Im September hatten sich ruhige, goldene Tage mit Herbststürmen abgewechselt, und im Oktober ging der Altweibersommer zu Ende. Der erste Schnee fiel ungewöhnlich früh, am 15. Oktober, eine Eisschicht überzog die Kanäle.1 Georgi Knjasew, der jeden Morgen in seinem Rollstuhl an der Uferstraße der Wassiljewski-Insel entlangfuhr, erlebte, wie sich die militärische Geschäftigkeit, die in seinen »kleinen Radius« vorgedrungen war, wieder verflüchtigte. Die Reihen marschierender Matrosen, Helme an Rucksäcke geschnallt, verschwanden ebenso wie die dahinrasenden, mit Schlamm bespritzten Armeelastwagen und die Soldaten, die mit ihren Pferden auf dem Gras des Rumjanzew-Platzes gelagert hatten. Artilleriebeschuss hatte die Straßenbahn-Oberleitungen an der Nikolaus-Brücke beschädigt, und ein Kriegsschiff, dessen drei Schornsteine mit weißer Wintertarnfarbe bemalt waren, versperrte die Sicht auf das Senatshaus. Ein Laster, dem zwei Räder fehlten, ruhte auf Bremsklötzen neben den immer noch nicht mit Sandsäcken bedeckten Luxor-Sphinxen. Die Sphinxe kamen Knjasew wie »arme, kleine Hündchen vor, die nackt und bloß der grausamen Kälte ausgesetzt sind«.2
Von September bis Ende Dezember 1941 stürzten die Leningrader, wie es der Historiker Sergej Jarow ausdrückte, »in den Trichter«. Im Lauf von drei Monaten wurde aus der vertrauten Erscheinung der Stadt – äußerlich hatte sie vieles mit London während der Bombenangriffe gemeinsam – ein an Goya gemahnendes Schlachtfeld. Gebäude brannten tagelang, ohne dass sich jemand um sie kümmerte, ausgezehrte Leichen lagen verstreut auf den Straßen. Für die Bürger führte die sich beschleunigende Abwärtsspirale von einem relativ »normalen« Kriegsleben – Störungen, Mängel, Luftangriffe – zur hilflosen Auseinandersetzung mit dem drohenden Tod von Ehemännern, Ehefrauen, Vätern, Müttern und Kindern und natürlich auch mit dem eigenen.
So rasch vollzog sich der Übergang, so unwirklich war die Kulisse, dass unbestätigte Nachrichten von Hungertoden zunächst ungläubig aufgenommen wurden. Lidia Ginsburg schrieb ihre forensischen Erinnerungen an die Belagerung aus der Sicht eines anonymen, etliche Personen vertretenden »Blockademenschen«. Für diesen Menschen gehörte Hunger »wie Kamele und Fata Morganen« in die Wüste, und es erschien ihm undenkbar, »daß die Bewohner einer Großstadt vor Hunger sterben könnten«. Aber »schließlich war eine Zeit gekommen, in der es schlechterdings unmöglich war, nicht zu verstehen … Über die ersten Todesfälle im Bekanntenkreis dachten die Menschen noch nach (und ich kannte ihn doch? am hellichten Tag? in Leningrad? ein Kandidat der Wissenschaften? verhungert?)«3
Jelena Skrjabina, deren erste Reaktion auf die Kriegsnachricht darin bestanden hatte, sich zu einem Spottpreis ein Ferienhäuschen zu mieten, fand den Gedanken an einen möglichen Hungertod ebenfalls »entwürdigend und absurd«. Obwohl sie für vier Personen verantwortlich war – ihre Mutter, zwei Söhne und ein altes ehemaliges Kindermädchen –, kehrte sie erst Mitte August in die Stadt zurück und begann deshalb sehr spät, Lebensmittelvorräte anzulegen. Am 15. September unternahm sie einen Ausflug an den Stadtrand, um mit Dorfbewohnern Tauschhandel zu treiben. »Ich hatte Papirosen [Zigaretten], ein Paar Stiefel von Sergej und Damenstrümpfe mit: Überall muß man auf die Leute einreden, buchstäblich betteln. Die Bauern werden überhäuft mit den herrlichsten Sachen. Sie wollen nicht einmal mehr mit einem sprechen.« Ein paar Tage später gelang es ihr, nachdem sie in einer endlosen Schlange gestanden hatte, Wodka zu kaufen: »In einem Dorf traf ich auf eine alte Trinkerin, die bereit ist, für dieses Gesöff eine beträchtliche Menge Kartoffeln zu geben. Ein Glück, daß es solche alte Weiber überhaupt noch gibt.«4 Eine andere glückliche Begegnung war die mit einem tatarischen Hausierer, der ihr Schokolade und Pferdefleisch gegen Bargeld (»ein vollkommen unwahrscheinliches Ereignis in unseren Tagen, weil das Geld jetzt schon fast wertlos ist«) und eine Flasche Rotwein verkaufte. Nicht all ihre Nachbarn, notierte sie Anfang Oktober, waren so erfolgreich:
Die Menschen verrohen buchstäblich vor unseren Augen. Wer hätte gedacht, daß Irina, bis vor kurzem noch eine so ruhige, schöne Frau, fähig wäre, ihren Mann zu schlagen, den sie stets vergöttert hat? Weshalb? Weil er unentwegt nur essen will und überhaupt nicht sattwerden kann. Er liegt bloß auf der Lauer, bis es ihr gelingt, etwas zu essen aufzutreiben. Kaum betritt sie die Wohnung, fällt er schon über das Essen her …
Den deprimierendsten Eindruck in unserm Haus macht die Familie Kurakin. Seitdem er aus der Verbannung zurück ist, ausgemergelt durch die Jahre im Kerker, beginnt er jetzt krankhaft anzuschwellen. Es ist ganz entsetzlich. Von der früheren Liebe seiner Frau ist kaum noch ein Fünklein übriggeblieben. Sie ist ständig gereizt und streitsüchtig. Die Kinder weinen, sie wollen etwas zu essen und kriegen statt dessen eine auf den Hintern.
Die Kurakins bilden jedoch keine Ausnahme. Fast alle Leute haben sich durch den Hunger, die Blockade und die ausweglose Lage bis zur Unkenntlichkeit verändert.
Zwei Rettungsanker bewahrten Skrjabinas Familie davor, den gleichen Weg gehen zu müssen. Der erste war ein Passierschein für die Ingenieurskantine ihres Mannes, von wo sie alle zehn Tage acht Portionen Suppe und vier Portionen Haferbrei in Blechkannen nach Hause bringen konnte; der zweite war ein fiktiver Arbeitsplatz, arrangiert von einem Freund, für ihren fünfzehnjährigen Sohn Dima, durch den der Junge die Ration eines erwachsenen Arbeiters erhielt. Doch während ihr jüngerer Sohn, der fünfjährige Jura, fröhlich und lebhaft blieb und dem Hofmeister »half«, Feuerholz zu hacken und Schnee zu schaufeln, reichte nicht einmal die Arbeiterration für den heranwachsenden Dima aus:
Er hat es aufgegeben, sich für irgend etwas zu interessieren, zu lesen oder gar zu sprechen. Es ist fast nicht zu glauben, aber selbst die Bombardierungen lassen ihn kalt. Das einzige, das ihn aus dieser Teilnahmslosigkeit herausbringt, ist das Essen. Er ist den ganzen Tag hungrig, kramt in den Schränken und sucht etwas zu essen. Findet er nichts, fängt er an, Kaffeesatz oder den entsetzlichen Ölkuchen zu kauen, den früher nur Kühe fraßen …
Noch Ende August und im September ging er in der ganzen Stadt umher, spürte Lebensmittel auf, interessierte sich für die Kriegsberichte, traf sich mit seinen Freunden. Jetzt ist er ein richtiger Sonderling, der ewig friert. Ganze Tage lang steht er in einer wattierten Jacke am Ofen, blaß, mit tiefen blauen Schatten unter den Augen. Wenn das so weiter geht, wird er sterben.5
Auch eine weitere Beschäftigung, die Skrjabinas Mann organisierte, konnte keine Abhilfe schaffen. Als Bote für ein Krankenhaus wurde Dima kreuz und quer in der stechenden Kälte durch die Stadt geschickt und dann um die ihm versprochene Abendmahlzeit betrogen. Die Büfettchefin des Krankenhauses, tobte Skrjabina, sei eine Betrügerin: »Nur wenn er zusammen mit dem Sohn des Hospitalleiters kommt, kriegt er alles – sogar ein Kotelett. Nicht ohne Grund ist dieser Junge so rotwangig und wohlgenährt.« Am 15. Dezember, nachdem Dima auf der Straße zusammengebrochen war, übermannte ihn die Erschöpfung: »Dima hat sich endgültig ins Bett gelegt. Er liegt da und schweigt, den Kopf im Kissen vergraben. Jetzt steht er auch nicht mehr auf, um in den Schränken oder im Büffet Eßbares zu suchen. Vielleicht ist er überzeugt, daß nichts mehr da ist, vielleicht hat er aber auch keine Kraft mehr dazu. Ich habe Angst, daß er sterben wird. Wie soll er den Hunger aushalten, wo er doch so groß, so mager, so unglaublich hilflos ist …«6 Kaum mehr als vier Monate vorher hatte Skrjabina noch mit ihren Jungen im Park des Katharinenpalasts gespielt, nun musste sie mitansehen, wie der ältere schlicht aus Unterernährung dahinsiechte.
Olga Gretschina wohnte mit ihrer Mutter und ihrem jüngeren Bruder Wolodja (kurz: Wowa) in einem grau gestrichenen, übertrieben schmuckvollen Villenblock in der Mitte der Majakowski-Straße, eines der schäbig-imposanten Boulevards, die vom Newski abgingen. Ihr Vater, ein Arzt, war ein paar Jahre vorher gestorben, und ihr älterer Bruder Leonid hatte zur Armee einrücken müssen. Im Oktober konnte sie, nachdem sie vom Grabenausschachten freigestellt worden war, Leonid in einem Dorf bei Schlüsselburg besuchen, wo man ihn mit seiner Mörserbatterie einquartiert hatte. Dort machte er sie mit seiner neuen Verlobten bekannt, einer Sanitäterin, die Olga für ungeeignet hielt. Denn die Verlobte bestand darauf, dass alle drei »mit den Köpfen dicht nebeneinander und in der besten Dorftradition lächelnd« fotografiert wurden, und schien von nichts anderem als Vorhängen sprechen zu können. Leonid und seine Kameraden waren guten Mutes, da sie es geschafft hatten, der Kingissepp-Umzingelung zu entkommen. Aber sie hatten weder Brot noch Zucker, und ihre abgemagerten Pferde kauten mit riesigen gelben Zähnen an der Holzveranda, an der man sie angebunden hatte. Auch fehlte der Einheit Munition. »Jede Batterie erhält fünf Granaten. Wenn sie abgeschossen werden, erwidern die Deutschen das Feuer und setzen es vierundzwanzig Stunden lang fort, doch wir können nicht zurückschießen.«
Kurz nach Olgas Rückkehr wurde ihre Mutter in Leningrad während der Verdunklung von einem Auto angefahren. Zwar war sie nur leicht verletzt, doch sie verfiel rasch und musste bei Luftangriffen auf dem Weg ins Untergeschoss gestützt werden. Auch ließ sie sich nicht davon abbringen, ihre Ration mit dem Hund der Familie, einem von allen geliebten »Wollknäuel« namens Kaschtanka, zu teilen. Deshalb war Olga fast erleichtert, als das Tier gestohlen wurde – zum Verzehr, wenn die Gerüchte stimmten. Das informelle System der gegenseitigen Begünstigung – blat im Sowjetslang –, durch das Russen mit der Mangelversorgung und der Bürokratie fertig wurden, brach nun, wie Olga entdeckte, allmählich zusammen. Um Medikamente für ihre Mutter zu besorgen, wandte sie sich an einen früheren Kollegen ihres Vaters, Dr. Michailow. Der Gefallen, den er der Familie Gretschin schuldete, ging zurück bis ins Jahr 1916, als man ihn dabei erwischte, wie er »Selbstverstümmler« – Soldaten, die sich in die linke Hand geschossen hatten, um als Invaliden aus der Armee auszuscheiden – in die Etappe schickte und dadurch vor der Hinrichtung rettete. Statt ihn anzuzeigen, hatte Olgas Vater die Hände der Soldaten neu vernäht, um die Wunden zu verbergen, und ihn in ein anderes Krankenhaus versetzt. Mittlerweile arbeitete Michailow in der Nähe der Gretschins in einer Kellerklinik an der Pestelja, einer anmutigen, italienisierten Straße mit zwei perfekt proportionierten neoklassischen Kirchen an den Enden. Olga fand ihn
umringt von alten Frauen vor – jedenfalls sahen sie damals so aus. Auch er selbst schien plötzlich ein hohes Alter zu haben. Ich bat ihn, mitzukommen und Mama zu untersuchen, doch er weigerte sich mit den Worten: »Sie wissen, dass wir Hausbesuche nur unter ungewöhnlichen Umständen machen können, und sie ist bereits diagnostiziert und behandelt worden.« Ich war empört und wies ihn zurecht: Er sei in der humanitären Tradition ausgebildet worden und habe den hippokratischen Eid abgelegt – wie also könne er es ablehnen, eine kranke Person zu besuchen? Traurig ließ er mich aussprechen, bevor er antwortete: »Wenn ich zu Ihnen komme, werde ich nicht in der Lage sein heimzukehren. Für mich ist alles abgemessen: Einmal am Tag kann ich die Pestelja von der Tschaikowski-Straße aus erreichen. Ich habe nicht die Kraft, mehr zu tun. Und wenn ich nicht zur Arbeit erscheine, was soll dann aus all diesen Menschen werden?« Und er zeigte auf die Tür, hinter der seine Patienten warteten.
Ein anderer Arzt, den Olga im Voraus für einen Hausbesuch bezahlt hatte, riet ihr zuerst herzlos, ihre Mutter mit Hühnersuppe und Milch zu füttern, bevor er schließlich doch das Schlafzimmer verließ, um ein Rezept für Beruhigungsmittel auszuschreiben. Nachdem er sich verabschiedet hatte, bemerkte Olga, dass ein paar Bonbons aus einer Dose auf dem Küchentisch verschwunden waren.
Im November fanden Olga und Wowa Arbeit: Wowa als Heizer, was bedeutete, dass er Holz hacken und verladen musste, und Olga in einer Fabrik, die früher Vervielfältigungsgeräte hergestellt hatte und nun Munition lieferte. Dort überprüfte sie halb fertige Geschosshülsen und trug sie von einer Werkbank zur anderen. Die Hülsen waren schwer, ölig und mit Stahlspänen bedeckt, die ihr in die Hände schnitten, aber sie verdiente 230 Rubel pro Woche, durfte so viel Suppe (»eigentlich nur heißes Wasser«) trinken, wie sie wollte, und sogar einen Teil davon für ihre Mutter mit nach Hause nehmen. Ende des Monats erhielt die Familie ihre erste Todesnachricht: Leonid war in der Nähe des Dorfes gefallen, in dem Olga ihn ein paar Wochen vorher besucht hatte.
Anfang Dezember musste Olga wegen geschwollener Beine und infizierter Wunden an den Händen zu Hause bleiben, und sie hörte von Todesfällen bei Nachbarn in ihrem Wohnblock. Als Erste starben (wie überall in der Stadt) die Hilfskräfte von niedrigem Status: der Pförtner des Gebäudes – »ein sehr ordentlicher, ehrbarer Mann« – und seine Frau, dann der Hofarbeiter, danach ein »kleiner schnurrbärtiger und düsterer Rentner, der in der ersten Etage wohnte und sein Leben damit verbrachte, Jungen wegen Rowdytums nachzusetzen«. Als Nächstes waren die gewöhnlichen Mieter an der Reihe, zum Beispiel der Ehemann einer Sängerin, die mit ihrem geistig behinderten Sohn eine Etage über Olga wohnte:
An einem Dezemberabend, gegen 23 Uhr, klopfte jemand an die Tür. Ich öffnete, und vor mir stand unsere Nachbarin N mit einem kleinen Glas in der Hand. Sie sagte: »Mein Sohn liegt im Sterben – ich flehe Sie an, geben Sie mir einen Löffelvoll Sonnenblumenöl. Wenn ich es ihm in den Mund gieße, kann ich ihn vielleicht retten.«
»Aber ich habe kein Öl!«
»Doch, Sie haben es! Sie müssen meinen Sohn retten!«
Nein, beteuerte ich, aber in Wirklichkeit hatte ich 100 Gramm Öl, die ich mir zufällig irgendwo mit meiner Karte verschafft hatte. Doch ich konnte nichts davon für N entbehren, weil ich Mama damit fütterte. Wenn ich es N’s Sohn überließ (der mir immer zutiefst unsympathisch gewesen war), was sollte ich ihr dann geben? Ich wurde wütend über N, denn es war entsetzlich beschämend, ihre Bitte auszuschlagen, und sie ging davon. Am Morgen starb ihr Junge. Ich kam mir vor wie eine Mörderin.7
Nicht nur die Körper der Leningrader waren geschwächt, sondern auch die Lebensadern der Stadt selbst. Im Oktober wurde in den Kraftwerken der Brennstoff knapp, und die Stromversorgung brach ein. Die Oberleitungsbusse waren längst für den Krankentransport requiriert worden, und nun blieben auch die Straßenbahnen irgendwo auf der Strecke stehen und wurden von Frost und Eiszapfen überzogen. Ihr Ausfall »stellte die Realität der Stadtentfernungen wieder her«, wie Ginsburg schrieb, denn die Straßen und besonders die dem Wind ausgesetzten, ungeschützten Newa-Brücken schienen länger zu werden. Der Schnee wurde nicht mehr geräumt, und nur noch die Hauptstraßen waren passierbar. Überall sonst musste man sich mit schmalen Trampelpfaden zufriedengeben, die auf neuen Abkürzungen durch Trümmergrundstücke und die Überreste von Zäunen führten, deren Latten als Brennholz gestohlen worden waren. Das Flickwerk aus Zeitungs- und Einwickelpapier, Brettern und Sperrholz, das die Fenster von Wohnhäusern bedeckte, verlor den seltsamen Frohsinn, den es zu Kriegsbeginn gehabt hatte, nun wurden die vernagelten Fenster »zum Zeichen der lebendig Begrabenen und der in der Enge Sterbenden«.8
Seit dem 27. November war es in Wohnhäusern verboten, zwischen 10 und 17 Uhr Strom zu benutzen, der ohnehin nur noch unregelmäßig oder überhaupt nicht mehr geliefert wurde. Um Licht und Wärme zu erhalten, wandten sich die Leningrader stattdessen Technologien zu, die eher auf dem Land gebräuchlich waren. Verschiedene hausgemachte Lampen wurden ersonnen: etwa eine improvisierte Sturmlaterne namens »Fledermaus« und die koptilka (»Räucherlampe«, bestehend aus einem Docht in einem Fläschchen, in einer Blechtasse oder in dem umgedrehten Deckel eines Wasserkessels). Sie brannten so unsauber, dass Gesichter, Hände und Wände von einem klebrigen schwarzen Ruß überzogen wurden. Als das Petroleum ausging – die letzten zweieinhalb Liter pro Person wurden im September verteilt –, verbrannte man Kampfer, Fleckenentferner, Maschinenöl, Kölnischwasser und Insektizid. Rasch verschwanden diese Brennstoffe aus den Läden und wurden zu immer astronomischeren Preisen auf den Straßenmärkten verkauft. Der zweite lebenswichtige Bestandteil der Blockadeausstattung war der Kanonenofen, der als burschuika bezeichnet wurde und dessen Rohr durch ein mit Brettern oder einem Kissen abgedichtetes Oberlicht nach draußen führte. Der Ofen wurde mit Holz von Trümmergrundstücken, mit Möbeln (auf den Straßenmärkten waren in Stücke gehackte Kleiderschränke teurer als intakte), Grabkreuzen, Büchern und ehemaligen Parkettböden betrieben. Die tatarische Frau des Akademie-Heizers riet Georgi Knjasew, getrockneten Kot zu verwenden, wie es in der Steppe Brauch sei. Der Spitzname burschuika – nach dem russischen Wort für »bourgeois« – leitete sich entweder von der rundlichen Form der Öfen oder ihrer Habgier nach Brennholz oder von der Tatsache her, dass sie während des Bürgerkriegs von der alten Mittelschicht benutzt worden waren. (Die Metallverarbeitungsgeräte zur Herstellung von burschuiki wurde laut einer Verbrechensstatistik vom Januar 1942 aus Fabriken gestohlen und auf dem Schwarzmarkt weiterverkauft.) Das dritte – vom heutigen Standpunkt aus für die Blockade besonders symbolische – Hilfsmittel war der Kinderschlitten (sanki), mit dem man Feuerholz, Wasser und schließlich Leichen transportierte.
Zudem mussten die Leningrader Fertigkeiten des Landlebens erlernen. Sie erfuhren, dass Birkenholz gut und Espenholz schlecht brannte, dass getrocknete Ahornblätter als Tabakersatz dienen konnten und dass es möglich war, daraus und aus Zeitungspapier gerollte Zigaretten anzuzünden, indem man eine Linse in die Sonne hielt oder mit Metall auf Stein schlug. Seltsamerweise versuchte kaum jemand eiszufischen, wahrscheinlich weil die erforderlichen Schnüre und Bohrgeräte fehlten. Der Theaterproduzent Alexander Dymow hatte das Gefühl, in einer Zeitmaschine zu sitzen. Die Blockade hatte Leningrad ins achtzehnte Jahrhundert zurückgeworfen, doch es war noch schlimmer: Die Menschen besaßen keine Pelzmäntel mehr, die Brunnen an jeder Straßenecke waren verschwunden, und Wasser musste in Kesseln statt mit Eimern und mit Tragejochs geholt werden.9 In den meisten Wohnhäusern versagte die Wasserversorgung nach und nach, beginnend mit dem obersten Stockwerk. Wenn der letzte Hahn einfror, wandten sich die Bewohner zuerst Nachbargebäuden, dann gebrochenen Rohren und Eislöchern zu, welche die Feuerwehr in die vereisten Flüsse und Kanäle gehackt hatte. Mit der Zeit bildete das übergelaufene Wasser Eishügel, über die man sich selbst und seine Behälter auf Händen und Knien hinwegschieben musste. Dmitri Lichatschow besorgte sich Wasser an einem Feuerhydranten und schleppte es in einer Babywanne aus Zink heim. Wie er entdeckte, schwappte weniger Flüssigkeit über, wenn er zuerst ein paar Stöcke hineinwarf. Sein alter Vater (»der unlogischste und jähzornigste Mann, den ich je kannte«) verstand sich unerwartet gut aufs Holzhacken, wahrscheinlich, weil er – wie die burschuiki – ein Veteran des Bürgerkriegs war. Zoologen überlebten die Belagerung, wie Lichatschow anmerkt, weil sie wussten, wie man Ratten und Tauben fängt. Unpraktische Mathematiker dagegen starben.
Während die offizielle Ration abnahm und die Privatvorräte zur Neige gingen, suchten die Leningrader immer verzweifelter nach Ersatzlebensmitteln. Am weitesten verbreitet waren schmychi und duranda, die Hülsen von Baumwoll-, Hanf-, Sonnenblumen- oder Leinsamen, die zu Blöcken zusammengepresst und normalerweise an Vieh verfüttert wurden. Gerieben und in Öl gebraten, konnten sie zu »Pfannkuchen« gemacht werden, deren sorgfältige Zubereitung den tröstlichen Eindruck erweckte, man habe eine wirkliche Mahlzeit vor sich. Fast alle Bürger aßen auch Tischlerleim, gefertigt aus den Knochen und Hufen geschlachteter Tiere. Lichatschow fand acht Platten davon im Puschkinhaus, die seine Frau mehrmals in Wasser einweichte und dann mit Lorbeerblättern zu einem übelriechenden Gelee aufkochte, das sie mit Essig und Senf hinunterwürgten. Außerdem kochten sie die Mixtur auf, mit der die weißen Schaffelljacken ihrer Töchter gereinigt wurden. »Sie war voll von Wollfasern und grau vor Schmutz, doch wir alle waren froh darüber.« Ein Maler durchsuchte die Wohnungen evakuierter Freunde. »Ich trat ein, durchwühlte alle Schränke und nahm alle möglichen trockenen Brotreste, teilweise schon angeschimmelt und grün, und noch dieses und jenes mit. Etwa einen so großen Beutel voll. Ich freute mich sehr, eine recht anständige Menge von Eßwaren ergattert zu haben … Dann brachte mir ein Student Leinkuchen. Das sind solche Blätter. Drei brachte er mir. Eine kolossale Sache – drei Blatt Leinkuchen!«10 Daneben aß er Leinöl und Fischleim, die zur Mischung von Farben und zur Grundierung von Leinwänden benutzt werden.
Ersatzstoffe erwiesen sich in vielen Fällen als gefährlich. Selbst wenn sie nicht giftig waren, konnten sie Durchfall und Erbrechen hervorrufen oder dünne Magenschleimhäute beschädigen. Doch alles war besser als nichts. Glyzerin enthielt Kalorien, wie die Leningrader entdeckten, ebenso Zahnpulver, Hustenmedikamente und Coldcream. Fabrikarbeiter aßen Industrie-Kasein (ein Bestandteil von Farbe), Dextrin (das zur Bindung von Sand in Gussformen dient), Panzerfett und Maschinenöl. Im Physiologischen Institut wurden Pawlows geifernde Hunde verzehrt; in einem anderen Institut verteilten Wissenschaftler ihre Vorräte an »Liebig-Extrakt«, einer Trockenbrühe aus Kalbsembryos zur Bakterienzucht. Ein Vater brachte das madige Knie eines Rentiers, Opfer eines Luftangriffs im Zoo, mit nach Hause.11
Auch die überwiegende Mehrheit der Haustiere wanderte in den Kochtopf. »Den ganzen Tag über«, schrieb eine Frau ihrem Ehemann an der Front, »versuchen wir, etwas Essbares zu finden. Mit Papa haben wir zwei Katzen gegessen. Sie sind so schwer aufzutreiben und zu fangen, dass wir alle nach einem Hund Ausschau halten, doch keiner ist zu sehen.«12 Eine Familie bezeichnete Katzenfleisch mit dem französischen Wort chat, um sich nicht vor den Nachbarn zu blamieren. Andere tauschten ihre Haustiere aus, um nicht ihr eigenes verspeisen zu müssen, oder verschacherten sie für sonstige Bedarfsartikel. Eine Lehrerin brachte eine handgeschriebene Anzeige, die auf der Straße angeklebt gewesen war, mit ins Lehrerzimmer. Der Text lautete: »Ich tausche vier, fünf Meter Flanellstoff und einen Primuskocher für eine Katze«, und löste eine »lange Auseinandersetzung« aus: »Ist es moralisch oder nicht, Katzen zu essen?«13 Diese Zimperlichkeit schwand bald dahin. »Nicht alle Eltern«, schrieb eine Überlebende der Belagerung über die Kollegen ihres Vaters, eines Astronomen am Observatorium Pulkowo,
lieben ihre Kinder so sehr, wie Messer und seine Frau ihren großen Pointer Gralja liebten. Zärtliche Tränen stiegen in Jelisaweta Alexejewnas Augen auf, wenn sie die Hündin auf dem Gras herumtollen sah. In der Jagdsaison machte sich Messer jeden Sonntag mit seiner geliebten Preisträgerin auf den Weg – stolz und feierlich, mit ordentlicher deutscher Formalität.
Im Januar 1942 aßen sie das Tier. Messer schnitt ihr die Kehle durch, und Jelisaweta Alexejewna hielt sie fest. Die Hündin war kräftig, und sie schafften es nicht allein, weshalb sie Pimenowa um Hilfe baten. Dafür versprachen sie ihr ein Stück Fleisch, doch am Ende der ganzen Operation gaben sie ihr nur die Eingeweide.14
Dies war der Zeitraum, in dem die privaten Bestände an Lebensmitteln oder Tauschwaren den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuteten. Eine Familie entdeckte einen Koffer mit »fossilisierten« Zwiebäcken, die zwanzig Jahre zuvor, während des Bürgerkriegs, verstaut worden waren. Eine andere, verzeichnete ein zehnjähriger Tagebuchschreiber, stieß auf eine Schachtel Kerzen, die für 625 Rubel verkauft werden konnten (sie hatten nur acht Kopeken pro Stück gekostet, als ihr Vater sie 1923 erwarb). Die Altphilologin Olga Freudenberg hielt ihre Mutter und sich mit einem Konservenpaket am Leben, das sie für ihren Bruder vor seiner Abreise in den Gulag vorbereitet hatten. Eine andere Frau tauschte die Kleidung ihres toten Mannes ein, die auf einem Vorkriegsbesuch in Amerika gekauft worden war. Die Reise hatte ihn das Leben gekostet – er war während des Terrors als kapitalistischer Sympathisant erschossen worden –, doch die hochwertigen Anzüge und Jacketts halfen, seine Familie zu retten.
Wenn es kein Essen gab, nahmen Fantasien den Platz ein. Igor Krugljakow, zur Zeit der Belagerung acht Jahre alt, erinnert sich, wie seine Schwester und er in der Familientruhe mit Weihnachtsschmuck nach Walnüssen suchten: »Das Innere war trocken und eingeschrumpelt, aber wir aßen es, weil es sich wie Nahrung anfühlte. Wir pickten sämtliche Krümel aus den Rissen in unserem großen, schmutzigen Küchentisch heraus – auch sie sahen aus wie Nahrung. Ich kann nicht behaupten, dass sie uns aufmunterten – es war nur ein Zeitvertreib.« Ende November starb sein Großvater an »Hungerdiarrhöe« oder vielleicht, wie Krugljakows Mutter sich grämte, weil sie ihm in ihrer Verzweiflung verdünntes Kaliumpermanganat verabreicht hatte, das purpurne Allzweck-Desinfektionsmittel, das als marganzowka bekannt war. Die Kinder, die noch kurz vorher durch die Straßen gerannt waren, um Schrapnelle zu sammeln, blieben nun zusammengedrängt im Bett und blätterten in einem Vogelbuch des neunzehnten Jahrhunderts und in Madame Molochowez’ Geschenk für junge Hausfrauen mit Rezepten für Aspik, Mousse, Sandkuchen und Spanferkel. »Zum ersten Mal in meinem Leben las ich die Worte ›Rum Baba‹. Es hatte auch Bilder, sehr schlichte, aber sie machten uns Freude.«15 Eines der erschütterndsten Dokumente, die im Petersburger Museum der Verteidigung Leningrads ausgestellt sind, ist eine imaginäre Speisekarte, die ein hungriger Sechzehnjähriger, Walja Tschepko, säuberlich niederschrieb: »Menü für die Zeit nach der Hungersnot, wenn ich dann noch lebe. Erster Gang: Suppe – Kartoffeln und Pilze oder Sauerkraut und Fleisch. Zweiter Gang: Kascha – Hafermehl und Butter, Hirse, Perlgraupen, Buchweizen, Reis oder Grieß. Fleischgang: Hackklößchen mit Kartoffelbrei, Würste mit Kartoffelbrei oder Kascha. Aber es hat keinen Zweck, davon zu träumen, denn wir werden es nicht erleben!« Tatsächlich starb er im Februar.
Vielleicht noch trauriger als der körperliche Zusammenbruch war die Art, wie der Hunger Persönlichkeiten und Beziehungen zerstörte. Zunehmend von dem Gedanken an Lebensmittel beherrscht, verloren Individuen allmählich das Interesse an der Umwelt und, im Extremfall, an allem außer dem Bemühen, etwas Essbares zu finden. »Vor dem Krieg«, schrieb Jelena Kotschina bereits am 3. Oktober, »schmückten Menschen sich mit Mut, Prinzipientreue, Ehrlichkeit – mit allem, was ihnen gefiel. Der Orkan des Krieges hat diese Fetzen weggerissen; nun ist jeder geworden, was er in Wirklichkeit war, und nicht, als was er erscheinen wollte.«
Ihr Tagebuch – auf die Ränder alter Zeitungen, auf Tapetenreste und Rückseiten von Formularen geschrieben – schildert mit ätzender Ehrlichkeit die allmähliche Auflösung ihrer Ehe. Unmittelbar vor dem Krieg ist sie fröhlich und entzückt über ihr Baby und ihren liebevollen Ehemann. »Dima hat Urlaub«, schreibt sie am 16. Juni, während sie zusieht, wie er eine Windel wechselt. »Den ganzen Tag kümmert er sich um unsere Tochter: badet sie, zieht sie an, füttert sie. Seine gepflegten, sensiblen Konstrukteurshände schaffen all das mit erstaunlichem Geschick. Sein Haar lodert in der Sonne und erhellt sein glückliches Gesicht.« Sechs Tage später wurde die junge Familie, wie Millionen andere, von der Invasionsnachricht überrascht. »Ich trug Lena mit ihren bunten Rasseln hinaus in den Garten. Die Sonne beherrschte bereits den Himmel. Ein Schrei. Das Geräusch von zerbrechendem Geschirr. Die Frau, der unsere Datscha gehört, lief am Haus vorbei. ›Jelena Jossifowna! Krieg mit den Deutschen! Es ist gerade im Radio bekanntgegeben worden!‹« Nach zwei Kriegswochen hatte das Paar seinen ersten schweren Streit. Es ging um die Frage, ob Jelena mit ihrem Institut nach Saratow umsiedeln solle. Sie beschloss, sich nicht evakuieren zu lassen, und nach der Schließung des Belagerungsringes war die ganze Familie in Leningrad gefangen. Im September kam Dima kaum zum Schlafen, denn nachts hielt er mit dem Zivilschutzteam nach Feuern Ausschau, und im Anschluss an die Arbeit grub er in einem verlassenen Gemüsebeet nach Kartoffeln. Jeden Morgen ging Jelena am Newa-Ufer entlang zu dem Kinderkrankenhaus, wo die Säuglingsration Sojamilch ausgegeben wurde:
Die Ahorne brennen mit fieberhaftem Rot wie eine erlöschende Glut. Die Blätter fallen langsam, direkt in meine Hände. Ich nehme sie mit nach Hause und lege sie auf die Fensterbank. Jeden Morgen neue. Dies könnten die letzten Blätter meines Lebens sein.
Artilleriegeschosse peitschen über die Uferstraße, landen auf der Akademie der Künste und der Universität. Manchmal schlagen Granaten ganz in der Nähe ein, und wir sehen Menschen stürzen.
Im Krankenhaus trinkt Lena ihre Milch sogleich aus. Dann weint sie bitterlich und reckt die Händchen nach den weißen Babyflaschen … Aber man gibt ihr nicht mehr – hundert Gramm sind die Ration.
Dima wurde in eine Waffenfabrik versetzt, in der er als Dreher arbeitete. Dadurch erwarb er den Anspruch auf eine Arbeiterkarte:
In der Mittagspause bringt er mir sein Essen: eine kleine Fleischpastete und zwei Löffel Kartoffelbrei. Trotz meiner Proteste zwingt er mich, alles zu verspeisen: »Iss bitte, du musst Lena füttern. Mach dir keine Sorgen um mich. Ich bin satt.« Aber ich weiß, dass es nicht stimmt, denn er isst nur Suppe. Das kann er nicht lange durchhalten. Und außerdem habe ich täglich weniger Milch.
Anfang Oktober versiegte Jelenas Milch, obwohl das Paar bereits seinen Notvorrat an Kartoffeln und suchari angebrochen hatte. »Nachts trinke ich einen ganzen Kochtopf voll Wasser, aber es nützt nichts. Lena schreit und reißt an meinen Brüsten wie ein kleines wildes Tier (armes Ding!). Nun geben wir ihr all die Butter und all den Zucker, die wir mit unseren Lebensmittelkarten bekommen.« Am 10. Oktober verzeichnete Jelena zum ersten Mal ihren Verdacht, dass Dima heimlich suchari verzehrte, während sie nicht zu Hause war. Die Zwiebäcke waren vier Wochen später verbraucht, und sie hatten nur noch vierhundert Gramm Hirse, um das Baby zu füttern. (»Nun verfluche ich mich, weil ich in dem Kommerzladen nur viereinhalb Pfund gekauft habe. Was für eine Närrin ich war!«) Da Jelena ihrem Mann nicht mehr traute, versteckte sie die Hirse jedes Mal, wenn sie die Wohnung verließ – »im Schornstein, unter dem Bett, unter der Matratze. Aber er findet sie überall.« Am 26. November kehrte sie unerwartet heim und ertappte ihn auf frischer Tat:
»Wie kannst du es wagen!«, brüllte ich und verlor die Beherrschung.
»Halt den Mund, ich kann nicht anders.«
Er schaute mich verzweifelt an und wich nicht einmal meinem Blick aus, wie er es in den letzten Tagen getan hat. Ich schwieg, und mein Zorn legte sich … Schließlich hatte sein Hunger dadurch, dass er mir all seine Mittagessen überlassen hat, früher eingesetzt als meiner.
Die Hirse reichte bis zum 2. Dezember. Zwei Tage später konnte Jelena infolge der Großzügigkeit einer Fremden Wertmarken gegen Makkaroni eintauschen. Sie war auf der Suche nach einer Verkaufsstelle durch die Straßen gestreift und hatte einen Pferdewagen entdeckt, der mit Kisten beladen war:
Eine Menschenmenge zog hinter der Karre her, als folge sie einem Sarg. Ich schloss mich diesem merkwürdigen »Trauerzug« an. Wie sich herausstellte, waren Makkaroni in den Kästen, doch niemand wusste, wohin sie gebracht wurden. Der Kutscher schwieg hartnäckig. Als wir ein Geschäft vor uns erblickten, rannten wir um die Wette dorthin und bildeten, einander beschimpfend, eine Schlange. Es war, als wären wir abgerichtete Tiere. Aber das Pferd, das mit gütigen Augen in unsere Richtung schielte, zog die Karre weiter. Wir gaben unsere Plätze auf und liefen hinter ihm her. Das geschah fünf Mal …
Endlich hielt der Wagen an einem der Läden an. Draußen war eine lange Schlange, die sich um die Ecke wand … Der Geschäftsführer, Torhüter des Paradieses, zählte die »treuen Seelen« und ließ jeweils zehn ein. Ich stand da und starrte stumpf vor mich hin. Ich weiß nicht, was an meinem Gesicht abzulesen war, doch plötzlich fragte mich eine alte Frau in der Schlange leise: »Wann bist du an der Reihe?« Ich erwiderte, dass ich mich nicht angestellt hätte, und nun sei es ohnehin sinnlos, da nicht genug Makkaroni für alle vorhanden seien. Ich fügte hinzu, was für mich ungewöhnlich war, dass ich zu Hause ein kleines Kind hätte und nicht wisse, wie ich es ernähren solle.
Die Frau sagte nichts, doch als sich die Tür erneut öffnete, schob sie Jelena vor und blieb selbst draußen. »Ich war so verblüfft, dass ich, sogar als ich die Makkaroni in meinen vor Aufregung zitternden Händen hatte, immer noch nicht glauben konnte, dass dies wirklich geschehen war.«
Die Zeit, die durch diesen Akt der Nächstenliebe erkauft wurde, war kurz. Obwohl es Dima unter enormen körperlichen Anstrengungen gelang, eine burschuika aus Wellblech von einer Trümmerstätte anzufertigen, versank er Mitte Dezember in Apathie und Paranoia. Er ging nicht mehr zur Arbeit, half nicht mehr bei der Versorgung des Babys und stand nur auf, um Brot zu holen und auf dem Rückweg das Zusatzstück, das begehrte dowessok, zu essen. Seine Bewegungen, schrieb Jelena, waren die eines »zerbrochenen Roboters«, sein Gesichtsausdruck »versteinert« und »wild«, seine Augen von Ruß umrandet und seine Gesichtshaut durch ein Ödem gespannt und lackartig glänzend. Auch ihr eigenes Gesicht war geschwollen – sie sah aus »wie das Hinterteil eines Schweins«. Keiner von beiden konnte an etwas anderes als Essen denken:
Ich schöpfe vier Kellen »Suppe« [aus Tischlerleim und zerbröckeltem Brot] für Dima und zwei für mich in den Teller. Dafür habe ich das Recht, den Topf auszulecken, obwohl die Suppe so dünn ist, dass es im Grunde nichts zu lecken gibt. Dima isst mit einem Teelöffel, damit es länger dauert. Aber heute war er schneller fertig als ich. Zufällig hatte ich ein besonders hartes Stück Kruste erwischt, das ich voller Genuss kaute. Ich merkte, wie er meine stetig malmenden Kiefer hasserfüllt betrachtete.
»Du isst absichtlich langsam!«, rief er plötzlich böse. »Du willst mich quälen!«
»Wie kommst du darauf? Warum würde ich das tun?«, stieß ich erstaunt hervor.
»Bitte, versuch nicht, es abzustreiten. Ich sehe alles.«
Er funkelte mich an, und seine Augen waren bleich vor Wut. Ich fürchtete mich. Hatte er den Verstand verloren?16
Vera Inber beobachtete am 1. Dezember zum ersten Mal, wie eine Leiche auf einem Schlitten transportiert wurde. »Heute sahen wir in der Wulfowstraße eine Leiche ohne Sarg, in Tücher gewickelt, auf einem kleinen Handschlitten, die Knie zeichneten sich deutlich ab. Die Brust war mit breiten Stoffstreifen umwickelt. Ein biblisches, ein ägyptisches Verfahren. Man sieht wohl die Umrisse des Menschen. Aber ob es Mann oder Frau ist, kann man schon nicht mehr unterscheiden …« Am Monatsende war dies zu einem alltäglichen Anblick geworden. Im Oktober, so meldete das NKWD Schdanow gegen Ende Dezember, seien in Leningrad 6199 Menschen »in Verbindung mit Lebensmittelproblemen« gestorben – ein fast achtzigprozentiger Anstieg gegenüber der Vorkriegssterblichkeitsziffer von etwa 3500 pro Monat. Im November war die Zahl auf 9183 und in den ersten fünfundzwanzig Dezembertagen auf 39073 gestiegen. An jedem der vergangenen fünf Tage hatte man 113 bis 147 Leichen auf den Straßen eingesammelt. Die Sterblichkeitsziffer war besonders hoch bei Männern (71 Prozent der Gesamtzahl), über Sechzigjährigen (27 Prozent) und Babys (14 Prozent). Trotz der Verhaftung von 1524 »Spekulanten«, hieß es in dem Bericht, seien die Nahrungsmittelpreise auf den offiziell illegalen, doch in der Praxis geduldeten Straßenmärkten in unglaubliche Höhen gegangen. Ein Kaninchenfellmantel war ein Pud (16 Kilogramm) Kartoffeln wert, eine Taschenuhr anderthalb Kilo Brot, ein Paar Filzstiefel mit Überschuhen vier Kilo duranda. In den letzten sechs Dezembertagen starben weitere 13808 Bürger, womit die Gesamtzahl in diesem Monat bei fast 53000 lag.17
Die Entwicklung wurde auch in Berlin verfolgt. Der Nachrichtendienst der Wehrmacht und der Sicherheitsdienst des Reichsführers-SS (SD) lieferten regelmäßig Berichte über die Bedingungen innerhalb der Stadt, die sich auf Informationen von Spitzeln, Deserteuren und Kriegsgefangenen stützten. Am 24. November meldete der SD, die Ausbreitung von Krankheiten habe begonnen. Insbesondere Frauen seien wegen der Unzulänglichkeit oder des völligen Fehlens von Heizungen in Wohnungen und wegen beschädigter Fenster anfällig für schwere Rachenentzündungen. Die Sterblichkeitsziffer unter Kindern sei recht hoch, und es gebe Fälle von Abdominaltyphus und Fleckfieber, doch man könne noch nicht von einer Epidemie sprechen. Auch zahlreiche Fälle von Ruhr seien beobachtet worden.18
Vierzehn Tage später rühmte man sich in einem anderen Geheimdienstbericht, diesmal von Küchlers 18. Armee, erfolgreicher Artillerieangriffe auf ein Krankenhaus, ein Kulturhaus, das Mariinski-Theater, einen Lebensmittelspeicher, auf Straßenbahn-Rangiergleise und die Redaktion der Leningradskaja prawda. Gefangene und Verwundete würden nicht mehr von Bussen, sondern von Pferdewagen abgeholt, die freilich durch Mangel an Futter für die Tiere häufig nicht zur Verfügung stünden. Am gründlichsten widmete sich der deutsche Nachrichtendienst jedoch dem Beginn der Hungersnot. Die Zivilistenration sei, wie korrekt festgestellt wurde, seit Anfang September fünfmal gekürzt worden, und »die schlechte Organisation der Lebensmittelverteilung« bedeute, dass Kartenbesitzer oft weniger als ihren Anteil oder sogar gar nichts erhielten. Es komme vor, dass geschwächte Arbeiter in ihren Betrieben in Ohnmacht fielen. Auch die ersten Hungertode seien zu verzeichnen. Man dürfe schließen, dass in den kommenden Wochen eine weitere bedeutende Verschlechterung der Lebensmittelsituation für »die Petersburger Zivilbevölkerung« eintreten werde.19
Der Kunsthistoriker Nikolai Punin schrieb seinen letzten Tagebucheintrag des Belagerungswinters am 13. Dezember in den dunklen Zimmern des Scheremetjew-Palastes. Zuvor hatte er seine Sehnsucht zum Ausdruck gebracht, dass die Kirchen geöffnet und mit Gebeten, Tränen und Kerzen gefüllt würden, »um die kalte Eisensubstanz, in der wir leben, weniger fühlbar« zu machen. Nun verglich er Stalin mit dem eifersüchtigen Gott des Alten Testaments:
De profundis clamavi: Herr, rette uns … Wir gehen zugrunde. Aber Seine Größe ist so unversöhnlich, wie die Sowjetmacht unbeugsam ist. Da sie 150 Millionen [Menschen] besitzt, macht es ihr nichts aus, drei Millionen von ihnen zu verlieren. Seine Größe, die im Himmel ruht, schätzt das irdische Leben nicht so hoch wie wir … Wir, selber verlassen und hungernd, leben in der vereisten und darbenden Stadt. Ich kann mich nicht erinnern, dass der Schnee je so reichlich gefallen wäre. Die Stadt ist von Schneewehen wie von einem Leichentuch bedeckt. Sie ist sauber, da die Fabriken nicht arbeiten, und nur selten steigt Rauch aus den Schornsteinen der Wohnhäuser empor. Die Tage sind klar, und es könnte ein Leichtes sein, zu reisen, doch die Stadt ist begraben wie die Provinzen, weiß und knisternd …
Und alles ist einfach; niemand sagt etwas Ungewöhnliches. Sie sprechen über nichts anderes als Lebensmittelkarten – und auch über Evakuierung. Sie leiden schlicht und denken wahrscheinlich, dass sie vielleicht noch nicht an der Reihe sind.
Am stärksten empfinde ich die Einsamkeit nachts, genau wie die Sinnlosigkeit der Bitten und Gebete, und manchmal weine ich leise … Und es gibt keine Erlösung. Und man kann sich überhaupt keine vorstellen, es sei denn, man gibt sich Tagträumen hin. »Wir haben Ihm den Rücken gekehrt«, denke ich, »und Er hat ihn uns gekehrt.« Miserere, murmele ich und fahre fort: Das ist er, dies irae. Herr, rette uns.«20