Abgesehen von Flugblättern und zwei nicht nachweisbaren Demonstrationen, verwandelte sich der öffentliche Zorn nie in einen organisierten Aufstand. Dies lag teilweise daran, dass man das bekannte Übel dem unbekannten vorzog. Leningrader mochten Angst vor ihren eigenen Führern gehabt und ihnen misstraut haben, aber während Geschosse um sie herum einschlugen und Nachrichten über die Verwüstung in den gerade befreiten Orten und Dörfern in der Moskauer Umgebung durchdrangen, lernten sie auch, die Nazis zutiefst zu hassen. Dass nicht mehr geschah, lag aber auch an dem Regime selbst. Es war gut informiert, konnte sich auf die aufrichtige Loyalität vieler Bürger (besonders der jungen) stützen, behielt Armee und Polizei fest unter Kontrolle und hatte alle denkbaren institutionellen Unruheherde längst beseitigt. Merle Fainsod, der während des Kalten Krieges über die Sowjetunion forschte, kam zu der Einschätzung, dass Katastrophen und Krisen die schwersten Prüfungen eines politischen Systems darstellen. Folgt man ihm, dann lässt sich aus dem Durchhalten von Leningrad schließen, dass der Sowjetapparat zäh, dauerhaft und fähig war, mächtigen Erschütterungen standzuhalten. Die Belagerung, so Fainsod, sollte den Westen lehren, den sowjetischen Totalitarismus nicht zu unterschätzen.1
Man gehe den Liteiny, einen breiten Belle-Époque-Boulevard, der den Newski-Prospekt mit dem Finnischen Bahnhof verbindet, nordwärts hinauf, und man erreicht am Ende der Straße, kurz vor dem Fluss, ein Gebäude, das als Großes Haus bekannt ist – heutzutage die Zentrale des Föderalen Sicherheitsdienstes (FSB) und früher die seiner Vorgänger, des KGB und des NKWD. In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts errichtet, ist es starr modernistisch, und seine scharfen Ecken aus poliertem Buntmarmor bilden einen auffälligen Kontrast zu der üppigen Herrlichkeit der um die Jahrhundertwende entstandenen Villenblocks in der Umgebung. Als die Luftangriffe begannen, erinnert sich ein Überlebender der Belagerung, »hofften alle Leningrader inbrünstig, dass Bomben auf das NKWD-Gebäude am Liteiny fallen und sämtliche Unterlagen zerstören würden. Aber das Gebäude mit seinem eindrucksvollen Marmoreingang – enorm und schrecklich – blieb stehen«.2
Der Terror war besonders streng in den ersten zwölf Kriegsmonaten, ließ aber auch später nie nach.3 Den umfassenden Deportationen von Juli und August 1941 folgten kleinere »Säuberungen« im September, November und wiederum im März 1942. Die letztere traf rund hundert Wissenschaftler in einer Vielzahl von Hochschulen.4 Bis Herbst 1942 hatte man mehr als 9500 Menschen wegen politischer Verbrechen verhaftet; ungefähr ein Drittel davon waren Intelligenzler oder »ehemalige Kulaken, Händler, Landbesitzer, Adlige und Beamte«, die übrigen Bauern und gewöhnliche Arbeiter und Angestellte.5 Für diejenigen, die vor Militärgerichte – sie ergänzten die regulären Volksgerichte – gestellt wurden, waren die Chancen eines Freispruchs äußerst gering. Nur in sechs Prozent der Fälle wurden Klagen abgewiesen oder Freisprüche verkündet. Die relative Lockerheit der Zivilgerichte (20 Prozent Klageabweisungen und Freisprüche) führte zu Vorwürfen durch den Militärstaatsanwalt.6
Dmitri Lichatschow wurde Zeuge des Terrors der Belagerungszeit im Puschkinhaus, wo man Grigori Gukowski verhaftete (derselbe Professor, den Olga Gretschina kritisierte, weil er sich der Einberufung entzog, und der gescherzt hatte, er werde sich den Deutschen gegenüber als Armenier ausgeben). Man zwang Gukowski, drei Kollegen zu denunzieren, von denen einer später im Gefängnis starb. Lichatschow, der selbst bereits fünf Jahre auf den Solowki-Inseln verbracht hatte, erlaubte sich kein Urteil darüber. »Damals«, schrieb er später,
galt ein Gespräch zwischen zwei Personen darüber, was sie tun oder wo sie sich verstecken würden, wenn die Deutschen die Stadt einnahmen, fast als Verrat. Deshalb dachte ich nicht daran, Gukowski die geringsten Vorwürfe zu machen, genauso wenig wie den zahlreichen anderen, die unter Zwang ihre Unterschrift unter alles setzten, was die Vernehmer-Folterer ihnen vorlegten … Es war Gukowskis erste Verhaftung, und er wusste offensichtlich nicht, dass man sich entweder weigern muss, die Fragen des Vernehmers zu beantworten, oder so wenig wie möglich äußern sollte.7
Marxena Karpizkaja, als Tochter eines »Volksfeindes« bereits seit Langem mit NKWD-Vernehmungszimmern vertraut, wurde ins Große Haus geladen und aufgefordert, sich der Denunziation eines Kollegen in der Öffentlichen Bibliothek anzuschließen, eines alten ehemaligen Offiziers der Zarenarmee, der Handlangerdienste für das Personal leistete, um sich aufwärmen zu können und Gesellschaft um sich zu haben. Als sie ablehnte, höhnte der NKWD-Mann, von jemandem mit ihrer Herkunft sei nichts anderes zu erwarten gewesen. Zu ihrer eigenen Überraschung »explodierte [sie] vor Wut«
und erwiderte, niemand habe bisher beweisen können, dass meine Eltern Volksfeinde seien, deshalb stellten seine Worte selbst ein Verbrechen dar … Nur die Torheit der Jugend hätte mich bewegen können, so mutig zu sein! Er sprang auf mich zu, als wolle er mich schlagen … Ich stand auf und packte meinen Hocker, um mich zu verteidigen … Er beruhigte sich wieder, nahm an seinem Schreibtisch Platz und verlangte meine Papiere.
Obwohl Karpizkaja eine NKWD-Order erhielt, Leningrad zu verlassen, konnte sie der Deportation mit Hilfe ihrer Chefin entgehen, die das Mädchen in ihrem eigenen Büro unterbrachte und sie für den Rest des Krieges vor den Behörden versteckte.8
Der Geografielehrer Alexej Winokurow machte die Sicherheitsdienste auf sich aufmerksam, als er Kaufanzeigen für Landschaftsfotos des Urals und Sibiriens aufgab. Wegen einer gekritzelten Notiz auf einem seiner Plakate wurde er in eine Wohnung am Newski-Prospekt eingeladen. Dort übergab man ihn prompt einem Milizleutnant, der ihn zum Großen Haus eskortierte. »Es war langweilig beim NKWD«, vertraute er seinem Tagebuch an. »Das Personal in jener Einrichtung weckt Erstaunen durch seinen Stumpfsinn. Das dumme Verhörverfahren zog sich ungefähr drei Stunden hin. Mit Mühe schrieb der Leutnant das Protokoll nieder, das ich ihm praktisch diktieren musste.« Diese Sätze gehörten zu denen, die sein Vernehmer ein Jahr später unterstrich, nachdem man seine Wohnung durchsucht und das Tagebuch konfisziert hatte. Hervorgehoben wurden auch Hinweise darauf, dass Winokurow Leichen von der Ladefläche eines Lastwagens hatte fallen sehen und dass ausgemergelte Soldaten auf dem Newski ihre Kolonne verlassen hatten, um Tabak gegen Brot einzutauschen. Außerdem hatte er die »sinnlosen« Berichte des Sowinform-Büro kritisiert und die Deutschen als Europäer bezeichnet. All das, verbunden mit einer Andeutung, dass er zu Verwandten in der von der Wehrmacht besetzten Stadt Staraja Russa ziehen wolle, wurde ihm zum Verhängnis. Am 16. März 1943 verurteilte man ihn wegen »konterrevolutionärer Agitation« unter den Schülern und Lehrern seiner Schule und richtete ihn drei Tage später hin.9 Schlauer verhielt sich Alexander Boldyrew, dessen Tagebuchhinweise auf einen »dummen« englischen Roman – mit dem Titel Two Trips to the Big House – als Code für Vernehmungen dienten.10
Die Exekutionen könnten letztlich ein vergleichweise barmherziges Ende gewesen sein, denn folgt man den Quellen, starb die große Mehrheit der in Leningrad Inhaftierten während des ersten Belagerungswinters an Hunger. Ein Insasse des Kresty-Gefängnisses, eines riesigen neobyzantinischen roten Ziegelgebäudes neben dem Finnischen Bahnhof, war mit der Aufgabe betraut, Leichen aus den Zellen zu entfernen; zwischen dem 16. Oktober und dem 2. Februar zählte er 1853 Tote:
Täglich holten wir fünfundzwanzig bis vierzig Verstorbene heraus. Das Innere ihrer Kleidung war mit einer sich bewegenden Läusekruste bedeckt. Diese Menschen wurden in keiner Weise gekennzeichnet oder etikettiert – sie waren anonym, niemand schrieb etwas nieder. Wir trugen die Leichen hinaus in den Hof, wo sie auf Lastwagen geladen und dann fortgebracht wurden … Und am 3. Februar sah ich, dass die Türen aller Zellen auf dem Gefängnisflur offen standen. Es gab niemanden mehr, den man einschließen konnte.11
Diese Darstellung stimmt mit einem Bericht des städtischen Statistikdienstes über die Gesamtzahl der Toten in Leningrader Gefängnissen überein. Sie stieg von null im März 1941 auf 1172 im Dezember, schnellte im Januar 1942 auf 3739 hoch und lag bei über 2000 in jedem der folgenden vier Monate.12 Häftlinge wurden auch zur Arbeit an der Eisstraße und in Gulag-Unternehmen innerhalb des Belagerungsrings gezwungen, zum Beispiel in einem Holzfällerlager, einer Schweinefarm und einem Kraftwerk sowie in Munitions-, Chemie- und Kabelfabriken. Auch dort waren ihre Überlebenschancen gering, denn am 31. Dezember bat das NKWD Nachschubkommissar Dmitri Pawlow, die Brotration für die 3578 Insassen seiner Arbeitslager von 250 Gramm pro Tag auf die für Handarbeiter üblichen 350 Gramm anzuheben, da das bestehende System rasch zu »Erschöpfung« und »Arbeitsuntauglichkeit« führe.13
Mit dem Tod im Gefängnis oder in einem Arbeitslager endete wahrscheinlich auch das Schicksal des Straßenbahnangestellten Iwan Schilinski. Einundfünfzig Jahre alt, anständig, intelligent, einfallsreich und patriotisch, ist er typisch für Tausende von gewöhnlichen Leningradern, die während der Belagerung nicht dem Feind, sondern ihrer eigenen Regierung zum Opfer fielen. In der Mitte des Winters waren seine Frau Olga und er durch Ödeme angeschwollen und gingen am Stock; sie überlebten nur dadurch, dass sie von einem Tag zum anderen ihre Brotration durch Hustentropfen, Glyzerin, Rizinusöl, Tapetenkleber und Tischlerleim ergänzten. Dazu tranken sie heißes Wasser, gewürzt mit Orangenschale, Senfpulver, Schwarzen Johannisbeerzweigen oder Salz. Um ihre kalten Zimmer zu beleuchten, verbrannten sie Holzspäne. Wie Winokurow könnte auch Schilinski die Beziehung zur Fotografie zum Verderben geworden sein. Nachdem die Straßenbahnen nicht mehr fuhren, hatte er seinen Vorkriegsposten aufgeben müssen. Als dann auch die ihm versprochene Bezahlung (eine Lieferung Feuerholz) an einer anderen Arbeitsstelle ausgeblieben war, betätigte er sich als Passfotograf für Evakuierungskandidaten. Dazu richtete er ein provisorisches Studio in demselben Raum ein, in dem seine tote Mutter, aufgebahrt in ihrer besten Kleidung und mit einer Ikone neben dem Kopf, hinter einem Schrank und einem Klavier versteckt war. Der Plan war erfolgreich und brachte ihm 100 Gramm Brot pro Bild ein, doch er kam zu spät für Olga, die am 20. März einschlief. »Mit Olgas Tod«, schrieb Schilinski, »setzte das Frühjahrstauwetter ein, von dem sie den ganzen Winter geträumt hatte.« Auch erlebte sie nicht mehr, dass ein Stapel Briefe und Geldanweisungen von evakuierten Verwandten eintraf, von denen das Paar sich verlassen und vergessen gewähnt hatte.
Schilinski wurde eine Woche später ohne Warnung verhaftet, möglicherweise nachdem ihn feindselige Nachbarn angezeigt hatten. Wieder stürzte sich die Miliz auf sein Tagebuch, in dem seine recht scharfsinnigen Vorhersagen für den Krieg zu finden waren. Seiner Meinung nach hatten die Deutschen den Fehler gemacht, ähnlich wie in Polen einen Spaziergang, diesmal bis zum Ural, zu erwarten. Denn die Russen, obwohl von Natur aus nicht bolschewistisch eingestellt, hegten einen historischen Hass auf Angreifer und hatten etliche Vorteile: unbegrenzten Raum, eine besondere Psyche – »er ist ein Narr, aber er ist unser Narr!« – und die Fähigkeit, sich mit Entbehrungen abzufinden. Die Alliierten würden der Sowjetunion gerade genug Hilfe zukommen lassen, damit sie weiterkämpfen könne, doch nicht genug, um ihr eine große Gegenoffensive zu ermöglichen. Nach dem Krieg würden sie Leningrad in einen »internationalen Hafen« umwandeln und Druck auf die UdSSR ausüben, damit Rede- und Religionsfreiheit im Wortsinne zugelassen würden: »Aber unsere Leute werden sich natürlich genauso lange hin und her winden, bis Amerika und England zurückweichen und uns in unserem eigenen Saft schmoren lassen … Am Ende werden wir wieder mit unserer Komintern allein sein, während die übrige Welt demokratisch, parlamentarisch und kapitalistisch, wie wir die andere Seite zu nennen gewohnt sind, bleibt.«14 Auf der Grundlage dieser Kommentare wurde Schilinski wegen »Verleumdung der Sowjetrealität« angeklagt und zum Tode (später in zehn Jahre Haft umgewandelt) verurteilt.
Das vielleicht aufschlussreichste Dokument in der Akte der Staatsanwaltschaft ist eine Liste von Schilinskis Wohnungsinhalt. »Das Mobiliar«, schrieb ein Ermittler, »besteht aus zwei Schränken, zwei Metallbetten, einem mit kariertem Stoff überzogenen Sofa, einem Klavier, einem Tisch, fünf Stühlen, einem vernickelten Samowar, einer handbetriebenen Nähmaschine, einer Lampe, einem Grammofon der Marke Rote Garde und einer runden Wanduhr.« Das Holzgebäude, in dem seine Frau Olga und er wohnten, ist heute längst verschwunden. An dem einen Ende der Straße befindet sich ein Einkaufszentrum, an dem anderen ein Autohaus, vor dem glänzende Kühlerhauben diagonal auf dem glänzenden neuen Asphalt aufgereiht sind. Weniger verändert hat sich, einen Block weiter nördlich, der Serafimowskoje-Friedhof. Durch sein in Grün gebettetes Durcheinander von Grabsteinen schiebt sich ein stiller Strom von Spaziergängern, Blumenverkäuferinnen und alten Frauen mit Reisigbesen. Ein heruntergekommenes Denkmal aus der Breschnewzeit jenseits des Haupttors ist den Hungertoten gewidmet, doch das eigentliche Massengrab – ein Streifen unebenen Geländes an der Grenze zwischen dem Friedhof und einem Holzplatz – hat man sich selbst überlassen. Für Menschen wie Schilinski, die unschuldigen Opfer nicht des Krieges, sondern des Terrors, ist kein Monument zu entdecken.