19

Die sanfte Freude des Lebens und Atmens

Im Frühjahr und Sommer 1942 brachten die Sowinform-Mitteilungen für alle, die die geistige Energie hatten, ihnen zu folgen, einen Strom schlechter Nachrichten. Die Niederlage der 2. Stoßarmee bei Mjasnoi Bor (abzuleiten aus der Tatsache, dass die Armee mit einem Mal nicht mehr erwähnt wurde) fiel mit der Umzingelung und dem Verlust von 200000 Soldaten außerhalb von Charkow und mit der Aufgabe der Halbinsel Kertsch auf der Krim zusammen. Die Verteidigung der Letzteren war von Lew Mechlis hoffnungslos verpfuscht worden, dem ignoranten Handlanger Stalins, der dazu beigetragen hatte, die Leningrader Januar-Offensive mit einer Katastrophe enden zu lassen. Der schlimmste Schlag war der Fall von Sewastopol am 3. Juli. Der Marinestützpunkt, die historische Heimstätte der russischen Schwarzmeerflotte, war seit November 1941 umzingelt gewesen; 106000 Sowjetsoldaten mussten 203000 Deutschen und Rumänen, geführt von Erich von Manstein, standhalten. Die Zivilisten waren, wie in Leningrad, nicht evakuiert worden, sondern suchten vor intensivem Artilleriefeuer Schutz in Kellern, Höhlen und Katakomben, wo sie Kleidungsstücke und Kriegsmaterial herstellten, während sie sich von Katzen und Hunden ernährten. Drei Tage bevor Stalin schließlich befahl, Sewastopol aufzugeben – der kommandierende Admiral verschwand mit einem U-Boot –, prahlte die Presse noch mit der Unbesiegbarkeit der Stadt. »Sewastopol«, bramarbasierte man in der Zeitung Krasnaja swesda (Roter Stern), »ist der Ruhm Rußlands, der Stolz der Sowjetunion. Wir haben erlebt, wie Städte, berühmte Festungen, Staaten kapitulierten. Aber Sewastopol ergibt sich nicht. Unsere Soldaten spielen nicht Krieg. Sie kämpfen einen Kampf auf Leben und Tod. Sie sagen nicht: ›Ich ergebe mich‹, wenn sie sehen, daß der Feind zwei oder drei Figuren mehr auf dem Schachbrett hat.«1 Das war eine Anspielung auf Tobruk, den libyschen Hafen, der für die Verteidigung Ägyptens durch die britische 8. Armee so wichtig gewesen war. Rommel hatte ihn neun Tage zuvor fast ohne Blutvergießen erobert, dabei 33000 britische und südafrikanische Soldaten gefangen genommen und große Materialmengen erbeutet. Churchill erhielt die Nachricht im Oval Office, mitten in einem Gespräch mit Roosevelt. »Es war ein grässlicher, ganz unerwarteter Schock«, erinnerte sich einer der anwesenden Generale. »Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich den Premierminister zusammenzucken.« Im August flogen Churchill und Roosevelts Botschafter Averell Harriman zu ihrem ersten Gipfeltreffen mit Stalin nach Moskau, wo sie ihm darlegten, dass die versprochene Landung in Nordfrankreich auf unbegrenzte Zeit zugunsten von Operation Torch verschoben werden solle, die den Zweck habe, Rommel von Marokko und Algerien her (welche der Vichy-Regierung unterstanden) in den Rücken zu fallen. Stalins Reaktion war so unhöflich, dass Churchills Dolmetscher glaubte, sein russischer Kollege habe einen Fehler gemacht. In Wirklichkeit waren die Worte des Diktators perfekt wiedergegeben worden: Stalin hatte seinen Verbündeten ins Gesicht gesagt, dass sie sich vor den Deutschen fürchteten.2

Während sich die Großmächte miteinander stritten, kehrte der Frühling in Leningrad ein. Das Eis zerbrach auf den Kanälen, Schnee rutschte in Form von wässrigen Lawinen von Dächern und Balkons, und die für die Brandbekämpfung benutzten Sandhaufen, deren Stützbretter längst zu Feuerholz gemacht worden waren, tauten und zerbröckelten. In der Eremitage wurde der Keller unter dem Saal der Athene durch Rohrbrüche überschwemmt, so dass eine Porzellansammlung aus dem achtzehnten Jahrhundert unter Wasser stand. Die Angestellten – inzwischen fast ausschließlich Frauen – wateten durch die trübe Brühe, in der Inventarschilder trieben, und tasteten vorsichtig nach Meißener Ziegenhirten und Schäferinnen. Risse öffneten sich in dem von Bomben erschütterten Palastdach, und Armeekadetten, die halfen, Möbel ins Trockene zu tragen, wurden zum Dank von einer Museumsführerin durch die Galerien geleitet. Sie ging von einem leeren Rahmen zum anderen und beschrieb den Soldaten die fehlenden Meisterwerke.3

Sobald die Tage länger wurden und die Rationen sich erhöhten, tauchten die Leningrader aus ihren »kleinen Radien« auf, um sich wieder mit der Außenwelt und mit normalen menschlichen Gefühlen vertraut zu machen. Olga Gretschina, Korb und Schere in der Hand, durchsuchte die Parks nach dem ersten Löwenzahn und Nesseln, doch da so viele den gleichen Gedanken gehabt hatten, musste sie sich auf einen Schießplatz begeben, um fündig zu werden. Als sich die ersten Straßenbahnen am 15. April in Bewegung setzten, stolperten die Menschen lachend und weinend hinter ihnen her.4 »Im Speisesaal«, schrieb Dmitri Lichatschow vom Puschkinhaus, »begrüßten wir einander mit den Worten: ›Du lebst noch! Ich bin so froh!‹ Man erfuhr beunruhigt, dass Soundso tot war, dass Soundso die Stadt verlassen hatte. Die Menschen zählten einander und prüften, wer nicht mehr da war – wie beim Appell in einer Strafanstalt.«5

Am 1. Mai (zu dessen Feier Schaufensterläden mit Plastikobst und -gemüse geschmückt wurden3) sah der Werftingenieur Wassili Tschekrisow mit Vergnügen, dass nicht nur Männer mit Krawatte und Frauen mit Hut und geschminkten Lippen zur Arbeit gingen, sondern dass auch Betrunkene unterwegs waren. Normalerweise hätten sie ihn abgestoßen, doch in diesem Jahr verkörperten sie eine willkommene Rückkehr zur Normalität. Zwei Wochen später wachte er zu seinem Erstaunen mit einer Erektion auf und hörte, wie eine Frau auf einem Hof schimpfte und heulte. »Ich weiß nicht, warum sie weinte. Jedenfalls sind Tränen ein Beweis dafür, dass sich die Situation in Leningrad verbessert. Als jeden Tag Hunderte von in Fetzen gehüllte Leichen durch die Gegend geschleppt oder auf die Straßen geworfen wurden, gab es keine Tränen (oder ich bemerkte sie nicht).«6

Für Lidia Ginsburgs vom Hunger betäubten »Blockademenschen« waren die ersten zurückkehrenden Emotionen Ärger – über die durchlässigen Überschuhe, über eine zerbrochene Brille, über Ungeschicktheit beim Umgang mit Handschuhen und Einkaufstaschen in einem überfüllten Lebensmittelladen – und Ungeduld, das »Gefühl der verlorenen Zeit«. Dann folgten Kummer und, eng damit verknüpft, Schuldbewusstsein:

Die Blockademenschen vergaßen ihre Empfindungen immer mehr, nur an die Fakten konnten sie sich weiterhin erinnern. Im Licht von Verhaltensregeln, die schon zur Norm tendierten, traten diese Fakten nur zögernd aus dem sich trübenden Gedächtnis hervor.

… Sie hatte solch eine Lust auf Bonbons. Warum hab’ ich bloß dieses Bonbon aufgegessen? Ich hätte es doch wirklich nicht essen müssen. Und alles wäre ein wenig leichter gewesen …

Dies denkt der Blockademensch, wenn er sich an seine Frau oder Mutter erinnert, durch deren Tod das aufgegessene Bonbon zu etwas Unumkehrbaren geworden ist … Der Mensch erinnert sich an ein Faktum, doch er vermag nicht mehr, sich an das dazugehörige Erlebnis zu erinnern; an das Erleben eines Stücks Brot, eines Bonbons, das ihn dazu gebracht hatte, grausam, ehrlos, erniedrigend zu handeln.7

Eine dieser von Reue gequälten Überlebenden war Olga Berggolz, deren an Epilepsie leidender Mann Kolja im Februar im Krankenhaus gestorben war. Sie gab ihrem Kummer und ihren Gewissensbissen in den Tagebüchern Ausdruck: Warum hatte sie ihn nicht jeden Tag besucht? Warum war sie bei seinem Tod nicht an seiner Seite gewesen? Warum hatte sie ihm nicht einige der Kekse gebracht, die ihre Schwester aus Moskau geschickt hatte? Und vor allem, wie sollte sie sich gegenüber ihrem Kollegen im Rundfunkhaus, Juri (Jurka) Makogonenko, verhalten, mit dem sie immer noch in eine leidenschaftliche Affäre verwickelt war?

Heute hatte ich den ganzen Tag Bilder von Kolja vor mir: wie er war, als ich ihn zum zweiten Mal im Krankenhaus an der Pessotschnaja besuchte. Seine geschwollenen Hände, von Rissen und Geschwüren bedeckt. Wie er sie der Krankenschwester behutsam hinhielt, damit sie die Verbände wechselte; wie er dabei dauernd besorgt vor sich hinmurmelte, so dass es mir schwerfiel, ihn zu füttern, und ich das kostbare Essen verschüttete. Ich war verzweifelt und biss ihn in einem Wutanfall in seine arme geschwollene Hand. Oh, du Luder! … Ich war seiner überdrüssig. Ich verriet ihn. Nein, das stimmt nicht. Ich verriet ihn nicht, sondern ich war schwach und verhärtet. Wie Jurka nun nach mir ruft! Aber das bedeutet, Kolja zu betrügen! ICH HABE IHN NICHT BETROGEN. Niemals. Aber Jurka mein Herz zu geben bedeutet, Kolja zu betrügen … Ich bin unglücklich im vollen, absoluten Sinne des Wortes … Ich hoffe, dass alles Schreckliche, das geschehen kann, mir zustößt.

Dieser Strom der Emotionen floss zur selben Zeit, als sie mit ihrem langen Gedicht »Februartagebuch« einen Erfolg bei den Lesern und bei der Zensur feierte. Im Spätmärz wurde sie (gejagt von sechs Messerschmitts) nach Moskau zu einer Reihe von Lesungen und Empfängen geflogen, darunter zu einem in der NKWD-Zentrale (»Wahrscheinlich waren ein paar menschliche Wesen unter ihnen. Aber was für Trottel, was für Rüpel sie sind«). Das Ereignis bot ihr die Gelegenheit, eine Bittschrift für ihren Vater einzureichen, der damals mit einem Gefängniszug nach Minussinsk in Südsibirien unterwegs war.

Er schreibt: »Nimm Kontakt auf, mit wem du kannst – Berija etc. –, aber hol mich hier raus.« Er ist seit dem 17. März auf Reisen. Sie werden einmal pro Tag verpflegt, und manchmal überhaupt nicht. In seinem Waggon sind bereits sechs Menschen gestorben, und einige mehr warten, bis sie an der Reihe sind … Mein Gott, wofür kämpfen wir? Wofür ist Kolja gestorben? Warum laufe ich mit einer brennenden Wunde in meinem Herzen herum? Für ein System, in dem eine wundervolle Person, ein bekannter Militärarzt und aufrichtiger russischer Patriot beleidigt, zerdrückt, zum Tode verurteilt wird – und in dem niemand etwas dagegen tun kann.8

Es gelang ihr, ein Treffen mit dem Sekretär der NKWD-Parteiorganisation zu arrangieren, doch es führte zu nichts. »Wir kamen zu einer ›Unterhaltung‹ zusammen (ich kann nicht einmal darüber sprechen, ohne vor Hass zu zittern). Er nahm meine Bittschrift entgegen und versprach, sie dem Volkskommissar am selben Abend zu übergeben. Werden sie etwas tun? Schwer zu glauben.« Der Fall wurde tatsächlich nach Leningrad zurückgereicht (»einfach, damit sie sich den Ärger ersparen konnten«), und ihr Vater durfte erst nach Kriegsende heimkehren.

Berggolz’ Verzweiflung vertiefte sich durch das in Moskau herrschende Unwissen über die Ereignisse in Leningrad. Wie die militärischen Katastrophen der ersten Kriegsmonate hatte man die Hungersnot aus den Nachrichten verbannt. Die Zeitungen erwähnten zwar »Lebensmittelmangel«, doch nur selten und beiläufig; stattdessen ließen sie sich makaber über die Todesfälle unter Zivilisten durch deutsche Artillerie und Bombenangriffe aus.9 Intern prägte man Euphemismen, um die Unmissverständlichkeit der Tragödie zu verbergen: Statt von »Hunger« oder »Hungersnot« (das russische Wort golod steht für beides) war in Regierungsberichten von »Erschöpfung«, »Avitaminose«, »den wachsenden Folgen der Unterernährung«, »Tod infolge von Schwierigkeiten mit der Lebensmittelversorgung« oder – am häufigsten – von »Dystrophie« die Rede. Dieser erfundene pseudomedizinische Begriff ging in die Umgangssprache ein und wird noch heute verwendet.10 Obwohl Berggolz ungehindert mit ihren Moskauer Freunden sprechen konnte – was sie auch »unaufhörlich, mit einem dumpfen, entfremdeten Gefühl der Überraschung« tat, ähnlich wie bei ihrer Entlassung aus dem Gefängnis im Jahr 1939 –, wurden ihre Sendungen stark zensiert. »Mir ist sehr klar geworden«, schrieb sie,

dass sie dort nichts über Leningrad wissen … Niemand scheint die leiseste Ahnung zu haben, was die Stadt durchmacht. Zwar rühmten viele die Leningrader als Helden, doch weiß man nicht, was dieses Heldentum bedeutete. So war nicht bekannt, dass wir gehungert haben und viele verhungert sind … Ich durfte im Radio nichts klarstellen, denn man sagte mir: »Sie können über alles reden, nur nicht über die Hungeropfer. Kein Wort. Alles über den Mut und Heroismus der Leningrader – das brauchen wir –, aber kein Wort über Hunger.«11

Am 20. April kehrte Berggolz mit Kisten voller Zitronen und Dosen mit Kondensmilch nach Leningrad zurück, wo der Winter geendet hatte und die Luftangriffe nun fortgesetzt wurden. Sie zog mit Makogonenko aus seiner Dachstube, die eine Aussicht auf die durch Geschosse beschädigten Dächer bot, zwei Etagen hinunter in die Wohnung eines kurz zuvor an der Front gefallenen Schauspielers. Die Wohnung war gefüllt mit seinen Besitztümern – mit Fotos, Büchern, »einer Menge kleiner Untertassen, zwei aufeinander abgestimmten Tassen und einem verrosteten Fleischwolf« –, was ihr Gefühl der Abtrennung erhöhte und sie glauben ließ, in das Leben eines anderen oder in ein Leben nach dem Tod eingetreten zu sein. Zu schreiben war unmöglich – »als müsse ich mir Lochstreifen unter Blut und Schmerzen aus der Seele ziehen«. Eine am 30. Mai abgehaltene Schriftstellerkonferenz hätte ihrer Meinung nach ein prächtiges Ereignis sein können, eine trotzige Feier der Macht des Wortes, aber in Wirklichkeit war es »organisierte Heuchelei« – langweilig, politisch angehaucht und umwölkt von dem gefährlichen Neid mancher Kollegen auf ihren plötzlichen Ruhm.12

Sechs Wochen später verlor Makogonenko vorübergehend seinen Posten im Rundfunkhaus, weil er versehentlich die Ausstrahlung eines verbotenen Gedichts, Sinaida Schischowas »Straße des Lebens«, zugelassen hatte. Wegen seiner Erwähnung einer auf einem Balkon gelagerten Leiche und seinem bewusst banalen, äußerst sarkastischen abschließenden Reimpaar – »Ruhe, Sohn, du hast getan, was du konntest/Du warst die Verteidigung Leningrads« – hatten die Zensoren es als »sonderbar« und »geradezu spöttisch« eingestuft. Es war mitten in einer Strophe durch ein Telefonat direkt vom städtischen Parteikomitee aus der Sendung entfernt worden.13 Berggolz’ eigenes Februartagebuch wurde zwar veröffentlicht, doch in verfälschter Form. Eine dreimal wiederholte Zeile – »In diesem Schmutz, in Dunkel, Hunger, Sorge« – schwächte man ab, indem man die Wörter »Hunger« und »Schmutz« durch die ungefährlich abstrakten Begriffe »Zwang« und »Leid« ersetzte.14 Trost spendeten jedoch gewöhnliche Leser, die zu Hunderten an Berggolz schrieben. Einige der Briefe waren halbamtliche Gruppenschreiben von Einheiten der Roten Armee oder von Kolchosen, doch andere stammten von Privatleuten, die ihr dafür dankten, dass sie ihre Erfahrungen und Gefühle in Worte gekleidet habe. Eine Frau erzählte, wie Berggolz’ Sendungen ihr geholfen hätten, die Nachricht vom Tod ihres Sohnes an der Front zu ertragen; eine andere war beruhigt worden, als sie versuchte, ihren sterbenden Mann in der Dunkelheit zu füttern, wobei der Löffel sich häufig seiner Nase, nicht seinem Mund genähert hatte. »Dies ist wahrhaft großartig«, schrieb Berggolz:

Die Menschen von Leningrad lagen massenhaft in ihren dunklen, feuchten Ecken, während ihre Betten wackelten … (Gott, ich weiß, wie ich selbst dalag, ohne jeden Willen, ohne jeden Wunsch, bloß im leeren Raum). Und ihre einzige Verbindung mit der Außenwelt war das Radio … Wenn ich ihnen einen Moment des Glücks – oder auch nur eine vorübergehende Illusion des Glücks – gebracht habe, dann ist meine Existenz gerechtfertigt.

Wie andere fand sie mit Symbolik befrachteten Trost in der Ankunft des Frühlings, im Ergrünen der Linden des Stadtplatzes und im Sprießen von Huflattich und Kamillen mitten im Geröll von Trümmergrundstücken. Einer der wenigen wirklich frohen Tagebucheinträge kam in einer warmen Juninacht zustande, während Makogonenko draußen auf dem Dach stand und nach Brandbomben Ausschau hielt:

Gestern verbrachten wir einen wunderbaren Abend. Unter großen Unkosten besorgte Jurka ein Riesenbündel Birkenzweige. Wir nahmen sie mit in die Wohnung und steckten sie in eine Vase. Das Fenster war weit geöffnet, und man konnte den großen ruhigen Himmel sehen. Eine kühle Brise wehte herein. Die Stadt war sehr still, und die Birken dufteten so süß, dass mein ganzes Leben, meine beste Zeit, in mir wiedergeboren zu werden schien. Gefühle durchströmten meine Seele: Glück, Leidenschaft, Zufriedenheit. Feuchte, wohlriechende Kinderabende in Gluschina. Mein erster Abend mit Kolja auf der Insel, als er, jung und schön, mich zum ersten Mal küsste. Ich trug ein besticktes Kleid, und es roch damals ebenfalls nach Birke … Und nun denke ich an gestern Abend, als ich neben einem schönen, liebevollen, wirklich vorhandenen Ehemann lag und mit meinem ganzen Wesen spürte, dass dies Glück ist – dass er heute neben mir liegt, mich liebt, dass es still ist und nach frischer Birke duftet. All das verschmilzt miteinander – schmerzlos oder, besser gesagt, mit einem angenehmen Schmerz. Alles war großartig, ewig, ein Ganzes.15

Gegen Ende März funktionierte auch der Postdienst wieder, so dass die Leningrader seit Monaten oftmals die ersten Nachrichten von Freunden und Verwandten in der Evakuierung erhielten. Da die Evakuierten sich nur vage vorstellen konnten, was die Zurückgebliebenen durchgemacht hatten, war die Wiederherstellung des Austausches meist schwerfällig. Die Altphilologin Olga Freudenberg, die von Skorbut geplagt wurde und am Stock ging, fühlte sich durch einen recht unbekümmerten Brief ihres Cousins Boris Pasternak beleidigt, in dem er das Leben in der Uralstadt Tschistopol schilderte: Schlamm sickere zwischen den Pflastersteinen hervor, und Hausfrauen benutzten an einem Holzjoch hängende Eimer, um Wasser von dem Feuerhydranten vor seinem Fenster zu holen. »Irgendwie will mir der Brief an Dich nicht recht von der Hand gehen«, schrieb er beunruhigt. »Ich spüre (und solche Gefühle trügen nie), Du liest ihn kalt und unbeteiligt.« Das traf zu, denn Freudenberg hatte mehr erwartet: »Der Brief zeugte von seelischer Erschlaffung und Erschöpfung, von seelischer Konfusion. Wie schon einmal zu Beginn der Revolution kamen Wassereimer in dem Brief vor, und sein Geist war so flach wie eine abgegriffene Münze.«16

Im Februar hatte die junge Museumsdirektorin Anna Selenowa in einem Brief nach Nowosibirsk freimütig die Spannungen beschrieben, die sich bei dem in der Isaakskathedrale eingepferchten Museumspersonal herausgebildet hatten. Nun machte sie einen Rückzieher. Vielleicht habe sie einen falschen Eindruck erweckt, denn obwohl niemand ohne Achillesferse sei, hätten die Prüfungen des Winters in Wirklichkeit dafür gesorgt, dass sich das Kollektiv enger zusammenschweißte.17 Bogdanow-Beresowski, der Vorsitzende des Leningrader Komponistenverbands, erhielt Bitten von evakuierten Mitgliedern, in ihren Wohnungen nach dem Rechten zu sehen – eine anstrengende Aufgabe, die bürokratische Kämpfe mit unehrlichen Gebäudeverwaltern sowie erschöpfende Wanderungen durch die Stadt nach sich zog. Anna Achmatowa, die in dem mit Intelligenzlern gefüllten Taschkent an Typhus litt, hörte, ein kleiner Junge mit dem Spitznamen Schakalik (»Kleiner Schakal«), der nebenan im Scheremetjew-Palast gewohnt hatte, sei während eines Luftangriffs gestorben. Früher hatte sie ihm Lewis Carroll vorgelesen, nun schrieb sie ein eigenes Gedicht für ihn:

Klopf mit deiner kleinen Faust – ich werde öffnen.

Ich habe dir immer die Tür geöffnet.

Nun bin ich jenseits des hohen Berges,

Jenseits der Wüste, jenseits des Windes und der Hitze,

Aber ich werde dich nie im Stich lassen …

Ich habe dein Stöhnen nicht gehört,

Du hast mich nie um Brot gebeten.

Bring mir einen Zweig vom Ahorn

Oder einfach ein wenig grünes Gras

Wie im letzten Frühling.

Bring mir in deinen hohlen Händen

Etwas von eurem kühlen, reinen Newawasser,

Und ich werde die blutigen Spuren

Aus deinem goldenen Haar waschen.18

Die »blutigen Spuren«, fand sie später heraus, erschienen unangemessen, denn nicht Schakalik, sondern sein älterer Bruder war gestorben – und nicht durch einen Luftangriff, sondern an Hunger.

Für Vera Inber brachte ein Bündel ungeordnet datierter Briefe von ihrer Tochter, die mit Pasternak nach Tschistopol evakuiert worden war, die Nachricht vom Tod ihres kleinen Enkels an Hirnhautentzündung: »Ich las den Brief zu Ende. Legte ihn beiseite. Dann griff ich plötzlich, ganz unvermittelt, wieder danach und las ihn noch einmal in der vagen Hoffnung: vielleicht schien es mir bloß so. Aber nein, es ist wahr.«19 Zur Feier seines ersten Geburtstags hatte sie für ihn eine Rassel aus einer rosa Zelluloidröhre, einer getrockneten Erbse und einem Stück Band hergestellt und sie ans Ende seines Bettes gehängt. Damals war er, wie sie nun erfuhr, bereits seit einem Monat tot gewesen, und sie versteckte die Rassel in einer Schublade.

An der Front erhielt Wassili Tschurkin zwei Briefe. Aus dem ersten, von seinem Vater, erfuhr er, dass sein älterer Sohn Schenja dreieinhalb Monate zuvor in der Schlacht gefallen war. In dem zweiten, von seinem jüngeren Sohn Tolja, wurde der Hungertod seiner Frau beschrieben: »Sie luden ihre Leiche, zusammen mit anderen, auf einen Lastwagen im Hof unseres Gebäudes, genau wie Feuerholz. Dann wurde sie zum Piskarjowskoje-Friedhof, zu einem Gemeinschaftsgrab, gebracht … Du und ich, Papa, sind nun als Einzige von unserer Familie übrig. Nimm Rache an den zweibeinigen Bestien, Papa, für Mama und Schenja!«20 Tolja selbst, der gerade siebzehn Jahre alt geworden war, freute sich auf die Einberufung und hoffte, sich der Einheit seines Vaters anschließen zu können.

Für Wladimir Garschin, den vierundfünfzigjährigen kultivierten Chefpathologen des Erisman-Krankenhauses (und Liebhaber von Anna Achmatowa), führte der Rückweg in eine gewisse Normalität durch die Arbeit. Im März entkleidete er sich zum ersten Mal seit drei Monaten: »Sie legten diesen seltsamen knochigen Körper ins Wasser und hoben ihn wieder heraus. Der Körper konnte nicht ohne Hilfe aus dem himmlischen Wasser steigen. Warm! … Es ist der Körper eines anderen, nicht meiner. Ich kenne ihn nicht, er funktioniert anders als früher. Er bringt andere Exkrete hervor, alles an ihm ist neu und unvertraut.« Auch seine Persönlichkeit hatte sich verändert. Zu seinem Glück war er während des Massentodes nicht in Gleichgültigkeit und auch nicht in Hass und Wut verfallen (zum Beispiel schenkte er der Familie, bei der Anna Achmatowa vor ihrer Evakuierung gewohnt hatte, einen Beutel Hafer und rettete diesen Menschen das Leben).21 Und doch hatten sich die Dinge gewandelt. Er fühlte sich »nicht ganz richtig«, musste in seinem Innern nachforschen, »diesen neuen Körper und diese neue Seele untersuchen, ihre verborgenen Winkel betrachten, als wäre ich in eine neue, unbekannte Wohnung gezogen«. Außerdem sezierte er Leichen im Erisman-Krankenhaus. Wie zu erwarten, hatten sie kein Fett an sich, doch das Erstaunlichste an ihnen waren die Organe:

Hier ist eine Leber – sie hat fast zwei Drittel ihres Gewichts verloren. Hier ist ein Herz – es hat mehr als ein Drittel, manchmal fast die Hälfte verloren. Die Milz ist auf einen Bruchteil ihrer normalen Größe geschrumpft. Wir sahen uns die Krankengeschichte dieser Leute an. Manche hatten vor ihrem Tod ausreichend gegessen, aber sie erholten sich trotzdem nicht, denn sie waren bereits irreparabel geschädigt. Dies ist eine grässliche Dystrophie der dritten Stufe und damit unumkehrbar … Nachdem der Körper seine Fettreserven verbraucht hat, zerstört er seine eigenen Zellen wie ein Schiff, das keinen Treibstoff mehr hat und zerbrochen wird, um seine Kessel zu heizen. Wir kannten das alles in der Theorie, doch nun sahen wir es mit eigenen Augen, berührten es mit den Händen, legten es unters Mikroskop.

Während er seine Muster durch das Mikroskop anschaute – »die dünnstmöglichen Scheiben menschlichen Gewebes – sauber und hübsch gefärbt« –, entdeckte er in seinem Innern zwei widersprüchliche Emotionen: die Gier nach einer wissenschaftlichen Untersuchung und den brennenden Wunsch, jemandem die Schuld zu geben. »Diese schönen Muster künden laut von einer Tragödie, von der Art, wie der Körper sich zur Wehr setzt. Sie weisen auf Vernichtung hin, auf die Zermalmung der Grundstrukturen von Lebewesen … Denn dieses ›Experiment‹ wurde keineswegs vom Leben veranstaltet. Ich spüre Hass auf diejenigen, die es durchgeführt haben.« Wen genau er verantwortlich machte, führte er nicht aus.22

Als der Winter in den Frühling überging, bestand die Priorität der Regierung darin, den Ausbruch von Krankheiten zu verhindern. Tausende von unbeerdigten Leichen, die unter dem Schnee sichtbar wurden oder in Kellern und Vorratskammern auftauten, mussten dringend eingesammelt werden; außerdem galt es, die menschlichen Ausscheidungen – vornehm als »Schmutz« bezeichnet – zu beseitigen, die seit fünf Monaten Seitenstraßen und Höfe füllten. Während Garschin sich an seinem Labortisch um Distanz bemühte, säuberten draußen Krankenwärter mit geschwollenen Gesichtern, die Köpfe mit Schals umwickelt und mehrere Mantelschichten fest um den Körper geschnürt, das Gelände mit Hacken und Schaufeln. »Sie können nicht arbeiten«, schrieb Garschin. »Sie sind höchstens dazu fähig, an einem Ofen zu sitzen und Tee zu trinken. Aber sie arbeiten trotzdem … Es ist eine Art Überlebensinstinkt.« Mitte April wurden 52 Leichen aus dem Erisman-, 730 aus dem Kuibyschew-Krankenhaus, 114 aus einem Kinderkrankenhaus, 378 aus einer psychiatrischen Anstalt, 204 aus dem Finnischen Bahnhof, 70 aus dem Volkshaus und 103 aus dem zu einer Leichenhalle umfunktionierten Keller unter der kleinen Bibliothek geborgen, die am Ende der Eremitage an der Millionnaja-Straße lag. Auf den Friedhöfen sanken die Massengräber des Winters ein, verbreiteten Gestank und mussten bearbeitet werden.23

Schon im Januar hatte man begonnen, auf die Menschen einzuwirken, damit sie ihre Fäkalien nicht draußen abluden und sich nicht in den allgemeinen Teilen ihrer Wohnblocks erleichterten, doch die Bemühungen waren vergeblich geblieben. »Am Eingang zum Sowetski-Prospekt 47«, meldete ein Polizist, »ist eine Notiz angebracht worden, dass jeder, der menschliche Ausscheidungen außerhalb des Gebäudes hinterlässt, strafrechtlich verfolgt wird. Aber auf dem Hof gibt es kein einziges Abflussrohr und keine Senkgrube, in die Ausscheidungen gekippt werden könnten, und ein hier eingerichtetes Klosett ist so verschmutzt, dass man sich ihm nicht nähern kann.« Eine Frau, die beim Entleeren eines Toiletteneimers erwischt wurde, gab zurück: »Dann stellt mich eben vor Gericht! Wohin soll ich es denn schütten? Über meinen Kopf?« Ihrer Meinung nach sollten der Pförtner und der Gebäudeverwalter belangt werden, denn ihretwegen seien die Rohre eingefroren, und sie müsse Wasser aus einem halben Kilometer Entfernung heranschleppen.

Nach mehreren Fehlstarts kam die Säuberungskampagne am 28. März endlich in Gang. Der erste Tag war enttäuschend: Die Beteiligten verspäteten sich oder erschienen gar nicht, denn die Verkehrsmittel waren unzulänglich, es gab nicht genug Brecheisen, und 450 der verteilten Schaufeln fehlte ein Griff. Viele von der Arbeit Freigestellte – alte Menschen, Kriegsverletzte und Kinder – meldeten sich aus eigenem Antrieb zum Dienst, doch andere versuchten, sich ihm zu entziehen. Eine Hausfrau murmelte: »Sollen sie uns doch erst einmal verpflegen, dann werden wir arbeiten«; eine Fabrikarbeiterin erklärte rundweg: »Wir wollen es nicht, basta.« Die persönlichen Daten eines Mannes, der schimpfte: »Ich beabsichtige nicht, für die Sowjetregierung zu arbeiten«, wurden dem NKWD übergeben.24 Gleichwohl stieg die Zahl der Mitwirkenden zwei Tage später auf 290000. »Die gesamte Stadtbevölkerung«, schrieb Vera Inber,

säubert die Straßen. Es ist so, als würde man einen verschmutzten Nordpol in Ordnung bringen. Alles ist ein Chaos – Eisblöcke, gefrorene Schmutzhaufen, Stalaktiten aus Jauche … Wenn wir einen sauberen Bürgersteigstreifen sehen, sind wir gerührt. Uns kommt er so schön vor wie eine blumenbedeckte Lichtung. Eine gelbgesichtige, aufgedunsene Frau, die einen rußgeschwärzten Pelzmantel trug – wahrscheinlich hatte sie ihn den ganzen Winter hindurch nicht ausgezogen –, stützte sich auf eine Brechstange und betrachtete ein Stück Asphalt, das sie gerade geräumt hatte. Dann grub sie weiter.25

Laut Olga Gretschina, die mit ihrem Zivilschutzteam entsandt worden war, um den Leo-Tolstoi-Platz zu reinigen, ähnelte die Szene der »Ausgrabungsstätte irgendeiner antiken Stadt«:

An manchen Stellen hatte man den Schnee völlig weggeräumt, an anderen hatte die Arbeit noch nicht begonnen. Die Menschenmengen waren größer, als wir sie seit Langem an einem einzigen Ort gesehen hatten. Wer nicht arbeiten konnte, ließ sich einfach auf Hockern nieder, nachdem man ihr oder ihm hinaus in die Sonne geholfen hatte. Alle arbeiteten gern und eifrig. Gruppen der Schwächsten schleiften große Schnee- und Eisblöcke auf mächtigen Sperrholzplatten mit daran befestigten Seilen zur Karpowka. All der Schmutz und Schnee wurde in den Fluss geworfen.26

Alexander Boldyrew, der immer noch unermüdlich die Institute abgraste, um Nachzahlungen und Passierscheine für Mahlzeiten an sich zu bringen, hörte zwei Tage im Voraus von der Kampagne. Er war sich sicher, dass sie für viele das Ende bedeuten würde, doch die Bürokraten argumentierten, es sei »besser, wenn nun ein paar Hundert Hausfrauen und Abhängige sterben als mehrere Tausend in einem Monat an einer Epidemie«. Nachdem man ihn dazu aufgefordert hatte, bei der Reinigung des Eremitage-Geländes mitzuhelfen, vollbrachte er zwei Stunden Arbeit am 28. März (»Ada und andere brüllten, sie seien Sklaventreibern ausgeliefert«) und eine weitere Stunde am 29. März, bevor er unter dem Vorwand, sich das Knie verletzt zu haben, absagte (»Der Gestank des halb geschmolzenen Schokoladenschnees ist ekelhaft. Wenn man ihn mit einer Spitzhacke aufbricht, spritzen Tausende von Tröpfchen auf Kleidung und Gesicht«). Am folgenden Tag zog er sich tatsächlich eine Verletzung zu, denn er schnitt sich die Daumenspitze beim Holzhacken ab. Durch das Attest eines mitfühlenden Arztes (dem er zum Dank mehrere Kunstbände schenkte) wurde er von weiterem Arbeitsdienst befreit, doch andere hatten weniger Glück. »Pruschewskaja starb heute in der Genesungsklinik der Eremitage«, schrieb er am Ostersonntag. »Obwohl sie eine extreme, klassische Dystrophikerin war, musste sie vorgestern noch Schnee räumen. Nun tröstet Ada Wassiljewna sich mit dem Gedanken, dass [Pruschewskaja] bereits geisteskrank war, als sie in die Klinik gebracht wurde.«27 Insgesamt beseitigte das Personal der Eremitage sechsunddreißig Tonnen Schnee, Eis, Holzsplitter, heruntergefallenen Mörtel und Glasscherben.28

Die Säuberungskampagne vom März und April ist eines der Versatzstücke der Belagerung. Sie wird in fast jedem Interview mit Überlebenden zitiert, und man schreibt ihr zu, Epidemien der drei typischen Hungerkrankheiten – Ruhr, Fleckfieber und Typhus – wunderbarerweise verhindert zu haben. Aber die Wirklichkeit sah anders aus. Obwohl die Gesamttodesrate ab März fiel, waren die Fälle von Ruhr und Fleckfieber pro tausend Kopf der Bevölkerung im April fünf- bis sechsmal höher als im Vorjahr. Die von Typhus waren fünfundzwanzigmal so hoch. Der Chef der Leningrader Garnison nennt diese Zahlen in einem Privatbrief an Schdanow und weist wütend auf die unzureichende medizinische Versorgung und den Mangel an Waschgelegenheiten hin. Die Hälfte der städtischen Badehäuser sei noch nicht wieder in Betrieb, nur sieben Prozent der Wohnungen hätten fließendes Wasser, lediglich neun Prozent seien an die Kanalisation angeschlossen und ein Drittel der Haushalte leide unter schwerer Läuseinfektion. Viele Höfe seien immer noch mit menschlichen Exkrementen bedeckt. Zu den »Brutstätten« des Typhus gehörten Genesungskliniken, Kinderheime, Bahnhöfe und Evakuierungsstellen, und wenn man nicht sofort geeignete Maßnahmen ergreife, würden bald auch Kasernen dazu zählen.29 Ruhr – bekannt als »Hungerdurchfall« – wird ebenfalls häufig in den Tagebüchern erwähnt, da sie den bereits Hungernden in vielen Fällen zum Verhängnis wurde. Boldyrew gelang es, über die Situation zu scherzen. Unterwegs zu einer Besprechung mit Eremitage-Verwaltern, war er gezwungen, »das Unaussprechliche« in einer leeren Galerie (in der normalerweise Raffaels Madonna Conestabile untergebracht war) zu tun, doch er stellte zu seiner Freude fest, dass praktischerweise ein Spaten und eine Menge Sand – offiziell zur Brandbekämpfung – bereitgehalten wurden.

Während das Frühjahr in den Sommer überging und die Hoffnung auf ein baldiges Ende der Blockade verblich, konzentrierte man sich darauf, eine Wiederholung der Massentode des letzten Winters zu verhindern. Als Dmitri Lasarew zum ersten Mal seit Monaten mit der Straßenbahn fuhr, bemerkte er, dass die öffentlichen Anschläge des Vorjahrs – »Entlarvt Flüsterer und Spione!«, »Tod den Provokateuren!« – nun durch praktischere Ermahnungen ersetzt worden waren:

Fünfzehn Hundertstel eines Hektars können 800 kg Kohl, 700 kg Rüben, 120 kg Gurken, 130 kg Karotten, 140 kg Steckrüben, 50 kg Tomaten und 200 kg anderes Gemüse erzeugen! Das ist mehr als genug für den Jahresbedarf einer ganzen Familie. Bewahrt Asche von Öfen für euer Gemüsebeet auf!30

Die Gartenbau-Initiative wurde enthusiastisch von den Leningradern aufgenommen. Mit Hilfe der durch die Regierung organisierten Verteilung von Saatgut und Gerät – Hacken und Schubkarren wurden speziell hergestellt – legten sie Tausende von Gemüsebeeten in Parks, auf Plätzen und Trümmergrundstücken an. Auf dem Dach der Eremitage gruben die Angestellten die Flieder- und Geißblattsträucher des »hängenden Gartens« von Katharina der Großen um und pflanzten stattdessen Karotten, Rüben, Dill und Spinat an. Die Boldyrews säten Zwiebeln in einem Blumenkasten (»Oh, ich sehne mich nach Zwiebeln!«), und die Lichatschows züchteten Rettich in einem umgedrehten Küchentisch. Laut Prawda wurden 1942 25000 Tonnen Gemüse in Schrebergärten angebaut; im folgenden Jahr waren es sogar 60000 Tonnen. Damit erwiesen sich solche Parzellen, was den Ertrag pro Morgen anging, als doppelt so produktiv wie 633 neue »Hilfsbauernhöfe«, die Instituten, Schulen und Fabriken zugeordnet wurden.31

Große Lebensmittelmengen wurden auch, wie schon im Winter, bei den Kolchosen innerhalb des Belagerungsrings requiriert. Die Bauern mussten durch ihre Kollektive nicht nur die üblichen Lieferungen an den Staat leisten, sondern auch Vieh und Saatgut für Flüchtlinge in ihrer Gegend bereitstellen, eine Panzerkolonne (mit der Bezeichnung »Leningrader Kolchosbauer«) finanzieren und der Roten Armee Getreide aus ihren persönlichen Vorräten »spenden«. Die Bezirksparteikomitees wurden angewiesen, sich für Erntevoraussagen auf das Statistikamt und nicht auf die Bauern selbst zu stützen. Komitees, die ihre Quoten nicht erfüllten, warf man vor, »antikollektivistischen Elementen« entgegenzukommen. Immerhin wurde beschlossen – ein seltenes Zugeständnis an die Kräfte des Marktes –, Unterwäsche, Seife, Garn, Tabak und Wodka im Austausch für wilde Pilze und Beeren anzubieten.32

Ein NKWD-Bericht über die Stimmung in den Dörfern um die Stadt Borowitschi, östlich von Nowgorod, macht deutlich, welchen Groll diese Maßnahmen hervorriefen. Eine Reihe öffentlicher Versammlungen wurde abgehalten, um Mittel für die Panzerkolonne »Kolchosbauer« aufzubringen, und tatsächlich sammelte man auf den von patriotischen Reden untermalten Zusammenkünften drei Millionen Rubel ein. »Wir sollten der Roten Armee helfen, diese zweibeinigen Bestien aus unserem Land zu jagen«, erklärte eine loyale traktoristka. »Meine drei Söhne sind an die Front gegangen. Einer ist gefallen, aber unser Geld wird den anderen die Waffen verschaffen, die sie für den Sieg über den Feind benötigen.« Viele weigerten sich jedoch offen, Spenden beizusteuern – jedenfalls am Anfang. »Ich habe kein Geld, deshalb werde ich nicht unterschreiben«, sagte eine vierzigjährige Frau. »Es gibt niemanden, von dem ich etwas borgen könnte, und wenn es jemanden gäbe, hätte er kein Geld zu verleihen.« Am Ende der Versammlung war sie jedoch umgestimmt worden und ging heim, um einen Beitrag von 300 Rubel zu holen. Im Kollektiv »Roter Pflüger« weigerte sich ein voreiliger Este zunächst, eine Spende zu leisten, doch »nachdem er die Beschwingtheit der anderen Mitglieder erlebt hatte, verpflichtete er sich, 1000 Rubel in bar zu zahlen«.

Anderswo zeigten sich die Dorfbewohner offenherziger, denn der Lärm der deutschen Kanonen ermutigte sie, sich ihren Funktionären zu widersetzen. Eine Frau, die wegen schlechter Arbeit vom Vorsitzenden ihres Dorfsowjets getadelt worden war, gab wütend zurück:

Ich kann das Ende der Sowjetherrschaft nicht abwarten. Sie hat die Bauern in den Bankrott getrieben, uns hungrig und barfüßig zurückgelassen, und nun zieht ihr uns nackt aus. Aber ich beuge mich nicht vor euch feinen Herren. Eure Herrschaft geht zu Ende. Ihr habt all die guten Menschen aus dem Dorf gejagt, doch wartet nur, ihr seid als Nächste an der Reihe.

Ein fünfzigjähriges Mitglied des Kollektivs »Einheit« trat genauso kühn auf. »Unsere Zeit wird bald kommen, und wir werden uns nehmen, was uns gehört. Ich kann zwar nicht lesen oder schreiben, aber ich werde der Erste sein, der die Bonzen ausliefert. Man wird mir Glauben schenken. Dann werden wir es euch heimzahlen. Und wir werden jedem von euch nicht nur ein Lamm abnehmen, sondern zwei Gürtel auf eurem Rücken kurz und klein schlagen.« (Diese »konterrevolutionäre Tätigkeit«, hieß es in dem Bericht, sei zum Zweck der Verhaftung dokumentiert worden.) Weit verbreitete Gerüchte besagten, Amerika und Großbritannien hätten im Austausch für die Eröffnung einer zweiten Front gefordert, dass die Regierung die Kolchosen auflöste und das Land den bäuerlichen Besitzern zurückgab.33

In der Stadt kam es zu neuen Initiativen gegen Lebensmitteldiebstahl und Schwarzmarkthandel. Obwohl man etliche Geschäftsführer und Angestellte von Lebensmittelläden und -verteilungsagenturen verhaftete (520 im Juli, 494 im August) und erhebliche Mengen unrechtmäßig erworbener Besitztümer beschlagnahmte (62 goldene Uhren im September), blühte die Kriminalität weiterhin.34 Wenn Straßenmärkte in irgendeinem Stadtteil geschlossen wurden, tauchten sie in einem anderen wieder auf, und Fabrikarbeiter beklagten sich immer noch darüber, dass ihre Chefs mit dem Küchenpersonal konspirierten, um die Rationen zu schmälern. In der Sudomech-Werft lösten die Strafmaßnahmen eine Auseinandersetzung zwischen der Fabrikleitung und der Parteiorganisation aus. »Sämtliche höheren und niedrigeren Führungskräfte trinken Alkohol«, vertraute das desillusionierte Parteimitglied Wassili Tschekrisow seinem Tagebuch an.

Immer häufiger sieht man, dass die Halunken beschwipst sind. Wenn sie sich betrinken wollen, sollen sie es wenigstens hinter verschlossenen Türen tun. Sie fressen sich voll, decken all den Diebstahl in den Kantinen und haben die Arbeiterkontrolle ausgeschaltet, weil sie dadurch gestört werden. Es gibt zahlreiche Vorgesetzte wie diese – nicht bloß hier, sondern überall … Auf Versammlungen sprechen sie sich für die Gartenbau-Initiative aus, und manchmal inspizieren sie am Wochenende sogar die Schrebergärten. Aber privat reden sie nur davon, wie sie möglichst viel an sich raffen können. Die Inventarleiter haben jeweils zwanzig Lebensmittelkarten. Wo ist das NKWD? Kann es sie wirklich nicht fassen?

Ende August erhob er sich auf einer Parteiversammlung und brachte eine (fruchtlose) öffentliche Beschwerde vor. »Ich war zufrieden mit meinen Worten, obwohl ich weiß, dass Kalinowski [der Sudomech-Direktor], Derewjanko und die anderen mir nicht verzeihen werden. Sie sollen sich zum Teufel scheren. Ich habe das gesagt, was alle im Saal dachten … Ich werde mich nicht für ein Linsengericht verkaufen, obwohl ich jeden Tag Hunger habe.«

Tschekrisow versuchte nicht nur, eine Vielzahl fast unmöglicher Produktionsanweisungen zu erfüllen, sondern erhielt auch den Auftrag, vierzehn Holzgebäude südlich des Alexander-Newski-Klosters im Rahmen einer Regierungskampagne zur Beschaffung von Feuerholz abreißen zu lassen. Manche wurden mit Sägen und Äxten zerstört, andere mit einer Trosse, die an einem Traktor angebracht war, niedergerissen. Obgleich Tschekrisow die Arbeit für notwendig hielt, empfand er sie als deprimierend, weil die Gebäude gut konstruiert (zur Isolierung mit einer traditionellen Schlackeschicht unter den Dielenbrettern) und ihre Bewohner noch nicht umgesiedelt worden waren. In einem Haus musste er die Menschen zum Ausziehen zwingen, indem er das Dach abtragen ließ. Die meisten jedoch ergaben sich ihrem Schicksal. »Wir zerstören ihre Wohnungen, in denen sie seit Jahrzehnten leben. Sie sind nicht wütend, denn sie begreifen, dass die Stadt Feuerholz braucht. Nun sitzen sie einfach auf ihren Bündeln und Koffern und warten auf Fahrzeuge.«35

Ein Ingenieur, mit dem Vera Inber auf dem Heimweg von einem Vortrag in einer Fabrik plauderte, erzählte ihr, er habe gerade seine Familie in Nowaja Derewnja (dem alten Arbeiterviertel nördlich der Jelagin-Insel, wo die Schilinskis gewohnt hatten) besuchen wollen. Doch sei außer Geröll und zerbrochenen Möbeln nichts mehr von dem Haus vorhanden gewesen. Er habe den Schutt durchsucht und einige Familienfotos gefunden. »Nun«, sagte er traurig, »passt mein ganzes Zuhause in meine Tasche. Ich kann es mit mir herumtragen.«36 Olga Gretschina, die ein gerade abgerissenes Haus bis zum Eintreffen eines Lastwagens bewachte, erhielt eine kleine Rübe als Geschenk von einer alten Frau, die ängstlich um Erlaubnis bat, ein Brett mitzunehmen. Nach einer Stunde hatte Gretschina »eine ganze Mahlzeit – mehrere Rüben und Karotten«, eingetauscht.37 Durch die Abrissaktion, die sich den gesamten Herbst hindurch fortsetzte, wurde das Erscheinungsbild der dorfähnlichen nördlichen und östlichen Außenbezirke Leningrads umgewandelt. Sie habe mehr Schaden angerichtet, bemerkten die Bürger sarkastisch, als sämtliche »Geschosse und Bomben« der Deutschen.

Die Gartenbau-, Lebensmittelrequirierungs-, Antikorruptions- und Abbruchmaßnahmen wurden in jenem Sommer von einer weiteren Massenevakuierung über den Ladogasee begleitet. Sie diente dem Zweck, alle nicht arbeitenden Leningrader aus der Stadt zu holen. Sie war zwar verbindlich, doch viele, darunter Boldyrew und die Malerin Anna Ostroumowa-Lebedewa, konnten sich ihr entziehen. Boldyrew glaubte, an Ort und Stelle besser aufgehoben zu sein, und Ostroumowa-Lebedewa (der man einen Flug aus der Stadt hinaus und eine Unterkunft bei der Schwester einer Freundin angeboten hatte) wollte dort bleiben, wohin sie gehörte:

So lange in Leningrad zu leben und zu leiden, und nun, kurz vor der Befreiung, abzureisen! … Ich stellte mir vor, in Kasan zu sein, in einem warmen Zimmer, sicher vor Bomben und Hunger, und ich stellte mir vor, die Rolle zwar nicht einer Schmarotzerin, doch auch nicht einer Mieterin zu spielen: einer alten Frau, die niemand benötigt. Und ich entschied mich, nirgendwohin zu reisen. Nirgendwohin!38

Die Altphilologin Olga Freudenberg versuchte, mit ihrer achtzigjährigen blinden Mutter aufzubrechen, doch sie gab den Plan auf, als ihr überfüllter Zug aus ungeklärten Gründen vier Tage lang auf der Fahrt nach Ossinowez haltmachte. Sie bestach einen Schaffner mit ihrem letzten Brotlaib, damit sie mit ihrer Mutter und ihrem Gepäck aussteigen konnte. Dann kehrten beide in ihre leere, unordentliche Wohnung zurück, wo sie den Rest des Krieges verbringen sollten.

Die Evakuierungskandidaten waren gezwungen, hastig so viele ihrer Habseligkeiten wie möglich zu Geld oder zu Lebensmitteln zu machen, weshalb sie Tische mit Trödelwaren auf den Bürgersteigen und an den Fenstern von Parterrewohnungen aufstellten (es ist erstaunlich, dachte Gretschina, wie viele alte und schöne Dinge die Menschen noch zu verkaufen haben). Dmitri Lichatschow, dem man nach der Vernehmung im Großen Haus die Aufenthaltserlaubnis aberkannt und eine Dreitagesfrist bis zur Abreise eingeräumt hatte, schaute zu, wie eine Reihe möglicher Käufer den Inhalt seiner Familienwohnung sichtete: »Zu Spottpreisen erwarben sie Kronleuchter, Teppiche, die bronzene Schreibgarnitur, Malachitkästchen, Ledersessel, das Sofa, die Stehlampe mit dem Onyxsockel; Bücher, Postkarten mit Ansichten der Stadt – jeden einzelnen Gegenstand, den mein Vater und meine Muttere vor der Revolution gesammelt hatten.« Der Verkauf brachte nur 10000 Rubel ein, von denen 2000 für sechs Säcke Kartoffeln ausgegeben wurden.39

Durch die Abreisen sank die Zivilbevölkerung Leningrads auf das Niveau einer Provinzstadt. Vor dem Krieg hatte es noch dreieinhalb Millionen Einwohner, doch im April 1943 waren daraus eine Million, Ende August 776000 und am Jahresende nur noch 637000 geworden.40 Luftangriffe und Artilleriebeschuss gingen im Lauf des Sommers zurück, so dass eine ruhige, geradezu ländliche Atmosphäre entstand. In den Parks hackten Frauen, in Kopftücher gehüllt, Kohlreihen mit schlaffen Blättern. Jungen angelten an den Uferdämmen, Matrosen rasten mit dem Fahrrad die Straßenmitte entlang, umgedrehte eiserne Bettgestelle dienten der Einzäunung von Bombentrichtern und Schrebergärten. In der Eremitage trugen die Angestellten mit Seide überzogene antike Möbel hinaus in die Sonne und bürsteten die flauschigen Schichten schwefelgrünen Schimmels ab. Der Säulengang der Isaakskathedrale, wo die Pawlowsker Schätze verwahrt wurden, sah aus »wie eine Seitenstraße in Neapel«, denn Gobelins und Teppiche hingen an Wäscheleinen zwischen den polierten Granitsäulen. Im Hof des Jussupow-Palastes sonnten sich von Skorbutflecken verunstaltete Krankenhauspatienten in ihrer Unterwäsche, ohne sich um Peinlichkeit und sexuelle Scham zu kümmern. Manche hielten die Ruhe für tröstlich und fühlten sich an die Ferien in den Dörfern ihrer Großeltern erinnert. Andere, zum Beispiel Vera Inber, die gerade von einer Reise in das angespannte Moskau zurückgekehrt war, fanden die Ruhe bedrückend und elend: »Die Stille und Menschenleere wirkt erschütternd … Wie kann man schreiben in einer solchen Stadt! Sogar während der Bombenangriffe war es leichter.«41 Olga Freudenberg schrieb ihrem Cousin Boris Pasternak: »Unsere Stadt ist rein wie noch nie eine Stadt in der Geschichte. Sie ist absolut heilig. Ist pasteurisiert.«42

Außerdem war Leningrad zu einer Stadt der Frauen geworden. Sie stellten mittlerweile drei Viertel der Bevölkerung und die Mehrheit der Beschäftigten in sämtlichen Fertigungsbereichen außer der Rüstungsproduktion und dem Schiffbau.43 (Die Verlegung einer Kraftstoffleitung unter dem Ladogasee, die im Juni abgeschlossen wurde, ermöglichte Kraftwerken und Fabriken wieder einen begrenzten Betrieb.) Der Sicherheitschef der Eremitage beschwerte sich, weil er vor dem Krieg 650 Wächter gehabt habe, nun jedoch bloß vierundsechzig, »eine mächtige Truppe hauptsächlich aus älteren Damen von fünfundfünfzig oder mehr Jahren sowie einigen von über siebzig. Viele sind Krüppel, die früher als Saalaufseher gedient haben … und zu jedem Zeitpunkt ist wenigstens ein Drittel von ihnen im Krankenhaus.«44 Tschekrisow stellte widerwillig eine Gruppe von achtzehn Frauen, einstige Büroangestellte und Buchhalterinnen, in seiner Werft ein (sie würden zu nichts taugen, knurrte er, höchstens zum Aufräumen). Zwei Monate später musste er seine Worte zurücknehmen, nachdem er mehr als hundert Hausfrauen zu Dreherinnen, Metallarbeiterinnen und Schweißerinnen ausgebildet hatte. Sie arbeiteten nicht nur, wie er zugab, sondern sie »arbeiteten gut«.45 In der Werft wurden außerdem zweihundert Jugendliche unter achtzehn Jahren beschäftigt, die entweder verwaist waren oder keine Eltern in der Stadt hatten.

Da mehr Lebensmittel zur Verfügung standen und weniger Menschen versorgt werden mussten, ernährten sich die meisten Leningrader mittlerweile, nach sowjetischen Maßstäben, fast normal. (»Ein recht gut organisiertes System der Unterernährung«, wie Lidia Ginsburg es spöttisch ausdrückte.) Neben Brot, Fleisch, Fetten und Zucker konnte man nun auch Marken für winzige Mengen Salz, Wein, Trockenzwiebeln, Trockenpilze, Preiselbeeren, Salzfisch, Kaffee und Streichhölzer eintauschen. In den Betriebskantinen leckten die Menschen ihre Teller nicht mehr ab, obwohl sie immer noch mit den Fingern um den Rand ihrer Schüsseln fuhren und den Kellnerinnen mit hungrigen Augen folgten. Die Todesrate, wiewohl immer noch einige Male höher als vor dem Krieg, sank stetig, und Herzversagen (eine Nachwirkung schwerer Unterernährung) löste »Dystrophie« als häufigste Todesursache ab.46

Die geistige Anpassung dauerte länger. Es war immer wieder eine Überraschung, vor Lebensmittelgeschäften keine Schlangen zu entdecken (»Wie jemand, der sich anspannt, um einen schweren Koffer hochzuheben«, schrieb Ginsburg, »und ihn leer vorfindet«). Die Worte »Ich habe Hunger«, noch kurz vorher erfüllt von Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, kehrten nur langsam zu ihrer alten Funktion zurück: dem alltäglichen Wunsch nach Essen Ausdruck zu geben. Die meisten Leningrader waren noch äußerst schwach – ihre Erholung, sagte Boldyrew über seine eigene Familie, schien so zart zu sein wie ein Spinnengewebe, das in jeder Sekunde von einem vorbeifahrenden Trecker zerrissen werden konnte. Als Anna Ostroumowa-Lebedewas fünfzehnjähriger Neffe sie Ende Mai besuchte, stellte sie bestürzt fest, dass er »leichenblass war, mit den Füßen schlurfte, unglaublich dünn wirkte, einen Spazierstock benutzte, dass ihm die Haare ausfielen und weißer Flaum seinen Kopf bedeckte«. (Typischerweise ließ sie ihn Bilder malen, und er vollendete »eine gute Studie von Bäumen, dem Himmel und von Teilen des Anatomischen Instituts«.47) Die wirklich Gesunden fielen immer noch auf, besonders in den wiedereröffneten Badehäusern. Berggolz erlebte, wie eine junge Frau mit glatter Haut und vollen Brüsten von fleckigen, knochigen Mitbesucherinnen angegriffen wurde. Die anderen Frauen versetzten ihr Schläge auf den Hintern und zischten, sie sei wohl die Geliebte eines Kantinenleiters oder eine diebische Kinderheimangestellte. Schließlich ließ das Mädchen seine Wasserschüssel fallen und suchte das Weite.48

Mitten in der allgemeinen Genesung wurde eine Minderheit immer noch vom Hungertod heimgesucht, entweder weil ihre Körper sich nicht mehr erholen konnten oder weil sie vom Rationierungssystem ausgeschlossen waren. Obwohl sich die Rationen ab Frühjahr allmählich erhöhten, wurde es schwieriger, eine Karte zu erhalten. Durch eine weitere allgemeine Neuregistrierung im April verringerte sich die Zahl der zirkulierenden Lebensmittelkarten, die Vorschriften, die alle ohne Aufenthaltsgenehmigung ausschlossen, wurden strenger durchgesetzt, und man entzog Arbeitslosen die Karten, um sie in die Evakuierung zu treiben.49 »Es ist nicht so mittelalterlich wie im Winter«, schrieb Berggolz im Juli,

aber fast jeden Tag sieht man jemanden, der sich an eine Mauer stützt, entweder weil er erschöpft ist oder bereits stirbt. Gestern lag eine Frau am Newski, auf den Stufen der Gosbank, in einer Pfütze ihres eigenen Urins. Zwei Polizisten zogen sie an den Achseln hoch, und ihre Beine, feucht und übel riechend, schleiften auf dem Asphalt hinter ihr her.

Und die Kinder, die Kinder in den Bäckereien! Oh, dieses Paar – eine Mutter und ihre dreijährige Tochter mit dem braunen, reglosen Gesicht eines Äffchens. Riesige, transparente blaue Augen, gefroren, anklagend und verachtungsvoll geradeaus starrend. Ihr straffes Gesichtchen war ein wenig nach oben und seitwärts gewandt, ihre schmutzige, unmenschliche braune Pfote reglos zu einer flehenden Geste ausgestreckt … Welch eine Anklage für uns alle – für unsere Kultur, unser Leben! Welch ein Urteil – nichts könnte unbarmherziger sein.50

Lasarew wurde von dem Gedanken an eine hungernde Jugendliche verfolgt, die ihn vor einem Lebensmittelladen um ein Stück Brot bat, das sie mit einem Heringskopf essen wollte; sie sagte, sie lebe »ohne Karten«. Er schenkte ihr die Gewichtszugabe seiner Familienration und hielt am folgenden Tag nach ihr Ausschau, sah sie jedoch nie wieder. Die Herausgeberin einer Fabrikzeitung traf ein hungerndes Kind auf der Straße:

Am Morgen, auf dem Weg zur Arbeit, sah ich einen kleinen Jungen, der ganz allein war. Hin und wieder schluchzte er, und mir fiel seine seltsame, unsichere Gangart auf. Ich trat auf ihn zu, und er murmelte zusammenhanglos, dass seine Mutter fort sei und er bis zum Abend nichts zu essen haben werde. Mir war sofort klar, dass er den Verstand verloren hatte. Er war nicht mehr bei Sinnen. Mehrere Male sprach er von seinem Vater und bat mich, ihm den Weg zur Front zu zeigen. Er sei auf der Suche nach seinem Vater, wisse jedoch nicht, wie er ihn erreichen solle.51

Wie die Todgeweihten im Gulag dienten die immer noch Hungernden als schreckliche Erinnerung an die Sterblichkeit und waren Gegenstand nicht nur des Mitgefühls, sondern auch des verächtlichen Gespötts. Lasarews Tochter und Nichte lernten folgendes populäres Gedicht, das einem Kinderlied der Vorkriegszeit nachempfunden war:

Ein Dystrophiker schritt dahin

Mit einer trüben Miene.

In einem Korb trug er den Arsch einer Leiche.

Ich esse Menschenfleisch zum Mittag,

Dieses Stück wird reichen!

Ach, hungrige Sorge!

Und zum Abendessen brauche ich

Natürlich ein kleines Baby.

Ich werde das der Nachbarn nehmen,

Es aus seiner Wiege stehlen.52

Um die körperlich Unfähigen loszuwerden, füllten die Vorgesetzten mit ihnen die »Freiwilligenquoten« für die Holzfällerlager und Torffelder, die außerhalb der Stadt lagen. Boldyrew, nun in der Öffentlichen Bibliothek registriert, wetterte gegen die Entsendung einer Kollegin zum Torfstechen, denn sie sei »Dystrophikerin zweiten Grades« und ein »klägliches, unbeholfenes Geschöpf«, das keine zehn Stunden pro Tag graben könne. »Arbeit!«, schrieb er wütend. »Nach einem Tag fallen sie um. Morgen muss sie aufbrechen. Grausamkeit, sinnlose Grausamkeit.« Vier Wochen später kehrte sie zurück und beschrieb ihre Erfahrung:

Für die Starken ist es dort prächtig – mehr Brot, mehr zum Mittagessen. Die Kasernen sind warm und haben elektrisches Licht. Viele nehmen zu und beantragen, im Winter dort zu bleiben – die Lagerordnung stört sie natürlich nicht. Aber wehe den Schwachen, denn wenn man die Norm nicht erfüllt, werden die Rationen gekürzt. Unsere unglückselige Bibliothekarin, die schon vor ihrer Abreise kaum noch stehen konnte, erhielt täglich nur noch eine einzige Schüssel Weizensuppe. Und das trotz einer Karte der ersten Kategorie – mit anderen Worten, sie bekam nicht einmal die ihr zustehenden Rationen. So ist das System. Überall und dauernd werden die Schwachen mit Füßen getreten und unterdrückt, aus Prinzip. »Dystrophisch« ist zu einem Schimpfwort geworden – am Arbeitsplatz, auf den Straßen, in den Straßenbahnen. Dystrophiker werden verachtet, verfolgt, zermalmt. Das erste Erfordernis, wenn man sich um eine Stelle bewirbt, ist es, nicht dystrophisch auszusehen. Dies ist die Moral des zweiten Belagerungsjahres.53