2005

 

20. Februar 2005, Paris

 

Ich schreibe in meiner Wohnung in der Rue Saint-Honoré, an meinem aus dem Atelier in den ehemaligen Schlafraum verpflanzten weißen Schreibtisch. Ja, vor kurzem erst fand die Räumung des Ateliers, die Schlüsselübergabe bei den Notaren, das heißt der endgültige Verkauf statt; und nun bin ich aus der zunehmend geliebten Gegend der Butte Montmartre mitsamt Rue Lepic und Place und Rue des Abbesses, aber auch aus der Gegend um die Avenue Junot und Rue Caulaincourt etc. ausgestoßen und verbannt, diese andere Seite meines Alltags mitsamt den verschiedenen Anfahrten und Anmärschen zum Arbeitsplatz besteht nun nicht mehr, das »Doppelleben« ist hin. Ich wollte vor dem Auszug unbedingt noch den Roman, mein Fell der Forelle, hinkriegen, was mir knapp gelang, es fehlt nurmehr knapp eine Seite. Ich denke, ich wollte das Buch noch nicht hergeben, schließlich war es ja die ganze letzte Zeit meine innere Heimat; so wie die Ateliergegend meine geheime Seelenheimat war. Hatte beim Ankommen in dem Viertel oft das Gefühl, in den Roman wenn nicht die Literatur physisch einzutreten. Was habe ich nicht im 18. Arrondissement und zu Teilen in den Straßen meiner ersten Pariser Zeit (Rue Simart) für meine Forelle eingesammelt!

Im bereits erheblich voranschreitenden neuen Jahr 2005 sind meines Wissens (wenigstens finde ich kein entsprechendes Sichtmäppchen) noch keine Aufzeichnungen entstanden, es wäre begreiflich: der Umzug, das Packen, Aus- und Einräumen; und danach gleich, nämlich unmittelbar darauf der Geburtstag und die nachgeholte Feier im Centre culturel suisse (10. Februar), danach die andere Feier in der Klettenbergstraße im Unseld-Haus in Frankfurt.

Den Tag des eigentlichen Festes arbeitete ich mit Hörning am Manuskript. Ja, da wäre nun das Buch, das so zögerlich und definitiv wie unvorhergesehen aus mir ausgeschlüpft ist in immerhin langer Zeit, für mich eine Art Testament oder doch Essenz wie für Hemingway Der alte Mann und das Meer, dachte ich neulich. Und dann auch wieder ein total neuer Ansatz.

Wann mir beim Arbeiten die Idee kam, zu einem Rundumschlag auszuholen oder doch zu einer Art Abrechnung mit dem Verlag, weiß ich nicht mehr. Vielleicht reifte die Absicht schon im Flugzeug. Ulla las eine längere Unseld-Einführung zu meiner Person und Arbeit, hochwohllöblich und einfühlsam, Weiss las die für den Pariser Abend verfaßte Depesche von Handke, memoriert wurden andere Unseld-Bezeugungen, und dann ich. Ich sprach von Gebrauchsliteratur und deren Überpropagierung, vom Unterschied zwischen Konfektion und Haute Couture, zwischen Literaturware und Literatur. Ich hatte mir das alles überlegt und zurechtgelegt, ich sprach frei und nicht aggressiv. Ulla erhob sich und kam um den Tisch herum zu mir zu einer Umarmung, die Mitgefühl, wenn nicht Abbitte bedeuten mochte. Es schien niemand schockiert, überrascht bestimmt jedermann. Das Ganze endete in einem familienintimen Klima.

 

Und nun noch ein Wort zur Feier im Centre culturel suisse. Etwa 150 Gäste, der Saal gerammelt voll. Es begann mit Jean-Baptiste Malartres szenischer Aufführung der von ihm ausgewählten Forellenpassagen, eine Überraschung auch für mich, der ich vorne neben dem an mich gekuschelten Igor saß, ich sage Überraschung, weil ich mir nicht so viel Intensität und szenische Stringenz erwartet hätte. Caroline Psyroukis waltete aufs charmanteste als Zeremonienmeisterin, eine liebliche Erscheinung auf der Bühne, die zum Weiteren überleitete, so zur Laudatio von Georges-Arthur Goldschmidt, der seine Betroffenheit von Nizon-Lektüren mit derjenigen von Rousseau, Karl Philipp Moritz und Kafka verglich.

Danach Interventionen von Derivière, Diane Meur und dem von der römischen Villa Medici angereisten Arno Bertina. Abschlußrede von Botschafter François Nordmann. Die fühlig-feurige Geburtstagsdepesche von Handke, von Peter St. Jungk vorgelesen, nicht zu vergessen. Auch dies eine Überraschung. Und meine Verdankungen. »Buffet dinatoire« im oberen Ausstellungssaal bei Tangomusik. Das Ganze von »Sorg Consulting« organisiert und auf die Beine gestellt. Dieter Bachmann aus Italien angereist, der Getreue, viele Freunde, auch Journalisten, auch Botschaft, auch Schweizer Kolonie. Die Kinder Valérie und Valentin nicht zu vergessen. Alles ganz ohne Schatten und Mißton.

21. Februar 2005, Paris

 

Heute schnell aus alter Gewohnheit oder aber aus einem tiefen Bedürfnis, weil Entbehren, mit dem 48er – und danach 85er Bus hoch nach Barbès gefahren, um bei ED/épicier Einkäufe zu tätigen, es war ein Vorwand, die Fahrt und die Gegend fehlten mir. Und wie ich die Häuser und den von den Pariser Mauern erfundenen wolkigen, ja geradezu mit wolkigem Mienenspiel verführenden Himmel, die Bäume, Trottoire mit Augen verschlang: Da sagte ich mir, ja, ich eigne sie mir täglich physisch an, die geliebte Stadt, ich reiße sie an mich, verschlinge sie.

 

Neulich einmal, es war im Zusammenhang mit Todesgedanken, erinnerte ich mich, daß mich bei Armin Kessers Tod Mitte der sechziger Jahre weniger die Frage nach einem Leben nach dem Tode als die Vorstellung, daß dieses wunderbare, einmalige Wissen um Welt und Menschheit, daß dieses einzigartige Bewußtsein, diese geistige Versammlung, mit dem Dahinscheiden der sterblichen Person erlöschen und verschwinden sollte. Diese Ver-innerung umsonst?

23. Februar 2005, Paris

 

Montag, 21.2., ist Elisabeth Plahutnik gestorben, wie mir Valérie mitteilt. Sie scheint sich den Oberschenkelhals gebrochen zu haben und zur Operation ins Spital verbracht worden zu sein. Elfie Zuber saß am Krankenbett; Sonntag sei sie noch ansprechbar gewesen, dann in einen heftigen (?) Abwesenheitszustand mit Agitation der Beine, wohl Todeskampf, verfallen, hierauf in tiefen Schlummer mit unregelmäßigen Atemzügen bis zum letzten Atemzug.

Sie befürchtete das Ableben des alten Siamesen Ulan, nun ist sie vor ihm gegangen.

Ich habe gestern nacht an sie gedacht und Abschied genommen. Ich ermaß den Verlust. Vermutlich war ich nirgendwo sonst in meiner ganzen Widersprüchlichkeit so begriffen, gesehen und, ja, wohl geliebt worden. Bedingungslos. Erkannt, rundum angenommen. Dieser Halt, diese Heimat ist nun nicht mehr. Wie das Haus, als Hafen, Anlaufstelle, wenn nicht »feste Burg« oder Gewißheit. Sie war, neben meinen Frauen, die Gefährtin, Verschworene, Vertraute. Sie kam wohl wirklich, wie sie immer behauptete (und manchmal schien es mir Anmaßung), aus der gleichen Ecke. Wenigstens ist sie in Das Drehbuch der Liebe eingegangen.

20. März 2005, Paris

 

Heute nacht träumte mir, und ich hege den Verdacht, es sei das zweite Mal, daß ich ein Theater gekauft hätte, ich war Theaterbesitzer, frischgebackener Theaterbesitzer.

Es war ein runder, ziemlich hoher hölzerner Raum mit Bühne und verborgener Bühnenmaschinerie dahinter, mit Zuschauerrängen, Garderobe, aber alles klein und kostbar. Wie hatte ich dieses wunderbare Etablissement nur erwerben können? Wie war ich darauf verfallen? Ein Rätsel, ein Kunststück. Dabei hatte ich das Theater keineswegs in der Absicht erstanden, es zu bespielen. Ich bin kein Theatermensch. Ich war auf der Suche nach einem Atelier oder einem Loft, wo ich sowohl wohnen wie arbeiten könnte, und stieß im Verlauf meiner Besichtigungen auf dieses einmalige Objekt, das zwar meinen Bedürfnissen in keiner Weise entsprach, jedoch in anderer Weise unwiderstehlich schien, weil geheimnisvoll, weil intim, weil ein Luxus, weil eine Einladung, Herausforderung, ein Nachtstück. Und so befand ich mich in dem wie der Resonanzkörper eines kostbaren Streichinstruments wirkenden, noch ohne Zweckbestimmung in meinen Besitz übergegangenen Kleintheater, und zwar mit ausgewählten Freunden, als ich gewahr wurde, daß da ein schnauzbärtiger, Hut tragender Brillenträger mir gewissermaßen über die Schulter schaute, ein noch jüngerer Mensch, mir unbekannt, dachte ich, bis ich erkannte, daß sich hinter der theatralischen Maskerade meine Nichte Tamara verbarg. Sie da?

Ich besaß nun dieses kostbare Kleintheater, für das ich noch keine Verwendung hatte, das mir aber als nächtlicher Ausweg oder Abstieg nicht nur vielversprechend, sondern verlockend und wie das Schlupfloch zu einem neuen Zweitleben erschien.

30. März 2005, Paris

 

Vorgestern Ostermontag endlich den letzten Schluß vom Fell der Forelle geschrieben und anderntags abgeschickt. Ich hatte mir eine Woche Aufschub genommen (mit Hilfe einer dicken Grippe), habe aber auch schon gedacht, daß ich dieses Buch nicht hergeben wollte. Als es soweit war, gab es innerhalb der österlichen Ferien-Feierstimmung (die von draußen spürbar war und mich abschirmte) weniger ein Aufatmen als ein Innehalten in mir, ein Glücksinnesein, weil die Vollendung gelungen und die Forelle abgesprungen war, so daß mir die Tränen in die Augen schießen wollten. So schön dabei war ich noch mit keinem Buch gewesen, so glücklich auch, wenigstens zuweilen, wenn wieder ein Abschnitt gelungen war. Doris Krockauer, die vorher hier zu Besuch war, meinte, es sei mein erstes Buch als Junggeselle, als Alleinstehender, was ja auch stimmt: Wenn ich vordem auch immer in einer Art eigenem Kloster gearbeitet hatte, so war ich dennoch immer verheiratet gewesen und insofern eingebunden. Bei diesem Buch nicht, es entstand während der Trennung und nach der Scheidung, hauptsächlich im Atelier oben auf der Butte Montmartre.

Kann es immer noch nicht fassen, wie mir diese Figur, Frank, Abkömmling von Luftakrobaten, der in den freien Fall weglief und in seiner kleinen Odyssee durch das kleine Viertel rund um die einstige Tantenwohnung so viel Leid, Mutproben und Kopfakrobatik – Hintersinnung – zu bestehen hatte …: wie mir diese Figur entstanden ist. Und wie all die Motive – des Liebesversehrtseins, das Springenwollen, das Fliegen in allen Variationen inklusive Tauben und Schwalben, Zirkus, das NUMEN, die Felle, Pelze, das Nichtzurechtkommen mit den einfachsten Dingen des Lebens, um von den Nebenfiguren wie Carmen, Ghislaine, Said, den Brüdern im Waschsalon erst gar nicht zu reden (die »Tante« nicht zu vergessen), der pullovertragende Wirt … so zwingend entstanden sind und sich wie in einer Partitur respondieren, zurück- und hervortreten, korrespondieren (und dies auf sowohl natürliche wie beinahe abstrakte Weise). Es ist ja wieder die Flucht in die Freiheit, und die Freiheit ist jetzt hier das Entschwinden im Wahnsinn, darum ja auch das Happy-End. Ein ganz diesseitiges schmerzliches wie metaphysisches Buch, ganz Kunst, ganz Prosakunststück, wie der Verlag es hervorhebt. Und die aberwitzige Komik inmitten von Schmerz und Einsamkeit. Was ich nicht fassen kann, ist die die Tatsache, daß dieses Buch, ganz Erfindung in der leichtesten Gangart, ganz Handlung, voller Gespräch und Monolog, auch Figuren, gewissermaßen ohne mein Wissen und Wollen aus mir heraustreten oder besser -kriechen konnte und sich wie ein Puzzle aufs exakteste zusammenfügte.

 

Wenn ich nun das jeweilige Ende der letzten Bücher ins Auge fasse, so ist die Wiederholung einer Art Todessucht oder – sagen wir – eine Tendenz, dem irdischen Leben zu entkommen, dem Packen, dem zu schwer gewordenen Packen, entsagen zu können, unverkennbar. Stolz zieht es vor, im Erfrierungstod einzuschlafen. Er möchte das Leben nicht antreten. Im Jahr der Liebe geht das Buch des immerhin Geretteten mit den Worden »Was lärmt ihr so und seht doch, daß ich schlafe« zu Ende. Der Erzähler ist in den schöpferischen Traum entkommen. Im Bauch des Wals schreibt der Erzähler aus der Zelle schöpferischen Eingekapseltseins heraus (eben aus dem Wal), er ist jetzt ganz »im Bilde«, doch hat er den Marschierer als Alter ego und den Verlorenen Soldaten als Schriftstellersymbole aufgestellt. Er wird zum Clochard, es findet eine Mutation von Künstler zu Clochard oder Streuner statt (Büßer?). Hund kennt den Künstler nur noch als feixende Nebenfigur. Der Erzähler ist in der Freiheit, nachdem er den Künstler losgeworden ist, (Narrenfreiheit?) Einsamkeit. Und nun dieser allerdings wiederum jüngere Erzähler, alles andere als ein Schriftsteller, Akrobatensproß, wenigstens in der Einbildung oder Selbstbehauptung, der, versehrt durch die Liebe – die Liebe die einzige tragfähige Lebenshaftung und -hoffnung –, nach einem letzten Rundgang, nach einer absurd tapferen Umschau, innerlich entfliegt, wohin? In den Traum? Erlösung? Himmel? Himmelblau (Buchhimmelblau, sagte Handke von meinen Sätzen im letzten Journal). Er entfliegt in den FREIEN FALL. Daß dieses Buch mir (in meiner Einsamkeit) entstanden ist: ein wahres Wunder.

14. April 2005, Paris

 

Canetti, Entwurf

 

Ich habe ihn immer den größten Menschenerklärer genannt, darum sind mir ja auch seine Essays so lieb. Er hatte diese nie nachlassende Neugier auf Menschen, er pirschte sich innerlich an sie heran, spürbar, es war eine brennende Neugier, er schlüpfte in ihre Haut, er war ja auch Komödiant, man denke nur daran, wie er sich am Telefon in der Sprachmaske der Hausbesorgerin meldete, um unliebsame Anrufer abzuwimmeln; er hatte mich davon ins Bild gesetzt, um mir klarzumachen, daß ich in solchem Falle nur gleich meinen Namen nennen möchte. Ich habe ihn auch einmal in der Rolle der Hausbesorgerin, mit der Altweiberstimme, am Apparat gehabt, jedoch gleich den Canetti dahinter erkannt, möglicherweise weil ich um die Taktik wußte, erkannt hätte ich seine Stimme trotz allem gleich. Ich kannte sie ja auch aus unzähligen Gesprächen, stunden- und nächtelangen. Ja, in London an der Thurlow Road in Hampstead hatte ich in den ausgehenden sechziger Jahren unendlich lange Zusammenkünfte mit ihm. Ich kam jeweils am späten Nachmittag an und verließ ihn manchmal auch erst im Morgengrauen oder bei Tagesanbruch. Zwischendurch gingen wir essen, oft in ein Ristorante, kein Feinschmeckerlokal, Canetti aß gern und viel, wie er damals ja auch ein starker Raucher gewesen ist. Er sagte mir, er arbeite immer nachts, tagsüber halte er sich in Cafés oder Teestuben auf, er beobachtete, notierte in solchen anspruchslosen Lokalen, er kannte ja auch die eine oder andere Serviererin, in meiner Erinnerung eher hübsche und keß uniformierte Mädchen, er hat mich der einen oder anderen auch vorgestellt.

Die Wohnung war bescheiden und mit eher massiven, gutbürgerlichen Möbeln bestückt, sie machte nicht viel von sich her, es gab keine besondere Stimmung oder Wohnatmosphäre, nichts Beeindruckendes; was mich erstaunte, war der Umstand, daß Canetti mir Armagnac anbot, wie er mir später in der ebenfalls bescheidenen Wohnung an der Zürcher Klosbachstraße Whisky vorsetzte, er wußte, ich trank ihn gern – er trank damals nicht mehr, wie er ja auch nicht mehr rauchte, sich aber gerne von mir eine Zigarette reichen ließ, die er nie anzündete, sondern in den Fingern hielt und herumdrehte. Um auf den Menschenerklärer zurückzukommen: Er imitierte, karikierte, demaskierte schonungslos, wenn er nicht überhaupt vivisektionierte, nun, er schlüpfte in die Haut der anderen, es war Aneignung, es war Verwandlung, ein Wort, das ihm für den Dichter zentral erschien, wie jedermann weiß. Wenn es nicht überhaupt das war, was den Menschen vom Tier unterschied. Man könnte die maßlose Neugier fast schon erotisch nennen, ich denke, er hat nicht nur ein Bestiarium aus seinen Anverwandlungen gewonnen, sondern darüber hinaus ein phantastisches Spektrum aus anatomischen Organen, weniger ein Linnésches System der Arten als ein barockes Metamorphosen-Pandämonium, aus welchem Grundmaterial wohl einiges in die Aphorismen eingegangen sein dürfte. Er war kein wertfreier Wissenschaftler in der Menschenerforschung, er konnte hassen, er war Partei, er war, wie mir sehr bald aufging, eine moralische Großmacht, nicht einfach ein Moralist. Er war der Feind der Dekadenz, das war wohl auch sein Abstand zu Thomas Bernhard und überhaupt zu allem Todessüchtigen und Morbiden, er war ein Lebensmonarch, ein Menschenfreund wenigstens in seiner verantwortungsmäßigen Ausrichtung, darum auch ein Hasser des Niedrigen, nicht der Schwachen, dies überhaupt nicht, ein Hasser menschlicher Niedertracht.

Er war auch ein großer Lacher, nie hämisch, das Lachen war herzerwärmend. Es wurde von vielen bemerkt, wie gut oder besser wie dringlich, nicht nur ermutigend, sondern schon fast magisch sein Zuhören war. In meinem Falle war das Zuhören oder ebendiese gespannte Aufmerksamkeit zungenlösend. Wenn ich mich recht erinnere, haben wir uns mit Vorliebe Menschen, Personen, erzählt, übertrieben ausgedrückt: Charaktere – wenigstens war das die Zielrichtung des Interesses. Ich habe auch immer sehr viel erzählt oder eben charakterisiert; und von ihm habe ich bei solchen Gelegenheiten manches gehört, das ich später in seinen Erinnerungsbüchern nachlesen konnte. Ich glaube, er ging in meinem Falle so weit, mir eine Begabung für Figurenzeichnung attestieren zu wollen, was mich darum erstaunte, weil ich mich für einen Erzähler nicht nur ohne nennenswerte Handlung, sondern auch ohne markante Figuren hielt; mein Interesse lag anderswo, nämlich in dem, was die Franzosen heute das Autofiktionale nennen. Und natürlich im Sprachkünstlerischen. Er sah sich diesbezüglich als einen anspruchslosen Schreiber, ich meine, natürlich war er kein auffallender Sprachmensch, wenn man von seinem dramatischen Temperament absieht, von dem, was er als Sprachmaske bezeichnet, er war, wie mir bald einmal aufging, darum nicht weniger Stilist. Er schrieb eine blanke klare rasche Prosa, eine reine Münze. Es war neben dem Verschwenderischen, dem abwägend Prüferischen, der Grenzenlosigkeit seiner Interessen, seiner Neugierde und Lebenslernfähigkeit, der Überzeugungskraft seiner Werturteile, seinem tiefen Wissen auch etwas Koboldisches in seinem Wesen und natürlich, was ich lange übersah, auch das Abgründige. Ich sah ihn nämlich – und das war eine von meiner Verehrung diktierte Halbblindheit – lange als einen Kopf ohne Leib, vor allem ohne Unterleib, als eine Art direkt der Stirne des Zeus entsprungenen Streiter mit dem Schwert; und übersah die innere Schlangengrube. Vermutlich wollte ich ihn so sehen. Ich kann nicht sagen, daß mir die Enthüllungen in dem posthum erschienenen Erinnerungsband Party im Blitz das Canetti-Bild verschmierten, im Gegenteil, sie machen mir den vermutlich idealisierten, aus den menschlichen Niederungen herausgehaltenen oder besser ausgesparten Dichter letzten Endes glaubhafter.

Als ich ihn 1964 kennenlernte, zufällig, in der Kronenhalle in Zürich war es, war er nicht nur mir, sondern so gut wie jedermann im deutschen Sprachraum unbekannt. Als erstes las ich Die Blendung, danach Masse und Macht. Ersteres ein Jugendwerk und vielleicht ein Jahrhundertroman, letzteres eine polydisziplinäre, absolut eigenwillige Privatforschung unter Beiziehung von Mythen, Sagen und jeder Art von Menschheitszeugnissen, »um das Jahrhundert an der Gurgel zu packen«, wie er sagt, zumindest in dem für eben das Jahrhundert zentralen Problematik des Massenphänomens (mit dem sich auch schon Hermann Broch befaßt hatte). Ich las Die Blendung einigermaßen hingerissen, wenn mir das Allegorische oder besser das tendenziöse Arrangement wesensmäßig eher fremd war. Was mich überraschte, aber zu Canettis Übertreibungshang paßte, war die Bemerkung, daß Die Blendung als erstes Buch eines auf acht Bände angelegten Zyklus konzipiert war. Was mich heute noch ebenfalls erstaunt, ist das Heterogene dieses Werks: ein einziger Roman, drei Theaterstücke, das philosophisch sozioanthropologische Grundlagenbuch (Masse und Macht), das mit den Fachwissenschaften umgeht wie ein Rechner, der sich im Zeitalter der raffiniertesten Computertechnik mit etwas wie dem Zählrahmen den heikelsten, weil vielschichtigsten Problemen nähert und u. a. der ganzen psychoanalytischen Wissenschaft spottet. Das Selbstdenkerische ist so erstaunlich, auch die Respektlosigkeit den ganzen etablierten Fachwissenschaften gegenüber resp. Wissens-KIRCHEN. Wobei sich natürlich herausstellt, über welch umfassendes Quellenwissen Canetti verfügt. Was ihn von der etablierten Forschung unterscheidet, ist der unverschämte, quasi naive Zugriff des Selbstdenkers. Darum ist Masse und Macht lange und vielleicht bis heute von den Vertretern des Fachs als eine Art Scharlatanerie oder doch Dilettantismus rezipiert worden. Außerdem: Aufzeichnungen, Aphorismen, Lebenserinnerungen. Der Autor dieses einmaligen und merkwürdigen Gesamtwerks ist, wie mich immer dünkte, mit einem Sendungsbewußtsein ausgestattet (Sendungsbewußtsein gleich Retterattitüde), hier das Streitbare, aber auch die hohe Selbsteinschätzung inklusive Eitelkeit. Denn von Eitelkeit schien mir Canetti nicht frei, er war sehr wohl darauf bedacht, seinen Rang einzufordern. Ich habe ihn im freundschaftlichen Umgang nie als überheblich erlebt, die Unbescheidenheit betraf den geistigen Anspruch. Im übrigen erschien er mir auch in seiner spezifischen Eitelkeit immer vollkommen natürlich. Er wußte um seinen Rang, er dachte in Hierarchien, er konnte verehren.

15. April 2005, Paris

 

Gestern den Schluß des Buches auf Band aufgenommen. Beim Schreiben war ich mir über nichts im klaren. Die Sätze lösten sich mir von der Zunge, immer zu meinem größten Erstaunen, auch Gelächter. Ich wußte einfach nicht, woher ich das alles nahm.

Weiß der Teufel, welche Apotheose meines Werks und Wegs mir da ausgeschlüpft und, ja, gelungen ist. Als ich den Schluß, nach längerem Hinausschieben, auch mit Hilfe einer Erkältung, endlich gefunden und geschrieben hatte, weinte ich. Oder: etwas in mir wollte aufschluchzen. Und danach verfiel ich in eine depressive Müdigkeit, Schlafsucht (nicht Schlaftrunkenheit), ich war wie ein Boxer angeschlagen oder auch wie von Drogen schachmatt gesetzt, krankhaft. Es war wie ein Zusammenbruch (sehe ich heute ein). Und als ich den Hals-Nasen-Ohren-Arzt nach beendigter Behandlung und dem wieder intakten Gehör fragte, ob mein physisches Austreten, diese totale Lähmung, mit den Medikamenten zu tun haben könne, meinte er, nachdem ich auf seine Frage, wie es mit meiner Arbeit stehe, geantwortet hatte, ich hätte eben ein Buch beendet, er halte den Zustand für eine »postnatale« Depression. Er verschrieb mir ein Aufbaumittel und ließ mich ziehen. Und jetzt geht es schon wieder besser.

Ja, dieses Buch war mein ganzes Glück und womöglich das Äußerste, das ich erpressen konnte. Ich wollte es nicht loslassen, nicht hergeben. Denn das Danach schmeckt nach Tod oder ENDE – wie immer man dieses Wort interpretieren will. Ich scheine mir aller Motivation zu was auch immer beraubt. Ich müßte jetzt eigentlich abhauen und mir, wie man so sagt, einen Tapetenwechsel leisten.

Das Buch verhalf mir zur Überwindung der im Zusammenhang mit der Scheidung (todesschmerzlich) empfundenen Einsamkeit. Was nun?

19. April 2005, Paris

 

Canetti, Fortsetzung

 

Gewiß ist, daß ich zu einer anderen Autorenfamilie gehöre als Canetti. Er war mir also schriftstellerisch kein Vorbild. Was mich bestärkt haben mag, war die WERKidee. C. hatte sich seinem Werk, hier insbesondere Masse und Macht, wie einer Mission (menschenretterischen Mission, hat man den Eindruck, weil er es in diesem Sinne hervorhebt) in den schwierigen Umständen des Kriegs unterzogen. Im übrigen betonte er mehrmals, daß Masse und Macht der Schwerpunkt seines Gesamtwerks sei. Hat er nicht wie in einem Laboratorium der Menschenkunde nach dem »Erreger« geforscht?

Canetti bot mir Argumente für das eigene Unterwegssein und Durchhalten – Argumente und Bekräftigung. Was mich an Canettis Werk überdies persönlich betraf, war das in das Prosageschehen eingeflochtene Reflexive oder auch Essayistische, eine Mischform, die ich ganz zu Anfang des eigenen künstlerischen Unternehmens bei Hermann Broch, insbesondere seinen Schlafwandlern, kapiert und gelernt hatte. Von Broch über Canetti führte also entgegen meiner obenstehenden Bemerkung der verschiedenen Familienzugehörigkeiten sehr wohl eine Linie zu mir. Das Essayistische oder die stilistische Mischförmigkeit des prosaischen Vorgangs schließt natürlich Joyce ein. Und viel später Malcom Lowry.

Und bei allen genannten Autoren läßt sich, ob im positiven oder negativen, eine Art religiöse Dimension ausmachen.

Damit im Zusammenhang die hohe Einschätzung der Kunst und insbesondere von Dichtung und Dichter – im Gegensatz zur modischen antielitären populären Factory-Auffassung solcher Tätigkeiten.

11. Mai 2005, Paris

 

Bin neulich mit einem seltsamen Schmerz aus einem Nickerchen aufgewacht. Ich sah im Traum eine Freundesgruppe irgendwo beim Tafeln vor mir, Freunde aus der Zürcher Zeit, Otto Müller und Trudi Demut, Paul Eppstein, Teddy Richard, Künstler, Intellektuelle, sie gehörten auch ein wenig zum Kreis von Elisabeth Plahutnik und Hans Schweingruber, vor allem gehörten sie zu meinem damaligen Umgang; wichtig schien mir im Traume, daß es ein Aufgehobensein bedeutete, wenn ich so im Vorbeigehen oder anläßlich eines Festes, einer Vernissage in so eine Gruppe einfiel, mich gutmütig frotzeln oder einfach willkommen heißen ließ, ich war ja willkommen, weil ich zu ihnen gehörte, wenn auch mein Leben in anderen Bahnen verlief und vor allem hinaus und von ihnen und Zürich weg tendierte. Was mir aufging, war das Kapital des Wohlwollens, von Freundschaft und Solidarität, wenigstens in gewissen Grenzen. Und dann das nicht hoch genug einzuschätzende Voneinanderwissen, fast schon jeder des anderen Gewissen. Ich sah es wie Lagerfeuer im Wilden Westen, bei welchen der einsame Reiter absteigen konnte und mit Gastfreundschaft und Proviant rechnen durfte. Und was schmerzte war: daß diese Lagerfeuer nicht nur erloschen, sondern aus der Welt verschwunden waren zusammen mit den Toten. Denn all diese Freunde sind tot. Der Schmerz ein Kältestich, die eigene Gottverlassenheit. Wehmut.

 

Die Lektüre von Marguerite Yourcenars Mishima ou La vision du vide hat mich merkwürdig berührt, nicht einfach aufgewühlt, sondern tief getroffen. Es ist dieser scheinbar absurde Opfertod, nach den Riten der alten Samurai-Tradition vollzogen, mit anschließender Enthauptung durch einen Todessekundanten, der sich nach erfolgter »Dienstleistung« selber hinrichtet, der Sekundant ein schöner junger Mensch, Mitglied von Mishimas paramilitärischer Garde; das Ganze vor den Augen eines Armeekorps … Es ist dieses nach strengen Regeln einer alten kaiser-, das heißt gottesfürchtigen Auffassung vollführte, beinah an den Gekreuzigten gemahnende grausame Selbstopfer, absurd schon darum, weil die entsprechenden Werte in unserer Welt und Gesellschaft keine Rolle mehr spielen. Eine gegen die Sinnlosigkeit bis zum äußersten Heroismus ankämpfende sinnlose Tat, sinnlos besonders darum, weil Mishima ja keineswegs ein in einem rückwärts gewandten Wahn befangener Mann ist, sondern, zu Teilen wenigstens, ein moderner Mensch, der u. a. in Amerika gelebt hat und die ganze westliche Literatur, auch die zeitgenössische, kennt; ein moderner Mensch und erfolgreicher, äußerst produktiver Schriftsteller, auch Theatermann, nobelpreisverdächtig, zudem verheiratet und Vater von zwei Kindern, zum Zeitpunkt des Todes fünfundvierzig Jahre alt. Yourcenar rückt der Frage der Beweggründe in subtilen Analysen des Werks, aber auch mit Hilfe sparsamer biographischer Sondierung zu Leibe, sie kommt zu keiner schlüssigen Erklärung, natürlich, sondern zu einer behutsamen Einkreisung, das Rätsel bleibt gewahrt. Und dennoch oder gerade darum steigt aus Yourcenars Darstellung das Parfum einer von höchstem Mut getragenen Reinheit empor, die Duftspur eines mönchischen Hungers nach höherem Sinn oder nach Offenbarung, in diesem Sinne das Unbedingte einer poetischen Erfüllung. O ja, eine Art Sekunde von Leibwerdung höchsten Begehrens oder Statuierens, ich kann es nicht sagen. Es verschlug mir den Atem. Das Martialische und das Reinheitsstreben, das eine im andern.

 

Ich lese wieder.

11. Juni 2005, Paris

 

Mit Leonid auf einem Morgenspaziergang durch die Tuilerien beim unteren Brunnenbecken, nein Bassin, da, wo die Gärten sich auf die Place de la Concorde öffnen, auf eine Menge tief jagender Schwalben gestoßen. Sie flogen tief, weil die Lufttemperatur morgendlich kühl und vermutlich das Wasser wärmer und darum die Mücken knapp über dem Wasserspiegel westen, jedenfalls jagten sie in herrlichen Kapriolen über dem Becken, sie pfeilten in einem schwarzen Aufruhr durcheinander, ich konnte mich nicht losreißen von dem herrlichen Tumult, einem ansteckenden Überschwang. Nie hatte ich sie so nah, so zahlreich auf engem Raume, so entfesselt, so rauschhaft erlebt. Dagegen die Stare, die auf den Rasenflächen wie winzige Hühner wirken, wenn sie eifrig vor sich hin picken: auch sie Zugvögel, aber nun, ausgehungert nach der langen Reise, beim Auffuttern, niedliche Wurmsucher, eifrige Sammler, unansehnlich.

Ja, die Schwalben gehören auch zu meinen Gottheiten. Im Fell der Forelle spielen sie auch eine Rolle – neben den ärgerlichen Tauben. Alle Vögel, auch Zugvögel, haben ein – manchmal lächerlich anzusehendes – Erdenleben, nur die Schwalben nicht, die im Himmel wohnen.

28. Juni 2005, Paris

 

Schon einige Tage diese Hundstagehitze, über dreißig Grad ohne nennenswerte abendliche Abkühlung. Schon in Graz bei der Canetti-Tagung – zum hundertsten Geburtstag – war es so. Ich hatte meinen Vortrag eben gerade noch hingekriegt, eine kleine, nicht sonderlich gelungene Sache, wohl darum, weil ich innerlich ein ziemlich heikles Verhältnis zu Canettis Werk und Gesamtprogramm habe, ein widersprüchliches bis widerspenstiges, mit Ausnahme der Essays und der Stimmen aus Marrakesch. Andere Beiträge – Klaus Hoffer, Herta Müller, Schuh – hatten ein anderes Kaliber. Im übrigen war meine Teilnahme an dem Meeting entspannend, weil sie mich aus meiner Überheblichkeitsattitüde (aus Gründen meiner Isolation) befreite, besonders Hoffer hatte es mir angetan. Wunderbar der Besuch im Skulpturengarten, einer herrlichen Gartenarchitektur, worin die riesigen Plastiken aufs schönste eingebettet sind. Ich ging hin, um Wotruba, den engen Canetti-Freund, den »Zwillingsbruder«, anzuschauen. Also hat er es fertiggebracht, sich dem Jahrhundert einzuschreiben, einzuwuchten, der Canetti.

Als ich nach dem langen Flug, über München, in Paris-Roissy anlangte und durch die Pforte mit Aufschrift »Nichts zu verzollen« schritt, holte mich ein Zöllner aus der Kolonne und verlangte den Paß (einigermaßen erstaunlich bei der heutigen europäischen Freizügigkeit) zu sehen. Nizon, Paul Nizon, l’écrivain, meinte er und fügte Canto hinzu. Nicht zu glauben, dachte und murmelte ich. Ja doch, sagte er und erwies mir die Ehre. Eine schöne Heimkehr.

 

Man kann schlecht schlafen bei dieser Hitze, ich lese, Maeterlinck, Esoterik und Leben der Ameisen, derlei weit Abliegendes. Das gespaltene Verhältnis zu Canetti macht mir zu schaffen, wohl aufgrund dieses todernsten, immerpräsenten und auch etwas überheblichen Engagements, das ihn zu einer Instanz machte und später zu der im Weltmaßstab applaudierten öffentlichen Figur. Dahingegen mein Weltvagantentum plus Einsamkeit, die Lebensgefräßigkeit und allenfalls die meinem Irren abgerungene Existenzmaske. Oft Anfechtungen bezüglich der Wertbeständigkeit oder auch nur Bedeutung meines geleisteten Beitrags, des Rangs.

Ich stelle erfreut fest, daß mich Begegnungen mit guten Autoren, zweifelsfrei bemerkenswerten, von meiner Hagestolzigkeit befreien. Wird man bleiben? Literarisch überleben? Oder ins Vergessen fallen? Verunsicherung altersbedingt? Ein Stachel. Beim Zusammensein mit guten, mit erstaunlichen Autoren fällt diese peinigende Frage weg oder löst sich auf im Klima eines gegenseitigen Respekts.

23. Juli 2005, Paris

 

Zweierlei. Kürzlich war Jocks da, wir kamen auf unser öffentliches Gespräch in Basel – Gegensatz autobiographische »Wahrheit« in meinen Büchern, insbesondere Journalen, und den Romanfiktionen – zurück; offensichtlich bin ich der zubereiteten Falle gelächtererntend ausgewichen, und zwar mit billigen Tricks. Ihm geht es darum, daß er auch in den Journalen, handle es sich um den Liebesfleischwolf mit Odile, handle es sich um die Vaterfigur und den Schock des Vaterverlusts in der Kindheit, eine Fiktionalisierung, wenn nicht Schönschreibung des (verdrängten) Sachverhalts zu konstatieren vermeint dergestalt, daß es sich zwischen Journal und Fiktion einzig um graduelle Unterschiede der Literarisierung handle. Um Dunkelzonen. Das hat ja auch schon Derivière in seinem Essay festgestellt, nämlich daß man über mein Leben, insbesondere auch die Kindheit, im Grunde so gut wie nichts erfahre. Auch der erzählende Clochard in Hund will ja keine Geschichte, kein Erkennungsbild. Er will im dunkeln bleiben. Statt dessen die SELBSTERFINDUNG. »Ich bin meine eigene Erfindung.« Warum? Offenbar geht mein Schreiben oder besser dessen schöpferische Energie von einer Leerstelle aus, einem Verschwiegenen, vergleichbar dem Loch in Perecs Dichtung oder derjenigen von Danilo Kiš.

Und was Jocks interessiert, sind die Gründe für diese schöpferischen Maßnahmen. Er meint, hier an diesem Punkt einem künstlerischen Movens auf die Spur kommen zu können. Mit Recht. Alles was bei mir mit Herkunfts- oder Ursprungsbedingungen zu tun hat, ist in eine melancholisch-geheimnisvolle Trübnis getaucht, so im Haus-Buch, so im Wal. Alles muß vom Unglück beglaubigt werden. Und wenn ich es recht bedenke, ist meine Kindheit zu (großen) Teilen der innerlichen Überwindungsarbeit eines klaffenden Mankos gewidmet. Die Überwindung hat das Gewicht von Schutzmaßnahmen bis Maskeraden und reicht bis zu heroischen Romantisierungen. Hier der Ursprung meiner Dichtung. Heroisierung des Vaters, Heroisierung der familiären Dekadenz. Zuschreibung.

Es muß ein unerträglicher Schmerz federführend gewesen sein, die bare Unannehmbarkeit. Eine wahre Flucht in die Literatur (als Wahlmöglichkeit oder Reparatur). Eine Zeitlang: Mühe, die eigene Kraft nicht nur zu leben, sondern sichtbar werden zu lassen. Verbot? Literatur als Lügenmanöver? Emigration bzw. Untertauchen als Überlebenspraxis.

Ich stoße auf Kinderfotos aus der Primarschulzeit. Ich sehe einen glücklichen Jungen. Zudem ist der Junge wie ein Prinz gekleidet und geht in einem selbstgewissen oder selbstvergessenen prinzlichen Bewußtsein einher (Nabokov). Er steht im Licht, im Glück. Und dann, um zwölf, würde ich annehmen, setzt die Bedrückung ein. Und mit der Bedrückung das Wegschreiben des Unglücks. Ich dachte immer, der Einschnitt sei der Tod des Vaters gewesen. Es muß vorher gewesen sein, möglicherweise nach der Bemerkung eines Schulkameraden, finsterlichen Burschen aus ganz armen Verhältnissen, der Vater Schneider und Fischer, und wie es bei denen zu Hause übel roch, Armeleutewohnung, im Unterschied zu unserer, die in den Augen des armen Burschen das Aussehen einer großbürgerlichen gehabt haben dürfte; der Junge durfte bei mir zu Hause spielen, es gab eine Menge von Spielzeugen, einen ganzen Schrank voll, darunter ganze Armeen von Zinnsoldaten mit einer dazugehörigen Burg aus Papiermaché; und so spielten wir denn, und zwischendurch gab es wohl Kuchen und Getränk, und da entschlüpfte dem Jungen die Bemerkung, mein Vater sei (bloß) ein Papierschweizer, ein eingekaufter Staatsangehöriger, und ich? Wußte ich, was das Wort bedeutete? Schmach, Unebenbürtigkeit, Minderwertigkeit, das Wort fiel ja während des Kriegs, da Urschweizer und stubenreine Patrioten gefragt waren und nicht Papierschweizer. Damit im Zusammenhang situiere ich den Verlust des Grundvertrauens, das Heroisieren des Vaters, des Ausländertums; daher rührt wohl auch mein Hochhalten des Exils, rühren sowohl das Elitäre im Sinne geistiger Überlegenheit wie »ich will im dunkeln bleiben«; sowohl das Angriffige, Aggressive meines Naturells (als Kompensierung) wie das Verstockte, kurzum: die Selbsterfindung: Aber auch das Randgängerische und allem Rudelmäßigen Abholde. Ich gehöre im Grunde nicht dazu. Mein Superindividualismus rührt daher. Meine Niemandszugehörigkeit. Ein seltsames Wort, taucht schon im Canto auf. Auch die Eheschwierigkeit mag von daher kommen, das fehlende Vertrauen. Die strikt gezogenen Grenzen. Interessant immerhin die unmißverständlichen Aspekte eines Höherstehens, sowohl von einer familiären Anmaßung oder Fassade herrührend wie vom geistigen Anspruch. Zerrissen zwischen Minderwertigkeitsanfälligkeiten und Arroganz, genau wie bei meiner Schwester, ja, noch bei Tamara. Der früh entzogene heimische Grund.

Vielleicht ergibt sich aus diesen Materialien die Buchidee für ein Kindheitsbuch (Traits et Portraits. Collection Colette Fellous, Mercure de France). Und die überdimensionierte Liebe zu Paris kommt auch daher. Hier bin ich aus eigenen Kräften emporgekommen. Da gehöre ich hin.

26. Juli 2005, Paris

 

Der frühe Blick

 

Bin vollkommen in das Lesen und teilweise Wegschmeißen der frühen (Kindheit und Gymnasialzeit) Zettel, Notätchen, Korrespondenzen (mit Schulfreunden, Mädchenlieben) bis und mit Rekrutenschule (Mutter, Großmutter, Schwester) inkl. Landdienst vertieft. Bei den Schulfreunden handelt es sich um Braaker, Hohl, Blaser, Lomo Fränkel. Bei den Erwachsenen um Susi (Baumgartner) und den Deutschlehrer Max Moser, nicht zu vergessen Viktor Asper.

Die schriftlichen Zeugnisse sind überaus ungelenk, keine Talentproben, jedoch geht, zu meinem größten Erstaunen, sowohl aus der Selbsteinschätzung wie aus der Haltung und bisweilen bewundernden Replik der Außenstehenden hervor, daß ich in der Literatur »lebe« und alles in allem ein Poet in spe bin. Der poetische Ausdruck, wenn man denn überhaupt in solchen Termini zu sprechen wagte, ist Anlehnung an die romantische deutsche Dichtung. Auffallend die ethische Note, der moralische Selbstanspruch, etwa in den an die arme Buffetdame Dori gerichteten Zeilen. Ich scheine mir in einer protopoetischen Brutstätte weniger aufgehoben als ganz und gar gefangen, verzaubert gewesen zu sein und insofern in einem innerlichen Zweitleben; eine merkwürdige Ausgabe eines in altmodischer Weise auftretenden Mörike- oder Sturm-und-Drang-Jünglings, fast bis zur Karikatur, möchte ich hinzufügen. Was etwa meine um mindestens zwanzig Jahre ältere Gönnerin, Verehrerin und (bis zu einem gewissen Grade) Geliebte Susi Baumgartner, Berufsmusikerin, Sängerin, in eine Adorantin verwandelte. Ich muß wie ein Auserwählter oder Wunderkind auf manche gewirkt haben. Auffallend und in meiner Erinnerung verdrängt: der familiäre Kokon oder Klebestoff, eine verwunderliche Anhänglichkeit an Großmutter, Mutter, Schwester, auch an den alten Pensionär Emil Rötlisberger, Gopfried genannt. Ein wahres Nesthäkchen. Was auf eine glückliche Kindheit schließen ließe, ganz im Sinne meiner Schwester; und bestimmt im Widerspruch steht zu den in meinem Haus-Buch zum Vorschein kommenden Beleuchtungen, Einschätzungen. Ich frage mich, wie ich mich aus den heimischen Verwicklungen, wenn nicht Verwunschenheiten, ich könnte auch sagen: aus der Nestwärme zu dem Erwachsenen meines Namens und meiner Bücher freigestrampelt, also emanzipiert habe (zu dem Pessimisten, finsterlichen Gesellen, Existenzialisten).

 

Gestern La fille à la valise (La ragazza alla valigia) von Zurlini, einen Film von 1961, gesehen, wobei die Rolle der blutjungen Claudia Cardinale beinah hautnah meiner römischen Maria auf den Leib geschnitten scheint. Sie ist ein Nachtgeschöpf, möglicherweise Sängerin in einer Gruppe, provinziellen oder dilettantischen Band, auch sie mehr oder weniger Dilettantin, ihr einziges Kapital ist ihr Aussehen, die Jugendlichkeit. Dabei hat sie, wie sich später herausstellen wird, bereits ein (in einem Heim untergebrachtes) verstecktes Kind, unehelich natürlich – was sie zwangsläufig zu einer Art von Prostituierten macht und deklassiert. Und nun ist sie dem nichtstuerischen Sproß aus reicher alter Familie begegnet, der sie unter falschen Versprechungen vernascht und (im noblen Sportwagen) mitgenommen hat und einzig darauf aus ist, sie möglichst schnell loszuwerden. Was denn auch gelingt, nur daß das Mädchen nicht aufgibt, sondern ihm nachstellt, und zwar bis vor den Palazzo seines angestammten Heims, wo sie abgewimmelt wird, jedoch auf den jüngeren Bruder stößt, der sich in sie verknallt, in rührend besten Absichten, ein sechzehnjähriger Retter, Unschuldsengel, Aristokrat, Meilen über ihr stehend, ein Muster an Wohlerzogenheit, die Anteilnahme, die Feinfühligkeit in Person, nun. Das Mädchen klammert sich an die Hoffnung ihres verlorenen Verführers, an die Hoffnung überhaupt, während der kleine Bruder rapide in eine seinem Alter nicht zustehende Beschützerrolle hineinwächst und letztendlich, nach weiteren Enttäuschungen und Enthüllungen ihrerseits, ihr unerwachsener Geliebter wird. Doch zum Schluß, nachdem er durch sie zum Erwachsenen und gewissermaßen entjungfert worden ist, wendet er sich mit dem probaten Mittel finanzieller Entschädigung auch von ihr ab. Ihrerseits ein ganzer Packen herbster Enttäuschungen, gesellschaftsprobat; für den Jungen eine Erfahrung vorausgenommenen Mannestums. Das Mädchen ist das Opfer der Usancen, der Junge ist an ihr gewachsen. Ich mußte an Maria denken, weil auch sie natürlich in ähnlicher Lage wie das von Claudia Cardinale gespielte Mädchen, alle Hoffnung in den jungen Ausländer meiner Machart gesetzt haben mag und wie sie von ihm nicht nur enttäuscht, sondern getäuscht worden ist. Viel ehrlicher und humaner wäre die Rolle des brutalen Einkaufs der jungen Frau, unter Absehung von Verständnisinnigkeit und Sentimentalität gewesen. Der Körpereinkauf, das Tauschgeschäft. Stattdessen diffuse Aussichteneröffnungen, ein scheußlicher Mißbrauch, im Grunde das Benehmen des potenten kaltblütigen Kolonisators einer armen hübschen Einheimischen gegenüber. Das Scheußlichste ist der Mißbrauch der Gefühle. Das sollte in einer allfälligen Wiederaufnahme der Thematik eine nicht zu billige Rolle spielen. Es wäre die Geschichte eines Mißbrauchs, eine letztlich unmenschliche Geschichte.

30. Juli 2005, Paris

 

Immer noch in der Jugendforschung. In der Gymnasialzeit und danach (bis zum Studium, wenn nicht bis Rom) finde ich nichts von Zerquältheit, eher Hochgestimmtheit und Kraftgefühl, Selbstgewißheit, getragen von einer Art künstlerischen Bestimmung. Natur spielt eine große Rolle, dies im romantischen Sinne, sowohl als Sehnsuchtsspeicher als auch als Seelenspiegel. Das schlummernde Gefühl des vorbestimmten Weges. Die geistigen Interessen heißhungrig. Einzelgängerallüre aufgefangen durch die Pflege der Freundschaften. Es scheint, daß mir die Freunde Bestätigung vermitteln, wenn nicht eine Vorrangstellung einräumen. Das Grüblerisch-Nachdenkliche ist ausbalanciert durch überschäumende Vitalität, Phantasieausbrüche, mitreißende Unterhaltungsqualitäten, eine Art Brillanz. Alles in allem Festigung der Einzelperson. Wobei das Potential nicht unbedingt in Talentproben, eher als Anlage, als Versprechen, summarische Begabung zum Ausdruck kommt. Entsprechende Führungsrolle bei Schwester, Mutter, Kameraden, Susi B. und anderen Nahestehenden. Das hält vor in der frühen Studentenzeit, in der Assistentenzeit im Museum, in der eigenen Familie und deutschen Verwandtschaft, hält vor bis Rom, eigentlich bis van Gogh und zur Publikation des Erstlings Die gleitenden Plätze. Nicht zu vergessen die bei der Leserschaft hochangesehenen Kritiken in der NZZ. Hält vor bis zu Canto, der ein Summum an Verwegenheit, wenn nicht Arroganz genannt werden darf.

Im Gegensatz zu alldem: die negative Sicht auf Kindheit und Familie im nächstfolgenden Buch Im Hause enden die Geschichten und wiederum in Stolz. Die Fiktion behandelt die Lebensstoffe auffallend pessimistisch, ja nihilistisch. Wie kommt es zu dieser negativen Interpretation zumal in der Rückschau? Und inwiefern wäre der negative bis böse Blick auf das Gelebte künstlerisch fruchtbarer gewesen als der affirmative? Es wäre billig zu bemerken, daß ich die »dämonischen« Aspekte vorgezogen hätte. Ich denke, in existenziellem Sinne schien mir die Aufdeckung des Brüchigen oder Verdrängten oder der tiefinneren Melancholie aussichtsvoller, nicht einfach interessanter, sondern fruchtbarer, wohl auch zeitgenössischer, vor allem wahrhaftiger, echter als jeder andere Blickwinkel. Wobei gleich anzufügen wäre, daß eine andere Optik wohl zu nichts geführt hätte, zu nichts Neuem, nichts Tragfähigem.

Die Verwundung muß im Alter zwischen zwölf und sechzehn stattgefunden haben, noch vor dem Gymnasialalter. Das Gift wurde in jener Periode geschluckt, und die Ausrichtung auf die geistigen bzw. künstlerischen Horizonte war zu Teilen Sanierung Rehabilitierung Selbstrettung. Ich sprach im Zusammenhang mit den Gleitenden Plätzen und der vorrömischen Zeit von einem idealistischen Korsett. Und genau dieser künstlich oder doch willentlich applizierte Idealismus, das Bedürfnis nach einer in einem Glaubenssystem aufgehenden Ganzheit, einem Überbau, hinderte mich beim schreiberischen Loslegen, weil das Leben, so wie ich es empfand, nicht in einem solchen aufging; es waren Hindernisse, die ich mir in den Weg legte, schon fast Fesselungen. Erst als ich diese ethischen moralischen »religiösen« Selbstanforderungen abzulegen imstande war, konnte ich schreiben. Schon bei den Briefen oder Notätchen des Gymnasiasten fiel mir auf, daß in mir moralische Gebote, von heute aus gesehen wahre Fremdkörper (Künstlichkeiten) wie Polizeimaßnahmen oder eben Glaubensartikel, nun, unbezweifelbare Spielregeln, wirksam waren, ich frage mich, ob das von der Familie her stammte. Erst als das abfiel und ich fähig wurde, das Leben und den Menschen und mich selber in voraussetzungslosem Lichte, in quasi Célinescher Weise zu sehen, nämlich »barbarisch«, jedenfalls ganz und gar nicht gottgewollt, erst nach solcher Befreiung, beginnt meine Sprachfähigkeit Wirklichkeit zu fassen und einzubringen. Das ist Rom zu verdanken und einer Häutung. Und die Sicht wird existenzialistisch oder existenziell. Und in den Blick mischt sich nihilistische Färbung. Und das Schöpferische wird frei. Die Sicht wird auch durch die Konfrontation mit den Tachisten, der damaligen Avantgarde auf künstlerischem Gebiet – ich empfinde ihre Optik als verwandt – mitgeprägt. Und damit trete ich aus der Bahn der in der Adoleszenz Gleichgesinnten und gewinne neue Verbündete; neue Einsichten. Und werfe die alten Glaubensartikel über Bord. Statt dessen das Vorstoßen in die Bereiche der Abgründe, menschlichen Dunkelzonen, Einsamkeit, Weltverlorenheit; vor allem in den Bereich des Alltäglichen, auch Niederen. Und nun beginnt das Künstlerleben, der eigene Künstlerroman mit allen Risiken, Abenteuern, beginnt der Kampf um die Selbsthervorbringung, um die Kunst, dieses »Heil«, beginnt die Selbsterfindung. Es kommen neue Alliierte, Herausforderer und Orientierungen ins Blickfeld; zu den letzteren zählen Armin Kesser, Canetti, Farner, zu den ersteren Wegmann und Kuhn.

Brigitte, die deutsche Ehefrau, begleitet meinen Weg bis Canto. Marianne bis Stolz.

31. Juli 2005, Paris

 

Bildnis einer Dame von Henry James gelesen, altmodisch umständlich sensibel mit untergründig horrornahen Ingredienzien. Wunderbares Sittenbild nicht nur der viktorianisch-englischen Oberschicht, sondern auch der nichtstuerischen angloamerikanischen Führungsschicht in europäischem Exil (Florenz, Rom, Paris). Einprägsame Gestalten in einer an Wahlverwandtschaften gemahnenden, wohlmeinenden, edlen Gesinnungs- und Benehmensart, nur daß da und dort der Wurm in der schönen Frucht steckt. James ist selber nach England exilierter Amerikaner und zwischen der alten und neuen Welt weniger hin und her gerissen als verteilt. Immerhin scheint ihm sein Leben zwischen den beiden Welten und Kontinenten nicht ganz unproblematisch erschienen zu sein. Im übrigen ist er ein Zeitgenosse van Goghs und natürlich Flauberts bzw. der Naturalisten. Sein Gebiet ist die seelische Palette, wobei er es nicht bei der Ausmalerei bewenden läßt, sondern der Verletzung bis Höllenpein durchaus nicht ausweicht. Ich habe den siebenhundertseitigen Roman in einem Zug gelesen. Man müßte ihn anhand eines Turgenjew und Tolstoi überprüfen oder vielleicht eines Tschechow?

 

Zu den Sommerlektüren gehörten außerdem Le Père Goriot von Balzac und Sartres Nausée, ersteren las ich anfänglich gegen meinen Geschmack, jedoch zunehmend beeindruckt von der scharf konturierten und einigermaßen schonungslosen bis höhnischen (?) Sicht auf die bürgerlichen Zustände und Verlogenheiten. Komödie. Letztere mit Begeisterung. Ich scheine mir nicht überaus weit entfernt von der Sartreschen Optik, Empfindungsweise angesiedelt zu sein.

8. August 2005, Paris

 

Es ist Montag; Samstag bin ich nach einer kurzen Stipvisite in Baden (Xenia-Fest zur Feier ihres Eintritts in die Kantonsschule – noch vier Jahre bis zur Matura) und einem Besuch im Literaturarchiv in Bern zusammen mit Valérie einigermaßen überstürzt zurückgefahren. Und konnte eben noch von Skwaras Pariser Kurzaufenthalt (zwischen Florenz und Ferien-Austria) Kenntnis und Abschied nehmen.

 

In Zürich zusammen mit Valérie und Werner Morlang an der Froschaugasse (neben dem einstigen Antiquariat Pinkus) im Restaurant »Stadt Madrid« gespeist und gesprochen. Auf dem Rückweg zum Bahnhof aus ziemlicher Distanz eine junge Frau an der Tramhaltestelle erblickt: Der Anblick ging mir durch und durch. Es war nicht viel mehr als eine Silhouette, nicht mehr als eine anmutige Haltung; Leibeshaltung, Biegung einer leicht an den Billetautomaten gelehnten Figur, ganz Liebreiz, ganz Versprechen, Verheißung – wovon? Ich sagte später zu Valérie, die von der Frau nicht Notiz genommen hatte: Es ist ja viel mehr als Sexappeal, wenn es auch von ferne in das Bild von Amors Pfeil paßt. Es ist Bezauberung, Schönheit, Schönheitsanfall; Schmerz des Unwiederbringlichen (gehört auch dazu); es ist Einladung – wohin? zur Einschiffung nach Cythera? Liebesversprechen, ja. Doch zielt das Versprechen weit über die Lust hinaus, es zielt mitten ins Herz des Allerschönsten, des Unausdenkbaren. Stillung aller Wünsche, ewigen Friedens. Früher hieß es: vom Wege abkommen und hinter dem Glück herlaufen. Imperativ. Wobei mir bewußt war, daß ich in die Wolke der Illusion zu tauchen im Begriffe stand.

Und doch war der Antrieb von Beseligung eingefärbt. Die Verheißung das Land der Liebe. Ja, an der Tramhaltestelle nicht weniger als die Liebe in Person. Die Einladung – ins Land der Liebe.

Ist es nicht verwunderlich, daß derlei Blitzeinschlag wenn überhaupt, dann nur in kosmischer Zeitrechnung, will sagen Seltenheit geschieht? Verwunderlich oder lächerlich. Und dennoch: Da stand sie. Und die Depesche war eingetroffen, wie es früher für mich hieß. Valérie hatte auf meine Bemerkung den zu meiner Verwunderung präzisesten und denkbar vollständigsten Kommentar. Und diese Aufschreibung ist nichts im Vergleich zum Gewesenen.

3. September 2005, Paris

 

Vor einer Woche – Samstag, 27. August – aus St. Petersburg zurück. Am Montag bereits die große Forellen-Lesung, den Stapellauf des neuen Buches, vor Hunderten von Zuhörern abgehalten anläßlich des Weltkongresses der Germanisten in Paris. Triumphal. Das Buch ist ein Vorlesevergnügen erster Güte. Nun werden bald die ersten Auslandlesungen losgehen und auch Arte mit Laure Adler hat sich für Oktober angesagt. Vor Rußland war das österreichische Fernsehen hier.

 

Da war ein hübscher Traum neulich mit einem schönen Topolino, auf den ich unerwarteterweise gestoßen bin, und zwar irgendwo im Umfeld eines Kongresses, an dem ich teilnahm, da stand er, und ich konnte nicht widerstehen einzusteigen und wegzufahren, nein, auf eine kleine Probefahrt wollte ich, um mir das Vergnügen des einstigen Fahr- und Geborgenheitsgefühls zu leisten, und wie ich den Wagen abzustellen und loszuwerden ins Auge faßte, wurde mir bewußt, daß ich einen, wenn auch nicht vorsätzlichen Diebstahl begangen hatte, der Eigentümer würde sein Kleinod von einem Fahrzeug nicht mehr vorfinden und zur Polizei laufen. Nicht das Delikt war es, was mich beunruhigte, sondern die Frage, wie ich, sollte ich ertappt werden, den Streich rechtfertigen könnte, wie sich erklären? auf einem Polizeiposten zum Beispiel? Ich sah mich schon in der Zwick-Mühle der Strafvollzugsbehörden, in einem bedrohlichen Labyrinth. Nun ich bin eben nicht ertappt worden. Glück gehabt.

 

Und etwas früher hatte mir von einer anderen kniffligen Situation geträumt. In einer fremden Wohnung, einmal mehr, bei fremden Leuten. Und da quetschte sich aus einem Möbel, wohl Schrank, ein urtümliches Vieh, halb Alligator, halb Bär, etwas zwischen Echse und Raubtier, mir unbekannt die Tierart, hervor und kam auf mich zu, stellte sich auf die Hinterbeine, pflanzte die Pfoten oder Klauen gegen meine Brust und ließ mich Gebiß und Schlund sehen; und ich begann den Kopf zu streicheln, während ich nach den anwesenden, jedoch mir fremden Leuten oder Gästen schielte in der Hoffnung, sie könnten eine Erklärung liefern oder eingreifen, z. B. mich von dem Biest befreien; und während ich um mich sah und mechanisch mit dem Streicheln fortfuhr, war natürlich die Angst da, was einträte, wenn ich aufhörte oder das Monster genug hatte. Was war der nächste Schritt? Würde ich gefressen werden? Das war die Frage.

Kein wirklicher Angsttraum. Jedenfalls hatte ich, gezwungenermaßen, mit einem Monster aus der (meiner?) Unterwelt Kontakt aufgenommen.

6. September 2005, Paris

 

Bin in letzter Zeit ziemlich viel im Kino gewesen, sowjetische Literaturverfilmungen, ganz wunderbar; daneben einen Krimi aus den siebziger Jahren, farbig, von Phil Karlson, den ich schon mal gesehen und jetzt beim Wiedersehen wiederum toll fand. Und gestern King of New York von Abel Ferrara, wie er seine Schauspieler erpreßt, wie ein Cassavetes; er hat vor allem diesen Hauptdarsteller, Christopher Walken, der die schon fast extraterrestrische Souveränität des Todesengels besitzt, eine hinreißende Leere im Gesicht, was auch wie Vision wirken kann. Die Story ist trivial, es geht um die Machtergreifung im Drogengeschäft, jenseits von Gut und Böse, um eine Feldherrngenialität, es ist nicht anders als bei einem Napoleon, die alte Geschichte, und die Pfade sind mit Leichen gepflastert. Ferrara ist nicht allzuweit von einem David Lynch, nur satanischer. Erstaunlich das Umschlagen von Grauenhaftigkeit in künstlerische Sieghaftigkeit, der Kinogänger bleibt offenen Mundes dasitzen und hat das Gefühl, der Erschaffung der Welt beizuwohnen.

 

Was nun den künstlerisch nicht gleichwertigen Karlson betrifft, so finde ich das Geschehen ganz wunderbar, wohl hauptsächlich darum, weil mir die Hauptfigur nahesteht, ein Gambler, ein mürrischer, gutmütig-gefährlicher Bursche – mit Kriegserfahrung. Unser Spieler macht sich auf zu einem privaten »Turnier« in Las Vegas, einer Runde mit professionellen Kartenspielern aus New York, und er hofft natürlich, einen Hit zu landen, es geht um hohe und höchste Einsätze; was denn auch gelingt, unser Gambler kehrt im roten Sportwagen nachts zurück mit einem Koffer gerammelt voller Banknoten wie nach einem Banküberfall; nur daß er unterwegs in eine Falle gerät, beschossen und ausgeraubt wird und, kaum in der eigenen Garage eingefahren, von einem Sheriff empfangen, gefilzt, bedroht und, da er sich wehrt, in eine erbarmungslose Schlägerei verwickelt wird, bei welcher schlußendlich der Polizist auf der Strecke bleibt, und nun ist unser Gambler ein Polizistenmörder.

Doch ist das alles nicht sonderlich wichtig, was zählt und die Handlung mit Spannung auflädt, ist das über den friedfertigen Gambler unverständlich hereinbrechende, bis zuletzt undurchschaubare Verhängnis der mörderischen Verfolgung, ist diese absurde Menschenjagd, ist andererseits die Verwandlung eines Spielers in einen nach Wahrheitsfindung und Gerechtigkeit, natürlich auch Rache lodernden Einzelkämpfer, es ist im Grunde der in den amerikanischen Mittelwesten der siebziger Jahre verpflanzte Michael Kohlhaas, so etwas. Das Atembenehmende rührt aus dem Umkippen einer sympathisch gemütlichen Existenz in eine Art unbegreiflichen Hiroshimas.

Das Theater hat mich immer eher kalt gelassen, weil mir die Schauspieler in ihrer deklamatorischen Aufsagerei und Gebärdik unnatürlich, wenn nicht betrügerisch vorkamen. Dahingegen das Kino mit seiner vielstöckigen und vielschichtigen Wirklichkeitsvortäuschung, die magisch verdichtete Illusion. Ja, ich habe mich der Traumfabrik ergeben, der Totale, dem Gesamtkunstwerk, in welchem die Story zur Anschauung gelangte und zum umwerfenden Erlebnis wurde.

16. Oktober 2005, Paris

 

Weiß der Himmel, warum ich derart untätig, wenn nicht überhaupt eingeschlafen bin, ich kriege nichts vom Tisch, ich notiere nicht einmal mehr, nur wenn ich gefordert bin durch Lesungen oder wie neulich durch die einstündige TV-Sendung bei Arte (mit Laure Adler), wache ich kurz auf aus meiner Lethargie. Vielleicht starre ich innerlich gebannt auf das Geschick der Forelle, in Deutschland haben sich die großen Zeitungen noch nicht dazu geäußert, in der Schweiz teilweise, was erwarte ich mir von dem mir so lieben Letztling? Bei den Lesungen und in privaten Zuschriften herrscht Begeisterung. Irgendwie lebe ich in Wartestellung, im »Bereitschaftslokal« bis zu den jeweiligen Aufbrüchen zu Öffentlichkeitsauftritten. Nächste Woche Biel, übernächste Woche Ravensburg, Wien, Frankfurt …

Bisher immer großer Zulauf, so auch in Zürich in dem der Gemüsebrücke gegenüberliegenden Literaturhaus, eingeführt durch Werner Morlang. Besuch bei Marianne an der Strehlgasse. Untergebracht im Hotel Kindli, zwei Schritte von dem einstigen Rollengasse-Domizil. Lang ists her.

 

Muß mir schnell überlegen, was es mit der verhältnismäßigen »Ernüchterung« beim Schwellenübertritt von Frankreich nach Deutschland auf sich hat. Früher nannte ich es den Eintritt in ein Werktagsland, wohl im Unterschied zu dem in Frankreich und Italien permanenten Fest des Lebens.

Ich empfinde in deutschen Landen immer eine dünnere Luft, nicht entseelt, aber entfettet, entzogen ist das Lebensschmieröl, verarmt, eine Art Magerluft, kein Begehren in der Luft, kein Glücksversprechen, kein Erotikum, das dich in die Zirkulation aufnähme, kein Überschwang, es ist der Ernst des Lebens, es ist möglicherweise der beinerne Goodwill oder eine Art verklemmt-verdrängte Moraldiktatur, die Pflicht, die den Ton angeben oder simpler ausgedrückt: wenig Lebensfreude, die dich anspränge, natürlich auch kein entsprechendes Kommunizieren, Fraternisieren, bestimmt nicht auf der Ebene des Nur-Menschlichen, das Alltägliche hat nichts Aufreizendes, nichts Romanverdächtiges, nichts Filmhaftes, vor allem nichts Verführerisches, aber auch nicht das in den lateinischen Ländern mitschwingende leise Tragische, das versöhnlich stimmt und den Jahrmarktskehrreim beisteuert. Es ist verdammt wenig Anruf in der Luft und schon gar keine Einladung einzutreten in den großen Roman und Reigen, wie es in Paris der Fall ist. Und vielleicht sogar noch in der französischen Provinz; was fehlt, ist der Leichtsinn oder das Aroma der alles versöhnlich einnebelnden großen Illusion. Statt dessen Tatsachen. Kein Lied überm Land, das heiligt und feiert, hätte Herr Rilke bemerkt. Früher der Marschschritt.

3. Dezember 2005, Paris

 

Zur mehrwöchigen Autoeinäscherei (mehrere Tausend Wagen) und den dazugehörigen Gewaltausbrüchen der Banlieue-Jugend in ganz Frankreich, die Wochen dauerten und sich – wahllos! – gegen Polizei Geschäfte Pompiers Autobusse Kindergärten Schulen Kirchen etc. richteten und als Intifada oder auch Stadtguerilla apostrophiert wurden und Regierung, Politiker, Soziologen, Urbanisten und natürlich Polizei und Justiz in Atem hielten (bis an die Grenze des Gespensts eines Bürgerkriegs) und alles in allem das ungelöste Problem der INTEGRATION an den Tag und aufs Tapet brachten, weil diese Vorstadtjugend ja vorwiegend aus den Abkömmlingen der aus Nord- und Schwarzafrika eingewanderten Farbigen bestand, geborenen Franzosen oder Söhnen und Töchtern der Republik, wir Chirac es in seiner Fernsehansprache an die Nation nannte, die sehr lange auf sich warten ließ, fällt mir folgendes im Rückblick ein: Es war keine organisierte Revolution, es gab keine politischen Forderungen, es war ein Flächenbrand, fast schon eine Naturkatastrophe, und zwar aus Gründen einer nicht weiter aushaltbaren Erniedrigung, Respektlosigkeit, das Ganze war ja mehr oder weniger durch Sarkozys beleidigende Worte des Gesindels (Racaille) provoziert worden. Im Grunde ist es die Antwort auf den tiefverwurzelten Rassismus, den die »richtigen« Franzosen den in gewissermaßen rechtlosen Zonen der Vorstädte zusammengepferchten jugendlichen Sprößlingen ehemaliger Eingeborener aus den Kolonien entgegenbringen. Man muß sich das vorstellen: Aus den Kolonien hatte man in den beiden Weltkriegen das Kanonenfutter rekrutiert und nach dem verlorenen Algerienkrieg Arbeitskräfte, eigentlich Handlanger für den Wiederaufbau. Diese Massen brachte man in den gigantischen Blöcken und Türmen der Vorstädte unter, in billigen Sozialwohnungen, Ghettos, sagt man heute dazu, und das waren sie auch, denn diese »niedrigeren« Mitmenschen wollte man natürlich nicht wirklich sicht- und hör- und riechbar unter sich haben, nicht Leute, die in den Wohnungen ihre Hühner schächten und in den Betsälen gegen Mekka gerichtet Allah anbeteten und um Ramadan die Schafe ausbluten ließen; es waren ja vorwiegend Analphabeten, arme Dorf- und Wüstenbewohner, Nichtzivilisierte. Und sie hielten still und machten sich unbemerkbar, wenn sie in den Städten an ihren Arbeitsplätzen schufteten, sie lebten in einer Schamhaltung, den Blick sehnsuchtsvoll in die verlassene Heimat mit ihren angestammten Bräuchen gerichtet, sie waren nicht hergekommen, um aufzusteigen, sondern um zu überleben, weil es zu Hause nichts gab, keine Arbeit, kein Überleben. Und mit der immer vehementeren Wirtschaftskrise, der totalen Automatisierung der Produktionsmittel, dem galoppierenden Liberalismus und der Globalisierung wurden große Teile dieser Fremdarbeiter, die zu Teilen schon Jahrzehnte in Frankreich lebten und zu einem gewissen Prozentsatz auch den französischen Paß hatten, arbeitslos, so verwandelten sich diese Erniedrigten in »Unberührbare«. Und deren Kinder wuchsen auf der Straße auf, weil daheim kein Platz und nur Not und Beengung war, sie konnten in der Schule nicht mithalten, sie blieben ihrerseits mehr oder weniger Analphabeten, organisierten sich bandenmäßig und vor allem kriminell, hatten einen aus amerikanischen Filmen geborgten aggressiven Look und sprachen eine aus Wortverdrehungen und mit fremden Lehnwörtern gespickte Gaunersprache, dealten, stahlen, stahlen auch Autos und hielten Rennen, Rodeos ab, schlugen sich mit der Polizei und haßten alles, was nach französischem wohlanständigen Nationalismus und Patriotismus aussah und die entsprechenden Privilegien besaß, weil sie wußten, daß sie, obwohl geborene Franzosen mit Paß, nicht nur nicht wohlgesehen, sondern zutiefst ungeliebt, nicht akzeptiert, verachtet waren, vor allem ohne Zukunftsaussichten. Sie waren da, nämlich in Frankreich, wo sie geboren waren, in Wirklichkeit gehörten sie nicht dazu, sie wagten sich auch nicht wirklich ins Stadtinnere vor, sie waren ausgeschlossen, sie würden, mit ihrer Hautfarbe, ihrem Banlieue-Look, ihrem provokanten Gehabe weder Wohnungen noch Stellen kriegen, auch die Minderheit, die einen Schulabschluß geschafft hatte, nicht. Ihre Heimat waren die armseligen Cités, die Schlafstädte, die Langeweile, im Grunde die Treppenhäuser und die trostlosen Zugänge zu den heruntergekommenen Wohnkasernen, die sie besudelten, weiter vandalierten, aber beherrschten. Ihre Welt waren die Gangs, die Kriminalität, die Scham und die die Scham kaschierende Großmäuligkeit, Aggressivität. Sie hatten ja nicht einmal Einlaß in die Discos und Bars. Sie lebten in ihrem Untergrund, ihrem RAP, einige zunehmend in islamischen Identifikationen, Identifikationen mit den Palästinensern, Bin Laden und ähnlichen gegen den weißen Administrator, will sagen amerikanischen Imperialismus gerichteten Träumen bis Ideologien, worin natürlich der Antisemitismus oder Antizionismus mitenthalten ist. Anleihen auch in der ihnen unbekannten, vielleicht verklärten arabischen Herkunftswelt inkl. Religion oder menschlicheren afrikanischen Gesellschaft. Brüderliches Aufgehobensein. Verlangen nach Identität.

Im nachhinein sprechen die Politiker von Chancengleichheit mittels gezielterer Einschulung oder speziellen schulischen Programmen, man will einmal mehr Gesetze erlassen gegen Diffamierung Diskriminierung Xenophobie Ausschließung, man spricht hochgemut von dem ungenutzten kreativen Potential in den Ghettos, man spricht von den Vorzügen der kulturellen Vermischung, der multikulturellen Bereicherung. Doch sind das für längere Zeit leere Worte. Denn im Grunde will der Franzose oder will der ehemalige Kolonialherr im Inneren des Franzosen die ehemaligen Einheimischen nicht wirklich in die Nation aufgenommen sehen und schon gar nicht gleichberechtigt, er will sie nicht wahrhaben, darum sollen sie auch draußen und unter sich bleiben, in den Vorstädten. Auch im Geschäft und Unternehmen möchte man doch besser als Weiße unter sich bleiben. Keine Vermischung. Im Sport dürfen sie für Frankreich Lorbeeren ernten oder die Kastanien aus dem Feuer holen wie weiland in den Kriegen. Monte Cassino wurde ja angeblich von senegalesischen Scharfschützen und Marokkanern geknackt.

Auch bei mir kann ich den eurozentrischen Kulturhochmut feststellen. Wenn ich mich am Radio den mir zum größten Teil unwillkommenen Klängen aus farbigen Breiten konfrontiert sehe und der Moderator im Gespräch mit deren Vertretern das große Wort Kunst und Schöpfung bis zum Überdruß verschachert, nein: bis zur Sinnentleerung mißbraucht und Rai gewissermaßen in einem Atemzug mit Schubert apostrophiert, reagiere ich empört, ebenso bei dem neuerdings in kulturellen Dingen propagierten Wunschbild der Métissage. Xenophobie, koloniale Vorherrschaft, weißes Wertdenken. Nur nicht dieselbe Verbasterung wie bei der ausnahmslos Jeans tragenden Menschheit. Der große barbarische Eintopf. Oder wäre das Ganze ein Schleier über dahinter nur noch brutaler stattfindender Ausbeutung und Ungerechtigkeit, nämlich Unmenschlichkeit? Oder will ich mit dem elitären Gesichtspunkt Privilegien verteidigen und das mir Unliebe als minderwertig ausschließen? Nur nicht teilen? Bestimmt hat meine Abwehrreaktion mit dem Individualcredo zu tun.