Das Ende, wie das Ende aller großen Konflikte, hinterließ eine enorme Stille – die Stille verstummter Sirenen und Geschütze, der nie wiederkehrenden Vermissten und Toten, des unausgedrückten Kummers und Entsetzens, der gefälschten oder unausgesprochenen Fakten. Zugleich brachte das Ende neue Anfänge mit sich: militärisch gesehen, den Beginn des großen sowjetischen Vorstoßes nach Berlin; in privater Hinsicht den der Anerkennung von Verlusten und des Neuaufbaus des eigenen Lebens; öffentlich betrachtet, den der Neubevölkerung und Reparatur einer leeren und beschädigten Stadt; politisch gesehen, den Anfang einer neuen Serie von Repressionen.
Das Ende der Belagerung bedeutete noch nicht das Ende der Kämpfe. Die Rote Armee brauchte zwar nur drei Wochen, um Küchlers 16. und 18. Armee zurück zur estnischen Grenze zu drängen, doch es dauerte noch bis Juli 1944, bis sie die Pantherlinie durchbrach und die Deutschen aus der Grenzzitadelle Narwa vertrieb. Der Widerstand der Wehrmacht forderte eine hohe Zahl an militärischen Todesopfern, die jener der ersten Kriegsmonate entsprach. Einer der Gefallenen war Wassili Tschurkins siebzehnjähriger Sohn Tolja. In seiner Freizeit suchte Tschurkin nach Toljas Leiche, bis er einsah, dass »es Monate und Monate dauern würde, jeden Toten nur auf dieser kleinen Fläche umzudrehen. Sie waren überall – an beiden Straßenseiten, im Wald, auf Lichtungen. Der Brückenkopf Narwa verschlang eine Division nach der anderen.«1 In den sechs Monaten seit dem Beginn der Offensive zur Befreiung Leningrads wurden über 150000 Sowjetsoldaten getötet, gefangen genommen oder gingen verschollen – oftmals durch die gleichen ungeschickten Infanterieangriffe, die zwei Jahre zuvor so viele Leben gekostet hatten.2 Hockenjos, der nach einem Weihnachtsurlaub zu seinen Männern in Gattschina zurückkehrte, schrieb: »Immer wieder muss ich mir von ihnen berichten lassen, wie sie die Russen stets von neuem zusammenschossen und zurückschlugen – die Leningrader Garde, die in unübersehbaren, dicken Haufen mit wehenden roten Fahnen angriff.« Er fragte sich: »Ist das nun russische Sturheit, wenn am hellen Tag 50 Mann aus dem Waldrand herauskommen und durch den Schnee über die freie Fläche auf uns zu stapfen, oder ist es die eiskalte Teufelei eines Kommissars, der irgendwo am Waldrand sitzt und eine Kompanie gegen unsere Stellung treibt, vielleicht nur, um den Einsatz unserer schweren Waffen und die Stärke unserer Abwehr feststellen zu können? Jedenfalls waren es nicht mehr viele, die noch zurückkriechen konnten. Wir schossen sie in aller Ruhe mit unsern Gewehren ab, ohne die schweren Waffen zu bemühen.«3
Kommissar oder nicht, die Rote Armee rückte vor, und die Wehrmacht wich zurück, wobei sie nur verbrannte Erde hinterließ. (Hockenjos kommentierte verärgert: »… ich könnte die Kerle von den Brandkommandos niederknallen, die da wie die Teufel mit ihren brennenden Strohwischen von Haus zu Haus laufen. Natürlich tun sie es auf Befehl, aber sie haben sichtlich ihren Spaß daran!«4) Passenderweise fand die Heeresgruppe Nord, gefangen auf der lettischen Halbinsel Kurland, ihr Ende ebenfalls durch eine Belagerung. Unfähig zu dem Eingeständnis, dass der Krieg gegen den Bolschewismus verloren war, ließ Hitler die Evakuierung auf dem Seeweg erst im Januar 1945 zu, als die Rote Armee bereits in Deutschland einzog. Mehr als 200000 deutsche Soldaten befanden sich am Tag des Sieges – für Russen der 9., nicht der 8. Mai – noch auf der Halbinsel, als sie vor General Goworow kapitulieren mussten. Ein separater sowjetischer Vorstoß nach Norden über die Karelische Landenge, geführt von Merezkow, endete mit dem finnischen Waffenstillstand vom 19. September 1944. (Tschurkin, der, wie er fand, in einem erstaunlich gepflegten finnischen Bauernhaus untergebracht war, beobachtete, wie General Mannerheims Maschine, begleitet von drei sowjetischen Kampfflugzeugen, nach Berlin flog.) Die Grenze wurde wieder so gezogen wie nach dem Ende des Winterkriegs, womit Finnlands zweite Stadt Wiipuri (das heutige Wyborg) bei Russland blieb – und dort ist sie, bezaubernd, doch schmählich vernachlässigt, noch heute.
Zum Zeitpunkt der Befreiung von Leningrad lebte die mittlerweile zwölfjährige Irina Bogdanowa immer noch in ihrem Kinderheim in der Gegend von Jaroslawl. Die Bekanntgabe wurde, wie sie sich erinnert, mit lautem Jubel begrüßt:
Wir warfen Kissen in die Luft. Dann, nach ein paar Minuten, begann jemand in einer Ecke des Schlafsaals zu weinen. Darauf in einer anderen Ecke ein weiteres Kind, bis wir alle weinten. Und keiner von uns wollte sein Frühstück haben und auch kein Mittagessen. Erst zum Abendessen gelang es den Lehrerinnen, uns in den Speisesaal zu locken. Plötzlich hatten wir begriffen, dass niemand auf uns wartete. Im Kinderheim hatten wir nicht darüber nachgedacht, sondern nur das Ende des Krieges ersehnt. Erst nach dem Sieg mussten wir wieder mit dem Leben – mit allem, was wir verloren hatten – fertig werden.5
Olga Gretschina, die ihre letzten Monate in der Schule Nr. 43 ableistete, feierte zusammen mit ihren Kolleginnen:
Das Personal kam am Abend zusammen, statt wie üblich in separaten Ecken zu essen. Wodka wurde hervorgeholt; wir sangen, weinten, lachten, aber trotzdem empfanden wir Trauer – die Verluste waren einfach zu hoch. Ein großes Werk war abgeschlossen, unmögliche Taten waren vollbracht worden. Wir alle spürten es … Aber wir spürten auch Verwirrung. Wie sollten wir nun leben? Zu welchem Zweck?6
Olga Freudenberg trauerte um ihre Mutter. Sie lag, mit dem Gesicht zur Wand, stundenlang im Bett oder wanderte durch die Wohnung und räumte mechanisch auf:
Nun habe ich viel Zeit. Ich bin in sie hineingeworfen. Um mich herum – uferlose Zeit. Ich möchte sie begrenzen durch eine Aufgabe, sie ausfüllen durch Bewegung im Raum, aber sie läßt sich nicht verkürzen … Erst spät abends verspüre ich eine gewisse Erleichterung: wieder ist ein Tag zu Ende. Getröstet gehe ich zu Bett und entschwinde für sieben Stunden aus der Zeit … Furchtbar die Morgenstunden im Bett, das erste Bewußtwerden nach der Nacht. Ich bin hier! Wieder die Zeit!7
Im Sommer 1944 kehrten viele Evakuierte zurück. Sie sorgten dafür, dass sich die Leningrader Bevölkerung innerhalb von zwölf Monaten mehr als verdoppelte. Auch brachten sie den Hauch Zentralasiens und der fernen russischen Landschaft mit. Ein Mädchen, das auf einer Kolchose in der südlichen Steppe gelebt hatte, vermisste es, mit ungesattelten Pferden hinaus auf die Weide zu reiten, und kletterte stattdessen auf die Dächer der Stadt – »nur fünf Etagen oder höher, und je steiler, desto besser«. Eine Freundin von Vera Inber kam mit einem Spinnrad heim, das sie in Gang setzte, wenn sie nicht Beethovens Sonaten spielte.8 Ein Jahr später, im Sommer 1945, kehrten auch die Soldaten zurück. Aufgewachsen im Glauben an die Rückständigkeit des Kapitalismus, waren sie durch ihren Blick auf den deutschen Lebensstandard, sogar in Kriegszeiten, verblüfft worden. Warum, dachten viele, hatten die Deutschen die Mühe der Invasion auf sich genommen, obwohl sie doch schon so viel besaßen?
Als Letzte kamen die überlebenden Kriegsgefangenen nach Hause. Von den rund 4,5 Millionen Sowjetsoldaten, die während des Krieges in Gefangenschaft gerieten, waren am Ende noch etwa 1,8 Millionen am Leben … Die Übrigen wurden ermordet (wenn sie Juden waren oder der Partei angehörten) oder fielen Hunger und Krankheit zum Opfer. Etliche starben auf Zwangsmärschen beim Zurückweichen der Wehrmacht in Richtung Westen. Sobald die Rote Armee ihre Lager erreichte, internierte sie die Überlebenden sofort neu und unterzog sie einer »Filtrierung«. Standardfragen lauteten: »Warum hast du dich nicht erschossen, statt dich zu ergeben?«, »Warum bist du nicht im Kriegsgefangenenlager gestorben?« und »Welche Aufträge hast du von der Gestapo und der Abwehr erhalten?«. Die von den Alliierten Befreiten wurden außerdem gefragt:
»Welche Aufgaben hast du vom anglo-amerikanischen Geheimdienst erhalten?« Lew Kopelew, ein Politruk, der wegen seiner Proteste gegen die Massenvergewaltigung deutscher und polnischer Frauen durch die Rote Armee verhaftet worden war, teilte sich eine Zelle mit zwei jungen Leningradern. Sie waren mit zwölf Jahren, als die Wehrmacht ihr Pionierlager bei Luga überrannte, gefangen genommen und als Sklavenarbeiter nach Deutschland geschickt worden. Dann sollten sie an der russischen Front als Spione eingesetzt werden, hatten jedoch sofort die russischen Linien überquert und sich der ersten Einheit der Roten Armee, auf die sie gestoßen waren, ausgeliefert. Kopelew versicherte den Jungen, dass man sie bald nach Hause entlassen werde, doch in Wirklichkeit erfuhr er nichts über ihr weiteres Schicksal. Er selbst wurde wegen der üblichen »antisowjetischen Tätigkeit« verurteilt und bis 1954 in den Gulag geschickt.9
Familienzusammenführungen (für diejenigen, die das Glück hatten, sie zu erleben) waren oft schwierig. Kinder erkannten ihre Eltern nicht wieder, Eltern verstanden ihre Kinder nicht mehr, Ehegatten hatten sich geändert und waren einander fremd geworden. Sogar die Stadt sah anders aus: mager und hart, hohläugig, mit Zahnlücken und Schrapnellnarben versehen. Hocherfreut, wieder daheim zu sein, wurde Anna Achmatowa am Bahnhof von ihrem Vorkriegsliebhaber, dem Pathologen Wladimir Garschin, empfangen. Sie hatten brieflich vereinbart zu heiraten, wobei Achmatowa seinen Namen übernehmen sollte. Nun stellte sie jedoch fest, dass er es sich anders überlegt hatte. Sie redete sich ein, Garschin habe den Verstand verloren (»Der Mann, der mir/Nun nichts bedeutet … Wandert wie ein Geist durch die Randbezirke/Die Seitenstraßen und Hinterhöfe des Lebens«), doch in Wirklichkeit hatte er sich einfach nur in eine Arztkollegin verliebt. Die gedemütigte Achmatowa strich alle an ihn gerichteten Widmungen aus ihren Gedichten und zog wieder in ihr altes Zimmer neben dem von Nikolai Punin im Anbau des Scheremetjew-Palasts. Die Fenster wurden dank Olga Berggolz repariert, die ihre Beziehungen zu einem Aufseher in der Öffentlichen Bibliothek spielen ließ. Nachdem Berggolz den Mann über Achmatowas Bedeutung informiert hatte, entgegnete er, sie solle seine Intelligenz nicht unterschätzen: »Ich bin gebildet!« Danach entfernte er das für die Reparatur erforderliche Glas – »Ich glaube, sie werden uns vergeben« – von mehreren eingerahmten Drucken großer Schriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts.
Tschurkin, dessen beide Söhne an der Front gefallen waren und dessen Frau verhungert war, hatte niemanden mehr, zu dem er heimkehren konnte. Freunde nahmen ihn bei sich auf, und es dauerte drei Tage, bis er es über sich brachte, seine eigene Wohnung aufzusuchen. Jemand hatte dort eingebrochen:
Ein schreckliches Durcheinander; die Diebe hatten alles auf den Kopf gestellt. Sämtliche Kleidungsstücke – Anzüge und Mäntel – und Wertsachen sind verschwunden. Was sie nicht interessierte, ist über den Fußboden verstreut … Das Einzige, was ich an mich nahm, war unser Fotoalbum. Hier sind sie, meine Lieblinge, die schweigend zu mir aufschauen. Ich werde sie nie wiedersehen. Mein Schmerz ließ mich in Tränen ausbrechen.10
Draußen in Jaroslawl erging es Irina Bogdanowa besser. Zwar hatte sie all ihre engeren Verwandten verloren, doch sie erinnerte sich an die Adresse von Freundinnen der Familie: vier unverheirateten Schwestern aristokratischer polnischer Herkunft, in deren mit Dachpappe gedecktem Häuschen in einer Datschensiedlung östlich von Leningrad sie einmal den Sommer verbracht hatte. Nach dem Empfang von Irinas Brief – mit kindlichen Buchstaben geschrieben und voll von höflichen Nachfragen nach der Gesundheit der Katze und des Hundes – reisten die beiden überlebenden Schwestern (die anderen waren verhungert) sofort nach Jaroslawl, nahmen Irina mit nach Hause und zogen sie wie ihr eigenes Kind auf. Heute bewahrt Irina das Andenken an die Schwestern in Form einiger Atelierfotos – entstanden um die vorletzte Jahrhundertwende und gedruckt auf einer goldumrandeten Platte – von hübschen jungen Frauen mit winziger Taille und dichtem, hochgebürstetem Haar. Ihre breiten weißen Hüte sind mit Taubenschwingen verziert.
Leningrad bedurfte natürlich auch der physischen Reparatur. Obwohl nicht annähernd so schwer beschädigt wie die dem Erdboden gleichgemachten Städte Charkow, Minsk oder Stalingrad – oder, laut Augenzeugenberichten, wie London –, war es während der Belagerung von über 150000 schweren Artilleriegeschossen und mehr als 10000 Bomben und Brandbomben getroffen worden.11 Fenster, die nicht zerbrochen waren, Mauern ohne Risse und nicht tropfende Dächer gab es kaum noch. Die Eremitage, die während des Krieges wunderbarerweise nur zwei direkte Treffer zu verzeichnen hatte, reichte eine Rechnung für 65 Tonnen Mörtel, 100 Tonnen Zement, 6000 Quadratmeter Glas, 80 Tonnen Alabaster und 6 Kilo Blattgold ein.
Während sich die Stadt wieder füllte, wuchs die Nachfrage nach unversehrten Wohnungen, und es kam zu immer schärferen Disputen zwischen zurückkehrenden Evakuierten und den neuen (legalen oder illegalen) Inhabern der einst geräumten Zimmer. In der Theorie erhielten frühere Soldaten sowie Zivilisten, die man individuell evakuiert hatte (also die politische und kulturelle Elite), ihre Vorkriegsunterkünfte automatisch zurück, während Zivilisten, die mit ihren Fabriken oder Institutionen aus der Stadt hinausbefördert worden waren (die breite Masse), keine Ansprüche geltend machen konnten. Doch in der Praxis mussten sogar die beiden ersten Kategorien häufig zu Bestechung und amtlicher Einflussnahme greifen, um sich ihr Recht zu verschaffen. Auch ein Gesetz, das die Rückgabe von zu Schleuderpreisen verkauften Wertsachen vorsah, wurde nicht angemessen realisiert, weshalb es nach dem Krieg nicht selten vorkam, dass jemand ein geliebtes Gemälde an der Wand eines Devisengeschäfts oder die Brosche seiner Mutter am Aufschlag einer Fremden sah.12
Die schlimmsten architektonischen Verluste betrafen die Sommerpaläste der Zaren. Eine der Ersten, die Pawlowsk – acht Tage nach seiner Befreiung – zu Gesicht bekam, war Anna Selenowa. Nachdem sie die Genehmigung (wenn auch kein Transportmittel) erhalten hatte, dort nach dem Rechten zu sehen, brach sie zu Fuß auf. Es sei kein einsamer Spaziergang gewesen, schrieb sie schadenfroh an einen evakuierten Kollegen, denn Krähenschwärme, die über all den nicht beerdigten deutschen Leichen kreisten, hätten ihr Gesellschaft geleistet. Ein Toter war an einen Zaun gelehnt worden, und man hatte einen Zettel an seiner Kleidung angebracht: »Wollte nach Leningrad marschieren. Hat es nicht geschafft.« Am Eingang zum Pawlowsker Park war die Mittelsäule des Doppeltores abgerissen worden – wahrscheinlich, dachte Selenowa, um Platz für die Panzer zu machen. Der Park selbst war mit Granattrichtern, Baumstümpfen, Schutzgräben und Schießständen übersät. In einem Bunker fand sie Gobelins, aus denen Hakenkreuze herausgeschnitten worden waren, in einem anderen mehrere Gemälde und einen Konzertflügel. Mit Intarsien versehene Türen hatten als Fußgängerbrücken über Gräben gedient, Mahagonischränke waren in Latrinen verwandelt worden. Der Palast selbst – die Deutschen hatten ihn, wie Peterhof, bei ihrer Abfahrt angezündet – brannte seit zehn Tagen:
Die Kuppel ist verschwunden, genau wie die Uhrtürme, und die Rossi-Bibliothek ist samt den Wänden niedergebrannt. Es gibt keinen rechten Flügel und keinen Thronsaal mehr, keine vergitterte Galerie über den Kolonnaden. Die Bildergalerie, die Kapelle, der ganze Palast existieren nicht mehr … Schaut man durch die Fenster im Erdgeschoss, sieht man den Himmel, und man kann die Räume nur mit Hilfe der noch vorhandenen Verputzfragmente unterscheiden.
Im Innern fand Selenowa Sprüche an den Wänden, Überreste des Parkettfußbodens, die an ein halb fertiggestelltes Puzzle erinnerten, und Haufen leerer Weinflaschen. Verkohlte Balken qualmten noch, und geschmolzenes Blei tröpfelte von den Dachresten auf ihre Kamera. Die Statue von Zar Paul vor dem Haupteingang war zu einem Telegrafenmast umfunktioniert worden, und man hatte seinen Zweispitz mit Kabeln umwickelt. (»Ich bin so froh, dass Pawel [Paul] mit dem Rücken zum Palast steht.«)
Im demolierten Puschkin lagen der Katharinen- und der Alexanderpalast genauso in Trümmern – der Erstere teilweise auch deshalb, weil es der Roten Armee nicht gelungen war, zwei Zeitzünderbomben zu entschärfen; die zweite explodierte am 3. Februar, mehr als eine Woche nach der Befreiung: »Eine elende Schande – die Leute hätten in den ersten Stunden auf ihren Posten sein müssen«, erwiderte Selenowas Kollege, als er die Nachricht erhielt.13 Noch jahrelang nach dem Krieg war es seine Aufgabe, Osteuropa nach geplünderten Palastschätzen abzusuchen. Nie gefunden wurden zum Beispiel die Rokokopaneele des legendären Bernsteinzimmers im Katharinenpalast, das Friedrich Wilhelm von Preußen einst Peter dem Großen zum Geschenk gemacht hatte. Die fein gearbeiteten Paneele, die man während der Evakuierung des Museums hinter falschen Wänden versteckt hatte, wurden rasch von den anrückenden Nationalsozialisten entdeckt, die sie in Kisten packten und nach Königsberg schickten. Sie wurden zuletzt im Königsberger Schloss gesehen, und niemand weiß, was danach mit ihnen geschah. Ungeachtet der Meinungen von Schatzjägern ist zu vermuten, dass sie durch ein Feuer zerstört wurden, welches ein paar Tage nachdem das Gebäude im April 1945 an die Rote Armee gefallen war, durch die Räume fegte.14
Die vorsätzliche Zerstörung der Paläste entfachte unter den Russen, wie der Journalist Alexander Werth schrieb, »eine so große Wut wie die schlimmsten deutschen Gräueltaten an Menschen«. Wie die meisten vermutete er zunächst, die Bauten seien nicht restaurierbar. Oben auf der Großen Kaskade von Peterhof stehend, soll der Sowjetvorsitzende Pjotr Popkow auf die geschwärzte Ruine gedeutet und erklärt haben: »Wir werden das nicht wieder aufbauen. Das ganze Gelände wird eingeebnet.«15 Andere befürworteten, die Ruine als Monument der nationalsozialistischen Brutalität unangetastet zu lassen oder sie durch eine Arbeitersiedlung zu ersetzen.
Die Entscheidung zum Wiederaufbau, die Stalin persönlich traf, stand im Einklang mit einer neuen öffentlichen Stimmung, welche die gesamte Sowjetunion bei Kriegsende erfasste. Zunächst sehnten sich alle schlicht nach einem leichteren, angenehmeren, »normalen« Leben. Olga Gretschina, die für ihren zweiten Studienbeginn verzweifelt nach einer ansehnlichen Garderobe suchte, verschaffte sich neue Stiefel, indem sie die Kufen von einem Paar Schlittschuhe abmontierte. Marina Jeruchmanowa adoptierte nach ihrer Entlassung aus dem Jewropa einen streunenden Bernhardiner (die gleiche Rasse, die ihre Großeltern bevorzugt hatten), den sie mit »Eskimo«-Eiskrem fütterte und auf dem Bürgersteig auf öffentliche Waagen hievte. (Er war, wie sie sich ausmalte, von siegreichen tankisty aus einem verlassenen deutschen Schloss gerettet worden.) Nikolai Rybkowski, der Apparatschik, der sich in der schlimmsten Zeit des Massentodes in einem Partei-Sanatorium an Schinken und Puter labte, freute sich auf den Tag, an dem er sich leisten konnte, ein Mädchen ins Mariinski-Theater einzuladen und in der Pause mit Kaffee und Kuchen zu bewirten. Wissenschaftler im Botanischen Garten stellten einen Wunschzettel mit sonnigen Ländern zusammen, in die sie Expeditionen zur Sammlung neuer Pflanzen entsenden wollten: Indien, Madagaskar, Java, Australien und Ceylon.16
Außerdem sahen die Menschen ein, dass der Kommunismus nicht weichen würde. Vor dem Krieg war es noch möglich gewesen, das Regime als zeitweilig zu betrachten. Laut dem Konversationscode hatte man den Zarismus als »die friedliche Zeit« bezeichnet, womit die Möglichkeit einer Rückkehr zur natürlichen Ordnung angedeutet wurde. Nun geriet die Wendung aus der Mode. »Leningrad« hatte »Petersburg« für immer ersetzt. Allerdings wünschte man sich, dass dieser Kommunismus ein anderer sein würde. Nachdem die Bürger vier Jahre lang für ihr Land gekämpft, gearbeitet und gelitten hatten, glaubten sie, ein Recht darauf zu haben, dass ihre Regierung ihnen Vertrauen schenkte. Sie wünschten sich die üblichen Annehmlichkeiten des zivilisierten Lebens – Sicherheit, Komfort, Unterhaltung –, doch auch die Freiheit, ihre Meinung zu sagen, die Außenwelt zu erforschen und nicht mehr nur zum Schein am öffentlichen Leben teilzunehmen. Bei den ersten Nachkriegswahlen zum Obersten Sowjet entwerteten viele Leningrader ihren Stimmzettel und kritzelten: »Wann schafft ihr die kommunistische Leibeigenschaft ab?«, »Gebt uns Brot und veranstaltet dann Wahlen«, »Nieder mit der Schwerarbeit in Fabriken und auf Kolchosen, hoch mit der Freiheit des Wortes und der Presse.« Einige strichen sogar den Namen des Kandidaten durch und schrieben »Für Adolf Hitler«. »Es ist demütigend«, klagte ein Schauspieler an der Alexandrinka. »Man kommt sich vor wie ein Roboter, wie eine Schachfigur. Wie kann man wählen, wenn nur ein einziger Name auf der Liste steht?«17
Alexander Werth, der im September 1943 die Erlaubnis erhielt, für kurze Zeit aus Leningrad zu berichten, hatte die Sehnsucht nach dem Wandel gespürt. Auf einem Bankett des Schriftstellerverbands ihm zu Ehren wurden die üblichen Trinksprüche auf Churchill und Eden ausgebracht, doch dahinter entdeckte er »in noch höherem Maße als in Moskau … ein wirkliches Streben nach künftigen engen Kontakten mit dem Westen. Man dachte an Häfen und Schiffe – Schiffe, die Passagiere hin und her beförderten sowie Waren und Bücher und Musik und Bilder und Grammofonaufnahmen.« Als Werth Popkow interviewte, fiel ihm auf, dass sich dieser als Leningrader »Bürgermeister«, nicht als Vorsitzenden des Stadtsowjets bezeichnete, und beim Besuch eines Militärflugplatzes staunte er über die in der Offiziersmesse angehefteten Devisen, die nicht von Lenin stammten, sondern aus einem Etikettehandbuch des vorrevolutionären Corps des Pages (»Vermeiden Sie es, zu gestikulieren und die Stimme zu heben«, und: »Die Stärke eines Offiziers liegt nicht in impulsiven Akten, sondern in seiner unerschütterlichen Ruhe«). Sein Zimmermädchen im Hotel Astoria nahm dankbar eine Lucky Strike entgegen und schwelgte in Erinnerungen an die ägyptischen Tanagras, die sie im Dienst einer Fürstin Borghese geraucht hatte, sowie an die jährlichen Reisen nach Paris zum Kauf von Unterwäsche bei Paquin und Worth. An Werths letztem Abend führte man ihn zu einer ausverkauften Bühnenfassung von Frank Capras Komödie Es geschah in einer Nacht, komplett mit Showmelodien, einem Millionär, Detektiven und Gangstern – »alle bekleidet wie ›wirkliche‹ Amerikaner mit den grellsten blauen und purpurnen Anzügen«. Überall hingen mehr Porträts von Schdanow als von Lenin und Stalin. Insgesamt hatte er den »seltsamen Eindruck, dass Leningrad sich ein wenig von der übrigen Sowjetunion unterschied«. Der traditionelle Überlegenheitskomplex der Stadt sei durch das Wissen erhöht worden, dass sie ihren »eigenen Kampf«, ohne Moskauer Hilfe, ausgefochten habe. Man höre sogar Gerüchte, dass Leningrad wieder zur Hauptstadt werden würde – wenn nicht der ganzen Sowjetunion, dann der Russischen Republik.18
Diese Hoffnungen – auf Komfort, einen gewissen Grad an politischem Pluralismus, auf Kontakt mit der Außenwelt und eine spezielle Rolle für Leningrad – wurden nach dem Krieg fast völlig enttäuscht. Der Lebensstandard erhöhte sich tatsächlich, aber quälend langsam, und für die Leningrader, wie für die anderen Russen, brachten die ersten Jahre des Kalten Kriegs nur erneute Repressionen, die in den späten vierziger und frühen fünfziger Jahren einen Höhepunkt erreichten, bevor sie nach Stalins Tod im Jahr 1953 stark nachließen.
Im Rückblick liegt auf der Hand, dass es nicht anders hätte sein können. Stalin, der nicht mehr durch den Krieg gezwungen war, die öffentliche Meinung zu beachten, und der aus der Geschichte wusste, dass siegreich aus Europa zurückkehrende Soldaten Revolten entfachen konnten, hatte nicht die Absicht, die Kontrolle zu lockern. Zwar verhaftete das Leningrader NKWD im Jahr 1944 weniger Personen wegen politischer Verbrechen als sonst (insgesamt 373), doch das lag nur daran, dass es sich darauf konzentrierte, angebliche Kollaborateure in den gerade befreiten Ortschaften der Umgebung aufzuspüren. 1945 stieg die Zahl der Verhaftungen wieder an.19 Auch die Zensur, die sich während des Krieges ein wenig entspannt hatte, wurde wieder strenger, besonders im Hinblick auf den Massentod von 1941/42. Im Tagebuch einer behinderten Zwanzigjährigen wird nicht nur der Hungertod ihres Schach spielenden Vaters verzeichnet, sondern auch die Entdeckung von zerstückelten Leichen in der Wohnung eines benachbarten Musikers. Sie las die Schilderung ihren Freunden laut vor; einer von ihnen zeigte sie an, und sie wurde für sechs Jahre in den Gulag geschickt. Schließlich hatten Geiger laut der offiziellen Version die Belagerung nicht damit verbracht, Kinder zu essen, sondern mit fingerlosen Handschuhen Schostakowitsch zu spielen.20 Inber kritisierte Berggolz, weil diese weiterhin »traurige, altmodische« Dichtung vorlege, nur um festzustellen, dass ihre eigene Arbeit auf einer Sitzung des Schriftstellerverbands als »abstoßend«, »kindisch« und als »qualvoll zu lesen« verurteilt wurde.21 Im Rundfunkhaus befahl man dem Personal, Kriegsaufzeichnungen improvisierter Interviews mit gewöhnlichen Bürgern zu zerstören. Stattdessen verbargen die Angestellten die Filmrollen unter ihren Mänteln und nahmen sie mit nach Hause oder legten sie in Schachteln mit dem Etikett »Volksmusik« ab. Freudenberg, die den Auftrag erhielt (vom NKWD, wie sie zu ihrem Leidwesen entdeckte), Berichte von »Leningrader Heldinnen« zu sammeln, wurde in Richtung »Lieblingsthemen der Behörden« gewiesen. »Alles Lebendige, alles Echte war unzulässig … Obwohl mir viel unglaublich Tragisches mündlich mitgeteilt wurde, wagte niemand, die Wahrheit niederzuschreiben.«22
Die letzten Hoffnungen auf einen »Leningrader Frühling« wurden, sehr öffentlich und sehr bewusst, im Sommer 1946 durch Strafmaßnahmen gegen die Intelligenzija zunichtegemacht. Eingeleitet von Stalin, wurde die Kampagne Schdanow – dies war eine implizite Kritik an seiner Leitung der Leningrader Partei – übertragen. Er war inzwischen nach Moskau zurückgekehrt und wurde weithin als Stalins Nachfolger gehandelt. Als Opfer wählte er Anna Achmatowa und den Satiriker Michail Soschtschenko, einerseits wegen ihrer Popularität (»Ich wusste in dem Moment, als ein Mädchen auf mich zulief und auf die Knie fiel, dass ich zum Untergang verdammt war«, sagte Achmatowa nach einer triumphalen öffentlichen Poesielesung) und andererseits, weil sie den klugen, skeptischen, europhilen Leningrader Geist verkörperten. Wie der Schriftsteller Konstantin Simonow es in seinen Erinnerungen formulierte:
Ich glaube, der Angriff auf Achmatowa und Soschtschenko galt nicht ihnen speziell … Stalin war immer misstrauisch gegenüber Leningrad – ein Gefühl, das er seit den zwanziger Jahren pflegte, ein Gefühl, dass man dort eine geistige Autonomie schaffen wollte … Damals dachte ich: »Warum Achmatowa, die nicht emigriert war und während des Krieges so viele [Dichter-]Lesungen abhielt?« … Es war eine Methode, die Intelligenzija in die Schranken zu weisen, ihr zu zeigen, dass sie genauso klare Aufgaben hatte wie vor dem Krieg.23
Der Schlag erfolgte am 15. August in Form einer Resolution des Zentralkomitees der Partei. Achmatowas Werk wurde als »leer und frivol … durchsetzt vom Geruch des Pessimismus und der Verwesung« abgestempelt, das von Soschtschenko als »verfaulter, vulgärer Unsinn«, durch den die Sowjetjugend in die Irre geleitet werden könne. Beide ließen angeblich »hündische Untertänigkeit gegenüber der bourgeoisen Kultur des Westens« erkennen. Eine der beiden Leningrader Zeitschriften, die ihre Werke veröffentlicht hatten, wurde geschlossen, die andere einem Propagandisten des Zentralkomitees unterstellt. Eine Woche später flog Schdanow nach Leningrad, um die beiden Autoren in einer Rede vor dem Schriftstellerverband persönlich anzuprangern. Während die Bedeutung seiner Worte in das Bewusstsein des Publikums eindrang (er beschrieb Achmatowa als »halb Hure, halb Nonne« und Soschtschenko als »trivialen Kleinbürger …, aus dem antisowjetisches Gift hervorquillt«), erstarrten die Zuhörer stumm und »gefroren«, wie eines der Mitglieder es ausdrückte, »im Lauf der drei Stunden zu einem massiven weißen Brocken«.24 Eine Frau versuchte, den Saal zu verlassen, wurde jedoch daran gehindert und musste wieder in einer der hinteren Reihen Platz nehmen. Niemand sonst protestierte, und ein Antrag, Achmatowa und Soschtschenko aus dem Verband auszuschließen, wurde einstimmig angenommen. Die Versammlung endete um ein Uhr morgens, als die Schriftsteller schweigend die Stufen hinunterstiegen und in die warme Sommernacht hinaustraten. »Genauso schweigend«, erinnerte sich eine Teilnehmerin, »gingen wir die gerade Straße zum leeren Platz entlang und fuhren mit nächtlichen O-Bussen davon. Alles war unerwartet und unverständlich.«25 Achmatowa selbst schützte majestätische Verachtung vor und behauptete, nichts von der Resolution gewusst zu haben, bis sie den Text in einer verschmierten Zeitung sah, aus der sie gerade ein Stück Hering ausgewickelt hatte. Simonows Interpretation der Angelegenheit wird dadurch gestützt, dass man, trotz Schdanows grauenerregender Rede, weder Achmatowa noch Soschtschenko verhaftete, sondern sie stattdessen wieder zu ihrer Vorkriegsexistenz in Geheimhaltung und Armut verdammte und sie erneut zwang, ihre Notizbücher zu verbrennen und mit Hilfe mutiger Freunde zu überleben. Eine der wenigen Mutigen, die Achmatowa nicht fallenließen, war die viel jüngere Olga Berggolz, die dadurch ihre Mitgliedschaft im Vorstand des Schriftstellerverbands verlor.
Im August 1948 gestaltete sich die Kreml-Politik um, als Schdanow (ohne äußere Einwirkung) an einem Herzinfarkt starb. Malenkow und Berija schoben sich sofort in den Vordergrund, indem sie die nachdrücklich propagierten Maßnahmen gegen die Leningrader Intelligenzija zu einer geheimen Säuberung von Schdanows Protegés im Kreml und in der gesamten Leningrader Partei ausweiteten.
Die sogenannte Leningrader Affäre begann im Februar 1948 mit der Entlassung nicht nur von Alexej Kusnezow, der Schdanow während des Krieges als Stellvertreter gedient hatte, ihm nach Moskau gefolgt war und die Aufsicht über das NKWD übernommen hatte, sondern auch von »Bürgermeister« Popkow, der Erster Parteisekretär Leningrads geworden war, sowie von Nikolaj Wosnessenski, einem scharfsinnigen jungen Ökonomen, der es an Schdanows Rockzipfeln zum Chef der Staatlichen Plankommission gebracht hatte. »Das Politbüro meint«, hieß es in einer Geheimresolution, dass die »Genossen Kusnezow … und Popkow eine krankhafte, unbolschewistische Abweichung [vertreten] haben, die sich in demagogischen Annäherungen an die Leningrader Organisation, in unfairer Kritik am Zentralkomitee … und in Versuchen äußerte, sich selbst als spezielle Beschützer der Interessen Leningrads zu präsentieren«.26
Obwohl »die Jagd begonnen hatte«, wie Chruschtschow es später formulierte, verhaftete man die Leningrader nicht sogleich, und Wosnessenski wurde sogar noch zu einer von Stalins alkoholtriefenden Mitternachtsmahlzeiten eingeladen. Am 13. August bestellte Malenkow schließlich Kusnezow, Popkow und drei andere in sein Büro und ließ sie bei der Ankunft von seinem Leibwächter verhaften. Wosnessenski schrieb einen kriecherischen Brief an Stalin, in dem er um einen Posten flehte – »Ich habe den Grundsatz des Parteigeistes begriffen … und bitte Sie, mir zu vertrauen« –, doch dies konnte ihm nicht helfen.27 Er wurde seinerseits am 27. Oktober verhaftet und zu Popkow und Kusnezow in ein von Malenkow eingerichtetes Sondergefängnis geschickt. Im September 1950 fand eine geschlossene Verhandlung im Gebäude des ehemaligen Offiziersclubs am Liteiny statt. Kusnezow weigerte sich, ein Geständnis abzulegen, und wurde auf der Stelle hingerichtet – laut Chruschtschow »auf grässliche Art, mit einem Haken im Nacken«.28 Wosnessenski könnte man ein wenig länger am Leben gelassen haben, denn es hieß, Stalin habe sich ein paar Monate nach der Verhandlung bei Malenkow erkundigt, was aus dem bekanntermaßen arbeitssüchtigen Chef der Plankommission geworden sei, und schlug vor, ihm einen Posten zu geben. Malenkow erwiderte, das sei unmöglich, denn Wosnessenski sei auf der Ladefläche eines Gefängnislastwagens erfroren.29 Zwischen 1949 und 1951 wurden insgesamt 69 mit Leningrad verbundene Parteifunktionäre – sowie 145 ihrer Verwandten – hingerichtet, inhaftiert oder in die Verbannung geschickt. Am wenigstens Mitleid verdiente P.N. Kubatkin, der Leiter des Leningrader NKWD. Die üblichen nach seiner Verhaftung aufgenommenen Polizeifotos – von vorn und im Profil von rechts – zeigen ihn abgemagert und zerzaust, genau wie Tausende seiner Opfer während des Krieges.
Die »Leningrader Affäre«, die unter hoher Geheimhaltung abgewickelt wurde, ist bis heute ziemlich rätselhaft. Die Vorwände dafür, die Stalin von Malenkow eingeflüstert worden sein sollen, besagten, Wosnessenski habe Produktionsziffern gefälscht. Zudem habe die Leningrader Partei ohne Moskauer Genehmigung eine Agrarhandelsmesse angesetzt. Doch in Wirklichkeit war die Affäre wohl eine Folge der Anspannung, die mit dem Kalten Krieg einherging – 1949 war das Jahr der Berliner Luftbrücke, der Gründung der NATO und der ersten sowjetischen Atombombe –, hinzu kam Stalins Furcht vor möglichen Rivalen. Vielleicht hatten ihn das Gerede über eine in Leningrad ansässige Russische Kommunistische Partei (im Gegensatz zur Allunionspartei) und der Freundschaftsbesuch einer Delegation aus Titos unabhängig gesonnenem Jugoslawien nervös gemacht.30 Revisionisten halten dagegen, die Säuberung sei eine geschickte Machtdemonstration gewesen, die Stalins Souveränität untermauert und ein Gleichgewicht zwischen den Kreml-Fraktionen hergestellt habe. Überzeugender ist die konventionelle Ansicht, dass es sich schlicht um eine der letzten Zuckungen eines alternden, paranoiden Geistes handelte.
Parallel zur »Leningrader Affäre« erklärte Stalin, wiederum ermutigt von Malenkow und Berija, einen unionsweiten »Krieg gegen den Kosmopolitismus«. Die Nutzung traditioneller Werte in den Kriegsjahren – etwa die Rückkehr militärischer Dienstgrade und Rangabzeichen, die Benennung von Orden nach Suworow und Newski – schlug nun in eine boshaft antiwestliche Haltung um. Es war die Zeit der verrückten Pseudogenetik, des »städtischen« statt des »französischen« Brotes und der Prahlerei, dass Russen Radio, Flugzeug und Glühbirne erfunden hätten. Menschen mit Beziehungen ins Ausland oder jüdischen Familiennamen verschwanden täglich (»Früher war es eine Lotterie«, scherzte einer, »inzwischen ist es eine Schlange«),31 und an der Leningrader Universität kam das Personal erneut zusammen, um Kollegen des »Formalismus«, des »bourgeoisen Subjektivismus« oder der »Verbeugung vor dem Westen« zu bezichtigen. »Sämtliche Professoren«, schrieb Olga Freudenberg über ihre philologische Fakultät,
mussten sich schändlich bloßstellen. Die einen, wie Schirmunski, machten das elegant und geschickt … [Doch] Professor Tomaschewski, der bekannte Puschkin-Forscher, ein beherrschter Mann, noch nicht alt …, sehr gelassen, mit einem zupackenden Verstand und ohne Sentiments – er trat nach der moralischen Exekution auf den Korridor der Akademie und fiel dort in Ohnmacht. Der Folklorist Asadowski, ein entkräfteter und herzkranker Mann, verlor mitten in der Sitzung das Bewußtsein und wurde hinausgetragen.
Nach einer Berechnung verloren bis 1951 so viele Juden in der Sowjetunion den Arbeitsplatz, dass sie nun weniger als vier Prozent aller höheren Regierungs-, Wirtschafts-, Medien- und Universitätsämter bekleideten – im Gegensatz zu zwölf Prozent im Jahr 1945.32 Das Opfer, das am meisten Aufmerksamkeit erregte, war Molotows luxusliebende dreiundfünfzigjährige Frau Polina, ehemals Volkskommissarin für Fischfang. Eine groteske Pseudoermittlung, bei der man ihr zionistische Spionage und Gruppensex vorwarf, endete mit ihrer Scheidung von Molotow und einer fünfjährigen Lagerstrafe. Für diese hässliche Entwicklung fand Freudenberg ein ebenso hässliches neues Wort: skloka. »Schwer zu erklären, was das ist. Kleinliche, infame Feindschaft, Gruppenbildung und gegenseitiger Haß … außerdem Denunziation, Verleumdung, Bespitzelung, Ränkeschmiederei und geheime Absprachen … Die ›Skloka‹ ist das A und O unserer Politik. Die ›Skloka‹ ist unsere Methodologie.«33
Anna Achmatowa blieb zwar in Freiheit, doch man ließ sie auf andere Weise leiden. Einer der vielen Tausend, die verhaftet wurden, war ihr siebenunddreißigjähriger Sohn Lew Gumiljow, der sich mit der Roten Armee bis nach Berlin durchgeschlagen hatte und kurz zuvor aus dem Militär entlassen worden war. Vor dem Krieg hatte er mehrere Jahre im Gulag verbracht, und nun verurteilte man ihn zu weiteren zehn Jahren. Trotz der Eingaben seiner Mutter und ihrer gehorsamen Auftragsarbeit (ein Zyklus patriotischer Gedichte mit dem Titel Es lebe der Frieden) geriet Lew erst durch Chruschtschows Generalamnestie von 1956 in Freiheit. Ebenfalls verhaftet wurde ihr Exmann Nikolai Punin, der nach dem Verschwinden von achtzehn Kollegen öffentlich geäußert hatte: »Wir haben die Tatareninvasion überlebt, und wir werden auch dies überleben.« Man bezichtigte ihn, »die reaktionäre Idee ›Kunst um der Kunst willen‹ zu befürworten«, und verbannte ihn auf die arktische Halbinsel Komi. Aus dem Lager schrieb er seiner Enkelin fröhliche Briefe über Sandburgen, Igel und Pilze, bevor er dort vier Jahre später im Alter von fünfundsechzig Jahren starb.34
Im selben Jahr fand ein anderer alter Mann ein einsames Ende: Josef Stalin. Die Nachricht wurde mit einer Mischung aus verblüfftem Schweigen und heftiger, kathartischer Emotion aufgenommen. In Schulen stimmten Lehrer mit ihren Schülern Wehklagen an; in Gemeinschaftswohnungen versuchten die Menschen, eine ernste Miene aufzusetzen, oder brachen in Tränen aus; in den Lagern drängten sich die Wächter nervös zusammen, Häftlinge dagegen jubelten und warfen ihre Mützen in die Luft. Hysterische Mengen folgten dem Trauerzug des großen Diktators in Moskau, während in Leningrad ein Mann seinen Parteiausweis verlor, weil er sein Radio während der Grabreden zweimal abgestellt und seine Arbeit in aller Ruhe fortgesetzt hatte. »Wir wurden zweifach belagert«, schrieb Lichatschow, »von innen und von außen.«35 Die »Belagerung von innen« war noch nicht vorbei, denn die Sowjetunion sollte, grau und repressiv, noch fast vierzig Jahre weiterexistieren. Aber sie würde nie wieder so zerstörerisch sein wie unter Stalin.