Sie hörte ihn die Kellertreppe herunterkommen und stehen bleiben, als horche er. Dann schepperte das Schloss, die Tür öffnete sich, und er drehte den Lichtschalter. Nichts geschah. Er blieb in der Tür stehen und spähte in die Dunkelheit. Das Kellerfenster war mit Brettern vernagelt, und es dauerte eine Weile, bis sich seine Augen an die Finsternis gewöhnt hatten.
Dann entspannte er sich, ging ein paar Schritte und blieb ein Stück von ihr entfernt stehen.
Reglos lag sie da. Hände und Füße waren am Heizkessel festgezurrt. Doppeltes Klebeband über dem Mund. Die Augen geschlossen.
»Ich dachte schon, du wärst auf dumme Gedanken gekommen.
Hättest dir am Licht zu schaffen gemacht. Wärst ungehorsam gewesen. Aber da habe ich mich geirrt. Du liegst immer noch da und wartest ganz lieb auf mich.«
Er stieß sie mit dem Fuß an und wartete einen Augenblick.
Dann beugte er sich über sie.
»Aber jetzt versuchst du mich zu leimen, nicht wahr? Ich soll glauben, du seist bewusstlos. Aber ich werde dich schon wecken. Wetten?«
Er richtete sich auf und trat ihr mit aller Kraft in den Bauch.
Sie schrie auf, aber das Klebeband verwandelte den Schrei in ein lang gezogenes, ersticktes Stöhnen.
»Aber Katja, so was will ich nicht hören. Das klingt doch gar nicht nach dir. Das ist nicht dein Stil.«
Er trat wieder zu, und sie schrie auf, verstummte aber rasch wieder. Sie versuchte, mit den Armen ihren Bauch zu schützen.
»Das klang schon besser, zivilisierter.«
Er trat einen Schritt zurück. Dieses Mal nahm er Anlauf und zielte genau. Sie schrie nicht mehr, sondern stieß nur ein dumpfes Röcheln aus.
»So ist es gut. Kein Gejammer. Du lernst es langsam. Man kann sich solche Unsitten mit der richtigen Erziehung auch abgewöhnen, das ist mir allmählich klar geworden. Jetzt klingst du eher wie eine verdammte Sau …«
Er lachte und stupste sie vorsichtig mit dem Fuß.
»Das passt auch besser, hab ich Recht?«
Dann wartete er einen Augenblick und sah sie nachdenklich an.
»Wenn du nur allmählich reden würdest. Mir sagen würdest, was ich wissen will. Dann könnten wir das hier hinter uns bringen, und du müsstest keine Schmerzen mehr aushalten. Nie mehr. Das verspreche ich dir.«
Ihr Nasenbein war bereits gebrochen, und sie atmete pfeifend.
Er breitete die Arme aus.
»Aber natürlich, ich vergaß. Du kannst ja gar nicht! Wie dumm von mir.«
Er zeigte sich einen Vogel und verzog bedauernd das Gesicht.
Dann beugte er sich vor und riss ihr mit einer raschen Bewegung den Klebestreifen vom Mund. Sie winselte leise.
»Fang jetzt nicht schon wieder an, wo du doch schon so brav warst. Sag einfach was. Erzähl.«
Aufmerksam betrachtete er ihr Gesicht, ihre Lippen, die sich bewegten, und beugte sich näher heran. Nach einer Weile schüttelte er den Kopf.
»Ich muss mich verhört haben. Es klang, als hättest du
›Verdammtes Schwein!‹ gesagt. Das muss wohl daran liegen, dass man dich so schwer versteht, weil du fast keinen Zahn mehr in der Fresse hast. Die müssen irgendwie rausgefallen sein.
Liegt das am Alter? Oder ernährst du dich falsch?«
Er richtete sich wieder auf.
»Aber vielleicht gelingt es dir noch, etwas Verständliches zu äußern. Schließlich warst du gerade eben noch so gelehrig. Man muss nur die richtige Methode anwenden.«
Er hielt inne.
»Uns bleibt nicht viel Zeit, wir müssen also versuchen, was zu finden, was schnell geht. Ich könnte mir Benzin vorstellen.
Unterleib bis zur Ritze, dann ein Streichholz. Was hältst du davon?«
Er sah sich um.
»Irgendwo muss hier ein Kanister stehen, meine ich mich zu erinnern. Für den Rasenmäher.«
Er hatte sie einen Moment aus den Augen gelassen, und sie wusste, dass wahrscheinlich keine bessere Chance kommen würde. Sie hatte sich halb aufgerichtet. Als er das bemerkte, rammte sie den abgebrochenen Besenstiel nach oben. Er versuchte sich zur Seite zu werfen, aber es war zu spät. Das Holz bohrte sich in seine Leiste, und sie drückte immer weiter nach oben, immer weiter in ihn hinein.
Er packte ihren Hals und drückte zu, aber sie ließ nicht ab und spürte, wie seine Umklammerung nachließ. Er konnte nicht mehr stehen und sank in die Knie. Sie sah sein Gesicht jetzt ganz dicht vor ihrem. Er riss die Augen auf, die aus den Höhlen zu treten drohten. Immer wieder öffnete und schloss er den Mund, ohne einen Laut hervorzubringen.
»Hilfe«, hörte sie ihn schließlich flüstern. »Hilf mir …«
Sie sah ihn an und versuchte, mit ihrem zerschlagenen Gesicht zu lächeln.
»Natürlich, Bosse«, röchelte sie. »Mach ich.«
Sie legte ihm ihre Hände auf die Schultern, stemmte sich hoch und drückte ihn nach unten auf den abgebrochenen Besenstiel.
Jetzt schrie er, brüllte lauter und immer lauter.
Sie lag mitten auf der Treppe. Sie hatte sich Stufe um Stufe hochgeschleppt. Sie verspürte keinen unterscheidbaren Schmerz mehr. Ihr ganzer Körper war eine einzige offene Wunde. Sie nahm an, dass ein Bein gebrochen war, da sie nicht auftreten konnte. Ihre Rippen waren ebenfalls gebrochen. Das Nasenbein.
Irgendetwas mit ihrem Bauch war auch nicht in Ordnung. Aber ihre Hände und Arme waren noch funktionstüchtig, und sie zog sich unendlich langsam die steile Treppe hoch.
Manchmal meinte sie, ihn unten im Heizungskeller zu hören.
Lebte er noch? Würde er sich gleich wieder über sie beugen? Sie spürte, wie die Panik in ihr aufstieg. Sie hatte nicht die Kraft, noch einmal zu kämpfen. Als sie auf dem Boden gelegen und den Besenstiel umklammert hatte, war sie so gut wie am Ende gewesen. Sie hatte Stunden gebraucht, um sich von dem Kabel zu befreien, mit dem ihre Handgelenke gefesselt gewesen waren. Sie hatte so lange ruckartig gezogen, bis das Metall in der Plastikummantelung poröser geworden war, stundenlang, hatte gespürt, wie ihr das Kabel in die Haut schnitt, und sich trotzdem gezwungen weiterzumachen. Als das Kabel schließlich gerissen war, hatte sie es nicht für möglich halten können. Erst als sie ihre ramponierten Handgelenke gesehen hatte, war ihr bewusst geworden, dass es ihr tatsächlich geglückt war. Aber sie wusste auch, was ihr noch bevorstand.
Sie hatte sich das Klebeband vom Mund gerissen und das Kabelgewirr von ihren Beinen losgemacht. Dann hatte sie versucht aufzustehen, doch sie hatte keine Kraft in den Beinen.
Also war sie zur Tür hinübergekrochen und hatte sich an der Türklinke hochgezogen. Sie hatte an der Tür gerüttelt, aber rasch aufgegeben. Sie hatte den Besen neben der Tür entdeckt und unter die Türklinke geklemmt. Nach einigen Hebelbewegungen war er abgebrochen. Dann hatte sie den Besenstiel auf dem Betonboden glatt geschliffen. Als sie keine Kraft mehr gehabt hatte, war sie keuchend liegen geblieben. Sie hatte gewusst, dass sie versuchen musste, sich vor seiner Rückkehr auszuruhen und Kräfte zu sammeln, obwohl auch das nicht ausreichen würde. Sie hatte an die Decke gestarrt. Trotz der Dunkelheit hatte sie die nackte Glühbirne erkennen können.
Mühsam hatte sie sich auf ein Bein und den abgebrochenen Besenstiel gestützt aufgerichtet und die Glühbirne leicht herausgedreht. Dann war sie wieder zum Heizkessel zurückgekrochen. Widerwillig hatte sie sich das Klebeband wieder vor den Mund geklebt, die Kabel um Hand- und Fußgelenke gewickelt und ihre alte Position eingenommen, wobei sie den Besenstiel unter sich versteckt hatte.
Dann hatte sie gewartet …
Jetzt zog sie sich unendlich langsam die Treppe hoch.
Manchmal machte sie eine Pause, hielt den Atem an und lauschte. Sie wusste, dass sie den Keller verlassen musste. Sie musste weg. Sie durfte nicht aufgeben und auch nicht das Bewusstsein verlieren. Sie musste weiter, Zentimeter um Zentimeter. Sie musste überlegen, planen. Was sie anschließend sagen würde. Wie viel oder wie wenig.
Das Haus wirkt unbewohnt, dachte Nielsen. Irgendwie tot.
Vielleicht war das so früh am Morgen auch nicht weiter verwunderlich. Außerdem hatte ihn dieses Gefühl bereits bei seinem letzten Besuch beschlichen. Er betrachtete das Einfamilienhaus und erkannte, was dieses Mal anders war: Der weiße Volvo 740 stand nicht mehr in der Auffahrt.
Er blieb im Auto sitzen.
Gegen drei Uhr morgens - nach ein paar Stunden Schlaf - war ihm plötzlich klar geworden, wo Lindberg sich aufhielt. Er hatte sich aus dem Bett gerollt, zu seinem Notizbuch gegriffen und eine Telefonnummer gewählt. Lagerstedt der Ältere hatte schlaftrunken abgehoben. Seine Stimme hatte feindselig geklungen, als ihm klar geworden war, dass Nielsen der Anrufer war und worum es ging.
»Ich soll Conny wecken? Kommt nicht in Frage.«
»Ich kann mich auch mit Ihnen unterhalten«, sagte Nielsen.
»Ich weiß, dass Conny Lindberg angerufen hat. Er wusste, wo er sich aufhielt. Bei seinem Onkel. Dort hat er ihn erreicht.
Stimmt’s?«
Es wurde still, dann knallte der Mann den Hörer auf die Gabel.
Sein Schweigen hatte ihn überzeugt. Fast wie ein Schlafwandler hatte er sich seine Schuhe angezogen, sein Jackett umgehängt und die Wohnung verlassen.
Jetzt war er sich plötzlich nicht mehr so sicher. Nachdenklich sah er weiterhin zum Haus hinauf. Was sollte er tun? Klingeln?
Und wenn niemand öffnete? Die Tür eintreten? Und wenn der Onkel auftauchte und ihn rauswarf?
Er fluchte halblaut vor sich hin, stieß die Fahrertür auf und stieg aus. Er ging auf die Haustür zu und hinkte dabei ein wenig, weil seine Glieder nach der stundenlangen Autofahrt vollkommen steif waren. Mit schmerzverzerrtem Gesicht erklomm er die Stufen. Er klingelte, wartete eine Weile und klopfte dann fest an die Tür. Nichts geschah. Unentschlossen 206
blieb er stehen und klopfte ein weiteres Mal. Er wollte schon die Treppe hinunter und um das Haus herumgehen, als er plötzlich innehielt. Aus dem Haus drang ein Geräusch. Ein Klopfen.
Leise, aber beharrlich wiederkehrend.
»Hallo! Ist da jemand?«, rief er und lauschte.
Kurz darauf hörte er das Klopfen wieder. Dieses Mal lauter.
Dann hörte es auf, und er hörte ein Geräusch, bei dem sich ihm die Haare sträubten. Ein unmenschlicher Laut, ein gedämpfter Aufschrei. Dann wurde es wieder still.
Nielsen eilte die Treppe hinunter und auf die Feuerleiter zu. Er zog sein Jackett aus, wickelte es um seinen Arm und kletterte ein paar Sprossen hinauf. Er schlug das Fenster neben der Leiter ein, schob die Splitter beiseite, griff hinein und öffnete.
Keuchend schwang er sich von der Leiter zum Fenster, wälzte seinen schweren Körper über die Fensterbank und rollte kopfüber ins Wohnzimmer.
Als er wieder auf die Beine kam, sah er sie. Sie lag mit dem Gesicht nach unten quer über der Schwelle der Kellertür. Er trat einen Schritt auf sie zu, und sie hob mit großer Mühe den Kopf.
Ihr Anblick ließ ihn erstarren. Ihr Gesicht war so übel zugerichtet, dass die Gesichtszüge kaum noch zu erkennen waren.
Er trat zwei Schritte näher und kniete sich neben sie.
»Katja Walter?«
Fast unmerklich nickte sie. Er beugte sich zu ihr herab.
»Lindberg«, fuhr er mit leiser Stimme fort. »Ist er hier? Hier im Haus?«
Sie deutete mit dem Kopf zum Keller. Nielsen sah sie eine Weile an.
»Dort unten?«
Ohne die Antwort abzuwarten, stand er auf und schaute sich nach einer Waffe zur Verteidigung um. Er ging in die Küche, durchsuchte die Schubladen, fand ein großes Messer, warf es aber wieder zurück. Hinter sich hörte er ein Geräusch. Er drehte sich um und sah, dass sich die Lippen der Frau bewegten.
»…eeeiiioo …«
Er ging wieder auf sie zu und lauschte auf ihre schwache, undeutliche Stimme.
»Was wollen Sie sagen?«, fragte er. »Können Sie es nochmal versuchen?«
Das Gesicht der Misshandelten verzog sich zu einer wütenden Grimasse.
»…EEEIIIOOO!«
Plötzlich verstand er.
»Tot? Er ist tot?«
Sie nickte. Ihr Kopf sank wieder zu Boden, als hätte sie keine Kraft mehr, ihn anzuheben. Nielsen machte einen Schritt über sie hinweg und ging vorsichtig die Kellertreppe hinunter.
Das Licht schien nicht zu funktionieren. Er blieb auf der Schwelle stehen und versuchte, sich zu orientieren. Der Mann lag mit angezogenen Knien auf der Seite in einer Blutlache. Er hielt seine Hände zwischen den Beinen und schien etwas zu umklammern. Sein Gesicht war in einem Ausdruck von Schmerz und Entsetzen erstarrt. Als Nielsen näher kam, begriff er. Lindberg war mehr oder minder gepfählt worden und hielt mit beiden Händen den Gegenstand umklammert, der in seinen Körper eingedrungen war.
Nielsen rang nach Luft und schwankte leicht. Dann ging er wieder die Treppe hinauf, an der Frau vorbei, die immer noch regungslos an der gleichen Stelle lag. Er zog sein Handy aus der Tasche, wählte die Notrufnummer und sah im gleichen Augenblick ein, dass er dies sofort hätte tun müssen. Eine Unterlassung, die man ihm später sicher vorwerfen würde.
Nach einem ersten, vorläufigen Bericht hatte man ihn aufgefordert zu warten.
Etwa zwei Stunden später wartete er immer noch. Er schob den Stuhl näher an die Wand, zog sein Jackett aus, rollte es zusammen, schob es sich hinter den Kopf und lehnte sich zurück. Erstaunlicherweise gelang es ihm, einzuschlafen. Er schlief traumlos, tiefer und ruhiger als seit langem.
Er erwachte, als ihn jemand schüttelte. Ein magerer, fast schmächtiger Mann stand vor ihm.
»Nielsen, ja?«
John Nielsen rieb sich den Schlaf aus den Augen und räusperte sich bejahend. Der Mann blieb einen Augenblick vor ihm stehen und betrachtete ihn kritisch.
»Fällt es Ihnen schwer, wach zu bleiben? Vielleicht hätten Sie zu Hause bleiben sollen, statt solche Expeditionen zu unternehmen.«
Ohne eine Antwort abzuwarten, machte er kehrt und verschwand rasch einen Gang entlang in ein Büro. Als Nielsen dort eintrat, saß der andere bereits zurückgelehnt mit hinter dem Kopf verschränkten Armen an seinem Schreibtisch. Er wartete, bis Nielsen sich gesetzt hatte.
»Ich bin Magnusson«, sagte er, »aber das wussten Sie bereits?«
Er spitzte den Mund und ließ seinen Blick auf Nielsen ruhen.
»Ich hoffe, Sie glauben nicht, ich sei so dumm, wie ich aussehe?«
Nielsen zog die Brauen hoch.
»Auf diese Frage gibt es wohl kaum eine passende Antwort, oder?«
»Nicht?«, meinte der andere. »›Nein, das wäre auch tragisch‹, wäre doch eine Möglichkeit?«
Nielsen schüttelte den Kopf.
»Das würde nur zeigen, wer der Dümmere ist.«
»Vor einer Woche erhielten wir Hinweise darauf, dass ein Journalist mehrere Personen, die für unsere Ermittlungen von Interesse sind, befragt hat. Mir war klar, dass es irgendwo eine undichte Stelle gibt, und ich erkundigte mich. Unter anderem holte ich Informationen über einen gewissen Kollegen in Stockholm ein, über Lasse Henning, der uns geholfen hatte. Und siehe da, schon tauchte der Name John Lean Nielsen auf.
Freiberuflicher Journalist, spezialisiert auf Verbrechen und Strafprozesse. Vor fünf oder sechs Jahren sehr gefragt. Dass er diesen Lasse Henning schon sehr lange kannte, war auch kein Geheimnis. Was sagen Sie dazu?«
Er verstummte einen Augenblick und legte den Kopf fragend zur Seite. Als Nielsen nicht antwortete, seufzte er leise.
»Jetzt hören Sie mal zu. Sie tauchen unter gelinde gesagt ausgesprochen seltsamen Umständen auf und berufen sich auf einen Tipp, den Sie angeblich erhalten haben. Sie machen geltend, dass Sie sich schon seit geraumer Zeit für den Doppelmord in Rönnåsen interessieren und für Bo Erik Lindberg, von dem die Presse, soweit ich weiß, nicht mal den Namen kennt. Das kann einen doch schon mal wundern.
Vielleicht können Sie mir ja in diesem Punkt weiterhelfen.«
»Sie wollen, dass ich meine Informanten preisgebe?«, fragte Nielsen.
Magnusson betrachtete ihn eine Weile und schüttelte dann den Kopf.
»Gar nicht nötig. Mir ist ohnehin klar, wie es abgelaufen ist.«
Er lehnte sich über den Schreibtisch.
»Die Sache ist verdammt ernst. Es handelt sich hier um Informationen, die, falls sie an die Öffentlichkeit geraten, eine laufende Ermittlung gefährden können …«
»Soweit ich weiß, war die Presse schon lange bevor ich ins Bild kam bestens unterrichtet«, unterbrach ihn Nielsen.
»Außerdem haben Sie doch wohl kaum etwas von mir Publiziertes gelesen, weder vorher noch jetzt. Oder?«
»Vielleicht nicht«, sagte Magnusson. »Aber jetzt sitzen Sie vor meiner Nase, weil Sie in eine Sache reingestiefelt sind, von der Sie uns sofort hätten unterrichten müssen.«
Nielsen schüttelte den Kopf.
»Dass sich Lindberg dort aufhalten könnte, war eine reine Vermutung. Was sich da abgespielt hat, hätte ich gar nicht vorausahnen können.«
Magnusson stützte die Ellbogen auf den Tisch und starrte Nielsen an.
»Vermutungen«, meinte er seufzend, »damit beschäftigen Sie sich also? Wäre es zu viel verlangt, dass Sie mich zumindest jetzt an diesen Vermutungen teilhaben lassen?«
»Nicht im Geringsten«, erwiderte Nielsen bereitwillig, »wo ich schon mal hier bin. Wahrscheinlich würden Sie mich vorher sowieso nicht gehen lassen.«
Er begann seinen Bericht mit der Begegnung mit Nils Lindberg in der vergangenen Woche und seiner Unterhaltung mit Conny Lagerstedt, dessen Namen er für sich behielt. Dann erzählte er von dem Anruf, den er von Bosse Lindberg erhalten hatte, und endete mit dem Anblick, der sich ihm geboten hatte, als er in das Haus eingedrungen war.
Magnusson schwieg.
»Das sind ja interessante Informationen über Lindbergs Hintergrund. Wissen Sie noch mehr?«
Nielsen schüttelte den Kopf.
»Nicht mehr als Sie, eher weniger.«
Er kratzte sich am Kinn und trommelte mit seinen kräftigen Fingern auf die Tischplatte.
»Ich kann mir nicht recht erklären, was in dem Haus vorgefallen ist. Oder warum. Haben Sie eine Idee?«
Magnusson sah ihn an und zog die Brauen hoch.
»Glauben Sie etwa, wir wollen hier einen Kuhhandel betreiben?«
Nielsen zuckte leicht mit den Schultern.
»Ich hatte nicht vor, über diese Sache zu schreiben. Jedenfalls nicht sofort. Aber ich garantiere Ihnen, dass die anderen das tun werden. Wahrscheinlich schon in der nächsten Auflage. Was macht es also für einen Unterschied, wenn Sie mir etwas erzählen? Und sollte ich doch etwas schreiben, wäre das zumindest eine korrekte Version.«
Magnusson seufzte.
»Sie hatten nie die Absicht, Gebrauchtwagenhändler oder Politiker zu werden?«
Er starrte einen Augenblick vor sich hin und fuhr dann fort.
»Katja Walter. Sie haben ja selbst gesehen, wie sie zugerichtet war. Und dennoch waren die Verletzungen nicht lebensbedrohlich. Wir haben kurz mit ihr gesprochen, aber sie hat kaum etwas sagen können. Nur dass Lindberg versucht hat, sie umzubringen, und sie in Notwehr gehandelt hat.«
»Und was glauben Sie?«
»Unseren Untersuchungen zufolge wurde sie im Keller gefangen gehalten, konnte sich aber befreien. Und dann wurde Lindberg angegriffen, wobei er so schwere Verletzungen erhielt, dass er starb. Sie haben es ja selbst gesehen. Kein hübscher Anblick. Im Übrigen gibt es noch eine Vielzahl unbeantworteter Fragen, über die ich mich nicht äußern will. Wie alles ablief.
Wie er sie in das Haus gelockt hat. Was er damit bezweckt hat.
Weshalb er sie so übel zugerichtet hat. Ob das irgendwie mit dem Mord an Anneli Holm zusammenhängt und so weiter. Sind Sie zufrieden?«
Nielsen schwieg und betrachtete Magnusson mit gerunzelter Stirn.
»Wer ist sie eigentlich?«, fragte er.
Magnusson lächelte.
»Katja Walter? Wollen Sie etwa behaupten, dass Sie nichts über sie wissen? Das ist aber mau! Es wäre nicht weiter schwer gewesen, einiges über Mama in Erfahrung zu bringen.«
Er lehnte sich wieder zurück.
»Das ist ihr Spitzname. Jedenfalls seit den achtziger Jahren, seit einer Bordellgeschichte, die sich bis in den Süden verzweigt hat. Es ging um die Vermittlung junger - teilweise sehr junger - Mädchen an Kunden mit sehr viel Geld. Sie und eine weitere Frau waren die Drahtzieherinnen, aber nur Katja Walter wurde verurteilt und zwar recht milde. Vieles wurde offenbar unter den Teppich gekehrt, da einflussreiche Personen, die kein großes Interesse daran hatten, dass allzu viel an die Öffentlichkeit drang, involviert gewesen sein sollen.«
Er schöpfte Atem.
»Mit dieser Geschichte hatte ich nichts zu tun. Aber ich kannte sie bereits aus meiner Zeit als Streifenpolizist und hätte mich auf alle Fälle an Katja Walter erinnert, denn sie sah damals wahnsinnig gut aus. Sie war eine außergewöhnliche Schönheit.
Damals war sie achtzehn oder neunzehn, aber schon etliche Jahre auf der schiefen Bahn. Das war eher ungewöhnlich, denn sie stammte nicht gerade aus dem Slum. Im Gegenteil. Sie besaß einen gutbürgerlichen Hintergrund. Die Mutter entstammte einer adligen Familie, Papierfabrikanten - Korsnäs, Iggesund und so weiter. Sie hatte ziemlich viel Geld in die Ehe gebracht, das Katjas Vater, soweit ich weiß, bis zur letzten Krone durchbrachte. Wie auch immer, Katja tat sich knapp zwanzigjährig mit einem recht erfolglosen, hier ansässigen Künstler zusammen. Er war fast doppelt so alt wie sie und schon seit Jahren drogenabhängig, einer der ersten in Schweden überhaupt. Er hat auch gedealt. In den Siebzigern wurde er deswegen einige Male verurteilt, saß jedoch nie für längere Zeit.
Damals sahen die Gerichte das noch nicht so eng, ein paar Tütchen Heroin hin oder her spielten keine Rolle …«
»Und sie?«, fragte Nielsen.
»Dass sie irgendwie verwickelt war, davon waren wir überzeugt, jedenfalls, was die Drogen anging«, antwortete Magnusson. »Aber, soweit ich weiß, nahm sie das Zeug nicht selbst. Es ist auch nie gelungen, sie im Zusammenhang damit zu verurteilen. Nein, aktenkundig wurde sie erst mit dieser Bordellgeschichte. Anschließend vergingen ein paar Jahre, bis wir wieder auf sie aufmerksam wurden, dieses Mal jedoch in einer ganz anderen Sache. Eine Zeit lang betrieben sie und ihr Partner ein kleines Antiquitätengeschäft. Oder vor allem sie. Sie war geschäftstüchtig, zumindest glaubte ich das. Dieses Unternehmen tauchte im Zusammenhang mit einigen Ermittlungen auf. Verdacht auf Hehlerei, ohne dass sich je etwas beweisen ließ. Aber irgendwann in den neunziger Jahren machten sie den Laden trotzdem dicht. Konkurs und eine Menge Schulden. Kurz darauf starb ihr Mann. Fiel eine Treppe runter und brach sich das Genick. Es vergingen ein paar Stunden, bis Katja Walter Alarm schlug. Sie schob es auf den Schock, und man fand auch nichts, was auf verdächtige Umstände in Bezug auf den Todesfall hingedeutet hätte. Ich weiß jedoch, dass manch einer sein Misstrauen äußerte.«
»Handelte es sich um denselben Mann?«, fragte Nielsen.
Magnusson nickte.
»Weine Strand. Sie waren nie verheiratet, haben aber sehr lange zusammengelebt. Ein strebsames Pärchen. Und dann?
Dann ging es mit ihr nur noch den Bach runter. Sie begann zu saufen und hat auch ein paar Entziehungskuren hinter sich.
Außerdem war sie tablettenabhängig. Wiederholte Male wurden ihr die Mietverträge gekündigt. Vor vier Jahren landete sie in dem Viertel, in dem sie immer noch wohnt, in derselben Straße wie Lindberg. Allerdings zog er ungefähr ein Jahr später dorthin.«
Er hob die Hände.
»Ja, das wäre es wohl in kurzen Zügen. Über diese Dame ließe sich noch mehr sagen, aber nur so viel gebe ich preis.
Zufrieden?«
Nielsen nickte und erhob sich.
»Einstweilen ja. Und ich darf diese Räumlichkeiten als freier Mann verlassen?«
Magnusson schnaubte verächtlich.
»Wenn Sie mir nicht wieder auf die Nerven fallen, schon.«
»Ich werde mich bemühen«, erwiderte Nielsen und ging auf die Tür zu, hielt inne und drehte sich um.
»Was ist eigentlich mit Lindbergs Onkel?«, fragte er. »Er war nicht im Haus, oder?«
Magnusson schüttelte den Kopf.
»Nein, er war nicht da.«
»Wissen Sie, wo er steckt?«
Magnusson hatte die Arme über der Brust verschränkt.
»Haben Sie vergessen, was ich über meine Nerven gesagt habe?«
Dann seufzte er.
»Im Garten liegt er jedenfalls nicht begraben, falls Sie das meinen. Wir haben ein paar Informationen über seinen möglichen Verbleib erhalten. Ich glaube, dass wir ihn recht bald finden. Könnten Sie jetzt bitte die Tür schließen? Vorzugsweise von außen.«
Nielsen nickte, trat auf den Gang und zog die Tür zu.
Die Straße verschwand wie ein schwarzes, endloses Band unter seinem Auto. Der wolkenlose Himmel über ihm war glatt und klar und entbehrte jeglicher Tiefe, fand er, wie alles andere hier draußen. Alles kam ihm unwirklich vor, bestand gewissermaßen nur aus Oberfläche.
Es ging ihm nicht gut. Ein leichtes Gefühl der Übelkeit stieg in ihm auf. Aber das war ihm jetzt egal. Müde. Nicht so, dass er Angst haben musste, am Steuer einzuschlafen. Eher matt.
Kraftlos mit weit geöffneten Augen. Er hatte das Gefühl, sie nicht schließen zu können, auch wenn er gewollt hätte. Er sah sich genötigt, weiterhin geradeaus zu starren. Alles lief durch ihn hindurch. Die Straße, der Himmel, der Wald. Alles war gleichermaßen unwirklich. Eine Scheinwelt. Eine Art Legoland im Maßstab eins zu eins …
Er wischte sich über die Stirn. Er schwitzte. Vielleicht wurde er doch krank. Vielleicht sollte er anhalten. Aber er war unschlüssig, hatte nicht mal dazu die Kraft. Weiterfahren war das Einfachste. Nicht nachdenken, einfach weitermachen, weiterfahren.
Vor Uppsala wurde der Verkehr dichter und stand plötzlich still. Es fehlten nicht viele Millimeter, und er hätte das Auto vor sich gerammt. Kerzengerade saß er in seinen Sitz gepresst. Der Fahrer in dem Wagen neben ihm drehte sich zu ihm um. Er bewegte die Lippen und zeigte ihm mehrmals einen Vogel. Da erst bemerkte er, dass seine Hand auf der Hupe lag.
Gleichzeitig bekam er keine Luft mehr. So sehr er sich auch bemühte, er konnte nicht atmen. Er hob die Hände vom Lenkrad und starrte auf das Gesicht in dem anderen Auto, bis es sich wie in einem Zerrspiegel verformte.
Dann lag er am Boden. Er wusste nicht, was passiert war.
Weder, wie er aus seinem Auto gekommen war, noch, wo er sich befand. Alles war auf einmal dunkel, obwohl er die Bäume sehen konnte, die ihn umgaben, das Grün, den Himmel über sich. Aber alles war von einer Dunkelheit durchdrungen, die aus dem Grün sickerte. In dem Graben unterhalb von ihm floss träge dunkles Wasser vorbei. Es stieg langsam an und kam immer näher. Plötzlich hatte er den Geruch von Blut in der Nase, denselben Geruch wie unten im Keller. Er schlug ihm süßlich und schwer entgegen. Drohte ihn zu ersticken.
Heftig warf er sich nach hinten und spürte plötzlich, wie die Luft in seine Lungen strömte, als käme er nach längerer Zeit unter Wasser wieder an die Oberfläche. Er hatte Schmerzen in der Brust und schrie beim Atmen. Er rang nach Luft, als könne er nicht genug davon bekommen.
Nach einer Weile wurde er sich der Menschen um ihn herum bewusst und hörte ihre Stimmen, ihre Fragen. Wie es ihm gehe.
Ob man einen Krankenwagen rufen solle. Er hatte nicht die Kraft zu antworten, nicht einmal, sie anzuhören. Schwankend stand er auf und ging zum Auto. Er stieß jemanden beiseite, der versuchte, ihn aufzuhalten. Er setzte sich ans Steuer, ließ den Motor an und fuhr weiter.
Das Licht war zurückgekehrt. Die Sonne. Der Himmel war blassblau, diesig. Aber immer noch konnte er den dunklen, ansteigenden Strom sehen, einen dunklen Fluss, der alles durchfloss.
Verzweiflung, dachte er. Die einem das Herz abdrückt, bis es nur noch so groß ist wie eine Erbse. Verzweiflung, die einem eine Schlinge um den Hals legt. Das war ihm schon früher passiert, und es würde sicher wieder vorkommen. Er atmete tief ein und wartete darauf, dass der lähmende Schrecken wie üblich einem Gefühl der Erleichterung Platz machen würde.
Aber dieses Mal war es anders. Keine Erleichterung stellte sich ein, sondern unerbittliche Klarheit darüber, wie bedeutungslos alle Menschen waren und was sie einander anzutun vermochten, ohne dass es dafür eine Erklärung gab.
Der weiße Volvo fuhr langsam am Haus vorbei, beschrieb vor der Auffahrt eine Kurve, als hätte der Fahrer einen Augenblick nicht aufgepasst und zu lange auf die Absperrung gestarrt. Es war etwa acht Uhr abends, und Peter Larsson hatte seit dem frühen Nachmittag gewartet. Jetzt schaute er noch einmal auf das Nummernschild, ließ den Motor an, überholte den Volvo und gab dem Mann am Steuer ein Zeichen anzuhalten. Dieser warf ihm jedoch nur einen raschen Blick zu, starrte dann stur geradeaus und fuhr weiter.
Peter Larsson ließ ihn gewähren. Die Straße endete etwa 50 Meter weiter an einem Wendeplatz. Dort stellte er sich quer, sprang aus dem Wagen, riss die Fahrertür des Volvo auf und drehte den Zündschlüssel um. Der Fahrer starrte ihn wütend an.
»Was soll denn das?«
»Sind Sie Nils Lindberg?«, fragte Peter Larsson.
»Was geht Sie das an?«
Der Fahrer versuchte, die Tür zu schließen, und Peter Larsson sah sich gezwungen, seine Hand unsanft vom Türgriff zu entfernen. Mit der freien Hand zog er seinen Ausweis aus der Tasche.
»Peter Larsson«, sagte er, »von der Kripo in Gävle. Ich muss Sie bitten, mich zu begleiten.«
»Kommt nicht in Frage!«, brüllte der Mann.
Larsson sah ihn an.
»Wir müssen mit Ihnen reden«, sagte er. »Sie können freiwillig mitkommen, andernfalls lasse ich Sie auch gegen Ihren Willen in die Stadt bringen.«
Er schaute auf die anderen Häuser.
»Falls Sie Ihren Nachbarn keine Vorstellung geben wollen, schlage ich vor, dass Sie so schnell wie möglich bei mir einsteigen. Dann können wir das Ganze hinter uns bringen.«
»Was die meinen, ist mir scheißegal«, erwiderte der Mann dumpf, stieg aber trotzdem aus.
Drohend starrte er Peter Larsson an.
»Dafür werde ich Sie anzeigen. Damit kommen Sie nicht durch. Wenn’s sein muss, gehe ich damit bis zum Europäischen Gerichtshof!«
»Tun Sie das, was Sie für nötig halten«, meinte Peter Larsson und öffnete die Beifahrertür.
»Ich habe nichts getan. Ich habe wirklich nichts getan!«
Plötzlich klang die Stimme des Mannes flehend, fast weinerlich. Peter Larsson musterte ihn. Er versuchte, seinen Ärger zu unterdrücken.
»Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Wir wollen uns mit Ihnen nur über Ihren Neffen Bosse Lindberg unterhalten.«
Der Mann schwieg. Die ganze Fahrt über starrte er reglos geradeaus.
Magnusson erwartete sie bereits. Er erhob sich, umrundete seinen Schreibtisch und streckte freundlich lächelnd die Hand aus.
»Schön, dass wir Sie endlich erreicht haben. Sie sind Nils Lindberg, richtig?«
Der Mann nickte und schüttelte Magnusson die Hand. Sein Blick zuckte unstet hin und her.
»Worum geht’s?«, fragte er. »Was wollen Sie von mir?«
Magnusson kehrte zu seinem Stuhl zurück und bedeutete Lindberg, Platz zu nehmen.
»Das wissen Sie nicht?«
»Angeblich geht es um Bo Erik…«
Lindberg warf Peter Larsson einen Blick zu.
»Aber ich weiß nichts«, fuhr Nils Lindberg fort. »Ich war ein paar Tage verreist, und als ich zurückkam, sah ich, dass die Einfahrt abgesperrt war wie bei Bauarbeiten … und dann riss mich auch schon jemand aus dem Auto und schrie mich an …«
»Wo waren Sie?«, unterbrach ihn Magnusson.
Lindberg zuckte zusammen.
»Bei Bekannten … ich hatte das Bedürfnis, ein paar Tage auszuspannen …«
»Wo?«, wiederholte Magnusson. »Können Sie uns Namen und Adresse mitteilen?«
»Hören Sie … Was soll das …«
Lindberg fing an zu stottern und verstummte.
»Ein paar Tage habe ich in einem Hotel gewohnt«, sagte er schließlich.
»In welchem Hotel?«, fuhr Magnusson unerbittlich fort.
Lindberg starrte zu Boden.
»Svea. Hier in der Stadt. Nur eine Nacht. Das wurde so verdammt teuer. Anschließend habe ich im Auto übernachtet.«
Magnusson rieb sich das Kinn und schüttelte den Kopf.
»Das klingt nicht gerade nach Urlaub«, meinte er. »Wie viele Tage waren Sie weg?«
»Vier oder fünf. Ich weiß nicht…«
»Möglicherweise seit Dienstag?«
Magnusson sah Lindberg fragend an. Schließlich schaute er auf und machte eine vage Handbewegung.
»Ja, könnte sein. Ja, es war wohl Dienstag.«
Magnusson lehnte sich zurück.
»Also der Tag, an dem Ihr Neffe entkam. Hat er sich seither in Ihrem Haus aufgehalten?«
Nils Lindbergs Gesicht verlor jeglichen Ausdruck.
»Ich sagte doch, dass ich nicht zu Hause war. Ich weiß nichts davon. Außerdem habe ich Bo Erik schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen.«
Magnusson starrte an die Decke, dann beugte er sich über den Tisch.
»Glauben Sie, wir sind dumm? Glauben Sie, Sie sitzen hier und unterhalten sich mit Idioten? Warum haben wir Sie wohl abgefangen? Weil wir von Ihren Nachbarn erfahren haben, dass Sie seit Dienstag jeden Tag an dem Haus vorbeigefahren sind.
Außerdem hat man Sie im Ort gesehen. Wir wussten, dass Sie irgendwo in der Nähe stecken, und wir sind uns recht sicher, dass Sie wussten, dass er sich dort im Haus aufhielt.«
»Die Schweine lügen alle!«, rief Lindberg. »Keiner kann mir nachweisen, dass ich …«
»Sie haben gar keine Ahnung, was wir Ihnen nachweisen können und was nicht«, fiel ihm Magnusson ins Wort. »Sie sollten hier lieber keine große Lippe riskieren, sondern mit uns zusammenarbeiten. Wir haben eine tote und eine schwer verletzte Person in Ihrem Haus vorgefunden. Jetzt überzeugen Sie mich erst mal davon, dass Sie damit nichts zu tun haben.«
»Wer … was für Personen?«
Mit offenem Mund starrte Lindberg Magnusson an.
»Erzählen Sie mir der Reihe nach, was sich seit letztem Dienstag ereignet hat. Wenn möglich, die Wahrheit.«
Lindberg fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen und atmete tief durch. Er drückte eine Hand an sein Herz.
»Er ist bei mir zu Hause aufgetaucht«, sagte er mit belegter Stimme. »Also Bo Erik. Hat gesagt, er bräuchte das Haus. Hat mich gezwungen, mich dünn zu machen. Ich habe nicht gewagt, es ihm abzuschlagen.«
»Warum haben Sie uns nicht verständigt?«, fragte Magnusson.
»Er hat mich bedroht …«
Lindberg senkte den Blick.
»Nein, ich habe nicht gewagt, Sie zu informieren. Ich bin einfach weggefahren. Ich habe darauf gewartet, dass er wieder verschwindet.«
Magnusson sah ihn nachdenklich an.
»War er in Begleitung, als er zu Ihnen kam?«
Stumm schüttelte der andere den Kopf.
»Sind Sie sich da vollkommen sicher?«, hakte Magnusson nach.
»Ich habe jedenfalls niemanden gesehen.«
Lindberg beugte sich vor und sah Magnusson flehend an.
»Ich hatte gar keine Zeit. Er hat mich einfach aus dem Haus geworfen. Das ist auch schon früher vorgekommen. Er hat einfach gesagt, ich solle verschwinden…«
»Wie oft?«, fragte Magnusson.
»In den letzten drei Jahren drei- oder viermal. Vielleicht öfter.«
Magnusson faltete die Hände.
»Was hatten Sie eigentlich für ein Verhältnis, Ihr Neffe und Sie?«, fragte er nach einer Pause.
Lindberg zuckte zusammen.
»Verhältnis? Wie meinen Sie das?«
»Wie nahe standen Sie sich? Wie viel Kontakt hatten Sie?«
»Ich habe ihn kaum getroffen«, erwiderte der andere rasch.
»Jahrelang. Abgesehen von den Malen, als er bei mir auftauchte … Was hat er denn selbst gesagt?«
Magnusson überhörte die Frage. Dann setzte er sich gerade hin und sah Lindberg in die Augen.
»Ich bedaure es, Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir ihn tot in Ihrem Haus aufgefunden haben. Wahrscheinlich ist er nicht eines natürlichen Todes gestorben. Die Umstände haben uns zu einer näheren Untersuchung des Tatorts gezwungen, deswegen haben wir Ihr Haus auch abgesperrt.«
Der andere holte tief Luft und nickte.
»Wie …?«
»Dazu kann ich gegenwärtig nichts sagen«, antwortete Magnusson. »Die Ermittlungen laufen noch. Aber Sie erfahren es so bald wie möglich.«
»Und die Frau?«, begann Lindberg und hielt abrupt inne.
Magnusson kniff die Augen zusammen und beugte sich vor.
»Wer?«
Lindberg machte eine vage Handbewegung.
»Ja, diese andere Person. Sie hatten doch gesagt, jemand sei misshandelt worden?«
»Ich habe mit keinem Wort erwähnt, dass es sich um eine Frau gehandelt haben könnte«, meinte Magnusson.
Lindberg rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her, Schweiß perlte auf seiner Stirn.
»Ich muss mich wohl verhört haben, ich dachte …«
Er unterbrach sich und hielt sich eine Hand vor die Brust.
»Ich bin dem nicht gewachsen. Es geht mir nicht gut, ich muss mich ausruhen.«
Magnusson betrachtete ihn.
»Sie müssen für uns erreichbar sein«, sagte er. »Wir müssen uns mit Ihnen noch über die verbliebenen Unklarheiten unterhalten.«
Nils Lindberg stand auf und war schon fast an der Tür, als Magnusson sich räusperte.
»Ich muss Ihnen weiterhin mitteilen, dass wir in Ihrem Haus mehrere Gegenstände beschlagnahmt haben. Unter anderem Videokassetten. Wir haben den Verdacht, dass es sich dabei um Kinderpornos handelt.«
Lindberg drehte sich um.
»Was … Sie können doch nicht einfach bei mir reinstiefeln und …«
»In diesem Fall hielten wir es für angezeigt«, fiel ihm Magnusson ins Wort. »Außerdem handelt es sich um derart obszönes Material, dass eine Beschlagnahmung ganz klar motiviert war. Wir werden dieser Sache nachgehen und eruieren, woher diese Filme stammen…«
»Die gehören nicht mir!«, stieß Lindberg hervor. »So was besitze ich nicht! Die müssen Bo Erik gehören. Er hat sie sicher bei mir liegen lassen. Ja, ganz bestimmt. Jedes Mal bringt er mir Ärger ins Haus!«
Magnusson nickte.
»Gut. Dann brauchen Sie sich ja keine Gedanken zu machen.«
Lindberg blieb noch einen Augenblick in der Tür stehen und starrte ihn an. Dann trat er leicht schwankend auf den Gang.
Mit verbissener Miene saß Magnusson am Schreibtisch.
»Er wusste die ganze Zeit über, dass sie da unten im Keller war.«
Peter Larsson nickte.
»Zumindest wusste er, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Aber das werden wir ihm kaum nachweisen können.
Was die Videos betrifft, wird er sich allerdings kaum rausreden können. Wenn wir ihn überhaupt festnageln können, dann damit.«
Er sah Magnusson an.
»Wahrscheinlich war da was dran, was dieser Journalist über Onkel Nils erzählt hat.«
Magnusson nickte, rieb sich das Kinn und überlegte. Dann warf er Larsson einen Blick zu.
»Sonst habt ihr nichts von Interesse im Haus gefunden?«
Larsson schüttelte den Kopf.
»Nein, aber Reyes hat noch gar nicht richtig losgelegt.«
Plötzlich fiel ihm etwas ein.
»Doch, das weißt du vielleicht noch nicht? Auf der anderen Straßenseite stand ein Corolla. Der Wagen ist auf Bellander zugelassen. Die Schlüssel lagen in Lindbergs Jackentasche. Er muss mit dem Wagen gekommen sein.«
Magnusson starrte ihn an. Dann nickte er langsam.
»Er muss im Sommerhaus gewesen sein. Er kam von dort. Er muss gewusst haben, was Anneli Holm und Bellander zugestoßen war …«
Er verstummte und rieb sich nachdenklich seine Hände.
»Soll ich dir sagen, woran mich das erinnert? Als stünde man bis zu den Knien in einer Jauchegrube. Sobald man einen Schritt tut, sinkt man noch tiefer ein.«
»Katja Walter«, meinte der Jüngere. »Sie muss doch eigentlich wissen, was passiert ist? Es sollte doch in ihrem Interesse liegen, uns davon zu erzählen.«
Magnusson warf ihm einen unfrohen Blick zu.
»Ich bin mir nicht so sicher, dass sie das auch so sieht. Im Augenblick sieht es so aus, als hätte sie sich für das genaue Gegenteil entschieden.«
Peter Larsson sah seinen Kollegen an.
»Nielsen«, sagte er. »Der Journalist. Er hat sich doch so manchen Gedanken gemacht?«
Magnusson verzog das Gesicht.
»Ich weiß nicht recht. Ich hatte eher den Eindruck, dass er versucht hat, mich auszuhorchen.«
»Aber schließlich ist er durch die Gegend gefahren und hat sich mit allen möglichen Leuten unterhalten. Hat einiges an Informationen zusammengetragen. Vielleicht sollten wir doch noch mal mit ihm reden?«
»Und was bringt uns das?«
Larsson zuckte mit den Schultern.
»Vielleicht einen neuen Blickwinkel.«
Magnusson holte Luft.
»Natürlich können wir uns nochmal mit ihm unterhalten.
Vielleicht hat er noch etwas Interessantes zu dem Fall beizutragen. Aber ich würde mir an deiner Stelle keine allzu großen Hoffnungen machen. Und wir haben ja selbst schon allerhand. Vielleicht sollten wir uns damit begnügen.«