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2

Stefan war dem Vorschlag, Blutspender zu wechseln, nicht wirklich zugänglich, also knieten sich Peter und Darryl je auf eine Seite von ihm und begannen, seine Finger aufzubiegen. Als ich näher kam, um auch zu helfen, knurrte Adam mich an.

Wenn er nicht geknurrt hätte, hätte ich wahrscheinlich zugelassen, dass die Wölfe sich darum kümmern. Schließlich hatten sie diese fantastische Wolfs-Superkraft. Aber wenn Adam und ich eine Beziehung haben wollten – etwas, was mir jetzt schon Schmetterlinge im Bauch verursachte –, dann würde es eine gleichberechtigte sein. Ich konnte es mir nicht leisten, zurückzuweichen, wenn Adam knurrte.

Außerdem verabscheute ich den feigen Teil von mir, der vor seiner Wut zurückwich. Selbst wenn ich mir ziemlich sicher war, dass das der kluge Teil war.

Peter und Darryl arbeiteten an Stefans Händen, also ging ich zu seinem Kopf. Ich ließ meine Finger in eine Seite seines Mundes gleiten, in der Hoffnung, dass Vampire genauso auf Druckpunkte reagierten wie wir alle. Aber ich musste nicht mal Nervenzentren finden, denn sobald meine Finger seinen Mund berührten, erschauderte er und löste sich von Adam. In dem Moment, in dem seine Reißzähne Adams Arm verließen, wurden auch seine Arme schlaff.

»Werde nicht«, sagte Stefan, als ich meine Finger wieder aus seinem Mund zog. »Werde nicht.« Es war nur ein Flüstern und verklang unheimlich, als ihm der Atem ausging.

Sein Kopf bewegte sich, bis er mit geschlossenen Augen an meiner Schulter lehnte. Sein Gesicht wirkte jetzt fast wie sein eigenes, aufgefüllt und in Heilung begriffen. Die aufgeplatzten Stellen auf seiner Haut, seinen Händen und Lippen sahen jetzt aus wie Wunden. Es sagte etwas darüber aus, wie schlimm er ausgesehen hatte, dass nässende Wunden tatsächlich eine Verbesserung darstellten.

Wenn sein Körper nicht gezittert hätte wie in einem epileptischen Anfall, wäre ich glücklicher gewesen.

»Weißt du, was mit ihm nicht stimmt?«, fragte ich Adam hilflos.

»Ich weiß es«, erklärte Peter. Beiläufig zog er ein riesiges Taschenmesser aus einer Gürtelscheide und schnitt sich leicht ins Handgelenk.

Peter schob mich unter Stefan heraus und bewegte ihn, bis der Vampir mit seinem Kopf auf Peters Schoß lag, gehalten von der unverletzten Hand des Werwolfs. Peter hielt sein blutiges Handgelenk vor Stefans Mund, der die Lippen zupresste und den Kopf abwandte.

Adam, der sein eigenes Handgelenk umklammerte, um die Blutung zu stillen, lehnte sich nach vorne. »Stefan. Es ist in Ordnung. Es ist nicht Mercy. Es ist nicht Mercy.«

Rote Augen öffneten sich und der Vampir gab ein Geräusch von sich, das ich noch niemals vorher gehört hatte – und ich wünschte mir, ich könnte das immer noch sagen. Es stellte mir jedes Haar im Nacken auf, hochfrequent und dünn wie eine Hundepfeife, aber irgendwie rauer. Er schlug zu und Peter zuckte, biss die Zähne zusammen und stieß zischend Luft aus.

Ich bemerkte nicht, wie meine Mutter wegging, aber irgendwann musste sie es getan haben, weil sie Samuels großen Erste-Hilfe-Kasten aus dem Bad aufgeklappt auf der Couch stehen hatte. Sie kniete sich neben Adam, aber er sprang auf die Beine.

Alpha-Werwölfe gestehen in der Öffentlichkeit niemals ein, dass sie Schmerzen haben, und auch im Privaten nur selten. Sein Handgelenk mochte aussehen, als hätte jemand es zerfetzt, aber er würde meine Mutter deswegen niemals etwas unternehmen lassen. Ich stand ebenfalls auf.

»Hier«, sagte ich, bevor er etwas sagen konnte, das sie beleidigte oder umgekehrt. »Lass mich mal sehen.«

Ich zog und schob, bis ich die Wunden sehen konnte. »Er kommt in Ordnung«, erklärte ich Mom befriedigt. »Es hat schon Krusten gebildet. In einer halben Stunde sind es nur noch rote Male.«

Das war gut.

Meine Mutter zog eine Augenbraue hoch und murmelte: »Wenn ich dran denke, dass ich mir immer Sorgen gemacht habe, weil du keine Freunde hattest. Ich hätte für das dankbar sein sollen, was ich hatte.«

Ich warf ihr einen scharfen Blick zu und sie lächelte, trotz der Sorge in ihren Augen. »Vampire, Mercy? Ich dachte, die wären erfunden.«

Sie war immer gut darin gewesen, mir Schuldgefühle einzuimpfen, was mehr war, als Bran je geschafft hatte. »Ich konnte es dir nicht erzählen«, sagte ich. »Sie mögen es nicht, wenn Menschen von ihnen wissen. Es hätte dich in Gefahr gebracht.« Sie kniff die Augen zusammen. »Außerdem, Mom, habe ich in Portland nie welche gesehen.« Ich hatte darauf geachtet, nicht hinzuschauen, wenn ich sie gerochen hatte. Vampire mögen Portland – viele regnerische Tage.

»Können sie alle einfach so auftauchen, wann immer sie wollen?«

Ich schüttelte den Kopf, dann dachte ich nochmal nach. »Ich weiß nur von zweien, und Stefan ist einer davon.«

Adam beobachtete, wie Stefan sich nährte; er wirkte besorgt. Mir war nicht klar gewesen, dass er und Stefan mehr waren als flüchtige Bekannte.

»Wird er in Ordnung kommen?«, fragte Mom.

Adam war bleich, aber er heilte prima. Andere Wölfe hätten länger gebraucht, aber Adam war ein Alpha und sein Rudel gab ihm mehr Macht, als andere Wölfe hatten. Aber wenn Stefan so an Peter herumkaute, wie er es bei Adam getan hatte, dann würde Peter eine Weile brauchen, um zu heilen.

Sie schaute mich an und plötzlich zeigten sich ihre Grübchen. »Ich sprach über den Vampir. Dich hat es übel erwischt, oder?«

Ich hatte mich bemüht, nicht zu viel über Stefans Zustand nachzudenken, und warum er so schlimm war – und inwieweit das alles mein Fehler war. »Ich weiß es nicht, Mom.« Ich lehnte mich an sie, nur ein wenig, bevor ich mich wieder aufrichtete, um allein zu stehen. »So viel weiß ich nicht über Vampire. Sie sind schwer zu töten, aber ich habe noch nie einen gesehen, der so übel dran war und überlebt hat.« Daniel, Stefans … was? Freund war nicht ganz das richtige Wort. Vielleicht einfach nur Stefans. Daniel hatte einmal aufgehört, sich zu nähren, weil er dachte, er wäre ausgetickt und hätte eine ganze Sippschaft getötet. Er hatte schlimm ausgesehen, aber nicht so schlimm wie Stefan.

»Er bedeutet dir auch etwas.«

Sie klang nicht überrascht, aber das wäre sie gewesen, wenn sie so viel über Vampire gewusst hätte wie ich.

Ich wusste, dass Stefan eine Gruppe Menschen quasi als Gefangene hielt, um sich von ihnen zu nähren – auch wenn es keinem von ihnen etwas auszumachen schien. Die rosarote Brille war mir endgültig von der Nase gerissen worden, als er zwei hilflose Leute umbrachte, Leute, die ich gerettet hatte, um mich zu beschützen. Es war vielleicht der mysteriöse Vampir Wulfe gewesen, der ihnen die Hälse umgedreht hatte, aber Stefan hatte diese makabre kleine Verschwörung organisiert.

Aber es tat trotzdem weh, ihn so zu sehen.

»Ja«, antwortete ich Mom.

»Du kannst ihn jetzt loslassen«, meinte Adam zu Darryl. »Er nährt sich.«

Darryl ließ Stefans Arm fallen und trat zurück, als fürchte er sich vor Verseuchung. Es gab nicht mehr viel Platz in meinem Wohnzimmer, aber er schob seinen Rücken gegen den Tresen, der den größeren Raum von der Küche trennte, und verzog die Lippen. Adam warf ihm einen nachdenklichen Blick zu, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder auf den anderen Wolf richtete.

»Geht es dir gut, Peter?«, fragte Adam.

Ich schaute den Werwolf an und sah, dass sich Schweiß auf seiner Stirn sammelte. Er hatte die Augen geschlossen und von dem Vampir abgewandt, der über seinem Schoß lag und an seinem Arm hing. Nach dem Unterschied zwischen seiner Reaktion und der Adams zu schließen, wäre es vielleicht besser gewesen, einen dominanteren Wolf zu finden, um Stefan zu nähren.

Peter antwortete nicht und Adam trat hinter ihn, so dass er eine Hand auf die Haut an seinem Nacken legen konnte. Fast sofort konnte ich die Reaktion auf die Berührung sehen, als Peter sich mit einem erleichterten Seufzen entspannte und an seinen Alpha lehnte.

»Es tut mir leid«, sagte Adam. »Wenn jemand anders da gewesen wäre … Ben sollte bald hier sein.«

Da gab es noch Darryl, der auf seine Schuhe starrte. Adams Bemerkung war nicht scharf gewesen, aber Darryl sah aus, als hätte ihn jemand geschlagen.

Peter schüttelte den Kopf. »Kein Problem. Für eine Minute war es allerdings ziemlich schlimm. Ich dachte, es wäre ein Mythos, dass Vampire den Geist gefangen halten können.«

Das war eines der Probleme mit den Vamps. Wie beim Feenvolk gab es so viele falsche Informationen da draußen, dass es schwer war, die Wahrheit herauszufinden.

»Er ist nicht er selbst«, hörte ich mich sagen. »Er würde es nicht absichtlich tun.« Ich war mir nicht ganz sicher, ob das die Wahrheit war, aber es klang gut. Er hatte mich einmal übernommen. Da hatte alles wunderbar funktioniert, aber mir wäre es lieber, wenn es niemals wieder passieren würde.

Meine Mutter sah mich an. »Hast du Orangensaft oder etwas anderes mit Zucker für die Blutspender da?«

Daran hätte ich selbst denken sollen. Ich hüpfte über Stefans Beine, um in die Küche gehen zu können und zu suchen. Nachdem mein Mitbewohner mich als absolut einfallslos in der Wahl meiner Lebensmittel bezeichnet hatte, hatte er das Einkaufen an sich gerissen. Ich hatte keine Ahnung, was er alles in den Kühlschrank gestopft hatte.

Ich fand eine halbe Flasche Orangensaft und füllte zwei Gläser. Das erste gab ich Adam und das zweite hielt ich vor Peter.

»Brauchst du Hilfe?«

Peter warf mir ein halbes Lächeln zu, schüttelte den Kopf und nahm das Glas. Er leerte es in einem Zug und gab es mir zurück.

»Mehr?«

»Jetzt nicht«, meinte er. »Vielleicht, wenn es vorbei ist.«

Mom und ich setzten uns auf die Couch, Adam nahm sich einen Stuhl und Darryl blieb, wo er war, und schaute betont nicht auf den Vampir.

An der Tür erklang ein scharfes Klopfen und Darryl sagte: »Ben.«

Er machte keine Anstalten, die Tür zu öffnen, aber sie ging trotzdem auf und Ben streckte seinen Kopf in den Raum. Sein blondes Haar wirkte im Licht der Verandalampe fast weiß. Er warf einen kurzen Blick auf Stefan und erklärte in seinem eleganten britischen Akzent: »Verdammte Scheiße. Er sieht übel aus.«

Aber seine Aufmerksamkeit war völlig auf meine Mutter konzentriert.

»Sie ist verheiratet«, warnte ich ihn. »Und wenn du sie beleidigst, dann wird sie dich mit ihrer hübschen rosa Knarre erschießen und ich werde auf dein Grab spucken.«

Er schaute einen Moment zu mir und öffnete dann den Mund.

Adam sagte: »Ben, darf ich dir Mercys Mutter Margi vorstellen?«

Ben wurde blass, schloss den Mund und öffnete ihn dann wieder. Aber kein Laut kam hervor. Ich ging nicht davon aus, dass Ben es gewöhnt war, Müttern vorgestellt zu werden.

»Ich weiß.« Ich seufzte. »Sie sieht aus wie meine jüngere, hübschere Schwester. Mom, das ist Ben. Ben ist ein Werwolf aus England und er hat ein ziemlich übles Mundwerk, wenn Adam nicht in der Gegend ist, um auf ihn aufzupassen. Er hat mir ein paarmal das Leben gerettet. An der Wand steht Darryl, Werwolf, Genie mit Doktortitel, und Adams Stellvertreter. Peter, auch ein Werwolf, ist der nette Mann, der gerade Stefan nährt.«

Und danach breitete sich unangenehme Stille aus. Darryl sprach kein Wort. Ben, nach einem weiteren verwirrten Blick zu Mom, hielt den Kopf gesenkt und den Mund geschlossen. Peter war offensichtlich durch den saugenden Vampir abgelenkt. Adam starrte mit einem besorgten Stirnrunzeln Stefan an.

Er wusste auch, was Stefan mit seinen ersten Worten gemeint hatte. Aber er konnte vor meiner Mom nicht mit mir darüber reden, außer, ich fing an. Und ich würde sie nicht wissen lassen, dass Marsilia und ihre Vampire hinter mir her waren. Nicht wenn es nicht sein musste.

Mom wollte mir Fragen über … über den Vorfall letzte Woche stellen. Über Tim und wie er gestorben war. Aber sie würde mich nichts fragen, bevor nicht alle anderen gegangen waren.

Und ich? Ich hätte am liebsten über nichts davon geredet. Ich fragte mich, wie lange ich alle hierhalten konnte, weil ich die Unbehaglichkeit immer noch besser fand als die Übelkeit erregende Panik, die durch die Gespräche mit Adam oder meiner Mutter ausgelöst werden würde.

»Ich bin kaputt«, erklärte Peter.

Stefan war auch diesmal kein bisschen glücklicher darüber, Blutspender zu wechseln. Aber der zusätzliche Wolf erfüllte seinen Zweck und er nährte sich, mit nur minimalem Schaden an meinem Tisch, bald von Ben. Aber nur ein paar Minuten später wurde Stefan schlaff und sein Mund öffnete sich.

»Ist er tot?«, fragte Peter und nippte an seinem zweiten Glas Orangensaft.

»Der?«, fragte Ben und zog sein Handgelenk zurück. »Der ist schon seit Jahren tot.«

Peter grunzte. »Du weißt, was ich meine.«

Tatsächlich war es schwer zu sagen. Er atmete nicht, aber Vampire taten das sowieso nicht, außer sie mussten reden oder sich als Menschen ausgeben. Sein Herz schlug nicht, aber auch das bedeutete nicht viel.

»Wir werden ihn in mein Haus bringen«, erklärte Adam. »Der …« Er warf einen Blick zu Mom. »Mein Keller hat einen Raum ohne Fenster, wo er sicherer ist.« Er meinte den Käfig, in den Werwölfe gesperrt wurden, die ein Kontrollproblem hatten. Dann runzelte er die Stirn. »Nicht dass das denjenigen aufhalten wird, der ihn in der Mitte deines Wohnzimmers abgesetzt hat, Mercy.« Er wusste genau, wer ›derjenige‹ war.

Marsilia, dachte ich, aber vielleicht war es auch Stefan selbst. Oder vielleicht irgendein anderer Vampir. Es war Andre gewesen, der mir erklärt hatte, dass Marsilia und Stefan die Einzigen waren, die sich so teleportieren konnten, der, den ich hatte töten müssen. Es war schwer, seinen Informationen großartig zu trauen.

»Ich werde vorsichtig sein«, erklärte ich Adam. »Aber du musst auch vorsichtig sein. Als ich draußen war und mit Amber gesprochen habe, war ein Vampir unterwegs, der die Rückseite des Hauses beobachtet hat.«

»Wer ist Amber?« Adams Frage kam nur knapp vor den Worten meiner Mutter: »Amber? Charlas College-Freundin?«

Ich nickte Mom zu. »Sie hat gelesen … Offensichtlich war ich in den nationalen Nachrichten. Sie hat beschlossen, mich zu besuchen, damit ich mir mal ihr Spukhaus ansehe.«

»Das klingt nach Amber«, meinte Mom. Char und Amber hatten eine Reihe von Wochenenden im Haus meiner Eltern in Portland verbracht, als ich auf dem College war. »Sie war immer selbstzentriert, und ich gehe nicht davon aus, dass sich so was ändert. Aber warum sollte sie denken, dass du ihr bei einem Spukhaus helfen kannst?«

Ich hatte Mom nie davon erzählt, dass ich Geister sah. Ich hatte es bis vor kurzem nie für etwas Besonderes gehalten. Ich meine, Leute sehen doch ständig Geister, oder? Sie reden nur nicht viel darüber. Eine Tochter zu haben, die sich in einen Kojoten verwandelte, war schon schlimm genug, also hatte ich bei allem anderen, was ich für mich behalten konnte, genau das getan.

Und jetzt schien mir auch nicht der richtige Zeitpunkt zu sein, um ihr davon zu erzählen. Ich hatte ihr nichts von letzter Woche erzählt. Ich hatte ihr nichts von Vampiren erzählt. Ich hatte absolut nicht die Absicht, ihr noch andere meiner Geheimnisse anzuvertrauen.

Also zuckte ich nur mit den Achseln. »Vielleicht, weil ich mit Werwölfen und dem Feenvolk verkehre.«

»Was hat sie von dir erwartet, dass du dagegen tust?«, fragte Adam. Er hatte wahrscheinlich das gesamte Gespräch mit Amber mitgehört; Werwölfe haben ein sehr gutes Gehör.

»Keine Ahnung«, erklärte ich ihm. »Sehe ich aus wie ein Experte für das Austreiben von Geistern?« Sie zu sehen war etwas völlig anderes, als sie wegzuschicken. Ich war mir nicht mal sicher, ob das möglich war. Ich dachte daran, was Amber gesagt hatte. »Vielleicht will sie nur, dass ich ihr sage, dass es in ihrem Haus wirklich spukt. Vielleicht braucht sie nur jemanden, der ihr glaubt.«

Adam kniete sich auf den Boden und hob Stefan hoch. »Ich bringe ihn jetzt nach Hause.« Obwohl Stefan größer war als er, war Adams übernatürliche Kraft nicht sofort zu erkennen – er sah einfach nur aus wie jemand, der ein großes Gewicht ohne größere Mühe tragen konnte.

Es hätte Darryl sein sollen, der Stefan hochhob, nicht Adam. Der Alpha hob einfach nichts Schweres, wenn tüchtige Gefolgsleute in der Nähe waren. Ben und Peter hatten beide den Vampir genährt, aber diese Entschuldigung hatte Darryl nicht. Er musste wirklich ein Riesenproblem mit Vampiren haben.

Adam schien nichts Falsches an Darryls Verhalten zu sehen. »Ich werde jemanden rüberschicken, der heute Nacht dein Haus bewacht.« Er schaute zu meiner Mom. »Brauchen Sie ein Zimmer für die Nacht? Mercy hat …« – er schaute sich um – »etwas wenig Platz.«

»Ich habe ein Zimmer im Roten Löwen in Pasco«, erklärte Mom. Zu mir sagte sie: »Wir sind ziemlich eilig losgefahren und ich konnte niemanden finden, der auf Hotep aufpassen konnte. Er ist im Auto.« Hotep war ihr Dobermann, der mich noch weniger mochte als ich ihn.

Adam nickte ernst, obwohl ich mich nicht daran erinnern konnte, ihm erzählt zu haben, dass der Hund meiner Mutter mich hasste.

»Adam«, sagte ich. »Danke. Dafür, dass du Stefan gerettet hast.«

»Kein Dank nötig. Wir haben ihn nicht für dich gerettet.«

Ben zog eine Miene, die vielleicht ein Lächeln gewesen wäre, wäre sein Gesicht nicht so angespannt gewesen. »Du warst nicht in dem Keller mit diesem Ding.« Er meinte Andres dämonenbesessenen Vampir, der erste Vampir, den ich getötet hatte. Er hatte mehrere der Wölfe und Stefan gefangen und … mit ihnen gespielt. Dämonen fügen gerne anderen Schmerzen zu.

»Wenn Stefan nicht gewesen wäre …« Ben zuckte mit den Achseln, als ließe er gerade eine Erinnerung unausgesprochen sterben. »Wir schulden ihm etwas.«

Adam warf einen Blick zu Darryl, der die Tür öffnete. Mir fiel etwas ein.

»Warte.«

Adam blieb stehen.

»Wenn ich mit Mom rede … zählt das?« Er hatte mir gesagt, dass ich mit jemandem reden musste, und meine Mutter würde nicht gehen, bevor ich ihr nicht alles erzählt hatte. Vielleicht war es ja möglich, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen.

Er übergab Stefan an Ben und kam zu mir. Dann berührte er mich direkt unter einem Ohr und küsste mich, als ob kein fasziniertes Publikum um uns herumstände. Er berührte mich nur mit den Fingerspitzen und dem Mund.

Zuerst schoss Hitze durch mich … gefolgt von einer schrecklichen, würgenden Angst. Ich konnte nicht atmen, konnte mich nicht bewegen …

Als ich wieder zu mir kam, saß ich mit dem Kopf zwischen den Knien auf der Couch und Adam murmelte beruhigende Worte. Aber er berührte mich nicht, und auch niemand sonst tat es.

Ich setzte mich auf und mein Gesicht landete so direkt vor Adams. Seine Miene war ruhig, aber ich konnte den Wolf in seinen Augen sehen und die Wildnis auf seiner Haut riechen.

»Panikattacke«, erklärte ich unnötigerweise. »Ich habe sie jetzt nicht mehr so oft.« Ich log, und an seinem Gesichtsausdruck konnte ich sehen, dass er es wusste. Mit dieser waren es heute vier. Gestern war es mir besser gegangen.

»Mit deiner Mutter reden zählt«, sagte er. »Wir gehen die Dinge langsam an … schauen mal, wie es läuft. Du redest mit deiner Mutter oder mit wem auch immer du willst. Aber alles bleibt auf Pause, bis ein Kuss von mir keine Panikattacke mehr auslöst, in Ordnung?«

Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern ging einfach aus der Tür, gefolgt von seinem Anhang. Darryl wartete, bis sowohl Ben als auch Peter draußen waren, bevor er sie sanft hinter ihnen allen schloss.

»Mercy«, meinte meine Mutter nachdenklich, »du hast mir nie gesagt, dass dein Werwolfnachbar so heiß ist.«

»Mmmm.« Ich wusste den Versuch zu schätzen, aber jetzt, wo die Zeit gekommen war, wollte ich es einfach nur hinter mich bringen. »Und du hast nicht gesehen, wie er Tims Leiche in kleine Stücke zerrissen hat.«

Ich hörte, wie Mom kurz aufkeuchte. »Ich wollte, ich hätte es gesehen. Erzähl mir von Tim.«

Also tat ich es. Und sie sagte kein Wort, bis ich fertig war. Ich hatte nicht vorgehabt, ihr alles zu erzählen. Aber sie sagte nichts, bewegte sich nicht, schaute mich nicht an. Also redete ich. Es gelang mir gerade so, Bens Namen aus der Geschichte herauszuhalten – seine Geheimnisse gehörten ihm –, aber alles andere tauchte in rauen Stücken auf oder wurde gewaltsam aus dunklen und scheußlichen Ecken hervorgepresst. Es dauerte eine Weile, alles zu eröffnen.

»Tim hat dich an Samuel erinnert«, sagte sie, als ich endlich fertig war.

Ich riss meinen Kopf von ihrem Schoß.

»Nein, ich bin nicht verrückt.« Sie gab mir ein Taschentuch aus der Box, die auf der Armlehne der Couch stand. »Deswegen hast du es nicht kommen sehen. Deswegen hast du nicht gesehen, was er war. Samuel war immer ein wenig ein Ausgestoßener, und das hat bei dir eine Schwäche für Ausgestoßene hinterlassen.«

Samuel? Der fröhliche, (für einen Werwolf) gutmütige Samuel ein Ausgestoßener?

»War er nicht.« Ich schnappte mir noch eine Handvoll Taschentücher und wischte mir den Rotz und die Tränen vom Gesicht. Meine Nase läuft, wenn ich weine.

Sie nickte. »Klar war er das. Er mag Menschen, Mercy – und die meisten Werwölfe tun das nicht.« Sie schauderte bei irgendeiner Erinnerung. »Er hat Heavy-Metal-Musik gehört und Star-Trek-Wiederholungen geschaut.«

»Er war der Stellvertreter des Marrok, bevor er hierherkam, um für eine Weile als einsamer Wolf zu leben. Er war kein Ausgestoßener.«

Sie schaute mich nur an.

»Einsamer Wolf heißt nicht ausgestoßen sein.« Ich spannte meinen Kiefer an.

Die Tür öffnete sich und Samuel, der offensichtlich schon eine Weile auf der Veranda gesessen hatte, kam herein. »Doch, das heißt es. Hey, Margi – wieso hast du diesen Hund mitgebracht? Er sieht unheimlich aus.«

Hotep war schwarz mit rotbraunen Augen. Er sah aus wie Anubis. Samuel hatte Recht, er sah unheimlich aus.

»Ich konnte keine Sitter für ihn finden«, erklärte sie und stand auf, um sich umarmen zu lassen. »Wie ist es dir ergangen?«

Er setzte an, »prima« zu sagen … dann schaute er mich an. »Wir haben ein paar Schläge abbekommen, Mercy und ich. Aber bis jetzt sind wir immer wieder in den Ring gestiegen.«

»Das ist alles, was man tun kann«, antwortete Mom. »Ich muss weg. Hotep steht wahrscheinlich kurz vorm Platzen, und ich brauche etwas Schlaf.« Sie schaute mich an. »Ich kann ein paar Tage bleiben – und Curt wollte, dass ich dir sage, dass du gerne für eine Weile nach Hause kommen kannst.« Curt war mein Stiefvater, der Zahnarzt.

»Danke, Mom«, sagte ich und meinte es ehrlich. So schrecklich es auch gewesen war, es hatte geholfen, alles mal auszusprechen. Aber ich musste sie aus der Stadt bringen, bevor Marsilia ihre nächste Aktion startete. »Das war genau das, was ich gebraucht habe.« Ich holte tief Luft. »Mom, ich möchte, dass du nach Portland zurückfährst. Ich habe heute gearbeitet. Es war besser, als ich das getan habe, was ich immer tue. Ich glaube, wenn ich einfach bei meiner normalen Routine bleibe, kann ich es hinter mir lassen.«

Meine Mutter kniff die Augen zusammen und setzte an, etwas zu sagen, aber Samuel griff in seine Tasche und gab ihr eine Karte.

»Hier«, sagte er. »Ruf mich an. Ich werde dir sagen, wie es ihr geht.«

Mom reckte das Kinn. »Wie geht es ihr?«

»Gut bis mäßig«, antwortete er. »Ein bisschen davon ist vorgespielt, aber nicht alles. Sie ist taff – gute Gene. Sie wird es schaffen, aber ich glaube, sie hat Recht. Es wird ihr besser gehen, wenn die Leute aufhören, um sie herumzurennen, mit ihr zu fühlen, sie zu bemitleiden und sie anzustarren. Und die beste Art, das zu erreichen, ist, wieder an die Arbeit zu gehen, alles wieder normal laufen zu lassen, bis die anderen es einfach vergessen.«

Wunderbarer Samuel. »In Ordnung«, sagte Mom. Sie warf Samuel einen strengen Blick zu. »Also, ich weiß nicht, was zwischen dir und meiner Tochter und Adam Hauptman los ist –«

»Genauso wenig wie wir«, murmelte ich.

Samuel grinste. »Wir haben es so weit geklärt, was den Sex betrifft – Adam kriegt ihn … irgendwann – und ich nicht. Aber der Rest wird noch verhandelt.«

»Samuel Cornick«, stotterte ich ungläubig. »Das ist meine Mutter.«

Mom grinste zurück und zog ihn nach unten, damit sie ihn auf die Wange küssen konnte. »So habe ich es auch gelesen. Aber ich wollte es noch überprüfen.« Sie wurde wieder ernst, und nach einem Blick zu mir sagte sie zu Samuel: »Kümmere dich für mich um sie.«

Er nickte feierlich. »Werde ich. Adam hat sein gesamtes Rudel drauf angesetzt. Lass mich dich zu deinem Auto bringen.«

Als er ins Haus zurückkam, hörte ich das Auto meiner Mutter losfahren. Er sah so müde aus, wie ich mich fühlte.

»Adam hat ein paar Wölfe auf Wache am Roten Löwen, die darauf warten, dass deine Mutter dort ankommt. Sie wird sicher sein.«

»Wie war der Notfall?«, fragte ich.

Er wurde fröhlicher. »So ein armer Spinner hat seine schwangere Frau zwei Wochen vor ihrem Geburtstermin quer durch das Land gefahren, um ihre Mutter zu besuchen. Ich bin gerade rechtzeitig angekommen, um es aufzufangen.«

Samuel liebte Babys. »Mädchen oder Junge?«

»Junge. Jacob Daniel Arlington, sechs Pfund hundert Gramm.«

»Bist du bei Adam gewesen und hast Stefan angeschaut?«

Er nickte. »Ich habe bei ihm drüben angehalten, bevor ich nach Hause gekommen bin. Viel helfen konnte ich nicht. Normalerweise sehe ich die Leute, bevor sie sterben. Hinterher bin ich nicht mehr besonders hilfreich.«

»Also, was denkst du?«

Er zuckte mit den Schultern. »Er tut, was auch immer Vampire tagsüber tun. Nicht schlafen, aber etwas, was dem nahe kommt. Ich erwarte, dass er heute Nacht und den morgigen Tag ruhen wird. Was ihm jeder mit gesundem Menschenverstand raten würde – und das hat auch Adam getan. Er hat erklärt, ich wäre müde und nutzlos, und dann hat er mich hier rüber geschickt, um ein Auge auf dich zu haben, falls Marsilia beschließt, noch etwas anderes zu versuchen.«

»›Müde und nutzlos‹«, meinte ich mit aufgesetzter Sympathie in der Stimme. »Und selbst das hat dich nicht vor einem Job bewahrt.«

Er grinste. »Adam scheint zu denken, dass du dich zur Seinen erklärt hast. Aber, nachdem er das ja gerne tut, ohne dich zu fragen, dachte ich, ich frage dich mal lieber selbst.«

Ich hob meine Hände in hilfloser Resignation. »Was soll ich sagen? Meine Mutter hält ihn für heiß. Ich habe keine andere Wahl, als ihn zu nehmen. Außerdem, es ist wirklich schlimm, einen Mann kriechen und betteln zu sehen.«

Er lachte. »Darauf wette ich. Geh ins Bett, Mercy. Der Morgen kommt schnell.« Er machte sich auf den Weg zu seinem Schlafzimmer am Ende des Flurs, dann drehte er sich um und ging rückwärts weiter. »Ich werde Adam erzählen, dass du gesagt hast, er hätte gebettelt.«

Ich zog eine Augenbraue hoch. »Dann werde ich ihm erzählen, dass du ihn der Lüge bezichtigt hast.«

Er lachte wieder. »Gute Nacht, Mercy.«

Ich hatte Adam als den Meinen angenommen, ihn mit offenen Augen und offenem Herzen gewählt. Aber Samuels Lachen brachte immer noch ein Lächeln auf meine Lippen. Ich liebte auch Samuel.

Er machte mir Sorgen. Manchmal schien er fast wie der alte Samuel, fröhlich und unbeschwert. Aber ich war mir ziemlich sicher, dass er einen großen Teil der Zeit nur so tat als ob, wie ein Schauspieler, der sein Stichwort bekommen hat – »Auftritt vorne rechts mit einem glücklichen Lächeln.«

Er war hierhergekommen, um bei mir zu wohnen, um zu versuchen, sich zu erholen – was ein gutes Zeichen war, wie wenn ein Alkoholiker auf sein erstes AA-Treffen geht. Aber ich war mir nicht sicher, ob es ihm half, hier zu sein, oder nicht. Er war alt. Älter als ich gewusst hatte, als ich im Rudel seines Vaters aufgewachsen war. Und obwohl Werwölfe nicht an Altersschwäche sterben, wie es bei Menschen passiert, kann das Alter sie genauso effektiv umbringen.

Vielleicht, wenn ich Samuel auf eine andere Art hätte lieben können. Vielleicht, wenn es Adam nicht gegeben hätte. Wenn ich Samuel als meinen Gefährten genommen hätte, wie er es gewollt hatte, als er in meinem Zuhause einzog, vielleicht hätte ihm das geholfen.

Er runzelte die Stirn in meine Richtung. »Was ist los?«

Aber man kann niemanden heiraten, nur um ihm zu helfen, selbst wenn man ihn liebt. Und ich liebte Samuel nicht auf die Art und Weise, wie eine Frau ihren Gefährten lieben sollte; wie ich Adam liebte. Samuel liebte mich auch nicht auf diese Art. Nah dran, aber nicht ganz. Und außer beim Hufeisenwerfen und bei Handgranaten hilft ›nah dran‹ nichts.

»Ich liebe dich, weißt du?«, meinte ich.

Sein Gesicht wurde für einen Moment ausdruckslos. Er antwortete: »Ja. Ich weiß.« Seine Pupillen wurden kleiner und seine grauen Augen heller. Dann lächelte er, süß und warm. »Ich liebe dich auch.«

Ich ging mit dem starken Gefühl ins Bett, dass dieses Mal ›nah dran‹ vielleicht wirklich reichen würde.

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Samuel hatte Recht – der Morgen kam zu früh. Ich gähnte, als ich mit meinem Van in die Straße abbog, in der meine Werkstatt lag … und hielt mitten auf der Straße an, alle Gedanken an Schlaf verschwunden.

Jemand hatte sich Sprühfarbe genommen und letzte Nacht jede Menge Spaß an meinem Geschäft gehabt.

Ich nahm alles in mich auf, dann fuhr ich langsam auf den Parkplatz und stellte meinen Van neben Zees alten Truck. Er trat aus dem Büro und kam zu mir herüber, als ich ausstieg und die Tür des Vans schloss – ein mittelgroßer, mitteldicker, ergrauender Mann. Er sah aus, als wäre er Ende fünfzig, Anfang sechzig, aber er war um einiges älter als das: Man sollte niemals jemanden vom Feenvolk nach seinem Aussehen beurteilen.

»Wow«, sagte ich. »Man muss ihr Engagement bewundern. Sie müssen stundenlang hier gewesen sein.«

»Und niemand ist vorbeigefahren«, schnauzte Zee. »Niemand hat die Polizei gerufen?« Das eine Wort kam auf Deutsch.

»Ähm, wahrscheinlich nicht. Nachts gibt es hier nicht besonders viel Verkehr.« Als ich das Graffiti las, wurde mir klar, dass es Themen und Erkenntnisse gab, die man aus der Leinwand gewinnen konnte, in die jemand meine Autowerkstatt verwandelt hatte.

Grüne Farbe, da war ich mir fast sicher, bedeutete ein junger Mann, dessen Denkmuster ungefähr denen von Ben folgten, zumindest, wenn die benutzten Worte irgendein Hinweis waren.

»Schau, er hat Nutte falsch geschrieben. Ich frage mich, ob er das absichtlich gemacht hat? Auf dem vorderen Fenster hat er es richtig geschrieben. Was hat er wohl zuerst gemacht?«

»Ich habe deinen Polizei-Freund Tony angerufen«, sagte Zee, der so wütend war, dass seine Zähne klapperten, wenn er sprach. »Er hat geschlafen, aber er wird in einer halben Stunde hier sein.« Er konnte auch meinetwegen so wütend sein, aber größtenteils, das glaubte ich zumindest, war es der Zustand der Werkstatt. Es war sein Geschäft gewesen, lange bevor ich es ihm abgekauft hatte. Letzte Woche wäre ich auch noch wütend gewesen. Aber seitdem war so viel passiert, dass das hier ziemlich weit unten auf meiner Sorgenliste stand.

Die rote Farbe hatte ein dringlicheres Anliegen als die grüne Farbe. Rot hatte nur zwei Worte gemalt: »Lügner« und »Mörder«, wieder und wieder. Adam hatte Sicherheitskameras installiert, also würden wir es bald sicher wissen, aber ich würde darauf wetten, dass Rot Tims Cousine Courtney war. Tim hatte seinen besten Freund umgebracht, bevor er mich angegriffen hatte, und es gab einfach nicht mehr so viele Leute, die wegen seines Todes so wütend wurden.

Ich konnte hören, dass sich ein Auto näherte. Eine Stunde später, wenn der Verkehr zunahm, weil die Leute zur Arbeit fuhren, hätte ich es nicht bemerkt. Aber so früh am Morgen war es ruhig, also hörte ich den Wagen meiner Mutter näher kommen.

»Zee«, sagte ich drängend. »Gibt es irgendeinen Weg, wie du das …«, ich wedelte mit der Hand in Richtung Werkstatt, »für ein paar Minuten verstecken kannst?«

Ich wusste nicht viel darüber, was er tun konnte und was nicht – mal abgesehen vom Reparieren von Autos und dem Umgang mit Metall wirkte er nicht viel Magie vor mir. Aber ich hatte einmal sein wahres Gesicht gesehen, also wusste ich, dass sein persönlicher Zauber gut war. Wenn er sein Gesicht verbergen konnte, konnte er doch sicher auch ein bisschen grüne und rote Farbe verstecken.

Er runzelte verstimmt die Stirn. Man bat das Feenvolk nicht um Gefallen – nicht nur war es gefährlich, sondern sie neigten auch dazu, es einem übelzunehmen. Zee mochte mich lieben, mochte mir etwas schulden, weil ich ihm aus einer Klemme geholfen hatte, aber das würde mir auch nur wenig weiterhelfen.

»Meine Mutter kommt«, erklärte ich ihm. »Die Vampire sind hinter mir her und ich muss sie dazu bringen, abzureisen. Sie wird es nicht tun, wenn sie weiß, dass ich in Gefahr bin.« Dann, weil ich wirklich verzweifelt war, wurde ich gemein. »Nicht nach dem, was mit Tim passiert ist.«

Sein Gesicht wurde ausdruckslos. Dann griff er sich mein Handgelenk und zog mich mit sich, so dass wir beide näher an der Werkstatt standen.

Er legte seine Hand an die Wand neben der Tür. »Wenn es funktioniert, werde ich meine Hand nicht wegnehmen können, ohne den Zauber zu brechen.«

Als Mom um die Ecke bog, war das Graffiti verschwunden.

»Du bist der Beste«, verkündete ich.

»Sorg dafür, dass sie schnell verschwindet«, antwortete er mit einer Grimasse. »Das ist nicht meine Art von Magie.«

Ich nickte und ging auf die Stelle zu, wo Mom ihr Auto parkte, als ich die Tür zum ersten Mal deutlich sah. Überdeckt von der roten und grünen Farbe war es nicht so auffällig gewesen. Jemand mit künstlerischen Fähigkeiten hatte ein X auf die Tür gemalt. Falls ich nicht sofort die richtige Verbindung herstellen sollte, wurde die Form, statt nur durch zwei Linien, von zwei überkreuzten Knochen gebildet. Sie waren elfenbeinfarben mit gräulichen Schatten und einem Hauch von Pink – und nicht gezeichnet von zwei selbstgerechten, aufgebrachten Kindern mit Spraydosen. Alles, was es von der Piratenflagge trennte, war der fehlende Schädel.

»Das versteckst besser du«, sagte Zee. »Mit Magie wird es nicht gelingen.«

Ich lehnte mich an die Tür und verschränkte die Arme.

»Also, warum glaubst du, dass es nicht richtig läuft?«, fragte ich ihn, als meine Mutter mit Hotep an der Leine auf uns zukam.

»Weil es alt ist«, erklärte mir Zee und nahm damit das Stichwort auf, das ich ihm gegeben hatte. »Weil es schon von Anfang an nicht besonders gut gebaut war. Weil luftgekühlte Motoren ständige Pflege brauchen.«

»Ich war … Hey, Mom.«

»Margaret«, sagte Zee kühl.

»Mr Adelbertsmiter.« Meine Mutter mochte Zee nicht. Sie machte ihn für meine Entscheidung verantwortlich, in den Tri-Cities zu bleiben und Autos zu reparieren statt einen Lehrjob zu finden, etwas, was eher in die Richtung ging, von der meine Mutter fand, dass ich es machen sollte. Nachdem der Höflichkeit Genüge getan war, wandte sie sich wieder mir zu. »Ich dachte, ich schaue nochmal vorbei, bevor ich nach Hause fahre.«

Sie konnte allerdings nicht näher kommen, weil Hotep, kaum hatte er mich gewittert, knurrte und aggressiv den Kopf senkte: Er beschützte meine Mutter vor dem bösen Kojoten.

»Ich werde schon klarkommen«, sagte ich und fletschte die Zähne in Richtung des Dobermannes. Eigentlich mag ich Hunde, aber diesen nicht. »Liebe Grüße an Curt und die Mädchen.«

»Vergiss nicht, dafür zu sorgen, dass du zu Nans Hochzeit kommen kannst.« Nan war meine jüngere Halbschwester, und sie würde in sechs Wochen heiraten. Glücklicherweise war ich nicht für die Organisation eingeplant, also musste ich nur dasitzen und zuschauen.

»Ich habe es im Kopf«, versprach ich. »Zee wird sich in der Zwischenzeit um die Werkstatt kümmern.«

Sie schaute zu ihm, dann wieder zu mir. »Na gut, dann.« Sie setzte an, für eine Umarmung zu mir zu kommen, dann warf sie einen bedauernden Blick auf Hotep. »Du musst ihm beibringen, sich zu benehmen, wie du es bei Ringo getan hast.«

»Ringo war ein Pudel, Mom. Ein Kampf zwischen Hotep und mir würde für keinen von uns gut enden. Es ist in Ordnung. Nicht sein Fehler.«

Sie seufzte. »In Ordnung. Pass auf dich auf.«

»Ich liebe dich. Fahr vorsichtig.«

»Tue ich immer. Liebe dich auch.«

Zee schwitzte, als das Auto endlich außer Sicht war. Er nahm seine Hand vom Gebäude und die Farbe kehrte zurück. »Ich habe es nicht für dich getan«, grummelte er. »Ich wollte einfach nur nicht, dass sie länger hierbleibt als nötig.«

Wir traten beide einen Schritt von der Tür zurück, um uns das Bild anzuschauen, das jetzt fast völlig von einem riesigen, fettgeschriebenen, roten ›Lügner‹ verdeckt war. Die Farbe der überkreuzten Knochen war dicker als die Sprühfarben, also konnte ich die Umrisse durchaus sehen, wenn auch nicht den Großteil der Farbe.

»Die Vampire haben letzte Nacht Stefan in meinem Wohnzimmer fallen gelassen«, erzählte ich ihm. »Er war in übler Verfassung. Peter … einer von Adams Wölfen denkt, dass, wer auch immer es getan hat, darauf gehofft hat, dass Stefan mich angreift und wir damit beide aus dem Weg wären. Stefan war nicht in der Verfassung, viel zu reden, aber er hat es geschafft, rüberzubringen, dass Marsilia herausgefunden hat, wer Andre getötet hat.«

Zee fuhr mit dem Finger die Konturen der Knochen nach und schüttelte den Kopf. »Das könnte Vampirarbeit sein. Aber, Mercy, du hast deine kleine Nase in so viele Dinge gesteckt, die dich nichts angehen; es könnte so gut wie jeder sein. Ich werde mit Onkel Mike reden – aber ich denke mal, deine beste Chance auf Informationen darüber ist Stefan, weil es sich nicht anfühlt wie Magie des Feenvolkes. Wie schlimm ist Stefan verletzt?«

»Wenn er ein Werwolf wäre, wäre er wahrscheinlich tot. Du glaubst, das ist Magie?« So fühlte es sich auch für mich an, aber ich hoffte wirklich, dass ich Unrecht hatte.

Zee runzelte die Stirn. »Für einen üblen Blutsauger ist er kein so schlechter Kerl.« Aus Zees Mund ein großes Lob. »Und ja, hier steckt Magie drin, aber nichts, was ich erkenne.«

»Samuel denkt, dass Stefan in Ordnung kommen wird.«

Tony bog in seinem unauffälligen Auto um die Ecke, das diskret für den Polizeigebrauch angepasst worden war, mit zusätzlichen Spiegeln, ein paar Extraantennen und einer Lichtleiste im Heckfenster, die durch extra dunkel getönte Scheiben vor neugierigen Blicken geschützt war. Er bremste kurz ab, als er den Schaden sah. Dann hielt er neben uns und öffnete die Tür.

»Hast du deine Weihnachtsdekoration vorgezogen, Mercy?« Tony konnte sich noch besser anpassen als ich. Heute sah er aus wie ein Polizist mit lateinamerikanischer Abstammung – wie das Aushängeschild für Polizisten mit lateinamerikanischer Abstammung, gut aussehend und gepflegt. Wenn er den Drogendealer spielte, dann war er in der Rolle glaubwürdiger als echte Dealer. Ich hatte ihn das erste Mal getroffen, als er gerade einen Obdachlosen spielte. Er hatte absolut keine magischen oder übernatürlichen Fähigkeiten, aber der Mann war ein Chamäleon.

Ich schaute wieder zum Gebäude. Er hatte Recht. Wenn man nicht auf die Worte achtete, dann sah es wirklich ein wenig weihnachtlich aus. Die grüne Farbe hatte eine Tendenz, von oben nach unten kurz, aber ziemlich breit zu sein. Die rote Farbe war fett und eng. Es sah ein wenig aus wie grüne Girlanden mit roten, daran runterhängenden Weihnachtskugeln.

»Keine wirklich weihnachtlichen Gedanken«, meinte ich zu Tony. »Aber die Farben stimmen. Tatsächlich würde es richtig festlich aussehen, wenn das Weiß nicht so dreckig wäre – wie dieses kleine mexikanische Restaurant in Pasco … das mit der wirklich scharfen Sauce.« Die grellen Farben ließen den eigentlichen Anstrich des Gebäudes dreckig aussehen.

»Hat dein Freund immer noch das Überwachungsvideo laufen?«

»Ja, aber ich weiß nicht, wie man es sich anschaut.«

»Ich schon«, sagte Zee. »Lasst uns mal draufschauen.«

Ich warf ihm einen Blick zu. Vampire, erinnerst du dich? Wir wollen nicht, dass der nette menschliche Polizist die Vampire sieht.

Er zeigte eine ausdruckslose Miene, die deutlich sagte: Wenn die Vampire dumm genug waren, sich von den Kameras aufnehmen zu lassen, dann ist das ihr Problem. Ich konnte nicht laut protestieren, aber wenn die Vampire zu offensichtlich waren, dann wäre es Tony, der in Gefahr war.

Naja, dachte ich, als ich ins Büro vorausging, zumindest sahen Vampire aus wie jeder andere auch. Solange sie nicht ihre Reißzähne in die Kamera hielten – oder ein Auto durch die Gegend warfen –, war es sehr unwahrscheinlich, dass man sie als das erkennen konnte, was sie waren. Und wenn es offensichtlich war … Tony war nicht dämlich. Er wusste eine Menge darüber, wie das Feenvolk und die Werwölfe funktionierten, und ich wusste, dass er bereits vermutete, dass es noch viel mehr Scheußlichkeiten da draußen gab, die sich nur bis jetzt noch ruhig verhielten.

Während Zee an der Elektronik herumspielte, schaute Tony mich an.

»Wie geht es dir?« Er roch nach Besorgnis, mit einem Hauch des leicht metallischen Geruchs von beschützender Wut.

»Ich bin es wirklich leid, diese Frage zu beantworten«, antwortete ich ausdruckslos. »Wie ist es bei dir?«

Er ließ seine leuchtend weißen Zähne aufblitzen. »Gut für dich. Glaubst du, dass die Bessere Zukunft das getan hat?«

Wenn unsere Gedankengänge weiterhin so parallel liefen, würde ich den armen Tony bald bedauern.

»Irgendwie schon. Ich glaube, dass Tims Cousine das getan hat«, erklärte ich ihm. »Sie ist ein Mitglied der Besseren Zukunft, aber ich glaube nicht, dass sie das in ihrem Namen getan hat. Alles hier ist gegen mich gerichtet – nicht gegen das Feenvolk.«

»Willst du Anzeige erstatten?«

Ich seufzte. »Ich werde meine Versicherungsgesellschaft anrufen. Ich fürchte, sie werden mich zwingen, Anzeige zu erstatten, wenn ich die Erstattung bekommen will. Ich kann es mir nicht leisten, alles neu streichen zu lassen, ohne meine Versicherung einzuschalten, und ich kann mir auch nicht lang genug von der Arbeit freinehmen, um alles selbst zu machen.« Ich musste immer noch ein paar andere Dinge bezahlen – den Schaden, den ein Feenwesen, das mich fressen wollte, an Adams Haus und Auto angerichtet hatte, zum Beispiel. Und Zee hatte mir gesagt, dass er den Rest des Geldes zurückhaben wollte, das ich ihm für die Werkstatt schuldete. Das Feenvolk kann nicht lügen, und wir hatten noch keine Zeit gehabt, uns um diese Sache zu kümmern.

»Wie wäre es mit Gabriels Familie?«, schlug Tony vor. »Es gibt genug von ihnen und sie könnten nach der Schule arbeiten. Das wäre billiger, als Fachleute anzuheuern und … ich glaube, sie brauchen das Geld.«

Gabriel war mein Freitag, ein Highschool-Schüler, der an Wochenenden und späten Nachmittagen kam, um den Papierkram zu machen, das Telefon zu betreuen und insgesamt zu tun, was es eben zu tun gab.

Ich hatte eine plötzliche Vision meiner Werkstatt, die überrannt wurde von kleinen Sandovals auf Leitern und an Seilen. Ich hatte sie einmal im Büro zum Putzen losgelassen, und jetzt war es fast schwer, den Raum noch wiederzuerkennen – für einen Haufen Kinder waren sie erstaunlich emsig. »Das ist eine gute Idee. Ich werde Gabriel seine Mutter anrufen lassen, sobald er hier ankommt.«

»Hier«, sagte Zee. Er drehte den kleinen Security-Monitor in unsere Richtung und legte einen Hebel um. Das System, das Adam eingebaut hatte, war raffiniert und teuer. Es funktionierte mit Bewegungsmeldern, also mussten wir nur die Teile schauen, auf denen sich etwas bewegt hatte. Zum ersten Mal tat sich etwas um Viertel nach zehn abends; wir beobachteten, wie ein halb ausgewachsener Hase ohne Eile über das Pflaster hoppelte und schließlich aus dem Sichtfeld verschwand. Um Mitternacht erschien jemand an der Tür zur Werkstatt. Es waren nicht zwei Leute mit Spraydosen, also war ich mir ziemlich sicher, dass es derjenige war, der die zwei überkreuzten Knochen auf meine Tür gemalt hatte.

Sein Bild war seltsam schattig und unkenntlich. Der Übeltäter hielt sein Gesicht außerhalb der Kameras – was ziemlich beeindruckend war, weil eine Kamera direkt vor der Tür war, um das Gesicht von jedem aufzunehmen, der versuchte, einzubrechen.

Das Einzige, was die Kamera klar aufgenommen hatte, waren die Handschuhe, die er anhatte – die altmodische Sorte: weiß mit kleinen Knöpfen am Handgelenk. In den Videobildern waren seltsame Störungen, Sprünge, wo die Kamera sich ausgeschaltet hatte, weil es keine Bewegung gab, der sie hätte folgen können. Dem Timecode nach hatte es ihn ungefähr eine Dreiviertelstunde gekostet, die Knochen auf meine Tür zu malen – und davon hatte die Kamera ungefähr zehn Minuten aufgenommen. Ein Teil der fehlenden Zeit waren die Momente, wo der Maler auftauchte und wieder verschwand.

Ich ging nicht davon aus, dass er wusste, dass es die Kameras gab, und er hatte sie trotzdem gemieden. Manche übernatürlichen Wesen lassen sich einfach nicht gut filmen: Traditionell zählten Vampire zu dieser Gruppe. Der Größe nach konnte es Wulfe sein, der meine erste Wahl wäre, wenn es um Vampirmagie ging. Nachdem Wulfe der Vampir war, der sicher wusste, dass ich Andre umgebracht hatte, war er auch mein Hauptverdächtiger als Informant, der Marsilia von meinem Verbrechen erzählt hatte.

Die Kamera fing wieder Bewegung ein.

»Stopp«, sagte Tony.

Zwei Figuren, noch undeutlich, erstarrten am Rand des beleuchteten Bereichs meines Parkplatzes, und die kleinen Zahlen am unteren Rand des Bildschirms verkündeten, dass es 1:08 Uhr war. Es war fast eine halbe Stunde vergangen, seitdem der Knochenmaler zuletzt dagewesen war.

»Was war das denn?«, fragte er. »Der Kerl an deiner Tür?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete ich. Ich hätte fast gesagt, dass ich genauso wenig Ahnung hatte wie er, aber das stimmte nicht. »Vielleicht hat jemand versucht, einzubrechen, aber hat es nicht geschafft.« Es war unmöglich, aus den Aufnahmen der Kamera etwas abzulesen. »Es ist auch egal, weil er offensichtlich nicht derjenige war, der alles über und über beschmiert hat.«

Tony starrte mich an. Polizisten waren fast so gut darin wie Werwölfe, Lügen zu fühlen. Er drehte sich plötzlich um und öffnete die Tür, um sie sich anzuschauen. Wie Zee fuhr er die Umrisse der überkreuzten Knochen mit dem Finger nach.

»Wen hast du noch gegen dich aufgebracht außer der Besseren Zukunft? Das sieht fast aus wie etwas, was die alte Mafia getan hätte – mit Stil, aber so gestaltet, dass es denjenigen, der es bekommt, zu Tode erschreckt.«

Ich seufzte und zuckte mit den Achseln. »Keiner wollte, dass ich Zee aus der Mordanklage raushole. Es ist allerdings nichts, was einer vom Feenvolk tun würde – zu sichtbar. Und ein Werwolf, der so sauer wäre, würde einfach angreifen. Ich habe ein paar Leute, die das besser für mich recherchieren können als die Polizei.«

Tony runzelte die Stirn und gab ein irritiertes Geräusch von sich. »Ist das noch eins von deinen ›Das ist zu gefährlich für euch rein menschliche Polizisten‹-Dingern?«

Ich rieb mir die Arme, aber ich fror nicht, mir lief es nur kalt den Rücken herunter. Ich gab mich keiner Illusion hin. Marsilia hätte mich einfach umbringen können, doch sie wollte spielen. Aber egal wie verspielt die Katze ist, am Ende ist die Maus genauso tot.

Und das Ende würde kommen, wann immer sie sich dafür entschied. Die einzige Frage war, wie viele Leute – wie viele meiner Freunde – ihrer Entscheidung nach mit mir untergehen würden.

Vielleicht verfiel ich ja zu früh in Panik. Vielleicht würde sie sich mit einer Bestrafung begnügen. Stefan gehörte ihr. Es gab keinen Grund für mein Bauchgefühl, dass er nicht der Letzte sein würde, der für meine Sünden büßen musste. Ich kannte Marsilia nicht gut genug, um so eine Vorhersage zu machen.

»Mercy?«

»Ich weiß nicht, was die überkreuzten Knochen bedeuten.« Außer schlechte Neuigkeiten. »Zee sagt, dass sie magisch sind, aber wahrscheinlich nicht Feenvolk-Magie.« Zee war geoutet – jeder, den es interessierte, würde wissen, dass er vom Feenvolk war, was der Grund war, warum die Werkstatt jetzt mir gehörte und nicht mehr ihm. Es gab jede Menge Vorurteile gegen das Feenvolk. »Er hat ein paar Kontakte, bei denen er für mich nachfragen will. Ich kenne auch ein paar Leute, die ich fragen kann.« Adam hatte für das Rudel eine Hexe auf der Gehaltsliste, für Aufräumarbeiten. Sie war gut, aber es würde mich eine Menge Geld kosten, sie anzustellen, wenn Onkel Mike und Stefan nicht wussten, was es war. »Aber keiner von ihnen wird sich auch nur auf hundert Meilen einer polizeilichen Ermittlung nähern. Habt ihr irgendwen im Department, der ein Experte für Magie ist?«

Tony hielt meinem Blick eine Weile stand, bevor er mit einem Seufzen aufgab. »Zur Hölle, nein. Mercy, du hättest die Gesichter sehen sollen, als sie das Video gesehen haben …« Er hielt inne und warf mir einen schuldbewussten Blick zu. Es ging um das Video, auf dem ich Tim getötet hatte … und das Ganze davor. Er zuckte nervös mit den Achseln und schaute zur Seite. »Es gibt ein paar, die ein bisschen über das Feenvolk oder Werwölfe wissen, aber … wenn irgendwer mehr weiß, dann hält er seinen Mund, aus Angst, seinen Job zu verlieren.«

Er seufzte und kam zurück ins Büro. »Mach weiter«, sagte er zu Zee. »Lass uns anschauen, wie Tims Cousine die Werkstatt verschönert.«

Sobald die zwei schattenhaften Figuren den Parkplatz ganz betreten hatten, war Courtney klar zu erkennen. Statt uns den gesamten Prozess anschauen zu lassen, spulte Zee vor, bis die beiden zwei Stunden später mit Taschen voller leerer Spraydosen wieder gingen. Er stoppte den Film, als Courtney nah vor der Kamera und unmöglich zu verwechseln war. Ihr hübsches, rundliches Gesicht war hart und voller Wut. Zee spulte ein wenig vor und zurück, bis wir auch das Gesicht ihres Begleiters klar sehen konnten.

Das Sicherheitssystem war noch nicht lang eingebaut, aber Zee liebte technische Spielereien. Er musste sich eine ganze Weile mit dem hier beschäftigt haben.

»Es ist Courtney, ohne Frage … Ich erinnere mich nicht an ihren Nachnamen«, erklärte ich Tony. »Den Mann erkenne ich überhaupt nicht. Wenn es die Bessere Zukunft gewesen wäre, wären es mehr Leute gewesen.«

»Es ist persönlich«, stimmte mir Tony grimmig zu. »Du solltest mir diese DVDs geben und Anzeige erstatten, damit wir ihr die Zeit geben können, sich ein wenig abzukühlen. Sie wird in absehbarer Zeit nicht aufhören, dich zu belästigen, außer jemand lenkt sie in eine andere Richtung. Es ist für alle Beteiligten sicherer, wenn das die Polizei ist und nicht die Werwölfe oder das Feenvolk.«

Zee ließ die DVD auswerfen und gab sie Tony.

Tony starrte sie einen Moment nachdenklich an. »Ich mache mir keine Sorgen wegen dieser Kinder, Mercy. Aber da ist etwas an diesen Knochen und diesem Kerl, was mein Radar zum Schreien bringt. Wenn das keine Todesdrohung ist, dann laust mich der Affe. Halt dich eine Weile nah an deinem Werwolffreund.«

Ich seufzte leidend. »Warum, glaubst du, ist Zee immer noch hier? Ich vermute, dass ich keinen Moment für mich allein haben werde im nächsten Jahr, mindestens.«

»Ja«, sagte er und ein Lächeln brachte seine Augen zum Leuchten. »Es ist hart, wenn man den Leuten etwas bedeutet.«

Zee gab ein Geräusch von sich, das vielleicht ein Lachen war. Er überspielte es, indem er laut sagte: »Nicht dass sie es denen, die auf sie aufpassen wollen, leichtmacht. Warte nur ab. Alles, was sie in den nächsten Wochen tun wird, ist jaulen, jaulen, jaulen.«