In der Sonntagnacht des 22. Juni hielt sich die Dunkelheit von Leningrad, wie in jeder Mittsommernacht, fern. Die Sonne verschwand im Westen im stahlblauen Wasser des Finnischen Meerbusens, doch der Himmel über den Dächern schimmerte weiterhin rosa-violett, bis in den frühen Morgenstunden die Sonne erneut aufging. Um zwei Uhr morgens wurde Jelena Skrjabina durch das betäubende Getöse von Flakgeschützen geweckt. Da sie und ihre Angehörigen glaubten, dass ein Luftangriff begonnen habe (irrtümlich, denn es war nur eine Alarmübung), schlossen sie sich den Nachbarn auf der Treppe ihres Wohngebäudes an.
Unsere Wohnungsnachbarin Ljubow Kurakina, deren Mann, ein ehemaliger Parteigenosse, wegen konterrevolutionärer Anschuldigungen jetzt schon zwei Jahre im Lager sitzt, führte das große Wort. Ihre kommunistische Gesinnung geriet zwar nach der Verhaftung ihres Mannes ins Wanken, aber in dieser Nacht hatte sie unter dem Kanonendonner der Flak alle Demütigungen vergessen. Felsenfest überzeugt, sprach sie von der Unbesiegbarkeit Sowjetrusslands …
Auf einer großen Truhe saß die ehemalige Hausbesitzerin Anastasia Wladimirowna und lächelte sarkastisch. Sie machte aus ihrem Hass gegen die Sowjetregierung kein Hehl und sah im Krieg und in einem Sieg der Deutschen die einzige Rettung.1
Skrjabina konnte sich mit beiden Standpunkten identifizieren, und sie war nicht die Einzige in Leningrad, die bei dem deutschen Angriff gemischte Gefühle hatte. Überall verband sich die Wut über die nationalsozialistische Aggression mit dem Zorn über den offenkundigen Mangel der Regierung an Verteidigungsbereitschaft. Einige, etwa Skrjabinas tollkühne Nachbarin, waren der Meinung, dass die deutsche Besatzung ein Preis sei, den es sich lohne für das Ende des Bolschewismus zu zahlen.
Bei Dmitri Lichatschows Rückkehr am Montag fand er die Stadt trist und still vor. Im Institut für Russische Literatur – untergebracht im ehemaligen Zollamt an der östlichen Spitze der Wassiljewski-Insel, heißt es heute, wie vor der Revolution, wieder offiziell Puschkinhaus – waren die Menschen ungewohnt gesprächig, obwohl sie sich wie üblich »umsahen«, bevor sie das Wort ergriffen. »Alle waren überrascht darüber, dass man buchstäblich Tage zuvor eine sehr große Menge Getreide nach Finnland geschickt hatte – es stand in den Zeitungen. A.I. Gruschkin redete am längsten und machte fantastische, doch ausnahmslos ›patriotische‹ Vorschläge.« In den Kirow-Werken, einer bedeutenden Maschinenbaufabrik, verzeichneten Spitzel die Reaktionen gewöhnlicher Arbeiter. Sprecher auf öffentlichen Versammlungen äußerten sich vorhersehbar energisch: »Ich finde keine Worte, um den unvorstellbaren Verrat der faschistischen Hunde zu beschreiben«, verkündete einer. »Unsere Pflicht ist es, uns um die Regierung und Genossen Stalin zusammenzuschließen, unser eigenes Schicksal zu vergessen und all unsere Kraft auf die Arbeit für die Front zu konzentrieren.« Aber unter vier Augen zeigten die Menschen sich wütend und verängstigt.
Genosse Martynow ließ sich in einem Privatgespräch vernehmen: »Siehst du, wir ernähren Hitler mit unserem Brot, und nun wendet er sich gegen uns!« J.E. Batmanowa erklärte, sie habe gehört, dass Hanko [ein sowjetischer Marinestützpunkt westlich von Helsinki] von den Deutschen erobert worden sei. Anwesende Parteimitglieder wiesen sie streng zurecht und ließen andere Genossen wissen, dass solche Aussagen schädlich und im Interesse feindlicher Elemente seien.
Am folgenden Tag verschob »Kantinendirektor Genosse Solowjow das Mittagessen … infolge von Lieferungsproblemen. Unter den Wartenden hörte man folgenden Kommentar: ›Es ist erst der zweite Kriegstag, und schon gibt es kein Brot. Wenn der Krieg ein Jahr dauert, werden wir alle verhungern.‹«2
Doch das überwältigende Gefühl der Öffentlichkeit in den ersten Kriegstagen war aufrichtiger Patriotismus. Noch bevor die Befehle zur Generalmobilmachung am 27. Juni ergingen, bildeten sich Schlangen von potenziellen Freiwilligen vor lokalen Parteibüros, Rekrutierungszentren und Fabrikhauptquartieren. Insgesamt meldeten sich rund 100000 Leningrader in den ersten vierundzwanzig Kriegsstunden freiwillig, lange bevor die Bürokratie sie einberufen konnte.3 Am Donnerstag, dem 26. Juni, konnten die Kirow-Werke bekanntgeben, dass es über neunhundert Anträge für den Eintritt in die Arbeitermiliz und hundertzehn Anträge für die Parteimitgliedschaft erhalten hatte. Im Kreisrekrutierungsamt waren über tausend Gesuche, von Frauen wie von Männern, eingegangen, die an die Front geschickt werden wollten.4 Am Tag der Kriegserklärung begab sich der achtjährige Igor Krugljakow zusammen mit seinem Vater und seinen Onkeln zum Karl-Bulla-Fotostudio am Newski-Prospekt, um ein Familienporträt anfertigen zu lassen. Am folgenden Tag, erinnert er sich, »fuhren wir hinüber zur Petrograder Seite, um meinen Vater zum Militärkommissariat zu begleiten. Der Hof dieses wojenkomat war an allen Seiten von Gebäuden umgeben. An einem kleinen Kontrollpunkt wurde er rasch irgendwie registriert. Er brach noch am selben Abend auf.«5
In den folgenden Wochen hielten Parteiarbeiter in hohem Maße inszenierte, doch gleichwohl halb freiwillige Kampagnen ab, um Verteidigungsmittel aufzubringen. In den Kirow-Werken baten ältere »Arbeitsveteranen« ihre Kollegen, Schmuck, Geld, Anleihen und andere Wertsachen sowie einen oder mehrere Tageslöhne zu spenden. Man steuerte so viele Spenden bei, dass die Fabrikkassierer die Menschen bald aufforderten, alle Beiträge direkt zu den Banken zu bringen. Es dürfte schwierig gewesen sein, auf einer öffentlichen Versammlung die Empfehlung der Partei zum Lohnverzicht auszuschlagen, aber der Historiker Andrej Dseniskewitsch – einer der Ersten, die die Leningrader Kriegsarchive in der neuen Freiheit der frühen neunziger Jahre nutzten – hebt hervor, dass nur echte Anteilnahme jemanden veranlasst haben könnte, »goldene Ohrringe oder einen einzelnen Silberlöffel, von deren Existenz niemand etwas ahnte, zu spenden«.6
Diese Welle der patriotischen Freiwilligkeit erfasste auch die Intelligenzija der Stadt, jene Gesellschaftsgruppe, die, abgesehen von Offizieren und hohen Parteifunktionären, von den Repressionen der vergangenen fünf Jahre am schwersten getroffen worden war und deshalb gute Gründe hatte, die Regierung zu hassen. Der Kontext war ein ganz anderer, doch der Tatendrang zumindest bei jungen Menschen glich demjenigen, der Englands chauvinistisch gestimmte Schuljungen zu Beginn des Ersten Weltkriegs in die Schützengräben getrieben hatte. »Grüß Dich, Irina!«, schrieb ein Achtzehnjähriger seiner Freundin im Juni:
Ich werde zum Augenzeugen eines ungewöhnlichen und sehr bedeutsamen Geschehens – ich fahre an die Front! Du weißt, was das bedeutet? O nein, du weißt es nicht.
Es ist die Prüfung meiner selbst, meiner Ansichten, Neigungen und Eigenschaften. Und vielleicht werde ich – so paradox es klingt – die Musik Beethovens, das Genie Lermontows und Puschkins besser begreifen, wenn ich im Krieg war.
Na, zum Schreiben fehlt mir die Zeit. Aber jetzt fühle ich mich Dir überlegen. Ich bekomme die Möglichkeit, in den Strudel des Lebens einzutauchen. Du aber, Bedauernswerte, bist dazu verdonnert, Scholastik zu pauken.
Mit der »Scholastik« hab’ ich mich doch nicht im Ton vergriffen? Na, schadet nichts. Vielleicht treffen wir uns ja mal, oder?
Ich drücke Dir fest, ganz fest die Hände.
Oleg7
Ältere Russen, für die die Sowjetunion ein fremdes und feindliches Land war, identifizierten sich plötzlich mit ihrer Heimat. »In der Verwirrung der ersten Tage«, schrieb die damals neununddreißigjährige Literaturkritikerin Lidia Ginsburg später,
wollte man der Einsamkeit entrinnen, man wollte den Egoismus abschütteln, der die Furcht verdoppelte. Es war eine instinktive Bewegung … der ewige Traum, über sich selbst hinauszuwachsen, der Traum von Verantwortlichkeit, vom Überpersönlichen. All das äußerte sich undeutlich in einem seltsamen Gefühl der Übereinstimmung. Der Intellektuelle musste nun damit beginnen, das, was die Gemeinschaft von ihm wollte, auch selbst zu wollen.
Verblüffenderweise befanden sich Menschen, für die Tarnung und Heuchelei notwendige Mittel waren und die nie, außer alten Freunden gegenüber, offen ihre Meinung sagten, mit einem Mal im Einklang mit der allgemeinen, staatlich gebilligten Stimmung. »Wer nicht zur Armee einberufen worden war«, erinnerte sich Ginsburg, »wollte unverzüglich etwas tun – sich zum Dienst im Lazarett melden, sich als Übersetzer anbieten, einen Artikel für die Zeitung schreiben, und man hatte sogar den Eindruck, daß man dafür kein Honorar nehmen dürfe.« Die Behörden wussten nicht immer, was sie mit solchen Leuten anfangen sollten. Sie gerieten »in eine Maschinerie, die für solches psychologisches Material völlig ungeeignet war. Mit altgewohnter Brutalität und voller Mißtrauen … riß sie die Menschen aus einigen Bereichen heraus, in andere Bereiche wurden die Menschen zwangsweise gedrängt.«8
Eine der vielen, die sich leidenschaftlich mit ihrem Land identifizierten, obwohl sie die Regierung verabscheuten, war Anna Achmatowa. 1889 geboren und aufgewachsen in Zarskoje Selo, einem Dorf südlich von Petersburg mit einer berühmten Zarenresidenz, hatte sie vor der Revolution als Autorin bittersüßer Liebesdichtung einen Kultstatus errungen, war sie durch Europa gereist und – hochgewachsen, schlank und adlernasig – von Modigliani skizziert worden. Die Schatten wurden länger in den späten zwanziger Jahren, als die Bolschewiki ihren Exmann, den Dichter Nikolaj Gumiljow, als einen der ersten prominenten Künstler, die dem Regime zum Opfer fielen, verhafteten und hinrichteten. In den dreißiger Jahren, während etliche ihrer Freunde in den Lagern verschwanden, wandte sie sich Vorlesungen und Übersetzungen zu, verfasste jedoch insgeheim weiterhin ihre eigene zunehmend tiefgründige und herzzerreißende Dichtung. Nachdem sie sich jedes neue Werk eingeprägt hatte, verbrannte sie das Manuskript. 1938 wurde ihr sechsundzwanzigjähriger Sohn zum dritten Mal in fünf Jahren verhaftet und in den Gulag geschickt, wo er auch bei Kriegsausbruch blieb. Trotz alledem nutzte sie nur zu gern die Gelegenheit, im Rundfunk einen patriotischen Aufruf an die »Frauen von Leningrad« zu richten. Außerdem wechselte sie sich mit anderen darin ab, an der Fontanka, vor dem Scheremetjew-Palast, Wache zu stehen. Dort wohnte sie in einer beengten und chaotischen Ménage-à-trois mit ihrem dritten Ex-Ehemann, dem Kunsthistoriker Nikolai Punin, und dessen neuer Frau und Tochter.
Eine weitere Autorin, die sich mit der Unterscheidung zwischen Land und Regime abmühte, war die einunddreißigjährige Dichterin Olga Berggolz. Heute ist sie aus der Mode gekommen, doch damals wurde sie berühmt durch Februartagebuch, einen Zyklus lebhafter und für jene Zeit freimütiger Gedichte, die im ersten Winter der Belagerung geschrieben und Anfang 1942 im Hörfunk gesendet wurden. Am Anfang des Krieges war sie noch unbekannt und arbeitete als Nachwuchskraft bei der städtischen Rundfunkanstalt. Die blonde, zarte Frau, mit einem sanften ovalen Gesicht und großen blauen Augen, kannte und bewunderte Achmatowa, war jedoch eine Generation jünger und während des idealistischen Jahrzehnts nach der Revolution als überzeugte Kommunistin herangewachsen. Ihre Ernüchterung setzte erst 1937 ein, als ihr ehemaliger Mann verhaftet (und später heimlich exekutiert) und sie selbst aus der Partei und dem Schriftstellerverband ausgeschlossen wurde. Noch schlimmer erging es ihr achtzehn Monate später, als man sie in das Gefängnis hinter der Zentrale des Innenministeriums am Liteiny-Prospekt brachte und ihr dort in den Bauch trat, bis sie eine Fehlgeburt erlitt. Sieben Monate später wurde sie freigelassen; ihre Rettung verdankte sie ironischerweise dem Terror selbst, der gerade die oberen Ränge der Leningrader Sicherheitsdienste erreicht und ihre Gefängniswärter das Leben gekostet hatte.
Bei Kriegsausbruch zwei Jahre später war Berggolz zum normalen Alltagsleben zurückgekehrt: zu einem trunkenen Flirt mit einem Kollegen im Rundfunkhaus, zu verschwommenen Gedanken über das Schreiben eines Romans, zu der Organisation einer illegalen Abtreibung für ihre Schwester. Ihr Tagebucheintrag vom 22. Juni lautet schlicht: »KRIEG!«, doch an jenem Tag schrieb sie auch ein neues, nicht für die Öffentlichkeit bestimmtes Gedicht, in dem sie versuchte, ihre bittere Enttäuschung über den unter Stalin praktizierten Kommunismus mit der Liebe zu ihrem Land in Einklang zu bringen:
Die bitteren Jahre der Bedrückung und des Bösen
Sind auch heute nicht vergessen;
Doch blitzartig leuchtete es in mir auf:
Nicht ich habe gelitten und gewartet, sondern du.
Ich habe nichts vergessen, nein,
Und auch die Toten und die Opfer
Werden aus ihren Gräbern steigen, wenn du rufst.
Wir alle werden uns erheben, nicht nur ich allein.
Ich liebe dich mit einer neuen Liebe,
Mit einer bittren hellen, verzeihenden Liebe –
Mein Mutterland, du trägst die Dornenkrone.
Ein dunkler Regenbogen spannt sich über deinem Haupt …
Ich liebe dich – nie kann es anders sein –
Und du und ich, wir sind vereint wie einst.9
Die Männer, die sicherstellen sollten, dass der Zorn über die Nachricht vom deutschen Einmarsch nicht zu einem öffentlichen Chaos ausartete, waren Andrej Schdanow (der am 26. oder 27. Juni nach Leningrad zurückkehrte), Pjotr Popkow, der hitzköpfige Vorsitzende des Stadtsowjets, sowie (nach der Erklärung des Kriegsrechts) Generalleutnant Popow, Befehlshaber der Leningrader Garnison. Mit der eigentlichen Ausführung der von ihnen erteilten Befehle waren die Exekutivkomitees der Regional-, Stadt- und der fünfzehn Stadtbezirkssowjets betraut. Die gesamte Hierarchie orientierte sich an Moskau. Zum Beispiel war Popows Befehl Nr. 1 vom 27. Juni, in dem längere Arbeitszeiten, straffere Reisebeschränkungen und eine Ausgangssperre verfügt wurden, die wörtliche Abschrift der Order, die der Moskauer Garnisonskommandeur zwei Tage zuvor herausgegeben hatte. »Es ist schwierig, den Eindruck zu vermeiden«, meint ein Historiker, »dass er seinen Befehl aus der Prawda abgeschrieben hat.«10
Dieser Apparat mit seinen sich überschneidenden Kompetenzen und seiner übergroßen Abhängigkeit vom fernen Kreml sowie von Schdanows Büro im Smolny, der finsteren ehemaligen Mädchenschule, in der die Leningrader Parteizentrale untergebracht war, blieb fast bis zur Einkesselung der Stadt bestehen. Durch die Schaffung eines Militärsowjets für die Leningrader Front am 24. August, die Schdanow und Frontbefehlshaber Marschall Kliment Woroschilow zusammenbrachte, wurde der Entscheidungsprozess zwar ein wenig verschlankt, doch das Problem der Überzentralisierung existierte weiter. Vier Tage zuvor hatte Schdanow versucht, den Berg seiner Verpflichtungen ein wenig abzubauen, indem er ein zweites Komitee – ohne seine eigene Mitwirkung – gründete, das den Bau von Befestigungen, die Waffenproduktion und die militärische Ausbildung für Zivilisten beaufsichtigen sollte. Stalin rief sogleich an, um sich zu beschweren, weil das neue Organ ohne seine Erlaubnis geschaffen worden war. Er verlangte, dass Schdanow und Woroschilow hinzugezogen würden. Damit besaß Schdanow zwei fast identische Komitees, und er löste das zweite zehn Tage später auf. Danach machte der dicke, asthmatische, kahlköpfige Funktionär, dessen Khakijacke mit Haarschuppen und Zigarettenasche übersät war, keinen weiteren Versuch, Aufgaben zu delegieren. Die Behauptung jener Zeit – dass kein Volt Strom ohne seine Erlaubnis zugeteilt wurde – dürfte fast buchstäblich der Wahrheit entsprochen haben. In der Masse vieler belangloser Archivdokumente, die seine Unterschrift tragen, ist ein Befehl typisch, mit dem eine Fabrik angewiesen wird, weitere neun Sauerstoffbehälter zu liefern.11
In der Krise bestand die erste Reaktion dieser Männer darin, Verhaftungen vornehmen zu lassen. Um ein Uhr morgens am Freitag nach dem Einmarsch wurden Jelena Skrjabina und ihr Mann von der Türklingel geweckt. Jeder in der Sowjetunion wusste, was ein besonders langes nächtlichen Klingeln bedeutete: Es kündigte Personen mit einem Durchsuchungs- oder Haftbefehl an. Aber diesmal erwies es sich als Vorladung der Einberufungsbehörde. Vier Tage später erfuhr sie, dass eine Kollegin weniger Glück gehabt hatte: »Sie kamen in der Nacht, machten eine Hausdurchsuchung, nahmen nichts mit, fanden nichts, und doch wurde sie abgeführt. Ich weiß nur, dass der Dekan unseres Instituts ihr feindlich gesinnt ist.« Wahrscheinlich hege man den »Verdacht, sie habe Beziehungen zum Ausland«. Nachdem Skrjabina die Familie der Frau länger als geplant besucht hatte, stellte sie bei ihrer Rückkehr fest, dass ihre eigenen Angehörigen überzeugt waren, man habe sie ebenfalls verhaftet.12
Die am ehesten vorherzusehenden Opfer der neuen Terrorwelle, die Leningrad bei Kriegsausbruch überrollte, waren die Volksdeutschen der Stadt. Die Nachkommen der Baltendeutschen – der bäuerlichen Siedler, die von Katharina der Großen eingeladen worden waren, die südliche Steppe zu bestellen, oder der zahlreichen Deutschen, die später unter den Zaren eine Karriere als Fachkräfte oder im Staatsdienst eingeschlagen hatten – lebten meist seit Generationen in Russland und waren, mit Ausnahme ihres Familiennamens, von gewöhnlichen Russen nicht zu unterscheiden (manche versuchten, der Deportation zu entgehen, indem sie ihren Namen änderten, andere, indem sie sich als Juden ausgaben13). Im Laufe eines Verfahrens, das man in den baltischen Ländern und Ostpolen bereits ausgiebig erprobt hatte, erhielten sie vierundzwanzig Stunden Zeit, um sich auf die Abreise in überfüllten Güterwagen vorzubereiten. Die Ziele dieser euphemistisch als »Zwangsevakuierung« bezeichneten Aktion waren die Arktis, Zentralasien, Sibirien und der Ferne Osten. Ungefähr 23000 Volksdeutsche und Volksfinnen wurden im Sommer 1941 und weitere 35162 im März 1942 über das Eis des Ladogasees deportiert.14 Unter ihnen befanden sich die Tribergs, die am Newski-Prospekt über ihrem einstigen Familienunternehmen, dem bekannten Schuhgeschäft »Alexander«, gewohnt hatten. »Sie waren eine gewöhnliche Familie«, erinnerte sich eine Nachbarin sechzig Jahre später.
Sie wohnten uns gegenüber, auf demselben Treppenaufgang des Newski-Prospekts 11 …
Die Familie hatte drei Kinder, zwei Jungen und ein dreijähriges Mädchen. Die beiden älteren, zwölf und sechzehn Jahre alt, kamen manchmal auf einen Sprung vorbei. Ich nahm Deutschstunden bei ihrer Mutter und ihrer Tante – so schöne, elegante und intelligente Frauen. Die Mutter der Jungen war besonders freundlich und auch sehr intellektuell. Der ältere Sohn schien alle Fähigkeiten seiner Mutter geerbt zu haben, dazu die seines Vaters, eines Ingenieurs, der mehrere europäische Sprachen beherrschte. Ich kann mit Gewissheit sagen, dass das Land mit diesem jungen Mann einen künftigen Gelehrten verlor.
Genauer ausgedrückt, es verlor die ganze Familie. So geschah es:
1938 wurde der Vater verhaftet.
1941 wurde auch die Mutter verhaftet.
1944 erschoss man die Mutter.
Die Söhne blieben als mittellose Waisen zurück, denn ihr gesamtes Eigentum war beschlagnahmt worden. Infolgedessen starb der ältere Sohn an Hunger, denn sie hatten nichts, was sie gegen Brot eintauschen konnten. Der jüngere Sohn blieb mit seiner Tante und deren kleiner Tochter zurück. Sie waren lebende Schatten: eine verhungernde Frau und zwei dystropische [entkräftete] Kinder. In diesem Zustand wurden sie über das Eis des Ladogasees aus Leningrad deportiert.
Auf der Reise starb die Tante. Die beiden überlebenden Kinder wurden voneinander getrennt und kamen nie wieder zusammen. So ging eine Familie zugrunde, wie die Nachbarin trocken bemerkte, »während des letzten Krieges mit den Deutschen, aber nicht, streng genommen, durch die Hände der Deutschen«.15
Außerdem deportierte oder verhaftete man eine große Zahl (laut Sicherheitsdienstdokumenten 71112 bis Oktober 1942) »sozial fremder« und »verbrecherischer« Elemente der allgemeinen Bevölkerung. In der Praxis bedeutete dies, dass dieselben Menschen, die während der Säuberungen von 1936 bis 1938 aufs Korn genommen wurden, nun wieder betroffen waren: Mitglieder der alten Bourgeoisie (»deklassierte Elemente«), Bauern (»frühere Kulaken«), ethnische Minderheiten (»Nationalisten«), Kirchgänger (»Sektierer«), Frauen und Kinder von früheren Repressionsopfern (»Verwandte von Volksfeinden«) und jeder, der Beziehungen ins Ausland hatte oder Kenntnisse einer Fremdsprache besaß (»Spione und Verräter«). Wie immer konnte es tödlich sein, einfach nur seinem Groll Luft zu machen oder Naheliegendes zum Ausdruck zu bringen: Die erste Hinrichtung der Sowjetunion wegen »Verbreitung defätistischer Gerüchte« wurde Anfang Juli in Leningrad verzeichnet. Hunderte von einfachen Leuten wurden verhaftet, weil sie sich über ihre Arbeitszeit beschwert, eine schlechte Ernte vorhergesagt oder Nachrichten über die Bombenabwürfe auf Kiew und Smolensk weitergegeben hatten.16
Einer der originellsten Leningrader, die damals verschwanden, war der Autor Daniil Juwatschow, besser bekannt unter seinem Pseudonym Daniil Charms. Als Relikt aus den avantgardistischen zwanziger Jahren pflegte er eine Reihe von Exzentritäten, beschäftigte sich mit dem Okkulten, trank nichts als Milch und stolzierte durch die Umgebung seiner Wohnung in der Majakowski-Straße mit einem Deerstalker-Hut, einer Shooting-Jacke, Knickerbockern, einer untertassengroßen Taschenuhr und karierten Socken. Die Überbleibsel seiner Prosa und seiner Dialoge – unveröffentlicht bis in die späten neunziger Jahre – fangen die Eintönigkeit und die wüste bürokratische Gewalt seiner Epoche mit albtraumhaftem Humor ein. In einer Skizze träumt jemand immer wieder von einem Polizisten, der sich in den Büschen versteckt und dabei immer dünner wird, bis ein Sanitätsinspektor ihn zusammenfalten und mit dem Abfall wegwerfen lässt. In einem anderen Text lehnen sich neugierige alte Frauen aus einem Fenster und purzeln eine nach der anderen auf den Boden. In einem dritten streiten sich Freunde darüber, ob die Zahl sieben vor der Zahl acht komme, bis sie von einem Kind abgelenkt werden, das »glücklicherweise« von einer Parkbank fällt und sich den Kiefer bricht. Charms wurde im August verhaftet und in eine psychiatrische Anstalt gesteckt, wo er zwei Monate später aus unbekannten Gründen starb. Warum wurde er ausgewählt? »Vielleicht«, wie der Belagerungshistoriker Harrison Salisbury schreibt, nur »deshalb, weil er einen komischen Hut trug«.
Die Freiwilligkeit der ersten Kriegstage wurde rasch von Zwang abgelöst. Am Freitag, dem 27. Juni, gab der Leningrader Stadtsowjet – vor der Massenmobilisierung in der übrigen Sowjetunion17 – einen Mobilisierungsbefehl zur Zivilschutzarbeit für alle tauglichen Männer zwischen sechzehn und fünfzig Jahren und für alle Frauen (außer denen, die kleine Kinder versorgten) zwischen sechzehn und fünfundvierzig Jahren heraus. Die meisten wurden aufs Land geschickt, um Panzergräben auszuheben. Die übrigen buddelten in der Stadt Luftschutzkeller, tarnten öffentliche Gebäude (das gesamte Smolny-Institut wurde mit einem Netztuch überzogen, und Amateurbergsteiger malten die vergoldete Turmspitze der Admiralität grau an), wurden neuen Feuerlösch-, Bombenbeseitigungs- und Erste-Hilfe-Teams zugewiesen und ersetzten zur Armee einberufene Fabrikarbeiter. Die Verantwortung für diese Maßnahmen übertrug man den allgegenwärtigen und verhassten uprawdomy (Hausverwalter), die bevollmächtigt wurden, Verteidigungsaufgaben zuzuweisen, Aufenthaltsgenehmigungen zu überprüfen und Wehrdienstverweigerer anzuzeigen.18
Für Kinder waren diese neuen Aktivitäten recht unterhaltsam. Juri Rjabinkin half beim Bau von Luftschutzkellern in der Nähe der Kasaner Kathedrale mit. »Ich hab an beiden Händen Schwielen und Splitter«, schrieb er stolz. Beim Sandladen gab es weniger zu tun, aber die »Jungens haben aus Sand Hitlers Visage modelliert und mit Schaufeln zerdroschen«. Er spielte Billard und weitere Schachpartien im Pionierpalast und las David Copperfield.19 Der kleine Igor Krugljakow, der sich selbst überlassen blieb, machte sich zu Nachforschungen auf: zu den Taurischen Gärten, wo silberne Sperrballons wie große Wale über den Kiespfaden dahinschwebten, und zum Suworow-Museum, dessen Pförtner ihn aufs Dach ließ, damit er sich die Renntauben des Mannes anschauen konnte. Verdunkelungen, nicht sehr effektiv in den kurzen, hellen Sommernächten, wurden am 27. Juni eingeführt, und Kinder erhielten phosphoreszierende, wie Glühwürmchen und Rosen geformte Abzeichen, mit denen Unfälle verhindert werden sollten. Dachkammern wurden mit Sand gefüllt und mit feuerfester Kalkfarbe bemalt und Fensterscheiben mit Papierstreifen oder Gaze überklebt, um Splitterungen abzuschwächen. Diese mechanische Tätigkeit, schrieb Ginsburg, wirkte »beruhigend, sie lenkte von der Leere des Abwartens ab. Und dennoch hatte man dabei auch ein seltsames und qualvolles Gefühl, wie etwa beim Anblick eines vor Sauberkeit blitzenden Operationssaals, in dem noch keine Verwundeten versorgt werden, und doch weiß man genau, daß er sehr bald voll von ihnen sein wird.«20 Andere fanden das Endergebnis eher fröhlich und dekorativ, etwa wie die geschnitzten Fensterrahmen an reichen Bauernkaten. Die Bewohner eines Gebäudes an der Fontanka fertigten Bilder von Palmen mit darunter sitzenden Affen an, doch das häufigste Muster bestand aus zwei einfachen Diagonalen, und das so entstehende weiße Andreaskreuz wurde zu einem visuellen Leitmotiv der Belagerung.
Dmitri Lichatschow, der aus medizinischen Gründen von der Wehrpflicht freigestellt war, absolvierte trotzdem eine militärische Ausbildung mit seinen Kollegen vom Puschkinhaus.
Wir »Freifahrer« wurden in die Selbstverteidigungseinheit des Instituts berufen, mit doppelläufigen Schrotflinten ausgerüstet und vor dem Gebäude der Geschichtsfakultät gedrillt. Ich erinnere mich, dass B.P. Gorodezki und W.W. Gippius unter den Marschierern waren. Der Letztere ging amüsanterweise auf Zehenspitzen und beugte den ganzen Körper vor. Unser Ausbilder lachte still mit allen anderen.
Lichatschow war weitblickend genug, Lebensmittelvorräte anzulegen. Er beharrte darauf, dass seine Angehörigen ihre vollständige, zunächst großzügige Brotration in Anspruch nahmen und Scheiben davon auf einer sonnigen Fensterbank austrockneten, bis sie einen Kissenbezug füllen konnten, den sie außer Reichweite von Mäusen an einer Wand aufhängten. Auch ließ er seine Familie alles kaufen, was in den sich rasch leerenden Läden, deren Schaufenster nun mit sandgefüllten Verschalungen ausgefüllt waren, zu finden war. Später wünschte er sich, dass sie noch mehr gehamstert hätten.
Im Winter lag ich im Bett und dachte an das eine oder andere, bis mir der Kopf schmerzte. Dort, auf den Regalen in den Läden, waren Fischkonserven gewesen. Warum hatte ich sie nicht mitgenommen? Warum hatte ich nur sieben Gläser Lebertran gekauft und war nicht ein fünftes Mal zur Apotheke gegangen, um mir noch drei geben zu lassen? Warum hatte ich nicht ein paar Vitamin-C- und Traubenzuckertabletten gekauft? Diese Fragen nach dem »Warum« quälten mich. Ich dachte an jede ungegessene Schüssel Suppe, jede weggeworfene Brotrinde, jedes Stück Kartoffelschale mit solchem Bedauern und solcher Verzweiflung, als hätte ich meine eigenen Kinder ermordet. Aber trotzdem taten wir so viel, wie wir konnten, und schenkten keiner der beruhigenden Mitteilungen im Radio Glauben.21
Georgi Knjasew, der Direktor des Archivs der Akademie der Wissenschaften, saß mit gelähmten Beinen im Rollstuhl. Jeden Tag schob er sich dieselbe achthundert Meter lange Strecke am Damm der Wassiljewski-Insel entlang: von dem mit Bronzetafeln versehenen Gebäude der Akademiemitglieder, in dem er wohnte, vorbei an zwei polierten Sphinxen, die Nikolaus I. aus Luxor importiert hatte, am giebeligen Menschikow-Palast und am mit Linden bewachsenen Rumjanzew-Platz vorbei bis hin zum Säulenvorbau der Akademie. Am gegenüberliegenden Ufer erstreckte sich das klassische Petersburger Panorama: zur Linken, hinter der Schlossbrücke, die Rokokoklötze der Eremitage und des Winterpalais; gerade noch sichtbar hinter ihnen der Engel des Palastplatzes und die höchste Spitze der Auferstehungskirche; vorn das Admiralitätsgebäude mit seiner Turmspitze; zur Rechten die eiförmige Kuppel der Isaakskathedrale und dahinter Falconets berühmte Statue Peters des Großen, der »Eherne Reiter«, dessen Ross sich auf seinem Felsblock aufbäumte. Diese Strecke des Gehsteigs und diese Aussicht bezeichnete Knjasew als seinen »kleinen Radius«, die schmale Öffnung, durch die er die gesamte Belagerung beobachten würde. Der unauffällige und konventionelle Mann (sein Tagebuch richtet sich mit unabsichtlicher Ironie an »dich, meinen fernen Freund, Mitglied der künftigen kommunistischen Gesellschaft, dem der Krieg fremd und organisch zuwider sein wird, wie uns jetzt die Anthrophagie, der Kannibalismus, widernatürlich ist«22) verbrachte die ersten Kriegstage damit, Radio zu hören (»Die Völker Europas müssen sich doch erheben!«), die Vorräte an Medikamenten (»gegen Verbrennungen und Verletzungen«) durchzusehen und seine Mitarbeiter anzuspornen, die dazu neigten, »das Sofa im Büro des Präsidenten zu bewachen« und nicht das Lagerhaus des Archivs. Am 2. Juli besuchte er die Verwaltungszentrale des Archivs im alten Senatsgebäude:
Auf der Treppe, auf der einst das Rasseln von Gardeoffizier Lermontows Säbel zu hören war … hing nun ein Schienenstück an einer dicken Schnur und daneben ein Metallstab – ein Klopfer. Dies ist für den Fall eines Gasalarms gedacht. Auf dem oberen Treppenabsatz war es dunkel, obwohl dort blaue Lampen brannten. Während ich durch den Korridor ging, der in fast völlige Dunkelheit gehüllt war, kam ich mir vor wie in einer Meyerhold-Inszenierung.
Das IRLI[Institut der russischen Literatur]-Lager bot einen furchtbaren Anblick. Ich konnte die Arbeitszimmer kaum wiedererkennen. Chaos herrschte … Hinter einer Statue von Alexander Wsewolowski standen zwei große Wasserfässer, von denen eines bereits leckte. Überall sah man Spaten und Kisten mit Sand, und ein Feuerwehrschlauch zog sich durch den Korridor. Vor dem Puschkinraum standen Abstellkästen, einige leer, einige voll. Ich muss ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen: Puschkins Manuskripte waren perfekt eingepackt … Aber es gab eine Menge Lärm und Aufregung. Direkt neben den Kästen diktierte jemand einer Stenotypistin einen Artikel über den Faschismus. Ein anderer Mitarbeiter fertigte eine Liste der zu verpackenden Gegenstände an … Dauernd stieß ich auf Gruppen, die Sandsäcke trugen.
Jelena Skrjabina beschloss, sich dem Krieg zu entziehen und ihre Verhaftungschancen zu mindern, indem sie eine Datscha (die Preise waren stark gesunken) bei Puschkin mietete, dem früher Zarskoje Selo (»Zarendorf«) genannten Ort, der am Sommerpalais der Herrscher entstanden war. Dort verbrachten Jelena und ihre Kinder die Zeit damit, im Sonnenschein durch den mit Zierbauten gesprenkelten Katharinenpark zu spazieren. »Blauer Himmel, blauer See und der grüne Rahmen des Ufers. Es war friedlich. Keine Stimmen ertönten. Niemand schlenderte die Pfade entlang. Nur irgendwo in der Ferne funkelten die Silberwände der Paläste durchs Laub.«23
Bei den wöchentlichen Besuchen in der Stadt war es jedoch unmöglich, die Realität auszuschalten. Sie hatte Angst vor Gasangriffen (unnötigerweise, denn obwohl man Gasmasken verteilt hatte, brauchten sie nie benutzt zu werden) und vor einer Hungersnot, »denn all die Versicherungen in den Zeitungen, dass wir enorme Lebensmittelvorräte hätten, sind dreiste Lügen«. Ihre Nachbarin Kurakina erzählte flüsternd von den Schlägen, die ihr nun halb tauber und furchtsamer Mann im Lager hatte ertragen müssen. Ganz oben am wolkenlosen Himmel hinterließen Flugzeuge Kondensstreifen – eine gespenstische Neuheit für die Leningrader, die vermuteten, es handele sich um mögliche Zielobjekte.
Erst am 3. Juli, elf Tage nach dem Überfall, hielt Stalin seine erste Rundfunkansprache der Kriegszeit. Ungeschliffen, aber spontan – das Glas klickte an seine Zähne, wann immer er einen Schluck Wasser trank –, hatte seine Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede laut dem Moskauer BBC-Korrespondenten Alexander Werth »nur eine Parallele, die berühmte Ansprache, die Churchill nach Dünkirchen gehalten hatte«.24 Er begann mit einer neuen, fast flehentlichen Informalität – »Genossen, Bürger, Brüder und Schwestern: ich spreche zu euch, zu meinen Freunden!« – und rief die Nation zum totalen Krieg wie im Kampf gegen Napoleon auf. Die Produktion werde auf vollen Touren laufen, und »es wird in unseren Reihen keinen Raum für Feiglinge und Zauderer, für Deserteure und Panikmacher geben«. Solche Personen würden sich vor Militärgerichten verantworten müssen. Kein »einziger Eisenbahnwaggon, kein Pfund Brot noch ein halber Liter Öl« werde auf dem Pfad der faschistischen Sklavenhalter zurückbleiben, und hinter ihren Linien würden Partisanen Straßen und Brücken sprengen, Telefondrähte zerstören und Wälder, Geschäfte und Geleitzüge in Brand stecken. »Unerträgliche Bedingungen« sollten für »den Feind und seine Komplizen« geschaffen werden, die »auf Schritt und Tritt zu verfolgen und zu vernichten« seien. Stalin endete mit brutalem Nachdruck: »Die ganze Kraft des Volkes muss eingesetzt werden, um den Feind zu zerschmettern. Vorwärts, dem Sieg entgegen!«
Die Rede hatte in Leningrad und anderswo eine beruhigende Wirkung. In Moskauer Kinos brachen die Zuschauer, wie Werth sich erinnerte, in rasenden Jubel aus, wenn Stalin in einer Wochenschau erschien (was sie im Dunkeln nicht getan hätten, wenn sie es nicht ehrlich gemeint hätten).25 Obwohl Stalin den Erfolg von Barbarossa in Wirklichkeit stark untertrieben und von schweren deutschen Verlusten gesprochen hatte, glaubten die Russen nun, das Schlimmste gehört zu haben und auf festem Boden zu stehen. Die siebzigjährige Aquarellmalerin Anna Ostroumowa-Lebedewa (die unter Repin, Bakst und Whistler studiert und drei Zaren überlebt hatte) lauschte mit ihrem Dienstmädchen Njuscha in ihrer Wohnung unweit des Finnischen Bahnhofs an der Wyborger Seite Leningrads. »Heute«, schrieb sie in ihrem Tagebuch, »habe ich den weisen Worten des Genossen Stalin mit aufrichtiger Sorge zugehört. Doch seine Worte erfüllen die Seele mit Ruhe, Hoffnung und Freude.«26
Sie wäre weniger zuversichtlich gewesen, hätte sie gewusst, wie weit die Deutschen wirklich vorgedrungen waren. Für die Sowjetunion erwiesen sich die ersten elf Kriegstage als verheerend. Sie war mit der größten Invasionsstreitmacht konfrontiert, die die Welt je gesehen hatte: vier Millionen Soldaten Deutschlands und der Achsenmächte, 3350 Panzer, 7000 Feldgeschütze, über 2000 Flugzeuge und 600000 Pferde. Besonders im Norden war die Rote Armee mit 370000 Soldaten, verglichen mit den 655000 der Wehrmacht, stark unterlegen. (Die Bestände von Kanonen, Panzern und Kampfflugzeugen waren ungefähr die gleichen.27) Außerdem waren die Deutschen besser organisiert und besaßen eine fähigere Führung. Die Heeresgruppe Nord – eine von drei Heeresgruppen, die überall an der sowjetisch-deutschen Grenze angriffen – wurde von Feldmarschall Wilhelm Ritter von Leeb geleitet, dem fünfundsechzigjährigen Berufssoldaten, der bereits die Zerschlagung der Maginot-Linie angeführt hatte. Ihm unterstanden General Ernst Busch an der Spitze der Sechzehnten Armee und General Georg von Küchler, der die Achtzehnte Armee befehligte und gerade den Sieg in Frankreich hinter sich hatte. Die Speerspitze der Heeresgruppe bildete die Panzergruppe 4 mit ihrem Befehlshaber General Erich Hoepner. Er hatte Generaloberst Hans Reinhardt und Generaloberst Erich von Manstein unter sich, die zu Hitlers brillantesten Panzerkommandeuren gehörten. Dagegen hatte die Nordwestfront der Roten Armee ihre leitenden Offiziere durch Stalins Säuberungen verloren und machte eine traumatisierte Reorganisation und Verlegung durch. Die Mehrzahl ihrer Einheiten war geschwächt, und manche besaßen nicht einmal scharfe Munition. Auch ihre Verteidigungsstellungen waren unzureichend: Bis Juni 1941 hatte die Armee ihre Bunker an der alten Grenze aus der Zeit vor 1939 – die sogenannte Stalin-Linie – weitgehend aufgegeben, war jedoch noch immer dabei, weiter westlich Befestigungen zu bauen.
Vor allem jedoch hatte Deutschland den Vorteil des Überraschungsmoments für sich. Als sowjetische Grenzposten in den frühen Morgenstunden des 22. Juni von explodierenden Geschossen geweckt wurden, hatten viele von ihnen noch nicht einmal Stalins widerwilligen, knapp drei Stunden zurückliegenden Befehl erhalten, zu voller Alarmbereitschaft überzugehen. Verblüfft und zu verängstigt, um die Initiative zu ergreifen, baten Subalternoffiziere telegrafisch um Anweisungen. »Wir werden beschossen«, lautete eine typische Anfrage, »was sollen wir tun?« Auch die Luftstreitkräfte hatten keine Zeit zur Mobilmachung. Luftwaffenpiloten entdeckten zu ihrem Erstaunen sowjetische Maschinen aufgereiht und ungetarnt, und auch diejenigen, denen der Start gelang, waren leichte Ziele. »Der Russe war weit hinter unseren Linien«, schrieb ein finnischer Pilot. »Deshalb feuerte ich nicht, obwohl ich überhaupt nicht sicher bin, dass ich es fertiggebracht hätte, einer so lahmen Ente den Garaus zu machen … Seine Unerfahrenheit ließ vermuten, dass er kaum mehr als ein Entchen sein konnte.« Insgesamt wurden in den ersten Kriegstagen 1200 Flugzeuge an sechsundsechzig Stützpunkten zerstört, drei Viertel davon am Boden.28 Für den Rest des Jahres besaßen die Deutschen die uneingeschränkte Lufthoheit und konnten so viele Tief- und Sturzflüge durchführen, wie es ihre Mittel – immer noch erschöpft nach der Luftschlacht um England – zuließen. Die Tatsache, dass die Luftangriffe auf Leningrad erst Anfang September begannen, war auf Verzögerungen bei der Reparatur von Flugplätzen zurückzuführen, die die Luftwaffe vorher selbst bombardiert hatte. Die Stadt wäre viel stärker beschädigt worden, hätte sie nicht über Hunderte von Suchscheinwerfern, Flakgeschützen und »Zuhörern« verfügt. Dies waren akustische Geräte in Gestalt riesiger Grammofonmuscheln, die den Anflug derselben Besatzungen verfolgten, die zwölf Monate vorher London angegriffen hatten.
Da die Überzahl, die Führung, das Überraschungsmoment und die Lufthoheit sämtlich für sie sprachen, rückte die Heeresgruppe Nord mit frappierender Geschwindigkeit vor. Die Leningrader wussten nicht, dass Leebs Panzergruppen nach dreitägigem Krieg bereits den größten Teil Litauens überrollt und einen Tag später einen Brückenkopf am Ufer des lettischen Flusses Düna errichtet hatten. Diese Linie war zwischen 1915 und 1917 von den zaristischen Heeren immerhin zwei Jahre gehalten worden. Es sei unwahrscheinlich, dass er je wieder etwas mit diesem ungestümen Vormarsch Vergleichbares erleben werde, schrieb von Manstein in seinen (berüchtigt selektiven) Memoiren. Es sei die Erfüllung der Träume jedes Panzerkommandeurs gewesen. In Litauen und Lettland, wo die meisten Bürger die Vertreibung der Sowjets begrüßten, reichten Frauen den deutschen Kavalleristen Blumensträuße, und nationalistische Milizen schlossen sich den Kämpfen und den Lynchmorden an Juden an.
Während die Deutschen voranstürmten, brach die Kommunikation der Roten Armee zusammen. Laute Telefonate verhallten mitten im Satz, Dienstwagen wichen qualmenden Dörfern auf der Suche nach Kommandoposten aus. Befehle, wenn sie überhaupt eintrafen, hatten nichts mit der Realität zu tun, denn Offiziere wurden angewiesen, nicht mehr existierende Kräfte einzusetzen oder Orte zu verteidigen, die sich bereits weit in der deutschen Etappe befanden. Typisch war die Erfahrung des 5. Motorisierten Schützenregiments. Wie andere Grenzeinheiten gehörte es nicht zur regulären Armee, sondern zum ausgedehnten Sicherheitsimperium des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten (NKWD). Das Regiment scheint durch den Kriegsausbruch völlig überrascht worden zu sein. Am 22. Juni fuhr es um 10 Uhr auf der Straße von Wilna nordwärts nach Riga, als es plötzlich von deutschen Stukas angegriffen wurde. »Das Städtchen Siauliai brannte«, hieß es im Regimentsbericht, und »die deutschen Flugzeuge machten kurzen Prozess mit den Flüchtlingen und Soldaten auf der Straße. Dadurch wurde deutlich, dass der Krieg begonnen hatte.« Das Regiment suchte Schutz in einem Wald, wo ein Kurier den Befehl überbrachte, sich rasch nach Riga zu begeben, da dort »Unruhen« ausgebrochen seien. In der Stadt angekommen, stellte man fest, dass sie in der Hand von antisowjetischen lettischen Partisanen war, die Maschinengewehrstellungen auf Kirchtürmen, in Mansarden und hinter den Dachgeschossfenstern der Jugendstilhäuser errichtet hatten. Das Hauptquartier der Roten Armee und des NKWD, die Büros der lettischen Kommunistischen Partei sowie der Bahnhof wurden attackiert. Das Regiment sammelte die lettische Garnison und »verwickelte die Saboteure in schwere Kämpfe. Das Feuer aus Fenstern, von Kirchtürmen und Glockentürmen wurde mit dem Feuer von Maschinengewehren und Panzern beantwortet.« Man erschoss ohne Umschweife »120 Schurken, die unter den Saboteuren ergriffen worden waren«, und leitete auch Vergeltungsmaßnahmen gegen Zivilisten ein. »Vor den Leichen unserer gefallenen Kameraden schworen die Angehörigen des Regiments, die faschistischen Reptile gnadenlos niederzuschlagen, und am selben Tag spürte die Bourgeoisie von Riga unsere Rache an ihrem Fell.«
Das jedoch genügte nicht. Obwohl demoralisierte und ungeordnete Einheiten der zurückweichenden 8. Armee am 30. Juni in der Stadt eintrafen, waren die Sowjets fünf Tage später gezwungen, Riga aufzugeben und nordwärts nach Estland zu marschieren. Die Operation war chaotisch: Die Eisenbahnbrücke von Riga wurde gesprengt, bevor sämtliche sowjetischen Soldaten sie überquert hatten; unter den Zurückgelassenen war ein weiteres Grenzschutzregiment, von dem man nie wieder etwas hörte. Wie es in der Meldung des 5. Motorisierten Schützenregiments knapp heißt: »Da die Offiziere und Soldaten der 12. Grenzabteilung nicht aus der Schlacht auftauchten, haben sich keine Dokumente erhalten.« Am 10. Juli erteilte Schdanow den Befehl, am Fluss Nawast, den die Deutschen in Wirklichkeit bereits überquert hatten, standzuhalten. Nach einer brutalen zweistündigen Schlacht zog sich die aufgelöste Rote Armee zu dem Ort Wychma zurück. »Vor Wychma fand buchstäblich ein Massaker statt. Wie im Rausch versuchten die wütenden Faschisten, aus Wychma auszubrechen, doch mit Feuer und Bajonetten hielten die Kämpfer und Befehlshaber des 320. Schützenregiments und des 5. Motorisierten Schützenregiments den Feind nieder.« Mittlerweile kann nicht mehr viel vom 5. Motorisierten Regiment übrig gewesen sein, denn es wurde einem anderen Regiment in derselben Division unterstellt, um seine Positionen bei Wychma wieder einzunehmen und »Deserteure, wenn nötig mit Gewehrfeuer, zurückzutreiben«. Dies war ein unmögliches Ansinnen, denn die Einheit wurde »unaufhörlich« von deutschen Tieffliegern angegriffen, wobei auch noch fliehende Soldaten und Zivilisten die Straßen versperrten.29
Während die Sowjets Riga unter blutigen Verlusten verließen, durchbrachen Reinhardts Panzer im Osten die alte Stalin-Linie bei Ostrow, an der bis 1940 bestehenden estnisch-sowjetischen Grenze. Hier wurden die weiß getünchten Bauernhöfe und akkuraten Felder der Balten vom eigentlichen Russland abgelöst: einer deichlosen, nicht entwässerten Landschaft aus Erlen, Weiden und Röhricht, mit Krüppelbirken und silbern gebleichten Holzhütten. Kartoffelbeete und baufällige Lattenzäune waren hinter Hecken aus Bärenklau und Weidenröschen verborgen. Am 8. Juli nahm Reinhardt die Festungen und die vierzig Kirchen der kleinen mittelalterlichen Stadt Pskow ein, die auf der Route nach Osten einen wichtigen Straßen- und Eisenbahnknotenpunkt bildete. Wieder sprengten die Sowjets eine Brücke, bevor alle zurückweichenden Männer sie überquert hatten. Von 215 Maschinengewehren wurden 206 zurückgelassen, Soldaten mussten sich an treibende Baumstämme klammern, um den Fluss zu überqueren. Innerhalb von siebzehn Tagen war die Wehrmacht erstaunliche vierhundertfünfzig Kilometer vorgerückt, wobei sie nicht nur sämtliche kurz zuvor erworbenen und wenig loyalen Baltenstaaten überrollte, sondern auch ins russische Kernland vordrang und Leningrad selbst bedrohte.30
In der Stadt erkannten nur wenige die sich nähernde Gefahr. Dabei gaben die Bürger sich alle Mühe. »Sobald wir aufwachen«, schrieb die junge Mutter Jelena Kotschina, »eilen wir zu unseren Radios und spülen die bitteren Pillen der Nachrichtensendung mit kalten Teeresten hinunter.« »Die Gier nach Informationen war furchtbar«, erinnerte sich Ginsburg. »Fünfmal am Tag stürzten die Menschen zum Lautsprecher, unterbrachen sie jegliches Tun. Sie bestürmten jeden Menschen, war er der Front, der Macht oder den Informationsquellen auch nur einen Schritt näher als sie selbst.«31 Aber die Behörden taten ihr Bestes, die Öffentlichkeit im Dunkeln zu lassen. Das Sowjetische Informationsbüro (Sowinform), drei Tage nach Kriegsbeginn geschaffen, war das einzige Organ, das amtliche Verlautbarungen herausgeben durfte. Es gestaltete seine zweimal täglich gesendeten Berichte bewusst vage, indem es von Kämpfen »in Richtung« bestimmter Städte und von anonymen »Bevölkerungspunkten N« sprach, die erobert oder verloren gegangen seien. (Diese Konvention leitete sich von den Romanen des neunzehnten Jahrhunderts her. Zum Beispiel wird Gogols Werk Die toten Seelen damit eröffnet, dass eine Kutsche durch die Tore eines Gasthauses in »der Provinzstadt N« fährt.) Statt Niederlagen zuzugeben, schilderte Sowinform kaum glaubhafte Beispiele individuellen Heldentums – die der Kriegskorrespondent Wassili Grossman abschätzig als »Iwan Pupkin tötete fünf Deutsche mit einem Löffel«-Geschichten bezeichnete. Wichtige Niederlagen wurden erst mehrere Tage später gemeldet. Dass Kämpfe »in Richtung« von Pskow stattgefunden hatten, verlautete erst am 12. Juli, vier Tage nach dem Fall der Stadt, und zwölf Tage später war immer noch von einem »Schlachtfeld« die Rede. Danach wurde das Thema in den Nachrichten einfach nicht mehr behandelt.32
Eines der praktischen Ergebnisse dieser Fehlinformationen bestand darin, dass Eltern, die ihre Kinder für die Sommerferien aufs Land geschickt hatten, diese häufig nicht heimholten, bevor sie in der deutschen Angriffswelle versanken. Auch mehrere von Jelenas Freundinnen wurden beinahe überrumpelt. Am 8. Juli gelang es ihrer Nachbarin Ljubow Kurakina, deren Mann in gebrochenem Zustand aus dem Gulag zurückgekehrt war, ihre Kinder aus Weißrussland, das damals bereits zum Teil besetzt war, zurückzuholen. Dabei sah sie einen deutschen Soldaten in ein paar Schritten Entfernung. Am meisten ängstigte sie, dass sie ihr Parteibuch im Strumpf bei sich trug. Sie war überzeugt, dass es ihr schlecht erginge, wenn man es fände. Doch nahm alles ein gutes Ende. Ljubow fand ihre Kinder und kam mit ihnen teils per Zug, teils mit Lastwagen oder zu Fuß zurück.
Dem Mann einer anderen Freundin, einem »verantwortlichen Arbeiter« (Parteijargon für einen privilegierten Funktionär), stand glücklicherweise ein Auto zur Verfügung, »das es ihm ermöglichte, einige größere und kleinere Dörfer [nach seiner dreijährigen Tochter] abzusuchen. Nur mit Mühe hat er die Kleine gefunden. Sie hatte nur noch ihr Unterkleid an.«33 Die Historikerin Angelina Kupaigorodskaja, bei Kriegsbeginn elf Jahre alt, erinnert sich, wie das Personal ihres Pionierlagers die Kinder einfach im Stich ließ:
Wir sollten irgendeine Expedition, eine Wanderung, machen. Dann erfuhren wir, dass der Plan geändert worden war. Zwei oder drei Stunden vergingen, und schließlich mussten wir uns in einer Reihe aufstellen, bevor wir hörten, dass Hitler uns angegriffen hatte. Danach änderte sich sofort alles. Früher waren die Mahlzeiten so gut wie in einem Sanatorium gewesen, doch von nun an bekamen wir nur noch Kascha. Alle 3 Männer verschwanden, und die einzigen Erwachsenen waren die Kantinenangestellten. Obwohl der Lageraufenthalt beendet war, holte uns niemand ab. Wir liefen nur ziellos herum. Niemand erklärte irgendetwas; es gab ein Gerücht, dass wir nach Moskau geschickt werden würden, um in der U-Bahn zu wohnen.
Mit Hilfe eines anderen Kindes konnte Angelina ihren Eltern eine Nachricht schicken, und diese holten das Mädchen schließlich gegen Ende Juli ab. »Ich habe keine Ahnung, was aus den übrigen Kindern geworden ist. Viele waren noch im Lager, und die Deutschen näherten sich bereits.«34
Aus Furcht, der Feigheit bezichtigt zu werden, gestaltete man die Kommunikation sogar innerhalb der Armee eher rhetorisch als faktisch. »Kaum war das Dorf Poljana unter Feuer geraten«, stand in einem Bericht vom 31. Juli, »als die Deutschen mit heruntergelassener Unterwäsche aus ihren Hütten sprangen. Auch Soldaten in den Schützengräben gaben Fersengeld … Mit ›Hurra!‹-Rufen fiel das Bataillon über die Faschisten her. Granaten, Bajonette, Gewehrkolben und brennende Flaschen wurden eingesetzt. Die Wirkung war überwältigend.« Am 2. Juli wurde eine NKWD-Grenzeinheit, die sich im »Haus eines früheren Kulaken« bei Ostrow verschanzt hatte, durch fünf feindliche Panzer angegriffen. »Aus dem brennenden Gebäude feuerte der Unterpolitruk [politische Führer] Broitman, der bereits zweimal an der Brust verwundet worden war, weiterhin auf den Feind, so dass dieser die Panzerluken nicht öffnen konnte. Neben ihm schoss der starschina [Hauptfeldwebel] des Feldpostens, Genosse Nagorski, heldenhaft mit einem Maschinengewehr auf den Feind. Stark blutend, gaben sie ihren Kameraden, die sich zu neuen Linien zurückzogen, mutig Feuerschutz. Beide fielen bei der tapferen Verteidigung ihres Sektors.«35
Der Realität näher kam ein zynischer Witz jener Zeit: Ein Leutnant der Roten Armee wird am Straßenrand in einem verlassenen deutschen Lastwagen vorgefunden und aufgefordert, sich in Bewegung zu setzen, da man sonst auf ihn schießen werde. »Wer denn?«, erwidert er. »Die Deutschen werden meinen, es sei ihr Laster, und unsere Leute werden weglaufen.«36 In den ersten Kriegswochen herrschte an der Nordwestfront fast völlige Verwirrung. In internen Meldungen war häufig davon die Rede, dass Einheiten sich »einzeln und in kleinen Gruppen« zurückzogen – ein Euphemismus für totales Chaos. Durch den deutschen Vormarsch isoliert, irrten große Mengen von Soldaten durch die verwüstete Landschaft, um entweder zu den sowjetischen Linien zurückzukehren oder um sich dem Feind zu ergeben. Durch Flugblätter wurde ihnen mitgeteilt, sie sollten sich als Partisanen betrachten, und man versuchte, sie mit der Nachricht von dem neuen sowjetisch-britischen Bündnis aufzumuntern.37 So viele gerieten in Gefangenschaft, dass die Deutschen sie einfach in die nächstgelegenen sicheren Gebäude trieben, in denen es weder Nahrungsmittel noch sanitäre Einrichtungen oder sauberes Wasser gab. Diejenigen, die es schafften, ihre Einheiten ausfindig zu machen, wurden der Feigheit, der Fahnenflucht oder Spionage bezichtigt. Obwohl die Rote Armee das Terrain kannte, erfolgten ihre Versuche, Gegenangriffe zu führen, laut Halder »in einer Weise, die erkennen läßt, daß die Führung völlig desorientiert ist. Auch die Technik dieser Angriffe ist überraschend schlecht. Schützen auf Lastkraftwagen mit Panzern in einer Front fahren gegen unsere Feuerlinie los. Folge schwerste Verluste des Feindes.« Bis zum 3. Juli waren, wie Halder schätzte, zwölf bis fünfzehn der einundzwanzig Infanterie- und Panzerdivisionen der Nordwestfront vernichtet worden.38
Das Chaos verstärkte sich durch die tödliche Suche nach Sündenböcken innerhalb des sowjetischen Oberkommandos. Das prominenteste Opfer war General Dmitri Pawlow, Befehlshaber der Westfront, den man am 4. Juli zusammen mit drei Untergebenen verhaftete und am 22. Juli hinrichtete. General Kopez, Chef des sowjetischen Kampfbomber-Kommandos, ersparte dem NKWD die Mühe, indem er am zweiten Kriegstag Selbstmord beging. Weiter unten in der Hierarchie wurden zahllose Offiziere nach dem Urteil von Militärgerichten kurzum erschossen: wegen »Feigheit«, da sie ohne Erlaubnis zurückgewichen seien.39
Von Moskau aus verlangte General Schukow, das Blutvergießen zu intensivieren. »Kommandeure, die sich ohne Befehl von den Verteidigungslinien zurückziehen und verräterisch ihre Positionen aufgeben«, wetterte er in einem Telegramm vom 10. Juli, »sind ungestraft geblieben. Auch scheinen unsere Vernichtungsbataillone [NKWD-Einheiten, die Deserteure zusammentrieben] noch nicht im Einsatz zu sein, denn sie erzielen keine sichtbaren Resultate.« Vertreter des Militärrats und des Militärstaatsanwalts sollten »rasch zu den vorderen Stellungen hinausfahren und mit Feiglingen und Verrätern an Ort und Stelle abrechnen«.40 Daher der klägliche Tonfall vieler Frontberichte, in denen zumeist behauptet wird, Einheiten hätten, bevor sie sich zum Rückzug gezwungen sahen, »bis zur letzten Patrone« gekämpft.41
Bedeutsam für Leningrad war das Schicksal von Kirill Merezkow, dem stämmigen, stupsnasigen vierundvierzigjährigen General, der für die katastrophalen ersten Phasen des Krieges gegen Finnland verantwortlich gewesen und kurzzeitig zum Generalstabschef befördert worden war, bevor er den Posten im Januar 1941 an Schukow verlor. Er wurde in den ersten Kriegstagen verhaftet, nachdem sein Freund Pawlow ihn der Teilnahme an einer fiktiven antisowjetischen Verschwörung bezichtigt hatte. Im Gefängnis wurde er von einem der höchsten Stellvertreter Berijas – einem weiteren früheren Freund – mit einem Gummiknüppel geprügelt, bevor man ihn im September wieder in den Dienst schickte. Gesäubert und in Uniform, wurde er auf dem Weg zu Stalins Büro leutselig von seinem Folterer begrüßt. Er war mutig genug, keinen Gedächtnisschwund vorzutäuschen, und erklärte dem Mann tapfer: »Wir haben uns früher im Privatleben getroffen, aber nun habe ich Angst vor dir.« Stalin erkundigte sich nach Merezkows Gesundheit, ließ ihn freundlicherweise Platz nehmen und entsandte ihn als Vertreter des Hauptquartiers (Stawka) zur Nordwestfront. Nach seinen Erfahrungen zögerte er verständlicherweise, die Initiative zu ergreifen oder Befehle in Frage zu stellen, und er diente bis zum Ende des Krieges als einer der höchsten Befehlshaber der Armeegruppe.42
Neben dem Blutvergießen kam es zu einer Umbildung hoher Militärpositionen. Leningrad hatte das Pech, Marschall Kliment Woroschilow zugeteilt zu werden. Der eitle, adrette Sechzigjährige mit einem Menjoubärtchen und kleinen, hellblauen Augen wird häufig als ritterlicher, wenn auch unbeholfener alter Kämpe dargestellt (nicht zuletzt von Harrison Salisbury, der die Geschichte wiederholt, dass Woroschilow persönlich im September eine Gruppe von Marineinfanteristen – »das blonde Haar vom Wind zerzaust, die Gesichter frisch, das Kinn grimmig« – bei einem Bajonettangriff außerhalb von Krasnoje Selo angeführt habe. Vielleicht trifft die Geschichte zu). Doch in Wirklichkeit war er nicht nur militärisch unfähig – als Verteidigungskommissar hatte er die verhängnisvollen ersten Stadien des Winterkriegs zu verantworten –, sondern auch, wie Schdanow, als Organisator der Säuberungen, durch die die meisten hohen Offiziere der Roten Armee nur vier Jahre zuvor ausgelöscht worden waren, ein Schreibtisch-Massenmörder. Dmitri Wolkogonow, der den politischen Ausbildungsbereich der Sowjetarmee leitete, bevor er der erste wichtige Stalin-Biograf der Glasnost-Ära wurde, nimmt kein Blatt vor den Mund: »Mittelmäßig, unscheinbar, von minderer Intelligenz«, sei »Woroschilow nichts anderes als ein Henker, ein Handlanger des Oberhenkers« gewesen.43 Woroschilows Stellvertreter, Marschall Grigori Kulik, hatte ihm nichts voraus. Ebenfalls ein alter Kavallerist des Bürgerkriegs und ein Spießgeselle des sadistischen NKWD-Chefs Lawrenti Berija, war er ein tyrannischer, unwissender Trunkenbold, der die 54. Armee im Süden von Leningrad inkompetent führte und somit in hohem Maße dafür verantwortlich war, dass die Stadt umzingelt werden konnte. Soldaten sprachen von seinem »Gefängnis oder Orden«-Befehlsstil: Wenn ein Untergebener ihm zusagte, erhielt er eine Auszeichnung, wenn nicht, wurde er verhaftet.44
Während Stalin weitere seiner Spitzenmilitärs beseitigte, erlebten Hitlers Tischgespräche – er war nun mit seinem Stab in der speziell erbauten Wolfsschanze außerhalb Rastenburgs in Ostpreußen untergebracht – neue Höhepunkte. Zwischen Mitternacht und zwei Uhr morgens frohlockte Hitler an dem Tag, als die Heeresgruppe Nord Riga erobert hatte: »Die Schönheiten der Krim werden mit Hilfe einer Autobahn zugänglich gemacht werden. Für uns Deutsche wird dies unsere Riviera sein. Auch Kroatien wird zu einem Touristenparadies für uns werden.« Die beiden russischen Hauptstädte dagegen schienen nicht das gleiche Potenzial zu bieten, denn drei Tage später, während der Einnahme von Pskow, erklärte Hitler seinem Generalstabschef Halder, es sei sein »feststehender Beschluss …, Moskau und Leningrad dem Erdboden gleich zu machen, um zu verhindern, dass Menschen darin bleiben, die wir dann im Winter ernähren müssten. Die Städte sollen durch die Luftwaffe vernichtet werden.« In seiner Zuversicht, dass ihm das ganze europäische Russland in die Hände fallen werde, wies er Halder an, Aktionen gegen die Industriestädte des Urals zu planen. Sogar der vorsichtige General gestand in seinem Tagebuch, dass sich die Dinge zufriedenstellend entwickelten. Das Ziel von Barbarossa, die Mehrheit der Roten Armee diesseits der Flüsse Düna und Dnepr zu zerschlagen, war nach seiner Ansicht mehr oder weniger erreicht worden. Obwohl noch vieles zu tun bleibe, sei es wahrscheinlich keine Übertreibung, »wenn ich behaupte, daß der Feldzug gegen Rußland innerhalb [von] 14 Tagen gewonnen wurde«.45