2010

 

3. Januar 2010, Paris

 

Früh bei Odile und Igor zum Frühstück, anschließend in die Fellini-Ausstellung (Jeu de Paume, Tuilerien), der ganze Fellini in tausend Dokumenten, Skizzen, Fotos, Affichen, Stimmen, laufenden Filmausschnitten, Selbstdarstellungen, Auftritten, die Säle brodelnd vom fellinesken Bestiarium, den Schauspielern, Mastroianni, Ekberg, Masina, Quinn etc.) im Zentrum Dolce Vita; die Schauplätze, Rom und Rimini, die Schöpfung, Fellinis Weltschöpfung, die mich ja weiß Gott nicht nur betroffen, sondern kräftig auf den Weg geschickt, also wohl inspiriert hat. Das Merkwürdige: daß seine Stationen und Schauplätze zum Teil die meinen sind, so das Café de Paris an der Veneto, als ich dort war, es ist erinnerungsmächtig auch meine Biographie. Und da dachte ich, daß meine Maria-Story eine Art kleine Dolce-Vita-Veranstaltung von mir war, Maria das Starlet, mein Sternchen, nur daß ich die Rückseite des Sternchens, das tapfere kleine Mädchen in dem Flitter und dessen rührenden Opfergang auch gekannt, wenn nicht mitverschuldet habe, es ist die brutale Realität hinter dem Traum, die nackte Realität. Fellini ist die Verzauberung des Banalen kraft Magie, künstlerischer Imagination, auch immer Jüngstes Gericht. Es ist die Rückführung und Rückbindung der zeitlichen Realität in den zeitlosen oder zeitüberspannenden Menschheitsgeschichten-Reigen, das Leben ein Clownsmuster und gleichzeitig tiefster Schauer Schönheit Vergeblichkeit Sehnsucht aufrührende Menschlichkeit, ja, es ist wie Bachmann in seinem Italienbuch sagt, einfach das Rauschen der Zeit als Rauschen des Meers und – Maskerade. Hat mich eigentümlich gerührt, als wäre mir mein eigenes Leben gezeigt worden. Schlecht gesagt.

Und was mir außerdem durch den Kopf ging: daß ich für die Liebe darum nicht zu haben war, weil ich so sehr damit beschäftigt war, aus dem Sodbrunnen meiner Verzweiflungen und Geschlagenheit das Vermögen zur Menschen- und Lebensliebe freizulegen, den Funken aus dem Stein zu schlagen, um es sagen zu können. Das Schürfen nach den Goldsplittern – mein »Amt«. Goldschürfer Goldgräber Sinnteilchen – nun – weil ich nach der größeren Liebe dürstete, nach dem Odem. »Was lärmt ihr so und seht doch, daß ich schlafe.« Es war herrlich kalt draußen unterwegs mit Odile in ihrem schönen russischen falschen Pelz, meine kleine Karenina. Wir haben uns vor dem Musée d’Orsay getrennt, voll von Fellini und insofern lebenstrunken und zu zweit allein wie in einem Schneesturm.

24. Januar 2010, Paris

 

Lese Hemingways Garten Eden wieder und bin beglückt und angesteckt von dem Buch, das erst lange nach Hemingways Tod von den Erben herausgebracht worden ist, sein Autor scheint über 15 Jahre daran gewerkelt zu haben, es blieb unvollendet. Und spielt in den zwanziger Jahren in Südfrankreich und Spanien, der Autor nach seinem zweiten Roman in den Flitterwochen mit der wunderbaren Geliebten, die jetzt seine Gattin und, wie sich zeigt, teuflisch auf sein Schreiben eifersüchtig ist, was sie die geistige Gesundheit kostet und mich alles zu Tränen rührt und begeistert, man lebt ja fürstlich und ohne finanzielle Sorgen mit Wagen, Fahrten, Schwimmen, bestem Essen und viel Trinken und nach der Mitte des Buches mit einer Zweitfrau, also mit zwei Geliebten und offensichtlich beide Schönheiten, nicht gerade in Saus und Braus, aber eben im Garten Eden, im Paradies, alle sind sie blutjung und bei besten Kräften, nur ist er eben an das verdammte Schreiben gekettet, und das Schreiben ist seine tragische Liebe Nr. 1 und nicht zu teilen; und wunderbar, wie er das tägliche Schreiben verteidigt, weil er weiß, daß er nur da im tiefsten verantwortlich ist und am Leben scheitern könnte, also in Gefahr steht; und wie er beschreibt, wie er, aus den Armen der einen oder der andern zu seinem Arbeitsraum und da gleich in seine Story, also in das eigentliche Leben, nämlich das im Schreiben zu erringende oder zu verscherzende oder erreichbare Leben eintaucht, und zwar mit allem ihm zur Verfügung stehenden Ethos, das ist es, was mich am meisten betrifft, dieses Verantwortlich- und Geplagt- und Glücklichsein beim Schreiben, wenn es denn nicht ein Ringen genannt werden soll, denn nur da ist Wahrheit oder Verrat oder Niederlage oder noch schlimmer, und es ist nicht zu teilen, mit niemandem, auch mit der Liebsten nicht, die darüber verrückt wird, und ich will das Buch Odile kaufen, bei der das gleiche Problem akut war und nach wie vor ist.

2. Februar 2010, Paris

 

Klassenzusammenkunft, Matura 1949, Greisenasyl – mit Ausnahme von Fritz Thormann, der heute noch per Rad von Bern nach Paris fährt, Glatzkopf mit riesigem abstehenden Schnurrbart, einer der beiden Aristokraten in unserer Klasse. Mit ihm hatte ich in der Schulzeit wenig zu tun, wohl aber mit Hohl, dem späteren Botschafter, den ich vor seinem Tod in seiner Villa neben Athen, wo sein letzter Botschafterposten war, besucht habe.

Wir waren wie Milchbrüder, ganz eng, beide heirateten wir früh, beide tranken wir gerne und viel, nach einer zusammen durchzechten Nacht glich der Tisch einem Wald voller leerer Flaschen, sage ich.

Einmal hatte ich eine Lesung in Bern, Untertauchen, muß also 1972 gewesen sein, und entdecke im Saal den lange nicht gesehenen Freund Hohl neben einer auffallenden Eurasierin, Tochter eines Botschafters aus Bangladesch, Mutter Engländerin, wie ich später erfahre. Hohl zur Botschafterkonferenz im Auswärtigen Amt, darum Bern, er hat per Zufall von meiner Lesung erfahren, und nun sitzt er also da im Saal, und hinterher gehen wir zu dritt trinken und landen im Hotelzimmer von A., so heißt die junge Dame, wo wir weitertrinken und wo Hohl sich anschickt aufzubrechen, und ich ihm nach. Nein, meint er, bleib noch, ich mache mich auf den Weg. Und er haut ab. Er muß mich als Stellvertreter vorgesehen haben, denke ich später, als ich deren komplizierte Geschichte erfahre.

4. Februar 2010, Paris

 

Im Restaurant mit Odile, kambodschanisch, wir waren die einzigen Gäste (und beim letzten Mal, zusammen mit Marie-Luise Scherer, war das Lokal überfüllt gewesen). Auch das Essen war jetzt überhaupt nicht gut, soweit ein Reinfall, nur wir zwei allein und intim. Wir kamen auf Nabokov zu sprechen und auf seine andere Passion: die Schmetterlinge. Er lebte in beiden Welten. Und hat eine bis dahin unbekannte Spezies entdeckt, die seinen Namen trägt, auf lateinisch, versteht sich. Odile, etwas anzüglich oder süffisant: Siehst du, bei ihm hatte neben dem Schreiben noch anderes Geltung – das alte Lied, Eifersucht. Ich sage: Ich habe auch eine seltene Falterart entdeckt, die meinen Namen trägt. Ja? Dich –

9. Februar 2010, Paris

 

Ich habe eine geradezu abergläubische Furcht, mein Manuskript mit dem Nagel im Kopf aus der Versenkung zu heben und mir vor Augen zu legen; wie ich Angst habe, in die Arbeitsmansarde zu gehen, die meiner wartet und harrt und nur Miete kostet.

24. Februar 2010, Paris

 

Eben zurück vom Schreibmaschinenmechaniker, die Maschine ist repariert und läuft – wie der Mechaniker sagt – wie geschmiert oder wie ein Computer. Außerdem habe ich die Mansarde gekündigt, ich bin ja nie hingegangen.

 

Was ich neulich gedacht habe: Das Laboratorium des Vaters hat mir nicht nur als väterliche Braustube oder einfach geheimnisvolle Arbeitsstätte gefallen oder mich beeindruckt, es mag sein, daß mir auch das Wissenschaftliche der Arbeit etwas bedeutet hat, also das vage Experimentelle, das Nebeneinander von köchelnden Essenzen auf Bunsenbrennern, die Säcke mit Pulvern, das Aromatische in der Luft, die Gestelle mit Reagenzgläsern und dann die Notizen auf dem Schreibtisch, der Schreibtisch samt Telefon. Und irgendwie wußte ich ja, daß das Ganze mit Heilkräften zu tun hatte, also mit Medikamenten letztendlich. Nun, das Wissenschaftliche gehörte zum Chemiker und das Gedankenprogramm vage zum Philosophischen, wohinein auch die Naturheilkunde gehörte, eine Lebensanschauung. Ich sage das, weil auch in mir etwas von Wissenschaftlichkeit (Naturwissenschaft) stecken mag und überdies eine heilsame Hand manchmal sich regen möchte, wenigstens ein dahingehendes Interesse vorhanden ist. Und somit hätte das väterliche Vorbild, wie wenig davon auch bewußt ist und benennbar wäre, eine Spur hinterlassen.

8. März 2010, Paris

 

Neulich in Berlin beim Lesen und Diskutieren meiner Journalprosa war ich irgendwie wunderbar glücklich über diesen meinen (anderen) Arbeitszweig; ich sagte, daß die Journale das Flußbett meiner Bücher seien und daß mir dieses Aufschreiben besonders entspreche und glücke. Und in großen Abständen sondert dieses fließende Gemenge Figurenteiche aus, die zu Büchern, zu komponierten Erzählungen grimassieren. Selten genug. Das Journalschreiben geschieht leicht unbeschwert verantwortungslos, ich nannte es früher einmal Warmschreiben. Im Grunde ist es einfach Schreibtätigkeit, ich sagte im Gespräch mit Thomas Stölzel und dem Publikum, diese Art Schreiben hätte ich sehr früh und ohne jede literarische Absicht zu praktizieren begonnen, einfach weil ich gerne schreibe, so wie Robert Walser von sich behauptete, er habe mit dem Schreiben begonnen, weil er so gerne Buchstaben gemalt habe, bei ihm wäre also das Schreiben aus einer (kalligraphischen) geradezu handlichen Neigung oder Vorliebe hervorgegangen, inhaltslos! und ich zitierte Roger Federer, den größten Tennisspieler aller Zeiten, von dem ich die Bemerkung gelesen hatte, er kenne keinen Menschen, der so gerne Tennis spiele wie er. Das Schreiben als gewissermaßen physisches Bedürfnis, so etwas. Es ist natürlich viel mehr. Es ist das Verwandeln von Hirn- und Gefühlsgesicker, das als diffuse Vorform von Welterleben und Selbsterleben (beim Welterleben) gelten darf, in Wortbahnen, Anschauungen, Sprachabläufen. Es ist das Übertragen von alledem in Schrift und Text, es ist das Wirklichmachen, selten einmal von einem Sehblitz ausgehend, es ist anspruchslos und letztlich anspruchsvoll, letzteres im künstlerischen Sinne, denn da ist die Latte ja hochgelegt. Ein ungeschriebener Tag ist kein Tag, weil kein an mich gebrachter Tag, bloß Finsternis und Verpaßthaben.

 

Was den Lebenden alles durchquert und erreicht in seinem geistigen Innenraum. Erinnere mich, daß ich beim Tode von Armin Kesser eingedenk der geistigen, wahrlich universellen Versammlung, eingedenk dieses WISSENS oder Universums davor schauderte – ich stockte, es zu denken, wohin dieser geistige Raum, diese andere WIRKLICHKEIT mit dem Erlöschen der physischen Person hinkomme. Ob sie auch erlösche. Und ob die Leistung ebenfalls für nichts gewesen sei bei einem wie Kesser, der so wenig Schriftliches oder Gedrucktes hinterlassen hat. Es war nicht der Verlust, was mich schaudern ließ, es war die Unvorstellbarkeit eines an einen Geist gebundenen Raums, ein Raumschwindelgefühl, etwas wie Überschallgeschwindigkeit oder Ewigkeit, nein, Unendlichkeit, wenn das Kind es zu denken versucht. Ein Schaudern. Eine Anfechtung. Ein Entsorgungsproblem.

15. März 2010, Paris

 

Mit Xenia – wunderbare gemeinsame Tage – und Igor in der Ausstellung Lucian Freud im Beaubourg gewesen. Natürlich ist man schockiert von dieser Ausbreitung von großformatigen Akten von vorwiegend alten bis difformen Körpern, Nackedeien der Häßlichkeit, die nackte Wahrheit fürwahr, sagt sich der Besucher, wie kommt der Maler nur zu dieser Thematik und Ausschließlichkeit? Vielfach sind es Selbstdarstellungen, der Maler alt, an die neunzig, würde ich denken; und was ebenso erstaunlich ist, scheint der Erfolg, die höchsten Preise, das höchste Ansehen. Und das in einer Zeit, wo das Körperideal überirdisch geschönt und geliftet und rank und schlank und ohne Makel ist – soweit die Gazetten, die Werbung, die Mode es zeigen und befehlen. Freuds Farbigkeit ist fahle Fleischfarbe, die Körperlichkeit faltig und wulstig und ohne Scham inklusive die Geschlechtsteile, all die Hodengehänge und fürchterlichen Penisse mit der knospenden Eichel und die faltigen Vaginas und Fotzen. Es ist aber nichts von Karikatur im Spiel, nichts von Verhöhnung, nichts von Demaskierung, nur die nackte Wahrheit in der leiblichen Hinfälligkeit oder wulstigen Dickleibigkeit, aber warum nur? Angesichts dieser Aktdarstellungen denkt man, daß die Aktmalerei der ganzen Kunstgeschichte Idealmalerei ist oder Reizmalerei, Verführung und Feier der Schönheit, vor allem aber, daß der alte verbrauchte Körper einfach nie Gegenstand der Kunst gewesen ist, es sei denn bei einem George Grosz, doch da ging es um Sozialkritik im Hurenmilieu, um Denunziation. Der verbrauchte Körper wird nicht ausgestellt, vielleicht bei den Nudisten, wenn auch nicht als Aktmodell, oder im KZ vor dem Gas.

Ostersamstag 2010, Paris

 

Zu meiner überhohen Einschätzung des Dichterberufs und der dementsprechenden heftigen Verachtung der Vulgarisierung sprachreimerischer Tätigkeiten wie Rap und Slam fällt mir ein: daß ich das Dichten als Privileg einer Elite zu betrachten erzogen worden bin. Gehörten denn nicht die großen Dichter der Klassik und Romantik und der europäischen Moderne den noblen oder doch bildungsbürgerlichen Kreisen der herrschenden besitzenden Klasse an? Es ist meine Erziehung, es ist mein Herkommen, es ist mein Klassenbewußtsein, das mir dieses Elitedenken eingibt, nun, auch meine Generation. Nur nicht der Sturm auf die Bastille solcher Vorrechte. Hier meine Beschränkung. Überheblichkeit.

9. April 2010, Paris

 

Beim Überlesen der Journale aus den Jahren 2000 ff. sehe ich, daß die Forelle auch lange bei den ersten 15 Seiten stagnierte und erst richtig losging, als ich die fiktive Erzählperson, nämlich den Stolperer Frank Stolp, reden, sich deklarieren, deklamieren ließ. Das muß ich beim Nagel auch probieren, um ihn aus der anfänglichen Stagnation oder Verkeilung loszukriegen. Der Ton ist ja gegeben, ein Rechtfertigungston wie unter Verhör.

 

Die Selbstverfesselung ist meine Not, aber auch mein Reichtum, vor allem Garant für Authentizität. Glaubwürdigkeit. Existenzialität. Das Leben schreiben ist die generelle Aussicht, es ist zunächst mein Leben. Wenn die künstlerische Bewältigung gelingt, wenn die Sprachwerdung zustande kommt, wird es Menschenwelt. Weil von mir abgelöst.

 

Ich frage mich, was es mit dem Ton im Nagel auf sich hat. Ich nannte ihn auch schon kaltschnäuzig oder unverfroren. Es soll nicht gegrübelt werden. Man weiß nichts Näheres, darum hält man sich nicht grübelnderweise in einzelnem auf. Weiter weiter. Bis man zu den Untiefen gelangt. Dann wird es schwierig. Der Nagel im Kopf hängt mit dem Wissen um die Konzentrationslager zusammen. Mit dieser seit Auschwitz in jedermanns Kopf schwärender oder hämmernder Gefahr der Entmenschung bzw. Entpersonalisierungsmöglichkeit. Du gehörst einfach zu einer Zielgruppe der Vernichtung, du wirst aus der Staatszugehörigkeit und aus allen Rechten gestoßen über Nacht, darfst keinen Beruf mehr ausüben, nicht mit der Straßenbahn fahren, nicht auf den Bänken im Park sitzen, nicht ins Kino, nicht in die Öffentlichkeit, du gehörst ins Lager. Und wenn du zu den paar überlebenden Hungerskeletten gehörst, kannst du die Lagererfahrung nicht loswerden, sie steckt wie ein Nagel im Kopf, du kannst sie auch nicht durch Mitteilung loswerden, weil es niemand glauben kann, es gab ja nichts Vergleichbares in der Geschichte der Menschheit, und weil man es nicht glauben kann, weiß es auch niemand, nur du. Du bleibst mit dem Wissen allein, es steckt wie ein Nagel in deinem Kopf.

26. April 2010, Paris

 

Fällt mir eben ein, und zwar im Zusammenhang mit der nicht nur in den Gesprächsaufzeichnungen mit Jocks immer wieder auftauchenden Frage nach der Affinität mit der informellen Kunst, also der »Gleichung« zwischen Action Painting und Action Writing, daß diese im Jahr der Liebe in der Passage mit dem Bleigießen akkurat formuliert wird, wenn ich beschreibe: Es ist wie Bleigießen, ich gieße mich in kleinen Figuren in die Leere meines Tags, im Schachtelzimmer, in diesem riesengroß um mich gehäuften Paris … Und vorher heißt es: Ich werfe es aus, es erstarrt zischend in der Lauge der Sprache. Ich schaue es mir an.

Gemeint ist dieses unmittelbare, schon fast blinde, jedoch magma-lavahafte Auswerfen, physisch eruptive Materialisieren von inneren Zuständen und Vorgängen auf die Leinwand oder aufs weiße Blatt, unreflektiert. Es ist nicht nur Form-, es ist geradezu Leibwerdung. Farbgeschiebe oder eruptive Befleckung der Leere, es ist auch Seismographie, es ist vor allem Agitation, Substanziation, und es ist bewegend, weil spontan und de profundis.

 

Ach, wie mich bei den Action Painters die subtile Befleckung der leeren Leinwand und dann das Kontinentwerden, die Inselgeburten aus dem Nichts, die wunderbaren Farbrauschkräfte und sensiblen Nuancierungen ergriffen haben. Weil es mir zutiefst entsprach, Geburt der Schönheit aus dem Bade des Nichts. Selbstwerdung auf Papier und Leinwand. Wahrheit im Gekräusel oder Schaume. Vorführung von Genesis ohne Ende. Wahrlich ohne Fabel und Faden – ICH.

4. Juni 2010, Paris

 

Neulich hier in meinem Viertel von einer Vorübergehenden (la passante), die ich kaum wahrgenommen hatte, alarmiert und verzückt worden, ich erriet nicht einfach den schönen Leib und die einzelnen Körperformen, sondern die Haut- und Fleischbeschaffenheit, das Anfühlen derselben, sie waren nicht einfach vollkommen in meinem Sinne, sondern das schönste Versprechen, Entsprechen für den alten Adam in mir, sie waren Wohlklang und auf mich zugeschnittene Liebesgaben, sie waren Glücksinbegriff oder so ähnlich, fast Taumel, obwohl die Frau überhaupt nicht provokant gekleidet war und nur überaus natürlich daherging, doch die Physiognomie des Leiblichen schlug als Person durch und erreichte mich, nun, wie eine Offenbarung, es hätten nur Termini wie die aus den Psalmen, aus dem Hohelied des Alten Testaments ausgereicht, würde ich nach Worten für die Wucht der Begegnung und meiner Bewunderung, die schon fast in Anbetungsgefühle hinüberglitt, gesucht haben; das Schönste. Unwiederbringlich. Der erste und der letzte Blick, wie einer es für die Baudelairesche unbekannte Passantin formuliert hat. In anderen Fällen der Aufreizung sind es Einzelheiten, Einzelzüge oder wie sie sich hinträgt, was das Begehren auslöst, in einem Falle wie dem beschriebenen gehört der Blitzschlag des bewundernden Aufmerkens ins Kapitel der Liebe auf den ersten Blick – und das Entschwinden der Passantin ein Schmerz.

10. Juni 2010, Paris

 

Zurzeit allerlei Ermutigung auf mich zugekommen, einmal die Anfrage eines amerikanischen Verlegers für den Erwerb der Rechte von Das Jahr der Liebe, es scheint, der Vertrag sei abgeschlossen. Zudem gestern abend aus dem Briefkasten den Brief der Kulturministerin mit der Mitteilung gefischt, ich sei mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur 2010 ausgezeichnet worden. Ein großer renommierter Preis mit lauter wichtigen Namen von Vorgängern wie Umberto Eco, António Lobo Antunes, Christoph Hein, Enquist etc. Damit bin ich, der ich so tief nach wahrhafter Anerkennung schmachte, in einer nicht zu unterschätzenden Liga gelandet. Ich konnte das ganz normal in einem Briefkuvert angekommene Glück den ganzen Abend nicht wirklich fassen und glauben, es ist ja auch von Moneten begleitet. Den Abend verbrachte ich mit Wiggli in der Coupole zum Abendessen, ein amüsantes Altmänner-Künstlerzusammensein von zwei Burschen, die sich in der frühen Zeit sehr nahegestanden und sich danach aus den Augen verloren haben, Wiggli hat einen schneeweißen Haarstrubbelschmuck und den leicht schlurfenden Gang, neben dem mein Gehen einigermaßen gut abschneidet, und das vergnügte verschmitzte Licht von früher in den grünen Augen, ein echtes Wiedersehen. Gestern war mein Glückstag.

17. Juni 2010, Paris

 

In Syrien war für mich alles auf eine merkwürdige Weise in Stille nicht einfach eingeschlossen, sondern wie verbannt. Der physische Eindruck war viel weniger stark als im Maghreb, wo die Palmen im Wind knatterten, die Betteljungen einen wie Mückenschwärme verfolgten, die Souks die geheimnisvollsten Innenräume bargen, Handwerkertätigkeiten; um von Tipasa ganz zu schweigen, Phönizierniederlassungen etc. In Syrien war das Orientalische weniger farbig, es liegt in meiner Rückschau ein ganz zarter Schleier wie ein Schirm des leise Fremden oder Unbetretbaren über den mit Ausnahme der Muezzinrufe und Minarette mittelmeerischen, wenn auch mit Wüstengürteln durchsetzten Landschaften, ich glaube, die leise Verschleierung rührt daher, daß das Staatsgebilde Syrien dem Europäischen durch die andere Theokratie und durch die Tyrannis und grosso modo durch den Islam abgekehrt ist: Das ist die Verschlossenheit. Es ist Bibelland und Römerprovinz und Kreuzrittergegend und Türkensultanat und heute im panarabischen Verband, von dem ich nichts weiß und verstehe. Hier scheint eine andere Sonne und herrscht ein anderer Kompaß. Trotz der europäisch weltgewandten höheren Schicht scheint ein arabischer Härtegrad durch wie die Konturen eines finsterlich anderswohin ausgerichteten Gesichts. Ich kann es nicht sagen. Es entzieht sich meinen Begriffen. Ich bin darum mit dem dortigen Leben nicht warm geworden. Etwas in mir verkroch sich in Sprachlosigkeit, wenn nicht Abwehr.

20. Juli 2010, Paris

 

Ich denke, daß ich Maria umbringen werde. Es wird eine Liebestat, es wird die falsche Vereinigung, Umarmung einer Gewesenen, eines Traums. Darum das Verhör und das Abschweifen des Schuldigen oder Ratlosen, er ist ja selber ein Gewesener. Ist er nicht wie ein Geheilter, ebenso traurig?

Das Ganze muß in der Schwebe bleiben, Schwebe eines Entrückten oder Jenseitigen oder Glücklichen. Es war ihm ja nicht zu helfen gewesen. Er hatte nur zu schwer an seiner Maria getragen.

 

Die Verhörfragen sind lange nur so eingestreut, und der Leser weiß nicht, wer die Fragen stellt und warum überhaupt das Verhör und wo es stattfindet. Ja, das ist die Frage, wo findet es statt? Im Irrenhaus oder Gefängnis? Jedenfalls vor dem Richter, vor dem Gericht.

 

Man liest ja von Mördern, die ihre ganze Familie metzelten, um ihnen etwas zu ersparen oder zu verschweigen. In meinem Buch müßte le fait du crime erst ganz zuletzt installiert werden und damit das Buch.

 

Als Untertitel: ein Fragment

ist nicht alles Fragment?

 

Oder Spolie. Oder eben Grabstein. Oder frühes Grabrelief, hier die Antike endlich einbringen

 

Ich muß jetzt erst einmal das ganze Material irgendwie montieren. Dann den Ton bestimmen mit allen willkürlichen Abschweifungen ins Bekenntnis und nicht Geständnis. Und immer verwirrender muß der Verhörton durchschimmern. Und zum Schluß die Coda. Der Schlüssel. Wer erzählt wo. Der Schuldige vor dem Gericht.

 

Der Nagel im Kopf ist nicht nur das Lager. Es ist auch die letztliche Aussperrung von allem Teuren, weil Unerreichbaren. Der Verworfenheit. Oder alles ist Wahn. Vanitas.

1. August 2010, Paris

 

Zurück aus der Schweiz und kurz darauf in der Notfallstation des Spitals Saint-Joseph, wohin mich ein Notfallarzt nach einer durchhusteten Nacht und mit Fieber per Ambulanz einliefern ließ in der Befürchtung, es könnte sich um eine Lungenentzündung handeln und Schlimmeres.

In langen Abständen wurde ich von liebenswürdigen weiblichen und männlichen Helfern in die Untersuchungsabteilungen verbracht und dann wieder auf einem Gang stillgelegt. Frisch hätte gesagt: Ich weiß jetzt, wie es ist mit dem letzten Gang. Ich dachte auch an eine Generalprobe, hatte jedoch nicht ernstliche Befürchtungen, wenn ich mir auch sagte, so könnte es ausgehen.

Gegen Mitternacht kam ich noch zum Scannen der Lungen ins Rohr, das war der Abschluß der Untersuchungen. Worauf mich zu meinem größten Erstaunen eine bis dahin nicht gesehene Ärztin – nun, es hatte inzwischen ja der Schichtwechsel stattgefunden – an meiner Bahre besuchte mit dem Bescheid, ich werde entlassen und gleich mit der Ambulanz heimgefahren werden, Odile sei schon verständigt.

Es war schon eine generalprobenmäßige Erfahrung eines möglichen Abgangs, vor allem wenn ich an den eiligen Besuch von Igor denke, der da plötzlich unverhofft aufgetaucht war mit Blumen in Händen und immerzu meine Hand hielt, einigermaßen verstört. Ich hatte eine schwere Bronchitis und nehme starke Medikamente.

23. September 2010, Paris

 

Habe eben zwischen Kofferpacken (Abreise nach Damnatz zu Marie-Luise Scherer) und Aufräumen ein bißchen in Nabokovs Gabe gelesen und dessen überreiches schöpferisches Programm und Realisieren ermessen und im Unterschied dazu meine erzählerische Sparflamme bzw. das ewige Verhindertsein. Irgendwo in meinem Journal habe ich notiert, meine Bücher seien die Särge der ungeschriebenen Romane – die Themenlosigkeit aus Gründen der Selbstverknäuelung, das mühselige Umwenden meiner Innereien in äußere Abhandlungen und Einfälle und zu meiner Rettung das Sprachprogramm. Eigentlich sind meine Bücher ein riesiger Kommentar über Verhinderung und Knebelung. Und über die Schwierigkeit des Schreibens. Frage mich, was die Liebhaber meiner Bücher an meinem Geschriebenen finden.

8. Oktober 2010, Paris

 

Eben zurück vom Zahnarzt, Fahrt im Bus 83 über Les Invalides ins rechtsufrige noble 8. Arrondissement und über Rond-Point und Matignon zu meiner Station Saint-Philippe-du-Roule. Der Zahnarzt hat die Praxis an der Rue d’Artois. Jetzt bei dem herrlichen, im Grunde noch sommerlichen Frühlicht ist die Stadtdurchquerung berückend und mehr als nur ein Vergnügen. Es sind nicht nur die wechselnden Außenansichten, am wichtigsten im übrigen die Überfahrt vom linksufrigen ins rechtsufrige Gebiet, ein Klimawechsel, ein Schnitt. Natürlich sind die Panoramen vor den Busfenstern (im fahrenden Abteil) eine unerhörte Zufuhr und Unterhaltung und gewaltiges Futter fürs Hinterherdenken, Wiederentdecken und Sinnieren, auch das Businnere ist erregend, das Leben in den Menschen, das Erraten der Leben und Lebensumstände und Innenwelten, besonders auch bei Frauen. Glücklicherweise hat das laute Telefonieren und exhibitionistische Demonstrieren etwas nachgelassen. Dachte mir, daß ich bei meiner Lesung in Zürich, in einem neuen Museum, das Beat Zoderer eingerichtet zu haben scheint, meiner Geburtstagslesung, Sonntag vormittag den 19. Dezember, auch aus Busnotizen lesen werde, die Rede an das unbekannte Mädchen z. B. und zum Schluß »Die weißen Strümpfe«.

Bin immer freudig erregt, wenigstens neuerdings, wenn ich von meinen Ausflügen zurückkehre, ich sage Ausflüge, weil sie mit Stadtdurchquerungen und verschiedenen Anlaufstellen (Arzt, Physiotherapeut, Reinigungsanstalt, Papeterie, Post etc.), um von Verabredungen mit Freunden bzw. Besuchern zu schweigen, den Charakter von Unternehmungen und nicht nur Besorgungen annehmen. Fühle mich von den Begegnungen, vom Alltag der andern, vom gemeinsamen Alltagsgeschäft und Tagvollbringen jedermann verbunden. Wenn ich nur wüßte, warum ich mit dem Nagel nicht klarkomme. Es fällt mir einfach keine Fortsetzung, weil keine Leitlinie oder Richtung ein. Zu sagen ist natürlich, daß ich den Stoff oder besser das Projekt seit Monaten habe fallenlassen. Ob ich den Fast-Kadaver zum Leben bringen und erwärmen kann?

18. Oktober 2010, Paris

 

Bei der Lektüre des Briefwechsels zwischen Thomas Bernhard und Unseld ist für mich bei beiden Kontrahenten das Unternehmerische auffallend. Sie sind vorab Geschäftspartner, beide daran interessiert, Bernhards aufsehenerregende Ware nicht nur unters Volk zu bringen, sondern zu versilbern, der Verleger ist zu guten Teilen Bernhards Agent und dies in meinen Augen im großen Stil. Es geht um Verhandlungen mit Theatern, es geht um finanzielle Transaktionen (nicht nur um Vorschüsse), Überweisungen, Forderungen; und dann von Verlegers Seite um die via Verkauf zu erlangende Kostendeckung der investierten Summen; es geht um Rechtsfälle, um Öffentlichkeitsarbeit (Zeitungsredaktionen, Presse u. Fernsehen), es geht zu diesem Behufe um immer neue Verabredungen in irgendwelchen Städten des In- und Auslands, wie es Bernhard beliebt; und innerhalb dieser Treffen geht es um Luxus, Luxushotels, Kurorte, Internationalität. Bernhard war nicht nur selbstbewußt bis größenwahnsinnig, er war ein schrecklicher Beschimpfer, Herausforderer, Forderer überhaupt. Eine solche Partnerschaft entsprach einem Menschen von Unselds verlegerischem Format und Hunger, beider Eitelkeiten sorgten für Spannung und Funkenschlag. Eigentlich ist in diesem Briefwechsel von Literatur kaum die Rede, es wird einfach Bernhards Genialität stillschweigend vorausgesetzt. Nun, in beider Partner Zusammenarbeit geht es um Erfolg, klingenden und klingelnden Erfolg – und Skandal.

Dazu meine Erfolglosigkeit. Schon einmal war ich kein Lieferant wie Bernhard, sondern ein in schreckliche Gestehungsschwierigkeiten verfesselter Höhlenmensch, ohne nennenswerten Verkauf, dem erstaunlicherweise schon früh der Titel eines bedeutenden bis großen Autors verliehen wurde. Ich war für Unseld kein Geschäft und insofern kein Geschäftspartner, ich blieb in seinen Augen eine Art offene Wette, fast ebenso arrogant wie Bernhard, etwas für Liebhaber oder Gerüchteträger. Und ich stand in keiner vergleichbaren Weise in der Öffentlichkeit. Er stand im Licht und ich im Dunkeln, wie Joachim Unseld das Foto von uns beiden untertitelt hat, auf welchem eine krasse Licht- oder besser: Helldunkelscheidung den Hintergrund bildet. Ich laufe im Dunkeln der Literatur hinterher und nicht dem Erfolg, könnte man es schonungsvoll ausdrücken.