»Wir siegen, aber die Deutschen rücken vor«
Der sparsame Umgang von Sowinform mit der Wahrheit hatte zur Folge, dass die Leningrader rasch lernten, offiziellen Nachrichtenquellen nicht zu trauen. »Naschi bjut«, flüsterten sie einander zu, »nemzy berut« (»wir siegen, aber die Deutschen rücken vor«). Daneben lernten sie, die vage Sowinform-Ausdrucksweise zu interpretieren. Oschestotschennyje boi (»erbitterte Kämpfe«), upornyje boi (»hartnäckige Kämpfe«) und tjascholyje boi (»schwere Kämpfe«) deuteten auf die zunehmende Bedrohlichkeit der Lage hin. »Komplexe« Situationen waren äußerst ernst zu nehmen, und die schlimmste Wendung der Verlautbarungen – »schwere Verteidigungsschlachten gegen überlegene feindliche Kräfte« – stand für den Rückzug auf ganzer Linie. »Aus den verschleierten Mitteilungen des Sowjetischen Informationsbüros«, schrieb ein Leningrader, »geht trotzdem deutlich hervor, »dass die Rote Armee unfähig ist, die deutsche Initiative an irgendeiner der Verteidigungslinien zu stoppen.«1
Zuverlässiger, wenn auch subjektiv, waren die vertraulichen Mitteilungen oder zufällig belauschten Bemerkungen von Frontheimkehrern. So entdeckte die inbrünstig antibolschewistische Lidia Ossipowa, eine in Puschkin wohnende Rentnerin, Mitte August zu ihrer Freude, dass die Deutschen nur noch fünfzig Kilometer entfernt waren. »Gestern sagte ein Pilot, der in der Flugplatzkantine aß, zu dem Mädchen an der Kasse: ›Nun werden wir den Feind in Sewerskaja mit Bomben angreifen.‹ Daher wissen wir, dass Sewerskaja von den Deutschen erobert worden ist. Wann werden sie uns erreichen? Und werden sie wirklich kommen? Die letzten Stunden vor der Entlassung aus dem Gefängnis sind die schlimmsten.« Die sogenannten Berichte von Parteiaktivisten in ihren Frauenorganisationen seien so nutzlos »wie Auszüge aus einer von Analphabeten geschriebenen Wandzeitung … Keine Kommentare oder Fragen sind erlaubt. Das, was wir selbst innerhalb von fünfzehn Minuten gelesen haben könnten, nimmt eine ganze Stunde in Anspruch. Gott, wann wird all das enden?«2
Mutmaßungen waren jedoch nicht das Gleiche wie konkretes Wissen, und es blieb ein Vakuum, das durch Gerüchte gefüllt wurde. Es hieß, Leningrad sei nicht bombardiert worden, weil Hitler es als Geschenk für seine (imaginäre) Tochter vorgesehen habe; oder die Wassiljewski-Insel würde verschont werden, weil Alfred Rosenberg (Hitlers Reichsminister für die besetzten Ostgebiete) dort geboren worden sei; ein Schiff der Roten Flotte sei auf dem Weg in die Ostsee versenkt worden; die Wehrmacht habe einen runden Panzer, der Granaten wie ein Teufelsrad ausspeie; und ein deutscher Fallschirmjäger sei auf den Blumenbeeten des Taurischen Gartens gelandet, wo er knapp dem Schicksal entgangen sei, von alten Damen mit Mistforken getötet zu werden.3
Die Behörden versuchten, die Gerüchteküche stillzulegen. Das Exekutivkomitee des Stadtsowjets verbot seinen Angestellten, am Telefon über den Krieg zu sprechen, wenn sie nicht wegen »Preisgabe von Militärgeheimnissen« vor Gericht gestellt werden wollten. Weitere »Defätisten« wurden laut einem neuen Gesetz verhaftet, nach dem diejenigen, die »falsche Gerüchte zur Erregung von Unruhe unter der Bevölkerung« verbreiteten, vor ein Militärgericht gestellt wurden.4 Zugleich jedoch brachte die Führung eigene Gerüchte in Umlauf, um die Aufmerksamkeit von den Katastrophen an der Front abzulenken, indem sie die Furcht vor Spionen, Saboteuren und raketniki anheizte. Diese »Raketenmänner« übermittelten feindlichen Flugzeugen angeblich dadurch Signale, dass sie Leuchtkugeln von Dächern in den Himmel schossen. Reiseführer und Karten mussten – ebenso wie Fahrräder, Kameras und tragbare Radios – in einer Spezialabteilung abgegeben werden. Die Schaffner von Straßenbahnen und Oberleitungsbussen riefen die Haltestellen nicht mehr aus, Straßenschilder wurden übermalt und Namensschilder von den Fassaden bekannter Institutionen entfernt. Es war gefährlich, sich nach dem Weg zu erkundigen oder in der Öffentlichkeit ausländisch wirkende Kleidung zu tragen. Dmitri Lichatschow wurde wegen seines hellgrauen Mantels von kleinen Jungen verfolgt (»Helle Kleidung«, erinnerte er sich, »war in der UdSSR nicht üblich.«), und Jelena Skrjabina, die ihren hochgewachsenen, bebrillten Sohn Dima ganz kurz vor einem Geschäft zurückgelassen hatte, stellte bei ihrer Rückkehr fest, dass er von einem Polizisten befragt wurde. Sie konnte dem Mann Dimas Identität nur nachweisen, indem sie den Militärausweis ihres Mannes vorlegte und betonte, dass Dima, da er noch nicht sechzehn Jahre alt sei, keinen eigenen Pass besitzen dürfe.5 Eine andere Tagebuchschreiberin, Jelena Kotschina, bemerkte, dass sie selbst nicht immun gegen den Spionenwahn gewesen sei, der wie »eine ansteckende Krankheit« um sich gegriffen habe:
Gestern packte mich eine kleine alte Frau. Sie sah aus wie eine mit einem Regenmantel bekleidete Flunder.
»Haben Sie das gesehen? Bestimmt ein Spion!«, rief sie und winkte einem Mann mit ihrem kurzen Arm hinterher.
»Was denn?«
»Seine Hose und seine Jacke hatten unterschiedliche Farben.«
Ich konnte ein Lachen nicht unterdrücken.
»Und sein Schnurrbart sah aus, als hätte er ihn sich angeklebt.« Ihre eng zusammenstehenden Augen bohrten sich in mein Gesicht.
»Entschuldigen Sie …« Ich riss mich los, doch sie folgte mir noch ein paar Schritte den Bürgersteig entlang.
Aber … sogar mir kamen viele Leute verdächtig vor, und es schien, als lohne es sich, sie im Auge zu behalten.6
Obwohl die Manie sich weit bis in den Herbst fortsetzte und die Geschichten über raketniki sogar bei einigen klugen Beobachtern – zum Beispiel bei dem anglo-russischen BBC-Korrespondenten Alexander Werth – Glauben fanden, gibt es keinen einzigen verlässlichen Hinweis darauf, dass jemals ein wirklicher ausländischer Spion (im Unterschied zu örtlichen Sympathisanten) in der Stadt entdeckt wurde.
Vier Wochen nach dem Angriff war die Stimmung in Leningrad durch eine verwirrte Vorahnung, durch den Gegensatz zwischen einer annähernd normalen Situation auf den Straßen und den erschütternden Rundfunknachrichten gekennzeichnet. »Man möchte nicht glauben, daß wir Krieg haben«, schrieb der gelähmte Archivar Georgi Knjasew. »Alles ist ruhig, zumindest äußerlich.« Es war weiterhin heiß und fast windstill, der Flaum der Pappeln, den die Russen puch nennen, schwebte an den Rinnsteinen entlang, und abends versammelten sich Büroarbeiter wie üblich auf dem Rumjanzew-Platz, um Domino zu spielen. Knjasew, der eines Abends während einer Luftschutzübung vor dem Gebäude der Akademiemitglieder saß, beobachtete, wie eine Gruppe junger Mädchen Sand auf einen Lastwagen schaufelte, während Jungen in Badehosen in den Fluss tauchten oder sich rittlings auf die glatten Steinrücken der ägyptischen Sphinxen setzten. Die Frau eines Akademiemitglieds, die Handschuhe und einen Hut trug, stand Wache. Im Gespräch mit dem Hausverwalter versuchte Knjasew, ein »Gefühl der Fröhlichkeit und Ausdauer« anklingen zu lassen, doch der Mann konnte nicht verstehen, weshalb der Krieg sich nicht entwickelte, wie es sonst in den Filmen gezeigt wurde. »›Traurig, daß auf unserem Territorium gekämpft wird‹«, sagte er. »›Da wird viel zerstört. Weshalb wurden die Befestigungen der alten Staatsgrenze kampflos aufgegeben?‹ Ich wußte keine Antwort. Wir sind sehr schlecht informiert. Ich weiß nicht, ob die Deutschen noch weit weg sind oder schon nahe. Besteht für Leningrad ernste Gefahr oder nicht?« Die Luft roch schwach nach Rauch, denn man hatte Torfmoore angezündet, um feindliche Piloten zu verwirren.7
Anna Ostroumowa-Lebedewa, die bejahrte Künstlerin, die durch Stalins Rundfunkrede so ermutigt worden war, wohnte einem Lazarett gegenüber. Wenn Luftschutzübungen abgehalten wurden, schaute sie zu, wie man die Verwundeten auf Tragbahren in die Bunker brachte und wie Medizinstudenten durch Falltüren auf das Lazarettdach kletterten. »Bisher ist keine einzige Bombe auf Leningrad gefallen«, schrieb sie am 21. Juli,
obwohl die Sirenen oft losgehen. Gestern Nacht gab es Fliegeralarm um 0.30 Uhr und noch einmal um 5.30 Uhr. Ich wachte auf, und die Flugabwehrgeschütze feuerten so laut, dass ich nicht wieder einschlafen konnte. Ich zog mich an und setzte mich im Hof auf eine Bank. Der Himmel war klar, und die Sonne hatte die Gebäude noch nicht erreicht, schien jedoch hell auf die über den Himmel zerstreuten Sperrballons. Sie trieben in dem sanften blauen Äther dahin wie silberne Schiffe. Man konnte ihre Kabel nicht sehen, und sie schienen ungehindert am Himmel zu schweben.
Die meisten öffentlichen Parks waren geschlossen, damit Luftschutzkeller ausgehoben werden konnten, aber Ostroumowa-Lebedewa durfte den Botanischen Garten betreten:
Der Garten war noch in Ordnung, doch nicht so sorgfältig gepflegt wie sonst. Große Freude bereiteten mir die wunderbaren Hortensien; weiße, rosa und hellblaue Sträuße wuchsen in mächtigen Blumenkübeln – Explosionen von unglaublicher Schönheit –, und keine Seele war dort. Die Sonne spielte auf dem Gras und schien durch die Blätter der Bäume. Das Licht züngelte über die Bank, unsere Kleider, die Seiten unserer Bücher. Eine kühle Brise wehte vom Fluss heran. Ich gab mich Momenten sanfter Ruhe hin und vergaß einen Sekundenbruchteil lang, dass wir Krieg führen, dass Menschen sterben und Städte brennen.8
Unter anderem wirkte die Stadt so seltsam ruhig, weil man über 50000 Leningrader, hauptsächlich Frauen und Teenager, hundert Kilometer nach Südosten geschickt hatte, um neue Verteidigungsstellungen an der sogenannten Luga-Linie zu bauen. Die ersten Brigaden hatten die Arbeit am 29. Juni aufgenommen, doch die Linie wurde erst am 4. Juli amtlich festgelegt, als Schukow der Nordwestlichen Armeegruppe befahl, Verteidigungsstellungen von Narwa, hundertzwanzig Kilometer westlich von Leningrad an der Ostseeküste gelegen, über Luga und Staraja Russa bis nach Borowitschi, zweihundertfünfzig Kilometer südöstlich der Stadt, zu errichten. Der stärkste Sektor, hinter dem Fluss Luga, sollte aus einer fünfzehn Kilometer tiefen Abfolge von Minenfeldern, Flugabwehrgeschützen und Absperrungen bestehen – mit einer Lücke zwischen Luga und Gattschina,9 durch die die Rote Armee zurückweichen konnte. Außerdem wurde die Arbeit an zwei inneren Ringen angeordnet: Der eine führte von Peterhof am Finnischen Meerbusen über Gattschina nach Kolpino, der andere umschloss die Stadt vom Handelshafen an der Mündung der Newa bis hin zu dem flussaufwärts gelegenen Fischerdorf Rybazkoje.10 Eine der vielen tausend Teenagerinnen, die zur Arbeit an der Luga-Linie einberufen wurden, war Olga Gretschina, eine siebzehnjährige Studentin an der Leningrader Universität. In ihren Erinnerungen verzeichnete sie sarkastisch:
An der Philologischen Fakultät hielt unser Idol, Professor Grigori Gukowski, auf einer Studentenversammlung eine mitreißende Rede und forderte uns auf, dem Freiwilligenbataillon der Studenten beizutreten. Viele unterschrieben an Ort und Stelle … Alle erwarteten, dass auch Gukowski selbst sich irgendwo melden werde, da viele unserer Lehrer sich entweder als Übersetzer oder politische Arbeiter bewarben. Aber Gukowski erschien plötzlich mit grünen Hausschuhen und einem Spazierstock. Manche meinten, er leide unter akutem Rheumatismus, andere deuteten vorsichtig an, dass es ihm viel leichter falle, Leute zum Handeln aufzurufen, als selbst in Aktion zu treten. Ich habe keine Ahnung, ob er krank war oder nicht, aber zum Glück gelang es ihm trotzdem, sein Buch über Gogol zu schreiben.11
Obwohl Gretschina eher antibolschewistisch eingestellt war (ihren Vater, einen Arzt, hatte es durch die Revolution in eine winzige Dorfklinik verschlagen, und einer ihrer Onkel war später in den Gulag geschickt worden), verzichtete sie auf Kunstgriffe wie die ihres Professors, und in der dritten Juliwoche warteten sie und eine Gruppe Kommilitoninnen, zusammen mit Scharen von Evakuierten, am Moskauer Bahnhof auf einen Zug zur Luga-Linie.
Aus den Schützengräben – und besonders aus der Gegend um Luga – hörte man beängstigende Berichte über Tieffliegerangriffe und Bombenabwürfe. Aber keiner von uns wusste, welches Ziel wir hatten, und als wir an jenem Abend aufbrachen, sangen wir fröhliche Lieder, um uns von unserer inneren Unruhe abzulenken. Bei unserer Ankunft in Gattschina war es bereits dunkel. Wir wurden zu einem Park neben dem Pawlowsk-Palast gefahren, wo wir die Nacht verbringen sollten, doch wir machten kein Auge zu, da die Deutschen einen nahegelegenen Flugplatz bombardierten und alles um uns herum brummte und bebte. Man befahl uns aufzustehen, alles, was von weißer Farbe war, zu verbergen und nicht zu rauchen. Danach gingen wir rasch eine Straße entlang, die schon voll von unseren Einheiten war. Die Soldaten marschierten zügig und leise; wenn einer ein Geräusch machte, brachten die anderen ihn zum Schweigen und tadelten ihn wegen seiner Unachtsamkeit. Da wir nicht wussten, wohin wir unterwegs waren – und warum –, fühlten wir uns noch eingeschüchterter. Wir alle waren so durstig, dass wir, als die Straße durch einen Wald führte, schlammiges Wasser aus einem der Gräben am Wegrand tranken.
Am Morgen, nachdem die Studentinnen zwanzig Kilometer zurückgelegt hatten, erreichten sie ein Dorf, wo sie jeweils zu zweit oder dritt einem der Haushalte zugeteilt wurden. Am Nachmittag erklärte man ihnen ihre Aufgabe:
Wir sollten Panzergräben (1,2 Meter tief) und Schutzwälle (angeblich einen Meter hoch) ausheben. Obgleich unsere einzigen Werkzeuge Schaufeln, Äxte und Tragbahren [um Erde zu befördern] waren, machten wir uns begeistert an die Arbeit. Die Tage waren sonnig und heiß. Wir arbeiteten von 5 bis 20 oder 21 Uhr, mit einer zwei- oder dreistündigen Ruhepause nach dem Mittagessen. Wir wurden gut ernährt, doch es gab keinen Tee, abgesehen von dem, was unsere Hauswirtin aus Lindenblüten herstellte. Physisch war es sehr anstrengend, und nach zwei Wochen konnte ich mich, als ich versuchte, eine Bahre anzuheben, kaum wieder aufrichten.12
Gretschina hatte Glück, dass sie nur ihren Rücken überanstrengte. Jelena Kotschina dagegen gehörte zu den vielen Gräberinnen, die von deutschen Stukas beschossen wurden:
Alle Mitarbeiter unseres Labors hoben heute Panzergräben um Leningrad aus. Ich schaufelte die Erde mit Vergnügen (wenigstens war es etwas Praktisches!) … Fast alle, die in den Gräben arbeiteten, waren Frauen. Ihre bunten Kopftücher blitzten hell in der Sonne. Es war, als wäre die Stadt von einem riesigen Blumenbeet umgeben.
Plötzlich verdeckten die funkelnden Tragflächen eines Flugzeugs den Himmel. Ein Maschinengewehr feuerte, und Kugeln bohrten sich, raschelnd wie kleine Metall-Eidechsen, in meiner Nähe ins Gras. Ich blieb wie angewurzelt stehen und vergaß all die Luftschutzmaßnahmen, die ich kurz vorher erlernt hatte.
»Lauf!«, rief jemand und zerrte an meinem Ärmel. Ich blickte mich um. Alle, die in den Gräben gearbeitet hatten, waren weggelaufen. Auch ich rannte los, obwohl ich nicht wusste, wohin ich fliehen und was ich tun sollte … Plötzlich sah ich eine kleine Brücke. Ich rannte auf sie zu. Darunter war eine tiefe Pfütze. Eine ganze Stunde lang hockten wir in dieser Pfütze und arbeiteten den Rest des Tages nicht mehr.13
Jelena Skrjabina, die von den Tieffliegerangriffen hörte und sich sorgte, dass man ihren Sohn Dima zum Graben abordnen könnte, hielt die Mühe für sinnlos: »Man sieht junge Mädchen in Sommerkleidern und Sandalen – man hat ihnen nicht mal erlaubt, nach Hause zu fahren, sich umzuziehen und wenigstens das Nötigste mitzunehmen. Was für einen Nutzen verspricht man sich wohl davon? Diese Stadtjugend kann ja nicht einmal mit einer Schaufel umgehen, geschweige denn mit Pickeln oder Brecheisen, ohne die sie nicht auskommen, weil der Boden an manchen Stellen lehmig, an anderen aber von der Dürre hart wie Stein ist.«14
Ihre Skepsis war berechtigt. Mädchen gruben im Badeanzug und klebten sich Papierfetzen an die Nase, um Sonnenbrand zu verhindern. Auf Nachtmärschen ließen sie ihre schweren Schaufeln fallen, oder sie mussten mit blasenbedeckten Händen und Füßen nach Hause geschickt werden. Die Bäuerinnen, die Kascha für sie kochten und Stroh zum Schlafen für sie ausbreiteten, spöttelten über die »Dämchen aus der Stadt«, und die Aufsicht führenden Männer riefen: »Glaubt ihr, ihr seid Schauspielerinnen, die in einen Kurort gekommen sind? Ihr seid hier, um das Heimatland zu retten!« Die anfängliche Begeisterung der Mädchen schwand bald dahin. »Was haben wir denn Ihrer Meinung nach getan – Krocket gespielt?«, platzte eine heraus, als ihr Marxismus-Leninismus-Professor während eines Besuchs wissen wollte, ob sie müde seien.15
Schmal, uneinheitlich und an manchen Stellen schon überrollt, bevor man sie richtig in Betrieb genommen hatte, war die Luga-Linie gleichwohl der Ort, an dem die Wehrmacht auf ihr erstes, wenn auch befristetes Problem stieß. Von Moskau aus befahl Schukow der Nordwestlichen Armeegruppe am 4. Juli, die Luga-Linie zu besetzen, und die ersten Verteidigungsdivisionen gingen am selben Tag in Stellung. Am 10. Juli, als die Stationierung und die Grabungen noch nicht abgeschlossen waren, erhielt Woroschilow von Schukow die Order, einen Gegenangriff gegen Mansteins 8. Panzerdivision zu führen, die sich in einer exponierten Lage befand, als sie nach der Eroberung von Solzy, nordwestlich des Ilmensees, weiter nach Osten vorgestoßen war.
Inzwischen wurde der »Blitzkrieg« bereits durch das Terrain und die Witterungsverhältnisse gebremst. Die Motoren zerschlissen sich durch den Staub, Brücken waren nicht kräftig genug für das Gewicht von Panzern, und wenn man von den Hauptstraßen abbog, war es laut einem deutschen Offizier, »als kehre man aus dem zwanzigsten Jahrhundert ins Mittelalter zurück«. Auch konnte die Wehrmacht sich nicht auf ihre Karten verlassen. Durch Sommergewitter wurde der Staub zu Schlamm, passierbar für Panzer, nicht jedoch für die Lastwagen, die Treibstoff, Vorräte und Hilfstruppen beförderten. »Ein ein- oder zweistündiger Regen verurteilte die Panzerverbände zum Stillstand. Es war ein ungewöhnlicher Anblick: Gruppen davon, auf Hunderte von Kilometern auseinandergezogen – und alles festgefahren, bis die Sonne herauskam und den Boden trocknete.«16
Der sowjetische Gegenschlag, eingeleitet bei 32 Grad Hitze am 13. Juli, überrumpelte die 8. Panzerdivision, trennte sie von einer motorisierten Infanteriedivision zu ihrer Linken und nötigte sie zu einer heftigen viertägigen Schlacht, in deren Verlauf sie aus der Luft versorgt werden musste. Obwohl die Krise am 18. Juli vorbei war, kostete sie die Division siebzig ihrer hundertfünfzig Panzer, und sie erzwang eine zehntägige Pause an den Flüssen Narwa und Luga, während Leeb und seine Befehlshaber ihre Kräfte neu organisierten und über ihre nächsten Schritte nachdachten. Allerdings war es keineswegs der überzeugende Sieg, den Moskau sich gewünscht hatte. Zu diesem Zeitpunkt bewegten sich die Leningrader Führer, wie sie zweifellos einsahen, gefährlich nahe auf das Schicksal General Pawlows von der Westlichen Armeegruppe zu, der in der ersten Kriegswoche verhaftet worden war und nun zusammen mit seinen Untergebenen auf die Hinrichtung wartete. Als Opferlamm der Nordwestfront diente der Chef der Luga-Operationsgruppe, General Konstantin Pjadyschew, ein angesehener und erfahrener Spezialist für Militärbefestigungen und Inhaber von zwei Orden des Roten Banners. Damals verschwand er von einem Moment zum anderen, doch wir wissen nun, dass er am 23. Juli von seinem Befehlshaber, General Popow, wegen Pflichtversäumnis verhaftet wurde und zwei Jahre später im Gefängnis starb. Eine Woche darauf kamen Schdanow und Woroschilow mit einer Vorladung nach Moskau und einer Zurechtweisung durch Stalin wegen »mangelnder Härte« davon.17
In Leningrad nahm die Besorgnis zu. Zwei Fragen schoben sich in den Vordergrund: Würde eine weitere Hungersnot, wie die während des Bürgerkriegs von 1920/21, ausbrechen? Und: Sollte man die Stadt verlassen oder nicht?
Der Abtransport von Wertgegenständen und Verteidigungsanlagen aus der Stadt hatte sofort nach der Nachricht vom Überfall begonnen – nicht, weil man mit einer Belagerung, sondern weil man mit Luftangriffen rechnete. Eine der am besten vorbereiteten Institutionen war die Eremitage dank der Klugheit ihres Direktors Jossif Orbeli, der den Vorwurf der Kriegstreiberei riskiert hatte, indem er Monate zuvor diskret Verpackungsmaterial (darunter fünfzig Tonnen Sägespäne, drei Tonnen Baumwollwatte und sechzehn Kilometer Wachstuch) hortete. Er befahl, die vierzig kostbarsten Gemälde des Museums unverzüglich in die mit Stahl ausgekleideten Gewölbe zu verlagern, die die berühmte Skythen-Gold-Sammlung enthielten, und schon am folgenden Morgen widmeten sich Personal und Freiwillige der gigantischen Aufgabe, die riesige und wunderbare Sammlung – von geflügelten babylonischen Bullen bis hin zu Fabergés Schneeglöckchen in Jade und Kristall – abzubauen, auseinanderzunehmen, in Kisten zu verpacken und zu katalogisieren. »Wir arbeiten vom Morgen bis zum späten Abend«, schrieb eine Kunststudentin.
Uns kribbeln die Beine. Wir nehmen die Gemälde von den Wänden. Es fehlt das übliche Gefühl der Ehrfurcht vor den Meisterwerken, obwohl wir [Tizians] Danaë bewusst langsam einwickeln … Und nun packen die Bildhauer Gegenstände in Kisten. Orbeli ist überall in den Sälen … Die leere Eremitage gleicht einem Haus nach einer Beerdigung.18
Wann immer möglich, wurden Gemälde flach verpackt, doch wenn sie zu groß für einen Eisenbahnwaggon waren, mussten sie zusammengerollt werden, darunter auch, nach langem qualvollem Hin und Her, Rembrandts bruchgefährdete Kreuzabnahme. Nur ein Bild – Rembrandts Verlorener Sohn wurde allein in einer Kiste untergebracht, und nur drei weitere – zwei Madonnen von Leonardo und Raffaels exquisite Madonna Conestabile – blieben in ihren Rahmen. Die übrigen – Werke von Giorgione, Tiepolo, Brueghel, van Dyck, Holbein, Rubens, Gainsborough, Canaletto, Velázquez und El Greco – wurden aus ihren Spannrahmen entfernt, wonach man die leeren Rahmen wie vorher an die Galeriewände hängte. Houdons prächtige Voltaire-Skulptur, dominiert von der Hakennase und dem verzerrten Lächeln des Philosophen, wurde mit Hilfe von Matrosen, die Holzrollen und einen Flaschenzug benutzten, drei Aufgänge einer Galatreppe hinuntergelassen. Die Tschertomlyk-Vase, ein prachtvoll mit Tauben und Pferden geschmücktes Silbergefäß aus dem vierten Jahrhundert v.Chr., musste mit winzigen Korkkrümeln gefüllt werden: Zwei Frauen verbrachten die Nacht damit, die Krümel geduldig mit Teelöffeln durch einen Riss in der Tülle zu zwängen.
Nach sechs Tagen und Nächten gespannter Aktivität verließ eine erste Zugladung von Schätzen – ungefähr eine halbe Million Stücke in über tausend Kisten – die Stadt am 1. Juli. Ursprünglich für die Auslagerung von Maschinen aus der Kirow-Waffenfabrik gedacht, bestand er aus zwei Lokomotiven, zweiundzwanzig Güterwaggons, einem Panzerwagen für die wertvollsten Stücke, Personenwaggons für Wachmänner und Eremitage-Angestellte sowie aus Tiefladern für Flugabwehrgeschütze an beiden Enden. Sein Ziel, das nur ein paar Eingeweihte kannten, war Swerdlowsk im Ural (das frühere Jekaterinenburg, wo man Nikolaus II. und seine Angehörigen ermordet hatte). Ein zweiter Zug, der 700000 Stücke in 422 Kisten enthielt, fuhr am 20. Juli ab. Orbelis Verpackungsmaterial war nun aufgebraucht, und die Ägyptologin Miliza Matje wurde beauftragt, mehr Material zu finden. »Fast zwei Jahre lang«, staunte sie später, »hatten zwei lange, glatte Stäbe in einer Ecke meines Büros gestanden. Ich hätte nie geglaubt, dass ich sie eines Tages in Stoff aus dem koptischen Ägypten einwickeln und in den Ural schicken würde.«19 Sie erbat sich in Läden und Lagerhäusern alles mögliche Material, von Sägemehl bis zu Eierschachteln, und konnte schließlich weitere 351 Kisten packen. Als sie bereitstanden, hatte sich der Belagerungsring allerdings fast geschlossen, und die Kisten wurden für die Dauer des Krieges in einer Galerie im Erdgeschoss des Winterpalais gestapelt.
In den zweiten Eremitage-Zug hat man auch Lomonossows Mosaik vom Sieg Peters des Großen bei Poltawa über die Schweden geladen, das am Kopf der Haupttreppe im Gebäude der Akademie der Wissenschaften am Wassiljewski-Kai hing (und wieder hängt). Knasjew beaufsichtigte die Abfahrt:
Mir fehlen die Worte, meine Stimmung zu beschreiben, als das Mosaikporträt … Peters I. von der Wand genommen wurde … Die Mitarbeiter der Eremitage nahmen das Bild behutsam von der Wand und trugen es zum Auto. Ich beobachtete sie sehr erregt, das verschweige ich nicht …
… jetzt zwingen uns die Ereignisse an der Front, an Evakuierung zu denken. Ich glaube, ein Abtransport mit der Eremitage wird das sicherste sein. Doch mir blutet das Herz. Ich bin ganz zerschlagen nach Hause gekommen.
Eine Woche später waren die kostbarsten Manuskripte der Akademie an der Reihe.
Insgesamt haben wir 30 Kisten gepackt und dabei alles getan, damit Feuchtigkeit oder Staub nicht eindringen können (Ruberoid, Zellophan, Wachstuch, Pappe, Papier). Das ganze Personal des Archivs hatte zwei Wochen damit zu tun. Über den Inhalt der Kisten wurden genaue Verzeichnisse angelegt, die Kisten dann mit Draht verschnürt und plombiert.
Ich habe dem Lastwagen durchs Tor hinaus bis zur Uferstraße nachgeblickt. So verabschiedet man einen lieben Verwandten: Sohn, Tochter, Frau. Lange habe ich zugesehen, wie der Wagen langsam über die Schloßbrücke fuhr (ich hatte den Fahrer gebeten, vorsichtig zu sein). Ganz verlassen kam ich mir vor, als ich ins Archiv zurückkehrte.20
Weitere 360000 Artikel – darunter eine Gutenberg-Bibel, Puschkins Briefe, das Gebetbuch Maria Stuarts, der Königin von Schottland, und der zweitälteste noch erhaltene griechische Text des Neuen Testaments – verließen die Öffentliche Staatsbibliothek, zärtlich als »Publitschka« bezeichnet, am Newski-Prospekt.
Jelena Skrjabina und Jelena Kotschina, beide berufstätige Mütter, gehörten zu den vielen, die unter dem Zwiespalt litten, entweder mit ihren Kindern und Kollegen evakuiert zu werden oder mit ihrem Ehemann und ihren alten Eltern zurückzubleiben. »Auf den ersten Blick scheint sich alles glücklich zu fügen«, schrieb Skrjabina am 28. Juni,
doch gleichzeitig ist auch ein überaus ernsthaftes Problem aufgetaucht. Ich kann die Kinder mitnehmen, aber meine Mutter und die alte Kinderfrau müßte ich hierlassen. Mit dieser Nachricht kehrte ich nach Hause zurück. Meine Mutter brach in Tränen aus, sie erschrak vor dem Gedanken, wir könnten uns auf diese Weise für immer trennen. Auch die Kinderfrau ist niedergeschlagen, aber sie schweigt. Ich bin wirklich zwischen zwei Feuer geraten. Einerseits verstehe ich nur zu gut, daß man die Kinder retten muß – aber andererseits tun einem die hilflosen Alten leid. Darf man sie denn so einfach ihrem Schicksal überlassen?
Wie viele andere hatte sie ein gewisses Vertrauen zu der beschwichtigenden Propaganda:
Ich kann es nicht glauben, daß Leningrad hungert. Wird uns doch laufend eingeschärft, daß kolossale Lebensmittelvorräte vorhanden seien, die angeblich über Jahre hinaus reichen sollen. Und was die Gefahr einer Bombardierung Leningrads angeht, hören wir doch tagaus, tagein von der Überlegenheit unserer Fliegerabwehr, davon, daß die Stadt gar nicht beschossen werden kann. Wenn diese Versicherungen wenigstens zur Hälfte wahr sind, weshalb soll man dann ins Ungewisse fliehen?«21
Ähnlich beruhigend war paradoxerweise der Beginn der Rationierung am 18. Juli. Mit täglich 800 Gramm Brot für Arbeiter, 600 für Angestellte und 400 für Familienangehörige sowie stattlichen Monatszuteilungen von Fleisch, Getreide, Butter und Zucker war das Rationierungsniveau großzügig (»Dies ist nicht so schlimm, davon kann man leben«, schrieb Skrjabina22). Für bedürftige Familien lief es sogar auf eine bessere Ernährung hinaus. Am selben Tag wurden 71 neue »Kommissionsläden« eröffnet, die nichtrationierte Lebensmittel in unbegrenzter Menge, wenn auch zu hohen Preisen, anboten. Obwohl sie für viele unerschwinglich waren, besonders angesichts der neuen Beschränkungen beim Abheben von Ersparnissen, trugen die üppigen Schaufensterauslagen dazu bei, falsche Zuversicht zu verbreiten. »Wenn man ein Schaufenster voller Lebensmittel sieht«, dachte Skrjabina, »neigt man nicht dazu, dem Gerede über eine bevorstehende Hungersnot Glauben zu schenken.« Kotschina war weniger sorglos und beeilte sich, die viereinhalb Pfund Hirse zu kaufen, die in ihrem örtlichen Kommissionsladen übrig geblieben waren (»Ich hasse Hirsebrei.«). Sie wäre mit ihrem Chemie-Institut nach Saratow aufgebrochen, hätte ihr Mann keine Einwände gehabt und wäre ihr Töchterchen nicht krank gewesen: »Lena hat Durchfall und Fieber. Wir werden die Evakuierung ein paar Tage hinausschieben müssen. Und überhaupt, wie sterilisiert man unterwegs Babyflaschen?«23 Am 1. August hielt sich Skrjabina immer noch in Puschkin auf und tat ihr Bestes, um den Krieg zu ignorieren und sich an dem verlassenen Schlosspark zu erfreuen. Eine Nichte war aus der Stadt zu Besuch gekommen. »Von ihr erfuhr ich, wie rasch die deutsche Attacke vor sich ging. Sie rücken auf Leningrad vor. Wir haben beschlossen, auf dem Land zu bleiben, bis Luga erobert ist.«
Die Überschwemmung setzte eine Woche später ein. Am 8. August griffen Reinhardts Panzer im strömenden Regen den nördlichen Sektor der Luga-Linie bei Kingissepp an. Nach drei Tagen chaotischer Kämpfe überquerten sie den Fluss Luga an drei Stellen, was 1600 deutsche Opfer kostete. Mansteins 8. Panzerdivision, die sich mittlerweile von dem Rückschlag bei Solzy erholt hatte, unterbrach die Kingissepp-Gattschina-Eisenbahnlinie am 12. August. Eine sowjetische Gegenoffensive bei Staraja Russa, die stückweise seit dem 10. August eingeleitet wurde, scheiterte unter massiven Verlusten an Männern und Gerät. »Wir stießen ein bisschen weiter vor«, schrieb ein Artillerist, der eine Kanone auf Holzrädern, gezogen von sechs Pferden, durch die Wälder sechzig Kilometer südwestlich von Leningrad manövrieren musste:
Auf dem höheren Terrain angekommen, sahen wir eine riesige, in Panik geratene Menschenmenge vor uns, die sich völlig ungeordnet in Richtung Wolossowo bewegte. Auf einem Karren lag ein stöhnender Soldat, der darum flehte, seine Wunden zu verbinden. Ein Mädchen mit einer Arzttasche schritt in seiner Nähe dahin, aber sie hatte Angst, ihr Tempo zu verringern und ihm zu helfen. Hinter uns konnten wir das Klirren von Metall hören – deutsche Panzer. Jemand rief dem Mädchen zu, sie solle dem Verwundeten helfen. Wir drehten uns um und kehrten rasch an die Stelle zurück, wo wir unsere Kanonen hatten stehen lassen. Aber die Geschütze und die Männer waren verschwunden. Als wir aus dem Wald auf eine Lichtung traten, sahen wir, wie sich Batterie Nr. 4 unter Panzerfeuer dahinschleppte … Eine Granate explodierte genau unter den Läufen des Pferdes, das den Gepäckkarren zog. Das Pferd stürzte, und obwohl der Karren mit all unseren Sachen, auch unseren Mänteln, beladen war, konnten wir ihn nicht erreichen, weil die Panzer schon zu nahe, teils sogar vor uns, waren.24
Im Süden rückte Küchlers 18. Armee auf Nowgorod vor, die historische Hauptstadt eines der Rus-Fürstentümer des neunten Jahrhunderts und das Tor zum Ilmensee. Die Stadt fiel am 17. August – nicht eingestanden von der Sowinform, die bis zum 23. August wartete, bevor sie Kämpfe »in der Nowgoroder Gegend« erwähnte. Insgesamt verlor die sowjetische 34. Armee vom 10. bis zum 28. August die Hälfte ihrer Männer, 74 ihrer 83 Panzer, 628 ihrer 748 Geschütze und Minenwerfer, 670 Lastwagen und 14912 Pferde. Um dem Gemetzel zu entgehen, flohen zahlreiche Soldaten oder verstümmelten sich selbst, in der Hoffnung, dienstuntauglich erklärt und in die Etappe geschickt zu werden. Zwischen dem 16. und dem 22. August wurden über 4000 Männer als mutmaßliche Deserteure bei dem Versuch verhaftet, Leningrad von der Front her zu erreichen, und laut einem besorgten politischen Bericht vom 30. August verdächtigte man in einigen Sanitätseinheiten bis zu fünfzig Prozent der Verwundeten der Selbstverstümmelung: Zum Beispiel waren im Evakuierungslazarett Nr. 61 von 1000 Verwundeten 460 in den linken Unterarm oder die linke Hand geschossen worden.25
Stalin reagierte mit einem wütenden Telegramm an Schdanow und Woroschilow auf die katastrophalen Meldungen. Wenn die deutschen Heere noch mehr Siege um Nowgorod davontrügen, wetterte er, seien sie vielleicht in der Lage, Leningrad im Osten zu umgehen, die Kommunikationslinien mit Moskau zu zerstören und sich mit den Finnen östlich des Ladogasees zusammenzuschließen.
Wir haben den Eindruck, dass das Oberkommando der Nordwestfront diese tödliche Gefahr nicht erkennt und deshalb keine speziellen Maßnahmen zu ihrer Beseitigung ergreift. Die deutsche Stärke in der Gegend ist nicht groß, weshalb wir nur drei frische Divisionen unter geschickter Führung einzusetzen brauchen. Stawka kann diese fatalistische Stimmung, das Unvermögen, entscheidende Schritte zu unternehmen, und Argumente, dass alles getan werde, was getan werden könne, nicht akzeptieren.26
Drei Tage später erfüllten sich Stalins Befürchtungen, als Tschudowo fiel, eine Stadt an der Haupteisenbahnlinie zwischen Moskau und Leningrad. Am 22. August wandte sich Schdanow mit der Bitte um Verstärkungen an Stalin. Die zweiundzwanzig Schützendivisionen der Nordwestfront müssten nun eine Linie von vierhundert Kilometern abdecken, und sieben von ihnen verfügten kaum noch über schwere Waffen oder Funkgeräte. Weitere fünf Divisionen ziehe er nicht in seine Berechnungen ein, da ihre »verbliebene Kampffähigkeit niedrig« sei – mit anderen Worten: Sie waren vernichtet worden. Erforderlich seien fünfundvierzig bis fünfzig frische Bataillone und neue Waffen für fünf Divisionen.27
Am Abend des 25. August fiel auch Ljuban, fünfunddreißig Kilometer nördlich von Tschudowo an der Bahnlinie Moskau–Leningrad gelegen, in feindliche Hand. Am folgenden Tag war Stalin am Telefon und verlangte einen Bericht. Woroschilows Stellvertreter, General Popow, antwortete und gab zu, dass Ljuban aufgegeben worden sei. Er ersuchte erneut um Verstärkungen (»da die uns gesandten nicht einmal die Hälfte unserer Verluste wettmachen«), um halbautomatische Waffen für die Infanterie (»wir haben nur Gewehre«) und darum, dass Leningrad seine Produktionsanlagen für Panzerfahrzeuge behalten dürfe, statt sie zu evakuieren. Widerwillig stimmte Stalin zu:
Wir haben bereits drei Produktionstage verloren, also können Sie noch drei oder vier mehr haben … Wir werden Ihnen mehr Infanteriebataillone schicken, aber ich weiß nicht, wie viele … In zwei Wochen können wir vielleicht zwei Divisionen für Sie zusammenkratzen. Wenn Ihre Leute wüssten, wie man nach Plan arbeitet, und uns vor zwei Wochen um zwei oder drei Divisionen gebeten hätten, würden sie nun für Sie bereitstehen. Das Problem ist, dass ihr Leute lieber wie Zigeuner lebt und arbeitet, von einem Tag auf den anderen, ohne in die Zukunft zu blicken. Ich will, dass Sie wieder mehr Ordnung in der 48. Armee schaffen, besonders in den Divisionen, deren feige Offiziere gestern aus Ljuban weiß der Teufel wohin verschwunden sind. Ich will, dass Sie die Gebiete Ljuban und Tschudowo um jeden Preis und mit allen Mitteln von Feinden säubern … Nur ganz kurz, ist Klima [Woroschilow] eine Hilfe oder ein Hindernis?
»Er ist eine Hilfe. Wir sind aufrichtig dankbar«, erwiderte Popow klugerweise.28
Ebenfalls am 26. August gestattete Stalin schließlich den Rückzug zur See aus der estnischen Hauptstadt Tallinn (Reval), dreihundertzwanzig Kilometer westlich von Leningrad. Diese Operation – eine »Art Dünkirchen, aber ohne Fliegerschutz«, wie Alexander Werth es ausdrückte – war eines der größten (und am wenigsten in Erinnerung gebliebenen) Desaster der Sowjetunion in den ersten Kriegsmonaten. Als verantwortlicher Offizier fungierte General Wladimir Tribuz, Befehlshaber der Baltischen Rotbannerflotte. Da er früh einsah, dass der neu gegründete sowjetische Marinestützpunkt Libau (heute Liepa¯ja) an der lettischen Küste durch deutsche Angriffe verwundbar war, hatte er (mutig) die Erlaubnis erwirkt, seine größten Schiffe bis vor Kriegsbeginn östlich nach Estland zu verlegen. Es war ein Schachzug, der Voraussicht erkennen ließ. Libau fiel nach zwei Kriegstagen, und fünf Tage später hatte sein Flaggschiff, der 7000-Tonnen-Kreuzer Kirow, das Glück, aus Riga nach Tallinn zu entkommen. Zur Verteidigung Tallinns verfügte Tribuz über 14000 Matrosen, rund tausend Polizisten und die übel zugerichteten Reste (ungefähr 4000 Mann) der Grenztruppen, die aus Riga geflohen waren, darunter das 5. Motorisierte Schützenregiment, das nun nur noch »150 Bajonette« zählte. Tribuz kommandierte 25000 estnische Zivilisten zum Ausheben von Schützengräben ab, doch die meisten wollten – wie die Letten – nicht »verteidigt« werden. Nachts ertönten überall Gewehrsalven in der Stadt, anonyme Hände klebten prodeutsche Flugblätter an Mauern und ein russischer Offizier wurde beim Verlassen eines Restaurants ermordet. Das NKWD reagierte mit den üblichen Verhaftungen, Kriegsgerichten und Erschießungskommandos.
Am 8. August – am selben Tag, als Leeb seinen Angriff auf die Luga-Linie begann – erreichte die Wehrmacht die Küste im Osten der Stadt, und Tallinn wurde vom Land her umzingelt. Tribuz schlug zwei gleichermaßen unerfreuliche Methoden zur Überwindung der Falle vor. Entweder könne er seine Kräfte zu einem Durchbruch nach Osten in Richtung des noch unbesetzten Narva an der estnisch-russischen Grenze konzentrieren oder mit ihnen den Finnischen Meerbusen überqueren, um sich durch die finnischen Linien wieder nach Leningrad vorzukämpfen. Stalin lehnte beide Vorschläge ab: Tallinn sei um jeden Preis zu halten.
Die 18. Armee leitete ihre Offensive am 19. August ein. Geschosse krachten auf das Pflaster der Gassen und die steilen roten Ziegeldächer der Altstadt, auf die Sommerhäuser mit ihren Schindeldächern und die mit Zelttuch umgebenen Badekarren am Strand von Pirita. Die Kanonen der Kirow schossen orangefarbene Blitze von dem Ankerplatz im Hafen zurück. Die Zivilisten der Stadt schauten zu und warteten hinter verschlossenen Läden und verbarrikadierten Türen. Nach einwöchiger Bombardierung beschrieb Tribuz’ Stellvertreter, Admiral Juri Pantelejew, die Situation in seinem Kriegstagebuch:
Nachts starker Feindangriff gegen die Stadt abgewehrt. Feind verändert Taktik; dringt mit kleinen Stoßtrupps ein … Alle Flugplätze vom Gegner genommen. Unsere Flugzeuge nach Osten abgeflogen. Flotte und Stadtgebiet werden bombardiert und mit Artillerie beschossen. Das schöne Pirita brennt … Auch andere Vorstädte brennen. Große Brände in der Stadt. Auf den Anmarschwegen zum Hafen Barrikaden und Hindernisse errichtet. Überall Rauch … Feuerkraft der Schiffe und Küstenbatterien hat nicht nachgelassen. Unser Gefechtsstand im Minna-Hafen liegt ständig unter Feuer.29
Später an jenem Morgen erlaubte Stalin endlich, die Flotte nach Kronstadt, dem historischen russischen Insel-Marinestützpunkt oben am Finnischen Meerbusen, zu evakuieren. Während die Verteidiger langsam zum Hafen zurückwichen, wobei sie ein Kraftwerk, Getreidespeicher und Lagerhäuser anzündeten, begann die Einschiffung der Zivilisten, die die Flotte begleiteten: der Offiziersfrauen, der Parteifunktionäre, einer Theatertruppe und hoher estnischer Kommunisten, darunter der Präsident der estnischen Marionettenregierung. Der extravagante Kriegskorrespondent Wsewolod Wischnewski setzte sich am Kai in Szene, indem er verlangte, dass sein Chauffeur nicht einfach nur den Vergaser seines Autos entfernte, sondern das Fahrzeug mit einer Handgranate in die Luft sprengte. Die Einschiffung der Soldaten begann am folgenden Tag. In den frühen Morgenstunden des 28. August waren schließlich fast 23000 Menschen und 66000 Tonnen Nachschub auf eine bunte Ansammlung von 228 Schiffen geladen worden, die außerhalb der Hafenmündung vier Geleitzüge bildeten.30
Den Morgen des 28. August hindurch lagen die Schiffe auf Reede und schlingerten in einem Sturm von Windstärke 7 an ihren Ankern. Gegen Mittag ließ der Wind nach, und das Signal zum Aufbruch wurde gegeben. Auseinandergezogen über vierundzwanzig Kilometer, hatten die Konvois eine wenig beneidenswerte Aufgabe. Ihre Pendants bei Dünkirchen vierzehn Monate zuvor hatten durch Gewässer, die von der Royal Navy kontrolliert worden waren, achtzig Kilometer zurücklegen müssen. Tribuz’ Schiffe dagegen sollten dreihundertfünfzig Kilometer hinter sich bringen, und auf den ersten zweihundertzwanzig würden sie Angriffen durch Küstenbatterien, U-Boote und finnische Torpedoboote ausgesetzt sein. Zudem wimmelte es auf der Route von feindlichen Minen – »wie Knödel im Borschtsch«. Wenigstens einhundert Minenräumer, schätzte der Befehlshaber der Roten Flotte Admiral Kusnezow im Nachhinein, wären erforderlich gewesen, um eine sichere Überfahrt zu garantieren. Tribuz besaß jedoch nur 38 Minenräumer, zumeist umgebaute Fischdampfer. Auch besaß die Flotte keine Luftsicherung, obwohl man Schdanow in letzter Minute um Hilfe gebeten hatte. Doch dieser erteilte seine Befehle, wie Kusnezow klagte, »mit großer Verzögerung«.
Seit der Abfahrt von Tieffliegern des Typs Junkers Ju 88 attackiert, stießen die Konvois um 18 Uhr bei Kap Juminda, fünfundsechzig Kilometer östlich von Tallinn, auf das erste große Minenfeld. Um 18.05 Uhr ging die Ella, ein estnisches Handelsschiff, unter. Ein Schlepper aus dem vierten Geleitzug traf, während er Überlebende der Ella rettete, ebenfalls auf eine Mine und sank fünfzehn Minuten später. Zehn Minuten danach wurde ein Eisbrecher, die Kristjanis Woldemars, durch Bomben versenkt. Die Wironia, die Zivilisten beförderte, trug während desselben Luftangriffs Schäden davon und musste von der Saturn ins Schlepptau genommen werden. Nun weniger geordnet, dampften die Konvois in einem Zickzackkurs nach Osten, um die Junkers und das Feuer der Batterien am Kap zu umgehen. Die Kriegsschiffe waren zu sehr davon in Anspruch genommen, den Angreifern auszuweichen oder sich von Minen zu befreien, als dass sie den Transportschiffen, die keine Flakgeschütze besaßen, viel Schutz hätten leisten können. Das nächste Opfer der Minen war – zu Beginn der Abenddämmerung – der Minenräumer Krab; es folgten ein U-Boot, das in weniger als einer Minute unter den Wellen verschwand, dann die Saturn, immer noch die Wironia schleppend. Ein Kanonenboot sank um 20.30 Uhr bei Sonnenuntergang und ein weiteres U-Boot um 20.48 Uhr. Zwei Minuten später wurde ein Zerstörer, die Jakow Swerdlow, von einem für die Kirow gedachten Torpedo getroffen und war nach sechs Minuten nicht mehr zu sehen. »Die Dunkelheit«, wie Admiral Kusnezow schildert,
setzte rasch ein. Die Silhouetten der Schiffe, die am Ende dahindampften, hoben sich deutlich vor den in Tallinn wütenden Bränden ab. Riesige Säulen aus Feuer und schwarzem Rauch, die aus dem Wasser hochschossen, ließen den Verlust von Kriegs- und Frachtschiffen deutlich werden. Bei Abendanbruch schwoll das hässliche Brüllen der Nazi-Bombenflugzeuge an. Aber das hieß noch lange nicht, dass die Besatzungen sich ausruhen konnten, denn vom Wasser her drohte weiterhin Gefahr. In der Finsternis war es schwierig, die vertäuten Minen zu entdecken, die nun zwischen den Trümmern der zerschmetterten Rettungsboote dahintrieben.
Zwischen 21 und 23 Uhr gingen weitere neun Schiffe verloren, darunter der Frachter Ewerita, die Luga mit dreihundert Verwundeten und noch vier der acht Zerstörer der Flottille. Nachdem eine Mine in einem ihrer Minenabweiser explodiert war, wälzte sich die Minsk, mit Admiral Pantelejew an Bord, im Wasser. Der Minenleger Skory nahm sie ins Schlepptau, nur um eine halbe Stunde später selbst getroffen zu werden und unterzugehen. Das am besten in Erinnerung gebliebene Opfer war die Weronia mit den Zivilisten an Bord. Nach rechts geneigt und Qualm ausstoßend, wurde sie bereits abgeschleppt, als sie um 21.45 Uhr auf eine Mine auflief. In sowjetischen Berichten ist von dunklen Silhouetten vor den Flammen die Rede, als Passagiere vom brennenden Achterdeck sprangen, von den Klängen der Internationale, die über das Wasser wehten, vom Knallen der Revolver, als sich Offiziere in den Sekunden, bevor ihr Schiff von den Wellen verschlungen wurde, das Leben nahmen.
Kurz vor Mitternacht ankerten die noch verschonten Schiffe inmitten der Minen und warteten auf bessere Sicht. In der Morgendämmerung lichteten sie wieder die Anker, und das Blutbad setzte sich fort. Bis zum Ende des Nachmittags waren sechs weitere Schiffe von Minen und acht von Bomben versenkt worden; finnische Patrouillenboote hatten zwei Schlepper erbeutet. Zu den Opfern gehörten das Truppentransportschiff Fünfjahresplan mit dreitausend Soldaten an Bord und das Patrouillenschiff Sneg, das Überlebende von der Weronia aufgenommen hatte. Vier weitere beschädigte Schiffe, drei davon Truppentransporter, schafften es, vor der mitten im Finnischen Meerbusen gelegenen Insel Hochland (Hogland für die Schweden, Suursari für die Finnen) auf Grund zu setzen. Von dort wurden die Soldaten (unter ihnen die Überlebenden des 5. Motorisierten Schützenregiments) mit kleinen Booten nach Kronstadt gebracht. Die restlichen Schiffe der Flottille quälten sich innerhalb der folgenden vier Tage in den Hafen. Die ganze Operation hatte fünfundsechzig Gefährte und etwa 14000 Leben gekostet.31
Es war das größte Unglück der russischen Flottengeschichte, mindestens doppelt so kostspielig wie die Niederlage der zaristischen Marine gegen die Japaner bei Tsushima im Jahr 1905 – das erste Mal, dass eine asiatische eine europäische Macht auf See besiegt hatte. Später stritt man sich heftig über die Ursachen des Fehlschlags. Kusnezow und Pantelejew unterstützten die Entscheidung, Tallinn zu verteidigen, meinten jedoch, dass die Zivilisten viel früher hätten evakuiert werden müssen. Sie machten Woroschilow dafür verantwortlich, dass er nicht rechtzeitig Evakuierungspläne habe entwerfen lassen. Auch wäre es ratsamer gewesen, die Geleitzüge durch tieferes Wasser fahren zu lassen, wo sie zwar von deutschen U-Booten attackiert worden wären, jedoch die Küstenbatterien und die meisten Minenfelder vermieden hätten. Natürlich wäre es auch vernünftiger gewesen, mehr Minenräumer heranzuziehen (»Aber woher hätten wir sie nehmen sollen?«, fragte Kusnezow). Heutige Militärhistoriker stellen die Verteidigung von Tallinn selbst in Frage, bei der ungefähr 20000 russische Soldaten von nur vier deutschen Divisionen, deren Abwesenheit sich auf die Kämpfe weiter östlich kaum auswirkte, gebunden und in Gefangenschaft genommen wurden.32
Doch das tiefer liegende Problem war das des gesamten sowjetischen Oberkommandos: die berechtigte Furcht höherer Offiziere, einen Rückzug anzuraten, bevor er unvermeidlich – und unvermeidlich katastrophal – wurde. Aufschlussreich ist die Geschichte von Wjatscheslaw Kalitejew, dem Kapitän der Kasachstan, des größten Truppentransportschiffs der Flottille. Durch eine Bombe, die die Brücke kurz nach der Abfahrt am ersten Morgen der Evakuierung traf, verlor er das Bewusstsein, stürzte ins Meer und hatte Glück, von einem Begleitboot geborgen zu werden, das ihn nach Kronstadt brachte. Unterdessen schafften es die sieben überlebenden Besatzungsmitglieder, die in Brand stehende Kasachstan mühevoll weiterzusteuern und ihre Passagiere auf einer Sandbank abzusetzen, bevor das Schiff – der einzige noch verbliebene Truppentransporter – in Kronstadt eintraf. Unverzüglich begann eine Ermittlung. Warum habe Kalitejew das Schiff im Stich gelassen? Warum sei er vor ihm zurückgekehrt? Sei er absichtlich über Bord gesprungen? Die Besatzungsmitglieder, die die Kasachstan unter größten Anstrengungen heimgebracht hatten, wurden in einem Sonderkommuniqué der Stawka mit Orden des Roten Banners belohnt, während man Kalitejew wegen »Feigheit« und »Fahnenflucht unter Feuer« durch ein Erschießungskommando hinrichten ließ.33