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Die Volkswehr

»Und wie kommen Sie darauf, dass ich über den Krieg sprechen möchte?«, tadelte der achtzigjährige Ilja Frenklach, der heute in Israel lebt, seine Interviewerin sechs Jahrzehnte nach Kriegsende.

Sie wollen also die Wahrheit hören, von einem Soldaten, aber wer braucht die heute noch? … Wenn man die ganze Wahrheit über den Krieg sagt, wirklich ehrlich und aufrichtig, brüllen sofort Dutzende von Hurrapatrioten: »Verleumdung! Beleidigung! Lästerung! Gespött! Er wirft mit Schmutz!« … Aber das Gerede von politischen Organisatoren – »robust und heldenhaft, ohne viel Blutvergießen, mit starken Schlägen, unter der Führung kluger und gut vorbereiteter Offiziere …« – na ja, diese scheinheilige Sprache, die arrogante Prahlerei der halbamtlichen Presse verursacht mir immer Übelkeit.

Als Textilarbeiterlehrling bei Kriegsbeginn lernte Frenklach das Kämpfen nicht in der Roten Armee, sondern in der Leningrader narodnoje opoltschenije. Dies ist buchstäblich als »Volksaufgebot« zu übersetzen, doch meistens spricht man von »Volkswehr« oder »Volksfreiwilligen«. Die Volkswehr war zunächst das Ergebnis einer großen Welle des Patriotismus, der die Stadt nach dem deutschen Überfall erfasst hatte, doch sie wurde dann zu einem Mittel, mit dem die Leningrader Führung im Juli und August 1941 rund 70000 Leben vergeudete – und das für einen sehr unbedeutenden militärischen Zweck.

Die opoltschenije war keine sowjetische Erfindung. Reserveheere hatten dazu beigetragen, die Polen im Jahr 1612 und die Franzosen im Jahr 1812 zu besiegen. Und ihre Mitglieder waren, jedenfalls zu Beginn, keine Wehrpflichtigen. »Die meisten von uns«, erinnerte sich Frenklach,

stürmten leidenschaftlich und so schnell wie möglich in den Krieg … Als die Militärmedizinische Akademie Kandidaten für das Medizinstudium auswählte, wollte niemand diese super-elitäre Institution besuchen. Dafür gab es einen Hauptgrund: Es würde bedeuten, dass man die ersten Gefechte mit dem Feind verpasste … In meiner Kompanie war ein Komsorg [Komsomolfunktionär] vom Agrarinstitut. Er hatte Tuberkulose und hustete sogar Blut aus. Man bot ihm einen Posten in der Etappe an, doch er lehnte ab und fiel in einer der ersten Schlachten.1

Unter den Freiwilligen, die der Bezirkssowjet der Wassiljewski-Insel zurückwies, befanden sich laut Parteidokumenten »Professoren, Richter, Direktoren und einige offensichtliche Invaliden: Sergejew, dem der halbe Magen wegoperiert worden war, Luschik mit nur einem Bein und so weiter«.2

Der Romanschriftsteller Daniil Alschiz, inzwischen über neunzig Jahre alt und ein großer alter Mann des Petersburger literarischen Establishments, zählte zu den 209 Studenten der Leningrader Historischen Fakultät, die sich meldeten. Eine Waise des Stalinismus – sein Vater war in den dreißiger Jahren in die Verbannung geschickt worden –, glaubte er trotzdem an den Kommunismus. »Sehr wenige Familien«, erklärt er,

hatten nicht unter Stalin gelitten. Und wir Studenten ließen uns ohnehin nie von den fingierten Verfahren [den Schauprozessen von 1936/37] überzeugen. Aber Sie müssen verstehen, dass wir keine Feindschaft gegenüber der Sowjetherrschaft verspürten. Wir dachten, Stalin übertreibe die Beseitigung seiner Gegner einfach nur und die Umbildungen an der Spitze würden bald vorbei sein. Jeder begriff, dass Stalin und das Land nicht gleichzusetzen waren.

Weil Alschiz Deutschkenntnisse besaß, wurde er von seinen Freunden getrennt und als Dolmetscher ausgebildet, was ihn erbitterte. »Wir alle wollten zum Kämpfen an die Front fahren! Niemand wollte zurückbleiben!« Nach Lage der Dinge rettete die Verzögerung ihm das Leben, denn als er die Front im Spätseptember erreichte, wurde die Volkswehr bereits aufgelöst und nur dreißig seiner Kommilitonen waren noch am Leben.3

Was als spontane, aufrichtige Volksbewegung begonnen hatte, wurde rasch offiziell und nahezu obligatorisch. Später beschrieb ein Parteiorganisator in den Kirow-Werken diesen Übergang. Die ersten Personen, die sofort nach Molotows Rede über den deutschen Überfall an ihn herantraten, um sich an die Front schicken zu lassen, waren fünf Rote-Kreuz-Mädchen:

Sie waren die allerersten Mitglieder der Volkswehr (von den fünf wurden, wie ich weiß, drei bei Woronino getötet, und eine ertrank im Orodesch). Danach trafen Bewerbungen in großer Zahl ein. Am Sonntag und Montag erschienen alle paar Stunden Hunderte. Wir akzeptierten die Bewerbungen, schickten niemanden fort. Bis Ende Montag hatte alles solche Ausmaße angenommen, dass wir spezifischer reagieren mussten. Ich ging zum Genossen Werchoglas, einem Mitglied des Städtischen Parteikomitees, und fragte ihn: »Was soll ich mit all den Leuten machen?« Andere Betriebe waren in der gleichen Situation. Das Partkom antwortete nicht gleich, sondern forderte mich nur auf, weiterhin Bewerbungen anzunehmen. Sieben oder acht Tage später befahl man uns, eine Division für die narodnoje opoltschenije zu bilden.4

Am 27. Juni hatte Schdanow in Moskau um Genehmigung ersucht, eine opoltschenije zusammenzustellen, die einen Teil der Armeereserve ausmachen sollte. Am folgenden Tag billigte Schukow einen Plan, sieben Freiwilligendivisionen zur »Verstärkung« der Nordwestfront zu bilden, und das Vorhaben wurde am 30. Juni offiziell bekanntgegeben. Die Moskauer Stadtregierung schloss sich am 4. Juli mit einem ähnlichen opoltschenije-Vorschlag an – ein Pluspunkt für Schdanow, zumal sein Erzrivale Berija den Plan heftig abgelehnt hatte, da er sämtliche Zivilmilizen, wie die Polizei, unter der Kontrolle seines NKWD wissen wollte. In einer typischen Geste der Übertrumpfung erklärte Schdanow rasch, dass Leningrad nicht weniger Freiwillige stellen werde als die größere Stadt, und setzte ein (nie erreichtes) Ziel von 270000 Mann in fünfzehn Divisionen.5

Die ersten drei Leningrader opoltschenije-Divisionen mit 31000 Freiwilligen wurden vom 4. bis zum 18. Juli einberufen. Jede gründete sich auf einen Stadtbezirk, was bedeutete, dass Männer aus denselben Fabriken (und häufig aus denselben Familien) gemeinsam in den Einheiten dienen konnten. Die Mitglieder der 1. Division erhielten den Spitznamen kirowzy, nach den Kirow-Werken, deren rund 10000 Bewerber zwei Regimenter und drei Bataillone bildeten; das zweite Regiment der 2. Division bestand aus den skorochodowzy (»Schnellgeher«), nach dem Schuhwerkhersteller Skorochod. Die übrigen Soldaten der 2. Division kamen aus dem Kraftwerk Elektrossila. Insgesamt meldeten sich ungefähr 67000 Fabrikarbeiter, hauptsächlich Facharbeiter, die von der gewöhnlichen Einberufung freigestellt worden waren.6 Damit wurden nicht nur die besten Leningrader Industriearbeitskräfte abgeschöpft, sondern die Divisionen enthielten auch etliche Ingenieure, Wissenschaftler, Künstler und Studenten. Das Institut für Ingenieurwesen lieferte 900 Mann für die Volkswehr, das Bergbauinstitut 960, das Schiffbauinstitut 450, das Elektrotechnische Institut 1200. Von der Universität Leningrad wurden sieben Bataillone gestellt. Wie nicht überraschen dürfte, setzte sich ein unverhältnismäßig hoher Anteil der ersten Welle von opoltschenzy aus Kommunisten zusammen. Von den 97000 am 6. Juli verpflichteten Männern waren 20000 Parteimitglieder und weitere 18000 Angehörige des kommunistischen Jugendverbands Komsomol.7

Da es Schdanows überhöhte Sollzahlen zu erfüllen galt, wurde die Rekrutierung nun systematischer angegangen. Bezirkssowjets erhielten auf der Basis der verfügbaren Einwohner Quoten, die sie dann auf die örtlichen Fabriken verteilten. Betriebsleiter, die sich ins Zeug legten, um die Produktion auszulagern oder für Verteidigungszwecke umzuwandeln, versuchten mit allen Kräften, wichtige Mitarbeiter zurückzuhalten, und entsandten in manchen Fällen sogar Frauen anstelle von Männern. »Die Produktion«, erinnerte sich der für die Anwerbung in den Kirow-Werken zuständige Parteifunktionär, »wurde völlig entblößt.« Leitende Mitarbeiter »schlugen dem Direktor und dem Partkom [Fabrik-Parteikomitee] vor, einen Entscheidungsmechanismus dafür zu schaffen, wen man ziehen lassen solle und wen nicht. Aber natürlich brachen eine Menge Leute, die man nicht hätte gehen lassen sollen, trotzdem auf.«8 A.I. Werchoglas, Leiter der politischen Abteilung der opoltschenije und Mitglied des städtischen Parteikomitees, stachelte seine Agitatoren zu größeren Bemühungen an: »Ihr könnt nicht auf Patriotismus warten. Er muss gelehrt werden!« Sie sollten nicht »in warmen, gemütlichen Zimmern in der Zentrale herumlungern«, sondern »in die Fabriken gehen und den Menschen das Problem darlegen – sagt ihnen: ›Greift zu den Waffen!‹«9

Solchen Appellen zu widerstehen war schwierig, besonders nachdem Stalin die opoltschenija von Moskau und Leningrad in seiner Rundfunkrede vom 3. Juli gelobt hatte. »Ein Freiwilliger«, berichtete der Sowjet der Wassiljewski-Insel, »ein früheres Parteimitglied, beantragte zunächst die Freistellung, aber eine Stunde später kehrte er mit der Bitte zurück, seinen Antrag zurückzuziehen, weil er sich so sehr schäme.«10 Einem anderen, der Krankheit vorschützte, wurde mitgeteilt, dass seine Gesundheit »bedeutungslos« sei. »Wichtig ist die Tatsache, dass man sich freiwillig meldet und dadurch seine eigene politische Haltung deutlich macht.« Lichatschow allerdings verachtete die Heuchelei seiner Vorgesetzten im Puschkinhaus:

Alle Männer wurden registriert und nacheinander ins Büro des Direktors gerufen, wo L.A. Plotkin mit dem Sekretär der Parteiorganisation, A.I. Perepetsch, Hof hielt. Ich weiß noch, wie Pantschenko bleich und zitternd herauskam. Er hatte sich geweigert, denn er wollte nicht als Freiwilliger dienen, sondern als Soldat der regulären Armee … Man brandmarkte ihn als Feigling und behandelte ihn verachtungsvoll, doch ein paar Wochen später wurde er tatsächlich einberufen, wie er gesagt hatte. Er kämpfte als Partisan und fiel in den Wäldern irgendwo bei Kalinin. Plotkin dagegen, der alle anderen registriert hatte, ließ sich aus medizinischen Gründen freistellen. Im Winter entkam er »mit dem Flugzeug« aus Leningrad. Ein paar Stunden vor dem Abflug stellte er eine »gute Freundin« von sich, eine Englischlehrerin, im Institut ein und nahm sie ebenfalls mit ins Flugzeug.11

Offenbar wussten viele nicht, worauf sie sich einließen, und nahmen an, dass sie für die Zivilverteidigung, die Expertenarbeit oder für die Bürgerwehr, falls die Deutschen wirklich in Leningrad einmarschierten, herangezogen werden würden. Es war jedoch noch schwerer, aus der opoltschenije wieder herauszukommen, als die Anwerbung zu vermeiden. Zweiundfünfzig Schauspieler und Musiker versuchten, wie in den Parteiakten vermerkt wird, »die Ausrüstung mit Waffen abzulehnen« – vermutlich weil sie es für ihre Aufgabe hielten, die Soldaten zu unterhalten –, »aber Schritte wurden unternommen, um dieses Phänomen zu beenden«.12 Ein Genosse Ninjukow vom Botanischen Institut

wiederholte dauernd, dass seine Arbeit extrem wichtig sei, und bat darum, entlassen zu werden. Das Gleiche ereignete sich mit Nikulin und Denissow vom Geologischen Institut. Sie sind an ihren Arbeitsplatz zurückgeschickt worden, wo man Maßnahmen ergreifen wird. Parteimitglied Taiz erklärte: »Wenn das Regiment mich nicht in meinem Beruf als Ingenieur und Metallurg verwenden kann, möchte ich nicht im Regiment sein.« Die Liberalen vom Hauptquartier ließen ihn, statt ihm die erforderliche Ablehnung zu erteilen, zu seiner Fabrik zurückkehren. Und erst am 11. Juli leitete der Samkom [stellvertretende Kommissar] der politischen Abteilung des Regiments die notwendigen Maßnahmen ein.13

Gerüchte über potenzielle Kriegsdienstverweigerer dienten als Vorwand für groben Antisemitismus:

Swerdlin, ein Freiwilliger im 3. Bataillon des 2. Pionierregiments, ein Jude, hatte früher in einem Lebensmittelgeschäft gearbeitet. Er meldete sich freiwillig, stellte jedoch plötzlich fest, dass seine Einheit eine Kampfdivision war und an die Front geschickt werden sollte. Er geriet in Verzweiflung und gab bekannt, dass seine Frau bei seinem Eintritt in die opoltschenije versucht habe, sich zu erhängen, und erst im letzten Moment gerettet worden sei. Er wurde entlassen … Bei der Artillerie brach der Kommunist Brauman in Tränen aus, weil er Angst hatte, an die Front zu gehen … Komsomolmitglied Peterson wollte die opoltschenije verlassen, doch man machte ihm die Situation klar und schickte ihn zur Arbeit in die Küche.14

Solche Fälle von Abtrünnigkeit waren jedoch selten. Die meisten, wie (die Juden) Frenklach und Alschiz, wollten kämpfen oder es fiel ihnen leichter, sich einfach der Menge anzuschließen. »Es ist eine ungleiche Wahl«, wie Lidia Ginsburg es ausdrückte, »zwischen einer naheliegenden, einer offensichtlichen oder bekannten Gefahr (etwa der Unzufriedenheit eines Vorgesetzten) und jener anderen, deren Folgen noch weit entfernt liegen, noch nicht feststehen und vor allem nicht zu begreifen sind.«15

Nachdem die Behörden ihr Volksheer geschaffen hatten, behandelten sie es mit höchstem Argwohn. Da es aus einer echten Basisbewegung und nicht aus einem Parteidiktat hervorgegangen war, legten seine Mitglieder die unwillkommene Tendenz an den Tag, sich selbst zu organisieren sowie Vorschläge und Kritik laut werden zu lassen. Besonders schwer war es, der vielen tausend Freiwilligen aus der Intelligenzija Herr zu werden. Von den 2600 Mann des 3. Schützenregiments der 1. Division (rekrutiert aus dem mit Hochschulinstituten dicht besiedelten Dscherschinski-Bezirk) waren ungefähr 1000, wie die politische Abteilung besorgt anmerkte, »hoch kultivierte Typen – Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiter, Schriftsteller, Ingenieure« –, welche mit gebildeten Offizieren, die sie respektieren konnten, »durchsetzt« werden müssten. Gleichwohl sollten Ersuche, auf dem eigenen Fachgebiet arbeiten zu dürfen – etwa wenn Rundfunktechniker als Signaloffiziere und Bergbauingenieure als Pioniere dienen wollten – als »Ausdruck von Feigheit« behandelt werden, weshalb man das Regiment später von solchen »Meckerern« und »instabilen Elementen« befreite. In den beiden ersten opoltschenije-Divisionen wählten die Freiwilligen zunächst ihre Kompanieführer und »politischen Führer« – die als Politruks bekannten, auf Bataillonsebene tätigen Unterhaltungsoffiziere/Propagandisten/Spitzel – durch informelle Abstimmungen.16 Das war jedoch eine gefährlich demokratische Praxis, die rasch auf Befehl der Stawka ausgemerzt wurde. Aber auch die besten Bemühungen der politischen Abteilung reichten nicht aus, um die Freiwilligen dazu zu bringen, »sozialistische Wettbewerbe« mit anderen Einheiten zu veranstalten oder sich militärische Formalitäten zu eigen zu machen. »Hier sind zwei Beispiele«, klagte ein Politruk,

aus dem Schdanow- und dem Kirow-Regiment. Er war früher ein gewöhnlicher Arbeiter und ist nun Offizier. In seiner Einheit hat er zwei seiner früheren Vorarbeiter, und natürlich ist es schwierig, die Spitznamen Sascha, Wanja und Petja nicht mehr zu benutzen. Oder man nehme folgenden Vorfall. Ein Kommandeur gibt einen Befehl und sagt: »Wiederholen!« Und sein Untergebener erwidert: »Sascha, warum soll ich das wiederholen? Hältst du mich für dumm?« … Wir müssen unsere Befehlshaber zwingen, strenger zu sein.17

Hinter der Freiwilligkeit konnte sich auch Verrat verbergen, wie die Parteibosse fürchteten. Zum Beispiel entdeckte man, dass sich dreizehn Volksdeutsche und estnische »Ausländer« gemeldet hatten – genau wie ein ehemaliger Trotzkist, ein früher zu den Weißen gehörender Finne und mehrere spanische und österreichische Kommunisten. Alle wurden aus der opoltschenije entlassen, und man übergab ihre Personalien dem NKWD.18

Von der praktischen Seite gesehen, mussten die 110000 Freiwilligen, die sich bis zum 7. Juli gemeldet hatten,19 in Kasernen untergebracht, ausgerüstet und zum Kämpfen ausgebildet werden. Auf diesem Gebiet scheiterten die Behörden kläglich, wie aus dem freimütigen Berichten der Politruks hervorgeht. Die Freiwilligen der 1. (Kirow-)Division wurden am 4. Juli eingezogen und in behelfsmäßige Kasernen in Schulen, einem Krankenhaus, einem Fabrikwohnheim und einem Schlafsaal des Konservatoriums geschickt, wo sie sich mit Plätzen auf dem Fußboden oder mit Etagenbetten ohne Matratzen begnügen mussten. Wie die politische Abteilung bemängelte, trafen sie direkt von der Arbeit ein, betrunken nach den traditionellen Verabschiedungsritualen und ohne angemessene Bekleidung. Sie saßen mit nacktem Oberkörper in politischen Vorlesungen, hämmerten mit den ihnen gerade zugeteilten Gewehren auf Bettgestelle ein, um die Bajonette abzutrennen, versteckten Viertelliterflaschen Wodka in ihren Gasmasken und kauften Eiscreme von Händlern, die ungehindert kommen und gehen konnten, obwohl sie auch Spione hätten sein können. Am schlimmsten war, dass die Rekruten nicht ausgebildet wurden. Theoretisch sollten Freiwillige eine sechzehnstündige Grundausbildung erhalten, doch in Wirklichkeit war nicht einmal das der Fall, da sie keine Waffen und Munition für Anleitungszwecke besaßen und da es fast keine Ausbilder gab (einem Bericht zufolge nur einen einzigen für fünf- bis sechshundert Soldaten).20

Ohnehin hätte in der verfügbaren Zeit keine hinreichende Ausbildung stattfinden können. Am 7. Juli, nach drei Tagen in Kasernen und nach Massenversammlungen in ihren Fabriken, marschierten die Männer der Kirow-Division, mit Scharen von Ehefrauen und Kindern im Gefolge, durch die Straßen zum Witebsker Bahnhof, wo sie in Züge zur Front stiegen. Es war eine Theatervorführung, denn nach ein paar Stationen schickte das Oberkommando sie wieder zurück, damit sie ihre Grundausstattung abholen konnten. Insgesamt, erinnerte sich ein Freiwilliger,

brachen wir dreimal zur Front auf … Das erste Mal war am 7. Juli. Das Oberkommando schickte uns zurück, weil wir keine Ausrüstung hatten. Am 8. Juli trafen unsere Waffen ein und wurden verteilt. Wir starteten erneut, und unsere Uniformen wurden unterwegs ausgegeben. Dann mussten wir wieder umkehren. Am 9. waren wir endlich korrekt gekleidet und ausgerüstet: jeder mit seinem Gewehr und die Offiziere mit Karabinern.

Obwohl die 1. Division über Artillerie, Maschinengewehre und ein paar Maschinenpistolen verfügte, hatte sie keine Flugabwehrgeschütze, besaßen ihre Minenwerfer keine Visiere und waren einige der verteilten Gewehre vierzig Jahre alt. (»Meines war 1895 hergestellt worden«, erzählte ein kirowez. »Es war genauso alt wie ich.«)21 Die Division erreichte ihr Ziel – ein Eisenbahnstädtchen zwischen Luga und Nowgorod – schließlich am 11. Juli, und zwar während eines Luftangriffs.

Späteren opoltschenije-Einheiten erging es noch schlechter. Die 2. Division besaß ebenfalls keine Flugabwehrgeschütze, keine Automatikwaffen außer einem Maschinengewehr und hatte so unerfahrene Artilleristen, dass diese erst »in der Schlacht lernen [mussten], wie ihre Kanonen einzusetzen waren«. Die 3. Division, beschwerte sich Volkswehrbefehlshaber Generalmajor Alexej Subbotin bei Schdanow, hatte nur die Hälfte der für sie bestimmten Artillerie, keine Panzergranaten, keine Granaten oder Molotowcocktails, »keinen einzigen Minenwerfer«, nicht genug Kabel für Feldtelefone, nur ein paar Autos und Motorräder, aber auch kein Gewehröl, was bedeutete, dass die Waffen seit ihrer Übergabe nicht gesäubert worden waren. Trotzdem wurde die Division bereits am 15. Juli, dem Tag ihrer Einberufung, ausgesandt, um Befestigungen bei Leningrad zu bemannen.22

Die Freiwilligen sollten, wie sich in den internen Parteiunterlagen eindeutig nachvollziehen lässt, als Kanonenfutter benutzt werden. Bei einem Treffen mit seinen Kollegen in der Politischen Abteilung lobte Werchoglas die Vielfalt der Volkswehrangehörigen (»In unseren Einheiten sieht man einen Professor neben einem Studenten marschieren, einen Metallarbeiter und einen Gießereiarbeiter oder einen Architekten neben einem Bäcker Schießübungen machen«), aber er gab zu: »Da wir nicht viel Vorbereitungszeit haben, müssen sie ausgebildet werden, während sie kämpfen, und kämpfen, während sie ausgebildet werden.« Freiwillige sollten »nicht für Manöver, sondern nur für Verteidigungszwecke eingesetzt werden … weshalb sie in der Lage sein müssen, Granaten und andere primitive Abwehrmittel gegen feindliche Angriffe zu benutzen«.23 Vor allen anderen wurde die 2. Division in die Schlacht geworfen. Sie traf am 13. Juli an der Front ein und erhielt sofort den Befehl, deutsche Panzereinheiten von einem Brückenkopf jenseits der Noga, südöstlich von Kingissepp, zurückzuschlagen. Die 1. und die 3. Division folgten ihrem Beispiel eine Woche später, während sich die motorisierten Divisionen der Wehrmacht im Süden entlang der Noga-Linie ausbreiteten.

Das Ergebnis waren nahezu allgemeine Panik und Konfusion. Freiwillige – unbewaffnet, unausgebildet, erschöpft durch Nachtmärsche und schlaflose Tage, an denen sie sich vor Luftangriffen verbargen – flohen entweder oder gerieten in hoher Zahl in Gefangenschaft. So viele ließen ihre uralten Gewehre zurück, dass eine spezielle Kampagne unter den Parolen »Seine Waffe zu verlieren ist ein Verbrechen am Vaterland« und »Die Macht eines Soldaten ist seine Waffe« in Gang gebracht wurde. Die Massenflucht vor Panzern war so alltäglich, dass sie mit einem pseudomedizinischen Begriff belegt wurde: tankowaja bojasn (»Panzerphobie«). Werchoglas deutete seinen Untergebenen gegenüber sogar an, dass sie das Gerücht ausstreuen sollten, die Deutschen würden Attrappen benutzen:

Vor einigen Tagen wurde genau ein solcher Vorfall mit einem Feldstecher aufgedeckt. Eine mächtige Panzerkolonne näherte sich. Die Panzer stoppten, ein Offizier lehnte sich an eines der Fahrzeuge, und sein Ellbogen hinterließ eine Beule. Wie Sie wissen, können Ellbogen keine Beulen an richtigen Panzern verursachen. Durch dieses kleine Detail wurde die Wahrheit enthüllt: Die Panzer erwiesen sich als Imitationen.24

Ob mit einem solch absurden Versuch, irgendjemand davon zu überzeugen war, praktisch mit bloßen Händen Panzer anzugreifen, wissen wir nicht, aber es ist höchst unwahrscheinlich.

In der Schlacht wurden Freiwillige auf primitivste Art verheizt. Die russischen Angriffsmethoden, verzeichnete der deutsche Generalstabschef Halder in seinem Tagebuch, beschränkten sich auf dreiminütiges Artilleriesperrfeuer, wonach die Infanterie ohne Unterstützung durch schwere Waffen und unter unglaublich hohen Verlusten vorgeprescht sei.25 Einer jener Infanteristen war Frenklach. »Du bist so eingeschüchtert, dass deine Beine im Boden verwurzelt sind«, erinnerte er sich. »Es ist außerordentlich mühsam, dich aufzuraffen, dein Gewehr zu packen und loszulaufen. Wenn du einmal in Schwung bist, ist alles in Ordnung – lauf einfach vorwärts. Und es war nicht nur die Furcht, andernfalls in den Hinterkopf geschossen zu werden, die dich dazu brachte, sondern es lag an dem Rausch des Pflichtgefühls.«

Offiziere, die eine Schlacht überlebten, wurden den üblichen, auf Misstrauen gegründeten Schikanen ausgesetzt. Zum Beispiel befragte Werchoglas einen Politruk namens Michail Serogodski Ende Juli nach einem verhängnisvollen Zusammenstoß bei Kingissepp:

Serogodski: »Neunhundert von uns erreichten den Bahnhof, und sechshundert überstanden die dortigen Kämpfe.«

Werchoglas: »Wurden sie getötet, oder machten sie sich davon?«

Serogodski: »Einige liefen in Richtung Gdow, andere wurden getötet.«

Werchoglas: »Ich weiß genau, warum einige davonliefen – nämlich, weil Sie den Kopf verloren. Sie haben nicht begriffen, dass Sie führen müssen. Infolge Ihres Versagens rannten sie in animalischer Furcht davon.«

Die übrigen Männer der Einheit, fuhr Serogodski fort, hätten den Befehl erhalten, »sich als Partisanen zu betrachten«, wonach sie sich in Gruppen geteilt hätten und im Wald verschwunden seien.

Werchoglas: »Der Grund für Ihre Rückkehr aus der Etappe?«

Serogodski: »Es wurde sehr schwierig, Essen zu beschaffen. In den letzten drei Tagen bevor wir wieder mit unseren Einheiten zusammentrafen, ernährten wir uns von wilden Pflanzen. Wir gingen durch ein Kieferndickicht und lebten von Waldsauerklee. Extremer Hunger zwang uns, wieder zu unseren Linien aufzuschließen.«

Werchoglas: »Und Ihre Verluste waren wie hoch?«

Serogodski: »Schwer zu sagen. In unserer Abteilung sind noch 65 Mann. Es waren nicht nur Todesfälle – zweimal habe ich Männer zur Erkundung ausgeschickt, und sie kamen nicht zurück.«26

Zorn und Verzweiflung waren auch in den Bataillonsberichten zu erkennen, deren Sprache von dem üblichen politischen Jargon gereinigt war. Kommissar Mossejenko von der 1. Division erklärte am 21. Juli, warum seine Einheit hatte zurückweichen müssen:

Das Bataillon verteidigte sich gegen Minenwerferfeuer, konnte es aber nicht erwidern, weil es keine eigenen Minenwerfer hatte. Es gab keine Kommunikation mit dem Regiment, der Artillerie oder den eigenen Kompanien, weshalb die Artillerie ihre eigenen Soldaten in ihren eigenen Schützengräben beschoss. Die 1. Kompanie setzte die 3. Kompanie desselben Bataillons dem Feuer aus.27

Ein anderer Offizier der 1. Division klagte über den Mangel an Sanitätsdiensten:

Nicht nur mit Medikamenten steht es schlecht, sondern wir haben auch gar keine chirurgischen Geräte. Wenn die Verwundeten operiert werden müssen, können wir ihnen nicht helfen. Es gibt keine Ärzte, keine Instrumente, keine Krankenschwestern. Wir haben die Mädchen vom Roten Kreuz – sie sind Heldinnen, gewiss, aber das nützt ihnen auch nicht sehr viel. Es fehlt uns an Sanitätskästen. Wir haben keine Ersatzbestände, nur das, was die Soldaten schon in ihren Rucksäcken mitschleppen, das ist alles. Ein Fläschchen Jod pro Rucksack … Was soll ich über medizinische Transportmittel sagen? Wir sollten über 380 Lastwagen verfügen, und wir haben 170. Es gibt keine ausgebildeten Ärzte.

Es sei kein Wunder, dass Offiziere ihre Situation oft unerträglich fanden:

Ein unangenehmer Vorfall ereignete sich. Der Kommandeur des 1. Kirow-Regiments erschoss sich. Der Grund war anscheinend Feigheit, Angst davor, dass [das Regiment] nicht ausreichend bewaffnet sei. Fünfzehn Minuten vorher soll er eine vortreffliche Rede [vor den Soldaten] gehalten haben, dann sei er hinausgegangen und habe sich erschossen. Man hat den Soldaten seine Handlungen nicht erklärt, sondern ihnen mitgeteilt, er sei von Saboteuren ermordet worden.28

Ein Oberleutnant erwiderte auf die Frage, weshalb er auf eigene Initiative einen Rückzug angeordnet habe: »Ich weiß nicht, wie man sich als Offizier verhält, und ich wollte nicht, dass eine Menge Menschen meinetwegen getötet werden.« Dann brach er in Tränen aus.29 Ein Maschinengewehrschütze hinterließ eine knappe Notiz: »Ich habe beschlossen, mir das Leben zu nehmen. Es ist zu schwierig in der Kompanie. Unterschrift: Kompaniehauptfeldwebel Smirnow.«

Am 16. Juli ordnete das Oberkommando die Schaffung von vier weiteren opoltschenije-Divisionen an, die letztlich weitere 41446 Freiwillige umfassten. Die Bewerbungskriterien wurden gelockert, damit man auch die sogenannten Freifahrer, Brillenträger und die Söhne von »Volksfeinden« einziehen konnte. Außerdem erweiterte man die Altersgrenzen von achtzehn auf siebzehn und von fünfzig auf fünfundfünfzig Jahre. Die eindrucksvolle neue Bezeichnung »Gardedivisionen« konnte die Tatsache nicht verbergen, dass sie noch schlechter ausgerüstet waren als ihre Vorgängerinnen. Beispielsweise besaß das 3. Schützenregiment der 1. Gardedivision 791 Gewehre, 10 Scharfschützengewehre und 5 Revolver für 2667 Soldaten.30 Die Ausbildung war wiederum unsäglich schlecht oder gar nicht existent (»Wir bringen ihnen bei, mit Steinen zu kämpfen«, jammerte ein Ausbilder). Infolge der Verschwendung der vergangenen drei Wochen gab es bereits einen akuten Mangel an erfahrenen Offizieren; von den 781 Offizieren der Ersten Gardedivision zählten nur 82 als »Kader«, waren also Berufssoldaten. Um Offiziere für die 2. Gardedivision zu finden, mussten Kommissare in den unbesetzten Sowjetgebieten Ausschau halten und Männer aus so fernen Gegenden wie dem Ural herbeiholen.31

Die neuen Divisionen wurden dem gleichen Blutbad ausgeliefert wie ihre Vorgängerinnen. Nachdem die 1. Gardedivision am 11. August an der Front angelangt war, wurden ihre Befehle dreimal geändert, was dazu führte, dass mehrere Regimenter innerhalb von vierundzwanzig Stunden siebzig Kilometer marschieren mussten. Danach traten sie, obwohl es ihnen an Patronen und Granaten mangelte, sofort in Aktion. Man könne nicht mehr Munition aus dem Hinterland heranschaffen, meldete ein hoher Offizier der Politischen Abteilung Schdanow nach einer Fahrt an die Front, weil die Division über keinen Tanklaster verfüge und gezwungen gewesen sei, 390 Pferde wegen des Fehlens von Zaumzeug und Karren zurückzulassen. Auch könnten die Verwundeten nicht vom Schlachtfeld geholt werden, da die Sanitätseinheit nur vier Lastwagen besitze. Die »hohen Tiere«, die das Divisionshauptquartier aufsuchten, seien eher ein Hemmnis als eine Hilfe:

Jeder von ihnen glaubt, es sei seine Pflicht, einen Befehl oder Rat zu erteilen. Ein typisches Beispiel: Der Divisionskommandeur fand erst heraus, dass das 2. Schützenregiment am Abend des 12. August einen Angriff ausführen sollte, nachdem der Befehl bereits unter Leitung eines Generalmajors vom Gruppenhauptquartier vollzogen war. Im Gespräch mit mir erklärten sowohl Generalmajor Schtscherbakow als auch Brigadekommissar Kulotschkin: »Jeder gibt Befehle, aber niemand ist wirklich hilfreich.«

Auf einer langen Liste angeforderter Nachschubmaterialien standen Wasserwagen, eine Ambulanz und ein mobiles Feldlazarett; außerdem benötigte man zwanzig weitere Offiziere und Politruks von mittlerem Rang, die zurückweichende Freiwillige zusammentrommeln und anspornen sollten.32

Die 2. Gardedivision wurde am 12. August bei Gattschina an die Front geschickt und zwei Wochen später in Stücke geschlagen. Während der Schlacht, berichtete Regimentskommissar Nabatow, seien mehrere Punkte deutlich geworden:

A. Einige Soldaten wissen nicht, wie man mit Gewehren und Granaten umgeht. Dies trug während der Kämpfe zur Zerstreuung unserer Kräfte bei.

B. Eine Reihe von Soldaten waren schlecht getarnt, da sie Befehle, Gräben für sich auszuheben, nicht befolgt hatten. Auf Grund dessen erlitten wir hohe Verluste durch Artilleriefeuer und Minenwerfer.

C. Bei Gegenangriffen versuchten Soldaten, dicht beieinander zu bleiben, statt in angemessener Formation auszuschwärmen. Das bedeutete weitere Verluste.

D. Soldaten erkennen ihre Nachbarn weder auf der linken noch auf der rechten Seite. Da sie ihre eigenen Kameraden für den Feind halten, meinen sie, eingekesselt zu sein.

E. Mehrere Einheitskommandeure kennen ihre eigenen Soldaten nicht beim Namen.

F. Manche Soldaten ahnen nicht, wie ihr Sanitätskasten zu benutzen ist. Dadurch verbluten einige, die sich relativ geringfügige Wunden zugezogen haben, bevor sie zu einer medizinischen Versorgungsstelle gebracht werden können.

Zwischen den Gemetzeln wartete die durchnässte und hungrige Division Sommerstürme in halb ausgehobenen Schützengräben ab (»Wir plätscherten herum«, meinte Frenklach, »wie Nilpferde im Zoo«). Einheiten flehten um Segeltuch, Zelte, Feldküchen, Unterwäsche, Rasiermesser, Essensgeschirr, Wasserflaschen, Schaufeln, Schanzgerät, Helme und vor allem um Fahrzeuge, Kommunikationsgeräte, Waffen (die 3. Gardedivision hatte nur drei Gewehre für jeweils vier Freiwillige) und Männer, die sie benutzen konnten. »Die Mehrheit der Freiwilligen«, meldete ein Politruk eines Bataillons der 4. Gardedivision, die zur Unterstützung der ausgeweideten 2. Division entsandt worden war,

ist unausgebildet oder nicht gut genug ausgebildet, um zu schießen. In einigen Fällen sind sie nicht imstande, ihre eigenen Gewehre zu laden, und ihre Offiziere müssen dies für sie tun … Von 205 als Maschinengewehrschützen verzeichneten Männern waren nur 100 tatsächlich mit Maschinengewehren vertraut, und die übrigen erwiesen sich als Gewehrschützen. Eine Gruppe von »Pionieren« enthielt weitere Gewehrschützen und gewöhnliche Arbeiter, doch keinen einzigen Sprengstoffexperten … Auch haben sie kein Werkzeug zur Reparatur von Waffen, weshalb der schlichte Bruch des Schlagbolzens eines Maschinengewehrs zur Folge hat, dass die Waffe nicht benutzt werden kann.33

Die Entscheidung, die Überreste der opoltschenije offiziell abzuwickeln, wurde am 19. September getroffen, und die Überlebenden hatten sich bis zum Monatsende der Roten Armee angeschlossen. Etwa 135400 Personen, darunter eine erhebliche Zahl weiblicher Hilfskräfte, hatten in der Volkswehr gedient.34 Einer offiziellen Schätzung der Verluste kam Schdanows Stellvertreter Alexej Kusnezow am nächsten, der im folgenden Jahr in Smolny erklärte, dass nicht weniger als 43000 Leningrader Freiwillige in den ersten drei Kriegsmonaten getötet, gefangen genommen worden oder verschollen seien. Dies ist höchstwahrscheinlich zu niedrig gegriffen. Der Anteil an Vermissten in der 1. und 2. Division sowie in der 2. und 4. Gardedivision, die alle vor ihrer offiziellen Abwicklung praktisch ausgelöscht worden waren, war viel höher, und Andeutungen gegenüber westlichen Journalisten bei Kriegsende lassen Verlustraten von bis zu 50 Prozent vermuten.35

Hatte sich das Opfer gelohnt? Die herkömmliche Interpretation besagt, dass die opoltschenije, obwohl schlecht ausgebildet und ungenügend ausgerüstet, die Luga-Linie ein paar entscheidende Wochen lang gehalten und damit Zeit für die Verstärkung der inneren Verteidigung Leningrads herausgeschlagen hätte. Die Freiwilligen hätten nicht als voll ausgebildete Soldaten gelten können, ließ der Direktor der Kirow-Werke den Journalisten Alexander Werth 1943 wissen, aber ihre Energie sei enorm und ihr Kampf ausschlaggebend gewesen.36

Heutige Historiker sind keineswegs so sicher, sondern sie machen eher den Regen und den Widerstand der regulären Roten Armee für die kurze, Ende Juli eintretende Pause in Leebs Vormarsch verantwortlich. Selbst wenn die Freiwilligen – verstört, unbewaffnet, führungslos – auf dem Schlachtfeld etwas ausgerichtet hatten, bedeutete ihr Verlust unzweifelhaft eine unglaubliche Verschwendung von fähigen und qualifizierten Kräften, besonders angesichts des baldigen Bedarfs der Roten Armee an Offizieren. (Bis Ende September 1941 hatte die gesamte Rote Armee erstaunliche 142000 ihrer 440000 Offiziere eingebüßt. »Im Grunde liegt die Schuld«, berichtete General Fedjuninski über eine gescheiterte Aktion außerhalb von Leningrad im Oktober, »bei der schwachen Führerschaft durch die Offiziere der Züge und Kompanien, die in einigen Fällen schlichter Feigheit gleichkam.«37) Der Militärhistoriker Antony Beevor äußert sich vernichtend: »Die Vergeudung von Leben war so schrecklich, dass sie schwer zu begreifen ist: Ein Massaker, dessen Sinnlosigkeit vielleicht nur durch den Zulu-König übertroffen wird, der ein Impi [Regiment] seiner Krieger über eine Klippe marschieren lässt, um ihre Disziplin zu beweisen.« Noch kritischer urteilt der opoltschenije-Überlebende Frenklach:

Es gibt Momente, deren ich mich bis heute schäme. Wir gaben wiederholt Fersengeld und ließen unsere Verwundeten im Stich. Alle hatten Angst, während eines Rückzugs verwundet zu werden, denn wer nicht gehen konnte, hatte keine Aussicht, von Krankenträgern gerettet zu werden. Die einzige Chance bestand darin, sich von einem Freund helfen zu lassen. Nach dem Krieg dachte ich lange über 1941 nach und analysierte die damalige Situation. All die Märchen über das Massenheldentum – sie sollten den Schriftstellern und den Politruks auf dem Gewissen liegen. Natürlich gab es einige Helden, aber andererseits hatten wir es auch mit Mengen von Soldaten zu tun, die in Panik gerieten und flohen. Es war ein völlig ungerechtfertigtes, sinnloses Opfer nach dem Belieben unseres idiotischen Oberkommandos.38

Das letzte Wort sollte Stalin gehören. Um Woroschilow, der eine höhere Position ausgeschlagen hatte, zu erniedrigen, verbreitete er im April 1942 eine Notiz an das Zentralkomitee, in der er die Schwächen des Genossen (betont nicht des Marschalls) Woroschilow aufzählte. Zum Beispiel sei dieser, während er die Nordwestfront befehligte, »durch die Schaffung von Arbeiterbataillonen abgelenkt [worden], die schlecht bewaffnet (mit Schrotflinten, Spießen, Dolchen und so weiter) waren, während er die Artillerieverteidigung der Stadt vernachlässigte«.39 Woroschilow war ein schlechter Mensch und ein schlechter Soldat, aber die Katastrophe der Leningrader Volkswehr konnte nicht nur ihm angelastet werden. Schließlich hatte er sein Handwerk im Politbüro erlernt, dessen Überlebensfähigkeit sich darauf gründete, die Wünsche Stalins vorauszuahnen.