Whitney war immer dünn gewesen. Kirsten hatte eine sinnliche, kurvenreiche Figur, ich war eher drahtig und athletisch veranlagt. Doch unsere mittlere Schwester war mit dem typischen Körper eines Models auf die Welt gekommen: hochgewachsen, gertenschlank. Kirsten und mir wurde von den Fotografen zwar immer erzählt, wir hätten hübsche Gesichter; doch um ernsthaft Anzeigenwerbung zu machen oder auf dem Laufsteg zu reüssieren, seien wir definitiv zu »solide gebaut« beziehungsweise zu klein. Bei Whitney hingegen zeigte sich sehr früh sehr deutlich, dass sie rein von ihrer Veranlagung tatsächlich großes Potenzial hatte.
Deswegen lag es nahe, dass sie in dem Sommer nach ihrem Highschool-Abschluss gen New York zog, um ihr Glück als Model zu versuchen. So wie Kirsten zwei Jahre zuvor. Nachdem sie meine Eltern erfolgreich bekniet hatte, mit zwei Mädchen zusammenziehen zu dürfen, die sie aus unserer Model-Agentur kannte, trafen die drei die Abmachung, dass Kirsten sich außerdem am College einschreiben und wenigstens an einigen Veranstaltungen teilnehmen sollte. Anfangs hielt Kirsten sich auch an die Verabredung. Doch nachdem sie die ersten Anzeigen und Werbespots gelandet hatte, wurde das Studieren wundersamerweise immer unwichtiger. Wobei sie den Großteil ihres Geldes letztlich durch Kellnern und als Hostess auf Messen et cetera verdiente – obwohl sie offiziell als Model arbeitete.
Nicht, dass sie das sonderlich gestört hätte. Seit Kirsten auf der Highschool Jungs und Bier für sich entdeckt hatte – übrigens nicht unbedingt in der Reihenfolge –, war ihr Interesse am Modeln merklich geschrumpft. Während Whitney peinlich genau darauf achtete, vor einem Job genug Schlaf zu bekommen und pünktlich zu erscheinen, schlug Kirsten gern schon mal zu spät beziehungsweise völlig verpennt auf, gewaltiger Kater inklusive. Als im Kaufhaus Kopf einmal Ballkleider für eine Werbekampagne fotografiert wurden, erschien Kirsten mit einem sooo dicken Knutschfleck, dass er selbst durch eine dicke Schicht Make-up nicht vollständig abzudecken war. Und als die Anzeigen einige Wochen später geschaltet wurden, zeigte sie mir amüsiert den nahezu unsichtbaren, aber dennoch dunkel durchscheinenden Schatten unter dem Träger ihres Kleides, das einer Prinzessin zur Ehre gereicht hätte.
In Whitney nun setzte meine Mutter daher ihre ganze Hoffnung. Zwei Wochen nach ihrem letzten Schultag packten die beiden Whitneys Kram zusammen und fuhren nach New York. Kirsten lebte inzwischen allein in dem Appartement; also zog Whitney mit ein. Ich betrachtete diese Quasi-Zwangs-WG von Anfang an skeptisch. Meine Eltern hingegen hatten in dem Punkt ihre eigenen Ansichten, von denen sie sich partout nicht abbringen ließen. Schließlich war Whitney erst achtzehn, daher sollte jemand aus der Familie weiter ein Auge auf sie haben. Und da meine Eltern nach wie vor einen Teil zu Kirstens Miete beisteuerten, konnte jene sich schlecht beklagen. (Sie tat es natürlich trotzdem.) Außerdem, fand meine Mutter, seien meine Schwestern schließlich älter und damit hoffentlich reifer, sodass ihre diversen Streitigkeiten der Vergangenheit angehören sollten.
Nachdem Whitney bei Kirsten eingezogen war, blieb meine Mutter noch eine Zeit lang in New York, um Whitney beim Eingewöhnen zu helfen. Sie immatrikulierte sie am College, begleitete sie zu den ersten Terminen bei diversen Agenturen. Jeden Abend nach dem Essen rief sie an, um meinem Vater und mir in allen Einzelheiten zu erzählen, wie der Tag gelaufen war. Während sie uns brühwarm berichtete, wie viele Promis sie wieder zufällig gesehen, wie viele Agenten sie getroffen hatten, während sie uns die Hektik und den Pulsschlag New Yorks beschrieb, klang sie so glücklich, wie ich sie im Prinzip nie zuvor erlebt hatte. Bereits nach einer Woche hatte Whitney ihr erstes Casting, den ersten Job kurz darauf. Meine Mutter kehrte einen Monat später nach Hause zurück; zu dem Zeitpunkt hatte Whitney bereits mehr Jobs gelandet, als Kirsten je gehabt hatte. Alles lief nach Plan … bis zu dem Moment, da nichts mehr lief.
Meine Schwestern wohnten mittlerweile vier Monate zusammen; Kirsten erwähnte bei ihren Telefonaten mit meiner Mutter immer häufiger, Whitney benehme sich irgendwie seltsam. Sie habe abgenommen, würde mehr oder weniger gar nichts mehr essen, und wenn Kirsten sie darauf anspreche, reagiere sie ziemlich patzig. Trotzdem schien es zunächst keinen Anlass zu echter Sorge zu geben. Whitney war schon immer launisch gewesen; nicht einmal meine Eltern waren im Ernst davon ausgegangen, dass das Zusammenleben der beiden völlig reibungslos laufen würde. Aber wahrscheinlich – spekulierte meine Mutter – dramatisierte Kirsten die Sache einfach ein wenig. Und falls Whitney abgenommen hatte, lag es sicher daran, dass sie in einem hart umkämpften Markt arbeitete, in dem sie, was ihr Äußeres betraf, erheblichem Druck ausgesetzt war. Sobald sie erst einmal mehr Zutrauen zu sich gefasst hätte, würde sich das von allein wieder regeln.
Aber als wir Whitney das nächste Mal wiedersahen, war die Veränderung überdeutlich. Vorher hatte sie grazil gewirkt, elegant. Nun war sie regelrecht mager. Ihr Kopf schien zu groß für ihren Körper, buchstäblich eine Last für ihren Hals. Sie und Kirsten kamen über Thanksgiving nach Hause; als wir die beiden vom Flughafen abholten, hätte der Gegensatz nicht größer sein können. Auf der einen Seite Kirsten mit ihrer frischen Gesichtsfarbe, strahlenden, blauen Augen und einem fuchsiafarbenen Sweatshirt – welches ihr ausgezeichnet stand –, deren Haut ich warm auf meiner spürte, als sie wild ihre Arme um mich schlang und laut juchzte, wie sehr sie uns alle vermisst habe. Daneben Whitney, in Jogginghose und langärmeligem schwarzen Rolli. Ungeschminkt. Die Haut schien richtig durch. Es war ein Schock, sie so zu sehen, aber zunächst machte niemand auch nur die leiseste Andeutung in die Richtung. Stattdessen tauschten wir Hallos, Umarmungen, die üblichen Na-wie-war-die-Reise-Floskeln aus. Doch als wir zur Gepäckausgabe gingen, konnte meine Mutter nicht länger an sich halten.
»Whitney, Liebling, du siehst so erschöpft aus. Hast du immer noch mit dieser Erkältung zu tun?«
»Mir geht es gut«, erwiderte Whitney.
»Es geht ihr überhaupt nicht gut!«, sagte Kirsten unverblümt. Als wäre Whitney gar nicht dabei. Kirsten zog ihren Koffer vom Transportband. »Sie isst nichts mehr. Gar nichts. Auf die Weise wird sie sich noch umbringen.«
Meine Eltern wechselten einen Blick. »Ach was, sie war nur krank!« Meine Mutter fixierte Whitney, die Kirsten verärgert anfunkelte. »Nicht wahr, Schatz?«
»Falsch«, konterte Kirsten unbarmherzig, bevor sie sich an Whitney wandte: »Vergiss nicht, was wir im Flugzeug ausgemacht haben. Entweder du sagst es ihnen oder ich!«
»Klappe!«, presste Whitney zwischen geschlossenen Zähnen hervor.
»Ganz ruhig«, mahnte mein Vater. »Lasst uns erst einmal das Gepäck einsammeln.«
Typisch. Mein Vater, das einsame männliche Wesen in unserem östrogengeschwängerten Haushalt, versuchte sämtliche emotionalen Wirren oder Meinungsverschiedenheiten stets so zu lösen: Indem er etwas Konkretes, Handfestes tat. Lautstarke oder völlig verfahrene Streitereien am Frühstückstisch? Mein Vater war plötzlich verschwunden, um das Öl an einem unserer Wagen zu wechseln. Kam eine von uns nach Hause und heulte Rotz und Wasser, wollte aber nicht darüber reden? Er verdrückte sich und machte zum Trost überbackenen Käse. (Den er am Ende meistens selbst aß.) Eine handfeste Familienkrise, die in der Öffentlichkeit hochkochte? Gepäck. Lasst uns erst einmal das Gepäck einsammeln.
Der Blick meiner Mutter ruhte indes unverwandt auf Whitney. Sie schien besorgt. Und während mein Vater einen weiteren Koffer vom Band hievte, fragte sie mit sanfter Stimme: »Ist das wahr? Stimmt irgendetwas nicht?«
»Mir geht es gut!«, wiederholte Whitney. »Kirsten ist bloß eifersüchtig, weil ich so viel arbeite.«
»Ach du liebe Zeit! Da gebe ich einen Scheißdreck drauf und das weißt du auch.«
Meine Mutter sah Kirsten perplex an. Wieder einmal fiel mir auf, wie schmal – verglichen mit uns anderen – sie wirkte, wie zerbrechlich.
»Pass bitte auf, was du sagst«, sagte mein Vater strafend zu Kirsten.
»Papa, du kapierst offensichtlich nicht, was da abgeht. Es ist echt etwas Ernstes. Whitney hat eine Essstörung. Und wenn sie nicht bald Hilfe bekommt, dann –«
»Halt die Klappe!« Whitneys Stimme überschlug sich. »Halt endlich deine verdammte Klappe!«
Dieser Ausbruch kam dermaßen überraschend (denn wenn, war in der Regel Kirsten diejenige, die so ausflippte), dass wir einen Moment lang bloß stumm beieinanderstanden und uns darüber klar zu werden versuchten, ob das, was hier gerade abging, tatsächlich geschah. Doch dann registrierte ich die Blicke der Passanten, die zu uns herüberäugten. Und wusste: Es war real. Aus dem Gesicht meiner Mutter wich mit einem Schlag alle Farbe. Ihr war die Situation unendlich peinlich.
»Andrew.« Sie rückte dicht an meinen Vater heran. »Ich lasse nicht zu –«
»Gehen wir zum Auto«, unterbrach er sie und schnappte sich Whitneys Koffer. »Sofort.«
Wir gingen. Schweigend. Meine Mutter und mein Vater liefen voraus. Seinen Arm schlang er fest um ihre Schulter. Whitney folgte ihnen, vornübergeneigt, als liefe sie gegen einen Sturm an. Kirsten und ich bildeten die Nachhut. Beim Gehen ließ sie ihre Hand in meine gleiten, umfasste sie. Ihre Handfläche fühlte sich warm an in der Kälte.
»Sie mussten es erfahren«, meinte Kirsten. Doch als ich ihr den Kopf zuwandte, blickte sie zur anderen Seite, wodurch für mich der Eindruck entstand, dass sie vielleicht gar nicht wirklich mit mir redete. »Es ist das einzig Richtige. Ich musste es aussprechen.«
Wir stiegen ein. Schweigend. Fuhren schweigend vom Parkplatz. Auf die Schnellstraße. Noch immer sagte niemand ein Wort. Ich saß eingequetscht zwischen meinen Schwestern auf der Rückbank und hatte das Gefühl, als ob Kirsten dann und wann tief Luft holte, als wollte sie etwas sagen. Tat sie aber nicht. Auf der anderen Seite drückte Whitney sich ans Fenster, blickte unverwandt hinaus. Ihre Hände lagen auf ihrem Schoß. Ich musste ständig auf ihre Handgelenke starren, die so dünn aussahen, so knochig und fahl auf dem Schwarz ihrer Jogginghose. Meine Eltern vorne schauten stur geradeaus. Ab und an sah ich, wie sich die Schulter meines Vaters bewegte, und wusste: Er streichelte tröstend die Hand meiner Mutter.
Sobald wir in die Garage gefahren waren, stieß Whitney die Tür auf ihrer Seite auf. In Sekundenschnelle hatte sie die paar Schritte zur Küchentür zurückgelegt, verschwand im Haus, knallte die Tür hinter sich zu. Kirsten neben mir stieß einen schweren Seufzer aus.
Nachdem mein Vater den Motor abgestellt hatte, meinte Kirsten ruhig: »Okay, ich schätze, wir müssen dringend miteinander reden.«
Und sie redeten. Ich durfte nicht dabei sein, nach dem Motto: Annabel, hast du nicht noch ein paar Hausaufgaben zu machen? Also ging ich auf mein Zimmer. Anstatt zu arbeiten, saß ich allerdings bloß da, das aufgeschlagene Mathebuch auf dem Schoß, und versuchte krampfhaft mitzukriegen, was im unteren Stockwerk vor sich ging. Ich hörte die dunkle Stimme meines Vaters, die hellere meiner Mutter, und erkannte Kirsten an ihrem gelegentlich ziemlich entrüsteten Ton. Auf der anderen Seite meiner Wand lag Whitneys Zimmer. Von dort drang nur Stille zu mir. Nichts als Stille.
Schließlich kam meine Mutter die Treppe herauf, ging an meinem Zimmer vorbei, klopfte an Whitneys Tür. Keine Antwort. »Whitney, Schatz, lass mich bitte rein.« Wieder nichts. Doch sie blieb stehen. Wartete. Bestimmt eine oder zwei Minuten. Bis ich plötzlich das Geräusch des Schlüssels im Schloss hörte, die Tür sich innerhalb weniger Sekunden öffnete und wieder schloss.
Ich ging nach unten. Kirsten und mein Vater saßen am Küchentisch. Vor Kirsten stand ein Teller mit überbackenem Käse; sie hatte ihn nicht angerührt. Ich öffnete den Küchenschrank, um mir ein Glas zu nehmen. Kirsten redete derweil auf unseren Vater ein. »Sie kann einem alles immer ganz wunderbar erklären und hat Mama in null Komma nichts eine Gehirnwäsche verpasst.«
»Aber nicht in diesem Fall. Du könntest deiner Mutter ruhig etwas mehr zutrauen.«
Kirsten schüttelte den Kopf. »Whitney ist krank, Papa. Sie isst fast gar nichts mehr, und wenn doch, dann ist ihr Verhalten dabei trotzdem total merkwürdig. Zum Beispiel gibt es gerade mal einen viertel Apfel zum Frühstück. Oder lass es drei Salzstangen zum Mittagessen sein. Drei! Und sie ist ständig beim Training. Das Fitnesscenter um die Ecke hat den ganzen Tag geöffnet. Und die ganze Nacht. Manchmal wache ich auf und sie ist weg. Aber ich weiß genau, wo sie steckt!«
»Vielleicht geht sie ja auch woandershin«, hörte ich meinen Vater sagen.
»Ich bin ihr gefolgt. Ein paarmal. Sie trabt stundenlang auf dem Fitnessband vor sich hin. Kurz nachdem ich nach New York gezogen bin, hatte ich eine Freundin, deren Mitbewohnerin genauso drauf war. Am Ende wog sie vielleicht noch vierzig Kilo. Man musste sie ins Krankenhaus bringen. Ich sage doch, es ist wirklich schlimm!«
Mein Vater schwieg einen Moment. »Lass uns erst Whitneys Version hören«, meinte er schließlich. »Dann sehen wir weiter. Ach, und Annabel?«
Ich fuhr zusammen. »Ja?«
»Du musst doch sicher noch ein paar Hausaufgaben machen …?«
»Klar.« Ich trank mein Wasser aus, stellte mein Glas in die Spülmaschine, verschwand rasch wieder nach oben. Zwang mich dazu, die Welt der Parallelogramme zu betreten. Aus dem Nebenzimmer drang die Stimme meiner Mutter, die mit Whitney sprach. Leise, beruhigend. Ich hatte meine Aufgaben fast erledigt, als Whitneys Tür sich wieder öffnete.
»Ich weiß …«, sagte meine Mutter. »Vorschlag: Du stellst dich erst einmal unter die Dusche, machst anschließend ein Nickerchen und ich wecke dich zum Abendessen? Dann sieht die Welt sicher schon wieder ganz anders aus.«
Ich hörte ein Schniefen. Whitney war anscheinend einverstanden. Erneut lief meine Mutter an meiner Tür vorbei. Doch dieses Mal kam sie herein, um nach mir zu sehen.
»Alles in Ordnung«, verkündete sie. »Mach dir keine Sorgen.«
Rückblickend bezweifle ich nicht, dass meine Mutter das damals wirklich glaubte. Später erfuhr ich dann, wie Whitney es geschafft hatte, ihr Misstrauen zu zerstreuen. Sie erzählte ihr, sie sei völlig überarbeitet und übermüdet. Und dass sie nur deswegen mehr trainiert und weniger gegessen habe, weil sie eben ein bisschen stämmiger sei als die anderen Mädchen, mit denen sie um Jobs konkurrieren müsse. Aber das sei nichts Außergewöhnliches. Whitney behauptete des Weiteren, Kirsten habe nur deswegen den Eindruck, sie esse nichts, weil sie beide einen so unterschiedlichen Rhythmus hätten: Kirsten arbeitete nachts, Whitney tagsüber. Außerdem war Whitney ohnehin der Meinung, dass bei Kirsten noch etwas anderes dahintersteckte als reine schwesterliche Besorgnis. Seit ihrer Ankunft in New York hatte Whitney eindeutig mehr Modeljobs gehabt als Kirsten insgesamt während ihrer ganzen Zeit dort. Was Kirsten möglicherweise in den falschen Hals bekommen hatte und einfach bloß eifersüchtig war.
»Ich bin nicht eifersüchtig!« Ich hörte ihrer Stimme an, wie sauer Kirsten war. Meine Mutter hatte sich mittlerweile wieder unten in der Küche zu ihr und unserem Vater gesellt. »Merkt ihr nicht, wie sie euch austrickst? Macht endlich die Augen auf!«
In der Art ging es wohl weiter. Ich bekam jedoch nicht alles mit. Und als ich eine Stunde später zum Essen gerufen wurde, hatte sich die ganze Diskussion in Wohlgefallen aufgelöst. Wir befanden uns wieder brav im Greene-Modus: einfach so tun, als wäre alles in bester Ordnung und nichts gewesen. Und nach außen hin sah es vermutlich auch genau so aus.
Mein Vater hatte unser Haus – zum damaligen Zeitpunkt das modernste in der ganzen Nachbarschaft – selbst entworfen. Jeder nannte es »das Glashaus«, obwohl es gar nicht vollständig aus Glas bestand, sondern nur die Vorderfront. Von außen konnte man das gesamte Erdgeschoss einsehen: das Wohnzimmer mit dem gigantischen, steinernen Kamin in der Mitte, dahinter die Küche, wiederum dahinter den Pool im Garten. Die Treppe ins obere Stockwerk sah man ebenfalls, wie auch den Flur, der zu meinem und Whitneys Zimmer führte, dazu den Treppenabsatz zwischen beiden Räumen und in der Mitte den Kamin, dessen Schornstein sich durchs ganze Haus bis zum Dach erstreckte. Der Rest der Räume lag verwinkelt und versteckt außer Sichtweite. Während man also annehmen konnte, alles zu sehen, war es in Wahrheit gar nicht so. Man erkannte nur Einzelteile. Bruchstücke, die allerdings wie ein Ganzes wirkten.
Weil das Esszimmer sich im vorderen Teil des Hauses befand, saßen wir beim Essen wie auf einem Präsentierteller. Von meinem Platz am Tisch aus konnte ich beobachten, wie die Autos auf der Straße im Vorbeifahren manchmal abbremsten und die Fahrer kurz neugierig zu uns hereinblickten. Was sie sahen, war der Schnappschuss einer glücklichen Familie, die gemütlich zu Abend aß. Aber wie jeder weiß: Der Schein trügt. Zumindest kann er das.
An diesem Abend aß Whitney ein wenig. Zum ersten, aber beileibe nicht zum letzten Mal nahm ich es überhaupt wahr: Ob und dass sie aß. Kirsten trank zu viel Wein. Und meine Mutter hörte nicht auf zu schwärmen, wie wundervoll es sei, dass wir – endlich – alle wieder zusammen seien. All das wiederholte sich über die nächsten drei Tage wie in einer Endlosschleife.
An dem Morgen, an dem Whitney und Kirsten wieder abflogen, setzte meine Mutter sich mit den beiden an den Küchentisch und nahm jeder von ihnen ein Versprechen ab: Whitney möge bitte besser auf sich aufpassen, mehr schlafen und sich gesund ernähren. Kirsten bat sie, weiter ein Auge auf Whitney, aber auch Verständnis für den Druck zu haben, unter dem sie stand. In einer neuen Stadt. Mit einem so harten Job. »In Ordnung?«, fragte sie schließlich, während sie von einer zur anderen blickte und wieder zurück.
»In Ordnung«, ertönte es von Whitney. »Versprochen.«
Doch Kirsten schüttelte bloß den Kopf. »Um mich geht es hier nicht«, entgegnete sie, schob abrupt ihren Stuhl zurück und stand auf. »Ich habe euch gewarnt. Mehr sage ich zu dem Thema nicht. Ich habe euch erzählt, was Sache ist, aber ihr wollt ja nicht auf mich hören. Ich möchte nur, dass das ganz klar ist.«
»Kirsten!«, setzte meine Mutter an. Doch Kirsten entschwand bereits Richtung Garage, wo mein Vater die Koffer im Wagen verstaute.
»Mach dir keine Sorgen.« Whitney stand auf und gab meiner Mutter einen Kuss auf die Wange. »Es ist alles in Ordnung, ehrlich.«
Und für eine Weile sah es auch wirklich danach aus. Whitney ergatterte weiterhin einen Job nach dem nächsten, unter anderem – bis zu dem Moment ihr größter, wichtigster Auftrag – ein Shooting für das New York Magazine. Kirsten wurde Empfangsdame in einem ziemlich berühmten und angesagten Restaurant; außerdem drehte sie einen TV-Werbespot. Vielleicht lagen die beiden miteinander im Dauerclinch, vielleicht auch nicht – wir bekamen jedenfalls nichts mehr davon mit. Statt wie früher einmal pro Woche mit uns zu telefonieren und dabei den Hörer zwischen sich hin- und herzureichen, riefen sie nun getrennt voneinander an. Kirsten normalerweise am späten Vormittag, Whitney gegen Abend. Dann, ungefähr eine Woche bevor sie zu Weihnachten nach Hause kommen sollten, klingelte beim Abendessen das Telefon.
»Wie bitte – was?!«, sagte meine Mutter in den Hörer. Sie stand im Durchgang von der Küche zum Esszimmer. Mein Vater warf ihr einen fragenden Blick zu, während sie die andere Hand hob und über ihr freies Ohr legte, um den Anrufer besser verstehen zu können. »Wie war das gerade?«
»Gracie?« Mein Vater schob seinen Stuhl nach hinten, sprang auf. »Was ist los?«
Meine Mutter schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht«, sagte sie und reichte ihm den Hörer. »Ich kann leider nicht …«
»Hallo? Wer ist da?« Mein Vater setzte das Telefonat fort. »Ich verstehe. – Natürlich. – Es muss sich um ein Versehen handeln, da bin ich mir sicher. – Bleiben Sie bitte dran, ich suche Ihnen rasch die richtigen Angaben raus.«
Er legte den Hörer ab. Meine Mutter meinte stockend: »Ich konnte nicht alles verstehen … Was möchte die Dame?«
»Offenbar ein Problem mit Whitneys Versicherungskarte. Sie war anscheinend heute im Krankenhaus.«
»Im Krankenhaus?« Die Stimme meiner Mutter kletterte hoch und immer höher, klang beängstigend flattrig – jedes Mal, wenn ich diesen mir vertrauten Tonfall hörte, schlug mein Herz schlagartig wie verrückt. »Geht es ihr gut? Was ist passiert?«
»Keine Ahnung«, erwiderte mein Vater. »Sie wurde auch schon wieder entlassen. Es gibt wohl nur ein Problem mit der Abrechnung. Ich muss die neue Versicherungskarte finden …«
Während mein Vater hinaufging, um in seinem Arbeitszimmer danach zu suchen, nahm meine Mutter den Hörer wieder auf und versuchte, der Frau am anderen Ende der Leitung weitere Informationen zu entlocken. Die führte jedoch Datenschutzgründe an und erzählte nur so viel: Whitney war am Morgen per Notarztwagen eingeliefert worden und hatte das Krankenhaus ein paar Stunden später wieder verlassen. Gleich nachdem mein Vater die Sache mit der Abrechnung geklärt hatte, rief er bei Kirsten und Whitney an. Kirsten meldete sich.
»Ich habe versucht, es euch begreiflich zu machen!« Sogar von meinem Platz am Tisch aus hörte ich ihre Stimme durchs Telefon. »Ich hab’s versucht!«
»Hol bitte deine Schwester ans Telefon. Sofort!«
Whitney ging dran. Sie sprach schnell. Auch ihre Stimme konnte ich hören; sie klang hell, munter. Meine Eltern drängten sich ums Telefon, die Ohren gemeinsam am Hörer, und lauschten ihr angestrengt. Später erfuhr ich, welche Geschichte sie ihnen dieses Mal aufgetischt hatte: Dass es keine große Sache gewesen sei; sie sei nur etwas dehydriert gewesen – Resultat einer chronischen Nebenhöhlenentzündung – und bei einem Shooting bewusstlos geworden. Es klinge jedenfalls schlimmer, als es sei. Der Krankenwagen sei bloß deshalb gekommen, weil irgendwer überflüssigerweise Panik bekommen habe. Und sie habe nur deshalb nicht von sich aus angerufen, um unsere Mutter nicht unnötig zu beunruhigen. Es sei nichts. Gar nichts.
»Vielleicht sollte ich dich besuchen kommen«, bemerkte meine Mutter. »Einfach so, zu deiner und meiner Beruhigung.«
Nein, meinte Whitney, dazu gebe es überhaupt keinen Grund. In zwei Wochen würde sie über Weihnachten wieder zu Hause sein. Was genau das war, was sie brauchte: eine Pause. Viel Schlaf. Anschließend wäre sie bestimmt wieder völlig okay.
Meine Mutter fragte dennoch nach: »Sicher?«
Ja. Absolut sicher.
Bevor sie auflegten, wollte mein Vater noch einmal mit Kirsten sprechen: »Ist mit deiner Schwester alles in Ordnung?«
»Nein. Überhaupt nicht.«
Trotzdem fuhr meine Mutter nicht zu ihr nach New York. Was für mich nach wie vor ein großes Rätsel ist, eine Sache, die ich auch rückblickend immer noch nicht kapiere. Doch sie hatte offenbar weiter die feste Absicht, Whitney zu glauben – aus welchem Grund auch immer. Es war ein Fehler.
Als Whitney über Weihnachten nach Hause kam, traf sie zunächst solo ein. Kirsten musste wegen eines Jobs noch ein paar Tage länger in New York bleiben. Mein Vater fuhr zum Flughafen, um Whitney abzuholen. Meine Mutter und ich standen in der Küche und machten Abendessen, als die beiden zurückkehrten. Ich warf einen Blick auf meine Schwester und traute meinen Augen nicht.
Sie war skelettartig dürr. Vollkommen abgemagert. Obwohl sie noch sackartigere Klamotten – und die außerdem in Schichten übereinander – trug als beim letzten Mal, da ich sie gesehen hatte, war es weder zu übersehen noch zu leugnen. Ihre Augen lagen tief in ihren Höhlen. Man konnte jede einzelne Sehne an ihrem Hals erkennen. Immer, wenn sie den Kopf drehte, sahen die Sehnen aus wie die Schnüre, an denen Marionetten hängen. Ich starrte sie geschockt an.
»Annabel.« Mein Blick irritierte, ja, nervte sie. »Was ist – gibt es heute keine Umarmung?«
Ich legte den Sparschäler beiseite, den ich in der Hand hielt, und trat zögernd auf sie zu. Als ich meine Arme um sie schlang, hatte ich das Gefühl, ich könnte sie auseinanderbrechen. Sie fühlte sich an wie ein dürrer Zweig. Mein Vater stand mit Whitneys Koffer hinter ihr. Und als ich in sein Gesicht blickte, wusste ich, dass auch er schockiert war von der Veränderung, die Whitney allein in diesem einen Monat durchgemacht hatte.
Meine Mutter dagegen zeigte keinerlei Regung. Zumindest nach außen hin nicht. Stattdessen zog sie Whitney, nachdem ich sie losgelassen hatte, an sich: »Mein armer Schatz, du hast wirklich eine schwere Zeit hinter dir!«
Während sie sich an ihre Schulter lehnte, schloss Whitney langsam die Augen. Ihre Lider sahen aus wie durchsichtig. Mir wurde richtig kalt bei dem Anblick, ich bekam eine Gänsehaut am Rücken.
»Wir werden dich schon wieder aufpäppeln«, meinte meine Mutter. »Und damit fangen wir am besten sofort an. Mach dich ein bisschen frisch. Gleich gibt es Abendessen.«
»Ich habe gar keinen Hunger«, erwiderte Whitney. »Ich habe etwas gegessen, während ich auf den Flieger wartete.«
»Tatsächlich?« Die Stimme meiner Mutter klang sichtlich verletzt. Sie hatte den ganzen Tag in der Küche gestanden. »Aber ein bisschen Gemüsesuppe kannst du trotzdem essen oder nicht? Ich koche sie extra für dich. Da ist alles drin, was du jetzt brauchst, um dein Immunsystem wieder auf Trab zu bringen.«
»Ich möchte eigentlich wirklich lieber schlafen. Ich bin todmüde.«
Meine Mutter suchte den Blick meines Vaters, der Whitney unverwandt ernst betrachtete. »Na gut«, sagte sie schließlich. »Dann ist es wohl besser, wenn du dich erst einmal etwas hinlegst. Du kannst ja nach deinem Nickerchen noch etwas essen, einverstanden?«
Aber Whitney aß nichts. Weder in dieser Nacht, in der sie wie eine Tote durchschlief und selbst dann kein Lebenszeichen von sich gab, wenn meine Mutter – was sie mehrmals tat – mit einem Tablett in den Händen in ihr Zimmer lugte. Noch am folgenden Morgen; da stand sie bei Anbruch der Dämmerung auf und behauptete, bereits gefrühstückt zu haben, als mein Vater – der von uns allen immer am ehesten auf den Beinen war – gerade die Treppe herunterkam, um sich seinen Kaffee zu machen. Pünktlich zum Mittagessen war Whitney schon wieder müde. Doch schließlich, beim Abendessen, bestand meine Mutter darauf, dass sie sich mit uns an den Tisch setzte.
Es begann, als mein Vater anfing, das Essen zu servieren. Whitney saß neben mir. Schon als er das Roastbeef tranchierte und die Scheiben auf eine Platte legte, bekam ich hautnah mit, wie schwer es ihr fiel, ruhig sitzen zu bleiben. Ständig zupfte sie nervös an den Bündchen ihres sackartigen Sweatshirts herum. Schlug die Beine übereinander, streckte sie wieder aus, nippte an ihrem Wasserglas, zupfte an ihren Kleidern herum. Ich fühlte förmlich, unter welchem Druck sie stand. Als wäre er etwas, das man anfassen konnte. Und als mein Vater schließlich einen Teller vor Whitney stellte – bis zum Rand mit Fleisch, Kartoffeln, grünen Bohnen und einer dicken Scheibe des berühmten, selbst gemachten Knoblauchbrots meiner Mutter gefüllt –, war es aus mit ihrer Beherrschung.
»Ich habe gar keinen richtigen Hunger.« Hastig schob sie den Teller von sich. »Überhaupt kein bisschen.«
»Whitney, iss, bitte«, entgegnete mein Vater.
»Ich mag aber nicht!«
Meine Mutter saß ihr genau gegenüber und sah in diesem Moment so verletzt aus, dass ich es kaum ertragen konnte. »Das war Kirstens Idee, nicht wahr? Sie hat euch gesagt, ihr sollt diese Show mit mir abziehen.«
»Nein, mein Schatz«, antwortete meine Mutter. »Es geht einzig und allein um dich. Du musst wieder gesund werden.«
»Ich bin nicht krank. Mir geht es gut. Ich bin bloß müde. Und ich werde nicht essen, wenn ich keinen Hunger habe. Schluss, aus, Ende. Ihr könnt mich nicht dazu zwingen.«
Wir sahen sie an, wie sie da saß, die Augen nach unten auf die Tischplatte gerichtet, und erneut hektisch an ihren Ärmeln herumzupfte.
»Whitney, du bist zu dünn«, fuhr mein Vater entschlossen fort. »Es wäre gut für dich –«
»Sag mir nicht, was gut für mich ist«, konterte Whitney. Stieß ihren Stuhl zurück, sprang auf. »Ihr habt keine Ahnung, was gut für mich ist. Sonst fände diese Unterhaltung nämlich gar nicht erst statt.«
»Liebling, wir wollen dir nur helfen.« Die Stimme meiner Mutter klang sanft. »Wir wollen –«
»Lasst mich in Ruhe!« Whitney knallte ihren Stuhl so heftig gegen den Tisch, dass die Teller schepperten. Dann stapfte sie wütend aus dem Zimmer. Eine Sekunde später öffnete sich die Haustür. Schloss sich wieder. Whitney war weg.
Nachdem mein Vater meine Mutter einigermaßen beruhigt hatte, stieg er in seinen Wagen, um Whitney zu suchen. Meine Mutter setzte sich angespannt wartend auf einen Stuhl im Eingangsbereich, für den Fall, dass er sie nicht fand. Ich aß schnell zu Ende, packte ihre drei Teller in Frischhaltefolie und stellte sie in den Kühlschrank. Spülte ab. Wurde gerade fertig, als ich den Wagen meines Vaters wieder in die Einfahrt rollen sah.
Als er mit Whitney hereinkam, sah sie niemandem in die Augen. Hielt den Kopf gesenkt, den Blick zu Boden gerichtet, während mein Vater erklärte, was jetzt passieren würde: Whitney würde eine Kleinigkeit essen, sich schlafen legen und morgen sähe die Welt schon wieder anders aus. Es gab keine Diskussion über diese Abmachung oder darüber, wie sie überhaupt zustande gekommen war. So war es beschlossen, so wurde es gemacht.
Meine Mutter – natürlich, was sonst? – forderte mich auf, nach oben zu gehen. Daher bekam ich weder mit, ob Whitney tatsächlich etwas aß, noch ob es irgendwelchen weiteren Streit deswegen gab. Doch als es später ruhig im Haus war und ich wusste, alle schliefen, schlich ich ins untere Stockwerk. Von den drei Tellern, die ich mit Folie bedeckt hatte, stand nur noch einer da. Anscheinend hatte durchaus jemand im Essen herumgestochert. Trotzdem, leer war er deswegen noch lange nicht.
Ich nahm mir einen Snack, ging ins Fernsehzimmer, schaute mir die Wiederholung einer Reality-Makeover-Show sowie die Lokalnachrichten an. Als ich wieder nach oben gehen wollte, war es mitten in der Nacht; der Mond strahlte fast übernatürlich hell durch die Fenster und leuchtete alles wie mit Scheinwerfern aus. Ich hatte es schon immer als sehr eigentümlich empfunden, wenn so viel Mondlicht durch die Zimmer flutete, und schirmte meine Augen ab, während ich durch das Licht lief.
Sowohl der Gang, der zu meinem Zimmer führte, als auch der zu Whitneys Zimmer lagen hell im Mondschein. Nur in der Mitte, im Schatten des Kamins, war es dunkel. Als ich in die unvermittelte Finsternis trat, roch ich den Dampf. Nein, ich fühlte ihn. Nahm wahr, wie sich die Luft um mich herum auf einmal veränderte, schwerer wurde, feuchter. Ich stand einen Moment lang nur da, atmete, schnupperte. Das Badezimmer lag am entgegengesetzten Ende des Flurs. Unter der Tür drang kein Licht hervor. Doch während ich instinktiv darauf zulief, wurde der Dampf dicker. Ich bemerkte einen stechenden Geruch, hörte das Geräusch von plätscherndem Wasser. Es ergab keinen Sinn. Ich hätte verstehen können, wenn jemand vergessen hatte, den Wasserhahn abzudrehen. Aber die Dusche? Andererseits hatte Whitney sich seit ihrer Ankunft bei uns in vielem hyperseltsam benommen. Undenkbar war also gar nichts. Schließlich erreichte ich die halb geöffnete Türe und stieß sie auf.
Doch sie prallte gegen etwas, schlug zurück, in meine Richtung. Ich öffnete sie erneut, dieses Mal langsamer, vorsichtiger. Der Dampf legte sich nun dicht auf mein Gesicht, fühlte sich ganz feucht an auf meiner Haut. Ich konnte nichts sehen, und alles, was ich hörte, war das Rauschen des Wassers. Wie eine Blinde tappte ich nach rechts, meine Hand tastete an der Wand entlang, bis ich den Lichtschalter fand.
Whitney lag auf dem Boden, vor meinen Füßen. Ihre Schulter war der Widerstand gewesen, gegen den die Tür beim ersten Öffnen gestoßen war. Sie lag zusammengerollt da, ein Handtuch um sich geschlungen, eine Wange auf das Linoleum gepresst. Wie ich vermutet hatte, war die Dusche voll aufgedreht. Das Wasser stand bereits ziemlich hoch im Abflussbecken – der Strom war zu gewaltig.
»Whitney?« Ich hockte mich neben sie. Keine Ahnung, was sie hier im Dunkeln machte, allein, mitten in der Nacht. »Bist du –«
Da fiel mein Blick auf die Toilette. Der Deckel stand offen. Drinnen war eine gelbliche, mit Rot durchsetzte Mischung. Ich wusste auf den ersten Blick: Blut.
»Whitney!« Ich berührte vorsichtig ihr Gesicht. Die Haut war heiß, feucht, ihre Augenlider flatterten. Ich beugte mich vor, rüttelte an ihrer Schulter. »Whitney, wach auf.«
Sie wachte nicht auf. Aber sie bewegte sich. Jedenfalls gerade so viel, dass sich das Handtuch löste. Und da sah ich, was meine Schwester sich angetan hatte.
Sie bestand nur noch aus Knochen. Das war das Erste, was mir in den Sinn kam: Haut und Knoten, Knubbel, Knochen. Jeder einzelne Wirbel ragte hervor, ihre Beckenknochen standen in rechtem Winkel voneinander ab, ihre Knie waren mager und bleich. Es schien fast unmöglich, dass sie so dünn war und trotzdem noch am Leben. Und noch unmöglicher, dass sie es geschafft hatte, diesen Zustand geheim zu halten. Sie bewegte sich erneut und ich werde ihn niemals vergessen, diesen Anblick, wie die Kanten ihrer Schulterblätter sich überdeutlich unter ihrer Haut abzeichneten. Sie sahen aus wie die Flügel des kleinen, toten Vogels, den ich einmal bei uns im Garten gefunden hatte. Ohne Federn, kaum auf der Welt, doch bereits tot.
»Papa!« Ich schrie. Meine Stimme erfüllte den kleinen Raum. Laut. »Papa!«
An den Rest der Nacht erinnere ich mich nur bruchstückhaft. An meinen Vater, wie er nach seiner Brille fummelte, als er im Schlafanzug den Flur entlanggerannt kam. Dicht hinter ihm meine Mutter; in dem starken Lichtschein von draußen stand sie wie angestrahlt da, die Hände vor dem Gesicht. Stieß mich dann jedoch zur Seite, kniete sich neben Whitney, presste das Ohr an ihren Brustkorb. Der Krankenwagen, die kreisenden Lichter, die unser Haus wie ein Kaleidoskop erscheinen ließen. Schließlich die Stille, nachdem er abgefahren war. Mit Whitney und meiner Mutter, die neben ihr saß, ihre Hand hielt. Mein Vater folgte in seinem Wagen. Mir sagten sie, ich solle daheimbleiben und auf ihren Anruf warten.
Ich wusste nicht, was ich bis dahin tun sollte. Deshalb ging ich zurück ins Bad und machte sauber. Betätigte als Erstes die Toilettenspülung. Sah nicht hin, während ich es tat. Wischte das Wasser auf, das über den Boden gelaufen war, nahm die gebrauchten Handtücher, brachte sie runter zur Waschmaschine, steckte sie hinein. Ging ins Wohnzimmer, setzte mich mitten ins Mondlicht. Wartete.
Zwei Stunden später rief mein Vater endlich an. Das Klingeln des Telefons riss mich aus dem Schlaf. Als ich den Hörer abnahm, ging vor dem Haus gerade die Sonne auf, tauchte den Himmel in Rosa und Rot. »Deiner Schwester wird es sicher bald besser gehen«, sagte er. »Wenn wir nach Hause kommen, erzähle ich dir ausführlich, was passiert ist.«
Nachdem wir aufgelegt hatten, ging ich zurück auf mein Zimmer, kroch ins Bett und schlief weitere zwei Stunden, ehe ich das Garagentor hörte. Meine Eltern waren wieder zu Hause. Als ich nach unten in die Küche kam, kochte meine Mutter gerade Kaffee. Sie drehte mir den Rücken zu, trug dieselben Sachen wie am Vorabend, ihre Haare waren ungekämmt.
»Mama?«
Sie wandte sich zu mir um. Als ich in ihr Gesicht blickte, sackte mir der Magen in die Kniekehlen. Ein Déjà-vu aus vergangenen Jahren: Sie sah schrecklich müde aus, ihre Augen waren vom Weinen geschwollen, ihre Züge wirkten wie zerschlagen. Der Anblick erschütterte mich so tief, dass ich meine Arme um sie schlingen und sie beschützen wollte, abschirmen vor der Welt und dem, was sie ihr antun konnte. Mir antun konnte. Jedem von uns.
Und dann geschah es. Meine Mutter fing an zu weinen. Tränen flossen aus ihren Augen; sie blickte an sich hinunter, auf ihre zitternden Hände. Schluchzte laut auf. Die kleine Küche war erfüllt von diesem Klang. Ich ging auf sie zu, ohne zu wissen, was ich tun sollte. Glücklicherweise wurde mir die Entscheidung abgenommen.
»Grace.« Mein Vater stand im Durchgang zum Flur, der zu seinem Arbeitszimmer führte. »Liebling. Alles wird gut.«
Die Schultern meiner Mutter zitterten, während sie tief durchatmete. »Mein Gott, Andrew, was haben wir –«
Mein Vater schnitt ihr das Wort ab, indem er sie in die Arme nahm. Seine große Gestalt umschloss sie vollständig. Sie vergrub ihr Gesicht an seiner Brust, erstickte ihr Schluchzen in seinem Hemd. Ich wich zurück, über die Türschwelle, und setzte mich außer Sichtweite im Esszimmer auf einen Stuhl. Dennoch konnte ich sie nach wie vor weinen hören. Es war der Horror. Aber es mit anzusehen? Der Oberhorror.
Schließlich gelang es meinem Vater, sie zu beruhigen. Er schickte sie nach oben wie ein kleines Kind: Sie solle sich unter die Dusche stellen, sich etwas ausruhen. Anschließend kam er zu mir, setzte sich mir gegenüber.
»Deine Schwester ist sehr krank«, sagte er. »Sie hat extrem abgenommen und anscheinend monatelang nicht mehr normal gegessen. Letzte Nacht ist sie endgültig zusammengebrochen.«
»Wird sie wieder gesund?«, fragte ich.
Er fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht und es dauerte einen Moment, ehe er mir antwortete. »Die Ärzte meinen, sie solle umgehend in eine Klinik zur Therapie. Deine Mutter und ich …« Er verlor den Faden, blickte durch mich hindurch zum Pool hinaus. »Wir wollten immer nur das Beste für Whitney. Auch jetzt.«
»Heißt das, sie kommt vorerst nicht wieder heim?«
»Nicht sofort. Es ist ein langwieriger Prozess. Wir müssen sehen, wie sich alles entwickelt.«
Ich schaute auf meine Hände, die ich flach vor mir auf die kühle, hölzerne Tischplatte gepresst hielt. »Als ich Whitney letzte Nacht sah, dachte ich im ersten Moment …«
»Ich weiß.« Mein Vater schob den Stuhl zurück, stand auf. »Aber ab jetzt bekommt sie Hilfe. Okay?«
Ich nickte. Es war klar, dass mein Vater keine Lust hatte, weiter darüber zu sprechen, was geschehen war oder noch geschehen würde. Geschweige denn darüber, welche emotionalen Auswirkungen es hatte. Er hatte mir die Sachlage erläutert, eine Prognose abgegeben – doch das war auch schon alles, was ich an Information bekam.
Nach ein paar Tagen im Krankenhaus wurde Whitney zur Therapie in eine Klinik verlegt, was sie so wütend machte, dass sie sich zunächst weigerte, mit meinen Eltern zu sprechen, wenn jene sie dort besuchten. Aber der Aufenthalt half ihr, das war nicht zu übersehen. Sie begann wieder an Gewicht zuzulegen. Ganz allmählich, jeden Tag ein bisschen.
Kirsten kam am Weihnachtsabend nach Hause. Meine Eltern waren zu dem Zeitpunkt nur noch erschöpft und gestresst, während ich tunlichst versuchte, bloß niemandem im Weg zu stehen. An ein fröhliches Familienfest oder Festtagsstimmung war nicht zu denken. Was Kirsten allerdings nicht davon abhielt, ihrerseits eine Bombe hochgehen zu lassen.
»Ich habe eine Entscheidung getroffen«, verkündete sie eines Abends beim Essen. »Ich werde das Modeln aufgeben.«
Am anderen Ende des Tisches legte meine Mutter ihre Gabel nieder. »Wie bitte?«
»Es langweilt mich.« Kirsten trank einen kleinen Schluck Wein. »Um die Wahrheit zu sagen: Ich finde es schon seit einiger Zeit total öde. Außerdem habe ich in New York sowieso nie viel als Model gearbeitet. Aber ich dachte, es ist besser, wenn ich es offiziell mache.«
Ich blickte verstohlen zu meiner Mutter hinüber. Sie war bereits so erschöpft und traurig – Kirstens Eröffnung war in dieser Situation alles andere als hilfreich. Auch mein Vater beobachtete meine Mutter aus den Augenwinkeln und sagte dann: »Tu bitte nichts Unüberlegtes, Kirsten.«
»Tu ich nicht. Ich habe lange und gründlich darüber nachgedacht.« Sie war die Einzige von uns, die weiteraß, und schob sich gerade einen Kartoffelbatzen auf ihre Gabel. »Seien wir doch ehrlich: Ich werde es nie auf unter fünfzig Kilo bringen. Oder gar auf mehr als eins sechsundsiebzig, wo wir schon mal beim Thema sind.«
»Du hattest immer viele Aufträge. Und zwar genauso, wie du bist«, sagte meine Mutter.
»Manchmal hatte ich ein paar Aufträge«, korrigierte Kirsten sie. »Davon leben konnte ich allerdings nie, ein Beruf ist es auch nicht. Seit ich acht bin, modele ich. Jetzt bin ich zweiundzwanzig. Ich würde gern was Neues anfangen.«
»Zum Beispiel?«, fragte mein Vater.
Kirsten zuckte mit den Achseln. »Weiß ich selbst noch nicht genau. Auf jeden Fall habe ich ja den Job im Restaurant; außerdem hat eine Freundin von mir einen Friseursalon und mir angeboten, dort ebenfalls am Empfang zu arbeiten. Das müsste reichen, um die meisten Rechnungen zu bezahlen. Und ich könnte mich in ein paar Vorlesungen und Seminare einschreiben oder so was.«
Mein Vater zog die Augenbrauen hoch. »Auf einmal willst du studieren?«
»Tu nicht so überrascht«, meinte Kirsten. Aber ich gebe zu, ich war ebenfalls ziemlich baff. Schon bevor sie sich zu ihrer Anfangszeit in New York still und heimlich vom College verkrümelt hatte, war Kirsten nie der intellektuelle Typ gewesen. Auf der Highschool hatte sie das bisschen Unterricht, das sie wegen des Modelns ohnehin verpasste, am liebsten auch noch geschwänzt und stattdessen ihre Zeit lieber mit einem ihrer leicht durchgeknallten, immer etwas schmuddelig wirkenden Freunde verbracht, die sie damals hatte.
»Viele Frauen in meinem Alter haben einen Hochschulabschluss oder machen richtig Karriere. Ich habe das Gefühl, dass ich ziemlich viel verpasst und vielleicht auch meine Zeit vergeudet habe, versteht ihr das nicht? Ich hätte gern einen Uni-Abschluss.«
»Du kannst studieren und trotzdem modeln«, schlug meine Mutter vor. »Das eine schließt das andere nicht aus.«
»Doch, das tut es«, gab Kirsten zurück. »Für mich schon.«
Unter anderen Umständen hätten meine Eltern sicher weiter darüber diskutieren wollen. Aber sie waren einfach fertig; außerdem war Kirsten zwar in erster Linie für ihre Direktheit bekannt, aber ihre Sturheit kam gleich an zweiter Stelle. Was sie sich in den Kopf gesetzt hatte, zog sie auch durch. Eine echte Überraschung konnte es ohnehin nicht sein, da sie schon seit Jahren nur noch halbherzig als Model gearbeitet hatte. Und jetzt, so bald nach Whitneys Zusammenbruch, bedeutete ihre Entscheidung sogar noch mehr. Besonders für mich, auch wenn ich das zu jenem Zeitpunkt noch nicht ahnte.
Whitney blieb einen Monat lang in der Klinik. In dieser Zeit nahm sie zehn Pfund zu. Nach ihrer Entlassung wollte sie zurück nach New York, aber meine Eltern bestanden darauf, dass sie erst einmal nach Hause kam; zumal die Ärzte eindringlich davor warnten, dass sie gleich wieder als Model arbeitete, denn eine Rückkehr auf den Laufsteg würde den Genesungsprozess gefährden, den bisherigen wie auch den zukünftigen. Das war im Januar. Seitdem nahm Whitney an einem ambulanten Reha-Programm teil, ging zweimal wöchentlich zum Therapeuten und hing den Rest der Zeit schlecht gelaunt bei uns daheim rum. Kirsten hatte unterdessen ihre Ankündigung wahr gemacht und sich bei einem New Yorker College eingeschrieben; gleichzeitig versuchte sie, ihre beiden Jobs mit dem Studium unter einen Hut zu bringen. Zu unser aller Überraschung – wenn man bedenkt, wie ungern sie zur Schule gegangen war – gefiel es ihr am College richtig gut. Jedes Wochenende rief sie überglücklich bei uns an und erzählte ohne Punkt und Komma und bis ins kleinste Detail von ihren Vorlesungen, was gerade Thema war, welche Seminare sie belegt hatte und so weiter. Wieder einmal schienen meine Schwestern auf zwei verschiedenen Planeten zu leben und sich gleichzeitig doch so zu ähneln: Beide fingen noch einmal von vorn an. Aber nur eine von beiden tat es freiwillig.
Über lange Phasen hinweg sah es tatsächlich so aus, als ginge es Whitney allmählich besser. Sie nahm zu. Schien auf einem guten Weg zu sein, Fortschritte zu machen. Doch dann wieder gab es Zeiten, in denen sie sich weigerte zu frühstücken. Oder wir sie dabei erwischten, wie sie mitten in der Nacht heimlich Sit-ups machte oder sonst wie trainierte, was streng verboten war. Nur die Angst davor, wieder zurück ins Krankenhaus zu müssen und zwangsernährt zu werden, hielt sie weiter bei der Stange. Doch egal, wie sich die Dinge bei Whitney entwickelten, in einem Punkt änderte sich gar nichts: Mit Kirsten sprach sie kein Wort mehr.
Nicht, wenn Kirsten anrief. Nicht einmal, als sie im Frühjahr übers Wochenende nach Hause kam. Zuerst war Kirsten verletzt. Dann wütend. Bevor sie es Whitney schließlich durch ihr eigenes Schweigen heimzahlte. Wir anderen befanden uns zwischen den Fronten und versuchten, die peinlichen, angespannten Pausen im Gespräch durch harmloses Geplauder zu übertünchen, was allerdings nicht darüber hinwegtäuschen konnte, wie peinlich und angespannt die Pausen tatsächlich waren. Schließlich beschloss Kirsten, vorerst überhaupt nicht mehr nach Hause zu kommen; dafür besuchten unsere Eltern sie ein paarmal in New York.
Es war grotesk. Als Kind hatte ich es gehasst, wenn meine Schwestern sich lauthals stritten. Aber dass sie nicht mehr miteinander redeten, war noch viel schlimmer. Die totale Funkstille zwischen ihnen dauerte nun bereits neun Monate – kein Ende abzusehen. Was vielleicht das Allerschlimmste daran war: dass es möglicherweise so bleiben würde. Es konnte einem regelrecht Angst machen.
Meine Schwestern hatten sich verändert. Beide. Es war offensichtlich und für uns alle deutlich spürbar, wie etwas, das man anfassen konnte, etwas nahezu Sinnliches. Die eine sah man, allerdings erst, wenn man unmittelbar vor ihr stand; die andere hingegen hörte man – ob man wollte oder nicht – bereits, bevor sie in Sichtweite kam. Was mich anging, so befand ich mich exakt dort, wo ich seit eh und je gewesen war: irgendwo in der Mitte, zwischen den Stühlen.
Doch ich hatte mich ebenfalls verändert, selbst wenn ich es nicht in Worte fassen konnte. Ich war eine Andere geworden. Wie auch meine Familie anders war, als es nach außen hin den Anschein hatte, zum Beispiel in jener Nacht, als alles begann: Als wir fünf rund um den Tisch in unserem Glashaus saßen und zu Abend aßen, eine glückliche Familie. Schon damals waren wir anders gewesen als der Eindruck, den wir auf diejenigen machten, die draußen auf der Straße vorüberfuhren und zu uns hereinblickten.