitzen Bemerkungen losließ. Aber dann erinnerte ich mich immer wieder daran, wie sehr mein Leben sich verändert hatte, seit wir befreundet waren. Nach der Nacht mit Chris Pennington war so viel passiert, das ich sonst niemals erlebt hätte. Außerdem hatte ich, genau genommen, außer Sophie sowieso keine anderen Freunde mehr. Auch dafür sorgte sie.
An dem Abend, nachdem ich Emily kennengelernt hatte, gingen wir auf eine Party ins A-Frame, ein Haus, das so genannt wurde, weil es die Form eines großen As hatte, etwas außerhalb der Stadt. Ein paar Jungs hatten es angemietet, die sich aus ihrer gemeinsamen Zeit an der Perkins Day Private School kannten beziehungsweise noch dort hingingen. Sie hatten eine Band namens Day After gegründet und blieben zum Teil auch nach ihrem Schulabschluss in der Gegend, spielten in diversen Clubs und versuchten, einen Plattenvertrag zu ergattern. In der Zwischenzeit veranstalteten sie fast jedes Wochenende Partys, bei denen sich sowohl Schüler der diversen Highschools unserer Stadt als auch die verschiedensten anderen Leute trafen, die in der Gegend wohnten.
Als wir drei an dem Abend auf der Party eintrudelten, fiel mir sofort auf, wie die Leute Emily anstarrten. Klar, sie war hübsch, sogar sehr hübsch. Aber es lag nicht nur daran. Mit Sophie und mir zusammen aufzutauchen – speziell mit Sophie, die nicht nur an unserer Highschool, sondern auch an der Perkins Day bekannt war wie ein bunter Hund –, verwandelte Emily auf Anhieb von der Newcomerin, für die sich kein Mensch interessierte, zu jemandem, den man unbedingt näher kennenlernen musste. Wir hatten noch nicht einmal die Hälfte der Strecke zum Bierfass geschafft, als Greg Nichols, ein notorisch dreister Typ aus dem Jahrgang über uns, pfeilgerade auf uns zusteuerte.
»Hey Leute, was geht?«, fragte er.
»Verschwinde, Greg«, warf Sophie ihm über die Schulter hinweg zu. »Kein Interesse.«
»Sprich für dich selbst.« Er ließ sich nicht abschrecken. »Wie heißt deine Freundin?«
Sophie schüttelte bloß entnervt den Kopf.
Ich ging dazwischen: »Äh, mh, das ist Emily.«
»Hi«, sagte Emily und wurde rot.
»Aber hallo! Emily«, erwiderte Greg. »Kann ich dir ein Bier besorgen?«
»Okay.« Als er sich im Weggehen noch einmal nach ihr umdrehte, wandte Emily sich mit großen Augen an mich. »Wahnsinn, ist der süß!«
»Nein. Ist er nicht«, stellte Sophie fest. »Und er hat dich auch bloß angequatscht, weil er alle anderen hier bereits vergeblich angebaggert hat.«
Emily machte ein langes Gesicht. »Ach so.«
»Sophie«, sagte ich. »Echt!«
»Was?«, entgegnete sie, während sie sich einen Fussel vom Pullover zupfte und die Anwesenden taxierte. »Stimmt doch, oder etwa nicht?«
Vielleicht stimmte es sogar. Was allerdings noch lang nicht hieß, dass sie es auch so unverblümt aussprechen musste. Doch so etwas war typisch Sophie. Sie ging felsenfest davon aus, jeder hätte seinen Platz und es wäre ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass man diesen Platz auch kannte. So war sie mit Clarke umgesprungen. Mit mir. Und jetzt war Emily an der Reihe. Aber während ich all die Jahre zuvor immer nur danebengestanden und zugeschaut hatte, spürte ich, dass ich dieses Mal eingreifen musste. Und sei es, weil Emily letztlich nur meinetwegen mitgekommen war. »Auf geht’s«, meinte ich deshalb zu ihr. »Wir holen uns ein Bier. Willst du auch eins, Sophie?«
»Nein«, antwortete sie knapp und wandte sich von mir ab.
Als ich endlich mein Bier in der Hand hielt und mich aufmachte, um sie zu suchen, war sie verschwunden. Sie ist angepisst, dachte ich. Ist ja nichts Neues. Das haben wir gleich, kein Thema. Aber dann tauchte wieder dieser unverschämte Greg Nichols auf; ich wollte Emily nicht mit ihm allein lassen. Wir brauchten zwanzig Minuten, um uns loszueisen. Schließlich ließ ich Emily bei einigen Mädchen, die sie außer mir auch schon kannte, und marschierte los, um Sophie zu suchen. Ich fand sie auf der hinteren Veranda, allein. Sie rauchte.
»Hey du.«
Sie ignorierte mich.
Ich nippte an meinem Bier und blickte über den Swimmingpool, der unterhalb der Veranda lag. Er war leer, mit Laub bedeckt, und auf dem Boden des Beckens stand eine einsame Sonnenliege.
»Wo ist deine Freundin?«, fragte Sophie.
»Sophie, komm schon.«
»Was? War doch nur eine Frage.«
»Sie ist drinnen«, antwortete ich. »Und sie ist auch deine Freundin.«
»Nein.« Sie schnaubte. »Ist sie nicht.«
»Warum kannst du sie nicht leiden?«
»Sie geht gerade mal in die Neunte, Annabel. Und sie ist …« Sophie unterbrach sich und zog an ihrer Zigarette. »Hör zu, wenn du weiter mit ihr abhängen willst, tu das. Ich habe keinen Bock.«
»Warum nicht?«
»Ich will einfach nicht.« Sie drehte sich um und sah mich an. »Und? Wir sind nicht an den Hüften zusammengewachsen wie siamesische Zwillinge. Du musst nicht alles machen, was ich mache.«
»Weiß ich.«
»Ach ja?« Sie atmete aus. Eine Rauchsäule baute sich zwischen uns auf. »Mal ganz ehrlich: Du hast noch nie etwas ohne mich unternommen. Seit wir miteinander um die Häuser ziehen, bin ich diejenige, die Jungs klarmacht. Die über jede Party Bescheid weiß, wo, was, wann, wie. Bevor du mich getroffen hast, hast du bloß in der Gegend rumgehockt und Cla-atschi Rebbolds ihre Tempotaschentücher gereicht.«
Ich nippte erneut an meinem Bierbecher. Ich konnte es nicht ausstehen, wenn Sophie so drauf war, so fies und scharf und verletzend. Und wenn ich überdies dumpf ahnte, dass sie meinetwegen so drauf war, konnte ich es noch weniger ausstehen. Denn offensichtlich war es tatsächlich meine Schuld. »Ich habe Emily nur vorgeschlagen mitzukommen, weil sie hier in der Gegend noch niemanden kennt.«
»Sie kennt dich. Und jetzt auch noch Greg Nichols.«
»Ich mache keine Witze«, meinte Sophie. »Ich sage es nur, wie es ist. Ich kann sie nicht leiden. Wenn du mit ihr abhängen willst, von mir aus. Ich bin nicht interessiert.« Sie warf die Kippe auf den Boden, zertrat sie mit dem Absatz ihres Stiefels, wandte sich brüsk ab und ging ins Haus.
Mir war unbehaglich zumute, als ich sie so abrauschen sah. Es beunruhigte mich irgendwie. Vielleicht hatte sie ja recht und ich war wirklich ein Nichts ohne sie? Etwas in mir wusste, dass das nicht stimmte. Trotzdem war da dieser Zweifel und er nagte an mir. Wie ein Splitter dicht unter der Haut, spür-, aber nicht greifbar. Für Sophie gab es nur ganz oder gar nicht. Entweder du warst für sie – genauer gesagt, du gehörtest zu ihrem Gefolge – oder gegen sie. Dazwischen: nichts. Ihre Freundin zu sein, war deshalb nicht einfach. Aber sie gegen sich zu haben, wäre noch viel, viel schwerer.
Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr und merkte, dass Emily schon bald zu Hause sein musste. Deshalb lief ich los, um sie zu suchen, bahnte mir meinen Weg durch die Party, bis ich sie schließlich entdeckte. Sie unterhielt sich gerade mit einem Mädchen, das auch mit uns modelte. Ich blieb eine Weile bei den beiden stehen, damit Sophie sich beruhigen konnte. Bis wir endgültig gehen mussten, hatte sich ihre schlechte Laune hoffentlich verzogen.
Doch als ich mich erneut nach ihr umschaute, war sie auch dieses Mal wie vom Erdboden verschwunden, befand sich weder draußen auf der Veranda noch in der Küche. Schließlich entdecke ich sie am Ende des Flurs, wo sie gerade eine Tür öffnete. Sie sah mich zwar, wandte sich aber sofort wieder ab und verschwand in dem Zimmer hinter besagter Tür. Ich atmete tief durch, ging hin und klopfte zweimal.
»Sophie. Wir müssen los.«
Keine Antwort. Ich seufzte, verschränkte die Arme vor der Brust, trat näher an die Tür heran. »Ich weiß, du bist sauer auf mich. Aber jetzt lass uns gehen. Wir können später darüber reden, okay?«
Wieder nichts. Ich sah erneut auf meine Uhr. Wenn wir nicht sofort losfuhren, würde Emily zu spät heimkommen. »Sophie!« Ich griff nach dem Türknauf. Nicht abgeschlossen. Ich drehte ihn, stieß die Tür ganz auf, wollte gerade eintreten. »Also …«
Ich verstummte und blieb wie angewurzelt stehen. Von der halb geöffneten Tür her starrte ich zu Sophie hinüber, die an der entgegengesetzten Wand lehnte. Ein Typ, dessen Gesicht ich nicht erkennen konnte, weil er den Kopf gesenkt hielt, presste seinen Körper gegen ihren. Eine Hand war unter ihr T-Shirt gewandert, die andere glitt an ihrem Oberschenkel hinunter. Seine Lippen berührten ihren Hals. Als ich unwillkürlich zurückwich, wandte er sich um und sah mich an. Will Cash.
»Wir sind beschäftigt«, sagte er mit leiser Stimme. Seine Augen waren rot umrändert, seine Lippen nur wenige Millimeter von Sophies Schulter entfernt.
»Ich … tut mir leid«, stotterte ich.
»Fahr nach Hause, Annabel.« Sophies Hände glitten hinauf zu seinem Haar, ihre Finger strichen über seinen Haaransatz nahe seinem Kragen. »Fahr einfach nach Hause.«
Ich trat einen Schritt zurück, schloss die Tür. Stand einfach nur da, dort im Flur. Will Cash gehörte zu den Typen von der Perkins Day, die besagte Band, Day After, gegründet hatten. Er spielte Gitarre und ging dieses Jahr in die letzte Klasse. Er sah gut aus. Verdammt gut. Eines dieser männlichen Wesen, die man gar nicht übersehen kann. Aber gleichzeitig hatte er den Ruf, ein ziemlicher Mistkerl zu sein. Und dass sein Verschleiß an Frauen ziemlich groß wäre. Dauernd hatte er ein neues Girl am Start, jedoch nie für lange. Normalerweise stand Sophie eher auf athletische, gepflegte, straighte Typen, konnte Kerle, die keiner Norm entsprachen oder sich auch nur im Ansatz in der alternativen Szene tummelten, nicht ab. Doch ganz offensichtlich machte sie gerade eine Ausnahme. Zumindest vorübergehend.
Ich versuchte in dieser Nacht noch mehrmals, sie anzurufen. Aber sie ging nie ans Telefon. Am nächsten Tag, so gegen Mittag, als sie endlich bei mir anrief, erwähnte sie Emily mit keiner Silbe. Und auch nicht, was zwischen uns passiert war. Das Einzige, worüber sie reden wollte, war: Will Cash.
»Der Typ ist der helle Wahnsinn.« Doch bevor sie »Wahnsinn« näher definieren konnte, verkündete sie bereits, sie komme mal eben vorbei. Als ob das Thema in einem schnöden Telefonat nicht ausreichend oder gar zufriedenstellend erörtert werden könnte. Kurze Zeit später saß sie auf meinem Bett und blätterte in einer alten Ausgabe der Vogue. »Will kennt jeden, weiß alles, spielt Gitarre zum Niederknien und ist sooo sexy. Ich hätte ihn die ganze Nacht küssen können.«
»Du sahst sehr glücklich aus.«
»Das war ich. Das bin ich.« Sie blätterte eine Seite um und beugte sich vor, um eine Schuhanzeige eingehender betrachten zu können. »Er ist genau das, was ich momentan brauche.«
»Du willst« – unwillkürlich ging mir Wills Ruf als Schürzenjäger durch den Kopf – »dich also wieder mit ihm treffen?«
»Logo«, erwiderte sie in einem Ton, als wäre die Frage total bescheuert. »Heute Abend. Die Band spielt im Bendo.«
»Bendo?«
Seufzend strich Sophie sich die Haare aus dem Gesicht, hob sie mit einer Hand im Nacken hoch. »Ein Club drüben in Finley. Komm schon, Annabel, es kann nicht sein, dass du noch nie was vom Bendo gehört hast?«
Hatte ich zwar tatsächlich nicht, aber: »Ja, stimmt, natürlich, das Bendo«, antwortete ich.
»Sie fangen um zehn an zu spielen.« Sophie blätterte eine Seite weiter. »Komm doch mit, wenn du magst.« Sie blickte mich nicht an, während sie das sagte, und ihre Stimme war leise, fast tonlos.
»Geht nicht, leider«, antwortete ich. »Muss morgen früh raus.«
»Wie du willst«, meinte Sophie.
Ich blieb in jener Nacht also zu Hause, während Sophie ins Bendo ging, um sich die Band anzuhören. Später erfuhr ich, dass sie anschließend mit Will ins A-Frame gefahren war und mit ihm geschlafen hatte. Trotz ihrer angeberischen Art und der Reden, die sie immer schwang, war es ihr erstes Mal. Und von da an interessierte sie sich für nichts mehr außer für Will.
Mir fiel es schwer nachzuvollziehen, was an ihm so anziehend sein sollte. Sophie verkündete zwar dauernd, er sei süß und witzig und scharf und clever (und noch ungefähr eine Million weiterer Adjektive). Doch wenn ich Will von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, kam mir kein einziges dieser Worte in den Sinn. Klar, Will sah gut aus und jeder riss sich darum, mit ihm abzuhängen, aber er war irgendwie schwer zu durchschauen. Unzugänglich. Er gehörte zu den Typen, die so attraktiv sind, dass man sich nur an sie rantraut, wenn sie einem herzlich und offen begegnen. Sonst hat man immer das Gefühl, sie seien eigentlich unnahbar. Doch Will wirkte weder herzlich noch offen, sondern reserviert und gleichzeitig geradezu beängstigend intensiv. Immer, wenn ich mich mit ihm unterhielt – zum Beispiel im Auto, weil Sophie gerade in die Tanke gerannt war, um zu bezahlen, oder auf einer Party, während wir uns beide suchend nach ihr umschauten –, war ich nervös. Und mir fast schmerzlich dessen bewusst, wie er mich anstarrte, oder – offenbar mit voller Absicht – lange Momente angespannten Schweigens zwischen uns zuließ.
Noch schlimmer aber war: Will schien zu wissen, dass er mich verunsicherte. Er schien es sogar regelrecht zu genießen. Normalerweise versuchte ich, meine Befangenheit zu überspielen, indem ich zu viel oder zu laut redete. Oder beides gleichzeitig. Will blickte dann einfach stur geradeaus, und sein Gesicht wirkte völlig ausdruckslos, während ich wieder einmal hilf- und endlos vor mich hin plapperte, bis ich irgendwann, endlich, die Kurve kriegte und die Klappe hielt. Ich war mir absolut sicher, dass er mich für absolut dämlich hielt. Was ich in seiner Gegenwart von mir gab, war auch dämlich, wie bei einem kleinen Mädchen, das sich zu sehr anstrengt, um Eindruck zu schinden. Ich versuchte jedenfalls ihm so oft und gut wie möglich aus dem Weg zu gehen, auch wenn das leider nicht immer funktionierte.
Andere Mädchen jedoch schienen dieses Problem nicht zu haben; entsprechend konnte er sich vor Angeboten kaum retten. Doch mit Will zusammen zu sein, war eine Art Fulltimejob, sogar für jemanden, der so clever, erfolgsgewohnt und energiegeladen war wie Sophie. Von Anfang an schwirrten eine Menge Gerüchte über die beiden durch die Gegend. Will kannte offenbar überall jeden. Vor allem jede. Außerdem gingen die beiden auf verschiedene Schulen, was bedeutete, dass die Geschichten, die man sich über ihn erzählte – er könne seine Hände noch weniger bei sich behalten als seine Augen, zum Beispiel – bereits mehrere Runden durch die Tratschkanäle hinter sich hatten, ehe sie zu uns drangen. Dieser Stille-Post-Effekt erschwerte es zu unterscheiden, was stimmte und was nicht. Darüber hinaus gab es da noch den Wusstest-du-dass-ich-in-einer-Band -spiele-Faktor. Um ehrlich zu sein, hatte Sophie sich mit Will eine ganz schön schwere Aufgabe aufgehalst; bald entwickelte sich ein immer wiederkehrendes Muster, das ihre Beziehung definierte: Will trieb irgendetwas mit irgendeinem Mädchen – Gerüchte kamen auf – Sophie heftete sich erst jenem Mädchen an die Fersen – anschließend Will – sie stritten sich – machten Schluss – versöhnten sich wieder. Und so weiter und so fort.
»Ich kapiere nicht, wie du das erträgst«, meinte ich einmal, als wir mitten in der Nacht viel zu schnell durch ein uns vollkommen unbekanntes Viertel fuhren und einmal mehr nach dem Haus eines Mädchens Ausschau hielten, von dem sie gehört hatte, es hätte angeblich mit Will geflirtet.
»Natürlich nicht«, erwiderte Sophie schnippisch und überfuhr ein Stoppschild, bevor sie das Steuer herumriss und scharf nach rechts abbog. »Du warst auch noch nie wirklich verliebt, Annabel.«
Worauf ich schwieg. Was sollte ich dazu auch sagen? Es stimmte im Prinzip. Ich war zwar schon mit ein paar Jungs ausgegangen, aber etwas Ernstes hatte sich daraus nie entwickelt. Aber war das echt so schlimm? Dass ich das Gefühl bisher verpasst hatte? Diese Frage stellte ich mir ernsthaft, während wir mit quietschenden Reifen um die nächste Kurve bretterten, Sophie sich quer über mich lehnte und dabei mit hochrotem Gesicht aufgeregt die Hausnummern musterte. Falls das tatsächlich Liebe war – wollte ich das überhaupt erleben?
»Will könnte jede haben, die er will«, sagte Sophie und fuhr etwas langsamer an einer Reihe von Häusern auf der linken Seite vorbei. »Aber er hat sich mich ausgesucht. Er ist mit mir zusammen. Das lasse ich mir nicht von so einer Zicke kaputt machen.«
»Sie haben bloß miteinander geredet«, sagte ich. »Oder? Das hat doch echt nichts weiter zu bedeuten.«
»Nur geredet? Allein, auf einer Party, in einem Raum, in dem sonst niemand war – das ist nicht bloß Reden!«, entgegnete sie schroff. »Denn wenn du weißt, dass der Kerl, mit dem du redest, eine Freundin hat – besonders, wenn ich diese Freundin bin –, lässt du die Finger von ihm und machst nichts, das man missverstehen könnte. In so einem Fall hat man die Wahl, Annabel. Es ist allein deine Sache, was du tust, wie du dich entscheidest. Und sofern man sich falsch entscheidest und das Ganze ein Nachspiel hat, muss man sich leider an die eigene Nase fassen.«
Ich lehnte mich in meinem Sitz zurück und sagte nichts, während sie vor einem kleinen weißen Haus anhielt. Das Licht über der Eingangstür brannte. Ein roter Polo mit einem Aufkleber der Perkins Day-Hockeymannschaft an der hinteren Stoßstange stand in der Auffahrt. Wenn ich mehr Mumm gehabt hätte – oder sehr dumm gewesen wäre –, hätte ich in dem Moment vielleicht darauf hinweisen können, sollen, müssen, es sei schlichtweg unmöglich, dass sämtliche Mädels in der Stadt es ausschließlich darauf abgesehen hätten, Sophies Beziehung mit Will zu sabotieren. Und dass Will an den Gerüchten kaum ganz unschuldig sein konnte. Aber dann fiel mein Blick auf ihr Gesicht, und etwas in ihrem Ausdruck erinnerte mich an jenen Tag im Schwimmbad vor vielen Jahren, als sie aus dem Nichts aufgetaucht war und sich sofort auf Kirsten als potenzielle beste Freundin fixiert hatte. Wobei es gar keine Rolle spielte, dass meine Schwester sie ignorierte oder sogar ausgesprochen unhöflich zu ihr war. Wenn Sophie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann wollte sie es. Punkt. Außerdem – trotz des ganzen Tamtams, der Dramen und endlosen Streitereien: Seit sie mit Will zusammen war, wurde sie mehr beneidet als je zuvor. Sie musste sich nicht mehr mit den angesagtesten Mädchen umgeben. Sie war das angesagteste Mädchen. Ich fragte mich, ob ihr Verhältnis zu Will letztlich nicht auf ähnlichen Voraussetzungen beruhte wie meins zu ihr: Befreundet zu sein, war schwierig und kompliziert. Ohneeinander wäre das Leben jedoch noch viel, viel schwieriger und komplizierter.
Deshalb blieb ich stumm im Wagen sitzen, während sie ausstieg, sich duckte, damit man sie ihm hellen Lichtschein von der Haustür her nicht entdeckte, und zu dem Polo in der Auffahrt lief. Ich wollte wegsehen, als sie entschlossen ihren Schlüssel in die Hand nahm und auf der lackglatten, glänzend roten Wagentür in großen Buchstaben unmissverständlich hinterließ, was die Besitzerin des Autos für sie jetzt war. Aber ich sah nicht weg, sondern zu. Wie immer. Erst als Sophie wieder auf mich in ihrem Auto zulief, als ich bereits zur Mittäterin geworden war, wandte ich mich ab.
Und jetzt? In der Gegenwart? Wieder einmal hatte die typische Ironie des Schicksals zugeschlagen: Obwohl ich Will und Sophie so oft bei ihrem privaten Drama beobachtet hatte, dass ich schon vorher wusste, was als Nächstes passieren würde, wurde ich am Ende kalt erwischt, als ich auf einmal feststellen musste: Ich war selbst ein Teil davon geworden. Eine Nacht, eine falsche Bewegung – und prompt war Sophie hinter mir her. Ich war mittlerweile die Schlampe, die Nutte. Und sie hatte mich nicht nur aus ihrem Leben gelöscht, sondern auch aus dem, das ich bis dahin immer wie selbstverständlich als mein eigenes betrachtet hatte.
***
»Annabel.« Mrs McMurty, die Agenturchefin, ging an mir vorbei. »Du bist als Nächste an der Reihe.«
Ich nickte, stand vom Boden auf, zupfte ein paar Fussel ab, strich meine Kleider glatt. In der entgegengesetzten Ecke des Raums posierte eines der neuen Mädchen, eine lange Brünette, gerade ziemlich unbeholfen mit einer gigantischen blauen Servierplatte aus dem Küchenladen. Das Kalender-Shooting war immer leicht absurd. Jedes Mädchen stand für einen Monat Modell und musste dabei mit einem ausgesuchten Produkt aus einem der Geschäfte in der Mall posieren. Im Jahr zuvor hatte ich Pech gehabt und Rochelles Reifenshop erwischt, was bedeutete, dass ich mich zwischen einer reizvollen Ansammlung von Weißwand- und Gürtelreifen wiederfand.
»Halt die Platte so, als wolltest du jemandem etwas anbieten«, lautete die Anweisung des Fotografen. Das Mädchen hielt den Teller vor ihren Körper und reckte ihren Giraffenhals Richtung Kamera. »Das ist zu viel, viel zu viel«, meinte er. Sie wurde rot, wich ein wenig zurück.
Ich lief los, in Richtung des Fotografen, und passierte dabei ein paar Mädchen, die an der Wand lehnten. Ich war schon fast vorbei, als Hillary Prescott unvermittelt vor mich trat und mir dadurch den Weg abschnitt.
»Hey, Annabel.«
Hillary und ich hatten zusammen bei Lakeview Models angefangen, waren zu Beginn sogar befreundet gewesen. Doch auf die Dauer dämmerte mir, dass es besser war, auf Distanz zu ihr zu gehen, denn sie war ein immenses Klatschmaul. Zudem machte es ihr Spaß, Leute gegeneinander aufzuhetzen und einem die Suppe nicht nur einzubrocken, sondern auch noch gehörig darin herumzurühren.
»Hallo, Hillary.« Sie packte gerade ein Kaugummi aus, das sie sich nun in den Mund stopfte. Hielt mir das Päckchen hin. Ich schüttelte dankend den Kopf. »Was gibt’s?«, setzte ich hinzu.
»Nicht viel.« Sie hob die Hand, wickelte sich eine Haarsträhne um den Finger, musterte mich. »Wie war dein Sommer?«
Bei jedem anderen hätte ich, ohne lange nachzudenken, meine Standardantwort abgeliefert: »Danke, gut.« Und mir nichts weiter dabei gedacht. Aber da es sich um Hillary handelte, war ich auf der Hut. »Gut«, meinte ich knapp. »Und deiner?«
»Voll langweilig.« Sie stieß einen abgrundtiefen Seufzer aus. Kaute auf ihrem Kaugummi herum. Ich konnte sehen, wie es rosa glänzend auf ihrer Zunge lag. »Was ist eigentlich mit dir und Emily los?«
Ein Achselzucken. »Früher seid ihr dauernd zusammen rumgehangen. Jetzt redet ihr nicht einmal mehr miteinander. Kommt einem nur ein bisschen komisch vor, das ist alles.«
Ich warf einen raschen Blick zu Emily hinüber, die gerade ihre Fingernägel inspizierte. »Keine Ahnung. Manchmal ändern sich die Dinge eben, schätze ich.«
Ich konnte ihren Blick förmlich auf meiner Haut spüren und mir war klar, dass sie trotz ihrer Nachfragen genau wusste, was passiert war. Oder zumindest einen Großteil davon. Aber ich hatte bestimmt nicht vor, ihr auch noch die restlichen Details zu präsentieren. »Ich gehe besser mal. Bin als Nächste dran.«
»Okay.« Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen, während ich um sie herum trat. »Bis später.«
Ich stellte mich in der Nähe des Fotografen hin, um brav weiter auf meinen Auftritt zu warten, lehnte mich an die Wand und gähnte. Ausgiebig. Es war zwei Uhr, also mitten am Tag, doch ich war trotzdem völlig kaputt. Und schuld daran war einzig und allein: Owen Armstrong.
An jenem Morgen war ich sehr früh wach geworden, was dazu führte, dass ich um genau 6:57 Uhr auf meinen Wecker blickte. Ich wollte mich schon umdrehen, um weiterzuschlafen, da fiel mir Owens Sendung ein. An diesem Wochenende hatte ich des Öfteren an ihn gedacht, und sei es auch nur deswegen, weil mir seit unserem Gespräch auf einmal die kleinen Notlügen bewusst wurden, die mir wie selbstverständlich über die Lippen gingen. Von dem »Danke, gut«, welches ich zur Antwort gab, als mein Vater mich samstags fragte, wie es am Freitag in der Schule gewesen sei, bis hin zu meinem Nicken, als meine Mutter am Abend zuvor hatte wissen wollen, ob ich mich darauf freute, dass die Arbeit für Lakeview Models nach der Sommerpause wieder losging. Das alles zusammengenommen addierte sich zu einer ganzen Menge Unwahrheiten; jedenfalls waren es so viele, dass ich wenigstens darauf achten wollte, mein Wort zu halten, wann immer das problemlos möglich war. Ich hatte Owen gesagt, ich würde mir seine Sendung anhören. Also würde ich es auch machen.
Als ich Punkt sieben das Radio anstellte, hörte ich zunächst nur Rauschen. Ich beugte mich vor und presste mein Ohr an das Gerät, als es eine wahre Geräuschexplosion gab: ein Gitarrensound wie ein Erdbeben, das Klirren von Zimbeln, irgendwer schrie. Ich zuckte erschrocken zurück, stieß mit meinem Ellbogen gegen das Radio und fegte es vom Bett. Es fiel mit lautem Scheppern auf den Boden, blieb aber an. Deshalb ging das Getöse mit unverminderter Lautstärke weiter.
Prompt hämmerte Whitney von der anderen Seite unwillig gegen die Wand. Ich schnappte mir das Radio, stellte es hastig leiser. Als ich es schließlich – dieses Mal gaaaaanz vorsichtig – wieder ans Ohr hielt, lief der »Song« zwar immer noch, doch waren die Worte, die der Sänger sang (besser gesagt: kreischte), vollkommen unverständlich. Solche Musik hatte ich noch nie gehört. Sofern es überhaupt Musik war.
Ein letztes Mal schepperten die Zimbeln – laut! –, dann war es vorbei. Das nächste Lied erwies sich allerdings als kein bisschen besser. Statt heulender Gitarren ertönte nun eine Art elektronischer Musik, die aus diversen Hup- und Piepsgeräuschen bestand. Über diesem Klangteppich verfiel ein Mann in einen monotonen Sprechgesang; was er von sich gab, klang mir ziemlich nach Einkaufsliste. Das Werk dauerte geschlagene fünfeinhalb Minuten. Ich weiß das deshalb so genau, weil ich meinen Blick unverwandt auf den Wecker gerichtet hielt und betete, es möge aufhören. Als es endlich vorbei war, hörte ich Owens Stimme.
»Misanthrope waren das, mit Descartes Dream. Davor Lipo mit dem Titel Jennifer. Sie hören die Sendung Anger Management auf WRUS, Ihrem kommunalen Radiosender. Und hier kommt – Nuptial.«
Noch ein ewig langes Technostück, gefolgt von etwas, das sich anhörte wie ein paar alte Männer, die mit brüchigen, rauen Stimmen Gedichte über Walfängerschiffe rezitierten. Anschließend – geschlagene zwei Minuten lang – tröpfelnde Harfenmusik. Was Owen sendete, war so ein Mischmasch, dass ich mich nicht einmal ansatzweise einhören konnte. Stattdessen saß ich eine Stunde vor dem Radio, vernahm ein Stück nach dem anderen und wartete, dass ich zumindest eins davon a) verstehen oder b) genießen konnte. Fehlanzeige. Eins stand jedenfalls fest: Ich würde nie erleuchtet sein. Bloß ermattet.
»Annabel.« Mrs McMurtys Stimme katapultierte mich in die Gegenwart zurück. »Wir warten!«
Ich nickte und ging hinüber, um mich in die Kulisse zu stellen, die inzwischen mit diversen Pflanzen dekoriert worden war: eine Grünlilie, einige Farne, eine große Palme, die in einem Topf mit Rollen stand. Offensichtlich hatte ich in diesem Jahr Laurels Pflanzenladen erwischt. Immerhin besser als Reifen.
Den Fotografen kannte ich nicht und er begrüßte mich auch nicht, als ich vor ihn trat – er war viel zu beschäftigt mit seiner Kamera. Der Requisiteur schob den Topf dichter an mich heran. Ein Palmwedel streifte meine Wange.
Der Fotograf betrachtete das Set mit mir darin prüfend. »Wir brauchen mehr Pflanzen«, sagte er zu Mrs McMurty, die in seiner Nähe stand. »Sonst muss ich den Bildausschnitt zu eng halten.«
»Haben wir denn mehr Pflanzen?« Mrs McMurty wandte sich an den Requisiteur.
Der warf einen Blick in den angrenzenden Raum. »Ein paar Kakteen. Und einen Ficus. Aber der sieht schon ein bisschen mickrig aus.«
Es machte leise puff, als der Belichtungsmesser ausging. Ich hob die Hand, um den Palmwedel aus meinem Gesicht zu schieben. »Super«, sagte der Fotograf, trat näher, schob ihn zurück. »Gefällt mir. Eine Art Enthüllungsszene. Mach das noch einmal.«
Brav wiederholte ich die Geste und versuchte, nicht zu niesen, obwohl der Palmwedel mein Gesicht kitzelte. Ich bemerkte, dass die anderen Mädchen, die hinter dem Fotografen standen, mich beobachteten – die neuen Models, die erfahrenen, Emily. In letzter Zeit war ich so oft angestarrt worden, dass ich es mittlerweile hasste. Doch hier nicht, hier gehörte es dazu. Der Ablauf war mir vertraut, was mir dabei half, für ein paar Minuten das Grübeln einzustellen und mich darauf zu konzentrieren, was von mir verlangt wurde: ein Augenaufschlag, ein flüchtiger Blick, ein Gesichtsausdruck. Wie zum Beispiel dieser hier, mit der Palme.
»Spitze«, meinte der Fotograf. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, wie ein Kaktus an mich herangerückt wurde, hielt jedoch den Blick fest auf den Fotografen gerichtet, der begeistert und konzentriert um mich herumsprang. Er gab mir Anweisungen, vorzutreten, den Palmwedel beiseitezuschieben, das Blitzlicht flammte auf – wieder und wieder und noch einmal.
Nachdem meine Mutter an dem Abend nach dem Kalender-Shooting ins Bett gegangen war (wobei vorher, wie jeden Abend, mindestens dreimal nachgeschaut worden war, ob Whitney sich auch hübsch brav und sicher in ihrem Zimmer befand), ging ich nach unten, um mir ein Glas Wasser zu holen. Mein Vater saß im Wintergarten hinter der Küche. Der Fernseher lief, die Füße hatte er auf einen Hocker gelegt. Als ich das Licht anknipste, drehte er sich zu mir um.
»Du kommst genau richtig. Gerade fängt eine tolle Dokumentation über Christoph Columbus an.«
»Aha.« Ich nahm mir ein Glas aus dem Schrank.
»Faszinierend. Möchtest du dir das nicht mit mir zusammen anschauen? Vielleicht lernst du ja noch etwas Neues.«
Mein Vater fuhr voll auf Geschichtssendungen ab. »Es geht immerhin um die Geschichte unseres Planeten!«, pflegte er zu sagen, wenn wir anderen uns darüber beschwerten, dass wir uns schon wieder eine Sendung über das Dritte Reich, den Fall der Berliner Mauer oder die Pyramiden von Gizeh anschauen mussten. Wenn wir alle zusammen fernsahen, gab er normalerweise nach beziehungsweise wurde überstimmt und gezwungen, sich einen Modesender, Schöner-Wohnen-TV oder nicht enden wollende Reality-Shows reinzuziehen. Aber am späteren Abend hockte er in der Regel allein vor dem TV-Gerät und wurde entsprechend zum Herrn der Fernbedienung. Wobei er sich allerdings immer freute, wenn jemand auftauchte und seine Lieblingssendungen mit anschaute, so als wäre Geschichte noch besser, wenn man sie mit jemandem teilen konnte.
Bei diesem Jemand handelte es sich normalerweise um mich. Meine Mutter ging immer sehr früh schlafen, Whitney verkündete regelmäßig, sie finde Geschichte sterbenslangweilig, und Kirsten quatschte zu viel dazwischen, egal, was lief. Aber mein Vater und ich bildeten ein gutes Team. Deshalb saßen wir nachts oft zusammen vor dem Fernseher, während sich die Geschichte der Menschheit vor uns entfaltete. Auch wenn er die Sendung bereits gesehen hatte, blieb mein Vater aufmerksam. Interessiert. Nickte. Gab gelegentlich ein »Hmmm« oder »Was Sie nicht sagen« von sich – als ob der Erzähler ihn nicht nur hören konnte, sondern sein Feedback bräuchte, um fortzufahren.
In den letzten Monaten hatte ich jedoch nicht mehr mit ihm ferngesehen. Ich wusste nicht einmal genau, warum nicht. Doch jedes Mal, wenn er es vorschlug, war ich plötzlich todmüde. Zu müde, um aufzunehmen und zu verarbeiten, was auf der Welt geschah, sogar, wenn es längst vergangen war. Die Last der Geschichte, der Vergangenheit kam mir vor wie Blei, schwer, erdrückend. Zurückzublicken kostete mich einfach zu viel Kraft; zumindest hatte ich das Gefühl, es wäre so.
»Nein, danke«, erwiderte ich daher. »Ich hatte einen anstrengenden Tag und bin ziemlich müde.«
»Na gut.« Er lehnte sich zurück und griff nach der Fernbedienung. »Ein andermal.«
»Klar. Bestimmt.«
Ich nahm mein Wasserglas und ging damit zu seinem Sessel. Er drehte den Kopf, damit ich ihm einen Gutenachtkuss geben konnte. Ich küsste ihn auf die Wange; er lächelte, bevor er den Lautstärkeregler betätigte und die Stimme des Moderators in meinem Rücken lauter wurde, während ich den Raum verließ.
»Im fünfzehnten Jahrhundert strebten die Entdecker der Erde beständig nach …«
Als ich schon halb die Treppe rauf war, blieb ich stehen. Trank einen Schluck Wasser, drehte mich noch einmal zu meinem Vater um. Die Fernbedienung lag auf seinem Bauch, das Licht des Fernsehers flackerte über sein Gesicht. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es wäre, wenn ich jetzt zurückginge, zu ihm, zu meinem Platz auf dem Sofa. Aber ich schaffte es nicht. Ließ ihn mit der sich wiederholenden Geschichte allein, mutterseelenallein mit den Ereignissen der Vergangenheit, die aufs Neue erzählt wurden. Wieder und wieder und noch einmal.