2009
2. Februar 2009, Paris
Montag und Schnee vor dem Haus. Samstag spät von Rom zurückgekehrt – eine Woche zusammen mit Skwara im Schweizer Institut logiert (und viel ausgegangen und eingekehrt). Zuletzt auf der großen Terrasse meines großen (Staats-)Zimmers zu einem Abschiedstrunk gesessen mit Blick auf die lagernden Leiber der Ewigen Stadt und die Kuppeln, das ockerfarbige Lagern der Leiber mit den gebärdenreichen Bäumen und Pflanzen – das Institut bietet den höchsten Blick über Rom. Ich schaute auf, weil mir die hellen, wie Grüße klingenden Vogellaute unvertraut vorkamen, und sah die vielen Dohlen über mir kreisen, die Lieblingsvögel, natürlich bezog ich sie auf mich, es war ja ein unverhofftes kleines Wunder. Ja, wir logierten beide in der Villa Maraini auf der Direktorenetage, wir frühstückten beide in der altvertrauten Bar Via Ludovisi wie vor fünfzig Jahren (damals zusammen mit Massimo Cavalli), wir fuhren jeden Tag mit dem kleinen Bus 116 in alle Richtungen der Stadt, am ersten Tag ins Centro storico, Piazza Colonna, Pantheon, Piazza Navona, Campo de’ Fiori etc.; einmal zur Engelsburg und zum Vatikan, einmal auf den Monte Gianicolo und Trastevere etc., natürlich auch auf die Piazza del Popolo usf. Und aßen und tranken in vielen Trattorien, und manchmal waren die holprigen Pflasterstraßen so eng, daß man im Stein unterging und ersoff, und ich merkte, daß die Stadt für den Alten, der ich geworden bin, beschwerlich zu werden beginnt. Und Skwara mit seiner schusseligen Geschäftigkeit und seiner nimmerendenden Suada, voller Wissen, ist anzufügen; ich rief, heilig ist Skwara in seiner beschaulichen, schaukelnden Gangart, heilig ist sein nimmerendender Kommentar zu allem und vor allem über sich selber, dies am liebsten, heilig in seiner überwältigenden Abgelenktheit und Unzuverlässigkeit, heilig, heilig, rief ich, und er lachte sein kindlich stolzes Lachen, weil es um ihn ging, es geht ja immer nur darum, auf ihn aufmerksam zu machen, wie kann einer so zerstreut und gleichzeitig reiseführerisch kompetent und gewieft sein. Die ersten Tage war es beißend kalt und eisig naß, römisches Winterwetter; danach kalt und sonnig. Skwara sprach immer vom Weißwurstpapst, und am letzten, dem Abreisetag, ist er früh morgens zu Fuß in den Vatikan gerannt, um für seine kranke, hochbetagte Mutter eine Messe kaufen zu gehen, während ich ein bißchen um die Kioske der Veneto und durch das alte Revier von damals schlich, immer in der Hoffnung, es möge sich etwas melden in mir, hochsteigen, da mir ja bewußt war, wie ich damals vor nun wirklich fünfzig Jahren in einer Art Dauerrausch vor Hochgestimmtheit, umgegangen war, und es ließ sich einfach nichts mehr in mir mobilisieren, nichts von der damaligen Verzückung, nichts von der Dankbarkeit, nichts von der glücklichen Weltverlorenheit und unterirdischen Panik und Einsamkeit; es ließ sich nichts hochtrommeln, wie sehr ich auch auf die Portale und Fassaden und Trümmerbrocken und in die tragende Luft voller Weltverkehr starren mochte. Schön wars in dem Volkslokal neben dem protestantischen Friedhof Nähe Porta Paolina, wenn ich nicht irre, schön und dämmrig und heilig vor Dankbarkeit, man geht ja hier nicht nur durch die vergangene Größe, sondern durch einen Anfang von allem, Anfang der gerade noch erinnerbaren Menschheit, durch Menschheitsfrühe, durch die Schnittstelle zwischen Altertum und Christenheit; und in dem angenehm dämmrigen Volkslokal aß ich eine Minestra und danach flachgegrillte Würste und bitteres Gemüse, dazu wie immer den weißen Wein aus der Gegend, vielleicht ist das Wohlgefühl in den Tavernen das einzige, das sich gleichgeblieben ist und durch das ich noch mit jener frühen Lebenszeit korrespondieren kann. Auf dem Friedhof liegt Goethes Sohn und befindet sich die Grabfigur von Skwaras bedichteter blutjungen Russin, zu der er in seinem Anruf aus Rom zu pilgern nicht nur vorgibt, wie ich feststellen konnte, sondern wirklich an sie herangeht, zum Küssen nahe, was halb wie ein Bubenstreich und halb wie ein übertriebenes Zeremonium auf mich wirkte; wie ja vieles in seinem kindsköpfigen Universum eitles Theater ist – und jetzt gibt die Schreibmaschine, die uralte, bald ihren Geist auf, wie ich fürchte. Muß ich wirklich auf Computer umstellen? Der kleine Bus bockte und schlug aus wie ein störrisches Maultier, so daß wir sitzend die halbe Zeit in der Luft waren, in die Höhe knallten. Etwas vom wirklich allerschönsten in Rom ist die kleine, fast zierliche Brücke zur Engelsburg mit den von Bernini erfundenen und entworfenen Engeln, die Engelsburg sieht im Abstand aus wie ein Termitenhügel in gigantischer Übertreibung, ebenso finster und erdig. Und jetzt gehe ich gleich in die alte Gegend Nähe Place des Victoires zu Skwara, wo Sue-Anne etwas Indisches zu kochen in Aussicht gestellt hat. Ja, Gianicolo voller sich reckendem Gesträuch und durch das vorfrühlingssprießfreudige Grün immer andere Aussichten auf die braunen Häuserherden mit den Kuppelhirten, unaussprechlich wie damals, man kann es nicht sagen, nur lieben verehren anbeten, das Schöne. Und auf dem Friedhof mit Goethes Sohn und den Poeten Shelley und Keats und eben Skwaras schöner unbekannter Russin, durch welche er sich einfach so durch Selbsternennung Einlaß verschafft in den illustren Kreis, sprang mir eine fette Katze auf den Schoß, als ich mich auf einer Steinbank niederließ. Man ist immer in Anbetung in dieser Stadt, man müßte sich abwenden zur Konzentration auf etwas Eigenes, denn mit Blick auf die wallende Herrlichkeit nimmt es dir den Mut. Frage mich, was Maria damals für mich bedeutet hat. Ob wohl die Lektüre von Canto heute weiterhilft? Ja, da gab es durch das Portal einer Kirche Einblick auf Bramantes Tempietto, mustergültiges Kleinod. Und sonst? Ich ließ mich einfach angehängt an die Lokomotive Skwara durch mein Rom von damals, wie ich hoffte (weil ich es wiederzubeleben wünschte), ziehen zerren reißen, ohne mitgerissen zu werden, ich sprach nur immer von dem beschwerlich zu begehenden Steinbruch. Und im Grunde wünschte ich mich zurück nach Paris.
Freitag mittag vor dem Abreisetag im Kreise der Stipendiaten in Christoph Riedwegs Gesellschaft oder besser Obhut auf der Terrasse und in der Kantine, es ging um die Vorführung des ältesten Stipendiaten, des Zeugen, meiner Person und der Begleitperson Skwara, und ich hatte zu erzählen von damals, was ich auch schicklich tat, angefangen mit Leoncillo, den Kiens, dem Café Rosati und dessen Stammgästen aus der Kunst- und Filmszene, wir waren ja damals alle Mitspieler oder Mitgenießer der von Fellini erfundenen Dolce Vita; der Film hat mich damals, er kam 1960 heraus, sehr inspiriert, weshalb ich die assoziativ verbundenen Sequenzen nachzuzeichnen versuchte, das Gegenteil von Erzählung eben, die auf dem Rücken von Nino Rotas Musik transportierten Teiche der Szenen und Bilder, es war die Struktur und der Motor des Erinnerns, was mich beschäftigte, ja, davon habe ich gelernt. Davon habe ich auf Riedwegs Terrasse nicht gesprochen, wohl aber von der Villa Massimo mit Bobek und Hoehme, den deutschen Kameraden meines Romjahres, die den Krieg als Soldaten mitgemacht hatten inklusive Gefangenschaft, wobei mir bewußt wurde, wie das in den Ohren der jungen Leute tönen mußte, wie ein aufgeschlagenes Geschichtsbuch, aufgeschlagen von einem Dinosaurier. Jemand sagte beim Abschied, ich trüge ein tolles Hemd, und einmal war ähnlich von meiner Gucci-Brille die Rede. Am Nachmittag nach dem morgendlichen Ausflug habe ich mich immer hingelegt mit Blick auf den hohen Himmel über der Terrasse, erschöpft. Es ließ sich nichts mobilisieren in mir, nichts Nennenswertes von damals, nur das Gefühl von tiefer Heimatlosigkeit, das ich bei allem Überschwang auch damals vor nun fünfzig Jahren empfunden haben muß, denn dieser Stadt kann man nicht angehören, man kann sich durch ihren steinernen Leib wühlen oder den LAUF, wie ich es damals wohl nannte. Skwara seufzte immer, ach, ist das schön, ach, ist das gut, je nachdem, ob es durch die Augen oder durch den Gaumen einging, und ich meinte, siehe da, der überglückliche Skwara, heilig heilig, wenn er sich auch noch so gern als Selbstmörder deklariert. Er hat seine Sue-Anne und viele andere Rettungswagen und Lustkutschen und Zudiener. Und vor allem hat er sein kindliches Königreich, in dem er mit Krone und Szepter thront und herrscht, ein Phantast.
Es ging dann über die antiken Ausfallstraßen hinaus zum Flughafen Ciampino und dort durch Kontrollen, Wartesäle und Warteschlangen endlich ins Flugzeug und durch die Luft nach Paris-Orly und wieder mit Bus nach Denfert-Rochereau unweit meiner Straße; und Skwara per Taxi in seine Ecke, wo Sue-Anne bereits wartete und den Tisch gedeckt hatte. Den folgenden Sonntag lag ich nach kurzem Einkauf den ganzen Tag in einer Art Schock darnieder. War niemand, der nach mir gefragt hätte, nur die Anrufe auf dem Beantworter zum Abhören. Und jetzt höre ich mit diesem Notieren auf.
4. Februar 2009, Paris
Auf dem Anrufbeantworter bei meiner Rückkehr aus Rom war auch die Nachricht von Pips’ Tod (Walter Pips Vögeli), Bildhauer, Postgasse 20, Bern, mein lieber Geselle in der Berner und mehr noch in meiner Zürcher Zeit, als ich berufshalber mit lauter Künstlern verkehrte. Ich weiß noch, daß ich ihn beim ersten Kennenlernen für vulgär und provokant hielt, was sich bald in große Brüderlichkeit verkehrte, ich war oft in seinem so ordentlichen Atelier, das hintenhinaus auf die Aare ging und wo auch ein Velo/Fahrrad, oder wars ein Motorrad?, schön aufgebockt seinen Platz hatte. Er war ein Draufgänger, tollkühn, notfalls auch Schläger; und er war in seiner Arbeit (einer der ersten, der mit Kunststoffmaterial arbeitete, vordem Metall und noch früher Malerei abstrakt-tachistisch) exakt wie ein Uhrmacher, ebenso reinlich und umsichtig. Auf Künstlerfesten exzessiv. Er war, vermute ich, das Alter ego meiner damals bürgerlichen oder doch bezähmten Person, er war eine Art Wunschbruder, und er guckte belustigt und neugierig zu mir über einen Zaun hinweg. Erinnere mich an mehrtägige und -nächtige Sauftouren und auf brüderliches Zusammensein in der Küche seiner ausgedehnten Altstadtwohnung, gewissermaßen im Hinterzimmer eines Lokals in verschwörerischer Komplizität wie Syndikatsbrüder. Ich war gern mit ihm zusammen, er bot mir einen Unterschlupf im Unbändigen ähnlich Friedrich Kuhn. Er sah gut aus, hatte immer sein Kampfgewicht und das leicht abschätzige, beschnauzte Gesicht. Nach viel Wein kriegte er den rednerischen Kehrreim, der nicht zu bremsen war und einen leicht philosophischen Drall hatte. Ich hatte bei meinem letzten Bernbesuch vor, ihn aufzusuchen, und verpaßte ihn. Er war lange krank, hatte nurmehr einen Viertel Lungenflügel. Unsere Beziehung fußte oder gründete auf einer bedingungslosen Verläßlichkeit. Er habe keine Abdankung, keine Todesanzeigen haben wollen, Kremation und die Asche in die Aare, habe er verfügt, sagte Willi Ebinger am Telefon, er sei einige Wochen im Spital gewesen und (ohne Todeskampf) eingeschlafen. Erinnere mich, wie er von seinem Schlaganfall sprach. Er hatte sich hingelegt und merkte beim Aufstehen, daß er halbseitig gelähmt war und nicht mehr sprechen konnte, was seine Angehörigen und auf ihn wartenden Freunde im Nebenzimmer für Spaß hielten, bis sie aufschreckten und den Notdienst anriefen. Er kam gleich in die Behandlung und konnte gerettet werden, wenn das Wiedergewinnen der Sprache auch seine Zeit benötigte. Er erzählte, daß er keine Angst hatte, wenn er durchs Spitalfenster auf eine Baustelle schaute und die Arbeiten verfolgte, die er problemlos begriff, nur daß er sich keinen Reim darauf machen konnte, er konnte sich nicht ausdrücken. Ich glaube, er wurde verhältnismäßig früh, ich schätze nach sechzig, von schweren Krankheiten befallen, Schlaganfällen, Lungenkrebs, Operationen und Krankenhausaufenthalte. Er lebte mit Ausnahme einiger Motorradfahrten, die eher Ausbrüchen denn Reisen geglichen haben müssen, sehr regelmäßig und vor allem ansässig, arbeitsam auch, mit der obligaten Einkehr ins Wirtshaus vor dem Abendessen. Bei Festen war er unbezähmbar. Er gehörte wohl zu meinem engsten Kreis. Er war mein Jahrgänger, und nun ist er weg.
17. Februar 2009, Paris
Maria. War sie nicht ein Irrlicht? Ich liebte ihre Stimme mit dem ganz leisen leichten Glockenton. Nach der ersten Begegnung, und schon löste sie sich in Erinnerung auf, hatte ich sie wirklich in den Armen gehalten, die lange Nacht? Ich rief an, um ihre Stimme zu hören. Die meiste Zeit war sie nicht da. Manchmal kreuzte ich sie auf der Straße. Einmal zusammen ins Kino gegangen. Ich zitterte nach ihr. Sie war mir versprochen. Wir hatten die kleinen Bilder aus dem Fotoautomaten getauscht. Sie sollte wohl nur vor mir her fliegen wie ein Falter. Die Erregung des Falters. Falterflügelschlag. Sie durfte wohl nicht irdisch werden. Ich wollte nur ihr Bildchen aus der Brieftasche hervorziehen können. Wir sind einmal essen gegangen, wir zwei einander gegenüber gesessen. Ich bewunderte ihre Hände, wie sie mit Gabel und Messer umgingen. Den Schmelz ihres Gesichts. Sie anstaunen. Sie soll mich bei meinem Namen nennen. Ich trete aus ihrem Munde.
Sie hat wohl nie richtig Gestalt angenommen, was war das Verbot? Ich habe sie weit weg geschoben und litt unter dem Entbehren. Warum konnte ich sie nicht in mein Leben hineinholen?
Haben Sie schon damals mit dem Gedanken gespielt, sie verschwinden zu lassen, fragte der Beamte.
Verschwinden lassen? Im Gegenteil. Ich konnte sie leider nie wieder erreichen. Sie ist mir entwischt.
10. März 2009, Paris
Warum die fernen Geliebten, die unberührbar bleiben (sollen) und mich leiden machen? Sollen sie bloß Leuchtfeuer an einem fernen Horizont bleiben, Hoffnungsfeuer und Gegenstand des Wünschens? Ich kann sie Sirenen nennen. Sie senden betörenden Glanz aus und das tiefste Liebesversprechen, die Schönheit, das Schönste. Man muß sich an den Mast binden, um der Verlockung nicht zu erliegen. Weil die Hingabe an die Verlockung gleichbedeutend wäre mit der Zerstörung des Traums. Ich muß meinen Traum immer von neuem zusammenflicken, um fliegen zu können. Doch manchmal segle ich in meinem Traum wie der Wal … War Maria eine Sirene? Sie war ein Sternchen (Starlet) an meinem römischen Himmel. Sie war ganz Huld. Als ich ihr gestand, daß ich verheiratet und Vater von zwei Kindern bin, wurde ihr Traum zunichte. Es war der Traum von der Erlösung durch die Liebe, den Prince charmant. Hätte Odile auch eine Sirene bleiben sollen? Der Sirenengesang. Der einen in die Tiefe reißt. Ins Verderben. In die Illusion?
Rittersporn, Pius Eusebius Amadeus, so der Name, behauptet der Kerl bei der großen Hure. Eben erst in Messina an Land gegangen, aus Kalabrien übergesetzt, es ist Sonntag und der Krieg eben erst vorüber und die Not groß, und was soll so ein junger Einwanderer oder suchender Söldner an einem Sonntagmorgen in der Hafenstadt? Er ergeht sich auf der Promenade, er führt die Augen spazieren, Sonnenschein und alle Zeit. Er bleibt bei einem Schwarzhändler stehen, weil ein nobler Herr, ein Signore, mit dem Händler in heftiges Feilschen verwickelt ist, offensichtlich möchte er die Ware des Schwarzhändlers erwerben, steckt aber in Zahlungsschwierigkeiten. Der junge Bummler und Landesfremde bleibt in einem gehörigen Abstand stehen und sieht zu, wie der würdige, über allen Verdacht erhabene wohlerzogene Herr parlamentiert, er hat schon ein Bündel Scheine in die Hand des Händlers gelegt, nun zieht er auf dessen verneinendes Kopfdrehen seine goldene Armbanduhr aus und legt sie zu den Scheinen. Immer noch keine Einigung. Das Gespräch erreicht die Hysterie der Verzweiflung. Offensichtlich kommen die Kontrahenten zu keinem befriedigenden Geschäftsabschluß. Der Noble dreht den Kopf in alle Richtungen, als könnte ihm aus der Luft geholfen werden. Da fällt sein Blick auf den jungen Fremden, der dem Handel aus geziemender Distanz neugierig zuschaut. Ihm wendet er sich zu. Er habe, vermeint der landesfremde Zuschauer zu verstehen, so gut wie die Summe beisammen, um den für ihn wichtigen Handel abzuschließen, aber leider eben nur fast genug, es fehle eine Kleinigkeit, und nun denke er oder besser erdreiste er sich in Erwägung zu ziehen, ob der junge Ausländer, denn um einen solchen handle es sich ja wohl, wenn er nicht irre, nicht die Großzügigkeit und die Mittel habe, ihm auszuhelfen, natürlich nicht geschenkweise, versteht sich, sondern als ganz kurzfristige Leihgabe, da er unmittelbar nach Geschäftsabschluß zusammen mit dem großzügigen Spender in die Wohnung seiner Schwester, die sich gleich da gegenüber, sehen Sie das hohe Haus, da wohne die Schwester, begeben werde, um sich das Sümmchen geben zu lassen. Sie werden mich begleiten und sicherheitshalber das Paket behändigen bis zur Rückerstattung, gehen wir; und sie überqueren die breite besonnte sonntagsvormittagsleere Straße und betreten den noblen Hauseingang und machen sich ans Treppensteigen, der noble Herr eine Stufe höher und der blutjunge Einwanderer, wie er sich jetzt innerlich betitelt, eine Stufe tiefer. Ihm ist von allem Anfang an mulmig bei der Transaktion, er wittert die Falle, ganz klar, doch ist die Neugierde heftiger. Und nun kommen sie vor einer schönen breiten Wohnungstür mit messingenem Namensschild an, und der noble ältere Herr, ein Advokat könnte er sein, so sieht er aus, klingelt und stößt die Tür auf und tritt ein, mit den Worten, es dauert nur einen kurzen Augenblick, behalten Sie inzwischen das Paket, gleich bin ich zurück; und tritt ein. Die Tür fällt zu, der Newcomer wartet und sieht sich um. Die Tür ist schön lackiert und bleibt geschlossen. Nur daß er sich nach einer Weile fragt, warum das Geldholen so lange dauert. Er wartet noch eine Weile, dann ermannt er sich und klingelt, und als sich niemand meldet auf das Klingeln und die Tür geschlossen bleibt, führt er die Hand zögernd an den Türgriff, und dann stößt er die Tür auf und – da ist keine Wohnung, die Tür öffnet sich auf den sonnigen Himmel und auf eine wacklige, im Leeren hängende und durch Eisenstreben gehaltene Treppe. Das Haus ist ein ausgebombtes Haus, ein Kadaver mit einer intakten Fassade, ein surrealistisches Bild, eine Attrappe oder besser Kulisse, Theaterkulisse, der Junge steht der vollkommenen Illusion gegenüber, handgreiflich. Und der noble Betrüger ist natürlich längst verschwunden. Er hat sich davongemacht.
11. April 2009, Paris
Neulich rief Hörning an, um mitzuteilen, daß Das Jahr der Liebe in Hamburger Gymnasien Schulstoff geworden sei, Bestellung beim Verlag von 4000 Exemplaren. Die norddeutschen Jugendlichen werden in Goldschmidts Herkunftsecke meine Pariser Landung lesen und studieren. Wenn das nicht ein munterer Akzident ist.
15. April 2009, Paris
Morgen PK Wehrli zu Rekognoszierungsgesprächen für den Fernsehfilm zu meinem Achtzigsten. Schon das Wort oder besser die Zahl ist schrecklich wie das Fallbeil eines Todesurteils. Lese Sven Hanuscheks Canetti-Biographie mit merkwürdig intensiver Beteiligung. Manches, das ich nicht wußte, mein Canetti-Bild wird jedoch kaum verändert bzw. betroffen, wenn auch bereichert.
Beim Weiterlesen der dickleibigen Canetti-Biographie stelle ich fest, daß ich einesteils gefesselt bin, zum andern auf schier unerklärliche Art immer deprimierter werde. Wie denn das? Es ist, und das ist weit hergeholt und wohl ungerecht, wie wenn mich dieser heilige Streit, Canettis hohes Amt, wie ein mir zudiktierter Weltkrieg auslaugte, es ist so nichts zum Wohnen, sowenig Lebenszufuhr vorhanden. Es ist, wie wenn das Leben nurmehr aus Geboten, fürchterlich strengen Anforderungen bestehe, fast etwas Vereinnahmendes wie von einer Sekte – dies im Gegensatz zu einem Sartre z. B., wie ich mir vorstelle, wo bei allem Engagement doch viel Luft übrigbleibt für Lebensgenuß oder Lebensverführung (auch ein Joyce verbreitet viel mehr Vergnügen am Leben), die Canettische Ausschließlichkeit hat etwas in meinen Augen geradezu Jesuitisches, ich meine Unmenschliches, wiewohl ich ja von der Person, allerdings der reifen bis alten Person, sehr wohl weiß, daß überbordende Diesseitsfreudigkeit vorhanden war. Ist es das Zerebrale? etwas fast Fanatisches. Ich fühle mich beim Lesen eingesperrt in eine Art ungewolltes Zölibat (Ordensregeln?), Enthaltsamkeit – Fanatismus? bis an die Grenze des Wahnsinns? Nun, vielleicht hat das Klima der Depression mit anderem zu tun, und Canetti ist einfach keine Hilfe dagegen. Nun, der Selbstverbrennungswahnsinn in der Blendung ist ja nicht aus der Luft gegriffen.
19. April 2009, Paris
Was nun Canetti angeht, so macht ihn die lange Londoner Zeit (bevor ich ihn kannte und an der Thurlow Road jeweilen besuchte) viel menschlicher. Die Gottesstreiterei – die Stücke und Blendung sind schier unverdaulich tendenziös, finde ich heute.
In London ist er mit zunehmendem Erfolg nicht nur zu einem teuflischen Faun avanciert, der mehrere Frauen, junge, schöne und überdies Schriftstellerinnen, Schülerinnen, Adeptinnen hatte, einen kleinen Harem hatte und beschlief, und zwar mit Vezas Zustimmung, die zur Sachwalterin und Schutzmacht des Genies mutierte, getrennte Wohnungen, Kuppeleien, unermüdliche Pilotierung …; übrigens ist Veza in ihren Briefen an den Bruder Georges in Paris eine kecke witzige scharfzüngige happige Person … und Autorin nun, Canetti ist eine bedeutende Persönlichkeit im englischen Kulturleben geworden, die außer den Emigrantenkreisen auch imposante Freunde und Gönner bis in die höchsten Adelskreise um sich scharte. Doch ist im Zentrum das Ringen um das Werk, von dessen Bedeutung und Rang er in jedem Status nascendi eine missionarische Überzeugung besaß. Er ist ein großer Menschenerklärer und Menschenskalpierer, dies im psychologischen Sinne. Nachts die geistige Arbeit, tagsüber das bunte und aufwendige Gesellschaftsleben, von dem Party im Blitz berichtet und von dem die Biographie kündet. Es ist der Aufstieg zur Weltgeltung und an die Macht, wenn man will. Ich habe ihn ja, wenn auch später, in den endenden sechziger Jahren in London erlebt, wußte nicht, daß er bereits ein Potentat war. Er ist hin und her gerissen zwischen Weltgewissen und geistigem Potentatentum, auch Ruhmessucht und Frauensucht, Lebenslust; eine merkwürdige Mischung, auch aus Orientalismen, Judentum, Wienereien, auch Paris spielt, als kurzer Wohnort in seiner Vita und letzte Adresse der Mutter, um von den zwei Brüdern abzusehen, eine Rolle, wie auch Berlin, kurzum Internationalismus im besten Sinne. Er war in der Jugend herumgekommen und vor allem in Berlin, wo er als Brotarbeit aus dem Englischen übersetzte und Grosz, Brecht etc. kannte, leicht sozialistisch angehaucht.
Ich lese in der Biographie mit mehr als nur Neugierde, nämlich Betroffenheit, er ist ja eine der ganz wenigen geistigen Instanzen meines Lebens.
Canettis Menschensicht war lange absolut diabolisch. Sie wurde in der Provinz des Menschen, den Stimmen von Marrakesch, den Essays (Hiroshima) komplexhumaner durch Haßabbau und Verehrung.
Die neuerliche Canetti-Rezeption und -Überprüfung hat vermutlich damit zu tun, daß mein heutiges Alter seinem Ruhmesalter entspricht – und ich bin weiß Gott weit entfernt von Sieg. Manchmal möchte ich meinen, ich habe versagt.
23. April 2009, Paris
Canetti-Biographie beendet. Bin sehr beeindruckt. Am meisten wohl durch die bis zuletzt und eigentlich vermehrt bekundete unzerstörbare Liebe zu Veza und Hera, eine Liebesanwesenheit. Irgendwann habe ich vermerkt, Canettis Werk verwundere nicht nur durch die Disparatheit der Werkgattungen, ein Roman, drei Stücke, Aufzeichnungen, Essays, Aphorismen etc., sondern dadurch daß das Wichtigste anvisiert und ausgespart bleibe als unerfülltes, jedoch heftig beranntes Programm, eine Utopie; es ist das Programm der Feindschaft und Kriegserklärung gegen den Tod, die Utopie einer Abschaffung des Todes oder eines ewigen Lebens. Vielleicht ist Canetti gerade mit diesem (kindisch klingenden und unverständlichen) Programm, das ja als eine Art untergründiger Strom das ganze Denken bespült und befruchtet und nicht nur begleitet, der große geniale Neuerer oder besser Stifter von der Größenordnung eines Freud (den er ja nicht mochte). Nun, er ist sowohl Dichter wie Forscher, Denker, Menschenkundler; vielleicht ist er wirklich eine Jahrhundertfigur von noch uneinschätzbarem Volumen – und natürlich nicht vergessen. Nicht überlebt. Die Stoßrichtung seines Suchens Forschens Denkens gebiert einen Leerraum von noch Unsagbarem wie eine große Beschwörung. Welch ein Leben, sowohl titanisch in der Arbeitshingabe und dem Reichtum der Materialien wie in der Buntheit Wildheit Zerstreuung und Lächerlichkeit der Vita und Lebensführung. Und bei aller Öffnung und Fragmenthaftigkeit – welch ein Gelingen, welch eine Erfüllung. Ich glaube, die Ehren, Preise, Kranzniederlegungen zu Lebzeiten sind ebenso reich und platzregenartig an ihn verschwendet wie sein Werk enigmatisch bleibt. Wofür hat man ihn denn wirklich ausgezeichnet? Um die Unbegreiflichkeit oder besser Uneinschätzbarkeit seiner gewaltigen Leistung und die eigene Verständnislosigkeit – diesen Leerraum auszufüllen. Nun, er war meine größte Begegnung zu Lebzeiten.
26. April 2009, Paris
Lese im Hinblick auf die Quarto-Ausgabe erstmals seit langem das bisher wohl verdrängte Journal der achtziger Jahre, Die Innenseite des Mantels, mit der schwierigen Inkubation vom Jahr der Liebe, aufregend, aufregend – und hilfreich. Und spiele seit langem zum ersten Mal wieder Musik auf der von Igor geschenkten und installierten Musicbox; und habe eine Tändelei mit zwei blutjungen Serviererinnen im Restaurant Boulevard Montparnasse angefangen. Und bin merkwürdig – wie nach Jahren zum ersten Mal glücklich und rundum erregt. Und es liegt so viel vor mir, Lesungen noch und noch, der Fernsehfilm, das Magazin (volle Nummer zusammen mit Bachmann, der auch bald anreist). Viel Tätigkeit und Aussichten rund um das Greisenaltergeburtstagsbilanzereignis. Ich sehe, daß ich sozusagen bei allen Büchern, sogar bei Untertauchen, vor allem beim Jahr der Liebe, diesen Stromausfall, will sagen das Aussetzen und Nichtweiterwissen, den UNTERBRUCH hatte und erlitten hatte; scheint zu meinen Arbeitsbedingungen, zu meinen Bücherschicksalen zu gehören. Darum wird es beim NAGEL auch gelingen. Der Nagel im Kopf ist möglicherweise der Hieb der Sterblichkeit, der Enddrohung, er wäre dem jungen Kerl im Film Kapo verabreicht worden. So würde ich mit dem Buch unwissentlich in einen quasi aus der Luft gegriffenen Titel hineinwachsen, so war es ja auch mit dem Titel Das Fell der Forelle, zuerst war nach vielen verworfenen Titeln à la »Mein Herz« dieser unbegreifliche Titel da – eine Art Wegweiser. Und gleich beginnt um 14 h das Formel-1-Rennen (in Bahrain), und abends kommt Gesellschaft; gestern mit Contat und Teddy im Kino gewesen. Odile zurück aus Sizilien. Sie gefällt mir in ihrem kruden Mut und vorgeführten Mutwillen nebst der Todesfragilität, die ich immer bekämpft habe wie Canetti die ähnlichen Drohungen seitens Veza. Sie berührt mich, tief.
11. Mai 2009, Paris
Plötzlich, beim Musikhören, Klavierkonzert von Grieg, kam mir zu Bewußtsein, was die Antwort auf die Frage: was ist die Last, was ist der Packen (die Last ist mir zu schwer geworden, ich kann die Last nicht mehr tragen) ist: die Existenz. Es ist die Last der Existenz, und manchmal denke ich heutzutage, daß sie mir zu schwer ist. Ich dachte auch schon, ich könnte sie beenden und mich zu Tode stürzen – wie Stolp.
Und was den Maria-Mann betrifft, so müßte man gleich zu Anfang die beiläufige Frage eines flüchtigen Bekannten einbringen: Haben Sie von ihm gehört? Er schien völlig normal. Er habe eine Geschichte oder besser Mesalliance gehabt … etc. Verhörfrage.
Und tatsächlich ist ja das Problem dieses Lebensanfängers, daß er das Gift der verfrühten Lebensenttäuschung mit der Maria-Nacht geschluckt hat. Daß er in die Fratze der Illusion gestarrt hat so wie der junge Reisende in Messina nach Durchschreiten der Tür ins Leere »fiel«, es war einfach nichts hinter der Tür. Und wie wenn die erste Seite des Lebens leer wäre? Sie war leer, in der Tat. Er ist sich früh gestorben, sich selber gestorben, weil seine Liebe, die ja der Anruf des Lebens war, keinen Gegenstand hatte, die Maria gab es ja gar nicht, nicht für ihn, und nicht nach dem schrecklichen Film über das Lager, weil es die Menschheit mit einmal nicht mehr gab. Das ist die Traurigkeit dieses Stoffes. Früh gealtert und höflich. Eine lebendige Attrappe war er geworden, sich selber gestorben.
Zurück aus Bern, Lesung im Kunstmuseum und eingeführt vom Direktor unter Zitierung meiner Personalakte von damals (Anfang fünfziger Jahre): Assistent für Propaganda und Public Relations. Der Direktor fügte noch an, daß ich anderweitig sein Vorgänger gewesen sei, nämlich an der NZZ, ein berühmter Vorgänger, jedoch sehr rasch den Dienst quittierend an der Zeitung, wobei meine Beiträge zur Kunst unerreichbar seien, eben aus dichterischer Befugnis geschrieben oder so ähnlich, nun, ich war geschmeichelt. Und las in der alten Umgebung meiner jugendlichen Vergangenheit aus Das Jahr der Liebe und der Forelle; nachdem ich mit den Nachkommen von Wilfried Moser, von dem eben jetzt eine Retrospektive gezeigt wird, längere Zeit in der Cafeteria zusammen war, die ich ja damals vor einem halben Jahrhundert als Student eingeführt hatte, was wohl auch erwähnt worden ist. Und PK Wehrli war mit den Kameraleuten vom Fernsehen zugegen und filmte mich in der Moser-Ausstellung und beim Lesen aus meinen Büchern. Und hinterher gab es im Hause Hahnloser ein Abendessen zu meinen Ehren, großbürgerlich nobel und vergnüglich, ich hatte meine Schwester dabei, die sich für einmal gut unterhielt und gebührend beeindruckt gab. Wiederum eine Rückkehr in die frühe Zeit (wie in München etc.). Die Hahnloser Wohnung an der Sonnenbergstraße mit Blick auf Aare und Münster und hängendem Garten. Luxus – dies im Unterschied zu Professor Hahnloser, meinem Lehrer. Ja, Bern gab es diesmal wieder in nuce und in Fülle, nicht nur in der Länggasse, das heißt an der Erlachstraße Nähe Revier des Falken (bei Hunziker), sondern auch sonst, so im Progymnasium, meinem einstigen »Affenzwinger« (so im Volksmund) zusammen mit Wehrli, im Untergeschoß neuerdings eine ziemlich sympathische Szenenkneipe. Und des weitern zusammen mit Walter kurz vor meiner Abreise an den Wohlensee gefahren und durch das eine Dorf mit den mich aus der Kindheit erreichenden Düften nach Milch und Kalb und noch etwas, Reinlichkeit? Landleben, ein Duftgemisch aus unseren ewiglangen Sommerferien der Kindheit. Und den nach der Lesung im Museum im Literaturarchiv zusammen mit Valérie verbrachten Freitag nicht zu vergessen, meiner anderen Schule, dem Gymnasium, gegenüber. Denselben Abend kam noch Leonid kurz angereist. Außerdem viele Stunden an der Münstergasse bei Schwester und Luciano.
Pfingstsonntag 2009, Paris
Eben dachte ich, daß ich ähnlich wie Brigitte in ihrem Altersheim in einer Art Einsamkeitsverwirrung stecke, nicht pathologisch wie sie, ohne Klinikaufenthalte, ärztliche Hilfe, Medikamente und nicht isoliert – ich gehe ja andauernd auf Lesereisen und andere beruflich bedingte Veranstaltungen, empfange nicht nur Privat-, sondern andauernd Journalistenbesuche, vor allem arbeite ich (bin berufstätig) etc. –, und dennoch empfinde ich an einem Feiertag wie dem heutigen mein Alleinsein wie eine an Einzelhaft grenzende Verlassenheit. Nun. Auch Beckett ist ja im hohen Alter (freiwillig) in ein Pflegeheim eingetreten. Es ist normal. Man wird wieder alleinstehend im Alter, die Partner sind häufig tot, man ist der Überlebende oder aber sonstwie durch die Maschen gefallen. Ich komme darauf und auf den Vergleich mit Brigitte, weil wir uns ja blutjung als Studenten zusammengetan hatten, bevor wir heirateten und Kinder aufzogen und uns verließen. Als wir uns verließen, waren wir Mitte dreißig. Inzwischen sind wir beide irgendwie auf der Strecke geblieben. Wir heirateten 1953. Ich schreibe unter dem Datum des 31. Mai 2009, vorgestern bin ich von Düsseldorf zurückgekommen (Podiumsgespräch im Heinrich-Heine-Haus/Buchhandlung Müller), Reise im Thalys zusammen mit Goldschmidt. Wenn ich in die verhältnismäßig neue Wohnung Montparnasse zurückkehre, meist spät in der Nacht, wartet keiner auf mich. Am Mittwoch kommt Henning, und am Samstag gehts nach Wien, Graz, Klagenfurt. Und jetzt ist Pfingstsonntag, und auf dem kleinen Beistelltisch sind die Pfingstrosen in einer derart verknitterungsreichen Pracht aufgegangen, daß es mir den Atem verschlägt vor Schönheit. Ich bin gern abgereist aus Deutschland und gern zurückgekehrt und fluche dennoch dem Alleinsein.
Es ist, wie es ist. Ich kam auf Brigitte zu sprechen, weil ich ihr Einsamkeitsleiden verstehe und es kaum fassen kann, daß wir so ahnungslos, so jung begannen und uns ins Leben wie in ein Vergnügen geworfen haben, was natürlich nicht stimmt.
25. Juni 2009, Paris
Es ist Sommer, ich sitze an dem elenden (schwerfällig anspruchsvollen) Eßtisch aus der Rue Saint-Honoré, der mir in meiner Klause als Arbeitstisch dient und bin einigermaßen vergnügt. Stelle ich mir doch etliche Umstellungen der Möbel im Hinblick auf eine stimmigere Arbeitssituation vor. Es eilt nicht, jedenfalls werde ich vor dem Eintreffen der Fernsehequipe in drei Tagen nichts verändern, ich denke an später, ich denke an den NAGEL, er rumort in mir. Unterwegs zum Ärztezentrum und anderswohin ging mir durch den Kopf, einen Text zum Thema »Meine Mäzene« zu verfassen, ein Analogon zu »Meine Jahrzehnte«. Ich müßte wohl mit Susi, Susanne Baumgartner, beginnen, der Sängerin, die meine Schwester in den nächsten Familienkreis eingebracht hatte und die eine Weile unsere Hausbesitzerin und Mietsherrin an der Egelgasse, Nähe Burgernzeil in Bern und für mich so etwas wie die Dame, das heißt Marschallin aus dem Rosenkavalier gewesen ist, eine Verehrerin und Ermutigerin für den Abiturienten, in dem der Dichter aus der Verpuppung auszufliegen versuchte, qualvoll, weshalb sie mir den Finsterlingsnamen Hagen Tronje anhängte, nun, sie nahm mich ernst, sie gab mir jede Menge Kredit, davon später. Dann müßte ich wohl auf Eva Merz bei Radio Studio Bern zu sprechen kommen und unmittelbar danach auf Milo Albisetti und Paul Hofer, die durch erste Veröffentlichungen in der Zeitung bzw. in einem Ausstellungskatalog auf mich zukamen, weil sie von der Prosa, wenn man das so nennen kann, nun, von der Schreibe überrascht waren. Sie wurden, ein jeder für sich, aufmerksam auf das Talent und verfolgten von nun an meine Schritte teilnehmend, was insbesondere für Paul Hofer gilt, der mir ein privates Stipendium für Rom zusammentrommelte, als es soweit war. Von Milos tatkräftiger Unterstützung zu schweigen. Mutmacher und Mäzene. Lebenslang.
Am totalsten gilt der Begriff Mäzen für Elisabeth Plahutnik, die in einem geradezu leidenschaftlichen bis religiösen Sinn an mich glaubte, unbeirrbar, in einer überwältigenden Hingabe, die ich später bremsen mußte. Sie wäre für das Genie, das sie in mir anbetete und um welches sie fürchtete, auf den Mond geflogen. Sie folgte ihrem Instinkt und ließ sich nie von der Überzeugung abbringen. Ihre Sicht auf meine damals junge Autorenperson mit gerade drei, vier Büchern als Aktiva – wir machten nach dem Erscheinen von Untertauchen Bekanntschaft – ist nachzulesen in Entwürfen für eine Art Porträt, die sie mir viel später als Zettel überließ. Ihre Hinwendung war maßlos und vor allem pausenlos, dies sowohl in eine Zeitlang täglichen Unterhaltungen wie in Lawinen von Briefen, nachdem ich nach Paris verzogen war, wohin sie mich eine Weile regelmäßig besuchen kam. In Zürich wurde das Haus Schweingruber – ihr Mann Hans, Verleger und eine Art Althippie, war überaus künstlergastfreudig – für mich über Jahre ein Refugium, ich habe da den größeren Teil von Stolz geschrieben. Eine vergleichbare Unbedingtheit in bezug auf meine Person und Künstlerperson habe ich wohl nie wieder nur annähernd gekannt.
27. Juni 2009, Paris
Jetzt noch ein Nachtrag zu den Mäzenen.
Armin Kesser, dessen Porträt ich im Journal Die Zettel des Kuriers, aber auch im Text über Väterbilder (»Der ferne Vater«) memoriert habe, war zur Canto-Zeit wahr und wirklich mein Mentor: Ihm ist das Buch gewidmet.
Es war seine Früherkennung des Künstlers in mir, sein unbedingter Glaube an meine Fähigkeit, wenn nicht Bestimmung, waren weniger Zirkusspiele als Brot, nämlich Nahrung für mich, der ich danach hungerte. Er war ja nicht irgendwer, sondern ein glänzender Essayist und Stilist, ein unerbittlicher Richter, mit Musil und Brecht und vielen Größen der Vorkriegszeit bekannt, er kam von Berlin in die Schweiz kurz vor der Machtergreifung, sein Vater der expressionistische Dramatiker Hermann Kesser. Lebensvoll und intellektuell, ein Kulturmensch. Als ich Canto schrieb, ging ich nach vollbrachtem Tageswerk stracks in seine Wohnung an der Carmenstraße in Zürich, zu Gesprächen und Whisky. Auch in Rom gab es wunderbare Spaziergänge (Kenner der Etrusker). Ich habe seine Totenrede gehalten, neben Johannes Itten (den ich nicht zu meinen Mäzenen und schon gar nicht zu meinen Mentoren zähle, jedoch zu den Übermittlern als Zeitzeuge).
Ich denke, wenn einmal die Schreibsituation hier in der kühlen Erdgeschoßwohnung besser gelöst sein sollte (durch Umstellung der Möbel und bessere Lichtplazierung des Tischs, den ich im übrigen zu ersetzen hoffe), könnte ich ein Atelier entbehren. Müßte lediglich einen klitzekleinen exterritorialen Außenposten für ein Bücherregal und eventuell ein Stehpult finden. Wo?
5. August 2009, Paris
Typische Sommerverbringung. Ein bißchen Geselligkeit, Besuche, Verabredungen, ein bißchen Kino, zuletzt Pietro Germis Signore e Signori, eine stachlige Gesellschaftskomödie rund um den Sexus in einer Provinzstadt, Frau und Mann passen anscheinend nicht zusammen, es sei denn kurzfristig bei Seitensprüngen, was seinen Preis hat, am wichtigsten das Vertuschen, der Hohn, die Schadenfreude hinter vorgehaltener Hand. In der Gesellschaft heißt es das Gesicht wahren.
Ich war zusammen mit Dolf Oehler und vordem in der Kandinsky-Ausstellung im Centre Pompidou. Am besten gefiel mir die letzte, die Pariser Periode mit den scharfgeschnittenen, kunterbunten, durch den Raum purzelnden nun, was? Edelsteinen? Intarsien? Kaleidoskop-Partikeln? Kandinsky ist erst da wirklich abstrakt, weil diese Fundstücklein sich nicht auf Gesehenes zurückführen lassen, sondern einfach aus einem inneren Märchenfundus stammen. Überhaupt ist bei ihm das Märchenhafte latent immer da, und damit das Erzählerische. Man kann bei ihm feststellen, wie er sich aus der russischen Volkskunst, fast möchte ich sagen, Stickerei, mit inbrünstigen Klängen zu wollenen Landschaftsauflösungen in den expressionistischen Farbklängen der Franz Marc und Jawlensky zu dramatischen Liniengeschehnissen mit farbiger Grundierung etc. ins Abstrakte vortastet oder besser vorkämpft und dann zuletzt über tiefschürfende Hinterfragungen über das Geistige in der Kunst zu strengen Handhabungen von Punkt, Linie, Quadrat etc. als Bauhausmeister theoretischer Aufrüstung entwickelt. Ich muß gestehen, daß mir die Ausstellung nicht naheging. Das Abstrakte war wohl doch ein Irrweg. Bei ihm scheint das russische Volksgut bis zuletzt ikonisch durch. Mein Vater sieht auf Fotos ähnlich intellektuell aus, mit Kneifer oder runden Brillengläsern und gepflegtem Anzug.
Seit nun schon langem sehe ich diesen bärtigen, unter einer Kapuze auch bei heißem Wetter verhüllten, bedrohlichen jungen Menschen auf dem Boulevard Montparnasse unter einer Tür Posten beziehen, ja er wirkt wie ein Torwächter oder Tempelwächter, er steht da in seiner geballten Finsternis, ein Obdachloser, ein Heimatloser, ein verirrtes Glied der Gesellschaft, einer von weither. Er ist einschüchternd, ich habe mir angewöhnt, ihn zu grüßen, ihm zuzunicken. Sich den dazugehörigen Hintergrund mitsamt Herkommen auszudenken scheint nicht nur unmöglich, sondern wie Lästerung. Man möchte einen Bogen um so einen machen und tut es auch. Wie es in ihm aussehen mag? Und wir gehen unseren Geschäften und Vergnügen nach.
12. August 2009, Paris
Habe herausgefunden, daß der Geburtstag meines Vaters der 14. August ist, übermorgen. Er ist 1891 zur Welt gekommen und 1942 gestorben, mitten im Krieg.
Für den NAGEL ist zentral weniger die Maria-Thematik als die Zurückweisung der Personalien. Vermutlich habe ich mich oder hat sich etwas in mir damals in der Kindheit, wohl eher früher als später, geschämt für die gewissermaßen abgrundtiefe Nichtverankerung im Herkommen und in der Lügenhaftigkeit bezüglich unseres sozialen Status, der ja in Wirklichkeit nur angeberische Fassade war, die wiederum eine flickschusterhafte Realität verbarg. Nichts, das hielt oder feststand, ein Überlebensgewurstel der sogenannte Pensionsbetrieb, undurchschaubar wie sein Herkommen Vaters sowohl forscherische wie »behandelnde« Tätigkeit, wenn auch die Forschung und die daraus resultierenden Medikamente, Heilmittel- bzw. -methoden stimmen mochten und vielleicht sogar wissenschaftlich anerkannt waren. Dem Habitus entsprach kein finanzieller Erfolgshintergrund, weil Vater sehr früh aus dem Erwerbsleben ausschied, aus Krankheitsgründen, aber auch vordem, wie mir scheinen will, vielleicht übertreibe ich auch, weil ein Schuß Scharlatanerie im Spiel war oder doch ein klein wenig Illegitimität, er hätte ja als Chemiker keine Patienten behandeln, das heißt seine Heilmethoden anwenden dürfen, was er sehr wohl tat. Es schwebte demnach auch bei ihm der Verdacht der Falschmünzerei über seiner Aktivität, wie ja auch der noble Hintergrund der großväterlichen Herkunft nicht nachzuweisen war. Dieses ganze Halbgare oder nicht ganz Stubenreine wurde durch die tiefe sektiererische Frömmigkeit, in die wir Kinder auch einbezogen wurden, rehabilitiert oder ins Sinnvolle gerundet. Ich kann mich nur vage daran erinnern, daß mir das alles nicht gefiel, daß es mir verdächtig war und abscheulich vorkam, daß ich gerne andere »Personalien« gehabt hätte, daß mich das Trügerische meiner Existenz tief belastete. Und daß ich nach Entkommen hungerte. Und nach einem ganz anderen Leben, das ich erfand. Das andere Leben sollte Hand und Fuß haben und jedenfalls keine Flickschusterei sein, nicht auf purer Prätention beruhen, sondern im hellen Licht bestehen und möglicherweise Familie heißen wie bei jedermann.
Es gab einfach keine Realität, keine handfeste wenigstens, alles war bodenlos, Schwindel, Angeberei, hohle, keine Verankerung, und wie sollte sich da ein Kind zurechtfinden, es verkroch sich in alle möglichen Schlupfwinkel, in die Keller und Hinterhöfe, in das Estrichgebiet, wenn nicht in den Wald, Bremgartenwald, das Revier des Falken, an den Wohlensee, weg von der verheimlichenswerten Unschönheit, dem Ungemach, dem Packen, der Seelenlast. Dürstend nach Schönheit, bittend um den Aufschwung der Seele, und die Dichter liehen mir Flügel. Das Kind war beschäftigt mit der Behandlung der Verletzung, der Verbannung von Scham und Schmerz. Und dem Phantasieren, weg von den Beschwernissen und hinaus in die Flugschneisen der Selbsterfindung auf den Flügeln der Sehnsucht. Heilung, Heilung vom Ungemach, dem uns angetanen Unrecht. Und in all dem brannte das Flämmchen Lebenshunger.
5. Oktober 2009, Paris
In zwei Tagen der Geburtstag der Schwester. Fiel mir ein, daß ihr hochmütiges Sich-Abgrenzen von der ganzen Bernerei, zum Beispiel im Sprachlichen, ich meine unter Vermeidung dialektaler Wendungen neuester Färbung, unter strikter Vermeidung solcher Gemeinmachung, mit dem Wunsch nach einem inneren Exil zu tun hat, nicht nur mit Mehrseinwollen. Da lebt sie ein langes Leben lang (mit Ausnahme des jugendlichen Florenzaufenthalts zu Meisterkursen bei einem Maestro Scarpini, wenn ich nicht irre) in der Berner Altstadt mehr oder weniger im Dunkeln zusammen mit dem Ausländer Luciano, der nach wie vor nur italienisch spricht, wenn er auch von dem heimatlichen Nachkriegsitalien nurmehr eine blasse Erinnerung haben dürfte; lebt sie unweit des Konservatoriums, wo sie unterrichtet hat, als eine Art komische Alte oder eine verwegen gekleidete ältere Dame, je nachdem; lebt sie als lebensgroße Prätention ihrem unerfüllten inneren Wunschleben oder Traumleben – einer Einbildung –, sowohl angepaßt wie unangepaßt, nennen wir es nie wirklich ausgeschlüpft aus der frühen Raupenexistenz und der hohen, jedoch nie bewiesenen Selbsteinschätzung, eine Eigenerfindung auch sie, ein Schiff voller Segel, eine Musikverrückte, Liebesvertrackte, ein in die hohen Jahre gekommenes Kind, eine Schwester, die meine, mit dem sie sich brüstet, weil er seine künstlerische Laufbahn nicht nur angetreten, sondern durchgelebt hat im Unterschied zu ihr; ich der Eroberer, sie die kleine, wenn auch größere Schwester, ein Bündel aus Arroganz und Sehnsüchten, unerfüllt hadernd und sich übernehmend, immer streng auf Abgrenzung achtend, eine ewige Emigrantin. Was ist ihr Exil? Sie ruft an, um sich auszuschreien, alle möglichen Leute mit den vulgärsten Beschimpfungen und jetzt auf wirklich gut berndeutsch, nämlich grobstberndeutsch diffamierend, um hernach sich dem fernen Bruder mit allerlei kleinen Memoranden mitzuteilen, Tagesverlauf, Jahreszeitliches, Stimmungsmäßiges, Kindererinnerungen, am Fernsehen Aufgeschnapptes, Krankenberichte, Ärzteschwärmereien, Geklöne und zwischendurch Schönes. Ruft an von Bern nach Paris, ruft den entkommenen Bruder an, ruft nach dem Bruder. Schläft bis über den Mittag hinaus, braucht Stunden, um sich herzurichten, zu rüsten und zu brüsten, kocht spät in der Nacht, nachdem sie sich mit dem angeschlagenen Gatten gestritten und herumgestritten hat, der längst sein Süppchen hinter sich hat und nur noch Ruhe haben möchte beim Einschlummern vor der Fernsehkiste. Was war die verfluchte Schlafsucht, die Lethargie, die Verpuppung mit dem inneren Schwarmvolumen, mit dieser Mast, was war die Verstrickung, was waren die Stricke, die sie fesselten lebenslang?
Wir hätten eine schöne Kindheit gehabt, meint sie. Nun, es war der Anfang von allem, es war Staunen und Überwältigtsein von den Anrufen des Lebens, vom Personenspektakel im Hause und in der Familienpension, von den Jahreszeiten, Feiertagen und Ferien; von den Nischen, in welche wir uns zurückzogen oder verkrochen, um unser Träumen und Wünschen gedeihen zu lassen; es war Mangel, vor allem an Familieneinbettung, wir waren zu früh in eine unverdauliche Unabhängigkeit bzw. Autonomie verstoßen, wir prallten uns wund an dem Ansturm von unbegreiflichem Lebensandrang mitsamt dem Krieg – um von der Schule und deren Bedrohungen ganz zu schweigen. Was sollte aus uns werden? Wir bangten unbekümmert oder ungewappnet auf das uns erwartende Leben, das möglichst großartig sein sollte – unbekümmert um fehlende Sicherheiten warteten wir in einer Entdeckereuphorie auf die Zukunft, eigentlich wie Auserwählte. Waren wir nicht, und sei es nur durch den väterlichen Hintergrund, aber ebensosehr durch die letztlich undurchschaubare Erwerbssituation mitsamt der großbürgerlichen Fassade beinah so etwas wie Groß- und Grundbesitzer, jedenfalls nicht im geringsten angehalten, uns auf ein Erwerbsleben vorzubereiten, eher schon um in Musik und Kunst und schönen Ideen zu schwelgen? Kommt daher der schwesterliche Größenwahn und in meinem Falle Elitismus? Man sah ja nicht, wie das Geld hereinkam, auch wurde davon nie gesprochen. Im Grunde sah man auf die Arbeitenden, die Arbeitnehmer, Angestellten, Abrackerer hinunter. Wir waren so etwas wie enteignete Angehörige einer höheren Klasse. Das blieb sogar in mir stecken, der ich anderseits nicht die geringste Mühe hatte, als Arbeiter auf eine Baustelle oder als Postbote Geld verdienen zu gehen, es war ja Taschengeld, für Reisen und dergleichen. In mir reifte ja der Dichter, und das hatte ja nur in ganz anderem Sinne mit Lebenskampf zu tun. Nur nicht sich anbiedern.
13. Oktober 2009, Paris
Beim Wiederaufnehmen des NAGELS. Gestern Il bell’Antonio von Mauro Bolognini wiedergesehen. Es ist ja nicht nur die aus höchster oder falscher Liebe herrührende »Impotenz«, was intrigiert oder auch anrührt, es ist auch – ich hatte es vergessen – die weibliche Verführung und Disponibilität, die geradezu massive, beinah bestialische Sexualität des Weibchenwesens, es gibt Szenen – ich hatte sie vergessen –, wo irgendwelche Politiker oder Notabeln aus Catania (das Ganze spielt ja in Catania) bei einem Empfang in einem Privathaus oder besser Palazzo eine Anzahl anziehender junger Frauen auf den Knien oder auf Sofas betatschen und vernaschen, man weiß nicht, sind es bestellte Freudenmädchen oder Frauen aus deren Kreisen, sie wirken nicht nuttig, nuttig ist der obszöne Zugriff und die Verbrauchsherrschaft seitens der Männer, doch wirken die Frauen wie fleischfressende Pflanzen, Verschlingerinnen, als wäre einzig die in einer jeden steckende Gebärerin und Fortpflanzerin von Bedeutung, die Fruchtbarkeit, die Fortsetzung der menschlichen Art; und entsprechend wichtig bis zentral ist die virile Potenz – das Fehlen derselben eine Schmach, ein Fluch. Und ebendiesen Fluch trifft den von Mastroianni gespielten jungen Helden, der der ihm zugedachten Ehefrau aus besten und reichsten Kreisen, eine an sich arrangierte Ehe, in einer Weise der Anbetung verfallen war, daß er sie nicht zu nehmen, nicht zu entjungfern, nicht zu schwängern imstande ist, mit anderen Worten: nicht fähig ist, sich ihr im Fleische zu vereinen, also zu vermählen. Was zur Annullierung der Ehe führt und in den Augen nicht nur der Familienangehörigen, sondern der ganzen Stadt eine Schande ist, eine Schmach. Ein Fluch. Impotenz aus Liebe, aus vergöttlichender Liebe. Liebeskrank. Die junge Frau, von Claudia Cardinale gespielt, ist die Reinheit in Person, die reine Schönheit, Quellwasser, unberührt und wohl für die Mehrheit der Männer eine zu kostende Frucht. Nicht für den Helden. Man weiß nicht recht, ist er nicht doch ein wenig weibisch? Nein, er ist gewissermaßen kastriert vor Liebe. Sie ist ein Engelwesen in seinen Augen, das Überirdische, er kann das auch in ihr schlummernde mütterliche Verlangen nicht stillen, nicht befriedigen, insofern ist er ein Verräter an ihr. Was mich interessiert, ist – über meine Maria-Story hinaus – der brüllende Anteil Fleischeslust oder purer Sexualität in der Liebe, diese Folter der Fortpflanzungsbestie in uns, die anscheinend nicht zu sublimieren ist. Und letztlich im Widerstreit steht mit der Innigkeit des anderen Vereinigungsstrebens, wäre es der göttliche Anteil? Vergöttlichung bis ins Unberührbare als Gebot? Möchte man das Göttliche nicht herunterziehen? auf die Ebene der realen Traktabilität? also Fleischlichkeit? In meinem Falle, denke ich an die frühen Jahre zurück, war es auch die Zurückweisung, Liebe in Familie übergehen und wohl darin verkommen zu lassen. Es sollte die Liebe mit dem unaufhörlichen Gefallen des einen am anderen rein oder total erhalten bleiben. Sie sollte nicht von Gewöhnlichkeit befleckt und verbraucht werden. Nun, was den Film angeht, so macht der Held seine Schwäche wieder gut, indem er das Dienstmädchen schwängert. Doch ist er dadurch nur in den Augen der vielen vom Verdacht oder Verdikt der Unmännlichkeit erlöst. Er hat das Göttliche, die Liebe geopfert. Er wirkt wie ein vom Gift der tiefsten Enttäuschung Ereilter, ein von der Menschheit Abgenabelter. Was wäre der Liebeszauber, den er nicht hergeben und nicht abtauschen wollte? Egoismus Vermessenheit Schuld – zumindest in den Augen der menschheitserhaltenden vielen.
16. Oktober 2009, Paris
Das Wunder des Entzückens, das wunderbare Gefallen aneinander, das wir das Liebesgefühl nennen können, sollte nicht auf die Erde und damit auch nicht, wenigstens nicht gleich, in die fleischliche Verschlingung und damit in die Blindheit des Rauschs (?), in das Verbrauchen heruntergeholt und damit ins Profane gewendet werden, es soll quasi vor den Toren im Stillstand der Anbetung verharren, in der hohen Regel der Heiligkeit, darum das Unberührbare (bei einem Bell’Antonio und in der Maria-Story). Es soll so sein wie auf den griechischen Grabreliefs, ganz Anfang und gleichzeitig Vergangenheit, weil an der Schwelle des Todes. Es soll im Anfangslicht der Verzauberung und damit des Göttlichen verharren. Die Männer sind wie vom Schlag des Wunders ereilt.
26. Oktober 2009, Paris
Wenn ich abends, etwa an einer Bushaltestelle, in beleuchtete Wohnungsfenster der so schönen pariserischen Bürgerhäuser starre, gerate ich in neidvoll träumerische Andachtsstimmungen, als geschähe in jenen Innenräumen das Schönste und alles, was mir unbehaustem Außenseiter abgeht. Dabei weiß ich wohl, daß in den verborgenen Intérieurs ebenso Langeweile und Haß herrschen und die Rituale des Immergleichen ablaufen mitsamt den menschlich verpaßten Gelegenheiten unter den Insassen, warum nur mein Neid, warum Wunschträume und Wehmut? Ist es, weil ich es mir zutiefst wünsche, das Miteinander, das Familienleben, das Aufgehobensein in liebendem Kreise? Weil ich es nie gehabt, nur immer entbehrt habe. Nie gehabt das liebende Vertrauen der Familienangehörigen untereinander, nie den Austausch, nie den Schutz. Nie Muße und Freiheit für das eigenste Werden und Tun innerhalb des Gesicherten. Nicht in der Kindheit und Adoleszenz und auch später nie in meinen eigenen Ehen, weil ich innerlich gejagt oder bedrückt war aus lauter eigenen Anforderungen, die ich wie der Hund den Knochen in Sicherheit zu bringen suchte, mich abwendend. Oder in wildernde Phantasie von einem anderen Leben verstrickt war. Was ich beim Anblick erleuchteter Fenster fremder Wohnungen beträume, ist wohl Wunschdenken: von einem anderen besseren schöneren Leben in gegenseitiger Achtung und Liebe. Das Aufgehobensein. Es ist immer das andere Leben. Projektionen aus der Einsamkeit.
11. November 2009,
Armistice
(Feiertag Waffenstillstand 1918), Paris
Am Vormittag wars zwischendurch sonnig gewesen, und danach habe ich den Tag zu Hause verplempert, obwohl ich ein bißchen telefoniert und in Millers Rimbaud-Buch, Vom großen Aufstand, gelesen habe, mit gemischten Gefühlen, weil ich Millers wilde philosophische Verkündigungen, typische Privatweltanschauung, mit tausend Wissensverweisen auf eine das Thema einkreisende Familie verwandter Geister, nicht sonderlich mag, es ist mir zu gewaltsam, zu anklägerisch, zu persönlich, falsch ausgedrückt – wenn ich untergründig auch mit ihm einig gehe. Dabei mußte ich immer an die große Spinne denken, die ich unter einem übergestülpten Glas gefangen halte, bis die Concierge oder ihr Laub rechender Gemahl sie mir vom Leibe schafft, morgen werde ich darum bitten. Ich hatte gedacht, da liegt ein welkes Blatt, und merkte erst im letzten Moment, daß es eine Spinne war, die in völliger Unbeweglichkeit mit den gespreizten hackigen Spinnenbeinen da am Boden lag, und tottreten wollte ich sie nicht, aber vor einer Berührung hatte mir gegraust, und als ich auf den Einfall mit dem Glas kam, nahm ich allen Mut zusammen und setzte sie gefangen, und dabei kam sie in Bewegung und flatterte geradezu mit den langen zackigen Beinen. Ich hatte sie eines Morgens beim Aufmachen der Fensterläden erstmals entdeckt, als sie geradezu vor meiner Nase wie aus dem Nichts heruntergeflattert war, doch glaubte ich sie ausgesperrt zu haben, und nun war sie da und ist immer noch da unter dem Whiskyglas, und ich denke, daß sie mich hört, wenn nicht beobachtet und daß ich sie quäle mit dem Sauerstoffverlust und dem Aushungern, ich bin wie hypnotisiert von der gefangenen großen Spinne gleich neben der Eingangstüre, es ist Kafka, es ist wie die Verwandlung, es ist schrecklich. Morgen lasse ich sie aus dem Weg schaffen, hoffend, daß sie sich nicht davon und über mich hermache; oder in meinen Räumen verkrieche. Da war schon einmal eine riesige Spinne schwarz an der Wand, ich weiß nicht mehr, war es in dem verlotterten Haus am Nemisee, das Odile und ich eine Weile bewohnten, oder war es in Paris, und wir dachten, die beängstigende Spinnengegenwart, diese schwarze Ausgeburt an der Wand oder auf dem Vorhang sei der Geist der ermordeten Daniela, weil es an der Wiederkehr ihres Todestags war.
Scheußliche Tagverbringung, und vielleicht ist die ganze Angst auch die Furcht, ich fände nicht in das Buch zurück, weil es womöglich nicht nur an dem Problem der schriftlichen Ingangsetzung oder Weiterführung, sondern an barem Stoffmangel liegen könnte, einfach darum, weil ich nichts unter den Zähnen, nichts im Beutel, nichts zu schreiben habe. Mal sehen, Spinnenängste, Schreibpanik und Alter und Tod. Und Odiles nicht gerade aufheiternde Telefonate, weil sie einmal mehr in den schwärzesten Launen und Gedanken steckt und mich lähmt.
22. Dezember 2009, Paris
Es ist jetzt die ganze Geburtstagsfeiersträhne am Verklingen und Abebben, gestern sind die aus Wien hergereisten Stefan Gmünder und Esther Hecht und vor ihnen der aus Berlin gekommene Martin Simons und danach die lieben Walhuns abgereist, meine kleine Wohnung war eine Empfangsarche gewesen, vor und nach der zauberhaften, von Actes Sud ausgerichteten Abendessenseinladung für vierzig Personen in dem noblen LAPEROUSE, eine lange Tafel stilvoll wie das mehrstöckige Restaurant mit all den Salons und Sälen für intime Gesellschaften, ja, ich war der Gefeierte; und am andern Abend mit Skwara und Sue-Anne bei Natasha in meiner Straße; wiederum Abendessen, zu viert, privatim. Im Lapérouse war die Überraschung die Anwesenheit so vieler gemischter Nizon-Anhänger, gemischt aus Verlagsfreunden und Privatfreunden und meiner kleinen Familie. Und vordem die Nizon-Feier im Literaturarchiv der Bernischen Nationalbibliothek mit Vorträgen, ganz wunderbar, zu meinen Journalen, mit Hörning von deutscher Verlagsseite und Kässens. Danach der Abend mit Peter Hamm im Literaturhaus Zürich vor gerammelt vollem Saal. Ich hatte ungeheuer viel Öffentlichkeit, wie Hugo Sarbach schreibt, wahrlich. Und den ganzen Monat war Dieter Bachmann in Paris, von dem ich mich vorgestern vormittag im Café Select verabschiedet habe (am 17. 12. zu seinem Geburtstag im Restaurant Hotel du Nord).
Und jetzt endlich wieder an der Schreibmaschine. Die jüngste Neuigkeit: Ich habe eine Schreibmansarde in der Rue Linné, dank Piller. Ab Beginn des kommenden Jahres.
Meine vorerst letzte Atelieradresse, die Mansarde ärmlich miserabilistisch wie in meinen Anfängen, jedoch mit Blick über die Dächer auf Notre-Dame, das Zimmerchen in der Panthéon-Gegend, grob gesagt. Bin ganz schön stimuliert.
Es ist ja nicht so, daß jetzt mit dem Enden des Jahrzehnts der letzte Journalband fällig wäre und würde. Ich werde einfach über das Dezennium hinaus weiter notieren und dann, wenn das Notieren und mein Leben aufhören, einen Nachfolgejournalband auftischen und publizieren können. Doch zuerst der Roman.
Viel Öffentlichkeit, ja, was wiederum, bedenkt man die ruhmesmäßige Schieflage, meinen Sonderfall beleuchtet und untermauert. Nun, vielleicht ist meine diesbezügliche andauernde Beunruhigung einfach ein Problem der Größenordnung. Ich hätte mir wohl wirklich Weltruhm erwartet oder eben ein weltweites Anerkanntsein, und was darunter ist, erscheint in meinen Augen wie Mißlingen. Weiß nicht. Die ewige Abrechnung. Wenn ich erst wieder im schreibenden Abseits und Produzieren sein werde, hört ja dann das Zweifeln wieder auf. Durchgesetzt bin ich ja weiß Gott. Mein ärgerliches Verhältnis zu Ruhm und Erfolg. Gestern lief der Fernsehfilm, und PKW rief an, um erste Reaktionen zu vermelden, lauter schöne anscheinend, so von Fredi Murer. Der Film sei für die Solothurner Filmtage ausgewählt worden. Schwester war begeistert. Und ich denke an die Kosten für mein Begräbnis. Lebte ich vergleichsweise ebensolang wie Canetti, stünde noch ein Dezennium an. Das Vergessenwerden bei Lebzeiten ist bislang vermieden. Muß mal über meine Schwester und unser Verhältnis schreiben.
Und über Weihnachten damals. Ja, wenn ich daran zurückdenke, war nur schon die fiebernde Erwartung die hochgereizteste Poesie für die beiden Nizon-Kinder, wie Emil Rötlisberger in die von ihm geschenkten Märchenbücher (Andersen, Grimm, Hauff) hineinzuschreiben beliebte. Der nahe Wald trug die Perlenschnüre des Schneebesatzes, die erleuchteten Fenster der Mietshäuser verhießen die Christbäume, alles atmete das Bevorstehen des heiligen Festes. Und wir in unseren inneren Schlitten glitten darauf zu. Alles hielt den Atem an, und die Seele entschwebte in das Land der Seligkeit. Und dann das Ankommen der Verwandten wie aus tiefstem nordischen Winter angefahren, sie erschienen geschenkebeladen; und der Christbaum war groß und geschmückt mit dem bis ins kleinste vertrauten Zweigangebinde, dem strahlenden Schmuck. Alle versammelt an der langen Tafel, Vater Mutter Großmutter Onkel Tanten Neffen und Kusinen, alle Teilnehmer und Figuranten einer weit zurückreichenden Tradition, die Dienstmädchen und den Hausburschen Werner nicht zu vergessen. Vorlesen der Weihnachtsgeschichte und Gebet. Das Entzünden der Kerzen. Das Festessen und zum Schluß das Geschenkeauspacken und das Herumliegen der Kinder vor den reichen Gaben, bis die Augen zufielen, während die Erwachsenen redeten und lachten und sich nahestanden und wir alle eine riesengroße Familie waren, fast so wie in den Dubliners von Joyce im Film von John Huston. Alles war Poesie. Schwester und ich die innig Verbündeten, lange war die Schwester die den Kleinen überragende Halbwüchsige, halb Beschützerin, halb Geheimnishüterin, nun, die nächste Mitspielerin eben, wenn sie mit ihren wohl schon pubertierenden Schulkameradinnen zusammen auch einer unbekannten Frauenwelt angehörte. Hatten nicht Schnee und Schlitteln und Kälte und der im eisigen Wind fast gefrierende Atem alles lange zuvor schon verheißen? Und nun war Weihnachten da. Schwester und ich immer zusammen, beim Schlitteln und auf der Eisbahn und im Hause zu Besuch bei den anderen Hausbewohnern oder bei Gottfried, dem Zimmerherrn mit den Schallplatten und Büchern und dem angebrachten Naschwerk und mit seinen diversen Ticks.
Von Schwester später mehr.
27. Dezember 2009, Paris
Heute Sonntag bei wie neulich großer Kälte eine lange Busfahrt nach Montmartre unternommen. Erst hatte ich die Idee, ins 18. Arrondissement auf den langen afrikanischen Markt zu fahren, und geriet mehr oder weniger zufällig in den 95er Bus und sah mich unverhofft (?) über Saint-Germain in die Louvre-Gegend mit plötzlich sonnigen Ausblicken Seine-auf-und-abwärts und die Tuilerien in meine alte Heimat Palais Royal/Comédie Française mit den großen Architekturgebärden eintrudeln und über Opéra und Saint-Lazare gegen Clichy und über den Friedhof Montmartre in die Rue Caulaincourt (nun im 80er Bus) in meine alte erste Tantenwohngegend, die mir von den Fahrten ins Atelier (Rue André Barsacq) von neuem vertraut geworden ist, einmünden, Stimmung Fell der Forelle; dann Jules Joffrin, Mairie 18e, wo wir geheiratet haben und alles an die innige Liebeszeit, Besitzlosigkeit, Hoffnungsfreudigkeit erinnert; von da war ich damals immer mit dem Bus 31 ins Atelier Rue Troyon/Étoile/Wagram/Mac Mahon … ins Schreiben vom Jahr der Liebe gefahren (s. Buspassage im Buch).
Nun war ich also wieder da. Und der kleine Montmartrebus war auch da, der Schnüffelhund. Den bestieg ich und fuhr nun kreuz und quer über die Butte Montmartre, über die Place du Tertre und die Place des Abbesses bis Pigalle hinunter – so wahnsinnig viel Erinnerungsversammlung aus den einsamen Anfängen sowohl wie aus der Forellen-Welt, mithin dreißig Jahre umspannend –, und so viel Leben durcheinanderwirbelnde Geistesverfassung zwischen den Lebensaltern wiedererweckend und das daran klebende Straßenleben; nun, ich kann nicht die so verschiedenartigen Populationen und Quartiere und Stimmungen memorieren, unmöglich; und von Pigalle im 67er Bus wieder runter über Notre-Dame de Lorette und Rue Richelieu und Louvre an der Seine entlang zum Châtelet, und vor dem Gerichtsgebäude mit Ausblick auf Notre-Dame in meinen 38er bis Observatoire. Die ganz Busreise dauerte annähernd zwei Stunden, die Erlebniszeit etwa eine Viertelstunde, und doch war ich durch fast das ganze Konzentrat meiner Pariser Existenz gereist. Dachte mir, ich würde die Fahrt meiner Schwester verpassen, sollte sie es wirklich schaffen, mich noch einmal hier zu besuchen. Und dann hatte ich gedacht, ich möchte es mit Odile tun, Einladung nicht zur Enthauptung (Nabokov), sondern ins Unbegreifliche unseres Schicksals.
Meine Anfänge spielten im Norden von Paris, die längste Zeit im Herzen des 1. Arrondissements, und nun lebe ich im Süden. Montmartre und Montparnasse sind Künstlerquartiere, das rechtsufrige Palais-Royal ist Architektur und Pärke und Bibliothèque Nationale, edler Rahmen ohne nennenswertes Quartierleben, noble Residenz. Und war die Keimzelle von allem, Aufklärung und Revolution.