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Das weiße Haus im Kolonialstil an der Maple Avenue, bekannt als Washington House, war nur eines der Anwesen, die Shamus Hennicot gehörten. Seit dreißig Jahren verbrachte er jeden Sommer mit seiner Familie in einer Villa auf Martha’s Vineyard, der Insel vor Cape Cod in Massachusetts. Deshalb stand Washington House im Juli und August meist leer, sofern nicht Julia Quinn auf Anfrage dorthin kam und sich um Dinge kümmerte, die mit Hennicots Kunstsammlung oder seinen Spenden zu tun hatten.

Washington House war 1901 erbaut worden und zur damaligen Zeit mit über neunhundert Quadratmetern Wohnfläche das größte Haus des gesamten Bezirks. Einst das Glanzstück der bescheidenen Ortschaft Byram Hills, war es wie die Stadt selbst in der gewaltigen Expansion während des vergangenen Jahrhunderts untergegangen. Doch im Unterschied zu vielen Nachbarhäusern, die abgerissen worden waren, um dem sogenannten Fortschritt zu weichen, hatte man Washington House immer wieder an die veränderten Umstände angepasst: Kaum hatte es Autos gegeben, waren Garagen angebaut worden. Im ganzen County war es das erste Haus mit fließendem warmem und kaltem Wasser gewesen. Die Sechzigerjahre brachten Klimatisierung und doppelt verglaste Isolierfenster. Ende der Neunzigerjahre kam eine energieeffiziente Heizung hinzu. Auch die Raumaufteilung war einem ständigen Wandel unterworfen gewesen: Wände waren eingefügt, entfernt und erweitert worden; man hatte Zimmer hinzugebaut, abgerissen oder zusammengelegt.

In neuester Zeit waren kabelloses Internet und digitales Satellitenfernsehen installiert worden; außerdem wurden zahlreiche Räume mit Unterhaltungssystemen versehen, auch wenn der alte Shamus Hennicot und seine Familie die moderne Technik kaum nutzten.

Die größte Modifikation allerdings, die weder dem Grundbuchamt, den Versorgungsgesellschaften noch irgendeinem ortsansässigen Handwerksunternehmen bekannt war, bestand im kompletten Umbau des Untergeschosses, das nach Fertigstellung von der Familie liebevoll als »Dantes Gewölbe« tituliert wurde. Verstärkte Betonmauern, Boden und Decke aus 12-Millimeter-Stahlplatten, alles kaschiert von Kassettendecken, Täfelungen und Zierleisten in dunklem Nussholz. »Dantes Gewölbe« war ein eleganter Tresor von gewaltigen Ausmaßen, der einer als uneinnehmbar geltenden Festung das ästhetisch angenehme Aussehen eines englischen Herrenhauses verlieh.

Shamus Hennicot war der geistige Vater dieser Absicherung des Kellergeschosses. Während er als freundlichster und wohltätigster Spross einer langen Linie von Geizhälsen galt – ein Menschenfreund, der regelmäßig anonym spendete und Exponate der väterlichen Kunstsammlung verlieh –, war er zugleich der Ansicht gewesen, dass gewisse Dinge den modernen Menschen zu stark in Versuchung führen. Dinge, die aus Gründen, die nur Shamus Hennicot hätte erklären können, für immer weggeschlossen gehörten.

Nick parkte seinen Audi hinter dem Haus, nahm die Taschenlampe vom Beifahrersitz und öffnete die schwere stählerne Hintertür mit Julias Schlüssel und Codekarte. Als er in dem kleinen Vorraum stand, entriegelte er mit der Magnetkarte die magnetisch verschlossene innere Tür. Alle Lichter waren aus, da die Akkus der Notbeleuchtung schon vor Stunden leer gewesen waren, doch das Sicherheitssystem konnte seine Grundfunktionen mit Batteriestrom aufrechterhalten, der für weitere vierundzwanzig Stunden reichte. Deshalb sperrten die Schlösser noch, und das Schlüsselsystem funktionierte.

Nick schaute sich im Erdgeschoss kurz um. Das Nachmittagslicht reichte aus, um sehen zu können. Er fand alles, was zu einem modernen Haushalt gehörte: Wohnzimmer, Esszimmer, Küche und Salon, während sich in einem anderen Flügel eine Bibliothek, ein Billardzimmer und ein Musikzimmer befanden.

Ohne ins Obergeschoss zu gehen, öffnete Nick mit der verschlüsselten Codekarte eine große, schwere Kellertür; ein weiß lasiertes Holzfurnier bedeckte einen acht Zentimeter dicken Kern aus Panzerstahl. Hinter der Tür befand sich eine unbeleuchtete dunkle Treppe. Nick schaltete die Taschenlampe ein und war überrascht, teure grüne Tapete mit Lilienmuster und Treppenstufen mit dickem Teppichbelag zu sehen. Er stieg fünfzehn Stufen hinunter und gelangte an eine weitere Tür. Sie sah anders aus als die vorherige, bestand aus gebürstetem Stahl und hatte weder einen Knauf noch Angeln. Nick zog den achteckigen Schlüssel hervor, den er aus Julias Handtasche genommen hatte. Sie hatte ihm erklärt, was es mit der eigentümlichen Form dieses Schlüssels und dem Sicherungssystem auf sich hatte – oder würde es ihm erklären, je nachdem, welche Zeitabfolge Nick zugrunde legte.

Der Schlüssel konnte in acht verschiedenen Positionen ins Schloss eingeführt werden, doch nur eine davon aktivierte den Öffnungsmechanismus. Jede Seite des Schlüssels war mit einem Buchstaben markiert, wobei jeder Buchstabe bestimmten Daten des Jahres zugeordnet war. Wurde der Schlüssel zweimal hintereinander falsch eingeführt, sperrte das System den Benutzer vierundzwanzig Stunden lang aus. Außerdem wurde die Tür hinter ihm verriegelt, sodass er in der Falle saß, bis jemand kam. Der Keller war im Grunde ein einziger großer Panzerschrank.

Wie Julia es ihm erklärt hatte, schob Nick den Schlüssel mit der D-Seite nach oben ein, zog die Magnetkarte dreimal hindurch und tippte Julias Sozialversicherungsnummer in das Ziffernfeld unter dem Kartenleser. Nachdem Nick den Schlüssel umgedreht hatte, schwang die Tür geräuschlos auf.

Nick wurde von einem Tischschaukasten mitten im Vorraum begrüßt, der aussah wie die Empfangshalle eines Museums. Das durchsichtige Gehäuse reflektierte den Strahl seiner Taschenlampe, und mitten in der gläsernen Oberseite sah Nick als matte Fläche einen großen perfekten Kreis, den jemand aus dem Material herausgeschnitten hatte. Der Schaukasten war leer; ohne Zweifel hatte er den antiken Waffen, die Julia ihm beschrieben hatte, als Behältnis gedient.

Was Nick eigenartig erschien, war ein Gemälde an der Wand, das Seerosen zeigte. Wer der Maler war, daran konnte kein Zweifel bestehen. Mit seinen sichtbaren Pinselstrichen und den verschwommenen Darstellungen der Pflanzen auf dem Wasser zeigte das Gemälde starke impressionistische Züge. Und auch wenn die antiken Waffen, die gestohlen worden waren, einen immensen Wert besaßen, kamen sie niemals auch nur in die Nähe der Summe, die Museen in aller Welt für dieses Gemälde zu zahlen bereit gewesen wären – eines der schönsten Gemälde Claude Monets, ein Werk, dessen Pendant erst vor Kurzem bei einer Auktion achtzig Millionen Dollar erzielt hatte.

Nick schaute sich im Untergeschoss um und entdeckte Konferenzräume, Werkstätten zur Restaurierung von Kunstwerken, klimatisierte Lagerräume mit Hunderten von Versandkisten, auf denen die größten Museen der Welt als Absender- und Empfängeradressen standen: das Smithsonian Institute, das Metropolitan Museum of Art, der Louvre, die Vatikanischen Museen. Die Kisten wiesen die verschiedensten Formen und Größen auf; es war unmöglich zu sagen, was sie enthielten.

Hennicots Privatbüro war elegant eingerichtet, doch fehlte ihm ein wenig der Charakter und die Spuren regelmäßiger Nutzung. Dass kein einziges Foto oder Erinnerungsstück zu sehen war, belegte diesen ersten Eindruck.

Nick stellte sich an den Schreibtisch und bemerkte einen eigentümlichen würfelförmigen Metallkasten von fünfzehn Zentimetern Kantenlänge mit einer roten Halbkugel auf der Oberseite. Ähnliche Kästen hatte er neben dem Monet an der Wand und im Flur gesehen, der zum Büro führte. Er hatte angenommen, dass die Kästen zum Sicherheitssystem gehörten, doch nun begriff er, dass die Diebe sie aufgestellt hatten und dass es sich um jene Geräte handelte, mit denen die Kameras unbrauchbar gemacht worden waren.

Bedächtig leuchtete Nick mit der Taschenlampe durch den Raum. Vielleicht half ihm der Anblick, Shamus Hennicot ein bisschen besser zu verstehen. Auf den Wandregalen standen Lexika und philosophische sowie theologische Werke; Nick entdeckte außerdem Dantes Göttliche Komödie sowie Traktate über Armut und Hunger weltweit.

Er drehte sich um, öffnete die Schubladen der Anrichte und fand mehrere Plaketten, Orden und Ehrengaben. Im Unterschied zu den Trophäen, die Nick in seiner eigenen Bibliothek aufbewahrte, waren sie nicht für sportliche Leistungen verliehen worden, sondern für Taten von wahrhaftiger Bedeutung, die alle Eishockeymeisterschaften und Schwimmwettbewerbe weit in den Schatten stellten. Die schlichten Plaketten waren von Unicef, Wildlife Trust, Habitat for Humanity, Ärzte ohne Grenzen und Environment Rescue verliehen worden. Alle diese Organisationen hatten Shamus Hennicot mit ihren höchsten Auszeichnungen geehrt.

Ohne Hennicot jemals kennengelernt zu haben, erhielt Nick binnen kurzer Zeit Einblick in dessen Charakter: Er schien ein Mann zu sein, dem die eigene Großzügigkeit peinlich war und der beschlossen hatte, die Anerkennungen zu verbergen, mit denen man ihn überhäufte.

Nick ließ den Kegel der Taschenlampe durch den fensterlosen Raum wandern und wollte schon gehen, als er in einer Wand einen feinen Riss sah. Er fuhr mit den Fingern über das dunkle Nussholz und entdeckte eine Fuge in der Vertäfelung – ein Fehler, den man angesichts der handwerklichen Perfektion niemals erwartet hätte. Nick legte die Hand auf die Tafel. Als er leicht dagegendrückte, schwang das gesamte Wandstück an Scharnieren geräuschlos nach innen. Die schmale Tür hatte weder Griff noch Türknauf. Hinter ihr befand sich ein kleiner Raum von zweieinhalb Metern im Geviert. Hier gab es keine Wandverkleidung, und niemand hatte den Versuch unternommen, den kahlen Beton zu kaschieren. Drei schmucklose Lampen hingen von der Decke, doch wie alle Leuchten hatten sie derzeit keinen Strom. Ein weiterer Kasten mit roter Kuppel war an der Wand befestigt.

Die beiden Harris-Geldschränke, die mitten auf dem Fußboden standen, waren so schmucklos wie die Wände. 1948 gebaut, hatten sie Schwungräder in der Mitte der Türen; daran befanden sich Griffstangen aus Messing. Beide Tresore waren einen Meter zwanzig hohe Quader aus Stahl, die jeweils mindestens eine halbe Tonne wogen. Doch nicht nur das Gewicht machte es Dieben schwer, denn die Tresore waren obendrein am Boden verschraubt und wahrscheinlich in das Fundament aus Granit eingelassen. Beide Tresore sahen identisch aus, unterschieden sich aber in einer Hinsicht: Die Tür des rechten Tresors stand verdächtig offen. Der Innenraum war mit schwarzem Filz ausgeschlagen, damit nichts, was darin aufbewahrt wurde, anschlagen konnte. Der Safe war leer – ausgeräumt, wie man so sagt.

Die antiken, juwelenbesetzten Waffen aus Gold und Silber waren gewiss von beträchtlichem Wert und brachten auf dem Schwarzmarkt ein paar Millionen, doch sie stellten nur die Spitze des Eisbergs dar. Ein achtzig Millionen Dollar teurer Monet, der offen an der Wand hing, und ein Lagerraum voller Exponate, um die sich die bedeutendsten Museen der Welt geprügelt hätten – das alles war unbeachtet geblieben.

Warum?

Weil in dem leeren Harris-Safe irgendetwas gelegen hatte, das noch kostbarer war.

Brillanten? Nein, Nick vermutete, dass es etwas viel Bedeutsameres gewesen war.

Ewas, von dem auch Julia nichts gewusst hatte.

Etwas, das Shamus Hennicot unbedingt in diesem Geheimraum des gewölbeartigen Museums im Untergeschoss seiner Villa in einem hundertzwanzig Zentimeter hohen Panzerschrank verstecken wollte – aus welchen Gründen auch immer.


 
Marcus begrüßte Nick, als er seine Haustür öffnete. Er trug einen grauen Nadelstreifenanzug. Die Hose hatte perfekte Bügelfalten, das Hemd war blütenfrisch und gestärkt, der blaue Schlips saß gerade und glatt. »Möchtest du einen Drink, oder wäre dir ein bisschen Strom lieber?« Im Hintergrund war das Dröhnen eines Motors zu hören. »Ich hab dir ja gesagt, du sollst dir einen Generator zulegen.«

»Ich brauche deine Hilfe«, sagte Nick, als er zur Tür hereinkam und das Marmorfoyer betrat.

»Endlich gibst du es mal zu«, erwiderte Marcus mit leichtem Lächeln.

 »Kennst du jemanden, der den Halter eines Fahrzeugs ermitteln kann?«

»Ja, Martin Scars vom Straßenverkehrsamt.« Marcus wurde ernst, als er merkte, dass Nick nicht in der Laune für Geplänkel war. »Er hat mir immer gerne geholfen. Meine Rechtsabteilung arbeitet eng mit ihm zusammen. Was ist los? Hat man dir schon wieder einen Strafzettel verpasst?«

Nick verneinte kopfschüttelnd, ohne auf den Scherz einzugehen.

Marcus führte Nick in seine Bibliothek und ließ sich in einem der Ohrensessel vor dem Schreibtisch nieder. Nick nahm auf einem identischen Sessel gegenüber Platz.

Erst jetzt fiel ihm auf, wie bedrückt Marcus aussah.

»Alles in Ordnung?«, fragte Nick.

»Ich habe eben einen Anruf aus der Firma bekommen. Du kennst doch Jason Cereta, nicht wahr? Den Burschen, den ich vor einem halben Jahr eingestellt habe? Im März ist er mit uns zu einem Spiel der Rangers gefahren.« Marcus schwieg einen Augenblick und schüttelte den Kopf. »Er war Passagier des Fluges 502.«

»Das tut mir leid«, sagte Nick.

»Ein junger Kerl, zwei Kinder. Er ist nach Boston geflogen, um für mich die Übernahme einer Firma zu prüfen. Jetzt ist er tot. Mir kommt es so vor, als hätte ich ihn in den Tod geschickt.«

»Das ist Quatsch, und das weißt du. Du konntest nicht wissen, was passiert.«

»Nein, natürlich nicht. Jason wollte in Boston mit dem Eigentümer der Halix Ski Company sprechen. Ich hatte ihm gegenüber erwähnt, dass ich die Skier dieses Unternehmens mag, seit ich ein Junge war, und dass ich die Firma gerne übernehmen würde. Ein solides Unternehmen. Hätte Spaß gemacht, die Produkte zu testen … und die Werbemodels. Ich bin sicher, Jason hätte den Deal eingefädelt und damit seine Karriere weiter vorangetrieben.« Marcus atmete tief durch. »Und jetzt ist er tot.«

»Gib dir nicht die Schuld.«

»Wenn jemand auf eine Reise geht, um für dich Geld zu verdienen, und dabei ums Leben kommt, wie würdest du dich fühlen?«, fragte Marcus, wütend auf sich selbst.

»Julia wollte die Maschine ebenfalls nehmen«, sagte Nick unvermittelt.

»Was? Das ist nicht dein Ernst«, sagte Marcus entsetzt. »Wieso ist sie nicht eingestiegen?«

»Sie ist eingestiegen.«

Marcus starrte ihn an, als hätte er einen Verrückten vor sich.

»Aber sie ist kurz vor dem Abflug von Bord gegangen.« Nick kam noch immer nicht über die Ironie hinweg. »Bei einem ihrer Mandanten wurde eingebrochen. Sie musste sich um die Sache kümmern.«

»Das ist ja unglaublich!«

»Und darum bin ich hier.« Nick schwieg kurz. »Julia ist zwar dem Flugzeugabsturz entkommen, wurde dann aber ermordet.«

Marcus wurde bleich.

»Der Einbruch«, sagte Nick. »Die Täter haben sie getötet.«

Marcus fuhr sich mit den Händen über den kahl werdenden Kopf. »Willst du mich verarschen? Hast du zu viel getrunken?«

»Vertraust du mir, Marcus?«

»Wie bitte?«

»Ob du mir vertraust?«

»Was soll die Frage?«

»Wenn ich dir eine fantastische Geschichte erzähle, die niemand sonst glauben würde, weil sie gegen alle Vernunft verstößt, würdest du mir trotzdem glauben?«

»Wenn du versuchst, mich auf den Arm zu nehmen …«

 »Wenn diese Geschichte der Schlüssel wäre, um Julia das Leben zu retten?« Nick griff in die Tasche und holte die Uhr heraus. Er klappte den goldenen Deckel auf, und das silberne Innere spiegelte das Licht im Zimmer. Er reichte Marcus die Uhr.

»Fugit irreparabile tempus«, las dieser die Inschrift auf der Innenseite. »›Es entflieht die unwiederbringliche Zeit.‹ Ein Vers des römischen Dichters Vergil. Daher kommt die Redewendung Tempus fugit

Nick nahm den Brief hervor, öffnete ihn und reichte ihn Marcus. Der legte die Taschenuhr auf den Schreibtisch, lehnte sich zurück und senkte den Blick auf das Papier.

Er las den Brief zweimal, ehe er aufsah.

Der Moment, als sie einander stumm in die Augen schauten, schien sich ewig zu dehnen.

»Julia wird heute Abend um achtzehn Uhr zweiundvierzig ermordet«, sagte Nick schließlich und kämpfte seine Gefühle nieder. »Ich kann sie nur retten, indem ich den Mann finde, der es getan hat, und ihn aufhalte.«

Marcus saß da wie vom Donner gerührt, während er beobachtete, wie sein Freund um Fassung rang. Schließlich holte Nick sein Handy hervor, öffnete es und rief das Bild der toten Julia auf. Er bereute jetzt schon, das grauenhafte Foto aufgenommen zu haben; es erschien ihm wie eine Verletzung ihrer Menschenwürde, ihrer Seele. Es kam ihm beinahe so vor, als drücke er selbst auf den Abzug der Mordwaffe. Zugleich war ihm klar, dass es keinen besseren Weg gab, Marcus zu überzeugen. Er wandte den Blick ab, als er dem Freund das Handy reichte.

Marcus betrachtete das Foto. Im ersten Moment wusste er nicht, was er sah. Dann begriff er, was er sich anschaute. »O Gott … das ist ja …«, stammelte er.

Nick schwieg.

Entsetzen und Übelkeit überfielen Marcus. Sein Atem ging schneller. Er konnte den Blick nicht von dem nehmen, was einst Julias Gesicht gewesen war. Das grässliche Bild füllte das kleine Display aus.

»Was hast du getan?«, fuhr er Nick an.

Nick antwortete nicht. Seine Augen waren voller Qual.

Marcus stürmte aus dem Zimmer, riss die Haustür auf und rannte über den offenen Rasen auf das Haus der Quinns zu.

Plötzlich blieb er so abrupt stehen, dass er beinahe gestürzt wäre.

»Hi, Marcus! Jogging in Nadelstreifen?«, rief Julia. Eine warme Sommerbrise spielte mit ihrem blonden Haar.

Sie stand an der offenen Heckklappe ihres schwarzen Lexus und hob eine Leinentasche heraus.

Marcus beugte sich vor, stützte die Hände auf die Knie und rang nach Atem. Er begriff nicht, was er sah. Er begriff überhaupt nichts mehr.

»Julia«, stieß er hervor. »Alles okay?«

»Warum nicht? Mir geht es bestens«, sagte Julia lachend. Sie stellte die Tasche ab und ging auf Marcus zu. »Aber du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen.«

»Nick sagt …«

»Er ist bei dir?« Julia schaute an Marcus vorbei auf dessen Haus. »Er ist hier ganz plötzlich verschwunden … hat er dich so durcheinandergebracht?«

Marcus richtete sich auf, als Julia ihn erreichte. Er starrte sie an, als hätte er tatsächlich ein Gespenst vor sich. Das grauenhafte Bild auf Nicks Handy hatte ihn so sehr verstört, dass es ihm nun, als er Julia anschaute, trotz der dreißig Grad im Schatten eiskalt über den Rücken lief.

»Du siehst aus, als hättest du den Leibhaftigen gesehen«, sagte Julia halb im Scherz. »Soll ich dir ein Glas Wasser holen?«

Marcus schüttelte den Kopf.

 »Warum bist du so schnell hierhergerannt? Stimmt was nicht?«

»Es … ich …« Marcus fehlten die Worte. Er konnte unmöglich aussprechen, was er vor zwei Minuten auf dem Handydisplay gesehen hatte.

»Hast du von meinem Beinahetod gehört?«

Marcus begriff nicht, worauf sie anspielte.

»Ich fasse es immer noch nicht«, sagte Julia. »Die vielen Opfer … Das Flugzeug ist wie ein Stein vom Himmel gefallen. Ich hatte unfassbares Glück, dass ich noch lebe. Deshalb koste ich nun jeden Atemzug aus, und ich werde das Leben nie wieder als etwas Selbstverständliches betrachten. Heute wäre ich beinahe umgekommen. Da glaubt man plötzlich an das Schicksal, Marcus.«


 
Als Marcus in die Bibliothek zurückkehrte, sah er aus, als hätte er einen Schlag in die Magengrube bekommen. Einen Augenblick stand er da und rang um Fassung.

»Ist das irgendein kranker Scherz?«, rief er dann zornig. »Verarsch mich nicht noch mal so!«

Nick blieb im Ledersessel sitzen und blickte den Freund kopfschüttelnd an. »Mit so etwas würde ich niemals Witze machen.«

Marcus, erschöpft und ausgelaugt, ließ sich in den anderen Sessel sinken. Zwei Minuten lang starrte er vor sich hin. Nick konnte sehen, wie es in ihm arbeitete. Schließlich schloss er die Augen und legte den Kopf in den Nacken.

»Du verlangst eine Menge, Nick. Einen gewaltigen Vertrauensvorschuss.«

»Ich weiß.« Nick blickte Marcus beschwörend an. »Es tut mir leid, dass ich dich da hineinziehe, aber du bist der Einzige, dem ich vertraue und von dem ich weiß, dass er mich nicht für verrückt hält, wenn ich ihm mit dieser Geschichte komme.«

 »Siehst du auch mich in der Zukunft?«

Nick nickte. »Ja, in ein paar Stunden. Du stehst mir zur Seite. Du verteidigst mich, als man mir vorwirft, Julia ermordet zu haben.«

»Mein Gott.« Marcus legte die Hände an die Schläfen, als wollte er verhindern, dass sein Schädel explodierte. »Das ist Irrsinn!«

»Ich weiß.«

»Wie funktioniert das?«

»Das kann ich nicht erklären«, sagte Nick leise. »Und es könnte alles auch nur ein Albtraum sein. Aber ich weiß, dass Julia stirbt, wenn ich ihren Mörder nicht finde.«

»Und was tust du, wenn du ihn findest?«

»Die Folgen sind mir egal.«

»Das ist keine Antwort auf meine Frage.«

»Du weißt genau, was ich dann tun werde«, sagte Nick.

»Und wenn es mehr als einer ist?«

»Dann bringe ich sie alle um.«

Marcus ging zu seiner Bar, nahm zwei Tiffany-Kristallgläser vom Regal und goss zwei Whiskey ein. Ein Glas reichte er Nick. »Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich brauche jetzt was für die Nerven.«

»Ich auch«, sagte Nick und nahm Marcus das Glas aus der Hand. »Ich muss herausfinden, wer abgedrückt hat.«

»Und wenn du Julia von hier fortschaffst? Weg von Byram Hills? Dann ist sie nicht zu Hause, wenn der Mörder kommt.«

»Das stimmt. Und ich schicke sie auch fort, in anderthalb Stunden. Aber das heißt nicht, dass ihre Mörder nicht mehr hinter ihr her sind. Julia ist dem Tod entkommen, indem sie nicht in dem Flugzeug war, aber sie wurde noch am gleichen Tag ermordet. Wer kann schon sagen, ob man sie nicht später umbringt, auch wenn ich sie vor der Kugel schütze, von der ich weiß? Deshalb muss ich den Mann, der abdrücken wird, jetzt finden, solange noch Möglichkeiten bestehen und solange ich die Zeit noch auf meiner Seite habe.«

»Das alles ist total verrückt. Ich krieg das einfach nicht auf die Reihe«, sagte Marcus.

»Glaub mir, ich befasse mich schon seit Stunden damit, und mir geht es nicht anders«, erwiderte Nick. »Egal was ich tue – es hat Folgen. Es wirkt sich auf Ereignisse aus, die ich bereits beobachtet habe, deren Folgen ich gesehen habe. Allein schon, indem ich hierherkomme und dir alles sage, verändere ich die Zukunft auf eine Weise, die ich nicht vorhersehen kann.

Weil ich dir gesagt habe, was passieren wird, wirst du mich in viereinhalb Stunden nicht davon abhalten, in unser Haus zurückzugehen, um herauszufinden, wer Julia ermordet hat. In dreieinhalb Stunden wirst du mich nicht neben ihrer Leiche finden. In vier Stunden wirst du mich nicht mit zu dir nach Hause nehmen, mir Scotch anbieten«, Nick hob das Glas, »und ein Freund sein. Genau in diesem Zimmer haben wir gesessen. Du hast deinen Kumpel Mitch Shuloff angerufen und gesagt, dass er der beste Anwalt ist, den du kennst, dass er aber immer zu spät kommt. Außerdem schuldet er dir einen Tausender, weil gestern Abend die Yankees gewonnen haben.«

Marcus starrte Nick an, als hätte dieser soeben ein Wunder gewirkt. »Davon habe ich niemandem etwas erzählt. Das ist völliger Irrsinn …« Er verstummte fassungslos. »Und was wird am Ende aus dir?«, fragte er dann.

»Ich werde verhaftet«, antwortete Nick. »Wegen Mordes an Julia.«

»Mein Gott, so ein Wahnsinn!«

»Ja. Das sagst du auch, wenn sie kommen, um mich zu verhaften. Genau hier.«

»Du wirst verhaftet?«, fragte Marcus ungläubig. »Hier?«

 »Du hättest fast die Bullen zusammengeschlagen, als du versucht hast, sie aufzuhalten.« Nick grinste. »Dafür habe ich dir noch gar nicht gedankt.«

»Gern geschehen«, sagte Marcus verwirrt.

»Sie treten dir die Tür ein.«

»Welche Tür?«

»Zwei Türen. Die Haustür und die Tür zur Bibliothek.«

»Verdammt! Die waren sauteuer.«

»Dafür schlagen die Yankees schon wieder die Red Sox.«

»Oh! Noch ein Tausender, den Mitch mir schuldet. Ich sollte ihn gleich anrufen und ihm doppelt oder nichts anbieten.«

»Die Yankees gewinnen mit sechs zu fünf. Ich könnte dir sogar sagen, wie, wann und durch welchen Spieler. Wie auch immer, nachdem ich dich jetzt ins Bild gesetzt habe, ändert sich alles.«

»Nein, Nick.« Marcus sah ihn an. »Manches ändert sich nie. Für dich würde ich alles noch einmal tun.«

»Nein«, sagte Nick.

»Doch.«

»Aber das sollst du nicht. Denn du sollst nicht mehr hier sein, weil ich dich bitte, mit Julia so weit weg von Byram Hills zu fahren, wie du kannst. Lass sie nicht aus den Augen.«

»Ich dachte, du hättest bereits dafür gesorgt, dass sie in anderthalb Stunden aufbricht.«

»Das stimmt. Sie ist eine Minute vor sechs abgefahren. Aber wenn du sie begleitest und wenn sie noch in dieser Stunde mit dir losfährt statt in anderthalb Stunden, hat sie größeren Vorsprung und jemanden, der auf sie aufpasst. Dann ist sie sicherer.«

»Du weißt, ich würde alles für euch tun.«

»Ja, das weiß ich«, antwortete Nick.

»Kennst du meinen Freund Ben Taylor? Am besten, wir fahren zu ihm. Im Haus eines Exsoldaten dürfte Julia ziemlich sicher sein, meint du nicht auch?«

 »Gute Idee.«

»Woher weiß ich, wann alles okay ist?«

»Ich finde dich schon.«

»Und wenn ich nichts von dir höre?«

»Gehst du zur Polizei, weil ich dann tot bin.«


 
Nick hatte Marcus der Reihe nach erzählt, was er in welcher Stunde erlebt hatte, ohne etwas auszulassen. Marcus wusste nun alles – vom Christopherus-Anhänger und dem blauen Impala bis hin zum Kugelhagel in Julias Büro und dem, was Nick in Hennicots Haus gesehen hatte.

»Ich möchte dir eine Frage stellen«, sagte Marcus. »Am Ende des Briefes ist doch dieser merkwürdige Absatz …«

Nick holte den Brief hervor und blickte auf die Schriftzeichen.


 
Φλιγητ 502 χρασηεδ ωιτη Κ ον βοαρδ, µαρψ ωασ

κιλλεδ βψ τηοσε ωηο ροββεδ µε ανδ στολε τηε φακε

µαηογανψ βοξ ιν αδδιτιον νοτε τηε ναση τηε οιυηε

ισιφυυ τοδελιϖερϖερδ τηε ωατχη, ∆ρεψφυσ ισ δεαδ,

νιχκ ισ βεινγ φραµεδ ανδ τηισ αλλ αοσιυφ σηφϕεϕ.

ακδϕφ σκφϕεοοιαηητ εηιοισφµ. ηαππενεδ βεχαυσε ι

νεϖερ δεστροψεδ τηε τιµε σδφκϕκεισιιφ ασδκλκσφ σφ

κσφ φιεϕϕαφ σκϕφ εκϕ φ σφκϕ εοιϕφ εκρϕ τηε τψουρ

φκϕδφ ε φκφϕ ειιϕφ σφιϕ φϕιφϕ εϕκαφϕ ϕκελκασδφ

δϕφκ φϕδ δϕδϕ δ ϕρ εϕ φ αδϕε φϕϕδ φ τϕεκϕφ σοιυωερ

ϕφϕσφ νε ϕδφϕ φ δπιεχε


 
»Hast du eine Ahnung, was das heißt?«, fragte Marcus.

»Noch nicht. Aber ich habe etwas anderes, das uns weiterhelfen könnte.« Er reichte Marcus ein Blatt Papier. »Ich habe das Nummernschild des Wagens, den ihr Mörder gefahren hat.«

 »Du musst die Nummer der Polizei übergeben«, sagte Marcus.

Nick lachte bitter auf. »Bei einem Mord, der noch nicht geschehen ist? Niemand wird sich um die Sache kümmern, ehe Julia ermordet wird. Außerdem ist jeder Polizist der Stadt an der Absturzstelle.«

»Du solltest ihnen das Foto auf deinem Handy zeigen«, riet Marcus.

»Sie würden mich als Verrückten einsperren, und Julia würde trotzdem sterben.« Er nahm die Uhr vom Schreibtisch und las die Zeit ab: halb fünf. »Hilf mir herauszufinden, wem der Wagen gehört. Ich habe nicht mehr lange.«

Marcus musterte Nick mitfühlend, während er eine Nummer ins Handy eintippte. »Helen?«, sagte er, ohne auf Antwort zu warten. »Rufen Sie Nancy, Jim, Kevin, George, Jean, K. C., Jackie und Steve sofort in den Konferenzraum. Feuerwehrübung.«

»Darf ich mal an deinen Computer?«, fragte Nick.

Marcus nickte, und Nick setzte sich vor die drei Monitore, auf denen Börsenticker, Finanzgrafiken und Nachrichten zu sehen waren.

»Nimm den mittleren«, sagte Marcus und verließ die Bibliothek, das Handy am Ohr. »Okay, Helen, ich brauche Folgendes …«

Nick legte den Palm Pilot vor den Computer und schickte die Datei über die Bluetooth-Schnittstelle an Marcus’ System. Wie zuvor erschienen sechs Dateien auf dem Bildschirm.

Rasch sprang er zur zweiten Datei, und die Videobilder füllten das Display. Ton gab es nicht, sodass die Aufnahmen den Eindruck eines Amateurvideos machten. Mit einem Mausklick markierte Nick das Bild der Tür aus gebürstetem Stahl und vergrößerte es, damit er sich ganz darauf konzentrieren konnte. Dann ließ er schnell vorlaufen bis zu der Stelle, an der die Tür sich langsam öffnete, wartete, bis der dunkelhaarige Mann gut zu sehen war, und stoppte das Video.

Er druckte das Bild aus und nahm das körnige, aber gut erkennbare Foto aus dem Drucker. Der Mann war erschreckend dünn und trug ein weißes Baumwollhemd. Sein Gesicht wirkte ausgezehrt, und die Augen verbargen sich hinter einer Sonnenbrille.

Nick musterte den Ausdruck eingehend und versuchte es auch bei dem Original auf dem Bildschirm; dann suchte er in seiner Tasche, holte den Christopherus-Anhänger hervor und maß dessen Länge. Er schätzte, dass der Anhänger dem Mann wenigstens bis zum zweitobersten Hemdknopf reichen würde.

Er klickte auf PLAY und schaute sich noch zwanzig Minuten lang das Video an. Dann verschwand das Bild und wich weißem Schnee. Nick ließ das Video zwanzig Minuten schnell vorlaufen, sah aber nur Rauschen. Die Datei endete.

Nick machte mit der dritten Datei weiter und fand Bilder von Schlafzimmern und den Wohnräumen. Er ließ sie schnell durchlaufen, sah in den zwanzig Minuten aber nicht die geringste Bewegung. In der vierten und fünften Datei entdeckte er Bilder, die er kannte: Bilder vom Tresor, dem Lagerraum, den Fluren und Konferenzräumen. Die Bilder wechselten vom noch unbeschädigten Schaukasten, in dem zierliche Schwerter, Dolche und Pistolen lagen, zu Hennicots Büro und den Panzerschränken, deren Türen beide noch geschlossen waren. Dann, nach dem Zeitstempel um 11.15 Uhr, verwandelten sich auch die Bilder dieser beiden Dateien in flimmernden Schnee.

Nick klickte auf die sechste und letzte Datei und fand sich in einer Sackgasse wieder: Eine Dialogbox öffnete sich und gab bekannt, dass der Dateityp nicht erkannt sei. Nick versuchte es noch einmal und kopierte die Datei abermals vom Palm Pilot, als Marcus zurückkam.

 »Sieht verschlüsselt aus«, sagte er, als er Nick über die Schulter blickte. »Vertraulich, nehme ich an.«

Nick zog die Taschenuhr hervor. Von der Stunde waren nur noch zehn Minuten übrig, und aus den Dateien hatte er längst nicht so viel erfahren, wie er sich erhofft hatte.

»Was hast du herausgefunden?«, fragte Marcus.

»Nicht viel.« Nick reichte ihm den Ausdruck. »Wie es aussieht, begann der Einbruch um viertel nach elf.«

»Okay«, sagte Marcus, wobei er das Foto betrachtete, »ein Gesicht hast du jetzt. Das ist doch schon mal ein Anfang.«

»Ja, wenn ich einen Monat Zeit hätte. Mir bleiben aber nur noch ein paar Stunden. Was hast du über den Wagen herausgefunden?«

Marcus wedelte mit einem Fax und einem Fotoabzug, die er in der Hand hielt. »Dein Chevy ist ein Leihwagen.«

»Verdammt.«

»Nur die Ruhe.« Marcus reichte Nick das Foto eines Mannes mit kantigem Gesicht, der sein blondes Haar aus der Stirn zurückgekämmt trug. Dem Hemdkragen und der breiten Krawatte nach zu urteilen, war das Bild wenigstens zwanzig Jahre alt. »Er heißt Paul Dreyfus.«

Nick verglich die beiden Bilder. Es gab kaum Ähnlichkeiten.

»Und was soll ich damit anfangen? Das kann weiß Gott wer sein.«

»Warte erst mal ab. Ich habe meine sämtlichen Mitarbeiter darauf angesetzt, den Burschen zu überprüfen.« Marcus las von dem Fax ab. »Dreyfus ist ziemlich erfolgreich. Ihm und seinem Bruder Sam gehört die Dreyfus Security Group, das bedeutendste Sicherheitsunternehmen des Landes. Er wohnt auf der Main Line in Haverford, Pennsylvania. Verheiratet, zwei Kinder. Keine besonderen Hobbys, außer das eigene Flugzeug zu steuern.«

»Er kommt aus Philly?«, fragte Nick überrascht.

 »Ja. Er ist heute mit seiner eigenen Maschine zum Flughafen Westchester geflogen. Allerdings war weder in Philly noch in Jersey sein Abflug verzeichnet, als meine Leute es überprüft haben.«

»Vielleicht habt ihr einen Flughafen übersehen. Spielt es denn eine Rolle, woher er kam?«

»Das wissen wir noch nicht. Jedenfalls hat Hertz einen Vertrag mit Dreyfus’ Firma. Der Mietwagen wurde heute Morgen um acht Uhr fünfunddreißig zum Privatjetterminal geliefert. Dreyfus konnte aus dem Flugzeug gleich in den Wagen umsteigen.«

»Das verstehe ich nicht«, sagte Nick. »Wenn er einen Einbruch verüben wollte, wieso hinterlässt er dann eine so offensichtliche Spur, indem er sich ein Auto mietet?«

»Eins nach dem anderen«, entgegnete Marcus. »Dreyfus ist als Sicherheitsguru der Reichen bekannt. Zusammen mit Michael St. Pierre von Secure Systems gilt er als der beste Sicherheitssystemdesigner der Branche. Er hat seine Finger überall drin. Vielleicht hat er sein Geld mit dem Verkauf von Passcodes verdient.«

»Das ist doch Unsinn«, sagte Nick. »Wenn sich herumspräche, dass auch nur eines seiner Sicherheitssysteme versagt hat, wäre er in null Komma nichts aus dem Geschäft und man würde gegen ihn ermitteln.«

»Sicher, aber findest du es nicht seltsam, dass er am Tag des Einbruchs hier ist? Außerdem haben meine Leute seinen Namen auf der Passagierliste eines Fluges gefunden, der um acht Uhr dreißig ab Philly ging.«

»Aber du hast doch gesagt, er hat den Wagen um acht Uhr fünfunddreißig bekommen. Das passt doch nicht zusammen«, sagte Nick.

»Ja, eben. Und es kommt noch merkwürdiger. Der Mann im Flugzeug war Sam Dreyfus, Pauls Bruder. Die Maschine ist heute Morgen um zehn Uhr zehn in Westchester gelandet.«

 »Brüder, die zusammenarbeiten«, murmelte Nick.

»Ja. Einer bereitet alles vor und holt den anderen ab. Dann ziehen sie die Sache durch und verbringen die nächsten Stunden damit, ihre Spuren zu beseitigen …«

»Und Julia zu ermorden«, fügte Nick düster hinzu.

»Ich wette die zweitausend Dollar, die Mitch mir schuldet, dass sie heute Abend nach dem Mord an Julia von hier abfliegen wollten.« Marcus lächelte. »Aber so weit wird es nicht kommen. Denn Julia wird nichts geschehen. Du hast die Namen der Dreyfus-Brüder, du hast von einem ein Foto, und du hast ein Foto von einem der Einbrecher. Wenn ich du wäre, Nick, würde ich damit zur Polizei gehen. Erzähl von dem Einbruch, sag, dass sie es auf Julia abgesehen haben, und lass sie die Ermittlung aufnehmen, während du auf eigene Faust weitermachst.«

Nick lächelte. »Tust du mir einen Gefallen?«

»Noch einen? Mann, wirst du bei mir in der Kreide stehen!«

»Schreib einen Brief an dich selbst.«

»Wieso?«

»Weil ich noch immer deine Hilfe brauche.«

»Ich lass dich nicht im Stich, alter Junge.«

»Ich weiß, Marcus. Aber wenn ich dich wiedersehe, ist es Stunden früher, und du erinnerst dich an nichts von alledem. Und ich kann es mir nicht leisten, dich immer wieder von Neuem zu überzeugen.«

»Das ist verrückt!«

»Komm schon, tu mir den Gefallen. Schreib irgendetwas auf, von dem ich keine Ahnung habe. Nur du allein darfst es wissen.«

»Also gut.« Marcus griff in seinen Schreibtisch und zog ein Blatt persönliches Briefpapier heraus. Er überlegte kurz, schrieb dann zwei Minuten lang, unterzeichnete, griff in die Schreibtischschublade und nahm eine Prägezange für sein Firmensiegel heraus. Er hielt sie über die Unterschrift, drückte den Griff zusammen und prägte das Firmensiegel ins Briefpapier.

»Die erhabene Prägung über meiner Unterschrift ist mein persönliches Siegel«, sagte er. »Ich benutze es nur auf Firmendokumenten und nur bei meiner Unterschrift, um ihre Gültigkeit zu bestätigen. Es gibt nur ein Exemplar davon.«

Marcus faltete den Brief zusammen, nahm einen Umschlag und schob ihn hinein. »Warte mal«, sagte er dann und drehte sich zum Computer um. Er rief den Internetbrowser auf und ging auf die Homepage des Wall Street Journal. Die Schlagzeile galt dem Absturz von Flug 502; dazu kamen die Abschlusswerte des DOW, des S&P 500, des Russell Index und des 10-Year-Treasury, während darunter die neusten Finanznachrichten vorbeiliefen. Rasch druckte Marcus die Seite aus und schob das Blatt mit in den Umschlag.

»Wenn ich mir schon einen Brief aus der Zukunft schreibe, kann ich ruhig das Profitpotenzial ausnutzen«, sagte er lächelnd, während er den Umschlag zuklebte, an sich selbst adressierte und ihn dann Nick reichte. »Ich werde uns beide für verrückt halten, wenn ich das lese.«

Nick steckte den Brief in die Innentasche seines Sportsakkos.

»Solange es dich überzeugt, ist es mir egal, was du denkst«, sagte er und schaute auf die Uhr: eine Minute vor sieben. »Ich muss Julia von hier wegschaffen. Versprich mir, dass du dich um sie kümmerst.«

»Ich gebe dir mein Ehrenwort«, erwiderte Marcus.

»Und wenn mir etwas zustoßen sollte …«

»Wenn dir etwas passiert, stelle ich eine Armee auf, um die Dreckskerle zu finden. Dann werden sie jeden Atemzug bereuen, den sie je getan haben.«

Nick lächelte. Anerkennung für seinen Freund lag in seinem Blick, als er die Bibliothek verließ, das Foyer durchquerte und rasch zur Haustür hinausging.

Blick, als er die Bibliothek verließ, das Foyer durchquerte und rasch zur Haustür hinausging.

Marcus beobachtete Nick durch das Erkerfenster, als dieser über den Rasen zum Haus der Quinns ging. Plötzlich fiel ihm etwas ein. Er eilte zur Haustür, riss sie auf und rief: »He, was ist mit …«

Doch die weite Rasenfläche zwischen ihren Häusern war leer.

Nick war wie vom Erdboden verschluckt.