2001

 

9. Januar 2001, Paris

 

Die neue Paarsituation ist schrecklich. Weiß der Himmel, was Odile mit ihrem neuen Aufleben, ihrer dezidierten Aktivität, das heißt demonstrativen Unabhängigkeit bezweckt. Ich sehe mich auf einem Abstellgeleise, wenn nicht hinausgedrängt, und so soll es ja wohl auch sein. Darum die auf mein neues Quartier auf der Butte Monmartre verwandte Dynamik und Sorgfalt. Délogé ist das Wort für meinen Platz. Donnerstag nacht bis zum frühmorgendlichen Eintreffen von Odile zurück von ihren nächtlichen Verlustigungen ist mir zumute wie »heute heiratet meine Frau«, finde keinen Schlaf. Das Ganze hat nicht nur einen beleidigenden, sondern einen herausfordernden, provokativen, vor allem einen Ablösungs-Aspekt. Auch wenn sie da ist, ziehe ich es neuerdings vor, oben in meiner Bibliothek auf dem Sofa zu schlafen. Getrennte Leben, da es für die Scheidung bislang an Willenskraft nicht reichte. Nun, unsere Liebe war wohl wirklich ein Mißverständnis. Wir waren zwei in sehr verschiedenen Lebensaltern und -lagen vom gleichen Bedürfnis nach Lebensintensität und Liebesraserei erfüllte, angeschlagene Existenzen, die annahmen, sie seien verwandte Seelen, âmes-sœurs, und eine Zeitlang waren wir ja wirklich, wenigstens in meine Augen, ein Leib und eine Seele, ganz und gar verschmolzen, doch mit der Zeit machten sich die verschiedenen Hintergründe und kulturellen Mitgiften immer deutlicher bemerkbar, vor allem als ich mich wieder ins Schreiben und diesen Alleingang warf, wurde die Lage dramatisch, und die Studentin Odile, ihres englischen Milieus und Werdegangs beraubt und ohne rechten Platz in meinem Leben, driftete in Einsamkeitsanfälle und krankhaften Isolationismus und erschuf sich nach dem Studienabschluß über das Arbeitsleben eine eigene, immer mehr nach Karriere aussehende Existenz, Emanzipation, getrennte Domizile, sie mit Klein-Igor in der Schweiz, ich in Paris, und hernach mit dem Erwerb der Nizon-Festung an der Rue Saint-Honoré erwies sich der erneute Familienzusammenschluß als sehr wacklige Lösung, immer weniger Gemeinsames und Gemeinsamkeit. Und nun wäre sie eine Gerettete und ich auf der Strecke geblieben.

Ich bin nun de facto zu einer Poeten- und Schaffensexistenz geradezu verknurrt in meiner Montmartre-Absteige, nur daß ich mittlerweile siebzig bin. Nun, fürs Schreiben und die Werkabrundung oder -Konsekration sind oder wären die Weichen gestellt. Von Odile gestellt? Von mir mitgewollt?

8. Februar 2001, Paris

 

Mein Herz … mein geschundenes Herz. Was meinte ich nur mit diesem Satz? Mir fehlte nichts, und dennoch war mir, als wäre der Kummer zu groß, als wäre das Leid zu schwer, als wäre die Last nicht mehr zu tragen. Als müßte das Herz gleich brechen und ich mit ihm, niederbrechen, hier in dieser unansehnlichen Wohnung, in der ich nichts zu suchen hatte. Zusammenbrechen. Schreib es weg. Nein, das dachte ich nicht, damals bei meinem ersten Eintritt in die Bleibe, die die meine sein würde. Ich dachte überhaupt nicht sonderlich an mich oder besser an meine Lebensumstände, mein Leben. Ich dachte an die Dinge in dieser Wohnung, die verwaisten rührenden niedrigen Gegenstände in ihrer Unordentlichkeit. Sie sehen erschöpft aus, dachte ich. Ich dachte an das alles, und ich glaubte, mich diesmal und von nun an nicht mehr aufraffen zu können. Ich kann nicht weiter, ich kann nicht mehr weitermachen. Mein Herz

 

Ich komme auf diesen Einfall, das heißt, der Einfall kam zu mir beim Nachhauselaufen, nach dem Besuch der Ausstellung im Musée d’art moderne »L’école de Paris«. Eine wunderbare Ausstellung. Eigentlich geht es um Emigrantendinge, Emigrantenangelegenheiten, Emigrantenkunst, insbesondere solche von jüdischen Künstlern wie Modigliani, Soutine, Kisling, Pascin, Chagall und vielen anderen, die hier in Montparnasse um den Ersten Weltkrieg herum gestrandet waren und in einer lockeren Koexistenz von Montparnassiens ergo Bohemiens die Cafés bevölkerten und dem Jazz frönten und in irgendwelchen hundsärmlichen Unterkünften malten und bildhauerten und die neue Kunst kreierten. Viele waren Hungerkünstler und fast alle Caféhauspoeten, und sie lebten von der Hand in den Mund, wenigstens eine Zeitlang, bis sie oder bis der eine oder andere von einem Sammler entdeckt wurde, sie lebten in Provisorien, sie lebten als Entwurzelte, als Trottoirpflanzen, doch im Grunde lebten sie münchhauserisch selbstschöpferisch von den Stanzen ihrer Kunst, sie stanzten sich künstlerisch ins Vorhandensein, sie lebten als die zerstreute Schar durch das Selbstbeatmungsgerät ihrer künstlerischen Wut, dieser Selbstumsetzung Tag für Tag einer beispiellosen Verausgabung. Sie waren das Lumpenproletariat, einige brachten sich um, alle klammerten sich über den Sexus ans Leben, später sammelten die Nazis diese Heimatlosen ein fürs Gas. Im Gegensatz zu ihnen waren die Impressionisten Bauern und Bürger, Siedler. Sie waren Verfolgte oder eben Nichtintegrierte. Ihre Kunst atmet Melancholie und Verzweiflung und Glaubenslosigkeit und Rage und sexuelle Verpflegung und Traum, Schönheitstraum. Nicht zu vergessen in dieser Ausstellung die wunderbaren Fotografien, Man Ray, Brassaï und einige andere, diese Fotos haben Kunstrang – wie Brâncusi, Severini etc. De Chirico. Selbstversorger. Unter ihnen wirkt ein Picasso schon von Beginn an wie ein großer Klassiker – als Neuerer. Gründerpersönlichkeit, Olympier noch in der frühen Armut.

 

Ich hob die Frau hoch, ich legte sie hin, ich schob ihren Rock hoch, ich schälte ihre Brüste aus den Hüllen, ich griff mit den Fingerspitzen nach den Nippeln der Brustwarzen, begann sie zu kosen und ganz zart zu klemmen, und jetzt trat dieser Ausdruck ungläubigen Staunens in ihre Augen, das ganze alte Wissen, und ich hob ihr Höschen an und schob es herunter und schob mit Fingerspitzen ihre Schamlippen auseinander, öffnete diesen Mund und legte den Finger in die Öffnung, spürte wie der Kitzler sich versteifte, spürte das Feuchte, das Innengefältelte, spürte wie die Frau sich entspannte und sich mir öffnete, und dann sagte ich: Sag es mir, sag es mir jetzt , jetzt gleich,

und sie wachte unwillig auf aus ihren Willfährigkeitsanwandlungen, ihrer Ergebenheit,

und schließlich sagte sie: Was soll ich dir sagen? Daß ich dich mag? Sag es, sag es jetzt, wiederholte ich. Und sie: Du dummer Junge, du dummer Kerl, und als ich sie anstarrte wie den Fisch, aus dem Wasser gezogen, den aus der Wohligkeit, Fahrlässigkeit gehobenen Leib, schrie sie mich an: Du Dreckskerl, was fällt dir ein?

Sag es, sag es jetzt, sagte ich

und ließ sie liegen. Und sie brach in Tränen aus, in ein ihr ganzes Wesen schüttelndes verzweifeltes Schluchzen, lehnte sich an mich, zitternd,

und ich hielt sie, ganz kalt im Herzen, ganz Ohr, ganz leer

und murmelte: Sag es, sag mir jetzt gleich,

warum ich so traurig bin

4. April 2001, Paris

 

Lieber Herr Wittwer,

 

hier oben auf der Butte weht der Wind viel heftiger als unten, überhaupt spürt man die Höhenluft, ein anderes Klima: Sie sehen, ich bin schon ganz eingelebt. Kürzlich sagte mir jemand: Gehst du jetzt wieder hoch in deine Campagne?, als ich mich aufmachte. So ist es. Und schön ist die Regelmäßigkeit der Arbeitsstunden wie auch das Gefühl »nach getaner Arbeit« auf dem Rückweg je nachdem per Bus, Metro, streckenweise zu Fuß, immer anderswie und andersherum, je nach Belieben.

Ich war – wie übrigens fast immer bei einem neuen Buch – lange blockiert trotz vager inhaltlicher Vorstellungen und gelegentlichen Skizzenschreibens, weil ich nicht wußte, wer diesmal schreibt. Das ist nicht nur ein Problem der ersten oder dritten Person, Präsens oder Vergangenheit, es geht um die Erzählperspektive in einem zutiefst notwendigen Sinne. Wenn ich in der Ich-Form schreibe, muß ich wissen, wer dieses Ich ist. Ist es der Schriftsteller oder ein angenommenes (delegiertes) Ich, und geht es um Erinnerung, Rekonstruktion, Rapport, Schwindel, theatralische Inszenierung etc.? Aus welcher Distanz wird gehandelt? Ich konnte ja, nachdem ich den Schriftsteller in Hund hinter mir gelassen und mehr oder weniger zum Verschwinden gebracht hatte (und dies wohl mit Gründen), jetzt nicht plötzlich wieder in die alte Rolle zurückfallen, sagen wir, wie im Jahr der Liebe. Die Erzählperspektive oder -rolle bestimmen den Ton und mit dem angeschlagenen Ton die Stoßrichtung des Erzählens, das Wie des Erzählens und damit das spezifische Was, den Faden oder Hakenschlag, im Grunde den Stil. Nun, dieses Problem habe ich, wie ich hoffe oder zu hoffen mir einbilde, seit kürzestem geklärt. Und nun läge das Stoff-Feld zur gezielten Beackerung offen vor mir.

Ich werde nächste Woche in diesem Sinne definitiv beginnen. Vordem muß ich noch einen Text für eine französische Zeitschrift möglichst hinknallen. Und am Gründonnerstag fliege ich für drei Tage nach Athen zu meinem ältesten Freund aus Schulbänkleintagen, unserem ehemaligen Botschafter Alfred Hohl, der seinen letzten Posten (nach Moskau, Deutschland, Belgrad …) in Griechenland hatte und dort geblieben ist. Sehr herzlich

6. April 2001, Paris

 

Der Psychiater meinte in bezug auf meine alljährliche Sommerfinsternis oder -flaute, Depressionen tauchten in der Regel saisongebündelt auf oder eben zyklisch. Wir sprachen über die Motivation zu einer Therapie. Ich bemerkte, ich sähe mich nicht dans une détresse, was er gleich bestätigte, gab mir aber zu bedenken, daß eine Arbeit insofern sinnvoll oder angezeigt wäre oder als angezeigt betrachtet werden könnte, als er in meinem Falle schon von einer souffrance, einem Leiden sprechen könne, das sei, sagte er auf meine Verwunderung hin, ohne Zweifel der Fall. Ich hätte dieses Leiden durch mein Schreiben einigermaßen im Griff. Wann begann das Schreiben, mit sechzehn etwa? Nun, seitdem balancieren Sie es gegensteuernd aus durch die literarische Arbeit. Dann fühlte er in bezug auf meinen Haß auf alle Sommervergnügen nach, ob viel Aggression im Spiel sei. Ich antwortete: Aggression ja, aber auch Neid, natürlich. Ich bin ausgeschlossen. Exklusion und Einsamkeit, unfähig zu solchem Genießen wie Sonnenbaden, Sonnenfreuden, Caféhausterrasse, Strandvergnügen und was der Freuden der Mediokrität mehr sind. Er vermutet, daß meine Unfähigkeit zu kollektivem Partizipieren mit dem Körperlichen zu tun haben könnte. Im Sommer ist ja die Entblößung viel freizügiger als in kühleren Jahreszeiten und insofern demonstrativer, eine allgemeine Lässigkeit, meint er wohl, ein Sich-gehen-Lassen, Abbau der Selbstkontrolle? Nun, meint er, ich müsse mir darüber klar sein, daß eine Therapie oder Analyse eine Unternehmung von langer Dauer und entsprechend kostspielig sein würde. Ich bin verblüfft (mich als Leidenden deklariert zu sehen?), dabei weiß ich ja seit längstem, daß ich mit dem hochnotwendigen Schreiben das Zweitleben, die Umerfindung praktiziere, das andauernde Mich-neu-Zusammensetzen aus Gleichgewichtsgründen, um meine Not auszugleichen, als Prothese? Mir widerlich, das literarische Phänomen der Selbsterfindung oder besser Selbsterschaffung als Notlösungsprozeß und -praxis ansehen zu müssen. Was schließt mich aus und in die Einsamkeit ein und befiehlt mir, mich unablässig umzufunktionieren, damit etwas stehe, auf dem ich stehen kann? Oder mache ich aus einem persönlichen Erbübel einer spezifischen Lebensunfähigkeit eine humane Literatur von allgemeiner Bedeutung? Ecce homo, Menschenauslotung, Forschung. Kommt nicht alles Schöpferische aus einem Defekt? Ich sehe meine lebenslange Bedrohung und von daher die Anstrengung, den Kampf, die Selbstmobilmachung (gegen Lethargie und Melancholie und Depression) in anderem Licht. Ich sehe mich in Valentin verdoppelt und verdoppelt in meiner Schwester und ermesse den Grad der Zumutung für meine Nächsten.

Wir kommen überein, erst einmal eine Paar-Therapie ins Auge zu fassen.

Ob das Freilegen der Gründe/Verletzung, die zu Isolation, Einsamkeit und periodischer Selbstüberhebung und Hagiographie führen, einen Befreiungseffekt erzielen könnten?

Ich schritt nach der Besprechung ziemlich aufgerührt von dannen. Das Krankhafte ins Auge fassen müssen. Und dann? Und was ist mit meiner Geselligkeit, Offenheit, Ansprechbarkeit und manchmal überbordenden ansteckenden Lebenslust (die mir auch immer wieder attestiert wurden)? Maniakodepressiv? Um Depression handelt es sich offenbar zweifelsohne. Kommt ja sogar im Jahr der Liebe vor. Das Solipsistische sogar in Derivières Buch. Aber auch die Lebensfeier und Lebensliebe werden ja immer hervorgehoben.

30. Juni 2001, Paris

 

Warum ich nur alles Kollektive so sehr hasse? Sogar Igors BOOM vorgestern abend, die ich natürlich floh, fünfzehn tanzende Kinder in der Wohnung, Musik in höchster Lautstärke, wie man mir sagte, um von dem Hin und Her, den Ballungen, Laufereien, dem Gekreische etc. ganz zu schweigen, erfüllte mich mit Mißtrauen bis Abscheu, warum nur, ist das Eifersucht, weil ich selber zu so etwas nie fähig war und weil es mich mit Verdachtsanwandlungen hinsichtlich Herdentriebs erfüllte, Igor wie alle anderen, warum nur dieser Haß auf Gemeinschaftsneigungen, die ich gleich mit Durchschnittlichkeit, Mittelmäßigkeit, Normalität, Normalverbrauchertum gleichsetze, und dahinter wäre und drohte das Gespenst des schalen kleinen Glücks und mehr: des Massendaseins. Ist für mich nur das Randgängerische, das Querstehen, Einzelgänger- und Rebellentum annehmbar und vielverheißend, das Superindividualistische? Für mich waren als Kind schon Schulreisen panikauslösend, von Klassengeist, wie es in der Schule hieß, keine Spur. Und bei den Franzosen, wo ja das Leben mit den copains so wichtig ist, les copains d’abord, ein Mythos, für mich verdammenswert, weil Horde. Dabei müßte ich wissen, daß die Kleinen ja lange wie junge Tiere im Hordenverband oder später Bandenwesen, in solchen Zugehörigkeiten existieren und daß sie da hindurchmüssen, solche Verbände lösen die Familie ab. Ich gehe immer davon aus, daß nur ein außerordentliches Leben lebenswert und überhaupt eine Antwort auf das Dasein sein kann, das Selbstdenkertum. Ich glaube, ich habe schon als Kind in den Zügen der Kameraden die späteren Erwachsenen und Spießer nicht nur gewittert, sondern buchstäblich gesehen, erkannt, die Versager, Schmalspurkonsumenten, ich wollte nicht zu ihnen gehören und mich nicht gemein machen, ich war zu anderem ausersehen. Ich lehnte die Gruppe ab. Und kann heute noch bei Volksfesten und ähnlichen Volksvergnügungen nur schaudern, jedenfalls zieht es mich nicht da hin, ich gehe derlei aus dem Wege wie der größten Gefahr. Ich kann nicht aufgehen in einem Gruppen- oder Massenkörper. Was solche Ballungen auslösen, ist für mich Primitivverhalten, ich will nicht vom Einzelsein erlöst werden. Darum auch der Horror vor Tanzenden, für mich als Schauspiel schlicht animalisch. Und ich wünschte mir eben, daß mein Söhnchen ebenso fühlte und reagierte. Solches Aufgehen mag anderen Erlösung und Befreiung sein, für mich ist es Auslöschung.

Sind denn nicht in allen großen Mythen, Literaturen und Filmen, besonders von Anwärtern auf eine außerordentliche Lebensbahn, immer die Momente beschrieben, wo der Einzelne aus der Horde oder dem Verband oder der Gemeinschaft austritt und sich aufmacht und auf den eigenen Weg macht, siehe I vitelloni oder Roma von Fellini. Es ist das Ausbrechen und Einzelwerden, das am Anfang eines nennenswerten eigenen Wegs steht und nie das Kollektiv, das Kollektiv ist Normierung und in seiner deutlichsten Manifestation die Armee, und das Kollektiv ist Überwachung, daß nicht ausgebrochen und nichts Außerordentliches unternommen werde, ist Niederhaltung, Beschneidung, Mittelmaß, Einübung in das Geringe, in die falsche Bescheidung. Der Herdentrieb der Todfeind des Individuums. Offenbar empfinde ich dementsprechende Neigungen meines kleinen Burschen bereits als Verrat. Das Denken ist Angelegenheit des Einzelseins, Herausgelöstseins. Ich kann nur mit einzelnen verkehren und zu Rande kommen. Der Preis dafür ist eine gewisse Einsamkeit, doch davor fürchte ich mich nie. Kurzum: Kollektiv nein, Geselligkeit ja, weil Dialog und nicht gleich Hysterie bzw. Rausch und Wahnsinn. Bewußtsein gegen Bewußtlosigkeit. Humanität gegen Primitivität. Wie der Psychiater sagte: Vielleicht zählt zu meiner alljährlichen Sommerfinsternis auch die Abneigung gegen das Sich-Gehenlassen, das animalische, weil zur Nacktheit neigende »Kommunizieren« der vielen. Ablegen der Bekleidung, Entblößung, Selbstentblößung mit Berührungs-, Verschwisterungs- oder Verschmelzungstendenzen gleichbedeutend mit Ablegen von Denken, Kontrolle, Würde, Stolz? Er aber liebte Mäntel.

7. Juli 2001, Paris

 

Natürlich bin ich auch überaus gerne in die Ferien gefahren, als ich klein war. Wir fuhren, Mutter, Schwester und ich, sieben Jahre hintereinander aufs Land in ein Chalet und verbrachten den Sommer mit den Bauern und Bauernkindern, für uns Kinder paradiesisch. Danach manchmal bei einem Onkel, dem reichen Onkel und Drogisten, vor allem den Kusinen, im bernischen Seeland. Das Dorf hieß Täuffelen, und wenn ich mich nicht irre, war Robert Walsers Schwester Lisa dort oder in nächster Nähe Dorfschullehrerin gewesen. Seeland – der Titel eines Walserschen Buches. Ich glaube, bereits in Igors Alter oder kurz danach war ich nicht mehr richtig soziabel. Oder nicht mehr unschuldig und insofern nicht mehr für Normalverbrauchertum zu haben. Ich war bereits dabei, mir einen aus Büchern und Träumereien gestohlenen oder entlehnten (geliehenen) eigenen Lebensroman und eine damit zusammenhängende Schönheitssucht, alles in allem ein ENTKOMMEN, zu kreieren, ein Zweitleben zu erfinden, in welchem die Drogen Schönheit und Seele, in welchem Betörung eine große Rolle spielten. Ich könnte auch von Glücksanspruch sprechen.

 

Die besonnte Rue Custine entlang, nachmittags, vorbei an der kleinen Eckbar mit den wenigen Gästen an der Theke mit ihrer sich dahinziehenden, mich nicht betreffenden mageren Konversation und den paar jetzt geschlossenen Restaurants und Läden, und nichts in der Luft, kein Vorhaben, kein Wesen, das mich erwartete, weder Ziel noch Verlockung, nur die besonnte Nachmittagsstraße einer Gegend in einem Quartier, das mich nichts anging mit Ausnahme des Umstands, daß ich da wohnte, doch niemanden kannte. Und die langweilige Leere war voller Abkehr, voller Zurückweisung, sie schmiß mich in die Öde des eigenen Überflüssigseins, eines marternden Zeithabens ohne Aussicht.

Ich ging in der Glocke des Ausgeschlossenseins und in einer Scham nicht zum Aushalten. Was tun? Wohin die Schritte lenken? Eine innere Glocke fing an zu schlagen, ganz leise erst die Glocke des Alarms vor der Panik. Bald würden die Araber ihre Gemüsekisten aufbauen und die Ladentüren öffnen Wohin wohin. Zu Hause erwartete mich nichts, abgesehen von der in den Möbeln und Dingen verkrochenen Schuld, starrenden Schuldigkeit. Würde ich telefonieren? Wen anrufen? Und die Glocke schepperte gefährlich schrill.

29. Juli 2001, Paris

 

Vor einem Jahr, glaube ich, war die Lektüre von Ulysses von Joyce eine Riesenlesearbeit; jetzt die Lektüre von L’Acacia von Claude Simon, auch nur in kleinen Portionen zu schaffen. Vordem hatte ich Le Tramway gelesen.

Simon arbeitet in einer Art von »lebenden Bildern«, er geht vom Bild, Erinnerungs- oder Vergegenwärtigungsbild aus und weitet das Bild oder besser, er reichert es an in vielerlei Nuancen von stofflichen Beschreibungen, Präzisierungen, Verfeinerungen, mit stofflich meine ich sowohl das Sensitive wie das Kognitive, es ist ein andauerndes Zusammenstücken in jeder Richtung, bis das Bild gesättigt ist und zu flimmern beginnt. Nun sind aber diese Großbilder nicht einfach Kapitel, sondern Stationen eines größeren Zusammenhangs, sagen wir einer Freske, und für den Leser heißt das, daß ihm durch seine eigene Sättigung mit »Information« oder »Material« die Vorstellung eines Epos zu dämmern beginnt, ich sage dämmern, weil es sich um ein aus Schattenzonen steigendes Ahnen und dann um ein mähliches Gestaltannehmen in seiner Vorstellung handelt, wobei nichts feststeht, nichts erklärt und nichts beurteilt wird, alles bleibt in einem neutralen Vorüberziehen belassen. Und hinterher oder besser mit fortschreitender Lektüre fühlt der Leser, daß er hineingezogen worden ist, ohne sich mit einer Person zu identifizieren, hineingezogen in den Bilderstrom, hineingezogen in eine sich zusammenbrauende Schlacht, in welcher Schicksalsmächte walten. Er kann das Gelesene nirgendhin wegstecken, doch hat er Teil an ihm, das Geschehen hat ihn auf seine Flügel genommen und dahingetragen.

Es ist im übrigen keine Schwarzmalerei, wenn auch ein düsterlicher Ton vorherrscht, doch brechen aus diesem Grundton vielerlei Farberheiterungen hervor. Die Sprachmaschine mit den endlosen verschachtelten und verklammerten Perioden mag manieristisch wirken, doch gehört die Manier zu der vom Autor geleisteten, immer weiter gehenden Differenzierungs- und im Grunde Hebungsarbeit, ist also Ausdruck eines nur diesem Autor zugehörigen Prozesses, Erinnerungsprozesses? Wie immer, die Anstrengung des Lesens, die Leseleistung wird reich belohnt.

Die neutrale Beschreibung und in immer weitere Ringe sowohl der Wahrnehmung wie des Bedenkens ausufernde, stets neutral bleibende Vervollständigungssucht kommt vom Nouveau roman her, geht aber weit darüber hinaus, weil sein Chor der Beschwörung geheimnisvoll eine Größe, ja Majestät intoniert, die ich wie die antike Tragödie empfinden kann. Bin mir nicht sicher.

 

Bin jetzt schon längere Zeit allein, Odile und Igor in der Karibik, wie ja auch Valérie mit Familie und sogar die Bertis in Italien sind, alle Angehörigen fern. Die Temperatur übersteigt die 30 Grad, ich bin nicht niedergedrückt wie sonst immer im Sommer, jedoch faul und verlangsamt, etwas unlustig, was das Arbeiten betrifft. Neulich kam mir innerlich vor Augen, wie ich Odile bei einem ihrer Besuche in Paris, sie lebte noch in London und war dann eines Tages unter diffusen Vorwänden an meiner Rue Simart im Schachtelzimmer aufgetaucht, und für mich war es die Wiedergutmachung nach dem Erlittenen oder doch der Vorbote, noch war nichts gewonnen, noch gehörten wir uns nicht an, das Wochenende war ein Glücksfall, ein möglicher Vorgeschmack – wovon? Von der liebenden Vereinigung, Verschmelzung, von welchen ich in meinen kühnsten Hoffnungen geträumt hatte. Ein Leib und eine Seele. Ein Untergehen darin. Und dabei kannten wir uns ja überhaupt noch nicht. Es sollte hernach zu den schmerzhaftsten Entfernungen, zum Abfall kommen. Aber an diesem einen Wochenende hatten wir es gehabt. Und nun begleitete ich Odile an die Gare du Nord, ein sommerlicher Sonntagabend war’s, glaube ich. Wir wankten in dieser Umschlingung, die einen nicht richtig gehen, nur stolpern läßt, auf den Perron, besessen vom Drang nach der unmöglichsten körperlichen Nähe oder der Furcht, aus der Nähe zu fallen. Und dann lagen wir uns in den Armen, auf dem Perron, auf dem Tritt des Zuges, beim Anfahren des Zuges, bis … der Zug uns trennte und ich zurückblieb auf dem fürchterlich leeren Bahnsteig, wo ich bis zum Verschwinden des roten Schlußlichts verharrte. Und dann das blinde benommene Heimgehn.

Ich notiere diese wenig interessante, weil allen Liebenden eigene Szene, weil ich heutigentags oft mit befremdlichen bis amüsierten Augen dasselbe Verhalten bei Paaren vor Zugabfahrt beobachten kann und schreien möchte: Wahn, alles Wahn, et demain les pas des amants désunis. Es ist ja gerade der Liebeswahn, die Abhängigkeit von der Droge Liebe, dieser Zustand so nah an der Verzweiflung mitten im Glück, wenn es denn Glück wirklich gäbe, was mich erschauern läßt.

Was Odile betrifft, so dachte ich neulich, es sei eben doch nicht nur diese verrückte körperliche Verhexung gewesen, sondern ein Überfließen von Liebe. Kann mich erinnern, daß ich ihr einmal nachts in einer Bar, und der Barpianist spielte und spielte auf unseren Seelen, sagte: Noch im Grabe würden unsere Gebeine sich küssen, umarmen. Unstillbar war nicht nur das Verlangen, sondern das Liebesvermögen. Liebessehnen? Ein Überfließen von Liebe war es.

 

Zurück zu Claude Simon. L’Acacia. Interessant die Zerschnipselung der Saga in viele Personen(groß)bilder in der Zeit, und zwar für einmal nicht in chronologischer Folge, sondern in einem Vor und Zurück zwischen 1914 und 1940, also den beiden Weltkriegen und 1880 bis 1982. Eine Streuung vor und zurück quer durch ein Jahrhundert.

4. Dezember 2001, Paris

 

Odile hat eine Wohnung gefunden, ganz in der Nähe, Rue Chabanais, und wird wohl zwischen Weihnachten und Neujahr ausziehen und umziehen. Danach die Scheidung. Die zweistöckige Wohnung, unsere Festung, bleibt vorerst erhalten, hauptsächlich Igors wegen, möglicherweise wird sie hier ihr Büro unterhalten. Von einem Verkauf wird auch darum vorläufig abgesehen, weil jedermann sagt, diese unsere doch sehr gelungene gemeinsame »Schöpfung«, zieht man die unerhörte Lage in Rechnung, sollte nicht leichterhand und vorschnell liquidiert und verscherbelt werden. Für Igor ergibt sich die Illusion einer Kontinuität, wenn auch die Realität hart genug einbrechen und zuschlagen wird, auch für mich natürlich. Odile hat das Ganze zielstrebig und souverän und irgendwie großartig betrieben. Im Hintergrund spielt auch eine Art Hoffnung mit, auf diese Weise aus der Liquidationsmasse und dem emotionalen Scherbenhaufen etwas für alle drei und insbesondere für die einstigen Liebenden Wertvolles retten zu können. Bin erstaunt, beeindruckt, aufgewühlt, zwischen Bewunderung und Schrecken hin- und hergerissen. So endet das Jahr, so enden die Zermürbungskriege.

Heute hat Hörning mitgeteilt, die russischen Übersetzungen seien eingetroffen. Der erste Journalband wurde vorvorletztes Wochenende in Frankfurt zwischen Kässens, Hörning und mir endgültig auf die Beine gestellt, das heißt als TEXT bereinigt. Nach Durchsicht der neuerlichen Reinschrift, die in Kürze eintreffen soll, wird das Ganze gesetzt werden. Nächstes Jahr wird das Buch erscheinen, flankiert von der deutschen Übersetzung des Essays von Derivière und meines Goya als Insel-Buch. Danach käme Das Fell der Forelle und in der »Kleinen Reihe« meine Ostasienreise. Und in diesem Monat noch will Doris Krockauer mir ihre große Dissertation (Ich-Jagd) überreichen. Und außerdem nimmt der von Reto Sorg betriebene Materialienband über mich Gestalt an. Insgesamt ein ganz schöner Packen NIZON-Exegese oder Sekundärliteratur. Abbruch und Aufbruch.

 

Jetzt geht es definitiv in den neuen Roman, ich nenne ihn Das Fell der Forelle, bin von »Mein Herz« abgekommen, weil zu tragisch, der andere (Arbeits-)Titel tönt weniger blutig, mehr ins Abstruse, Bizarre, Surrealistische (?), Wunderliche, ins Gebiet der Entdeckungsreise weisend. Andere Weichenstellung.

 

Neulich abends, ich war auf dem Heimweg, Rue Caulaincourt, und wie so oft, begreiflicherweise, etwas verstört angesichts der meiner harrenden Einsamkeit oder Einzelgängerei, neulich also hat mich ein Araber, der die vor seiner Epicerie ausgelegten Gemüse- und Früchtekisten umstellte oder einfach fürs Abendgeschäft nachfüllte, tief gerührt, nein, er hat mir eine Welle der Wehmut entlockt, ich fragte mich, ob es das einfache Hantieren eines in seinen Dingen oder Angelegenheiten ruhig Beheimateten, ob es dessen Aufgehobensein, eine Häuslichkeit war, die mich meine neue Entwurzelung mit Schrecken verspüren ließ. Eine alltägliche Verrichtung wie ein Kehrreim, der Gang der Dinge – und ich? Und einmal sah ich einen Jungen, jungen Menschen, eine Wollweste oder -joppe auf der Straße überstreifen, und natürlich verwendete er keinen Gedanken daran, er war jung und kräftig und schien es eilig zu haben, und nun schritt er aus, lief seinen Dingen nach, und ich dachte, natürlich verwendet er keinen Gedanken an die nachlässige Geste und schon gar nicht an die Jacke, er hat es eilig, er hat andere Dinge im Kopf, aber warum sehe ich ihm nach, sehe ich hin? Weil er jung und getrieben und unversehrt und vor allem voller Vorhaben, voller Zukunft ist und seinen Körper verschwendet, gedankenlos, klar, während ich … was? angeschlagen, mit Knieschmerzen neuerdings, überhaupt angeschlagen und kurz vor der Scheidung und diesbezüglich keineswegs mit zuversichtlichem inneren Glockenläuten, sondern schon eher angstgekrümmt bin … und denke an sehr weit zurückliegende Zeiten, wo ich, jung, wenn auch mißgestimmt, weil möglicherweise mit Realisierungszweifeln oder aus Geldgründen niedergedrückt ebenso dahinlief wie er und etwas überstreifte im Laufen und keinen Gedanken an den Körper verschwendete, weil dieser jung und kraftvoll war und jedenfalls kein Problem, keinen Gedanken wert.

14. Dezember 2001, Paris

 

Gestern bei Robert Müller in Villiers-le-Bel gewesen, im Regionalexpress durch die Vorstädte, Banlieue und dann in dem inzwischen schon fast bis zum Grad der Verfallenheit verkümmerten alten Notariatshaus Nähe der alten Kirche gelandet. Man tritt durch die große Kutschertür in den düsteren Vorraum, sieht durch die trübe Glastür in den Garten, das heißt erst in den Vorhof zum riesigen, mit diversen Treibhäusern, einstigen Eisenateliers, besiedelten Park mit der riesigen Zeder, die unter Naturschutz steht. Im Vorhof der Riesenschnauzer, winselnd und scharrend um Einlaß bettelnd. Robert hatte mich angerufen, ich solle mir eine Anzahl Zeichnungen aussuchen, er will den Nachlaß nicht einem Archiv oder Museum übermachen. Wir saßen erst an dem langen Tisch wie eh und je, er kam mir in der Erinnerung viel länger vor, wie übrigens auch Miriam und Robert kleiner geworden sind, altershalber. Ouzo und Nüßchen zum Apéro und dann gleich nebenan mittagessen beim Portugiesen, der anscheinend nur noch auf Wunsch und Bestellung warme Speisen auftischt, wir tafelten denn gewissermaßen in einer privaten Dépendance. Danach in einem der gespenstigen Werkstätten- oder Studierzimmer des immer baufälligeren verbleichten Hauses das Aussuchen der Zeichnungen, wunderbar, Robert hat jetzt einen Altersbauch, er sieht seinen koboldisch-mythologischen Zeichnungen immer ähnlicher, er hat sich anscheinend in die eigene Kunstfigur verwandelt, nur Miriam ist wie immer, eine alte Ausgabe der einstigen New Yorker Schönen russischer Herkunft, sie ist bloß merkwürdig aufsässig im Gespräch, nicht gerade meckernd, aber unerschöpflich im Einwändevorbringen, merkwürdig lebhaft geworden. Nach einer Weile wurde der riesige Hund hereingelassen, er hat sich nach anfänglicher tappiger Überschwenglichkeit beruhigt und hingelegt. Er kann einen umhauen.

Robert mit der langen Zigarettenspitze aus Schilfrohr (?) im Mund, wir becherten tüchtig. Früher gabs ausgesuchten Bordeaux und riesige Steaks, vom Kaminfeuer, alles in Fülle und dennoch einfach: archaisch. Jetzt Bescheidung diesbezüglich. Alte Leute essen weniger, leben sparsamer, aus Geld- wie Gesundheitsgründen.

Er war mein Trauzeuge 1980, wir sind seit den fünfziger Jahren befreundet, ich traf ihn zum ersten Mal, als ich Assistent am Historischen Museum in Bern war (und bereits Kritiken für die NZZ schrieb), es ging um einen Text für den Katalog einer Ausstellung in Südamerika, Robert war damals ein Weltstar. Er gehört vor allem in meine erste Zeit in Paris, die zwei einsamen Jahre. Damals habe ich wieder für ihn geschrieben, einen ganz schönen Text über seine geheimnisvollen Zugänge, die sowohl heilig wie obszön sind oder besser beide Sphären verschleiernd grimassieren und eröffnen. Wir sind zwei alte Kämpen. Es ist einsam geworden in dem Haus, eine hallende Leere oder zehrende Leere, von der sich die geheime Aktivität der beiden alten Personen wie Heinzelmännerleben abhebt. Er wird über die Feiertage den Besuch seiner Söhne erwarten. Man könnte in seinem Falle über Aufstieg und Niedergang meditieren, doch wäre damit wenig oder nur Äußerliches gesagt, weil der Zuwachs, der geistige wie humorig-philosophische, diese innere Lebendigkeit, unterschlagen wäre. Er war mein Trauzeuge gewesen, und nun mußte ich ihm die Scheidung mitteilen.

Wir redeten ohne Pause angeregt und lachten wie immer viel. Dann mit der großen Zeichnungsmappe im Taxi über die bereits nächtliche verkehrsreiche Straße in das dunkle vorweihnachtlich lebhafte Verkehrsgetümmel in Paris.

 

Im Zusammenhang mit der Scheidung, vor allem der definitiven Trennung von Odile, folgenden Traum gehabt:

Ich befand mich in einem großen Raum, in welchem Odile lebhaft tätig war, umherlief, ich war mir nicht klar darüber, was sie betrieb. Vorbereitungen traf? Außerdem waren zwei ansehnlich große Vögel in dem Raum, die manchmal zu einem Flug ansetzten, ein Pärchen, ich hielt sie für Falken, sie gehörten dazu. Ich sah Odile ans hohe Fenster treten, dies mein letzter Eindruck, denn auf einmal schwangen sich die beiden Vögel auf, durchflogen das Zimmer in Richtung Fenster, und danach gab es keine Odile mehr in dem Raum. Ich dachte, wo ist sie nur?, und dabei ging mir durch den Sinn, daß es sich bei den Vögeln keineswegs um Falken, meine Lieblingsvögel neben den Dohlen, sondern um Käuze, Eulen handelte. Sie hatten Odile offensichtlich gewissermaßen weggewischt, durchs Fenster ins Freie bugsiert. Entlassen? Entfernt? Weggezaubert. Ausgelöscht. Aus der Welt, aus meiner Welt geschafft. Oder hatten sie ihr zum Absprung verholfen?

 

War auch der Besuch in Villiers-le-Bel ein Abschiedsunternehmen?

16. Dezember 2001, Paris

 

Ja, die Forelle ist nicht nur das glitschigste mir bekannte Wesen, sondern auch das blitzendste, vor allem wenn sie springt; das unhaltbarste, nie in Griff zu bekommende ausgesetzteste, verletztlichste? täuschendste mutwilligste schönste Silberwesen, der wahre Silberling, ein Spuk, ich weiß es (noch) nicht, doch verstehe ich allmählich, daß man es in einen Fellmantel, einen Pelz stecken und schützen und wärmen muß zwischendurch oder doch das Bedürfnis dazu verspüren kann und so fort, sagte ich zu meiner toten Tante, die zwar in Evian begraben, jedoch in meinen Gedanken keineswegs tot und stumm, sondern nur allzu lebendig vorhanden war. Was sprichst du nur für Unsinn, mein Kleiner, sagte sie, wie kannst du nur so dumm daherreden, gib acht und hüte dich , man soll nicht vor sich hin reden, und vor allem sollte man die Zunge hüten und nicht plappern lassen, weiß Gott, wohin das führen kann im Kopfe, wenn man dermaßen entgleist, ich kenne Leute, die mit derlei Unsinn begannen und allmählich ganz und gar verrückt wurden, sie konnten die Zunge nicht mehr im Zaum halten, die Zunge sprudelte immer verrückteren Unsinn, und der Unsinn trug sie fort bis ins Irrenhaus, hüte dich.

Und nun dachte ich an das Sprudeln und sah gleich die Sprudellöcher vor mir, die die Straßenreiniger morgens mit ihrem Schlüssel aufdrehen, um das Abwasser, das Spülicht – Spülicht? – freizulassen, und ich sah das eilige Gleiten des Wasserbachs im Rinnstein vor mir, eile eile, und wie das eilige Wasser mich ermutigt.

Ich halte es neuerdings mit dem Wasser, dachte ich, und mit dessen Bewohnern, Wasser wie Denken wie Reden wie Phantasieren wie Reisen, ich lasse mich hintragen.

Vielleicht geht es beim Fell der Forelle gar nicht um das Einmänteln, nicht um Schutz, sondern um Verhüllung, wenn nicht Ablenkung und Irreführung, um Vertuschung und weniger um eine Nacktheit, sondern um das Rätsel, man soll das Rätsel nicht ans Licht der taghellen Anprangerung bringen.

 

Kommenden Mittwoch ist mein Geburtstag, wir haben Jean-Baptiste und Colette zu einer Fondue eingeladen, wie früher auch schon, doch das ist nur Tünche, danach werden unsere Leben unabhängig voneinander weitergehen. Der eigentliche Kehraus wird um Weihnachten stattfinden, ich werde allein sein.

23. Dezember 2001, Paris

 

Zurück zum Glück. Glückgefühle empfand ich jedesmal, wenn ich, um es etwas gestelzt oder Thomas Mann gleich auszudrücken, Einkehr bei mir hielt, als Junge die Schule schwänzte, um allein sein zu können, was nachdenken, Bildern und Empfindungen nachhängen und mich an etwas heranträumen hieß, im Grunde versuchte ich einfach, mich mit mir zurechtzumachen, das Viele, was in mich eingegangen war, zu verarbeiten, bis ich aus der Zersetzung zu einer Art Versammlung fand und meine Welt erschuf. Erschuf? mich einholte. Und dieser Luxuszustand setzte Glück, Glücksinnesein, frei. Und Welt. Das Denken und Träumen war ein Anlocken von Schollen, Erlebnis- und Erfahrungsschollen, es war insofern auch Vergewisserung von innerem Besitz, und es war mit sprachlichen Vorgängen verbunden, sprachliches Einholen, und das Ganze war sowohl rückwärtsgerichtet wie vorwärts, letzteres als Vorwegnahme von Leben, Abenteuer, Guthaben, auch Liebesguthaben, vor allem Zukunftsahnung. Und aus dem träumenden oder besser nichtstuerischen Zeithaben entschlüpfte die glückliche Selbstvergewisserung als Geburt von Welt und Ich und manchmal der Flug der Seele, Seligkeit.

Ich hatte solches Entkommen bitter nötig, auch auf den Spaziergängen, die ja immer auch Gedankengänge waren, erreichte ich diesen Zustand des Mit-mir-Zurechtkommens oder Bei-Sinnen-Seins; das Entkommen war Tätigkeit, wenn nicht Arbeit, und setzte Alleinsein voraus oder anders gesagt, Freiheit, Freisein (von Zwängen). Nur nicht andauernd gelebt werden durch Schulzwang und mißliebiges Gruppengequassel, nur nicht das Hordendasein, denn da konnte ich das innere Flämmchen nicht schützen, nicht schüren, nicht am Leben erhalten, darum das tiefe Bedürfnis nach Freiraum. Noch in der ersten Zeit in Paris wie früher in den Pubertätskrisenjahren war mir die Aussicht auf Begegnungen panikauslösend, ich floh in den Wald aus Angst, kein Wort hervorbringen zu können, nicht einmal einen Gruß, ich war ein Versprengter. Ich bin der Einzelgänger par excellence, wenn ich auch gerne nach getaner Arbeit in Gesellschaft bin, allerdings ausgewählter und in kleinstem Kreise, am liebsten mit einem einzigen Freund. Oder allein in einer Bar oder im Kino.

25. Dezember 2001, Paris

 

Ich habe nie eine Familienstruktur gekannt, nie Vater mit Mutter intim oder auch nur konspiratorisch oder wie ein Paar erlebt, sondern Großmutter und Mutter als Mutter und gehorsames Kind und Vater abseits als der Fremde, fremde Gast und später als abgeschobenen Kranken auf dem Krankenbett. Und um diesen Kern als Trabanten und Zugvögel Großtante und die Dienstmädchen und Werner der Hausbursche und die wechselnden Pensionäre. Und hinzu kommen die anderen Hausparteien, bei welchen man aus und ein ging, dies alles wie im Haus-Buch insbesondere etwa in »Die Gegend des Waschtags« beschrieben.

Ich selber erschuf mir mein Revier und auf den einsamen Spaziergängen, Bootsfahrten, Fluchten und geheimen Unterschlüpfen eine andere innere erträumte Zugehörigkeit und vielleicht Heimat, wobei ich »Heimat« nur in den Aufschwüngen der Seele, solchen Vorwegnahmen, als Utopie oder Sehnsucht oder besser Imagination, als das Eigenste erfuhr. Und all mein Trachten und Bestreben ging dahin, dieses Eigenste zu schüren und zu schützen und zu erzeugen. Zu erfinden. Dazu brauchte ich das Abseits und die Stille, und Gruppenzwang, etwa in der Schule, war darum verhaßt, weil es dieses innerste Streben, was ich auch die Selbstzusammensetzung nennen kann, verhinderte und brutal störte. Selbstzusammensetzung hieß später Prädisposition zum Dichten. Und zu diesem Zustand gehörte eine Art Verliebtsein, der höhere Zustand, ein Entbrennen.

Ich kann mein diesbezügliches zweites Leben, die Innlichkeit, mit niemandem teilen, ich suche nicht die Gemeinschaft, ich suche ab und zu die Gesellschaft und Freundschaft wie einen Marschhalt oder wie Verproviantierung; oder etwas wie Liebesgaben in den Hurenbars. Ich war und bin ein sich überlassenes Kind, Wildling, Verlorener Sohn. Das dachte ich an diesem heutigen Weihnachtssonntag auf dem ausgiebigen Spaziergang durch die Rive gauche und Saint-Sulpice zum oberen Boulevard Saint-Michel und weiter zu Saint-Julien-le-Pauvre und dem Blumenmarkt mit den Weihnachtsbäumen hinter Notre-Dame. Danach über den Pont de Notre-Dame vom Quai de la Corse kommend zum Châtelet und von da im Météor zu Pyramides und nach Hause. Von der Stadt mehr als entzückt, nirgends wie in Paris geht man durch diese tief bebende Menschenstadtlandschaft, Steinunendlichkeit, Menschengefilde voller Ernst und Entzücken. Und wie das Menschentreiben in all den unvergleichlichen steinernen Kammern und Fluchten sich alltäglich mit den zahllosen Geschäften Märkten Ständen Restaurants Bars Höhlen zum Geschäft des Lebens rüstet und das Handwerk des Lebens vorführt aufs bunteste, menschlichste und dies über dem Brausen der allgegenwärtigen Geschichtlichkeit, dachte ich.

 

Zweimal im Kino gewesen, The Barber der Gebrüder Coen und Mulholland Drive von David Lynch, eindrücklich, gehörte zu meiner diesjährigen alleinigen Weihnachtsverbringung. Igor und Odile in Rennes. Übermorgen mit Igor nach Zürich zu Valérie; und heute abend mit Derivière bei Malika. Ich mag das Alleinsein an hohen Feiertagen, immer schon. Einmal Silvester an der Delphinstraße in Zürich durchgearbeitet, auch im Atelier Stockerstraße Weihnachten gearbeitet, während nebenan die portugiesischen Fremdarbeiter tafelten.