2008

 

19. April 2008, Paris

 

Merkwürdige Heimwehgefühle für die alte Wohngegend rund um Palais Royal. Immer wenn ich von der Rive Gauche kommend die Seine überquere und sich das Panorama von Louvre und den Rivolidächern hinter den Gärten der Tuilerien abzuzeichnen beginnt, überkommt mich ein schmerzliches Heimweh- oder Heimkehrergefühl. Offenbar liebte ich diese großgebärdige Architekturräumlichkeit mitsamt den Arkaden und den kleinen Quartiergassen hinter Saint-Roch und hinter dem Garten des Palais Royal über alles. Oder es hat sich mir in den fast dreißig Jahren wie ein erweiterter Leib anverwandelt. Nun, ich bin eben am neuen Wohnort noch nicht heimisch, das will seine Zeit. Die Frage ist, ob ich ein Montparnassien werden kann. Mit Montmartre, meiner allerersten Wohngegend, der Tantengegend, fühle ich mich bis heute verwachsen. Man wird sehen. Ich bin ja inzwischen weiß Gott kein jugendlicher Newcomer mehr. Das erschwert alles.

Ich beginne das neue Viertel zu entdecken, vor allem entdecke ich die Verkehrswege und die in Frage kommenden Transportmittel. Bis dahin hatte ich mich auf die Achse des 68er-Busses beschränkt, der über Saint-Germain und Boulevard Raspail vom alten zum neuen Domizil eine Direktverbindung herstellt. Nun tendiere ich neuerdings mehr in Richtung Port Royal–Observatoire (Closerie des Lilas), um mit dem Bus 38 über den Boulevard Saint-Michel in Richtung Stadtmitte (St. Michel, Notre-Dame, Châtelet etc.) runterzustechen; so heute früh, die Straßen leer, weil Wochenende. An der Bushaltestelle Val-de-Grâce ein Asiate im Unterstand der Haltestelle, die randvoll mit Kartons und ähnlichem Gerümpel vollgestopft war, er schien die »Ware« (wo immer sie herstammt) wie in einem Magazin zum Entsorgen (?), Zusammenzuschnüren? zu stapeln? im Begriff zu stehen. Erinnerte mich an Altwarenbootsleute auf dem Mekong. Eifrig beschäftigt. Auf der gegenüberliegenden Seite, ebenfalls im Unterstand der Bushaltestelle, ein armer Kerl mit einem nicht nur verrenkten, sondern einem rechtwinklig abstehenden Hals und Kopf. Er war nicht einfach verunstaltet, er war verwachsen, verkrüppelt, ein noch jüngerer Mann; und wenn er die Flasche, unter schrecklichen Leibesverrenkungen aus der Tasche hervorzuzerren sich anschickte, mußte er sich halb querlegen, um sich zum Trinken in die geeignete Lage zu bringen. Während er nur so dasaß, in einer verräterisch verqueren Haltung, hätte man annehmen können, er habe einfach den Kopf zur Seite geneigt, doch ließ einen das Übertriebene näher hinschauen; während er also in seiner üblen Lage und in dem Versteck des Unterstands so dasaß, redete er andauernd vor sich hin und gestikulierte dabei mit den Fingern. Er war in seiner Verrenkung wie in einem Käfig oder Folterstuhl gefangen. Und etwas weiter schickten sich drei Männer an, ein schönes Motorrad in einen hinten offenen Lieferwagen zu schieben, ich ertappte mich dabei, daß ich an Diebstahl dachte, obwohl die Männer in ihren Arbeitsgewändern annähernd uniformiert wirkten. Und die Bäume standen im jungen Laub, und dann kam der Bus, und der etwas ältere unternehmerisch wirkende, gutangezogene Mann, der mit mir zusammen gewartet und den vor sich hin werkelnden Asiaten verwundert betrachtet hatte, ich las Frage und Zweifel in seinem Gesicht, stieg vor mir ein, und wir rollten den sonnabendlich leeren Boulevard hinunter bis in die Rue de Rivoli, wo ich in den Bus 72 umstieg, um wieder einmal zu meinem Lieblingsmarkt Nähe Musée d’Art Moderne Avenue du Président Wilson zu fahren. Welch ein Unterschied zu den mir bis heute bekannten Märkten in meinem neuen Wohnviertel: Im Vergleich zu dem an einen Volksaufstand gemahnenden Marktwarengetümmel in der Gegend Edgar Quinet ist mein Lieblingsmarkt eine heitere Folge lieblicher Marktstände unter Wolken wunderbarer Gemüse-, Früchte- und Fleischdüfte. Eine Straße angenehmster Überraschungen. Die Vorliebe für Märkte stammt aus meiner Kindheit und gehört zum wenigen, das ich erinnerungsweise mit meiner Mutter verbinde, die ich jeweilen begleiten durfte.

22. April 2008, Paris

 

Nach Odiles neuerlichem Einsatz in meiner neuen Wohnung (Küchenschränke, Umtopfen der von Eva spendierten Kamelie, Ordnungschaffen in den Wäsche- und Kleiderablagen etc.) nimmt die Wohnqualität merklich zu. Sie und ich haben ein neues, gegenseitig auf Anerkennung und erhöhtem Verständnis beruhendes Verhältnis gewonnen, offensichtlich haben wir beide hinzugelernt oder auch nur: den anderen neu kennengelernt.

Ohne tägliches Schreiben verkomme ich. Da seit dem Umzug ohne Fernsehen, hat das nächtliche Lesen wieder eingesetzt, neuerdings in einer Nacht Stifters Witiko durchgesehen, mit Genuß und Gewinn; der Nachsommer gehörte zu meinen stärksten Leseeindrücken in der Gymnasialzeit (auch Bunte Steine, die Erzählungen). Zuletzt wieder in den wunderbaren Tschechow eingedrungen, nebst Bunins Tschechow-Erinnerungen. Vordem Wassili Grossman und Primo Levi, die Schrecken der totalitären (Konzentrationslager-)Systeme, das Entsetzen, die Hoffnungslosigkeit gegenüber dem Menschentum, angesichts der Ungerechtigkeit, der Vertierung. Falsches Wort. Ent-menschung.

Nächte von unstillbarem Lesehunger durchflackert. Die wunderbare Person, die überwältigende Menschlichkeit und Gerechtigkeit Tschechows. Das Wüten meiner Schwester am Telephon, zwischen den grundlosen Wutanfällen gegen wen auch immer nicht nur helle, sondern wissende und packende und darum ermutigende Bemerkungen über Musik und das Handwerk des Klavierspielens und ihre Kunsttrunkenheit. Vitalität kann man ihr nicht absprechen, weiß Gott.

 

Die ersten Solothurner Literaturtage – es ist ein halbes Leben her – waren der erste Auftritt in der Schweiz nach meiner Abwanderung nach Paris. Ich war gerade zwei Jahre weg und alles andere als selbstgewiß, ich wußte ja keineswegs, ob sich die Hoffnungen auf einen radikalen Neubeginn erfüllen würden. Auch hatte ich kein neues Buch unter der Hand, jedoch viel notiert. Ich wählte aus dem Stoß Notizen einen Teil aus, die Blätter handelten von dem neuen Alltag, von Kleinmut und Übermut, Einsamkeit; von einem Bordellbesuch und dem erinnerten Besuch der Mutter im Altersheim, vom Schreiben. Die Kollegen hörten sich den Bericht des Abtrünnigen freundlich an, ich erinnere mich an das aufmerksame Gesicht von Gerhard Meier, die belustigte Miene von Gertrud Leutenegger, das Schmunzeln von Freund Fringeli. Und an die kluge Moderation von Heinz Schafroth (oder moderierte Christoph Kuhn?). Das Vorgelesene erwies sich später als der Romananfang von meinem Jahr der Liebe. Es gibt ein Foto von der Tagung. Ich sehe aus wie einer, der friert.

25. April 2008, Paris

 

Man sitzt ja im Käfig der eigenen Einbildung, ich meine Selbstbildnisses, man schaut ja nicht in den Spiegel, sieht nicht die altgewordene Ausgabe seiner selbst, wie alt ist das Selbstgewissen, ich meine das Bild von sich, das man herumträgt, etwa in der Metro, so wie heute auf der Linie Porte de la Chapelle, unterwegs zur Bank, um eine Überweisung ins Ausland zu veranlassen, Schuldenzurückzahlung; und wer ist der, der dem gegenübersitzenden Mädchen, jungen Frau zuschaut, die jenen unantastbaren Liebreiz atmet, der nur jungen, noch unverletzten, insgeheim hochgemuten, selbstgewissen Frauen eigen ist; alles war Anmut an ihr; ich las die Haltung des schönen Gesichts, den Mund, die bewimperten Augen, den Blick, ich spürte das Wesen auf, das sorglos selbstgewisse, ich konnte nicht anders, ich lächelte sie an (da sie ja merkte, wie ich in ihr las), und sie lächelte zurück, nein, das Zurücklächeln entschlüpfte ihr gewissermaßen, nur für einen flüchtigen Augenblick, bevor sie sich wieder zusammenfaßte, ich vertiefte mich wieder in die Zeitung und dachte, Mensch Mann, so alt und lächelst einer Unbekannten zu in der Metro, und als sie aufstand, sah ich das ganze Persönchen, wunderbar die Silhouette, ein Traum von einem Anblick, und wie sie entschwand, an der Station Madeleine, ob sie da wohnt? möglich, sie paßt jedenfalls da hin, dachte ich noch und spurte meine Gedanken auf das Bankgespräch ein.

Und eben hat Hörning angerufen, ganz überwältigt von der offenbar umwerfend groß aufgemachten und einfach wunderbaren Huldigung meiner Schriftstellerperson in der Berliner Zeitschrift Liebling.

Ich kam wohl darum auf die Frage nach dem Alter der eigenen Identitätsvorstellung oder besser gesagt des inneren Paßbildes, weil Hörning von den in Liebling abgebildeten Fotos sprach, den von dem Schweden für diesen Anlaß aufgenommenen und der Fotostraße, wie Martin Simons, der den Text schrieb, sich ausdrückte, um die verschwenderische Bildrepräsentation hervorzuheben; kam darum darauf, weil ja die Bilder oder Konterfeis in einem bestimmten Alter immer ein Schock sind, so siehst du aus? schrecklich! und dann erwischt man sich dabei, wie man eine erregende Schöne nicht nur von ferne bewundert, sondern wie eine zu Erobernde (wie der Jäger das Wild) anschaut oder anstarrt, einfach hemmungslos. Und das bei deinem heutigen Aussehen, denkt man hinterher. Nun, es ist wie in dem Traum von dem Weltmeisterschaftsboxkampf, immer alles möglich, wenn das Wünschen nur ausreicht. Jeden Tag schreiben, jeden Tag ein wenig die Schreibmaschine bewegen, nur nie aussetzen. Hörning meint, bis Solothurn dürfte sogar das neue Journal gebunden vorliegen. Prima.

8. Mai 2008, Paris

 

Die Solothurner Literaturtage – diesmal zum dreißigjährigen Jubiläum – waren eine Art (verwirrender) Apotheose, die Lesung im großen Landhaussaal gerammelt voll, an die achthundert Besucher, wie man mir sagte; und selbigen Tags, vor den Mittagsnachrichten, ein ausgedehntes Radiogespräch, das ich einigermaßen energisch bis humoristisch durchfocht; fast könnte man mich zu nationaler Größe aufgebaut sehen, mich den Abtrünnigen.

Zu den Tagen erschienen Valérie, Leonid, Xenia, Valentin, Nina aus Riga nicht zu vergessen. Viel viel Volk, einige wenige alte Kollegen (Pedretti Bichsel Steiner Muschg Martin Dean …). Ich las aus dem neuen Journal, das eben erst herausgekommen ist, ich las aus den Korrekturfahnen. Ich bin eine Art Literaturheiliger geworden, will mir scheinen.

Bei Valérie in Baden eine Essenseinladung mit (Kienlechner) Betsi und Valentin und Marianne und den Wüschers aus Schaffhausen. Den Tag danach mit Martin und Silvia Dean-Henke in Hergiswil am Vierwaldstättersee bei Martin Kilchmann; Kilchmann hat den Materialienband bei Suhrkamp gemacht und war in den achtziger Jahren blutjung des öftern bei uns an der Rue Labat. Und ich war des öftern in Luzern in ehelichem Exil, in schöner lebenssüchtiger Verbannung, das war noch vor dem Hund Flen und zu Zeiten des alten noblen Rover. Ich war ein bißchen verliebt in Barbara Leisinger, die in der Kunstgalerie Renée Ziegler (als Galerieassistentin und Liebreizkönigin) eine Menge Kron- und Heiratsprätendenten empfing, darunter mich. Es gibt eine kleine Prosaskizze davon oder darüber, weiß nicht mehr, wie sie heißt. Es war in den Sechzigern.

In der neuen Wohnung Rue Campagne Première ist es angenehm kühl bis kalt und leider ziemlich dunkel. Jetzt noch Korrekturlesen von Dianes Übersetzung der kommenden Essays und Kurzprosa. Danach den Text für Goldschmidt (Text & Kritik) fertigstellen und dann an den Nagel (im Kopf).

8. Juni 2008, Paris

 

Schwermut. Nein, meine Mutter war eher eine Frohnatur, wenn ich mich auch daran erinnere, daß sie uns Kindern gegenüber damit gedroht hatte, in den dunklen Wald zu gehen und nicht wiederzukommen, falls wir nicht gehorchten oder was immer taten oder unterließen: was mich vermutlich tief erschreckte, sonst erinnerte ich mich ja nicht daran. Schwermütig war die schöne Lena, wie sie in meinem Haus-Buch heißt, die Hausbesitzers- und Juweliers-Witwentochter, die sich tagelang in ihr verdunkeltes Zimmer einschloß und mit einer unnatürlich und widerlich piepsigen Stimme antwortete, wenn ihre verschüchterte und bald einmal versteinte Mutter anklopfte; und ich erinnere mich, daß diese dabei wie von einem Schlag ins Gesicht zurückwich. Man hat die schöne, die in normalen Phasen wohlriechende, berückende Schönheit ja dann eines Tages auf eine Tragbahre geschnallt die Treppen hinuntergetragen und mit der Ambulanz ins Irrenhaus oder eine Klinik verbracht. Und Lenas Mutter hat gleich danach das Haus, das ganze große Mietshaus, verkauft. Und hat nie wieder von sich hören lassen. Und von Schwermut vorübergehend heimgesucht schien mir die alte Dame Mihma Dohrn auf Ischia, sie schloß sich auch in ihr Zimmer ein, verkroch sich gewissermaßen ins Dunkle, bis ich sie mit List und Tücke dazu überreden konnte, mich auf einen Spaziergang zu begleiten, was ihr anscheinend aufhalf und aus der inneren Dunkelhaft befreite. Ich war zwanzig und ungefiedert, und sie eine Flüchtlingsfrau aus Pommern oder Schlesien, Gutsbesitzersgattin. Ich komme auf die Schwermut zu sprechen, als wäre sie das mir Vertrauteste von der Welt, heute gebraucht man das Wort nicht mehr, man hat es durch Depression ersetzt. Ich meine Odiles für depressive Anwandlungen oder Zustände empfindliche Person, sie stürzt ja immer von neuem ab, es hat mit Unerfülltsein, mit Einsamkeit, tiefem Entbehren und daraus hervorgehender Mutlosigkeit manchmal bis zur Erschöpfung zu tun. Woher das Glück nehmen. Früher dachte ich an Schwermut wie an eine Frauenkrankheit unter vielen anderen.

 

Nein, meine Mutter war eher eine Frohnatur, wenn sie nicht wie eine Automatin agierte, vor allem im Alter, wo sie so sehr verbohrt und unzugänglich und unnatürlich wurde – oder war es Eingeschüchtertsein? ein vor lauter Einschüchterung Steifsein?, so daß alles aufgesetzt an ihr wirkte und sie unerreichbar zu sein schien. Ich glaube, Schwermutsanfälle haben tiefe Ratlosigkeit zur Voraussetzung, Ratlosigkeit, Sinnlosigkeit. Desorientierung.

 

Brigitte kannte auch Schwermutszustände, will mir scheinen. Wie pubertierende Mädchen. Ich frage mich, woher mir die genannte Geistesverfassung so vertraut ist. Ich bin ja nie mutlos. Oder wäre ich jemand, der beim andern, beim Nächsten, Schwermutsanfälle auslösen kann, dachte ich auch schon.

17. Juni 2008, Paris

 

Übermorgen (früh) gehts nach Frankfurt, Düsseldorf, Baden, Basel, ins Elsaß (Laissue, Atelier), eine Art Geschäftsreise – Düsseldorf und Elsaß sind ja Kunsthandelskontakte zwecks möglicher Auftragstexte; im Verlag Abklärungen über kommende Publikationen. Ulla Berkéwicz, Hörning, Rainer Weiss, Maria Gazzetti, Gstrein: zu Freundschaftsgesprächen.

Im Zusammenhang mit dem Nagel im Kopf habe ich in dem frühesten Agenda-Ordner die Passagen über das Heranwachsen, das Familienunglück, was ist die Last, was ist der Packen, wiedergelesen sowie Elisabeth Plahutniks dokumentarische Porträtskizzen über meine Person mit 42 Jahren, nebst Interpretation dahingehend, daß mein selbstbewußtes Draufgänger- und Charmiererwesen eine Versteckfigur sei zum Schutz der frühkindlichen Verletzungen, die mich geprägt haben. Skizze und Interpretation sind von treffsicherem Einfühlungsdenken geprägt und prima formuliert.

Für mich der Ausgangspunkt in diesem Zusammenhang: der schnoddrige kalte Wegwerf-Ton im neuen Text, der kaltschnäuzig mit der Problematisierung der eigenen Personalien beginnt und das Ausreisen nach Kalabrien (als Eintritt in ein selbstgewähltes Erwachsenenleben) zum Hintergrund hat – immer in der Hoffnung, auf die Maria-Story einlenken zu können. Dieser Ton ist von einer komischen Kälte, eigentlich Gefühlslosigkeit, er gehört zur »Versteckfigur«. Dieser junge Mensch ist ohne Anhang und Zugehörigkeit, absolut allein und läßt auch schon ein bißchen die Tendenz zur Selbstauslöschung durchscheinen. Lese ich diese Allüre vor dem Hintergrund der im Ordner zur Sprache kommenden frühkindlichen Belastung, dann wird Elisabeths Vermutung evident. Die frühkindliche Verfesselung in das nicht zu bewältigende, aus schreiender Verunsicherung und vereinsamender Demütigung herrührende Unglück setzt die Introspektion, den fast schon Überlebens-Drang nach innerer Ausbalancierung in Gang und damit das Autistische, das eben auch die Verhinderung eines freien Erzählens, der Geschichte (keine Geschichte, kein Passbild, keine Personalien, keine Entwicklung, keine Handlung! etc.) bewirkt.

Ja, das spätere Autofiktionäre bis zum Skandal hat da seinen Ursprung. Und der Klebstoff der nach innen gehenden grüblerischen bis sezierenden Ausrichtung sind eben Verletzung und Preisgegebensein. Und um das zu verbergen, wäre die Versteckfigur meines Icherzählers entstanden, von der Elisabeth meint, sie habe so wenig mit meiner Person zu tun, wenn sie auch nur von dieser Person zu handeln vorgebe. Die Versteckfigur ist absolut autonom (wie es das ganz kleine Kind ohne elterliche Hilfe zu sein gezwungen war). Das Unglück ist die weiße Seite, die leer bleibt; in der Forelle, sagt Doris Krockauer, wird das Unglück, der eigentliche Ausgangspunkt aller meiner literarischen Vorstöße, nicht nur Ausgangspunkt, sondern Quelle und Motor, verschwiegen. Wieder eine Versteckfigur, ein schnoddriger, erbarmungsloser, wenn insgeheim auch um Erbarmen vielleicht geradezu bettelnder Held, ins Leben geschickt oder geworfen, mutterseelenallein, von vornherein desillusioniert, wenn auch sensitiv, Taugenichts und Selbstmörder in der Anlage. Und hier fließt eben auch der Walsersche und Lermontowsche Refuznik ein, Bildung und Karriere abhold und abgeneigt und wohl im tiefsten liebesunfähig.

 

Die entsprechenden »Forschungen« über das frühkindliche Verhängnis habe ich vor dem Wal betrieben, unter anderem in Montmardelin. Sind meine Helden Poseure? Sie sind es aus Fälschungstendenzen? Sie können nicht akzeptieren und nicht verkraften, was sie an Personalien mitbringen oder aufgebürdet bekommen haben. Sie sind geschädigt und gleiten in den Umriß eines hochmütigen Weltverächters und Lebensverneiners, wobei sie aus dieser Position heraus dennoch allerhand (sprachlich sensitiv) an sich zu bringen, zu erfinden und sogar zu verherrlichen vermögen. Aber die innere Kältedistanz wird nie gebrochen.

30. Juni 2008, Paris

 

Vom Elsaß zurück nach Baden und anderntags weiter nach Bern. In Bern wie in Zürich hat man den Eindruck von nie endenden Ferienaufenthaltsorten und -szenarien. See oder Aarebad, es ist, wie ich immer dachte, wie Lebenspielen, nicht wie Leben und Lebenskampf. Freiheit als ewige Freizeit, totalversichert und ultrakomfortabel. Es ist das sonnige Aufgeräumte, es ist die Präsenz der erholungsfreudigen Touristen mit ihrem neugierigen Blick auf das Gelingen des schweizerischen Systems. Es ist das Spielwarenhafte der schönkonservierten Bilderbuchaspekte der Städte und Städtchen. Wenn ich aus der Schweiz kommend ins Pariser Leben tauche, empfinde ich die Wohltaten des wunderbaren, unerforschlichen Gewimmels von Erden- und Erdgeschoßleben, das Gerüchebad, das ermutigend Unvollkommene Gärende Tapfere Poetische: Lebenswerte, den endlosen Film oder Roman im Kulissenschatten einstiger Herrlichkeit, es ist immer soviel Vorhaben und Muthabenmüssen und Verquickung von Mühsal und Hoffnung im Spiel. Es ist das Bad des Lebens, mein Element. Und nun tummle dich. Und alles steht offen

 

Bern ist sowohl Beklemmung wie ein Wiederanknüpfen an die Frühe. Wobei, und das gilt für die ganze Schweiz, mir einmal mehr bewußt wurde, daß ich damals, 1976/77, eben noch den letzten Zug zu meiner Rettung erwischt habe, ich meine die künstlerische Rettung. Nicht auszudenken, was aus und mit mir geworden wäre, hätte ich bleiben müssen.

Baden, Bern, Zürich. Auch in Zürich ist seelischer Klebstoff, habe ich da doch immerhin 13 sehr tätige, intensive Jahre verbracht – die Stationen: Höngg, Rollengasse, Stockerstraße und die Intermezzi In Gassen und Delphinstraße. Gegenüber der winzigen Bleibe In Gassen das Wirtshaus Kropf. Zusammen mit Boris als einzige Gäste Samstag nachmittag da verbracht mit guten weit ausholenden Gesprächen. Es ist ein Wiederanknüpfen oder Wiedergutmachen, ich spreche von der Vater/Sohn-Beziehung. Mit Boris im Hotel Zürichberg genächtigt und gefrühstückt inklusive Besuch von Brigitte. Anderntags Marianne einen Besuch abgestattet Nähe Bahnhof Enge.

Sind diese Besuche und Abstecher in die Vergangenheit nicht im Zusammenhang mit der Plafonnierung für den neuen Roman anzusehen? Ich fahnde nach den psychischen Fundamenten des neuen Romanhelden; muß ihn aus den frühen Sedimenten ausbuddeln.

 

Bleibt die Konfrontation mit Deutschland. In Düsseldorf steht vor der Galerie von Wolfgang Gmyrek eine Plastik von Bobek. Schrecklich das einer Emiratenkette gehörende Luxushotel aus Marmor und High Technology, eine blöde Mischung oder Paarung, das Gegenteil von Gastgeberfreundlichkeit, das nackte Geld. Doch bei Tadeusz im Atelier mit all den verstiegenen Figuren, hauptsächlich Frauen, teils komisch verdreht im Raum an Ringen hängend, Zirkusartistennummern oder Folterübungen zwecks Frei- und Preisgabe der weiblichen Körpernatur. Ich liebe ja Künstlerateliers und spürte gleich, wie ich mich in Wohlgefallen und Wohlbefinden zu entspannen begann. Wobei der untersetzte, kräftige Maler, Nichttrinker, weil Alkoholiker, wie er bekanntgab, gleich meine Sympathie erweckte, kurzangebunden und mitteilsam, eine seltene Mischung, ein Energiebündel? ein Schaffensfanatiker? im Beisein seiner beträchtlich jüngeren hübschen blonden freimütigen (?) Frau zunehmend sich eröffnete, hatte ich den Eindruck. Zur Stimmung der Freimütigkeit trug die Anwesenheit des Kunsthändlers Gmyrek bei, eines großen wuchtigen korpulenten liebenswürdig schlauen Mannes. Der uns anschließend zusammen mit einem Literaturkritiker in ein Nobelrestaurant ausführte.

Die vielen im Zug verbrachten Stunden, das Lesen, Denken, Dämmern, Schlummern, die sowohl einschläfernde wie stimulierende Lokomotion. Ein Fries von Begegnungen, Ansichten, Schauplätzen, Bühnen. Tadeusz’ Figuren sind akrobatische Knäuel und Verknäuelungen.

8. Juli 2008, Paris

 

Heute ist Dienstag, es ist Mittag, gestern abend war Samuel Moser zu Besuch, er reist mit dem Heinz-Schafroth-Clan in Bälde nach Griechenland wie so oft schon; und Odile und ich sind Sonntag spät von Rom zurückgekehrt. In Rom wars heiß, an die 35 Grad, für mich schwer erträglich wie das ganze Herumlaufen überhaupt, ich bin wirklich nicht mehr sehr marschtüchtig, und Rom war zum Ertrinken schön oder bewegend, wenn ich’s auch nur wie durch eine allmählich Gestalt annehmende Erinnerung hindurch – aber dann doch am Leibe – verspürte. Es ist vor allem der steinern leibhaftige, der mörtelige Maueraspekt in diesen rötlichen und ockernen Tönen, du wirst augenblicklich irdisch, zum Erdenwesen, du gehst im Lichte, das wirklich bis auf den Boden hinunter glänzt, du gehst schlaftrunken-weltergeben, halb schlafwandlerisch daher in diesen Mauern und Mauergäßchen, dieser ganzen bröckeligen Hinterlassenschaft, immer tief im Steine. Und zum Mauerwerk gehören die Schirme der Pinien und die dunkel züngelnden Zypressen, alles ist packend greifbar, und du wirfst allen hochgreifend oder himmelstürmenden Ballast ab und gehst essen. Wir wohnten in unmittelbarer Nähe der Porta Pinciana in einem Viersternhotel. Und für mich am schönsten war der Vormittag des zweiten Tages, der Samstagvormittag, den wir in der Villa Borghese, in diesem wunderbaren Parkgebiet unter den Schirmen der Pinien mit den weithin wallenden Wiesen, schon etwas angedörrt, und den immer unverhofft auftauchenden Bauten verbrachten. Ja, das Immergrün, das so wunderbar zum Mauerwerk und dem Zerbröckeln der Gloria mundi paßt. Das Sich-Ergehen in dem Parkgelände ein wahrer Genuß. Die Welt ist hier mehr als gesittet, schon fast entrückt. Und dann, etwa vom Gianicolo aus, die lagernden Leiber, die rötliche Steinherde, die ewige Prärie aus Stein in diesen Bullenfarbtönen, und die Kuppeln und die Gestikulation in den Himmel hinein von schönsten Architektursilhouetten. Und die Fächer der Pinien. Das Irdische und das Ewige. Und gehst essen. Ich spürte blaß, wie ich ergriffen und eigentlich dauerenthusiasmiert gewesen war damals vor fünfzig oder hundert Jahren und es bis zum Überlaufen bis zum Beben in den Gliedern und im Kopfe jauchzte, weil ich da sein durfte im schönsten Irdischen und unvergänglich Ewigen. Und ich bebte vor Ergriffenheit natürlich auch, weil ich jung und am Leben war. Es fehlte nur das mich anführende, anschürende Weib, und so erfand oder erkor ich Maria, ich Schuft, mir zu dienen, wenn auch nur in den inneren Vorgängen, und dennoch blieb es Ausbeutung und Aufopferung, Opfertod.

Rund um die Veneto und um das Istituto ist Rom das elegante 19. Jahrhundert (haussmannien). Im Institut zur Feier des sechzigjährigen Bestehens auf der Terrasse unter den baumhohen Azaleen und Rhododendren und Zitronenbäumen las ich aus dem Canto, es war meine Opfergabe. Ich war verblüfft, wie groß meine Notorietät (geworden) war. Es gab unter den hauptsächlich musikalischen Beiträgen nur meine Lesung als Gipfelpunkt. So ist der damals hier und teils dank des Instituts entstandene Canto wirklich zum Preziosesten der Institutsgeschichte geworden, es war, was das Buch anbetraf, demnach die »Heimkehr«. Ich habe »es« zurückgegeben.

Zwischendurch mit Maria Gazzetti, der extra Angereisten, spazieren gewesen, auch tafeln, doch davon mag ich nicht reden. Auf dem Gianicolo wehte die irdische Ewigkeit. Ich glaube, Odile wurde zwischendurch auch von Glücklichseinsschauern durchzuckt.

18. Juli 2008, Paris

 

Die leere Seite, die erste Seite, wie aber, wenn sie leer wäre – gemeint ist »wie wenn das Buch meines Lebens sich aufschlüge« aus der Forelle – hier liegt die Last, liegt der Packen verborgen: hier der Grund des inneren Unglücks, der die Selbstverfesselung und damit die Verhinderung des epischen Erzählens verursacht; die leere Seite, Sog der inständigen Introspektion, auf die Doris Krockauer anspielt; und aus diesem Erbübel habe ich meine eigenste Weltsicht entwickelt, das Glückssuchen des seligen Inneseins, was auch Selbstbefreiung meint; habe ich meine eigenste Thematik erfunden, das Tauchen nach dem goldenen Ring durch die Strudel der Finsternisse; die Verproviantierung fürs Weiterleben, die das Weiterschreiben als Wirklichwerdung mitmeint; eine Thematik der Ichsucht, die, wie Martin Simons meint, den heutigen Jungen auf den Leib geschrieben sei (ich sei eine Generation zu früh erschienen), nun, was ich damit sagen will, ist der Schmerz des Mißverstandenseins, etwa im Falle Odiles oder anderer, wenn man mir die Unfähigkeit, aus meinem Gegebenheitskerker ins große Fiktionieren und »Verdienen« (Geldverdienen) auszubrechen, als einen Mangel oder ein Versagen oder Verbohrtsein vorwirft und dabei die tiefe Not übersieht und die Anstrengung, aus der Not und Knebelung meine eigenste Dichtung und Musik zu gewinnen, diesen meinen funkelnden Aufstand, der mein Stärkstes ist, durch Nichtverstehen einfach wegwischt; es ist dann wie Verrat in meinen Augen, wie Hinrichtung; erkenne mich, schreit Stolp in der Forelle; die erste unaufgeschlagene Seite des Buchs meines Lebens ist es, die mich knebelt – und auf meinen eigensten Weg schickt, geschickt hat. Odile hat auch so eine erste leer gebliebene, nicht zu beziffernde Seite, an der sie nagt und leidet. Es sei diese Entsprechung, die uns zueinander gezogen haben mag, nebst der körperlichen Anziehung.

15. November 2008, Paris

 

Gestern mit Piller in Auvers-sur-Oise gewesen, vor den Gräbern von Vincent und Theo van Gogh gestanden, der Friedhof auf einer Anhöhe, die Gräber die einzigen mit kleinem Kreuz, einzigen schönen, das Beet efeuüberwachsen, davor gestanden, den Kopf im novemberlichen Nieseln, so spät im Leben endlich dem Mann, der mich entzündet hat und auf meine Lebensreise schickte, die Ehre erwiesen. Sah alles mit van-Gogh-Augen, die Felder, die Kirche in den verzogenen Konturen, die den Bau zwar genau wiedergeben, einfangen, jedoch gleichzeitig auf intim anrührende Weise verinbildlichen, fast wie ein Signet; das beflaggte Bürgermeisterhaus. Übrigens ist in der Nähe ein Denkmal und das Museum Daubigny. Gehört diese Wallfahrt auch zu den Quellenbesuchen dieses Jahres, angefangen mit Riga, fortgesetzt mit Rom (Schweizer Institut) und eben jetzt München, Universität, wo ich 1952 studierte? Ja, ich bin eben erst aus München zurück, habe den Vortrag, den ich in der Nacht vor der Abreise fertiggestellt und unter großem Applaus gehalten habe: An der Fremde schreiben lautet das Thema, unter Schmerzen oder wie bei jugendlichen Gelegenheiten (Zürcher Kritiker-Periode) fast wie eine Examensarbeit mir abgepreßt. Sonst geschah ja nicht eben viel in diesem Jahr, immerhin: ein Statement zu Friedrich Kuhn für den Katalog, auch er gehört zu den Quellen und wird kommenden Monat im Zürcher Kunsthaus wie durch ein Wunder Auferstehung feiern.

 

In Freiburg im Breisgau vier Tage am »Literaturgespräch« teilgenommen und feststellen können, wie sehr mein Programm vom heute Geläufigen abweicht; es waren in der Überzahl Autoren der mittleren Generation anwesend, die alle mit erstaunlich weitläufigen, zeitgeschichtlich nicht nur gewürzten, sondern verschichteten und insofern aktualisierten Erzählfiktionen aufwarteten, alle erfolgreich und preisebeladen, alle auch marktorientierte Publikumsbelieferer, Aktualitätenbemeisterer. Stelle fest, wie sehr ich dagegen schon fast publikumsabgewandt arbeite, weiß der Himmel, wenig erzählerisch, ausschließlich künstlerisch orientiert und natürlich den Weg und das Selbst als einzige Orientierungshilfe anvisierend, hier die – publikumsmäßige – Beschränkung. Ich kam mir wahrlich wie der Außenseiter dieser Literaten vor, nicht dazugehörig sozusagen, ich mit meinem Sonderprogramm, das mir dennoch einen unverkennbaren Rang verschafft hat, ich bin, wenn auch rätselhaft, eine literarische Marke. Nun, es war fast wie ein Schock, das Fremdstehen, zudem war ich der Älteste, der weitaus Älteste. Ein Schock.

17. November 2008, Paris

 

Was mich in den romanischen Dorfkirchen in der Chiemseegegend mit den vor lauter Restauration fast blatternnarbig oder auch sarkophagisch anmutenden Fresken (amputierten, verbleichenden Resten und Spuren von Malereien) beschäftigte, ist die Totale von Glaubenswelt. Das ganze Programm ausgelegtes Bibelwort, Heilsgeschehen, stilisiert bis ins Ornamenthafte, auch in den Faltenwürfen überaus pompös im Unterschied zur Körperlichkeit, ein in Faltenwürfen gestanzter Text. Christophorus monumental, Dreifaltigkeit, Apostel, Mariä Verkündigung etc. Das Gotteshaus mit Glaubensartikeln vollgestopft, aber damals im Frühmittelalter war es nicht Verzierung, sondern unmittelbare Heiligengegenwart, unmittelbare Heiligkeit, tatsächliches Gebot. Und nichts daneben, was aus dem Leben und Alltag vermerkenswert sein mochte, man stand in diesen ländlichen Gotteshäusern wahr und wirklich den Glaubenstatsachen der Religion gegenüber, sowohl auf einschüchternde gebietende wie heilsverkündende Weise. Von sonstigem Menschenleben oder menschenwürdigem Leben keine Spur. Und sich vorzustellen, daß die von jener kleinen Christussekte im römischen Reich behaupteten und vermachten Evangelien diese Macht entwickelten und über Jahrhunderte ausüben konnten, mit Schwert und Kreuzzügen und Folter ausgeübte Macht ohne Alternative. Und die Inbrunst des Glaubens und der Gläubigen.

24. November 2008, Paris

 

Seit Freiburg mit Marie-Luise Scherer in Kontakt. Habe gleich ihr hinter allerlei Konfusion und Unabhängigkeitsbenehmen verstecktes Persönlichkeitsformat entdeckt. Und jetzt beim Anlesen die schriftstellerische Klasse. Wahre Geschichten aus dem Alltag, als poetische (Riesen-)Reportagen im Spiegel, dann in Enzensbergers Reihe »Die andere Bibliothek« bei Eichborn erschienen. Lebt angeblich allein mit ihrem Hund auf dem Lande, in einem Weiler namens Damnatz, die nächste Stadt Lüneburg oder Celle, kenne ich. Sie stammt aus Saarbrücken.

Jetzt nur soviel: Reportagen in dem Sinne, als alles bis auf die Namen, Straßen, Begebenheiten aufs genaueste benannt und also wohl recherchiert ist (Detektivarbeit, würde man denken) und mit einem unwahrscheinlichen Sprachgebiß nicht nur gepackt, sondern vorgeführt, hinreißend hingestellt ist. Der Blickwinkel so unerbittlich, daß er in Liebe umschlägt. Woher die sonst nirgendwo gelesene intime Kenntnis der Dinge, woher nimmt sie sie nur. Ich kenne Vergleichbares nur bei Koestler? nein, Orwell? Truman Capote (Stories und Porträts).

Das Bindeglied zu mir ist die verehrte Größe ALLTAG. Und die Non-Fiction, die aber kraft der Sprache ins Legendäre oder mehr: Dichtung? schillert und überwechselt. So nah am Äußeren und Äußersten, daß es in Wahrheit (?) explodiert und dennoch lebensrätselhaft bleibt. Irgendwo ist im Programm etwas Verwandtschaftliches.

25. Dezember 2008, Weihnachten, Paris

 

Auf der neuen Musikanlage, Geburtstagsgeschenk von Igor und Odile, spielt Albéniz. Gestern den Heiligen Abend bei Malika verbracht zusammen mit Derivière, Igor, Odile und Verwandten von Malika und Peter Wagner. Gigantische Tafelgänge und entfesselte Gespräche und Kommunitäten, der Rahmen sehr eindrücklich, viel Alkohol. Davor endlich Norbert Tadeusz’ Replik auf meinen Text, die ihm abgenommene Lebendmaske, wie ich es nennen darf. Er ist beglückt von dem Text, ich habe lange daran gearbeitet und schrieb Gmyrek, dem Kunsthändler, der den Text in Auftrag gab und lange nicht reagierte, es handle sich um einen Nizon-Originaltext, der mit einer entsprechenden Sprachklaue verfertigt und mit neuen, teils riskanten Einsichten in das Werk gespickt sei und nicht um einen Sack Kartoffeln und ein Pfund Speck, die man nach Erhalt wortlos wegsteckt, er habe gefälligst zu reagieren, zumal ein solcher Text sich von den eher bemühten Elaboraten der sogenannten Kunstsachverständigen unterscheide. Ich war wütend, jetzt bin ich von Tadeusz’ Reaktion doch beglückt. Interessant der Umstand, mit derlei Kunstschriftstellerei an das alte Metier anzuknüpfen, damit an die frühe Zeit. Bevor ich wieder ins Romanschreiben einschwenke. Zuvor noch den Text über Laissue. Geldarbeiten. Werde in Zürich Baviera einen Band »Texte über Kunst« (mit Goya, Kuhn, Moehsnang, Falk, ev. Varlin, ev. Stellen aus der Dissertation über van Gogh und einigen »Künstleradressen«) vorschlagen gegen ein gesalzenes Honorar. Wofür ein Sponsor zu finden wäre, ein geneigter Geldgeber. Mal sehen. Woher der Wunsch oder Mumm auf einmal, zu Geld kommen zu wollen?

27. Dezember 2008, Paris

 

Die römischen Kaiser waren, wie ich bei Jacob Burckhardt (Die Zeit Constantins des Großen) lese, erstaunlicherweise häufig Barbaren, sowohl ehemalige Sklaven wie Soldaten, fern von römischer Kultur und Herkunft, Haudegen oder Ränkeschmiede, von den Legionen erkoren bzw. aufgezwungen, weil zwischendurch der Senat entmachtet war, dies nach den großen Kaisern wie Mark Aurel oder Hadrian, das riesige Reich scherbelte an allen Ecken der entfernten Provinzen. Auch die Legionäre waren zu großen Teilen Barbaren. Ich mußte an Sarkozy denken. Eines Tages wird er an Frankreich Feuer legen. Wie Nero. Wenn nur die Opposition Persönlichkeiten von Format und Entschlußkraft, geniale Widersacher hervorbringen könnte. Kluge harte Burschen, Widerständler.