Die Flotte der Königin
Tomal fühlte sich großartig. Er hatte das Buch an sich gerissen, sich aus dem Netz abgeseilt und war sofort aus der Kaverne nach Zehyr geflohen. Endlich hielt er in den Händen, was er sich so lange sehnlich gewünscht hatte. Das Buch der Macht. Es würde ihn unsterblich machen. Mithilfe des Buches konnte er sich eine Welt erschaffen, wie er sie sich vorstellte. Er war mehr als ein Lesvaraq. Ein Gott. Ein Kojos. Vergangenheit und Zukunft Krysons lagen in seinen Händen. Tomal entschied über Leben und Tod. Er war der Herr über Tag und Nacht.
Das dicke, in Leder gebundene Buch, dessen Seiten mit Blut beschrieben waren, fühlte sich schwer und gut an. Er konnte es kaum glauben, dass er derjenige war, der am Ende gesiegt hatte und mit dem Leben davongekommen war.
Während seiner Flucht aus dem Netz hatte er gesehen, wie Sapius von Grenwin gefressen worden war. Sein einst bester Freund, Vertrauter und Lehrer, der nach ihrer Trennung zu seinem größten Feind geworden war, hatte in ihrem letzten Kampf bei der Suche nach dem Buch einen schrecklichen Tod erfahren. Beinahe tat Sapius ihm ein wenig leid. Es war nicht schön, von einer gefräßigen Raupe kurz vor dem Sieg geköpft zu werden. Sapius hätte etwas Besseres verdient. Einen Tod durch einen magischen Blitz, eine Feuersbrunst oder einen Schwertstoß mit der Klinge Solatar. Tomal zuckte mit den Schultern. Er konnte es nicht mehr ändern. Oder etwa doch?
Vorsichtig schlug er das Buch auf. Er überflog ganze Seiten, blätterte um und blieb schließlich auf einer Seite hängen.
»Ihr könnt diese Seite nicht mehr ändern«, hörte er eine Stimme und zuckte heftig zusammen.
Tarratar stand plötzlich in seinem Rücken. Der Narr hatte sich unbemerkt angeschlichen. Tomal klappte das Buch zu und presste es fest an seine Brust.
»Was wollt Ihr von mir?«, fuhr er den Narr an. »Die Suche ist vorbei. Das Buch wurde gefunden. Die Prophezeiung hat sich erfüllt und ich bin der Sieger. Weshalb kann ich die Seite nicht ändern?«
»Diese Seite wurde festgeschrieben«, führte Tarratar aus, »das Buch bestimmt, was bleibt und was geht. Ereignisse, die sich unmittelbar um das Buch drehen oder die von besonderer Bedeutung für das Gleichgewicht sind, bleiben unveränderlich. Was auch immer Ihr schreibt und in der Vergangenheit oder an der Zukunft ändert. Der letzte Kampf um das Buch der Macht und das Ende der Suche bleiben gleich. Merkt Euch diese Regel.«
»Ihr wollt das Buch nicht zurückhaben?«, fragte Tomal verunsichert.
»Ich hatte tatsächlich daran gedacht, es Euch wegzunehmen«, meinte Tarratar. »Das Buch hatte sich bereits für Sapius entschieden. Ihm gelang es, die beiden Teile wieder zusammenzufügen. Aber er gab es leichtfertig auf und ließ sich von Euch täuschen. Er dachte wohl, er könne ohne das Buch in der Hand besser gegen den vierten Wächter antreten. Das war ein Fehler. Er hätte das Buch festhalten sollen. Grenwin hätte ihn nicht angetastet, solange er das Buch in den Händen hatte. Wir Wächter waren uns alle darüber einig, dass es Euch nicht gehört. Dennoch haben wir beschlossen, dass Ihr es behalten dürft. Wir haben lange darüber gestritten. Ihr seid ein Lesvaraq. Ulljan beauftragte einst die Wächter, über das Buch zu wachen, nachdem er es den Altvorderen entwendet hatte. Auch er war ein Lesvaraq. Ihr seid sein Erbe. Es steht den Wächtern nicht zu, die Entscheidungen eines Lesvaraq infrage zu stellen, selbst wenn wir es könnten und sein Verhalten für falsch hielten. Das wäre ein Verstoß gegen das Gleichgewicht. Die Lesvaraq haben die Aufgabe, die Welt nach ihren Vorstellungen zu gestalten und dabei das Gleichgewicht zu wahren. Solange Ihr Euch daran haltet, dürft Ihr das Buch besitzen und benutzen. Aber ich warne Euch. Brecht Ihr die Regeln und missbraucht die Macht des Buches, werden wir Euch das Buch wieder wegnehmen und korrigieren, was Ihr angerichtet habt. Es gibt keine Sicherheit. Und hütet Euch, das Buch an die Königin der Nno-bei-Maya zu übergeben.«
»Sie wird es nicht von mir bekommen«, versicherte Tomal.
»Sie wird es von Euch verlangen«, sagte Tarratar, »seid Ihr sicher, dass Ihr dem Fluch der Schönheit widerstehen könnt?«
»Wenn es um das Buch geht, ja«, meinte Tomal.
»Gut. Dann werde ich jetzt gehen. Meine und die Aufgabe der anderen Wächter ist erledigt. Grenwin wird auf Kartak bleiben und Saykara als Wächter des Weges der Spinne dienen.«
Tomal konnte sein Glück kaum fassen. Er durfte das Buch der Macht behalten. Der Lesvaraq musste lachen. Wie naiv die Wächter doch waren. »Was hätten sie auch anderes tun sollen«, dachte er. »Hätten sie das Buch zurückverlangt, hätte ich sie vernichtet. Alle.«
*
Wenige Stunden nach dem Gewinn des Buches hatte der Lesvaraq eine Einladung zum Essen von der Königin erhalten. Er hätte die Einladung liebend gerne ausgeschlagen und stattdessen im Buch der Macht gelesen. Was war schon ein Essen mit der schönsten Frau Krysons gegen das Gefühl der Macht, das ihm das Buch vermittelte? Aber das ging nicht. Er musste baden, sich ankleiden und anschließend zu ihr gehen. Sie wartete nicht gerne. Würde er sie warten lassen, wozu er große Lust hatte, würde sie ihm das Essen verderben. Tomal hoffte nur, dass sie unter vier Augen blieben und sich Saykara nicht auch den ersten Krieger eingeladen hatte.
»Gleich nach dem Essen lege ich mich mit ihr in ihr königliches Bett und vögle sie bis in die Morgenstunden. Das habe ich mir verdient. Und wenn sie nicht will, treibe ich es eben mit ihren Dienerinnen Lyara und Zyola. Die wissen, was ein Mann braucht«, sagte sich Tomal mit einem breiten Grinsen im Gesicht, »und diesen eingebildeten Maya-Krieger werde ich auch noch los.«
Der Lesvaraq konnte Gahaad nicht ausstehen. Schon dafür, dass er ihm auf Wunsch der Königin das Schwert seines Vaters hatte überlassen müssen, hätte er den ersten Krieger töten und dorthin zurückschicken sollen, wo er sich die letzten fünftausend Sonnenwenden aufgehalten hatte. Das Reich der Schatten war ein guter Ort für Gahaad, dachte Tomal gehässig.
»Wann wirst du ihn endlich töten?«, meldete sich eine bekannte Stimme in seinem Kopf.
»Früh genug«, antwortete Tomal.
»Wie wirst du es tun?«, wollte Blyss wissen. »Wirst du ihm den Bauch aufschlitzen und die Eingeweide aus dem Leib reißen? Willst du ihn häuten, ihm die Augen ausstechen und seine Eier abschneiden? Wirst du ihn foltern und quälen, bis er dir die Füße leckt, nur um ihm dann einen Spieß in seinen Hinterkopf zu rammen?«
»Du bist wirklich ein kranker Geist, Blyss«, meinte Tomal, »aber deine Vorschläge gefallen mir. Ich könnte ihm auch noch alle Knochen brechen, gefräßige Käfer auf ihn loslassen, ihn vergiften und ihm eine fürchterliche Krankheit anhexen.«
»O ja, bitte Tomal«, flehte Blyss, »du machst mich so glücklich.«
»Sei jetzt still«, verlangte Tomal, »ich muss mich auf das Essen mit Saykara vorbereiten. Und wehe du meldest dich, während ich sie vögle.«
»Keine Sorge«, antwortete Blyss, »wenn du alles richtig machst, werde ich auch meinen Spaß dabei haben.«
*
Die Königin empfing Tomal, leicht bekleidet und umwerfend wie immer, in ihren privaten Gemächern. Sie waren allein.
»Du siehst wunderschön aus«, sagte Tomal zur Begrüßung.
»Vielen Dank«, lächelte Saykara, »du hast dich auch gemacht. Aber lassen wir das. Ich möchte mit dir reden und dir etwas zeigen.«
»Oh … natürlich«, lachte Tomal, »ich bin gespannt darauf. Dein Gewand verspricht schon einiges.«
»Mein Gewand?« Saykara zog die Augenbrauen hoch. »Ach … ich verstehe. Nein, ich hatte heute nicht daran gedacht, dass wir uns lieben. Ich bin nicht in Stimmung.«
Tomal verzog das Gesicht. Das Essen und die anschließende Nacht hatte er sich anders vorgestellt. Er musste umdenken. Die Dienerinnen würden ihm seine Wünsche nicht abschlagen.
»Wo sind Lyara und Zyola?«, fragte Tomal. »Ich habe sie noch nicht gesehen.«
»Wir sind unter uns. Die beiden erledigen einen Auftrag für mich und danach habe ich ihnen für heute Abend freigegeben.«
»Bei den Kojos«, dachte Tomal, »was soll das? Will sie mir das Recht des Siegers entziehen? Ich könnte sie einfach nehmen, was kann sie schon dagegen machen? Mir den ersten Krieger auf den Hals hetzen? Soll sie nur … ich warte nur darauf, dann kann ich ihn töten.«
»Was denkst du?«, wollte Saykara wissen. »Du siehst … grimmig aus. Bist du verärgert?«
»Ich … nein«, log Tomal, »ich habe nur über einige Ereignisse der letzten Tage nachgedacht. Nichts von Bedeutung.«
»Dann ist es ja gut«, meinte Saykara, »lass uns essen. Ich will dir erzählen, um was es mir geht.«
Sie legten sich zu Tisch, der reichlich gedeckt war und die besten Speisen bot, die sich Tomal nur vorstellen konnte. Die Nno-bei-Maya hatten einen ausgezeichneten Geschmack, konnten Essen zubereiten und mit Gewürzen umgehen. Jedes Mahl war ein einzigartiger Genuss.
»Ich habe gehört, es soll in Zehyr einen Kampf gegeben haben«, begann Saykara ihr Gespräch, »weißt du etwas darüber?«
»Keine Ahnung«, log Tomal erneut, »was meinst du?«
»Der Weg der Spinne. Es heißt, die Fremden hätten Grenwin, unseren Wächter des Eingangs, herausgefordert und angegriffen. Es soll Tote gegeben haben. Lüg mich nicht an, Tomal. Dies ist meine Insel und meine Stadt. Du bist Gast in meinem Palast, liegst an meinem Tisch und isst von meinen Speisen. Manchmal teile ich sogar mein Lager mit dir. Also wirst du mir sagen, was geschehen ist. Du wurdest dabei gesehen. Stimmt es, dass die Wächterin Peeva getötet und Grenwin verletzt wurde?«
»Ja, das stimmt«, gab Tomal zu.
»Das ist eine Katastrophe. Wer war das? Ich will, dass sie bestraft werden.«
»Saykara, ich bitte dich, der Kampf war ein einziges Chaos. Ich habe nichts gesehen. Tausende von Spinnen, Grenwin und Peeva. Ich weiß nicht, wer Peeva getötet hat.«
»Natürlich weißt du es«, behauptete Saykara, »was verheimlichst du vor mir?«
»Nichts«, erwiderte Tomal, »ich glaube der Felsgeborene hat Peeva getötet, und Grenwin wurde von dem Bluttrinker verletzt. Er wird sich von den Bissen wieder erholen.«
»Na schön«, lenkte Saykara ein, »wo ist der Felsgeborene jetzt?«
»Das weiß ich wirklich nicht. Ich glaube er ist nach dem Kampf geflohen und hat Kartak verlassen.«
»Und der Bluttrinker?«
»Grenwin hat ihn getötet. Der Wächter hat ihm den Kopf abgebissen.«
»Guter Grenwin«, lachte Saykara, »er ist ein starker Wächter, nicht wahr?«
»Das kann man wohl sagen«, antwortete der Lesvaraq.
»Und die anderen? Was ist mit ihnen geschehen? Was ist mit Sapius?«
»Die beiden Naiki wurden von den Spinnen getötet. Sapius starb auf dieselbe Weise wie der Bluttrinker. Grenwin riss ihm den Kopf ab.«
»Das … das ist schrecklich!« Saykara wurde blass. Sie lehnte sich zurück und fächelte sich Luft zu.
»Wieso liegt dir etwas an diesem Dieb und Betrüger? Er hat gegen Grenwin gekämpft und verloren.«
»Ich weiß nicht, ob er dich bestohlen hat, Tomal. Es könnte auch anders gewesen sein und du hast mich belogen.«
»Niemals, meine Königin«, antwortete Tomal, »wie käme ich dazu, dir die Unwahrheit in einer so wichtigen Angelegenheit zu sagen.«
»Nun … ganz einfach … weil du mit mir ins Bett wolltest«, stellte Saykara nüchtern fest.
»Wie … wie kannst du mir nur so etwas unterstellen?«, empörte sich Tomal.
»Stimmt es etwa nicht?«, sagte Saykara süffisant.
»Na ja, ich schlafe gerne mit dir. Das ist wahr. Aber ich muss mir deine Zuneigung doch hoffentlich nicht durch falsche Rede erkaufen.«
»Das würde ich annehmen, aber sicher bin ich mir bei dir nicht«, sagte Saykara.
Die Königin sah den Lesvaraq streng an. Tomal hatte das Gefühl, als würde sie ihm nicht glauben. Er musste ihr Vertrauen wiedergewinnen.
»Sag mir, um was es bei dem Kampf ging«, verlangte Saykara, »was hattet Ihr im Netz zu suchen? Grenwin hatte mir die Fremden vor ihrem Kommen angekündigt. Ich sollte sie nach Kartak lassen und in Zehyr empfangen. Aber er hat mir nicht gesagt, weshalb. Warum sollte der Wächter die Fremden hereinlassen, wenn sie ihn später angreifen? Was steckt dahinter, Tomal? Ich weiß, dass auch Tarratar und Daleima anwesend waren. Das macht die Sache noch rätselhafter. In meinem Reich spielt sich etwas Wichtiges ab, von dem ich nichts weiß. Das darf nicht sein.«
»Du willst es aus meinem Mund hören, obwohl du es längst weißt, nehme ich an?«
Saykara lächelte nur, was ihm zeigte, dass sie es wusste. Dies war seine letzte Gelegenheit, ihr Vertrauen wiederzugewinnen. Er musste ihr die Wahrheit sagen.
»Du kennst die Prophezeiung der sieben Streiter«, begann Tomal.
»Ja, die kenne ich«, meinte Saykara.
»Wir waren auf der Suche nach dem Buch der Macht«, fuhr Tomal fort. »Das Buch war im Netz versteckt. Genau hier vor deiner Nase, Saykara. Du hättest nur zugreifen müssen. Grenwin ist einer der Wächter des Buches. Er hat das Buch über Tausende von Sonnenwenden bewacht.«
»Haben die Streiter das Buch gefunden?« Saykara kam zum Kern ihrer Befragung.
»Ja«, gab Tomal zu.
»Wer ging als Sieger aus dem Kampf hervor?«, hakte Saykara nach.
»Das war ich«, antwortete Tomal.
»Dann hast du also das Buch der Macht in deinem Besitz«, lächelte sie kalt, »und du hast mir nichts davon erzählt.«
»Ich habe das Buch, ja«, räumte Tomal ein, »es gehört jetzt mir. Es hat sich entschieden und die Wächter stimmten zu.«
»Du wirst mir das Buch aushändigen«, verlangte Saykara.
Ihre Augen hatten sich zu Schlitzen verengt. Die Königin meinte es ernst.
»Nein. Das werde ich nicht«, erwiderte Tomal, »die Wächter haben es verboten.«
»Die Wächter … die Wächter«, äffte ihn die Königin nach, »immer noch folgen sie Ulljans Anweisungen, obwohl sie wissen, welches Unrecht er mir und meinem Volk angetan hat. Sie interessieren mich nicht. Aber du! Du stehst auf meiner Seite. Wir lieben uns. Gib mir das Buch!«
»Das Buch gehört mir, Saykara«, lehnte Tomal ab. »Ich überlasse es niemandem, auch dir nicht.«
Saykara seufzte. Sie lehnte sich erst mit hinter dem Kopf verschränkten Händen wieder zurück und dann weit vor, um mit ihrem Gesicht dicht an Tomals Gesicht heranzukommen.
»In Ordnung«, sagte sie, »aber dafür, dass ich nicht länger auf dem Buch bestehe, wirst du mir einen Gefallen tun.«
»Jeden«, sagte Tomal leichtfertig und atmete erst einmal tief durch.
»Unter der Stadt gibt es eine weitere Kaverne«, begann Saykara, »wir haben dort einen versteckten Hafen angelegt. Das Meer reicht bis in die Kaverne hinein. Dort liegt meine geheime Flotte. Es gibt sechs gute Schiffe. Sie sind sehr schnell und ungemein kampfstark.«
»Das wusste ich nicht«, zeigte sich Tomal überrascht, »die Nno-bei-Maya fahren zur See?«
»Schon sehr lange«, nickte Saykara, »aber diese Schiffe sind außergewöhnlich. Sie sind schon uralt und haben Tausende von Sonnenwenden im Bauch des Vulkans überdauert, aber sie sind noch seetüchtig. Wir haben sie vor einigen Monden noch einmal überholt und durch Kristallmagie verstärkt. Auf dem Größten von ihnen werde ich bald nach Fee aufbrechen, dem magischen Kontinent. Lyara und Zyola bereiten bereits meine Abreise vor und richten meine Kajüte her.«
»Was, bei den Kojos, willst du auf Fee?« Tomal war überrascht.
»Ich will wissen, welche Möglichkeiten sich dort für mein Volk ergeben«, antwortete Saykara, »wir können uns nicht ewig in diesem Vulkan verstecken, wenn wir wachsen und wieder ein mächtiges Volk werden wollen. Wir holen uns zurück, was uns einst gestohlen wurde. Und wenn es auf Fee sein sollte, dann soll es mir recht sein. Aber inzwischen wirst du mit den fünf übrigen Schiffen und einem Heer von Maya-Kriegern nach Tut-El-Baya fahren und die Stadt für mich einnehmen. Gahaad wird dich mit meiner Garde begleiten. Murhab wird die Flotte und das erste Schiff als Kapitän befehligen. Die Flotte der Königin wird jede Verteidigung im Sturm durchbrechen. Sollte es dennoch Schwierigkeiten geben, wirst du sie mit deiner Macht unterstützen. Töte die Klan, wenn du musst, oder versklave sie. Das ist mir gleichgültig. Die Nno-bei-Klan sollen sich fortan vor den Maya fürchten. Ich werde sie vernichten für das, was sie uns genommen haben.«
»Wie du willst«, sagte Tomal, »die Klan sind mir egal. Ob sie sterben oder weiterleben, in meinen Plänen für die Zukunft Krysons sind sie bedeutungslos.«
»Dann wirst du es also tun?«
»Gewiss, wenn es dich glücklich macht«, antwortete Tomal.
Nachdem sie ihr gemeinsames Mahl mit einem angenehmeren Gespräch beendet hatten, forderte Saykara den Lesvaraq auf, ihr zu folgen. Hinter einem großen Gemälde in ihren Gemächern, das eine leicht bekleidete Königin an einem traumhaft schönen Strand vor einigen Rudergaleeren mit einem Schwert in der Hand zeigte, die gerade einen vor ihr knieenden Maya-Krieger auszeichnete, verbarg sich eine eiserne Tür.
»Ich liebe dieses Bild«, sagte Saykara, »es ist so … echt.«
»Hm …«, brummte der Lesvaraq nur, »ich weiß nicht, aber der Maler hat dich ganz gut getroffen.«
»Du untertreibst maßlos«, lachte Saykara. »Ich sehe perfekt darauf aus. Und sieh dir nur das Gesicht des Kriegers an. Jeder kann sehen, dass er seine Königin über alles liebt und sich ihr mit Freuden unterwirft.«
»Sicher«, meinte Tomal, »jetzt verstehe ich, was du mit echt gemeint hast.«
Hinter der Tür führte ein schmaler und niedriger Gang über zahlreiche Stufen steil in die Tiefe. Tomal musste sich bücken, um nicht an die Decke zu stoßen. Stufen, Decke und Wände wurden von Kristallen erhellt, die aufleuchteten, sobald sie sich bis auf fünf Fuß einem Kristall näherten. Waren sie vorbeigezogen, erloschen die Kristalle wieder. Tomal hatte den Eindruck, als würden sie in einer nicht enden wollenden Spirale abwärts laufen. Der Gang schien sich rund um den ganzen Vulkan bis zum Grund ziehen. Sie waren sehr lange unterwegs, bis sie schließlich die nächste Tür erreichten, die von oben bis unten und an den Scharnieren Rost angesetzt hatte. Aber sie ließ sich ohne Schwierigkeiten öffnen.
Er trat durch die Tür und riss staunend Augen und Mund auf. Sie befanden sich auf Höhe des Meeresspiegels in einer riesigen und gut ausgeleuchteten Kaverne. Vom Boden bis zur mit Kristallen beschlagenen Decke schätzte Tomal eintausend Fuß Höhe. In der Mitte befand sich das Hafenbecken, in dem sechs Galeassen nebeneinanderlagen, die an den rundherum führenden, steinernen Stegen mit dicken Seilen festgemacht waren. Die Ruder waren hochgestellt. Tomal zählte die Ruder eines der Schiffe, die auf mehreren Ruderbänken in drei Ebenen übereinander angeordnet waren. Er nahm an, dass jeweils drei Ruderer an einem schweren Ruder sitzen mussten. Auf jeder Ebene befanden sich auf einer Seite vierzig Ruder. Das ergab nach seiner Schätzung siebenhundertzwanzig Ruderer für jede Galeasse. Dazu kamen noch die Segelbesatzung für die drei mächtigen Segelmasten. Und Krieger in ähnlich hoher Anzahl. Vorne am Bug ragten über und unter Wasser beeindruckende Rammsporne hervor. Die Galeassen mussten ohne Sporn mindestens zweihundert Fuß lang, sechzig Fuß breit und ohne die Masten dreißig Fuß hoch sein.
Das sechste Schiff war mit Abstand das beeindruckendste. Das musste die königliche Galeasse sein, mit der Saykara nach Fee aufbrechen wollte. Es war gut ein Drittel länger als die anderen Galeassen und noch breiter. Außerdem war es aus einem dunkleren, edel wirkenden Holz gefertigt, reichlich mit Schnitzereien, Gold und Kristallen verziert und wies noch mehr Ruderbänke auf.
»Das sind die Sturmschiffe der Nno-bei-Maya«, sagte Saykara voller Stolz, »sie überstehen jeden Sturm, halten stärkstem Seegang und den höchsten Wellen stand.«
»Faszinierend«, musste Tomal zugeben, »ich habe so etwas noch nie gesehen.«
»Die Maya waren einst sehr mächtig, Tomal«, meinte Saykara, »bis wir von den Nno-bei-Klan unserer Macht beraubt und vertrieben wurden. Aber mit meinen Schiffen, dem ersten Krieger und deiner Hilfe werden wir schon bald unsere alte Stärke wiedererlangen. Du wirst schon morgen an Bord eines der Sturmschiffe gehen und nach Tut-El-Baya aufbrechen. Ruderer, Besatzung und Krieger stehen bereit. Die Laderäume sind voll beladen mit Vorräten für drei Monde. Die Klan werden sich wundern.«
»Das glaube ich auch«, meinte Tomal bewundernd, »jedes Schiff ist wie eine Festung. Ich kenne kein Schiff, das dagegen ankäme.«
»Komm! Ich zeige dir das königliche Sturmschiff und meine Kajüte«, lächelte Saykara, »ich verspüre plötzlich so ein Verlangen …«
»Wunderbar«, lächelte Tomal in seiner Vorfreude, »ich kann es kaum erwarten.«
»… die Planken meines Schiffes unter den Füßen zu spüren.«
Sofort verschwand das Lächeln wieder aus Tomals Gesicht. Saykara lachte nur, nahm Tomal an die Hand und führte ihn über den Steg zu ihrem Schiff.
»Der Name ist Kichona y dacha«, erklärte die Königin, »das bedeutet Sturmliebe, stürmische Liebe oder Liebe im Sturm. Du kannst dir das Passende aussuchen. Ist das nicht schön?«
»Wunderschön«, knurrte der Lesvaraq und verdrehte angewidert die Augen.
Saykaras Dienerinnen warteten bereits an Bord, um die Königin und Tomal zu empfangen. Sie geleiteten die beiden über einen schmalen Laufsteg mitten durch die Ruderbänke in das Innere des Schiffs zur Kajüte der Königin. Tomal kam sich beinahe wie in Saykaras Palast vor. Die Kajüte war groß und durch Schleier und Vorhänge in verschiedene Bereiche aufgeteilt. Es gab nichts, worauf die Königin während der Reise verzichten musste. Ein großes Bett, Tische, Sessel, Wandschränke vollgestopft mit prunkvollen Gewändern und Kleidern. Schmuck- und Schminkkästen. Parfüms, Obst und Gemüse in Hülle und Fülle. Zahlreiche Gemälde und Mosaiken zierten die Wände. Alle zeigten Saykara in verschiedenen Posen. Sogar ein in den Boden eingelassenes, mit beheizbaren Steinen und Kristallen ausgelegtes Bad hatten die Maya in Saykaras Kajüte eingebaut.
»Es ist alles vorbereitet«, sagte Lyara, »wir könnten schon heute auslaufen.«
»Morgen!«, antwortete Saykara. »Die Flotte der Königin wird Kartak morgen verlassen.«
»Wie viele Maya wirst du nach Fee mitnehmen?«, wollte Tomal wissen.
»Wir haben neunhundert Ruderer an Bord und eintausend Krieger, Schwert- und Speerkämpfer sowie Bogenschützen. Mit der Besatzung und meiner Dienerschaft werden wir zweitausenddreihundert Nno-bei-Maya sein. Mit mir Zweitausenddreihundertundeine.«
Tomal hatte Zweifel, ob das Sturmschiff der Königin überhaupt genügend Vorräte für eine Überfahrt nach Fee laden konnte. Noch nie hatte ein Schiff die lange Reise geschafft. Nur wenige wussten, dass es den magischen Kontinent überhaupt gab und wo er lag. Mit so vielen hungrigen Mäulern, war dies ein echtes Wagnis. Wahrscheinlich sogar eine Fahrt ohne Wiederkehr. Aber der Lesvaraq behielt seine Bedenken für sich. Die Königin hätte ihn nur ausgelacht. Was kümmerte ihn das Schicksal der Nno-bei-Maya? Er hatte ganz andere Pläne. Das Ende war nah. Es juckte ihn in den Fingern, das Buch aufzuschlagen und endlich zu beginnen. Auf die Seereise nach Tut-El-Baya hatte er sich gern eingelassen. Das war praktisch, um in die Hauptstadt der Klan zu gelangen. Waren sie erst einmal in Tut-El-Baya gelandet, wollte er sich nicht mehr an Saykaras Pläne halten. Er war sein eigener Herr und nicht ihr gehorsamer Sklave.
»Geht und lasst uns allein«, befahl Saykara ihren Dienerinnen.
Lyara und Zyola verneigten sich und eilten hinaus.
»Wir werden uns lange nicht mehr sehen«, hauchte Saykara und blickte Tomal dabei traurig an, »du wirst für mich die Klanlande erobern und ich werde einen anderen Kontinent erforschen.«
»So du ihn denn findest und heil erreichst«, meinte Tomal.
»Warum sollte ich nicht?«, fragte Saykara leise und klang dabei, als hätte sie selbst Zweifel an ihrem Vorhaben. »Ich habe so viele Diener, die mich Tag und Nacht umsorgen, und Krieger, die mich mit ihrem Leben beschützen. Was soll mir da schon geschehen?«
»Sie könnten auf der Reise verhungern und verdursten, weil die Vorräte ausgehen. Sie könnten krank oder während eines Sturms von Bord gespült werden. Sie könnten …«
»Ach, Unsinn«, winkte Saykara ab, »die Laderäume sind voll und wenn es nichts mehr gibt, werden wir Fische fangen. Du machst dir Sorgen um mich. Das ist schön.«
Saykara legte eine Hand auf Tomals Arm und blickte den Lesvaraq mit leicht geöffneten Lippen an. Er zog die Königin an sich und küsste sie.
»Komm«, forderte ihn Saykara auf, »wir lieben uns ein letztes Mal, bis die Sonnen wieder über die Insel aufgehen und wir Abschied voneinander nehmen müssen.«
Tomal hob die Königin auf die Arme und trug sie zu ihrem Bett.
*
Sapius schlug die Augen auf und fand sich – auf dem Rücken liegend – unter einem Baum wieder. Benommen starrte er entlang des mächtigen Baumstamms in das dichte Blätterwerk über ihm.
Er erinnerte sich daran, dass er schon einmal ein ähnliches Erlebnis hatte. War es in einem Traum gewesen?
»Natürlich! Das Land der Tränen, Farghlafat«, dachte Sapius, »ich bin tot.«
Aber etwas war anders als in seiner Erinnerung. Sein Hals und Nacken schmerzte, außerdem drückten Wurzeln und Steine in den Rücken. Sein Schädel brummte, als hätte er tagelang zügellos zu viel Bräu in sich hineingeschüttet. Dabei fiel ihm auf, dass seine Kehle ausgetrocknet war.
»Wasser«, dachte er, »ich muss trinken. Ich gäbe ein Königreich für einen Eimer Wasser.«
Es juckte ihn in der Nase und ein unbestimmbarer Gestank hing in der Luft. Sapius war übel und er musste dringend seine Blase entleeren.
»Im Land der Tränen hatte ich keine Schmerzen. Ich war tödlich verletzt und spürte nichts, als ich unter dem Baum des Lebens lag.«
»Er ist aufgewacht«, hörte er eine vertraute Stimme in der Nähe sagen.
»Gut«, antwortete eine derbe Frauenstimme, »lass uns sehen, wie er sich fühlt.«
Sapius vernahm Schritte, setzte sich auf und blickte sich verwundert um. Um ihn herum befanden sich Bäume, Büsche, Gräser und herabgefallenes Laub. Er saß am unteren Rand eines dicht bewaldeten Abhangs, der sich steil nach oben zog. Tarratar und Daleima kamen mit besorgten Gesichtern auf ihn zu.
»Hoi, hoi, hoi …«, sagte der Narr, »wie geht es Euch?«
»Ich weiß nicht«, brummte Sapius und fasste sich prüfend an den Hals, »bin ich bereits tot?«
»Nein«, sagte Daleima, »Ihr lebt. Aber Ihr hattet Glück. Ich konnte Euren Kopf in letzer Sardas aus Grenwins Maul ziehen. Nur einen Augenblick später und Ihr hättet Euch kopflos im Land der Tränen ausruhen müssen.«
»Ihr könnt Euch bei Daleima bedanken«, meinte Tarratar, »sie hat Euch vor dem Zorn des vierten Wächters gerettet und ihn zur Vernunft gebracht. Das eigentlich Gefährliche war sein giftiger Atem. Ihr habt das Bewusstsein verloren, bevor er Euch den Kopf absägen konnte. Wir hatten schon befürchtet, die Vergiftung wäre zu weit fortgeschritten. Aber wie es aussieht, dürftet Ihr das Schlimmste bereits überstanden haben. Außer Kopfschmerzen über die nächsten Horas wird nichts zurückbleiben. Die Kratzer heilen bald wieder.«
Sapius erinnerte sich mit Schrecken an den Moment, als Grenwin das schreckliche Maul über seinen Kopf stülpte. Der abscheuliche Gestank hing dem Magier noch immer in der Nase und drehte ihm fast den Magen um. Die Bilder des Kampfes fielen ihm wieder ein. Die gefallenen Gefährten. Das Buch der Macht. Tomal! Wo waren der Lesvaraq und das Buch der Macht?
»Das Buch? Wo ist es?«, rief er erschrocken.
»Tomal hat das Buch«, sagte Tarratar ruhig.
»Tomal? Ich erinnere mich«, Sapius geriet vor Aufregung außer Atem, »als Grenwin mich angriff, habe ich es ihm zugeworfen.«
»Das hättet Ihr nicht tun sollen«, tadelte ihn Tarratar.
»Ich weiß, aber ich hatte Angst, der vierte Wächter würde mich töten und mir das Buch wieder abnehmen. Alles wäre vergebens gewesen. Der Tod unserer Gefährten … umsonst.«
»Ihr hattet kein Vertrauen in das Buch und die Wächter«, merkte Daleima an.
»Aber Grenwin … er wollte mich fressen. Er war doch ein Wächter«, verteidigte sich Sapius.
»Er hätte Euch nichts getan, solange Ihr das Buch der Macht in den Händen hattet«, behauptete Tarratar.
»Das konnte ich nicht wissen und es ist auch nicht richtig. Ich hatte das Buch noch, als er seine Tentakeln nach mir auswarf und mich zu sich heranzog.«
»Hm … nun ja«, grübelte Tarratar, »er war außer sich vor Schmerzen und tief berührt vom Tod Peevas und seiner Kinder. Versucht, ihn zu verstehen. Vielleicht wollte er Euch nur Angst einjagen, Euch zeigen, wer der wahre Herr im Netz ist. Ihr habt ihn geschlagen, das hat ihn schwer getroffen. Nie zuvor wurde er in seinem Netz besiegt. Grenwin wusste, dass er verloren hatte und das Buch herausgeben musste. Ich glaube nicht, dass er Euch in diesem Moment gefressen hätte.«
»Nein?«, empörte sich Sapius. »Er stopfte meinen Kopf bis zum Hals in seinen stinkenden Rachen und ritzte mir den Hals mit seinen Zähnen auf. Wozu, frage ich Euch, wenn er mir den Kopf nicht abreißen wollte? Ihr habt doch selbst gesagt, Daleima hätte mir das Leben gerettet.«
»Das stimmt. Aber da hattet Ihr das Buch schon aufgegeben und Grenwin hatte keinen Grund mehr, Euch zu verschonen. Er war wütend über den Verlust, den er erleiden musste und für den er Euch die Schuld gab.«
»Nehmt ihn nur in Schutz«, beschwerte sich Sapius, »ich durchschaue Euch, Tarratar.«
»So?«, lachte der Narr. »Na dann ist doch alles gut.«
»Was ist mit den übrigen Streitern geschehen? Vargnar und Malidor?«, wollte Sapius wissen.
»Malidor flüchtete noch während des Kampfes. Nachdem er gesehen hatte, was Grenwin mit Renlasol angestellt hatte, floh er Hals über Kopf. Wohin, wissen nur die Kojos. Vargnar besiegte die Riesenspinne. Wir mussten ihn mit Gewalt aus dem Netz holen, weil er nicht aufhören wollte, Peeva zu zerstückeln. Er hat die Insel gemeinsam mit seinem Felsenfreund bereits wieder verlassen.«
Sapius war enttäuscht. Er empfand für den Felsgeborenen Freundschaft und er hatte angenommen, Vargnar erginge es ähnlich. Der Magier hatte gedacht, Vargnar würde sich um ihn sorgen und auf ihn warten, bis alles vorbei war. Aber er war einfach gegangen. Wahrscheinlich hatte er gedacht, der Magier wäre wie Renlasol im Kampf gefallen, hielt er ihm zugute.
»Der Felsenprinz wollte nicht gehen«, erzählte Daleima, »wir mussten ihn davon überzeugen, dass es besser war, Zehyr und die Insel sofort zu verlassen. Den Angriff auf den Wächter und den Umstand, dass Peeva im Kampf durch sein Schwert getötet wurde, hätte ihm die Königin übel genommen. In ihrer Stadt entgeht Saykara nichts. Sie hätte schon bald erfahren, wer ihre Riesenspinne getötet hat. Sie hätte Vargnar gefangen genommen, foltern und anschließend hinrichten lassen. Glaubt mir Sapius, sie kennt Mittel und Wege, denen selbst ein Felsgeborener nichts entgegenzusetzen hat.«
Sapius nickte. Er zweifelte nicht an Daleimas Worten. Die Königin der Nno-bei-Maya war gefährlich.
»Wir baten Vargnar, so schnell wie möglich in seine Heimat und zu seinem Vater zurückzukehren«, ergänzte Tarratar, »die Königin führt etwas im Schilde. Einen verheerenden Angriff auf die Nno-bei-Klan. Die Felsgeborenen müssen sich wappnen, denn fallen die Nno-bei-Klan, werden sie vielleicht die Nächsten sein. Wir wissen nicht, was Tomal vorhat und ob er der Königin bei ihren Plänen helfen wird. Aber er besitzt das Buch der Macht und wird es einsetzen. Tut er das, werden die Felsgeborenen unmittelbar betroffen sein. Alle werden die Macht des Lesvaraq zu spüren bekommen. Vargnar unterstützt seinen Vater dabei, eine Armee aufzustellen, und wird sie falls nötig anführen. Die Klanlande und das Riesengebirge im Norden müssen geschützt werden.«
»Wir sollten Tomal das Buch abnehmen«, schlug Sapius vor, »ist er noch auf der Insel?«
»O ja, das ist er«, antwortete Tarratar. »Wir haben gehört, die Königin habe eine Flotte von Schiffen im Inneren des Vulkans liegen, die sie schon morgen Richtung Tut-El-Baya schicken will. Auf einem davon soll Tomal mit in die Schlacht ziehen, heißt es. Fast die ganze Stadt packt im Moment ihre Bündel. Saykara selbst plant, mit einem ihrer Schiffe nach Fee zu fahren, habe ich im Palast aufgeschnappt.«
»Das klingt abenteuerlich«, schüttelte Sapius den Kopf. »Worauf warten wir? Holen wir uns das Buch zurück, bevor er in See sticht.«
»Nein, Sapius«, lehnte Tarratar den Vorschlag ab, »die Wächter haben entschieden, er darf das Buch behalten.«
»Was? Aber das ist Wahnsinn!«, regte sich Sapius auf. »Er ist verrückt. Tomal kann mit dem Buch ganz Kryson zerstören. Er wird nicht zögern, diese Macht einzusetzen.«
»Das befürchte ich auch«, sagte Tarratar betrübt, »wir haben lange darüber gesprochen. Aber er ist der Lesvaraq und muss seine Gelegenheit erhalten, wenn sich das Buch für ihn entschieden hat. Danach sieht es im Augenblick leider aus. Uns sind die Hände gebunden, Sapius. Es steht uns nicht zu, dem Lesvaraq das Buch zu entziehen. Das wäre ein Verstoß gegen das Gleichgewicht.«
»Dann bleibt uns nur noch die Hoffnung auf einen Sturm, der das Schiff des Lesvaraq auf der Reise nach Tut-El-Baya sinken lässt und Tomal im Meer ertränkt.«
»Oder er kommt zur Vernunft und setzt das Buch nur ein, um das Gleichgewicht zu wahren.«
»Daran glaubt Ihr doch selbst nicht«, meinte Sapius.
»Nein, leider nicht«, musste Tarratar zugeben.
Für eine Weile blickten sie sich schweigend an. Jeder hing seinen Gedanken nach und malte sich das Schlimmste in schillernden Farben aus. Sapius fror plötzlich, obwohl es warm war. Bei dem Gedanken, was Tomal anrichten konnte, während sie völlig hilflos zusehen mussten, wurde ihm übel. Er glaubte, sein Schädel müsste vor Schmerzen platzen.
»Ihr solltet nach Tut-El-Baya gehen«, unterbrach Daleima das Schweigen »wenn es geht sofort und auf dem schnellsten Weg. Ihr seid auf Kartak nicht sicher. Solange Tomal noch an Euren Tod glaubt, wird er Euch nicht suchen. Ihr dürft keinesfalls gesehen werden. Tarratar und ich sind uns einig, dass Ihr die Stadt der Klan vor den Maya und dem Wahnsinn des Lesvaraq beschützen müsst. Ihr seid der Einzige, der stark genug ist, gegen den Lesvaraq anzutreten. Vielleicht ist es bereits zu spät. Aber wir sollten nichts unversucht lassen, den drohenden Schrecken abzuwenden.«
»Ich weiß nicht, ob ich vor den Maya und Tomal in Tut-El-Baya ankomme«, gab Sapius zu bedenken, »der Weg ist weit. Ich kann nicht reisen wie die Wächter des Buches.«
»Ihr werdet einen Weg finden, Sapius«, sagte Tarratar und klingelte zuversichtlich mit den Glöckchen seiner Flickenkappe, »geht von hier aus durch den Wald, geradewegs den Abhang hinauf. Dann kommt Ihr an den Kratersee von Kartak. Am Kraterrand wartet jemand auf Euch, der Euch weiterhelfen wird. Folgt seinem Rat, denn wir wissen, er ist weise.«
»In Ordnung«, stimmte Sapius zu, »ich gehe und werde alles versuchen, was in meiner Macht steht, den Lesvaraq aufzuhalten. Ich kann Euch im Augenblick nur danken, Daleima. Ich verdanke Euch mein Leben. Vielleicht kann ich eines Tages meine Schuld bezahlen. Aber heute muss Euch mein Dank genügen.«
»Geht und macht Eure Sache, so gut Ihr könnt«, meinte Daleima, »mehr erwarte ich nicht.«
»Wir behalten Euch im Auge, Sapius«, sagte Tarratar, »geht jetzt. Die Zeit drängt.«
Sapius nahm den Stab des Farghlafat und sein Bündel auf und quälte sich schnaufend, sein steifes Bein hinterziehend unter starken Kopfschmerzen und schwitzend den Abhang hinauf. Er fragte sich die ganze Zeit über während ihm Schwärme von kleinen Stechmücken plagten, wer ihn am Kraterrand wohl erwartete. Nach einem anstrengenden Aufstieg, der ihn nicht nur zwei Horas sondern vor allem auch Kraft, Schweiß und Blut gekostet hatte, erreichte Sapius den Waldrand. Er schob Gestrüpp, Blätter und Zweige beiseite und betrat die freie Fläche kurz unterhalb des Kraters. Sein Blick wanderte nach oben zum Krater. Die Abenddämmerung hatte eingesetzt.
Sapius fiel überwältigt auf die Knie, als er erkannte, wer es sich am Kraterrand bequem gemacht hatte und auf ihn wartete. Er schlug die Hände vors Gesicht und heulte Rotz und Wasser.
Der Drache erhob sich, ging einige Schritte auf den Magier zu und stupste seinen alten Freund, der am ganzen Leib bebte, behutsam mit den Schwingen an.
»Mein Freund«, sagte Haffak Gas Vadar. »Steig auf meinen Rücken und lass uns fliegen.«
Sapius brauchte eine Weile, bis er sich beruhigt hatte. Er wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und schnäuzte sich in den Ärmel seines Gewands, bevor er wieder aufblickte und den Drachen aus rotgeränderten, verheulten Augen ansehen konnte. Der Magier konnte sein Glück kaum fassen. Der Drache war wieder bei ihm. Sapius hatte geglaubt, er hätte seinen Freund und sein Volk für immer verloren.
»Haffak! Du bist zurückgekommen«, schniefte Sapius, »was bin ich froh, dich zu sehen.«
»Ich bin hier, dich abzuholen und zu deinem Volk nach Fee zu bringen«, antwortete der Drache, »genug geflennt. Steig jetzt auf, Yasek. Wir fliegen.«
Sapius blieb unschlüssig an Ort und Stelle stehen, hinkte dann aber zu Haffak Gas Vadar und stieg auf dessen Rücken. Er war gerade aufgestiegen, als der Drache auch schon seine Schwingen bewegte und sich mit einem lauten Freudenschrei in die Lüfte erhob.
»Bring mich zuerst nach Tut-El-Baya«, sagte Sapius, »wir müssen vor der Flotte der Königin und dem Lesvaraq dort sein, um die Stadt zu warnen und vor dem Schlimmsten zu retten.«
Der Drache hatte bereits Kurs auf das offene Meer genommen, zögerte einen Augenblick, indem er den Kurs Richtung Osten beibehielt, drehte dann aber ab und flog zurück in Richtung der Küste Ells.
»Dann ist es also noch nicht vorbei?«, fragte der Drache.
»Nein. Leider nicht«, schüttelte Sapius traurig den Kopf, hätte er doch zu gerne sein Volk, seine Gemahlin und seine Kinder endlich gesehen, »das Ende hat gerade erst begonnen und das Schlimmste steht uns noch bevor.«
»Was ist mit dem Buch der Macht?«, wollte der Drache wissen.
»Tomal besitzt das Buch«, grollte Sapius voller Sorge, »der Lesvaraq ist besessen. Er wird das Buch der Macht missbrauchen.«
»Und die übrigen Streiter? Was ist mit ihnen geschehen?«
»Bis auf Tomal, Vargnar, Malidor und mich sind alle tot«, sagte Sapius betrübt, »Renlasol starb durch den vierten Wächter. Baijosto und Belrod wurden im Netz getötet. Vargnar entkam. Malidor floh.«
»Sapius … bevor wir weiter über das Buch der Macht reden … ich habe auf Fee mit der Mutter aller Drachen gesprochen. Sie hat dich als Yasek bestätigt und dir verziehen. Besser gesagt, sie hat mir dein Handeln, die Hintergründe und die Notwendigkeit erklärt. Die Tartyk und die Drachen werden dir weiterhin vertrauen. Ich bin dein Drache und dein Freund, gleichgültig was du getan hast und noch tun musst. Wenn du das denn noch willst! Du bist einer von uns, hat sie zu mir gesagt. Deine Wege und Entscheidungen seien oft unergründlich. Sie meinte, du würdest oft den steinigen, langen Pfad wählen, um an dein Ziel zu kommen. Das sei deinem komplizierten Wesen geschuldet, meinte die Drachenmutter. Aber sie war der Ansicht, dein Handeln diene der richtigen Sache und vor allem anderem dem Wohl der Drachen, auch wenn es uns manchmal unangemessen erscheint. Es tut mir leid, dass ich Zweifel an dir hegte, mein Freund. Ich hoffe, du wirst mir mein Misstrauen verzeihen und meine Entschuldigung annehmen.«
»Da gibt es überhaupt nichts zu verzeihen oder zu entschuldigen, Haffa«, sagte Sapius, »du hast vollkommen richtig gehandelt und durftest mir nicht mehr vertrauen. Nicht nach dem, was du gesehen hast und ich dir gebeichtet habe. Die Drachen und unser Volk waren in Gefahr. Aber ich bin sehr glücklich, dass du wieder bei mir bist. Wir sind Freunde und das werden wir immer bleiben.«
»Dann ist alles gut«, brummte der Drache zustimmend, »erzähl mir, was geschehen ist. Ich will alles wissen. Wir haben viel Zeit, bis wir in Tut-El-Baya landen werden.«
Sapius erzählte dem Drachen von den Prüfungen, dem vierten Wächter, dem Kampf um das Buch und wie er mit dem Kopf im Rachen der Kreatur schon sein Ende vor Augen hatte. Voller Trauer, Ehrfurcht und Respekt für die Gefährten berichtete er, wie Baijosto, Belrod und Renlasol ums Leben gekommen waren.
Der Magier redete offen und ehrlich, sparte keine Einzelheit aus und selbst die kleinen, persönlichen Geheimnisse, Nöte und Gedanken von Sapius durfte der Drache erfahren, obwohl Haffak die ein oder andere Entscheidung missbilligte. Die Verführung durch Saykara in allen Details nachzuempfinden, gefiel dem Drachen nicht. Drachen liebten sich auf andere Weise. Aber er hörte dennoch tapfer zu. Danach ging es Sapius besser und er blickte frohen Mutes in die Zukunft, auch wenn ihm die schwerste Aufgabe seines Lebens noch bevorstand und das Überleben der Klan in großer Gefahr war. Es war gut, einen Freund zu haben, dem er seine Sorgen anvertrauen konnte und der ihn verstand. Er war sich nicht sicher, ob er gegen den Lesvaraq und das Buch der Macht bestehen und das Ende abwenden konnte. Aber er würde sein Bestes geben.