Kapitel 17

Der Digitalwecker neben meinem Bett zeigte in glänzend roten Ziffern 0:15. Was bedeutete, dass ich – meiner Berechnung zufolge – schon seit drei Stunden und acht Minuten versuchte einzuschlafen.

Seit Whitney ihre Geschichte in dem Café vorgelesen hatte, wurde ich von allem, was zu verdrängen ich mich bemüht hatte, auf einmal regelrecht verfolgt: dass Owen und ich nichts mehr miteinander zu tun hatten, Emily mir die Visitenkarte der Juristin gegeben, Clarke nach so langer Zeit wieder von sich aus mit mir geredet hatte. Das Haus war voll und voller Leben. Meine Eltern waren entspannt wie seit Monaten nicht mehr, meine Schwestern sprachen nicht nur miteinander, sondern vertrugen sich sogar. Die ungewohnte, unerwartete Harmonie führte dazu, dass ich mir umso seltsamer vorkam, irgendwie ausgeschlossen und erst recht neben der Spur, so ganz generell.

Auf der Fahrt vom Jump Java zu uns nach Hause hatte Kirsten Whitney von ihrem Kurzfilm erzählt. Dass es dabei um dasselbe Thema gehe wie in ihrem Text. Whitney wollte den Film natürlich sehen. Deshalb hatte Kirsten heute vor dem Abendessen ihren Laptop ausgepackt und auf dem Couchtisch aufgebaut. Wir versammelten uns um ihn herum, um den Film anzuschauen.

Meine Eltern saßen auf der Couch, Whitney hockte sich neben sie auf die Armlehne. Kirsten hielt sich an der Seite, forderte mich mit einer Handbewegung auf, näher ranzurutschen. Ich schüttelte den Kopf, zog mich sogar eher noch etwas zurück. »Ich habe deinen Film schon gesehen«, sagte ich. »Setz du dich mal zu den anderen.«

»Aber ich kenne meinen Film in- und auswendig«, meinte sie, setzte sich aber trotzdem auf den Platz, den sie mir zugedacht hatte.

»Ich bin richtig aufgeregt.« Meine Mutter blickte begeistert von einem zum anderen. Mir war nicht ganz klar, worauf sie sich bezog. War sie aufgeregt, weil wir hier so traut beieinandersaßen? Oder wegen Kirstens Film?

Kirsten atmete tief durch, streckte die Hand aus, drückte auf eine Taste. »Okay, Film ab.«

Die erste Einstellung: das grüne, grüne Gras. Ich versuchte, mich auf die Bilder zu konzentrieren, ertappte mich allerdings dabei, wie ich allmählich dazu überging, meine Familie zu beobachten. Mein Vater blickte ernst auf den Monitor; die Hände meiner Mutter, die neben ihm saß, lagen zusammengefaltet auf ihrem Schoß. Whitney, auf der anderen Seite meines Vaters, hatte ein Knie an die Brust gezogen; Licht flackerte über ihr Gesicht, während der Film lief.

»Ist das nicht ein bisschen so wie in dem Text, den du uns vor einiger Zeit zu lesen gegeben hast, Whitney?«, fragte meine Mutter, als die beiden Mädchen die Straße entlang radelten.

»Stimmt«, antwortete Kirsten leise. »Irre, was? Das haben wir gestern Abend auch schon festgestellt.«

Whitney sagte gar nichts. Ihr Blick ruhte unverwandt auf dem Monitor. Wir waren gerade an der Stelle, an der das jüngere Mädchen im Hintergrund neben ihrem Rad lag, bei dem sich die Speichen drehten. Jetzt folgten die düsteren, fast unheimlichen Impressionen vom Rückweg: der Hund, der losstürzt und bellt; der stolpernde Mann mit der Zeitung. Als der Film schließlich mit der letzten, langen Einstellung auf dem Grün endete, waren wir alle einen Moment lang mucksmäuschenstill.

»Kirsten, das war einmalig!«, sagte meine Mutter schließlich.

»Na ja, einmalig finde ich leicht übertrieben.« Kirsten strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. Doch sie wirkte ziemlich zufrieden. »Immerhin ist es ein Anfang.«

»Wer hätte gedacht, dass du so ein gutes Auge hast.« Mein Vater beugte sich vor, tätschelte liebevoll Kirstens Knie. »Da hat sich die viele Fernsehguckerei ja doch noch ausgezahlt.«

Kirsten lächelte ihn zwar an, aber ihr Hauptinteresse galt in diesem Moment ganz klar Whitney, die nach wie vor schwieg. »Und? Was meinst du?«

»Mir hat’s gefallen«, antwortete Whitney. »Obwohl ich mich überhaupt nicht daran erinnere, dass du so weit vorgefahren bist.«

»Und ich wusste partout nicht mehr, dass du umgedreht und in die Gegenrichtung gefahren bist«, antwortete Kirsten. »Echt schräg.«

Whitney nickte stumm. Meine Mutter seufzte: »Mir war gar nicht klar, dass dieser Tag für euch beide so eine besondere Bedeutung gehabt hat.«

»Wie bitte? Du weißt nicht mehr, dass Whitney sich den Arm gebrochen hat?«, fragte Kirsten.

»Eure Mutter hat ein selektives Gedächtnis«, frotzelte mein Vater. »Ich dagegen habe eine ausgeprägte Erinnerung an das kollektive Trauma, das durch dieses Ereignis ausgelöst wurde.«

»Natürlich weiß ich das noch«, sagte meine Mutter. »Ich hatte nur keine Ahnung, dass … dass es bei euch beiden so stark nachgewirkt hat.« Sie wandte sich zu mir um. »Und du, Annabel? An was erinnerst du dich?«

»Dass du an dem Tag neun Jahre alt wurdest, oder?«, sagte mein Vater.

Ich nickte, weil mich alle ansahen. In Wahrheit jedoch war ich mir gar nicht sicher, an was ich mich tatsächlich selbstständig erinnerte, da über diesen Tag mittlerweile so vieles neu und aus anderen Blickwinkeln erzählt worden war. Was wusste ich wirklich noch definitiv? Ich hatte Geburtstag, es gab Torte, ich rannte zu meiner Mutter, um ihr zu erzählen, dass Whitney sich wehgetan hatte. Aber bei allem anderen war ich mir unsicher.

Auch beim Abendessen blieb ich Zuschauerin, beobachtete meine Familie unauffällig. Kirsten erzählte von ihren Kommilitonen aus dem Filmkurs, anscheinend alles eher extreme Typen; Whitney erklärte bis ins Detail, wie die Sushi-Rollen, an denen sie den ganzen Nachmittag über gewerkelt hatte, zusammengesetzt waren; meine Mutter lachte viel und hatte vor lauter Begeisterung richtig gerötete Wangen. Sogar mein Vater wirkte entspannt und unverkennbar glücklich darüber, dass sich die Dinge zum Guten gewendet und dadurch die Stimmung in unserer Familie so verbessert hatten. Was ja auch wirklich toll war. Dennoch fühlte ich mich auf sonderbare Art abgekoppelt. Ausgeschlossen. Fast, als wäre ich jetzt eins der Autos auf der Straße dort draußen, deren Fahrer abbremsten, um zu uns hereinzuschauen. Mit denen uns nichts verband außer einer gewissen räumlichen Nähe. Und möglicherweise nicht einmal das.

Ich klappte die Bettdecke zurück, stand auf, ging zur Tür, öffnete sie leise. Der Flur lag im Dunkeln, es war still im Haus, aber wie ich mir schon gedacht hatte, sah man Licht von unten durchs Treppenhaus dringen. Mein Vater war also noch wach.

Als er mich ins Wohnzimmer kommen sah, stellte er sofort den Fernseher leise. »Na, kannst du nicht schlafen?«

Ich schüttelte den Kopf. Über den Bildschirm flimmerten stumm die körnigen Schwarz-Weiß-Bilder einer alten Dokumentation: Zwei Männer schüttelten einander über einen Tisch hinweg die Hand, eine Menschenmenge hinter ihnen klatschte Beifall.

»Du kommst gerade richtig, um mir bei einer Entscheidung zu helfen. Entweder ich schaue mir diesen ziemlich spannenden Dokumentarfilm über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs an oder eine Sendung auf Arts & Entertainment über die große Dürre im Mittleren Westen während der Depression. Was meinst du?«

Dabei schaltete er auf einen anderen Kanal um. Nun sah man auf dem Fernsehbildschirm eine trostlose Landschaft, durch die langsam ein Auto fuhr. »Keine Ahnung.« Ich zwinkerte ihm zu. »Klingt beides gleich verlockend.«

»He, auf Geschichte lasse ich nichts kommen. Ist wirklich wichtig.«

Ich lächelte, ging zur Couch, setzte mich. »Weiß ich doch. Ist bloß schwer, sich dafür zu begeistern. Jedenfalls für mich.«

»Wie kannst du dich dafür nicht begeistern? Geschichte ist real. Konkret. Kein Firlefanz, den sich irgendwer ausgedacht hat. Das alles ist wirklich passiert.«

»Vor langer Zeit.«

»Genau!« Er nickte eifrig. »Denn das ist der springende Punkt: Wir dürfen nichts vergessen. Ganz gleichgültig, wie viel Zeit seitdem vergangen ist, diese Ereignisse von früher beeinflussen uns und die Welt, in der wir leben, bis heute. Wenn du der Vergangenheit keine Aufmerksamkeit schenkst, wirst du die Zukunft nie verstehen. Das hängt alles miteinander zusammen. Verstehst du, was ich meine?«

Zuerst verstand ich gar nichts mehr. Doch als ich jetzt noch einmal auf den Bildschirm blickte, über den die Bilder hinwegflackerten, begriff ich auf einmal, dass er recht hatte. Die Vergangenheit beeinflusste die Gegenwart und die Zukunft sichtbar und unsichtbar, auf millionenfache Weise. Man konnte die Zeit nicht einfach in voneinander unabhängige Abschnitte unterteilen. So etwas wie eine konkrete Mitte, Anfang, Ende existierten nicht. Ich konnte zwar so tun, als würde ich die Vergangenheit hinter mir lassen; loslassen würde sie mich jedoch nie.

Während ich so bei meinem Vater saß, merkte ich plötzlich, dass mir immer beklommener zumute wurde, obwohl ich versuchte, mich ausschließlich auf die Fernsehbilder zu konzentrieren. Meine Gedanken überschlugen sich derart, dass ich kaum denken konnte. Deshalb kehrte ich ein paar Minuten später in mein Zimmer zurück.

Das ist doch verrückt, dachte ich, als ich wieder im Bett lag und an die Decke starrte. Aus den Zimmern meiner Schwestern rechts und links von mir drang kein Laut. Ich schloss die Augen. Die Ereignisse der letzten Tage schossen mir in Schnipseln und Fetzen durch den Sinn. Mein Herz klopfte. Etwas ging hier vor, das ich nicht verstand. Oder nicht verstehen konnte. Ich setzte mich wieder auf, warf die Bettdecke zurück; ich brauchte etwas, das mich beruhigte oder zumindest diese chaotischen, verwirrenden Gedanken vertrieb. Und sei es auch nur vorübergehend. Ich steckte die Hand in die Nachttischschublade, holte meinen Kopfhörer raus und schloss ihn an den CD-Spieler an. Ging zu meinem Schreibtisch, kramte in der untersten Schublade alle CDs durch, die Owen mir gemacht hatte, bis ich sie schließlich fand: die gelbe CD mit dem Titel JUST LISTEN.

Kann sein, dass du die CD tatsächlich nicht ausstehen kannst, hatte Owen zu mir gesagt. Oder eben doch. Vielleicht ist sie auch die Antwort auf alle Fragen des Lebens. Das ist das Schöne daran. Verstehst du?

Nachdem ich auf die Starttaste gedrückt hatte, hörte ich zunächst nur die Geräusche, die eine anlaufende CD eben so von sich gibt. Ich machte es mir bequem, schloss die Augen, wartete darauf, dass das erste Lied anfing. Aber es passierte nichts. Auch nicht nach ein paar Minuten. Überhaupt nichts. Bis mir schließlich klar wurde: Die CD war leer.

Vielleicht war es als Scherz gedacht gewesen. Oder unendlich tiefgründig gemeint. Doch während ich so dalag, hatte ich auf einmal das Gefühl, die Stille würde meine Ohren komplett ausfüllen. Und sie war verdammt laut.

Es war unglaublich und sehr schräg und auf jeden Fall ganz anders als Musik. Jegliches Geräusch fehlte, alles war leer, doch gleichzeitig drängte diese Stille alles Übrige beiseite und beruhigte mich, bis ich in weiter, weiter Ferne allmählich etwas wahrzunehmen begann, das eigentlich unhörbar war. Aber da, wenn auch unendlich leise. Es drang von einem dunklen Ort zu mir, den ich noch nie betreten hatte, aber trotzdem sehr gut kannte.

Schsch, Annabel, ich bin’s bloß.

Die Worte bildeten allerdings nur die Mitte der Geschichte. Auch hierzu gab es einen Anfang. Und ich begriff: Wenn ich weiter in dieser Stille verharrte, ihr nicht auswich, würde ich das Ganze hören. Ich musste die gesamte Länge des Wegs zurückgehen, bis zu dem Abend, an dem die fatale Party stattgefunden hatte, zu dem Moment, da ich Emily das erste Mal Sophies Namen rufen hörte. Aber das war okay. Schließlich gab es keinen anderen Weg als diesen, um ans Ende zu gelangen.

Ich hatte immer nur vergessen wollen. Doch selbst wenn ich dachte, ich hätte es endlich geschafft, drangen immer noch Teile des Geschehenen nach oben, wie Holzstückchen, die an die Oberfläche trudeln und den einzigen, aber untrüglichen Hinweis auf das gesunkene Schiff in der Tiefe unter ihnen bilden. Ein pinkfarbenes Top, mein Name als Verszeile, das Gefühl von Händen um meinen Hals: Das also passiert, wenn man versucht, vor der Vergangenheit zu fliehen. Sie holt einen nicht nur ein, sondern übernimmt die Kontrolle, löscht die Zukunft aus, die Landschaft, sogar den Himmel, bis es keinen Weg mehr gibt als den, der mittendurch führt. Der einzige Weg zurück nach Hause.

Und ich begriff noch etwas: Die Stimme, welche die ganze Zeit über versucht hatte, meine Aufmerksamkeit zu erlangen, die nach mir gerufen, mich angefleht hatte, sie anzuhören – es war nicht Wills Stimme. Sondern meine eigene.