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Anton Iwanowitsch ist wütend

Wer im Winter 1941/42 den Newski-Prospekt hinunterging, begegnete einer seltsamen Erinnerung an das Leben der Friedenszeit. Etliche Werbezettel für eine Filmkomödie, die bei Kriegsbeginn ihre Premiere hätte feiern sollen, klebten mit großen schwarzen Buchstaben an den Laternenpfählen. Ihr Titel war Anton Iwanowitsch ist wütend.

Wie wütend waren die Bürger von Leningrad, und warum mündete ihre Wut nie in eine offene Revolte? In gewisser Weise ist dies eine unsinnige Frage, denn wie andere Sowjetbürger empfanden auch die Leningrader Loyalität gegenüber ihrem Land, wenn auch nicht unbedingt gegenüber dem Bolschewismus; sie hassten und fürchteten die Deutschen und waren zu erschöpft und geschwächt, um an mehr als ihr eigenes Überleben zu denken. Doch andererseits ist es auch ein Rätsel. Hunderttausende hatten bereits vor dem Krieg – und durch die Taten ihrer eigenen Regierung – Unterdrückung und Verarmung am eigenen Leibe erlebt; nun waren fast alle entweder selbst dem Hungertod nahe oder schauten hilflos zu, wie Angehörige und Freunde um sie herum starben. Zudem waren die Scheinheiligkeit und Ungleichheit des Sowjetlebens ausgeprägter denn je. Die Menschen sahen mit eigenen Augen, dass die Lichter in Regierungsgebäuden nicht ausgingen, dass die Korruption blühte und die Kinder ihrer Vorgesetzten genug zu essen bekamen, während die eigenen hungerten. Moskau war abgetrennt, die einfachen Polizisten litten genauso unter der schlechten Ernährung wie die übrigen Bürger – was also hatten sie noch zu verlieren? Brotmangel, ein katastrophaler Krieg und Zorn auf die Unfähigkeit der Regierung hatten den Februaraufstand von 1917 ausgelöst. Warum wiederholte er sich nicht ein Vierteljahrhundert später?

Die Nationalsozialisten hatten eigentlich damit gerechnet. Ihre Zuversicht, dass die Nachricht vom Einmarsch einen sofortigen antibolschewistischen Volksaufstand entfachen würde, hielt noch eine Weile an. Vor allem überschätzten sie die Bedeutung des russischen Antisemitismus beträchtlich, und die kleinsten Anzeichen dafür standen ganz oben in den Berichten der Nachrichtendienste, die SS und Wehrmacht über die Bedingungen in »Petersburg« erhielten. Erstaunlich ungeschickt war auch die russischsprachige Propaganda der Deutschen, die gleichzeitig die »jüdisch-stalinistische« Sowjetregierung anprangerte und mit der Unbesiegbarkeit und Gnadenlosigkeit der Wehrmacht prahlte (»Aufgefressen sind die Linsen – Leningrad geht in die Binsen«; »Wir bombardieren heute, ihr sterbt morgen«).1 Der militärische Geheimdienst korrigierte sich im Herbst, indem er einräumte, dass die »jüdische Frage« zwar zunehmend aktiv von Leningradern diskutiert werde, dass es aber keine Hinweise auf einen organisierten Widerstand gegen die kommunistischen Behörden gebe. Über der Stadt abgeworfene Flugblätter würden nicht von Hand zu Hand weitergereicht, sondern für den künftigen Gebrauch versteckt, falls Leningrad aufgegeben wurde. Zwölf Tage später hieß es in einem weiteren Bericht, die öffentliche Stimmung sei fieberhaft und besorgt, doch die rote Regierung habe die Bevölkerung, mit Hilfe von Terror und heftiger Propaganda, in der Hand und ein organisierter Aufstand sei nicht zu erwarten.2

Der SS-Sicherheitsdienst (SD) dagegen klammerte sich länger an sein Wunschdenken und gab jedes finstere Gerücht und jede antisemitische Anekdote weiter. (In einer weigerten sich russische Kriegsgefangene laut dem SD, deutschen Befehlen zu gehorchen und jüdische Gefangene lebendig zu begraben. Daraufhin hätten die deutschen Soldaten die Juden aufgefordert, den Russen das Gleiche anzutun, und die Juden hätten, »ohne zu zögern«, zu ihren Schaufeln gegriffen. So seien die Deutschen fähig gewesen, den russischen Kriegsgefangenen den »wahren Charakter des Judaismus« vorzuführen.3) Mitten im Winter sahen beide Dienste jedoch ein, dass der russische Widerstand durch die Rücksichtslosigkeit der deutschen Besatzung verstärkt wurde. Deserteure hätten früher zwischen Nationalsozialisten und deutschen Regimegegnern unterschieden, doch nun bezeichneten sie sämtliche Deutsche als Barbaren, die man vernichten müsse.4 Im Mai 1942, als man Nachrichten über Leningrad in Berichte über die besetzten Gebiete im Allgemeinen einbezog, war jegliche Hoffnung auf einen Aufstand verflogen.

Allerdings irrten die Deutschen nicht, wenn sie eine wütende Bevölkerung in Leningrad vermuteten. Die öffentliche Meinung zu ermessen ist schwierig, doch aus den Tagebüchern geht hervor, dass die Leningrader genauso über die Inkompetenz, Gefühllosigkeit, Heuchelei und Unehrlichkeit ihrer eigenen Funktionäre klagten wie über den fernen, unpersönlichen Feind. Die besten Indizien für das, was gewöhnliche Bürger über ihre Regierung dachten, sind paradoxerweise in den offiziellen Unterlagen zu finden. Im Gegensatz zu anderen Diktatoren machten Stalin und seine Statthalter nie den Fehler, zu glauben, sie würden geliebt – vielmehr witterten sie ein Komplott an jeder Ecke. Von dieser Paranoia abgesehen, waren die Berichte, die Schdanow alle paar Tage vom Chef der »Anleiterabteilung« des städtischen Parteikomitees erhielt, bemerkenswert komplex; in ihnen wurden belauschte Gesprächsfetzen zu recht abgerundeten Zusammenfassungen der Probleme der Leningrader verarbeitet. Man verzeichnete Alter, Geschlecht, Volkszugehörigkeit, sozioökonomischen Status jedes aufmüpfigen Sprechers, übermittelte dem NKWD die Details jedoch nur, wenn es sich um eine offenkundig politische Kritik handelte. Militärzensoren, die Privatbriefe an die Front abfingen, behielten den Anteil im Auge, der »negative Mitteilungen« enthielt (er stieg von sechs bis sieben Prozent Anfang Januar 1942 auf zwanzig Prozent am Monatsende).5 Schreiben von Mitgliedern der Bevölkerung direkt an Schdanow wurden auf ähnliche Art nach Themen geordnet, wonach man die Gesamtzahl für jede Kategorie monatlich berechnete.6 Zwar blieben die Befehle, die Schdanow als Reaktion auf diese Datenmasse erteilte, oft unausgeführt, doch er war stets auf dem Laufenden.

Die Unterstützung der Behörden stieg und fiel im Einklang mit der Größe der Rationen und dem Fortschritt an der Front. Die Welle des Patriotismus, die Leningrad nach dem deutschen Einmarsch erfasste, war kurzlebig und wurde im Herbst, als die Stadt dem Sturz nahe zu sein schien und als die Bonzen mit Flugzeugen flüchteten, von Furcht und Verachtung verdrängt. »Nur mit Abscheu denken wir an die Bürgerin Napalkowa«, schrieb der Archivar Georgi Knjasew am 29. November 1941 über eine Kollegin:

Vor kurzem noch agitierte sie einen müde gewordenen »Schlappschwanz von Intelligenzler« und predigte, jeder Leningrader müsse auf der Hut und bereit sein, dem Feind eine Abfuhr zu erteilen … Noch wenige Stunden vor ihrem Abflug ließ sie kein Wort verlauten, daß sie die Stadt, ihre Kollegen und die Genossen in der Partei verlassen würde.

Dieser Vorfall ist um so betrüblicher, als die Napalkowa in die Akademie und ihre Parteiorganisation nach so vielen Fiaskos gekommen war und sich die feste Position (und sogar Achtung) eines standhaften, zuverlässigen Parteimitglieds erworben zu haben schien.

So verhalten sich diejenigen, die groß von Selbstaufopferung, Heldentaten und Heldentum reden.7

Ebenfalls im Herbst 1941 erreichte ein Phänomen, das allerdings nie so verbreitet war, wie die Deutschen annahmen, seinen Höhepunkt: die Abstempelung der beträchtlichen jüdischen Minderheit Leningrads (knapp über sechs Prozent seiner Vorkriegsbevölkerung) als Sündenbock. Am 1. September wurde Irina Selenskaja, eine leitende Angestellte im Lenenergo-Kraftwerk, durch »ein Aufblitzen des Antisemitismus« bei einem »groben, vulgären Mädchen« in der Kantine schockiert. Überall, schrieb sie beunruhigt, werde »in Ecken gemurmelt, wirft man Parteimitgliedern schiefe Blicke zu, herrschen Misstrauen und Feindseligkeit – all das könnte in eine schreckliche Explosion münden«.8 Im Russischen Museum war das Personal nach Aussage der (eindeutig antisemitischen) Anna Ostroumowa-Lebedewa »von Empörung über das Verhalten der Juden erfüllt … Als in einer Sitzung um Freiwillige gebeten wurde, sprachen sie sehr inbrünstig und patriotisch, doch in der Praxis gelang es ihnen ausnahmslos, sichere Plätze für sich selbst zu finden.«9 Statt die Deutschen anzugreifen, so scherzte man über die zahlreichen Leningrader Intelligenzler, die nach Zentralasien evakuiert wurden, stürmten die Juden Taschkent.

Der Zuspruch für die Behörden stieg im Dezember mit dem Sieg in der Schlacht um Moskau, sank jedoch wieder im Januar 1942, als die Belagerung durch Sowjetoffensiven nicht aufgehoben werden konnte und als versprochene Rationserhöhungen nicht eintrafen. Die Bekanntgabe der Erhöhung war am 25. Dezember mit wildem Jubel begrüßt worden: »Sie haben unsere Brotzuteilung angehoben. Mama und ich weinten vor Freude … wir sind so glücklich, dass ich nicht schreiben kann!«, teilte eine Frau ihrem Mann an der Front mit.10 Vera Inber erfuhr durch ihre Putzfrau davon, die gesehen hatte, wie ein Mann aus einem Brotladen wankte und dabei »weinte, lachte, sich an den Kopf griff«.11 Die Bekanntgabe war jedoch nur ein Propagandatrick; in Wirklichkeit wurden noch weniger Lebensmittel verteilt als vorher. Am 29. Dezember reihte sich Iwan Schilinski um sechs Uhr in die Schlange vor seinem verhassten Laden Nr. 44 in der Moskowskaja-Straße, wo amerikanisches Büchsenfleisch angeliefert werden sollte. Als man den Laden dreieinhalb Stunden später im Morgengrauen öffnete, entdeckte Schilinski, dass es nur genug Fleisch für zweihundert Personen gab. Da er die Nummer 233 hatte, entschied er, dass sich das Warten nicht mehr lohne, und kehrte mit leeren Händen heim. An jenem Tag bestand die einzige Mahlzeit, die seine Frau und er zu sich nahmen, aus fünfzig Gramm Brot und einem Teller »Suppe« aus heißem Wasser, Brotkrümeln und Baumwollsamenöl. Zwei Tage nach Neujahr bildeten sich um ein Uhr morgens Schlangen, die bald außer Kontrolle gerieten. »Warteschlangennummern«, schrieb er,

werden niedergeschrieben und ausgeteilt. Wer seine erhalten hat, eilt davon, um sich aufzuwärmen. Aber andere, die später eingetroffen sind, drängen sich manchmal vor, indem sie neue Nummern aufschreiben … Es wird sechs Uhr, doch der Laden bleibt geschlossen. Ebenfalls um sieben und acht. Dann um neun, wenn ihr der Sinn danach steht, macht die Geschäftsführerin endlich auf, und alle schieben sich hinein, bis der Laden zum Bersten voll ist. Sämtliche Scheiben vor der Kasse sind zertrümmert worden, man hat die Tresen beiseitegeschoben und so weiter.

Die Geschäftsführerin hat früher auf dem Markt Gemüse aus einem Korb verkauft. Ihr einziges Verdienst ist, soweit ich es beurteilen kann, ihr Parteiausweis. Statt den Nachschub zu verbessern, verbringt sie ihre Zeit damit, Freunde am Hintereingang zu bedienen. Das ganze 25. Milizrevier erhält seine Rationen dort hinten, ohne Schlange stehen zu müssen. Dort braten die Polizisten das neu gelieferte Fleisch und trinken Wein dazu … Der Laden liegt in einer Seitenstraße, weshalb er nie inspiziert wird. Aber was könnte ein Inspekteur tun? Er hat ebenfalls Hunger und würde seinen eigenen Vater für ein Stück Fleisch verkaufen.12

Auch an diesem Tag musste Schilinski auf jegliche Nahrung verzichten, obwohl er von fünf bis neunzehn Uhr gewartet hatte.

Der Effekt derartiger Erfahrungen auf die öffentliche Meinung war vorhersehbar. »Während sich die Stimmung der Stadtbevölkerung in den ersten Tagen nach dem Anstieg der Brotnormen verbesserte«, stand in einem Parteibericht vom 9. Januar, »lassen große Teile der Bevölkerung seit Kürzerem Verzweiflung und Depression erkennen. Das ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass noch keine Lebensmittel auf die Januarkarten ausgegeben worden sind und dass viele Menschen nicht einmal Fleisch, Zucker oder Getreide für das letzte Drittel oder die letzten zwei Drittel des Monats Dezember haben abholen können.« Als typisch galt der folgende Wortwechsel zwischen zwei Frauen, die vor einem Laden am Internationalen Prospekt warteten:

»Im Rundfunk hören wir immer, dass die Bevölkerung von Leningrad tapfer und heldenhaft alle Not erträgt. Aber was kostet diese Tapferkeit? Täglich sterben immer mehr Menschen an Hunger! Der Tod – das ist das Ende unserer Tapferkeit. Weiß die Regierung, wie viele Menschen sterben?«

»Offensichtlich hat unsere Regierung nicht genug Lebensmittel für uns. Gewöhnliche Menschen sterben, aber niemand aus der Regierung stirbt. Sie sind gut genährt, sie machen sich nichts aus uns.«

Andere Personen, die in Hörweite in der Schlange standen, hätten den Frauen nicht widersprochen, sondern mitfühlend geschwiegen. Kurz darauf habe der Geschäftsführer bekanntgegeben, dass er nichts verkaufen könne, woraufhin die Menge wütend aufgebrüllt habe. Der Mann habe den Menschen geraten, zum Bezirkssowjet zu gehen, wo »es Leute gibt, die etwas tun sollten«.

Auch eine Rationserhöhung um fünfzig Gramm für Nichthandarbeiter vom 24. Januar erwies sich als illusorisch. Während Mehl mittlerweile ziemlich regelmäßig über die Eisstraße eintraf, war die Wasserversorgung der Bäckereien zusammengebrochen, weshalb Ende Januar und Anfang Februar mehrere Tage lang fast kein Brot verteilt wurde. Als der Geschäftsführer eines Brotladens am Sowetski-Prospekt verkündete, er habe nur genug Brot für ein paar Dutzend Menschen, explodierte die Menge vor Raserei und schrie: »Sie tun mit uns, was sie wollen! Gestern haben sie die Ration erhöht, und heute nehmen sie das ganze Brot weg!«; »Sie stehlen uns unsere letzten Rationen. Was wollen sie wirklich? Dass wir alle wie Tiere sterben!«; »Sie stopfen uns den Mund mit diesen fünfzig Gramm, aber man muss fünf Stunden in der Kälte anstehen, um sie zu bekommen!«; »Es herrscht Krieg, und deshalb denken sie, dass auch Zivilisten sterben sollten!«13 Ein Buchhalter im Komödientheater wurde bei der Aussage belauscht: »Die Menschen sterben, aber Schdanow wird Kakao ans Bett gebracht.« Beunruhigenderweise ist sein Name in Schdanows Exemplar des Berichts unterstrichen.14

Am 13. Januar erklärte Pjotr Popkow, der Vorsitzende des Stadtsowjets, in einer Rundfunkrede, das Schlimmste sei vorbei und die Lebensmittelversorgung verbessere sich. Ein Ingenieur hielt solche Äußerungen zu Recht für »leere Worte mit dem Ziel, die Bevölkerung zu beschwichtigen«.15 Tatsächlich hatte Popkows Rede den gegenteiligen Effekt. Die Bemerkungen aus der Menge vor einem Laden auf dem Platz der Diktatur des Proletariats (passenderweise zu »Platz der Diktatur« abgekürzt) fielen bissig aus: »Natürlich hat Popkow genug zu essen – er hat leicht reden. Ich möchte, dass er hierherkommt und sieht, wie wir frieren«; »Dauernd sagen sie, dass die Dinge besser werden. Aber wie denn eigentlich? Ich warte seit vier Stunden auf Brot, und kein Anzeichen davon ist zu erkennen«; »Schöne Worte von Popkow – er ist satt und füttert uns mit Versprechen«; »Bald werden sie uns auf den Friedhof in Wolkowo evakuieren«.16 Die Schülerin Klara Rachman hörte die Rede im Radio ihrer Familie: »Er sagt, dass die ganze Geschichte nur noch ein paar Tage dauern wird; bald soll alles besser sein. Aber wann? Wahrscheinlich, wenn wir schon ins Gras gebissen haben.« Gerüchte gingen um, Popkow sei wegen Sabotage verhaftet worden; man werde Leningrad zur »offenen Stadt« erklären; Stalin führe geheime Friedensverhandlungen oder sei nicht mehr an der Stadt interessiert, da er sie nach Kriegsende Großbritannien und Amerika aushändigen wolle.17

Popkows Scheinheiligkeit verleitete manche zu Drohungen. »Er wird vernünftig reden«, sagte ein Theaterangestellter, »wenn wir die Läden kurz und klein schlagen.« Eine Hausfrau kommentierte: »Seht, wozu unsere Führer uns getrieben haben – Menschen töten und essen ihre Kinder. Und wir Dummköpfe sitzen da und schweigen. Wir müssen uns aufbäumen, wenn wir nicht alle verhungern wollen. Es ist Zeit, diesen Krieg zu beenden.«18 Gleichwohl gibt es nur zwei Berichte über Demonstrationen gegen die Regierung. Die erste, die in einem deutschen Geheimdienstbericht beschrieben wird, soll Mitte Oktober 1941 in den Kirow-Werken stattgefunden haben. Auf die Nachricht hin, dass ein Regiment aus Kirow-Werktätigen an der finnischen Front vernichtet worden sei, legte das Personal angeblich die Arbeit nieder und rief nach Frieden. NKWD-Soldaten hätten in die Menge gefeuert, zahlreiche Demonstranten getötet und die Rädelsführer in Lastwagen fortgebracht.19

Der zweite Bericht stammt aus den Erinnerungen, die Wassili Jerschow, ein früherer Nachschuboffizier der Roten Armee, in der Emigration zu Papier brachte. Er ging am Morgen des 7. November 1941, des Tages der Revolution, am Prospekt Statschek entlang, der Hauptverkehrsstraße, die vom Industriebezirk Awtowo nach Süden zur Front führte. Da sah er mehrere hundert zehn- bis vierzehnjährige Kinder, die auf einen Armeekontrollpunkt zumarschierten. Unter ihren Mänteln holten sie Bündel von Flugblättern hervor, auf denen zur Rebellion aufgerufen wurde: »Vor vierundzwanzig Jahren habt ihr das Zarentum zerstört! Bitte zerstört nun die verhassten Henker im Kreml und im Smolny!« Diese Blätter reichten sie den Soldaten über die Schranke hinweg. Ein Kommissar befahl den Rotarmisten, das Feuer zu eröffnen, und als sie sich weigerten, schoss er selbst. Im selben Moment begann ein deutsches Artilleriesperrfeuer, und die Kinder zerstreuten sich. Zwanzig von ihnen wurden verhaftet, zusammen mit den Soldaten, die den Befehl verweigert hatten, sowie mit mehreren Dutzend ihrer Verwandten.20

Da bisher kein Hinweis auf die beiden Vorfälle in den (nur unvollständig einsehbaren) Partei- und Sicherheitsdienstarchiven zu finden ist, könnten sie auch erfunden sein. Der Informant der Deutschen plante möglicherweise, seine Auftraggeber in gute Laune zu versetzen; Jerschow mag übertrieben haben, um seine Chancen auf die Verleihung der amerikanischen Staatsbürgerschaft zu erhöhen, oder vielleicht gab er auch nur Gerüchte wieder. Allerdings zirkulierten tatsächlich Flugblätter, in denen die Leningrader zum Aufstand aufgerufen wurden. Eines davon – jemand hatte es in die blau gestrichenen Metallbriefkästen am Eingang eines Wohngebäudes auf der Wassiljewski-Insel gestopft – lud die Leser am 22. Januar um 10 Uhr zu einer »Hungerdemonstration« auf dem Palastplatz ein, von wo sie »zu unseren Kämpfern voranschreiten und diese bitten« sollten, »den unsinnigen Widerstand aufzugeben«. Die Soldaten würden nicht feuern, denn sie seien doch »unsere Väter, Brüder, Söhne«, und man brauche keine Angst vor dem »wertlosen NKWD« zu haben, da es nicht »die Kraft« besitze, die hungrigen Massen zurückzuhalten. Jeder Leser solle weitere zehn Abschriften des Pamphlets anfertigen und sie in die Briefkästen von Nachbargebäuden stecken.21 Ein Techniker in einer Werkzeugmaschinenfabrik wurde verhaftet, weil er einen ähnlichen Appell verteilt hatte:

Arbeitende Leningrader! Der Tod schwebt über der Stadt. Täglich sterben zwei- oder dreitausend Menschen. Wer trägt die Schuld? Die Sowjetmacht und die Bolschewiki. Sie versichern uns, dass sie die Blockade aufheben und die Lebensmittelnormen erhöhen werden, doch dies sind Lügen, wie sich alles, was die Sowjetmacht versprochen hat, als Lüge entpuppte. Reißt die Führung der Stadt an euch! Rettet euch selbst und das Vaterland, oder der Tod erwartet euch!22

Ein anderer Flugblattverfasser, der mit Buntowschtschik (»Rebell«) unterzeichnete, hinterließ häufig Bündel von Aufrufen, handgeschrieben auf Kopierpapier, im Moskauer Bahnhof, und er schickte sie auch direkt an Popkow und Schdanow. Trotz ungewöhnlicher Fahndungsbemühungen – zum Beispiel identifizierte man sämtliche Verkaufsstellen für einen gewissen Typ Briefumschlag und überprüfte die Handschrift von 13000 Personen – entzog er sich dem Zugriff der Behörden fast zwei Jahre lang. Als man ihn schließlich aufspürte, hatte man es mit einem gewöhnlichen fünfzigjährigen volksrussischen Arbeiter in der Stahlgießerei des Bolschewik-Werks zu tun. Er wies nur ein einziges verdächtiges Merkmal auf: »Verwandte in Polen«. »Was war Luschkows offizielle Stellung in der Werkstatt?«, schrieb Schdanows Stellvertreter Alexej Kusnezow wütend auf den Fallbericht. »Und was wusste die Parteiorganisation über ihn? Bitte überprüfen und mich mündlich in Kenntnis setzen.«23