»Robinson Crusoe war glücklich dran«
Am 22. Januar 1942 tat das Moskauer Staatliche Verteidigungskomitee endlich das, was es sechs Monate vorher hätte tun müssen, und ordnete die Massenevakuierung Leningrads an. Da die Eisstraße mehrere Wochen zuvor bis zu der erforderlichen Festigkeit gefroren war, sollte die Aktion mit Lastwagen über den Ladogasee hinweg vollzogen werden. Alexej Kossygin, der stellvertretende Vorsitzende des Rats der Volkskommissare (und später Breschnews zweiter Mann), übernahm die Leitung des Evakuierungsprogramms, das 500000 Zivilisten – mit Vorrang für Frauen, Kinder und alte Menschen – einbeziehen sollte.
Obwohl die Evakuierung obligatorisch war, versuchte eine erhebliche Minderheit von Leningradern, ihr auszuweichen. Sie fürchteten, dass sie die Reise nicht überleben würden, sie wollten ihre Verwandten nicht zurücklassen oder argwöhnten (oftmals zu Recht), dass ihre Wohnungen für immer verloren seien, wenn sie auszögen. Einer dieser Zauderer war Alexander Boldyrew, der von seinen Vorgesetzten bedrängt wurde, zusammen mit dem überlebenden Eremitage-Personal nach Kislowodsk im Kaukasus aufzubrechen: »Mit Dystrophie abzureisen, in der Kälte … die Wohnung zu verlassen, Mama und alles, wenn wir hier vielleicht kurz vor dem Erfolg stehen. Das kann ich nicht … Anscheinend sind Mutter, Schwester und Bruder Schtakelberg sämtlich noch vor der Abfahrt gestorben, ebenso wie der Buchhalter Ponomarjow. Ihre Leichen wurden aus den Fenstern des Evakuierungszugs auf den Finnischen Bahnhof geworfen.«1 Vera Inber, unbewusst dem Beispiel der britischen Königin Elisabeth während der Bombenangriffe auf London folgend, erklärte, ihr Mann bleibe bei seinen Studenten und sie bleibe bei ihrem Mann.2 Olga Gretschina war schlicht der Meinung, dass die Reise einer »Desertion« gleichgekommen wäre. Eine mit Georgi Knjasew befreundete Studentin wollte ebenfalls in der Stadt bleiben, da sie nur noch drei Prüfungen abzulegen brauchte, um ihr Studium zu beenden, und da es ihr widerstrebte, ihre Mutter und ihre Tanten im Stich zu lassen.3
Keine Wahl hatten Tausende von Volksdeutschen und finnischen Bauern aus den belagerten Dörfern um Leningrad, deren Deportierung Berija im vorherigen Sommer zu spät angeordnet hatte. Ihre Evakuierung wurde mit der gewohnten Brutalität vom Militär – unter der Leitung von »Troikas« aus örtlichen Partei-, Sowjet- und NKWD-Vertretern – durchgeführt. Man legte für jeden Bezirk Quoten fest, ließ den Betreffenden nur ein paar Stunden Zeit zum Packen und beschlagnahmte, einhergehend mit Brandstiftung und Plünderei, ihr Vieh und ihre Lebensmittelvorräte.4 Dadurch verloren die Gebiete um Leningrad fast alle Landarbeiter – mit vorhersehbaren Konsequenzen für die Lebensmittelproduktion im Sommer 1942. Zum Beispiel wurden im Gebiet des Kessels von Oranienbaum zwölf Kolchosen durch die Deportierung von 4775 Bauern völlig geleert, und acht weitere verfügten nur noch über wenige Familien.5 Manche derjenigen, die deportiert werden sollten, hatten Angst, »auf der Bucht unters Eis gestoßen zu werden«, wie ein Gerücht lautete, doch in anderen Fällen flehten Volksrussen sogar darum, ebenfalls abreisen zu dürfen. In dem Oranienbaum-Bericht ist von mehreren Offizieren der Roten Armee die Rede, die versucht hätten, Finnen von der Deportierung auszunehmen; dies sei ein beunruhigendes Anzeichen dafür, dass »einige Armeegenossen derart mit der Ortsbevölkerung verschmolzen sind, dass sie sich mit lokalen Interessen identifizieren und die des Staates vergessen«. Vom Kriegsbeginn bis zum 1. Oktober 1942 deportierte man gewaltsam insgesamt 128748 Menschen, von denen knapp die Hälfte Volksdeutsche oder -finnen und die übrigen »kriminelle« oder »gesellschaftlich fremde Elemente« waren.6
Die große Mehrheit der Leningrader wollte jedoch unbedingt die Stadt verlassen. Rasende Menschenmengen bildeten sich vor den Evakuierungsämtern, und Vorgesetzte, die sich nicht anzustellen brauchten, stießen auf heftigen Groll. »Warum schicken sie all die Fabriken, die Institute und die besten Kader weg?«, klagte jemand. »Anscheinend sind sie doch nicht so sicher, dass die Deutschen Leningrad nicht einnehmen werden.« Ein anderer meinte, die Wehrmacht plane einen Großangriff für das Frühjahr: »Die Oberen achten auf ihren eigenen Vorteil und verschwinden als Erste, aber wir können zurückgelassen werden.«7 Sogar für diejenigen, die in das Programm einbezogen wurden, waren die Begleitumstände erschreckend. Evakuierungskandidaten mussten nicht nur als reisefähig und frei von Infektionskrankheiten diagnostiziert werden, sondern auch ein Amt nach dem anderen aufsuchen, um sich Stempel und Dokumente zu besorgen; dann galt es, seine Habseligkeiten zu verkaufen und Reiseproviant zu erwerben, die zulässigen sechzig Pfund Gepäck pro Person zu packen und über die Liteiny-Brücke zum Finnischen Bahnhof zu schleppen – kaum zu bewältigende Aufgaben für die Erschöpften und Abgezehrten. Dass die Anstrengung viele das Leben kostete, ist an der Zahl der Todesfälle am medizinischen Kontrollpunkt des Finnischen Bahnhofs abzulesen: Von den 2564 Personen, die dort zwischen Anfang Februar und dem 13. April untersucht wurden, starben 230 an Ort und Stelle.8
Viele sahen sich vor der Evakuierung einem entsetzlichen Dilemma gegenüber: Sollte man zurückbleiben und versuchen, das Leben eines Angehörigen zu retten, der zum Reisen zu schwach war, oder sollte man die Schwachen aufgeben und die Kräftigen retten? Das, was Experten, die sich mit Hungersnöten beschäftigt haben, als »erzwungene Preisgabe« bezeichnen, war sehr verbreitet. Dmitri Lichatschow führt drei Beispiele aus dem Kreis seiner Freunde an, insbesondere das des Dostojewski-Forschers Wassili Komarowitsch. Am Tag vor ihrer geplanten Abreise zerrten ihn seine Frau und Tochter mit dem Schlitten zum stazionar des Schriftstellerverbands. Bei ihrer Ankunft entdeckten sie, dass die Klinik erst mehrere Tage später geöffnet werden würde, doch sie baten die diensthabende Ärztin, ihn aufzunehmen. Die Frau weigerte sich, aber die beiden ließen ihn trotzdem in einer Kellergarderobe zurück. Komarowitsch wurde von der Ärztin ernährt und blieb gerade lange genug am Leben, um seine Habilitationsschrift abzuschließen. Die Arbeit wurde nach dem Krieg veröffentlicht und macht einen ganz normalen Eindruck, abgesehen davon, dass die Fußnoten nach den Kirchenfeiertagen datiert sind. Die zweite von Lichatschow genannte Familie ließ eine Tochter zurück, die im Krankenhaus starb; die dritte trennte sich auf dem Finnischen Bahnhof von ihrer alten Mutter, ohne sie vom Schlitten loszubinden, nachdem sie für reiseuntauglich befunden worden war.9
Jelena Skrjabina wurde eine ähnliche Entscheidung durch einen vorzeitigen Todesfall erspart. »Gerüchte über eine verstärkte Evakuierung nehmen immer mehr zu«, schrieb sie am 29. Januar. »Mein Onkel kann diese Gespräche nicht ertragen, er ist so geschwächt, daß er keine Hoffnung mehr hat, am Leben zu bleiben, auch wenn man ihn aus Leningrad fortbrächte … Hier, umsorgt von seiner Frau, kann er sich noch halten.« Er starb am folgenden Tag:
Die Tante, die ihn ihr Leben lang vergöttert hat, beherrschte sich, wie sich jetzt alle beherrschen – sie weinte nicht einmal. Um sechs Uhr abends kam Ljudmila von der Arbeit. Ich öffnete ihr die Tür und sagte ihr, daß ihr Vater tot sei. Sie begann bitterlich zu weinen und erst dann schien es auf einmal, als sei nun auch der Tante etwas bewußt geworden: sie fiel ihrer Tochter in die Arme und zitterte am ganzen Körper vor Schluchzen. Für uns war es viel leichter, diesen Ausdruck des Kummers mit anzusehen als die schreckliche Starrheit, die sich jetzt immer bei allen Leningradern beobachten läßt.10
Eine der traurigsten Belagerungsgeschichten ist die von Juri Rjabinkin, jenem Fünfzehnjährigen, der bei Kriegsbeginn auf dem Weg zu einem Schachwettbewerb gewesen war. Dieser linkische, nervöse Teenager, der unter grässlichen Umständen mit seiner Familie eingepfercht war, ist in vieler Hinsicht das sowjetische Gegenstück zu Anne Frank. Allerdings ist sein Ende viel ungewisser. Wie seine Freunde hatte er den Krieg zunächst mit kindlicher Aufregung begrüßt und die unerwartete Befreiung vom Schulunterricht dazu genutzt, Siebzehnundvier und Pfänderspiele zu spielen (»Lopatin kroch einen ganzen Aufgang der Wendeltreppe auf allen vieren hinauf, Finkelstein musste Bron Huckepack nehmen«). Außerdem hielt er Brandwache auf dem Dach der Sadowaja-Straße 34, des gepflegten Art-déco-Mietshauses (heute eine Bank), in dem er mit seiner Mutter und seiner jüngeren Schwester wohnte.
Mitte Oktober fiel er allmählich »in den Trichter«: Zuerst beklagte er sich (»Vor Hunger knurrt mir der Magen, fließt mir der Speichel«), dann begann er, eine besser versorgte Familie zu hassen, die in ihre Gemeinschaftswohnung gezogen war (»Und ich schäme mich jetzt, wenn ich sehe, wie Mutter Wasser trinkt, A.N. dabeisteht und vom Theater redet … Diese Anfissa Nikolajewna gleicht einer fetten, satten Katze …«11). Am Monatsende fiel es ihm schwer, die Treppe hinaufzuklettern, und er machte sich nicht mehr die Mühe, seine Kleidung zu wechseln. Obwohl er nur eine einzige Kerze zum Lesen besaß, versuchte er, sich in die Literatur zu flüchten – Dumas war »höchst unterhaltsam«, Jack Londons Liebe zum Leben »ein wunderbares Werk«. Zwei Wochen später war sein Gesicht durch Wassersucht angeschwollen, und er war besessen von Gedanken an Nahrung (nachts träumte er von Brot, Butter, piroschki und Kartoffeln). Seine Mutter ging jeden Morgen zur Arbeit und nahm seine jüngere Schwester mit. Juris Aufgabe war es, nach Rationen anzustehen:
Mutter kommt mit Ira, hungrig, durchfroren, müde. Sie können sich kaum fortbewegen. Zu Hause kein Essen, kein Feuerholz für den Herd. Nur Geschimpfe und Vorwürfe, daß unten jemand wohnt, der Graupen und Fleisch gekriegt hat, ich das aber nicht fertiggebracht habe … Und wieder muß ich anstehen und ohne Ergebnis … Ja, wenn ich Filzstiefel hätte!12
Im Dezember wirken seine Einträge fast hysterisch – eine Mischung aus Tagträumen (»Mutter geht als Bibliothekarin in ein neu einzurichtendes Lazarett, und ich werde ihr Helfer oder ihr Kulturfunktionär«), aus Selbsthass, weil er ein paar Krümel aus dem Lebensmittelvorrat der Familie stibitzt hat, und Paranoia:
Welche Folterqualen Mutter und Ira mir abends bereiten! Bei Tisch ißt Ira absichtlich lange, nicht nur, um Vergnügen daran zu haben, sondern auch um zu genießen, daß sie noch ißt, die anderen aber, die bereits fertig sind, beobachten sie mit hungrigen Augen. Mutter ißt immer zuerst und nimmt dann ein bißchen von jedem von uns. Beim Brotverteilen fängt Ira an zu weinen …13
Am Ende des Monats werden die Einträge zu einem ungeordneten, wilden Gekritzel: »Ich sterbe, ja ich sterbe und möchte doch so gern leben, wegfahren, leben, leben!« und: »Wo ist Mama? Wo ist sie?« Die letzte Notiz ist auf den 6. Januar datiert:
Ich kann fast überhaupt nicht mehr gehen oder arbeiten. Bin völlig entkräftet. Mutter schleppt sich auch gerade noch umher. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, wie sie das schafft. Sie schlägt mich jetzt oft, schimpft, schreit, hat heftige nervöse Anfälle und kann meinen nichtsnutzigen Anblick nicht ertragen – den eines vor Kräftemangel schwachen, hungernden, erschöpften Menschen, der sich kaum vom Fleck rühren kann, der stört und krank und kraftlos »tut«. Aber ich simuliere doch meine Schwäche nicht … O Gott, was geht mit mir vor?14
Vierzig Jahre später fanden die Belagerungshistoriker Alex Adamowitsch und Daniil Granin von Juris Schwester Ira heraus, was geschehen war: Juri blieb in Leningrad zurück. Seine Mutter hatte der ganzen Familie Evakuierungsplätze verschafft, Besitztümer für Lebensmittel, wattierte Jacken und Hosen eingetauscht und einen Schlitten mit allem Nötigen und leicht verkäuflichen Silberbestecken beladen, war dann jedoch unfähig gewesen, ihren Sohn hinunterzutragen. Mutter und Tochter ließen ihn auf dem Sofa liegen und brachen, den Schlitten hinter sich herziehend, zum Bahnhof auf. »Ja, und als wir zu Fuß den Newski entlang zum Moskauer Bahnhof gingen, wollte Mutter immer zurück und ihn holen: ›Jura ist noch dort! Jura ist noch dort!‹ Ich weinte natürlich. Kaum waren wir eingestiegen, setzte sich der Zug in Bewegung, und wir fuhren los.« Was danach aus Juri wurde, wissen wir nicht. Er könnte in Leningrad oder in der Evakuierung gestorben sein, denn das Tagebuch, das 1970 nach einem Zeitungsaufruf ausgehändigt wurde, lässt sich bis in die Provinz Wologda zurückverfolgen. Möglicherweise überlebte Juri sogar den Krieg und war dann unfähig oder unwillig, Kontakt zu seiner Familie aufzunehmen. Tatsächlich blieb von der Familie nicht mehr viel übrig. Sein Vater, den man während des Chaos von 1936/37 verhaftet hatte, kam irgendwo im Gulag um. Seine Mutter starb während der Evakuierungsfahrt auf einer Bank im Bahnhof von Wologda. Seine Schwester Ira verbrachte den Rest des Krieges in einem Kinderheim und wurde später von einer Tante aufgezogen.15
Ein tröstlicher Belagerungsmythos besagt, dass sich die Evakuierten, sobald sie die Eisstraße erreichten, in bester Obhut und in Sicherheit befunden hätten. Sogar Dmitri Pawlow, der Nachschubchef, dessen Bericht aus der »Tauwetter«-Ära zu den freimütigsten des Genres gehört, behauptet, dass die Evakuierungen »sorgfältig durchdacht und gut organisiert« gewesen seien:
Eine Reihe von Feldküchen wurde an der Straße für die Evakuierten errichtet. Sobald die Leningrader den See überquert und Land erreicht hatten, wurden ihnen heiße Kohlsuppe, Kartoffeln und Fleisch und andere Speisen gereicht, von denen diese erschöpften Menschen Nacht um Nacht geträumt hatten. Der Duft des aus reinem Roggenmehl gebackenen Brotes berauschte die ausgehungerten Menschen. Nach ihrem ersten Schritt an Land wurde ihnen liebevolle Fürsorge zuteil. Jeder verspürte den innigen Wunsch, ihnen auf jede mögliche Art zu helfen.16
Nichts hätte der Wahrheit ferner sein können. Die erste Härteprobe für die Evakuierten war die Eisenbahnfahrt nach Ossinowez, die, obwohl nur fünfundvierzig Kilometer lang, mehrere Tage dauern konnte. Nachdem sie am Seeufer ausgestiegen waren, mussten sie sich durch Bestechung Plätze in den Lastwagen ergattern, die den See überquerten. Jelena Kotschina konnte sich nur dadurch einen Weg durch die gewalttätige, lärmende Menge zu der Heckklappe eines Lkws bahnen, indem sie einem Fahrer zwei Liter Wodka zukommen ließ; Igor Krugljakows Mutter feilschte mit einem dicken, betrunkenen Fahrer, der einen Pelzmantel über einem Bauernkittel trug, indem sie ihm zuerst ein Päckchen Zigaretten, dann Geld und schließlich die silberne, mit einem Glockenspiel versehene Taschenuhr ihres Vaters überließ. Die Eisstraße selbst ähnelte an schönen Tagen dem Nordpol, einer blendend weißen, eintönigen Ebene (»die mohnrote Fahne des Fahrdienstleiters«, schrieb Inber, »ist aus einem Kilometer Entfernung zu sehen«), und nachts einem heulenden Strudel von Schneestürmen und schwarzer Leere. Ein paar Glückliche benutzten aus Moskau entsandte Busse, doch die meisten saßen in offenen oder mit Planen überzogenen Lastwagen, in denen man leicht an Unterkühlung sterben konnte. Etliche Passagiere waren zu schwach, um sich festzuhalten. Während die Laster über das Eis holperten, wurden sie hinuntergeworfen. Eine Rotarmistin, die der Route zugeteilt war, sammelte jeden Morgen die Leichen von fünf oder sechs Kleinkindern ein, die in den Fahrzeugen, die vor dem Morgengrauen über den See preschten, aus den Armen ihrer Mütter herausgeschleudert worden waren.17
Am gegenüberliegenden Ufer war die Aufnahme völlig unzureichend. Tagebuchschreiber schildern, dass man stundenlang nach Suppe anstehen musste, dass es an Schlafgelegenheiten fehlte und dass um Plätze in den Zügen durch das unbesetzte Russland gekämpft wurde. Auch traf man, wenn Lebensmittel zur Verfügung standen, zunächst keine Maßnahmen, um die Verhungernden an einer übertriebenen und dadurch tödlichen Nahrungsaufnahme zu hindern. Ein Arzt, der eine Behandlungsstation in Schicharewo eingerichtet hatte, stellte fest, dass viele Evakuierte sämtliche Trockenrationen – geräucherte Wurst und Brot – für die dreitägige Eisenbahnreise nach Tischwin sofort verspeisten, wodurch ihnen der Magen platzte. Nachdem er den Leiter des Evakuierungszentrums vergeblich gebeten hatte, das Verfahren zu ändern, gelang es ihm schließlich, mit angereisten Vertretern des Moskauer Staatlichen Verteidigungskomitees zu sprechen. Er beschrieb die Ergebnisse seiner Autopsien und überzeugte die Besucher, dass Evakuierte unterwegs nur kleine Nahrungsmengen, nämlich Hirse und Grieß, die in den Kesseln des Zuges gekocht wurden, erhalten sollten.18
Ein typischer Bericht über die gesamte – in ihrem Charakter und Verlauf durch und durch sowjetisch zu nennende – Evakuierung stammt von Wladimir Kuljabko, einem fünfundsechzigjährigen verwitweten Kältetechniker. Nachdem er die erste Winterhälfte durch die Geschenke einer Nachbarin, die in einem Lebensmittelgeschäft arbeitete, überlebt hatte, wurde ihm im Februar ein Platz in einem der ersten Konvois über die Eisstraße angeboten. Er akzeptierte in der Hoffnung, seinen Sohn, einen Armeearzt, zu erreichen; dieser war in Tscherepowez stationiert, einem Ort vierhundert Kilometer östlich von Leningrad an der Eisenbahnstrecke nach Wologda. Kuljabko teilte seinem Hausverwalter mit, dass er lediglich umziehen werde, hinterließ seine Schlüssel bei einem Nachbarn und bezahlte einen anderen mit Öl, Makkaroni und Nüssen, damit der Mann ihm half, seinen Koffer zum Finnischen Bahnhof zu befördern. Die drei Kilometer lange Wanderung von der Sadowaja-Straße dauerte, Ruhepausen auf Sandkästen eingeschlossen, zwei Stunden. Der Zug hätte um 10.30 Uhr abfahren sollen, erschien jedoch erst um 18 Uhr, und Kuljabko entdeckte, dass mit Gepäck beladene »Geschäftsleute« sein Abteil besetzt hatten. Nach langen Debatten schaffte er es, sich und seinen Koffer, einen Korb und ein Kissen in den frostigen Abschnitt zwischen zwei Waggons, in dem sich gewöhnlich Raucher versammelten, zu quetschen. Der Zug setzte sich um ein Uhr morgens endlich in Bewegung, und man verteilte Lebensmittel. Um etwas abzubekommen, musste Kuljabko, wie er bald begriff, eine Bestechungssumme zahlen. Ein Zettel – »400 Gramm Brot für Kuljabko, Betrag beigelegt, Wechselgeld nicht erforderlich« – erfüllte den Zweck. »Innerhalb von zehn Minuten hatte ich mein Brot. Durch Erfahrung klug geworden, tat ich das Gleiche, um meine Suppe zu bekommen.« Bei der Ankunft in Ossinowez sechs Stunden später bemerkte er fünfzehn Leichen, die neben den Gleisen lagen.
Um in einen Lastwagen steigen und den See überqueren zu können, musste er erneut zum Mittel der Bestechung greifen:
Ich wartete, hungrig und ohne Essen wie alle anderen (trotz der Tatsache, dass man uns in Leningrad drei Mahlzeiten pro Tag versprochen und uns die entsprechenden Coupons gegeben hatte). Gegen 17 Uhr machte ich den Diensthabenden ausfindig, aber er wimmelte mich mit irgendeinem Unsinn ab, und ich sah ein, dass ich nicht so bald aufbrechen würde. Die Lastwagen kamen und gingen, aber die Verantwortlichen hielten sich an keine Liste oder Schlange, sondern wählten die Passagiere selbst aus … Ich näherte mich dem Chef erneut und versicherte ihm, dass ich krank sei und mich meinem Sohn, einem mit Orden ausgezeichneten Soldaten, anschließen wolle.
Kurz darauf trat ein Aufseher auf ihn zu, der sich mit 500 Gramm Tabak für einen Platz in dem nächsten geschlossenen Lastwagen zufriedengab. Vier Stunden später war Kuljabko an Bord, nachdem er den Tabak klugerweise erst ausgehändigt hatte, als sein Gepäck und er in dem Wagen untergebracht waren. »Das gleiche Bestechungssystem, wenn auch auf einer niedrigeren Ebene, war im Lastwagen selbst wirksam. Der Fahrer verlangte ständig Zigaretten und erhielt sie auch. Sonst fuhr er langsamer, oder irgendetwas ging schief. Eine Zigarette im richtigen Moment ließ sämtliche Probleme verschwinden.« Der Lkw stand drei Stunden lang in einem Stau mit Lebensmittelwagen, die die entgegengesetzte Richtung einschlugen, und traf schließlich am folgenden Morgen um 5 Uhr am anderen Ufer, dem »Festland«, ein.
Obwohl Kuljabko nun aus dem Belagerungsring entwichen war, hatte er die Schwierigkeiten noch längst nicht überwunden. Zuerst musste er drei Stunden nach Kascha und Suppe anstehen; von den Evakuierten wurde erwartet, dass sie Teller und Löffel mitbrachten, weshalb er der Kellnerin fünfzig Rubel und seinen Pass als Pfand für eine Schüssel gab. Wenn ein Zug eintraf, wurde er von der rasenden Menge gestürmt. Kuljabko heuerte für dreißig Rubel einen Soldaten als Gepäckträger an und schaffte es, mit ein paar abgemagerten Ingenieursstudenten auf einen Güterwagen zu klettern. Die jungen Männer ließen ihn jedoch nicht in die Nähe des mit Heu geheizten Ofens. Fünf Tage und schlaflose Nächte später – unterbrochen von langem Schlangestehen nach Essen, von Bagatelldiebstählen und dem Tod eines der Studenten, dessen Freunde die Leiche aus der Tür stießen – erreichte er Tscherepowez:
Ich krieche aus dem Waggon, stürze, natürlich, zerre meine drei Bündel herunter und rufe: »Helft mir, die Sachen zum Bahnhof zu tragen.« Niemand hört auf mich. Ich versuche, sie selbst zu schleppen, aber sie sind schwer, und ich stürze erneut. Ich stehe verzweifelt da. Dann entdecke ich einen Straßenjungen und bitte ihn, mein Gepäck zum Bahnhof zu tragen. Er fragt: »Gibst du mir was zu rauchen?«, und ich verspreche es ihm … Wir kommen zum Bahnhof, und ich erkundige mich bei einem Polizisten: »Wie erreiche ich diese Adresse?« Er erwidert, auf dem Platz stünden Pferdekutschen. Einfältig gehe ich zum Platz, gebe dem Jungen eine Zigarette und schaue mich nach den Kutschen um. Aber sie existieren nicht und haben nie existiert. Ich wende mich an diesen und jenen um Hilfe, doch niemand reagiert. Also schleppe ich meine Sachen zur Gepäckabgabe, die glücklicherweise nicht weit weg ist. Ich stoße den Koffer mit den Füßen über den Schnee und trage alles andere. Einen Meter, anderthalb Meter, und ich muss mich ausruhen. Den Tränen nahe, bleibe ich stehen. Wie soll ich mich zu Borja durchschlagen?
Sein Erlöser war ein junger Soldat, der jeden Dank ablehnte, sein Gepäck ergriff und ihn zu Borjas Krankenhaus begleitete; unterwegs bot er Kuljabko einen Zwieback aus seiner Armeeration an.19 Zur Zeit von Kuljabkos Reise war das Massenevakuierungsprogramm erst seit weniger als einer Woche im Gange, aber die Bedingungen blieben chaotisch bis Mitte April, als die Lastwagen durch das Frühjahrstauwetter bis zu den Radachsen im Schmelzwasser steckten und nicht mehr weiterkamen.20
Wie viele Menschen wurden durch die Eisstraße insgesamt gerettet? Im Januar 1942 überquerten offiziell 11296, im Februar 117434, im März 221947 und im April 163392 Evakuierte den Ladogasee, was in weniger als vier Monaten eine beeindruckende, den Plan übertreffende Zahl von 514069 ergab.21 Dabei werden jedoch diejenigen nicht berücksichtigt, die unterwegs starben – entweder während der Überfahrt oder in den Zügen, mit denen sie ins unbesetzte Russland reisten. In den überfüllten, toilettenlosen Güterwagen, auf die zum Beispiel Kotschina angewiesen war, grassierten Mageninfektionen:
Wann immer jemand »ein Bedürfnis verspürt«, nimmt gewöhnlich die ganze »Öffentlichkeit« des Waggons an der Realisierung Anteil. Es funktioniert folgendermaßen: Die Tür wird durch gemeinsame Anstrengung geöffnet, der Urheber der Unruhe lässt die Hose fallen und steckt das Hinterteil hinaus in den Wind. Mehrere Personen halten ihn an den Händen und unter den Armen fest. [Bei Aufenthalten] klettern wir alle aus dem Zug und hocken uns neben die Waggons, Seite an Seite – Männer, Frauen und Kinder. Die Einheimischen versammeln sich und starren uns entsetzt an … Aber wir sind gleichgültig all dem gegenüber. Wir empfinden keine Scham oder sonstige Gefühle … Die Kranken fahren mit uns, bis sie sterben. Dann werfen wir sie einfach aus dem rollenden Zug.22
Die Versorgung der Evakuierten war sogar auf dem »Festland« noch unzulänglich. Dies wird durch einen NKWD-Bericht vom 5. März bestätigt, in dem von »verantwortungsloser und herzloser« Behandlung der Evakuierten durch das Personal an der Empfangsstelle sowie von »unmenschlichen« Verhältnissen in den Zügen die Rede ist. Aus einem der Züge waren am Bahnhof Wolchow siebzehn Tote, in Babajewo zwanzig, in Tscherepowez sieben und in Wologda sieben weitere entfernt worden. Aus einem anderen hatte man sechsundzwanzig Leichen in Wolchowstroi, zweiunddreißig in Tichwin, vier in Babajewo und sechs in Wologda herausgeholt.23 Ein Massengrab in Wologda, in dem hauptsächlich Flüchtlinge aus Leningrad beigesetzt sind, soll die sterblichen Überreste von 20000 Menschen enthalten.
Die Überlebenden der Evakuierungsreisen hatten ein weiteres Problem: Wenn sie keiner Institution angehörten oder in Reichweite von Verwandten waren, mussten sie eine Ortsbehörde finden, die ihnen Lebensmittelkarten und Unterkünfte zur Verfügung stellte. Da es überall Vertriebene und chronischen Nahrungsmangel gab (sogar in Moskau starben im Winter 1941/42 Bettler auf den Straßen), war dies extrem schwierig. Jelena Skrjabina, die die Eisstraße im Februar überquerte, musste zuerst miterleben, wie ihre Mutter in einem chaotischen sogenannten Krankenhaus in Tscherepowez starb, um anschließend wochenlang mit ihrem abgezehrten Sohn auf der Suche nach einem mitfühlenden Funktionär von einem Eisenbahnort zum anderen zu reisen. Als sie endlich in Gorki (heute Nischni Nowgorod) jemanden fand, war es den erwähnten swjasy zu verdanken: Der ehemalige Arzt der Familie war dort zum hohen Parteifunktionär aufgestiegen. »Und sein Name hat magische Wirkung … [Ein Angestellter] schob die vor mir stehenden Leute beiseite und bat uns liebenswürdig, ihm zu folgen. Er führte uns direkt in das Büro des Sekretärs des Städtischen Parteikomitees von Gorki … Nach etwa zehn Minuten ging ich mit drei Bescheinigungen hinaus: zwei davon sichern uns Sonderrationen, eine ermöglicht uns die Ausreise aus Gorki mit einem besonderen Transport, der direkt in den Kaukasus fährt.«
Die Zurückweisungen, die Skrjabina bis dahin erfahren hatte, waren eigentlich vorhersehbar – im gleichen Maße ein Ergebnis der allgemeinen Kriegsmängel, des Durcheinanders und der bürokratischen Nachlässigkeit. Aber sie schätzte das als Bosheit und als persönlichen Affront ein. »Ich fühle mich von der Welt abgeschnitten«, schrieb sie. »Robinson Crusoe war, glaube ich, glücklich dran. Der wußte, daß er sich auf einer unbewohnten Insel befand, daß er auf sich allein angewiesen war. Wir hingegen befinden uns unter Menschen.«24