2007

 

22. Januar 2007, Paris

 

Bei meiner meist pauschalen und übertriebenen Abneigung gegen (schnieke) Erzählliteratur, die ich gleich als Unterhaltungsware zu schmähen die Tendenz habe (selbst wenn es sich denn um ein Buch wie Der menschliche Makel von Philip Roth handelte), pflege ich als Gegenargument oder Mangel die poetische Qualität und entsprechende Sprachmagie anzuführen, weil bei wirklich großer Literatur das Hinreißende, Berückende, das eigene Innere Umkrempelnde aus dieser Region oder Macht quillt, ja, und nun fühle ich mich als Leser in diese tiefe Richtigkeit versetzt und gleichzeitig in einen Erinnerungshof, der bis zu den Ursprüngen hin reicht; es ist wie Flügel, wie Brandung, es ist der uralte Chor, der begleitend anhebt; ich kann es nicht sagen, mag sein, daß es um eine Resonanz aus dem großen Buch der Bücher geht. Große Literatur, und mag sie noch so modern oder besser innovativ und infolgedessen auch ketzerisch sein, besitzt jenen Echoraum, ich will damit sagen, sie kommt von weither und aus der Tiefe der Zeit, wenn sie auch gegen die Mauer des Jetzt Sturm läuft. Wenn nicht, ist sie flach, unterhaltsame Kolportage oder Abwicklung und demgemäß geheimnislos. Alle bedeutenden modernen Bücher atmen diese Abkunft, oder täusche ich mich?

Meine Frage an mich selber: Warum erfassen meine Bücher kein größeres Publikum, was zum Teufel fehlt meiner Literatur? Das möchte ich gerne wissen. Zur Zeit feiert man Robert Walser, dessen paar Romane eben hundert Jahre alt geworden sind und dessen fünfzigster Todestag im letzten Jahr aufwendig und international begangen wurde, wobei man gleich anfügen muß, daß er bereits 1929 verstummt ist, es handelt sich um wirklich uralte Texte – wie erklärt sich diese seine heutige Aktualität? Brauchte das Publikum mehrere Generationen, um den Walser begreifen und verkraften zu können? Das Walsersche Nachleben übersteigt alles, was ich kenne. Bernhard hat auch ein beeindruckendes Nachleben, doch setzte es gleich nach seinem Tode ein; und zu Lebzeiten war er bereits ein gefeierter Autor. Walser hingegen war total vergessen, bereits zu Lebzeiten existierte er immer weniger, er war einigen wenigen ein Kuriosum. Mehr nicht. Soll mir einer diese Auferstehung erklären.

Hätte nie gedacht, daß mich das Unberühmtsein schaffen könnte. Hätte nie damit gerechnet, daß ich untergehen oder vergessen oder zu den Akten gelegt werden könnte. Zwar bin ich, sieht man meine Generation (großzügig gerechnet) des näheren an, einer der wenigen, der noch mitspielt auf dem Spiel- oder Kampffeld der Bücherwaren, des Schreibgeschäfts. Was mit Ausnahme einiger Großschriftsteller meiner Altersschicht wie etwa Roth, die es zur Weltberühmtheit gebracht haben und sich vor den Pforten des Nobelpreistempels tummeln, so gut wie nicht mehr der Fall ist. Entsprechend schief sehe ich meinen Stellenwert im deutschen Verlag, nach wie vor kein »Durchbruch«, auch kein Adelstitel, weder Ruhm noch Geschäft; und ich sehe, wie sich die Verlage um die jungen Talente raufen und die jüngeren, bereits anerkannten Platzhalter warmhalten und wie sie alles, was nach Geschäft aussieht, mit Überangeboten reinzuholen versuchen, die Show, das heißt das Business muß ja weitergehen. Und da gibt es am Rande des Betriebs diesen in seine Ideen und Auffassungen verrannten Alten, zudem eingebildeten Alten, der eine Art lebender Mythos ist und darum eine offene Frage, ein noch nicht abbuchbares Haben oder Vermögen, Hände weg, und dennoch läßt er sich nicht abschieben. Der zu allen fürchterlichen, atemberaubenden Hoffnungen berechtigende Jungautor bin ich auch gewesen, kennen wir, man kann es darum nicht sonderlich wichtig nehmen, es entlockt mir ein sympathisierendes Blinzeln, mehr nicht.

5. Februar 2007, Paris

 

Ich frage mich, was es mit der (geschlechtlichen) Anziehung eigentlich auf sich hat. Ich spreche nicht von Maria, sondern von meiner eigenen Libidoangelegenheit ganz allgemein: von diesem sofortigen Feuerfangen beim Anblick einer reizenden, also wohl aufreizenden Schönen, was bei mir den sofortigen Wunsch nach leiblicher Eroberung nach sich zieht oder auslöst, Wunsch ist schlecht gesagt, geht es doch um das brennendste Begehren, wenn nicht um Verhexung bis zur augenblicklichen (mentalen) Hörigkeit, dachte immer, es handle sich um chemische Prozesse, es muss viel mehr hinzukommen, es ist Betörung, es ist ein lustvolles Erfassen der ganzen weiblichen Person bis in den kleinsten Winkel, und es ist gleichzeitig das wahnsinnigste Wünschen, mich diesem Leib zu vereinigen, Eroberungswahnsinn.

Nun, mit Maria war alles ganz anders. Die Geschichte lief mir mitsamt dem Puder des Wunderbaren davon mitten in eine Realität hinein, die ich wohl nicht verkraften konnte. Aus diesem Grunde sprach ich immer von IMAGO, womit ich nicht nur ein Wahnbild, sondern eine Art Versuchung des heiligen Antonius meinte, eine »Himmelserscheinung«, mit welcher mein Kleinmut nicht umgehen konnte.

Natürlich ist das Auseinanderklaffen zwischen den groß geöffneten Himmelstoren der Verheißung oder eben Versuchung und meiner Unfähigkeit, die dahintersteckende Realität des armen deklassierten Mädchens, das in dem Glimmer, aber auch in der Güte der Frau verborgen war, Teil der Thematik. Hier steckt das Thema der Desillusion, das auf einer anderen Ebene mit der Ausbeutung, wenn nicht dem irdischen Opfergang der niederen Maria zu tun hat. Denn die Himmelserscheinung auf die Ebene des Menschenretters (der ich hätte sein müssen) herunterzuziehen und solchermaßen sowohl zu materialisieren wie zu korrigieren, ging nun gar nicht mit meinen jugendlichen Intentionen und meinen zivilen Verhältnissen zusammen. So killte die soziale Realität den elitären Traum oder besser das jugendliche Traumguthaben eines privilegierten ausländischen Romstipendiaten. Ich könnte ja mal versuchen, den Stoff in Kapiteln aufzurollen und so von dem ersten romantischen Bild (der fabulierten Unschuld = Himmelserscheinung) auf den Boden der sozialen Trostlosigkeit herunterzubuchstabiern.

18. Februar 2007, Paris

 

So wie ich bei Untertauchen die Scheidung mit hineinnehmen und im Stolz die Jugendvorgeschichte installieren mußte, in der Absicht nach weiterer Verankerung der Person und wohl zur Beleuchtung der nicht recht begreifbaren Handlungsweise des Helden, so müßte ich im Falle von Maria über den Auschwitzfilm den Krieg und Nachkrieg einbringen, ein KLIMA oder den historischen Kontext.

Die Frage ist natürlich, wie ich diese BEDINGUNGEN erzählerisch einbringe, deren Produkt der Held von Salve Maria und dessen merkwürdige Handlungsweise oder Heilserwartung insgesamt sind. Das Stichwort »Anfang« muß ebensosehr als Stimmung mitschwingen wie die Aura des antiken Grabreliefs.

War ich oder war der jugendliche Held denn nicht ein Verschonter des Kriegs und somit des Lagers? Ein Entsprungener. Im Krieg ein Kind oder Jüngling, hat er immerhin die Sirenen des Fliegeralarms, die Verdunkelung, das Fehlen der mobilisierten Väter, Hitlers Brandreden am Radio und die furchtsam erwarteten schweizerischen Nachrichten vom Kriegsgeschehen, das Verbringen von Stunden im Luftschutzkeller der Schule, den Landdienst, die Anbauschlacht, die Flüchtlinge, das Internieren der Flüchtlinge als Internierungshelfer, die internierten Truppen, die Polen, die Spahis …, die Furcht vor dem Einmarsch von Hitlers Truppen, die Rationierungskarten, das schweizerische Abgekapseltsein, die Euphorie bei Kriegsende und Churchills Besuch in Zürich, das alles als Schulkind, mitbekommen. Denn 1945 war ich, war er ja erst 15 Jahre alt. Und dennoch wußten wir von den Konzentrationslagern. Als Siebzehnjähriger erstmals in Oberitalien (Venedig, Verona) wie in Paris. Matura 1949.

Anfang der fünfziger Jahre in München, es war so gut wie das Jahr null, die Bombenlöcher, die Ruinen, die amerikanischen Besatzungstruppen, die allgemeine Armut, der Rausch des Aufbruchs in der Armut, die weiter keine Rolle spielte, das Essen in einem Studentenrestaurant nahe der Amalienstraße kostete 90 Pfennige und bestand aus immerhin drei Gängen. Ich hatte ein privates Stipendium von einer Missionarswitwe, vermittelt durch Eva Merz, für welche ich bei Radio Bern kleine Beiträge schrieb nach Rückkehr der Initiationsreise nach Kalabrien, das damals von Giulianos Banden beherrscht wurde. Napoli 1950. Das Geld auf dem Bauplatz verdient.

In den fünfziger Jahren Student und 1954 Vater eines Söhnchens, Student noch immer bei der Geburt der Tochter, ein Jahr danach Doktorexamen und Antritt der Museumsstelle. Familienvater. Die Frage ist hier nicht das Dichterwerden, nicht die private Vita, sondern die geschichtliche Stunde. Die ZEIT als Faktor der geistigen, der bewußten (?) Verfassung. Erinnere mich, daß ich in dem Studienjahr in München durch Orwells Roman 1984 das totalitäre Regime als Albtraum in mich aufgesogen hatte. Natürlich ging die Überwachung durch den Großen Bruder auf den Stalinismus zurück. In der Schweiz die Kommunistenhetze, Kalter Krieg, die ungarischen Flüchtlinge nach dem Aufstand 1956 (nach dem Aufstand in Ostberlin), der Freund Johannes Dobai. Der Existentialismus hatte seinen Abklatsch in der Berner Kellerkultur, der Gegenkultur der Künstler.

Ich hatte ja auch von den Parisbesuchen eine Nase voll Boris Vian (das Orchester Claude Luter und Sidney Bechet) mitbekommen. Ich will nicht aufzählen, der Algerienkrieg hatte keinen Niederschlag in meinem Bewußtsein, wohl aber die Kriege des blutjungen Staates Israel und wenig danach der Krieg in Vietnam, doch ist das vorgegriffen.

Meine Bildung fußte auf dem Gymnasialprogramm der klassischen deutschen Schulen, der deutschen Kultur, für dessen Literatur mein Herz vibriert hatte; nun war dieser Nährboden weggerissen und verrucht, und viele Ausdrücke gehörten nun ins Wörterbuch des Unmenschen. Mit der großen russischen Erzählliteratur war es noch nicht soweit, und schon im Verlauf der sechziger Jahre begann ich durch Konrad Farner am politischen Engagement der Jugendrevolte zu schnuppern, doch das war nach Rom. In Amsterdam, es mag 1955 gewesen sein, mit den Zeichnungen van Goghs im Stedelijk Museum befaßt, als ich an einem Wirtshaustisch mit einem Bekannten deutsch sprach, standen Gäste auf und machten drohend den Hitlergruß in meine Richtung. Den Krieg durch deutsche Augen hatte ich durch den deutschen Schwiegervater und einstigen Wehrmachtsoffizier nacherleben können, er tönte schuldfrei, mich schauderte.

Als ich in Rom ankam, war der Krieg seit fünfzehn Jahren zu Ende. Und ich war mit einer Deutschen verheiratet. Ich wußte von den Partisanen, den Badogliopartisanen und erfuhr gleich, daß die achtbaren Künstler und Intellektuellen Kommunisten waren und womöglich eine Partisanenvergangenheit hatten.

Und dennoch gehörte das Erwähnte zum inneren Gepäck und der inneren Verwirrung. Ich war in Rom schuldbewußt-schuldfrei, gepäck- und schicksalslos, ein unbeschriebenes Blatt, was so natürlich nicht stimmte, ich will nur auf meinen deklarierten und dezidierten Müßiggang anspielen, eine Art Protestattitüde? Rom war wiederum Trümmerbeispiel und groß gestikulierende Vergangenheitsarchitektur, barocke Gewandung, aber auch noch ein wenig Rom, offene Stadt, vor allem Fellini, er sprach für mich das Schlüsselwort: Vakuität. Goethe spielte keine Rolle, jedoch merkwürdigerweise Gogol, der hier seine Toten Seelen geschrieben haben soll, was mich seltsamerweise ermutigte. Ich erwartete von mir das Ausbrechen der Dichtung wie das Ausbrechen einer Krankheit, doch fühlte ich mich noch nicht soweit, noch galt es zuzuwarten, die Zeit herumzubringen, ich glaubte nicht an Bildung, schon gar nicht nach 1984 von Orwell, nicht nach München und Amsterdam, ich erhoffte mir nichts oder wenig vom deutschen Literaturbetrieb, ich las Gadda und Céline, und ich nahm verwundert zur Kenntnis, daß ich verheiratet und Familienvater war, obwohl ich mich ja dafür entschieden hatte, daß mein Leben hier begänne. Einmal ließ ich, glaube ich, meine Mutter herkommen, ein, zwei Mal war ich mit Armin Kesser unterwegs, viel mit den Kienlechners, die sowohl Italiener wie Deutsche waren, also Teilnehmer am Dritten Reich, Teilnehmer wie Hoehme und Bobek, die beide den Krieg und insbesondere den russischen Feldzug mitgemacht hatten, verwundet und gefangengenommen und davongekommen waren. Ich hatte wirklich und aus tiefstem Herzensgrunde nichts zu sagen, ja, was wollte ich denn? Wollte ich mich auch ein bißchen der Geschichte oder deren Abglanz einschreiben?

Ich fuhr mit den anderen Stipendiaten auf die Insel Giglio, auf welcher unser Direktor Grossmann eine Besitzung hatte, und vom hohen Wellengang kriegte ich das Kotzen. Giglio wie Ischia, ich war da ja schon gewesen. Worauf wartete ich? Mir war, als käme ich aus keiner Familie, nun, die Kindheit war ja vorbei und die Familie aufgelöst, und ich in meiner deutschen Verwandtschaft wie ein Falschspieler. War nicht ein tiefer Defätismus in mir? Nichts, das sich mit dem Existentialismus und dem Futurismus und den Beatniks vergleichen ließ? Ich meine natürlich nicht Futurismus, ich meine eher ein Gemisch aus ekklesiastischer Welt-Herrschsucht und aristokratischem Niedergang und Neorealismus, ich meine das römische Volkstheater der Straßen und den riesigen idealen Rahmen, den die Ewige Stadt geschaffen und zurückgelassen hatte. Alles, was mich kleinmachte und auslöschte bis aufs Hemd oder Bettelhemd oder den nackten Bock, und ich meine den Fatalismus, den man hier lernen konnte.

Ich wartete ab und hielt mich bereit. O Maria.

Ich hielt mich in dem unvergleichlichen Warteraum auf.

Wartete. Worauf wartete ich?

Acht Jahre später (Mai 68/69) lernte ich dann das gesellschaftstheoretische Marxistenkauderwelsch der engagierten Jugendbewegung und deren Hoffnung und äußerlichen Mummenschanz und deren Protestsongs kennen und am Rande ein klein bißchen teilen, ich schnappte es aus dem Munde der über Nacht Revolutionäre gewordenen Studenten und Hippies auf und ernsthafter in der Diskussion mit dem Berufsrevolutionär Konrad Farner und Kollegen wie Walter Matthias Diggelmann und in Swinging London im Augenunterricht, die Beatles, und danach an der ETH, wo ich Gastdozent und insofern über Nacht so etwas wie mobilisiert worden war. Es war ein Schock, nur mein problematischer, gewissermaßen eingeborener Bürgerhaß konnte da ein bißchen partizipieren, es ging aber auf Kosten des Dichtens, wenn in jener Zeit auch, sehr langsam, das Buch Im Hause enden die Geschichten Gestalt annahm, doch das war bereits schon etwas wie Verrat. Nun, ich war damals an der Schwelle zum vierzigsten Jahr und unterzog mich einer längst fälligen Bewußtseinskorrektur oder besser -verunsicherung. Das war lange nach Rom und Maria, fast ein Jahrzehnt später und nicht mehr die Affäre des jugendlichen Aufbrechers, Ausbrechers. Ich bewegte mich als aktiver und vielgelesener nonkonformistischer Zeitungsmensch in der Öffentlichkeit und zum Schreiben in den gestohlenen Klausuren abseits: in London, Italien, Tessin, auch Paris, die Klausuren ein Vorgeschmack des meiner harrenden Poetenlebens. In Rom aber hatte ich nun aber überhaupt noch keinen Halt, keinen inneren, keinen künstlerischen (weil noch ohne Feuertaufe), keinen geistigen, nur die Minutenplätzchen. Ich hatte den Mai 68 verpaßt, doch hatte ich 1950 auf meiner Initiationsfahrt nach Kalabrien etwas Beatnikhaftes praktiziert, wie immer, ich denke, daß der Krieg, auch wenn ich ihn nur aus einem kindlichen »Versteck« heraus erlebt hatte, in mir einen inneren Bombentrichter angerichtet hatte. War das die innere Leere, das Bodenlose, die es mit Jazz und Sex zu übertünchen, mit richtungsloser Agilität zu überspielen galt? Kam von daher die Empfänglichkeit für das Erlebnis der Sinnlosigkeit und, beruflich wie in gemeinschaftlichem Sinne, als Aussichtslosigkeit à la nausée?

Eine merkwürdige Paarung von Lustbereitschaft und Weltverlorenheit, Karrierenzurückweisung, Erlebnishunger und Melancholie. Vor allem war mir wohl das Vertrauen in die Kultur, in den kulturellen Sockel, verlorengegangen. Was suche ich eigentlich mit diesen flüchtigen Rekonstruktionsversuchen, Herleitungsrecherchen, wenn nicht die Verankerung der inneren Verfassung unseres Helden und Maria-Verliebten in einer historischen Bedingtheit. Und warum? Weil der Auschwitzfilm der ganzen Handlung Pate stand und damit der Krieg. Maria ein Kriegsopfer? Maria die Retterin? Maria Ambulanzfahrerin. War ich verwundet?

Die Studienkameraden sowie die Mitstipendiaten waren nicht verwundet, nichts hinderte sie daran, ihre berufliche Laufbahn anzutreten, nur in mir wogte die tiefe Lethargie, fast schon Amnesie, eine Verwüstung. Und ich klammerte mich an die Schiffbrüchige im glamourösen Gewand der Nightclub-Hostesse.

14. April 2007, Paris

 

Eben habe ich einen Helikopter ganz hoch in den Lüften stehen und drehen und vor allem knattern hören, und gleich stellte sich in meinem Wesen das Himmelsglück ein. Die Überwältigung durch Freiheitshimmelsfluten. Ich dachte, das Grundmuster meines Helden ist das Gehen, L´HOMME QUI MARCHE, nur weiß man nicht, wohin er geht. Ist es nicht seltsam, daß meine Helden immer große Vorbereitungen und hochgemute Entscheidungen treffen, um aufzubrechen, und, einmal auf der Reise, sich zurück und ins Papier verkriechen? Oder gleich zu den Frauen. War zum Beispiel damals in Ischia/Napoli, als der alte Dohrn mir vorschlug, mich einem fahrenden Feldscher in Sizilien zuzugesellen oder zu übergeben, mein Entschluß heimzukehren, nicht typisch? Das sizilianische Abenteuer wäre ein echter Aufbruch gewesen, ein möglicherweise lebenwendender. Statt dessen die Rückkehr. Dabei geschieht das Verzagen nicht aus Feigheit. Denn damals kurz nach dem Krieg in den untersten Stiefel Italiens, wo Giulianos Banden herrschten, aufzubrechen, ganz ohne Sicherheit, ohne wirkliche Mittel, ohne Sprachkenntnisse etc., war recht kühn. Daran mangelte es mir nicht. Es ist ja nur so, daß allzuviel Action, Handlung, Ereignis meinen Genuß am Ereignis oder Abenteuer wegfrißt, weil einfach keine Zeit zur Betrachtung bleibt und insofern das Geschehen wie nicht gehabt … Jedenfalls ist in dem merkwürdigen Gegensatz Aufbruchs- und Abenteuertrieb einerseits und Zurückhaltung, Zurücknahme, Bremse andererseits der teuflische Widerspruch meines Wesens ausgedrückt. Hang nach Selbstverschleuderung, Erfahrungssucht und Blockade, Immobilismus. Darum das Ziellose, darum die Frage: Wonach läuft mein Geher oder Marschierer oder Weltenbummler? Geht er nur so herum, um sich zu vergnügen und in Gang zu halten oder um etwas zu finden, wenn nicht gar zu erobern? An Mut gebricht es ihm keinesfalls.

4. Juli 2007, Paris

 

Wenn ich dieses Datum über das Blatt tippe oder setze, könnte mir schlecht werden beim Gedanken, daß ich bis anhin, sozusagen das ganze Jahr total unproduktiv habe verstreichen lassen, woran die Drohung des baldigen Auszugs aus der Wohnung ebenso wie der Rattenschwanz unerklärlicher Krankheitsanfechtungen, darunter eine bleierne Müdigkeit, Schwächung? beteiligt sein mögen. Doch nun wird sich das bald ändern, habe ich doch, wenn ich mich nicht irre, ein Schreibatelier in Aussicht und dies ganz in der Nähe der neuen Wohnung Rue Campagne Première; bei dem verdammten zähen Nichtstun bin ich seltsamerweise nie ganz in Verzweiflung gefallen, das bleierne Loch rubrizierte in meiner inneren Buchhaltung einfach als Arbeitsausfall oder so ähnlich.

Dies im Unterschied zu Peter Handke, der ja sein Produktionstempo neulich noch gesteigert hat, wenn nicht alles täuscht, er scheint mir Leere oder Faulheit oder Ausfall der Schaffensgeister einfach nicht zu kennen,

ich dachte neulich im Zusammenhang mit seinen Aufzeichnungen Gestern unterwegs an ihn oder seinen Kopf mit dem Bild vom brennenden Dornbusch. WEISS NICHT GENAU, wie ich darauf komme.

Eine bis zur Erhitzung gesteigerte innere Sammlung?

Den Aufzeichnungen Gestern unterwegs liegen ja zu einem großen Teil lange, tage- wenn nicht wochenlange Fußwanderungen zugrunde. Was er meines Wissens mit keinem gemein hat – Fußwanderung erinnert an den fahrenden Scholaren, auch an die Italienreisenden der Goethezeit. Die Gegenstände seiner Wahrnehmung muten auch irgendwie archaisch an, Natur und Romanik, Tageszeiten und Körperzustände wie Müdigkeit, Einkehr, Leute bei ihren Verrichtungen etc., geübt wird das innere Luzidwerden, und der Weg dahin ist das Sehen, Bildeinsammeln bis zum eigenen Leuchten, vielleicht stammt daher der brennende Dornbusch.

Bei Handke ist der WEG, darum seine unentwegte Erzählbewegung, auch der Weg zur Läuterung oder das Mittel zur Läuterung. Meine Neugierde ihm gegenüber ist beinahe mit Schrecken verbunden. Vielleicht sind seine ganzen Bücher weniger Erzählungen als Verbildlichung seiner ewigen Weiterwerdung und in diesem Sinne Parabeln. Ich bin nie auf einen wie ihn gestoßen. Er ist keineswegs weltabgewandt im zeitgenössischen Sinne, und dennoch hat er es verstanden, innerhalb seiner Zeit und des dazugehörigen Betriebs eine Art mönchischer Disziplin zu leben, seine Gästen dargebotenen Mahlzeiten haben den leisen Beiklang des antiken Gastmahls mitsamt den Kastanien und Früchten, dem Brot und Wein, Handreichung und Einfachheit, was ihn keineswegs weltfremd erscheinen läßt, er ist im Gegenteil hellwach informiert und geradezu mit einem feinmaschigen Abhörgerät den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen und Zuständen immer auf der Spur, was die Marktlage einschließt, er ist autark, und das einzige, allerdings markante Querstehen ist seine unverständliche Option für Serbien und den untergegangenen Vielvölkerstaat Jugoslawien und dadurch für Miloševićs Greueldiktatur. Um auf die Wanderungen zurückzukommen, könnte man seine Wahrnehmung franziskanisch nennen. Ich komme immer noch nicht recht dahinter, was mich in seinem Falle so hochgradig erregt.

Es muß sich um eine schreiende Diskrepanz bei auffallenden Ähnlichkeiten handeln, um Unvereinbarkeit, mir stellt sich das Phänomen Handke geradezu als gordischer Knoten dar, hocherregend, explosiv.

 

Möchte wissen, was mich in die erwähnte Produktionslosigkeit einkerkert. Ob es die Angst vor dem zusammen mit dem Wohnungswechsel »drohenden« neuen Kapitel und Lebensantritt ist? Mir kommt vor, ich befände mich in einer Art Tiefschlaf oder doch somnambulen Zustand und sehe mir beim Zeitverbringen und Zeitverlieren wie einem nicht weiter interessanten anderen zu. Vielleicht holt mich auch nur die Tatsache des Alters auf schockierend lähmende Weise ein. Das Gorgonenhaupt des Alters. Dabei kann ich im Umgang mit anderen durchaus unbeschwert funktionieren, so gestern bei der Abendessenseinladung und Abendverbringung mit Colette und Jean-Baptiste. Oder täusche ich mich?

29. Juli 2007, Paris

 

Sartres Nausée neulich wieder vorgenommen, ich wollte meinen Eindruck verwandtschaftlicher Nähe zu meinem Fell der Forelle überprüfen, ein wunderbares Buch, Buch eines blutjungen Autors, Mitte zwanzig, ich frage mich, warum ich so lange ein renitentes, vorurteilbeladenes Verhältnis zu diesem Autor hatte, ich glaube, ich empfand ihn kalt, analytisch und glaubenslos kalt, was mit dem mißglückten Leseversuch von Les Mots zu tun haben mag, die mich damals irgendwie abstießen. Nun, anders La Nausée. Das Ähnliche oder Gemeinsame hat mit der Selbstentfremdung, beinahe Selbstentleibung des Erzählers, Roquentin, zu tun, der fast wie ein Scherenschnitt herumgeistert, aus der Zirkulation gefallen, aber darum nicht tragisch zu nennen ist, es ist vielmehr so, daß diese Isolation ihn zu einem widersinnig mißvergnügten Beobachter des bürgerlichen Alltagstheaters zu werden erlaubt, einem wahrhaft alleinstehenden, doch darum keineswegs inhumanen, der in einer Wolke abgestandener Bürgersluft zu gedeihen versteht. Gemeinsam mit meiner Figur hat er den Wunsch der Selbstauslöschung, Nichts- und Niemandsgeltung, wenn ich Scherenschnitt sage, meine ich eine Reduktion in höchstem Grade, eine Selbstwegnahme, Geltungslosigkeit; wenn man das übersteigert sich vorzustellen wagt, führt die Linie zu einer Entsprechung (Äquivalent) geistiger Verzückung. Die eingefangene Atmosphäre im Raum der höchsten Teilnahmslosigkeit ist verwunderlicherweise alles andere als fad, vielmehr wie im Kino spannend und lebensbunt zu nennen. Soll man diesen Grad der Vereinsamung mit Kasteiung zusammenbringen? Doch wohl nicht. Es fehlt einfach das Aroma des Trostes, natürlich auch der Selbstgefälligkeit. Was den eingefangenen spießigen Alltag in der kleinen Provinzstadt so welthaltig und komisch erscheinen läßt, hat mit der verschrobenen Optik des Beobachters zu tun. Ich lese dieses Buch, wie wenn ich einen alten Film sähe (Chabrol?), mitleidlos, sinnlos gottgefällig, nun, mein Frank Stolp ist im Vergleich zu Roquentin zwar auch aus allem herausgeschnitten, aber aus Verschrobenheit daherschwadronierend, nicht aus Verschrobenheit, aus unüberbietbarer Isolation. Ich weiß es nicht.

23. August 2007, Paris

 

Seit kurzem höre ich wieder Musik, klassische, wie in meiner musiktrunkenen Jugend, Klaviermusik, Konzerte. Jetzt eben Horowitz, hochbetagt, wunderbar, Engelstöne. Dachte wieder, die Musik sei die höchste der Künste, nur hier fließt der göttliche Atem oder Offenbarung (Verkündigung). Letzthin über das Starwesen der Interpreten, diese oft eitlen Statthalter (Musikbesitzer), gewettert. Sie sind ja nicht die Schöpfer, dachte ich; führen sich auf wie Halbgötter. Diven. Und nun sage ich mir, übrigens auch angeregt durch das Beispiel meiner Schwester, die eben eine CD aufgenommen und in bescheidenstem Rahmen in Umlauf gebracht hat; sage mir, die besten der Interpreten sind wie die chassidischen Gläubigen, die lebenslang den heiligen Text auslegen. Da sind sie, über das Instrument gebeugt, und dringen mit den Hämmerchen ihrer Finger immer tiefer, skeptisch hingebungsvoller, in den Text ein, um Nuancen, minimste Schwebungen besorgt.

 

Warum nur wollte ich Maria zu meiner Geliebten machen, in eine Liebe verzaubern und einsperren, bis ihr Flügel wachsen, Schwingen, die mich mitnehmen. Sie, der kleine Schmetterling, wie hätte sie diese Rolle spielen sollen.

1. September 2007, Paris

 

Bei der Fahrt auf den Samstagmarkt Avenue du Président Wilson (neben Musée d’Art Moderne und Palais de Tokyo) die Verkündigung des Herbstes, der hohen Zeit, angesichts der angebräunten Laubbäume eingeatmet und: aufgeatmet. Bald kann ich aufleben.

Neulich bei dem Presseempfang für die 2008er-Ausgabe des Petit Larousse in einem Luxushotel Nähe Georges V, wo die neu aufgenommenen Persönlichkeiten, darunter ich, vorgestellt wurden, auf die Frage nach meinem Lieblingswort vaurien vorgeschlagen, zu deutsch Taugenichts. Ich erwähnte, daß die vaurien im Gegensatz zu den Eminenzen und Machthabern auf anderen Gebieten, unter anderem im Wirtschaftssektor, darum als Nichtsnutze angesehen werden, weil sie im landläufigen Sinne unbrauchbar sind. In Wirklichkeit können sie nichts und interessieren sich für nichts Spezielles, weil sie für nur die eine Sache, zum Beispiel das Poetenleben und dichterische Wort, ausersehen sind. Sie können nur das eine, sie wollen inbrünstig nur das eine (und tun es auch in einigen Fällen), darum sind sie unverführbar für Erfolg und bürgerliche Karrieren und Geldverdienen. So ein vaurien oder Nichtsnutz war van Gogh, war Robert Walser. Genie und Nichtsnutzigkeit. In meinem Sinne ist der Nichtsnutz oder Taugenichts die Vorform des Poeten, der unterm Lebensbaum liegt und träumend das Leben vorausnimmt, tagträumend.

 

Ich verbrachte die Festlichkeit in der mondänen Umgebung zusammen mit Odile und bald einmal mit Jacques Higelin, auch er Neuzuzüger im Larousse, ein wahrer Poet, eine Lebenswucht, ein Passionierter, nicht zu bändigen und dabei von der physischen Erscheinung her ein Jünglingsmann.

 

Ich werde wohl doch mit der italienischen Reise beginnen, genauer mit dem Bahnhof Bern spät in der Nacht, mit den frierenden Bahnsteigen, Perrons in dem eisigen Februarlicht, mit dem jugendlichen Aufbruch. Wer ist der junge Mann, und wonach sehnt er sich? Wird er in der kurzen Zeit der Reise eine Verwandlung durchmachen, wird er wachsen? Wonach sehnt er sich, so vor dem Leben? Ich sagte heute zu Igor, nicht nur sei ich unfähig gewesen, in einem Kollektiv mitzumachen, sondern ebenso, lange Ferien mit einem Kreis von gleichaltrigen Freunden und Freundinnen zu verbringen, so wie Igor es eben jetzt in Cannes und St. Tropez oder St. Raphael gehalten hat, er überglücklich. Ich meinte, ich hätte es nicht fertiggebracht, meine Tage Stunden Nächte mit copains zu teilen, unfähig zu einem Bandendasein, und zwar darum, weil ich das Alleinsein brauche, um denken und träumen zu können, um meinen Selbstwahn zu mästen, grob gesagt, oder meinen Lebenstraum, um den Kokon zu pflegen, aus dem ich eines Tages als Falter ausschlüpfen würde. Die Frage ist, was war der Lebenstraum? Ich sagte, dazu diente das Alleinsein, die verhältnismäßige Isolation, weil die Kollegen einen niedrig zu halten die Tendenz haben, sie halten dich zurück, sie nivellieren alles mit ihrer Gleichmacherei oder Forderung nach geteilten Tagen, geteilten Ansprüchen, sie normalisieren dich. Ich aber wollte ein außerordentliches Leben, suchte die Maßlosigkeit, ich wollte, metaphorisch gesprochen, in den Krieg oder an die Front. Mich aussetzen und sehen, was aus mir ausschlüpft. Lebensmutprobe. Müßte von diesem jungen Menschen auf dem Bahnsteig ausgehen und dann von der Reise aus dem Winter zu den Früchte tragenden Orangen- und Zitronenbäumen des Südens. Und zu der babylonischen Hure. Und dann Rom anschließen, das Thema ist Wanderschaft.

16. September 2007, Paris

 

So wie die Kindheit eine Erfindung des 19., wenn nicht 20. Jahrhunderts ist (Rilke), so ist die JUGEND eine Erfindung der Nachkriegs-, speziell der fünfziger Jahre, so lese ich. Vorher gehörte die Jugend z. B. den Klassen an, man war ein junger Arbeiter, ein junger, vielversprechender Akademiker, Musiker etc., seit der Nachkriegszeit ist jung absolut, ein absoluter Wert sozusagen, und die Jungen aller Länder sind gewissermaßen eine andere Rasse, sie sind insofern von allen anderen Zugehörigkeiten emanzipiert, sie gehorchen weltweit ihren eigenen Devisen und Werten, leben in den sie mehr als nur vereinigenden Musiken und Lebensmustern und Weltanschauungen. Von der dazugehörigen Konsumwelt ganz zu schweigen.

Zu dieser Entdeckung und Großschreibung des Jungseins gehörte nach dem Krieg die neue sexuelle Freizügigkeit als stimulierendes Tauschgeschäft gewissermaßen, gehörte der ebenso freizügige Konsum der Rauschmittel etc. – man kann diese ganzen Bewegungen als Freiheitsbemächtigung ansehen, natürlich in der Opposition zu den Codices der bürgerlichen Vätergeneration (mitsamt deren menschlichem Kriegsverschulden und falschen Idealen). Emanzipation.

Ich könnte mir vorstellen, daß meine Literatur oder doch meine literarischen Anfänge unter ebendiesem Zeichen, vielleicht vorläuferhaft, steht. Ich dachte immer, ich gehörte als weitversprengtes Glied zu den Beatniks, den Kerouac- und On-the-road-Rausch-Süchtigen (die sich aufs Rad der Bewegung flechten). Es wäre zu bedenken oder zu überlegen, inwiefern mein Reisemotiv mit dem quasiblinden Wandertrieb und Weltenbummlerwesen jener Generation zusammengeht. Bestimmt gehört die Ablehnung der bürgerlichen Weltordnung allerdings mitsamt einer Sehnsucht nach neuen hohen Werten (bei den Beatniks das Morgenland und Hesse) zum Verbindenden. Und die Jazztrunkenheit natürlich. Und dann die Hochsetzung der Sexualität. Meine Zugehörigkeit zu dem derartigen apolitischen Jungsein zusammen mit der unkomplizierten Weibersucht etc. Ich müßte die ersten Bücher unter solchem Gesichtspunkt abschmecken oder testen.

12. November 2007, Paris

 

War in einer großen Soutine-Ausstellung in einer Pinacothèque benannten neuen Ausstellungsräumlichkeit an der Madeleine; die letzte ebenso umfassende Retrospektive anscheinend in den siebziger Jahren. Soutine sieht sowohl auf dem von Modigliani gemalten Porträt wie auf Fotos wie der junge Nizon aus, zum Verwechseln ähnlich. Er stammt aus Litauen. Und ich habe für kommendes Frühjahr eine Einladung nach Riga, wo mein Vater aufwuchs. Erregend die Landschaft in ihrem Aufruhr, wahre Erdbebenoptiken, wie ganze Wege, Straßen, Häuserreihen, Landschaftskörper sich aufbäumen und quasi in geologische Schichtungen auffalten. Wunderbar zwischendurch Porträts von einfachen Leuten aus den niederen Schichten, sie können in der Malkultur und Faktur kostbar anmuten wie Chardin, wenn sie in der Mimik und leichten Deformation auch eine denunzierende Kompassion verraten oder atmen, das Weltverlorene, Ausgesetzte. die gerupften aufgeknüpften Hühner und gehäuteten Ochsen (letztere als Motiv von Rembrandt übernommen). Soutine ist im Gegensatz zu einem Chagall so fern von Märchen oder Sagengut, von Mythologie und Traum wie das Schlachthaus von Versailles oder Bilderbuch. Und doch schöpfen beide aus dem gleichen Fundus. Soutine war bitterarm, als er in Paris ankam und in ungeheizten Ateliers wie in der RUCHE bei Kollegen unterkam, eine Art Obdachloser, ein kunsthungriger Hungerleider, ein armer Scholar. Und ist dann in der Vorkriegszeit von einem amerikanischen Sammler entdeckt und an-, wenn nicht aufgekauft worden, von einem Mr. Barnes, der in der chemischen Industrie reich und kunsttoll geworden war. Der zerlumpte Litauer und Judenbub auf einmal in Schneideranzügen und mit Uhrkette vor dem Bauch. Während der Okkupation im Süden in der Klandestinität, magenkrank, erst in den Pyrenäen, zuletzt in der Touraine, zwischendurch in Montparnasse, gestorben 1943, gerade fünfzigjährig. Er hat in seiner Malerei Landschaften wie Menschen gewissermaßen ausgeweidet, das Blutrot geistert durch alle Bilder, durch alle noch so kostbaren Farbtöne. Es ist vielleicht das Blut der geschändeten Opfer, der geschändeten Kreatur, einfach nichts von Verschönerung, Umdichtung. Vielleicht hat der Aufruhr, das Sich-Aufbäumen mit dem Gejagtsein oder der Notion des Verfolgten zu tun. Jedenfalls ist der Klang des Leidens nicht zu überhören.

 

Montparnasse meine neue Wohngegend. Montparnasse ist auch Soutines Parisgegend, sein Kunsthändler Zborowski war ihm von Freund Modigliani (Livorno) zugeführt worden, er zahlte dem unter Vertrag Genommenen gerade 5 Francs Taggeld. Er war anscheinend auch Varlins Händler gewesen, wenn auch nur kurze Zeit, Varlin kommt ja von Soutine, wenn er auch als Porträtist karikaturaler gewesen ist als jener und in den Fassadenbildern von Spitälern und Hotels eigene schöne Wege gegangen ist; auch Varlins Hotel- und Dienstbotenpersonal kommt von Soutine. Ich nähere mich durch Soutine meinem neuen Wohnort im Montparnasse und mit ihm und Riga Vaters Herkunftsgebiet.

Nun schon mehrmals in der neuen Wohnung und Gegend gewesen und immer von einer leisen Vorfreude erfüllt, Freude auf ein neues Leben, wenn man denn in meinem Alter noch so sprechen darf. Neue Gegend gleich neues Eintauchen in die Arbeit. Das Montparnassische ist lebensleichter, weil künstlerischer als die noble Schönheit des Palais Royal. Lange hatte ich Angst wie vor einem Abstellgeleise oder einem Abgeschobenwerden, vor Einsamkeit eben. Ich mag mich täuschen. Nun gehts morgen per Flugzeug über Mulhouse in die Schweiz, erst nach Bern, zu Walter Hunziker und zur Schwester, danach mit Valérie im Wagen nach Darmstadt zur Entgegennahme des Kranichsteiner Literaturpreises. Auch in Deutschland der Eisenbahnverkehr durch Streiks lahmgelegt; wie hierzulande. Wenn ich an dieses größtenteils elende, weil unproduktive Jahr zurückdenke, das durch die Ausbürgerungsunruhe, die Finanzanstrengungen und -Beunruhigungen im Zusammenhang mit dem Wohnungswechsel und durch Odiles depressive Lebenskrise beschwert und verdüstert und vor allem blockiert gewesen ist, dann sind als Aktiva eben nur der Preis und die Aufnahme in den Petit Larousse (dies im Sinne einer sanktionierten Anerkennung) aufzulisten. Die große Unruhe oder Panik hat den Namen Entwurzelung, das untergründig Belebende könnte den Namen Abenteuer tragen.

25. November 2007, Paris

 

Das Unterwegssein hat mich ein wenig aufgemöbelt. Erst die Station bei Walter an der Erlachstraße (nach dem der Streiks wegen in beträchtlicher Panik angetretenen Flug nach Mulhouse/Basel und anschließender Fahrt nach Bern). Das gute alte Holzhaus der Hunziker, ein Zeuge meiner Kindheit, jetzt meine Berner Station. Das schöne lange Abendessen und Tafelgespräch, die Freundschaftsstimmung, die alte Länggasse, ganz nahe die Paulus-Kirche und das Revier des Falken. Das Wunderbare ist der Austausch nicht nur der Neuigkeiten im Zeichen der schon bald lebenslangen Freundschaft. Den Anmarsch über die große Schanze an der Uni vorbei nicht zu vergessen ist jedesmal Eintauchen in die Kindheit. Anderntags mit der Schwester zusammen in der Altstadt und zum Essen ins Kirchenfeld; das Museum, die Assistentenzeit. Das Bruder/Schwester-Verhältnis, das den Bogen von der gemeinsamen Kindheit zum auf verschiedene Weise erreichten (hohen) Alter überspannt. Schwester ermutigend eigensinnig, musikverstrickt und lebensangestachelt. Der Begleitgang zum Bahnhof. Nächste Station Baden, das Tochterhaus, die andere »Heimat«. Leonid und Xenia. Danach Darmstadt. Der wunderbare Musenhügel mit russischer Kapelle, Jugendstilmuseum, Akademie, das Studiose oder Gelehrsame als Lebensluft in dem privatimen Jugendstilviertel, der schöne Hergang von Preisverleihung, vorgängigem Wettlesen für den Förderpreis und festlicher Tafel. In der gutdeutschen Stimmung (zu welcher ich auch bei meinem Berliner Aufenthalt zurückgefunden hatte) ist auch ein Wiederanknüpfen an meine Anfänge, die deutsche Studentenehe, die deutsche Verwandtschaft, das alles in den fünfziger Jahren. War nicht die ganze Ausfahrt in Valéries Wagen eine Art Rückkehr? Ich weiß nicht recht, mich will dünken, es stecke oder schwebe in solch deutschen Bildungsbürger-Wohnvierteln ein Überleben von Stimmungen und Kultur(werten), die mich aus der deutschen Literatur vor dem Krieg erreicht und auch ein bißchen geprägt haben. Das Prickelnde besteht darin, daß mir derlei Überlegungen jetzt aus meiner Pariser Optik zufallen.

26. Dezember 2007, Paris

 

Ich sehe den Berner Hauptbahnhof in seiner damaligen winterlichen Verlassenheit zu später Nachtstunde vor mir, man schrieb das Jahr 1950, Februar und klirrende Kälte, wie mir später mit Blick auf die verlassenen Bahnhöfe im frostigen Laternenlicht vorkam, es ging um meine Ausreise, es ging um einen Aufbruch, Ausfahrt? Ich war zwanzig und mager und trug Pelzmütze, Rucksack, Koffer, vor allem war ich allein. Auf dem Bahnhof oder vielleicht Bahnsteig neben meiner Mutter, obwohl ich mir da nicht sicher sein kann, Fritz Braaker mit seiner Frau Vroni, die Eltern meines Schulkameraden Jürgen, die eine Art Ersatzelternrolle innehatten. Mein Geleit. Es ging ja um ein Abschiednehmen und Ausfahren in die weite Welt. Und kalt war es in meinem leeren hölzernen Abteil, und ich in dem dicken Wintermantel, in dessen Tasche ich die Bahnkarte trug: Bern–Reggio di Calabria (einfache Fahrt). Allein in der nächtlichen Kälte des Zuges, das Ende des Kriegs war erst kurze fünf Jahre her, und der Mut war nicht überaus groß. Warum fuhr ich in die weite Welt hinaus? Ich war gerade Abiturient, noch nicht Student, angehender Dichter war ich in meinen Augen, kein Student, das Studentsein war für die anderen, die Schulkameraden, die Vatersöhnchen, die beflissenen, ich gehörte nicht zu ihnen, ich gehörte zu den Aufbrechenden. Von Schlaf keine Spur, ich starrte durch das Fenster ins Dunkel oder in mein Spiegelbild, das in kürzeren oder längeren Abständen durch winterliche Bahnsteige fremder Bahnhöfe in frostigem Laternenlicht abgelöst wurde. Das Rattern, das Rollen der Räder, das Mithüpfen des Körpers, vielleicht leise Bangnis im Innern oder in der Magengrube, auch vage Erwartung. Ich fuhr weg aus der Kindheit und ins Leben hinein. Bangnis und Erwartung lösten sich auf in schicksalsergebener Müdigkeit, in leichtem Schlummer, in rein körperlichen Sensationen. Ich frage mich, was ich verließ.

Sehe ich den Reisenden von außen, klebt nichts von verlassener Nestwärme an ihm, offenbar gibt es kein Nest. Wohin will er, was flieht er? Die Idee mit der Reise in den tiefen Süden ist ihm aus allerlei Anstößen zugefallen. Da war der Fragebogen des Klassenlehrers nach den Zielen der Abiturienten: Studienrichtung, Studienort. Ich hatte die Studienrichtung durchgestrichen und statt dessen Schriftsteller eingesetzt. Als Ort hatte ich Liparische Inseln angegeben. Auf die Liparischen Inseln, die mir schon als Vorstellung eher suspekt vorkamen, war ich durch einen Studenten namens Armin Balzer verfallen, einen Medizinstudenten, mit dem mich eine eher neugierige denn freundschaftliche Beziehung verband, schon darum, weil er ein Moribund war, ein von einem Hirntumor Operierter, der nurmehr wenig Lebenserwartung und darum nichts zu tun hatte und ein- oder mehrmals zu Besuch kam und mich auf die Liparischen Inseln gebracht hatte, weil er sie kannte, wie er sich im übrigen auch in der Literatur auskannte und von daher für meinen Fall ein gewisses Interesse aufbrachte. Ich hatte Zeit, weil ich nicht studierte, und er hatte Zeit, weil er studiert und womöglich abgeschlossen, aber als Todeskandidat keine Zukunft hatte. Statt den Liparischen Inseln hatte ich mich mit Hilfe der Landkarte oder des Globus für Reggio entschieden, nach Reggio gab es Fahrkarten, umsteigen in Rom. Doch warum wollte ich ausreisen? Eine romantische Idee? Die Mansarde war kahl und abgeschrägt, minimal möbliert, ein Kohleofen mit einem den kleinen Raum durchquerenden schwarzen Rohr, Kanonenofen, eine Gauguin-Reproduktion mit Südseemädchen, in solcher Umgebung, meine ich mich zu erinnern, fand die Unterhaltung mit Armin Balzer statt. Waren wir denn 1949 noch nicht aus der Länggasse verzogen? Gab es die Überbleibsel der Familienpension, die Restbestände meines Kindheitsdomizils denn noch? Ja, denn sonst hätte ich ja die Jenny aus meinem Stolz, die ich erst nach der Rückkehr von der Italienfahrt kennenlernte, nicht nächtlicherweise in die bereits unbewohnte, leerstehende Länggassewohnung verbringen können. Warum ich die Reise unternahm? Womöglich hatten wir die neue Wohnung in der inneren Enge bereits, vermutlich war alles bereits liquidiert? Die Erinnerung vermeldet nichts von Obdachlosigkeit, fehlendem Domizil, obwohl ich dann ja bald einmal definitiv in die Mansarde Gerechtigkeitsgasse eingezogen und nur besuchsweise zu Mutter und Schwester an die Egelgasse im Ostring gegangen bin. Ich wundere mich darüber, daß ich so wenig unter der häuslichen Instabilität, dem Fehlen von Anhang gelitten zu haben scheine. War ich so verdammt selbständig? Ich war gerade eben zwanzig, ohne Beruf, ohne Einkommen, Sicherheit, Nestwärme, alle anderen hatten ein Elternhaus, einen familiären Hintergrund, materielle Polster – ich hatte bloß Zukunft und Zukunftshunger, Lebenshunger und etliche Selbstüberzeugtheit, Einbildung, Einbildungskraft, Unbekümmertheit, Lust auf Erfahrungen und Feuerproben, Neugierde darauf, was mir die Zukunft bescheren würde. Und so fuhr ich durch die februarkalte Nacht in den Süden in meiner Pelzmütze und dem dicken Wintermantel, bald einmal einigermaßen vergnügt.

In Rom bin ich zwischen den Zügen schnell zum Tiber gelaufen, und nach Rom ratterte die Bahn die Meeresküste entlang, und der Zug war überfüllt von italienischem Volk, die sich an Wein und Salami und Früchten gütlich taten, und bald einmal tauchten vor den Fenstern die Orangen- und Zitronenhaine auf, eine junge Frau stillte ihr Kind an der prallen nackten Brust, wo fuhr ich nur hin? Ich hatte in ganz Italien nichts, das ich ansteuerte, nichts, das mich erwartete, für mich war ganz Italien ein großer fremder unbetretener Stiefel und Kontinent. Ich fuhr durch und hatte kein Ziel, nur leise Bangnis bei der Vorstellung, was ich mit mir anfangen sollte bei soviel Fremdland und bei den erbärmlichen Sprachkenntnissen. Eine Adresse trug ich bei mir, die hatte mir Armin Balzer vor dem Abschied zugesteckt – für alle Fälle. Es war die Anschrift von Freunden seiner Eltern in Neapel, sie lautete auf ein Meeresforschungsinstitut, das im Volksmund Acquario hieß.

Reggio war der reine Spuk, weiße Kuben die Häuser, die nähere Umgebung Kakteenwüste. Die Hauptverkehrsader zur Zeit des mittäglichen Stoßverkehrs ein Tumult von energiegeladenen Vehikeln, ein dröhnendes Spektakel, danach schien die Stadt wie ausgestorben unter der Hitze. Ich bezog ein billiges Hotel, ich lief herum, ich verdrückte mich in ein bescheidenes Eßlokal, aller Augen richteten sich auf den auffallenden Fremden, der nicht viel mehr als ein Jüngelchen war. Ich lief zum Meeresstrand. Ich trieb mich herum, ich sog die Luft der mich ausschließenden Fremde ein, ich entzifferte mühsam das Unbekannte oder versuchte es auch nur. Ein anderer hätte einen Stadtplan erstanden, um sich ein Bild von der fremden Umgebung machen zu können.

Im Hotel kehrte eine mürrische Matrone den von Wursthäuten und anderem Abfall übersäten Steinboden auf, das Bett schien schmutzig, einen Balkon, den gab es. Spazierengehen, essen gehen. Da war einfach niemand gewesen, der mir zu Hause Ratschläge gegeben oder Befürchtungen ausgesprochen hätte. Warum nur, warum ließ man mich so wortlos, so sorglos ziehen? War da niemand, der sich um mich kümmerte? Oder wären Bedenken an mir und meiner Selbstüberzeugtheit abgeprallt? Vater war tot, Großmutter verstorben, die Schwester eigensüchtig, die Mutter? verschüchtert? Ich schiffte mich bald einmal nach Sizilien ein. Und fuhr wenig später von Messina nach Neapel zurück, um mich im Meeresforschungsinstitut vorzustellen. Von da nach Ischia.

30. Dezember 2007, Paris

 

Morgen ist Silvester, Odile fährt möglicherweise nach Basel zu Freunden, Igor reist morgen nach Reutlingen ab, um dort zu feiern, bevor seine ersten Examina angehen. Mich stört das Alleinsein keineswegs, würde allenfalls zu Saint-Julien-le-Pauvre pilgern wie meistens und zu Hause aufräumen, den Dreck vom endenden Jahr wegkehren und ein paar Zeilen oder Seiten tippen, wo ich seit vorgestern endlich das neue Buch angefangen zu haben scheine, ich wage es kaum zu glauben und nenne es seit meinem eben beendeten Morgenspaziergang Der Nagel im Kopf, weiß nicht wieso. Ich hatte, immer von dem Projekt Salve Maria ausgehend, an einen Anfang mit meiner Italienreise gedacht, an die nächtliche Ausfahrt, um das Ich nach Italien zu befördern, doch das alles ergab nichts oder ödete mich an. Und so dachte ich an Personalien und daß ich sie nicht mag oder daß der Schreiber sie nicht zu mögen vorgibt, der Gedanke, der Satz war aus der Luft gegriffen, und dann ging der Satz im Selbstgesprächston seiner Wege und wuchs sich zu über zwei Seiten aus, und ich dachte, jetzt habe ich das Buch angefangen, ob es der Monologton von der Forelle ist, stehe dahin, ein Ton ist es. Und die Erzählweise vagabundierend, aber auch vernagelt oder eigensinnig, ich finde das Wort nicht, egal. In dieser vagabundierenden Kopfreise kann ich einfach alles unterbringen und einfangen, das Nächste und Fernste, sogar Maria. Habe den Anfangssatz gestern Martin Dean und Silvia vorgelesen, und er passierte die Zollgrenze, und spät nachts las ich den ganzen Anfang Odile vor, die an dem Ganzen ihre Freude hatte oder zu haben vorgab. Und sollte ich wirklich mit dem neuen Buch angefangen haben, so bin ich gerettet, weil ich meine Arbeit habe, mich von dem Text führen und verführen lassen kann, nimm mich an die Hand. Und der Rest ist Schweigen. Jetzt wird es sein wie beim Schreiben der Forelle, der Text schwänzelt aus der Tastatur der uralten Maschine, und ich lasse mich überraschen, jeden Tag ein Stückchen weiter, mal sehen, wohin das führt. Wenn nur der Nagel im Kopf hält und nicht nachgibt.

 

Silvesternacht wie der Heilige Abend vermutlich mit den Oehlers, Dodolphe und Ulrike an der Avenue Trudaine. Zum Jahresende 2007 gehört die unmittelbar bevorstehende Liquidierung der Wohnung und Adresse 262, rue Saint-Honoré beim Palais-Royal sowie die Übersiedlung in den Montparnasse.

 

Was mich umtreibt, ist die Frage, warum ich so lange mit dem Anfangen des neuen Buches nicht nur zugewartet habe, sondern in den qualvollsten innerlichen Märtyrien zubrachte. Vermutlich hatte ich die irrige Idee, einen Plot oder Plan für die Maria-Story finden zu müssen, und zudem eine Ahnung darüber, was sich hinter der mich über Jahrzehnte wie einen Albtraum begleitenden Thematik (an Herrlichkeit und Tiefsinn) verbarg. Alle vorstellbaren Wege zu der Maria lösten sich in nichts auf, kaum daß ich sie innerlich anvisierte. Das Vorhaben zerbröckelte, zerrann wie eine Schaumtorte. Bis meine Verzweiflung vor dem offensichtlich unerreichbaren Vorhaben so groß wurde, daß ich es gewissermaßen mit dem Schuh wegschob und statt dessen den anscheinend sinnlosen Satz »Immer schon hatte ich Mühe mit meinen Personalien« hinschrieb und einen zweiten Satz hinzufügte, der mir das Gefühl gab, ich hätte einen Ton angeschlagen, und damit hatte ich die überlebensgroße Hausaufgabe und die dazugehörige Last vom Buckel und konnte anfangen, und zwar wunderbar verantwortungsleicht. Wir werden sehen. Immerhin scheint die Blockade gewichen. Bin gespannt, wie ich, wenn überhaupt, auf die Maria zurückkomme. Statt Maria Der Nagel im Kopf.