2002

 

9. Januar 2002, Paris

 

Bin ich das? denkt der Clochard in Hund beim Blick in das Spiegelbild der Vitrinen. Denkt der in der Tantenwohnung Eingetretene in der Forelle, und zwar nicht nur beim Blick in den hohen Spiegel überm Cheminée, sondern angesichts seiner grundlosen Selbstauflösung, Ankommensfurcht, seines Entsetzens, ihn schaudert wie einen, der in eine Zelle eingeliefert wird, entsetzlich, nicht nur der Boden wird ihm unter den Füßen weggezogen, sondern die Welt, es ist der Selbstverlust, die Auflösung, nur nicht denken, Freund, nur laufen. Und ich lief hinaus auf der Suche nach der Forelle, wie aber kann man dieses glitschige, fischige Wesen fangen und packen? und was ist es, wer ist die Forelle, die man in ein Fell packen möchte?

Ich schritt durch den Spiegel, hatte ich nicht dieses Bild gebraucht in meiner ersten Zeit in der Tantenwohnung, nach all den gefährlichen, jedoch überstandenen Ängsten, ja, ich erinnere mich, dieses Bild aufgeschrieben zu haben, und zwar als Trophäe, Siegestrophäe, bin durch die Spiegel geschritten, als wäre ich von nun an gefeit. Kein Bild, kein Erkennungsbild mehr, nurmehr in ein Unbekanntes wie in ein Fell oder Urfell gewandet herumzulaufen und vor allem zu schreiben, was schreibt? Im Jahr der Liebe ist es das Buch, das sich schreibt, und von den Caprichos an ist es nurmehr das pochende Herz oder ein Unterbewußtes, eine Stimme, eine Bewegung, Regung, ein in der glitschigen Forelle atmendes Befinden und Glucksen wie der Rinnstein, eile eile. Heißt das Bild, ich bin durch den Spiegel geschritten, soviel wie ich bin mich und alles losgeworden und vielleicht wesentlich geworden, auf Grund angelangt? und allem entlaufen? eile eile.

18. Januar 2002, Paris

 

Das Schwierige bei meinem Schreiben liegt darin, daß es sich sowohl um ein Lebens- wie Schreibprojekt handelt. Und das Projekt oder besser gesagt die Recherche – und ich lege Wert auf diesen Begriff, der bis in die Dimension der Expedition oder Entdeckungsreise reicht – gilt der Erkundung des Lebensdunkels und Ich-Dunkels, der Ungewißheit, Unfaßlichkeit beider Größen. Hier die Untersuchung, hier das Berennen der geschlossenen Türen, hier aber auch das zu erschließende und bisweilen erschlossene Neuland im existenziellen oder anthropologischen Sinne, hier die neue Erkenntnis, hier der Erkenntniszuwachs, und wenn von Erkenntnis die Rede sein soll, hier das Loten und Ringen um die menschliche Sinnfrage, hier die neue Menschenkunde.

Mein Werk ist sowohl ein Erzählwerk wie die Demonstration des Aufblätterns, Durchleuchtens, Durchlotens, Erhellens des Erzählten oder zu Erzählenden, mit andern Worten: künstlerischer VerWIRKlichung oder Aneignung, also auch die dazugehörige Beschreibung der Methode.

Wie bei meinen künstlerischen Paten van Gogh und Robert Walser steht am Anfang des Unternehmens nicht einfach Begabung, sondern ein Defekt, eine Verunmöglichung sowohl zum Leben wie zum Erzählen, ich nannte den Defekt »meine Not, mein Leiden« von allem Anfang an, hier die tiefste Motivation und Legitimität. Das Klima ist Leidenschaft und Sehnsucht, Passion, das Movens Mut und Erkühnung, Wagnis bis zur Aussichtslosigkeit, koste es, was es wolle, der verschwiegene Hintergrund Lebensliebe oder doch eine Disposition dazu, ich kann auch sagen Hunger. Und die Kraft wäre das Durchhaltevermögen des Soldaten, der den Befehl nicht nur bekommen, sondern angenommen hat.

Die Verschlingung von Leben und Dichten hat auch damit zu tun, daß das erkundende und verWIRKlichende Dichten bei allem Wagnis des Vorstoßes das Versprechen oder Erhoffen der Rettung mitträgt. Von Freiwilligkeit keine Spur, um so mehr Manisches. Alles Gesagte trifft auf das Wesen der Expedition oder Entdeckungsreise zu.

28. Januar 2002, Paris

 

Wenn ich von Cuno Amiet absehe, den ich im Landdienst kennenlernte, also in den Progymnasiumsjahren – das Aufgebot lautete, ich habe mich bei Bauer Gygax in Schnerzenbach bei Ochlenberg zu melden, also sozusagen auf der Oschwand, wo Amiet residierte –, wenn ich von Amiet absehe, dann war Gérard Neuhaus, alias Raoul Liebreich, die prägende, weil erste Künstlergestalt meiner Kindheit. Cuno Amiet war nicht nur erfolgreich, anerkannt, gewissermaßen eine internationale Größe und in Grenzen historische Figur und Persönlichkeit, Neuhaus hingegen war, wie ich wohl witterte, der verkrachte, der mißratene, der gescheiterte Künstler.

Er hatte es nicht geschafft – was? Ich meine nicht den Erfolg, nicht den Ruhm, er hatte es nicht geschafft, sich zu verwirklichen, ich weiß nicht, war es eine Frage des Talents oder eine Frage der Kraft und der Disziplin, der Zuversicht, der Willensanstrengung, Hartnäckigkeit, des Durchbeißens … oder der Umstände und Zeitläufte? Er hatte aufgegeben, den Traum aufgegeben, er war gebrochen: der gebrochene Künstler. Und insofern für mich und mein damaliges Ahnungsvermögen der Inbegriff des abschreckenden Beispiels. Der erste »Gewesene«. Ein Jammerlappen, Feigling? ein eingebildeter Kranker, auf der Strecke Gebliebener. War er der erste oder besser gesagt die Vorform meiner Absteiger und Clochards, Gestrandeten, Verdammten? Meine Angst war ja immer, die Begabung oder Berufung nicht in Schöpfung umsetzen zu können, den Kampf nicht zu bestehen, meine Angst war die Kapitulation und der Untergang. Das Leerausgehen. Das Versagen.

Die Verfeinerung, die Überfeinerung, die Wehleidigkeit, Hinfälligkeit, Leidsucht, Sucht überhaupt, zum Beispiel Zigarettensucht.

Die demonstrative Selbsterniedrigung, die ich als ein Betteln um Mitleid ansah, das Spektakel seiner Tragödie, die parfümierte Theatralik. Die Flucht in das religiöse Spintisieren, Inhalieren, das Rosenmalen. Die Ausbrüche und Zusammenbrüche am Flügel. Die Selbstdarstellung als Gekreuzigter und das davon abgeleitete Recht auf Faulheit, die Ausnutzung, Ausbeutung der Gattin, die mehr als ins Auge springende Kapitulation.

Er war die verkörperte Schwäche in meinen kindlichen Augen und gleichzeitig die verkörperte Selbstsucht und Rücksichtslosigkeit, doch aus der Lage des Besiegten und Hingestreckten persiflierte und karikierte er als Stimmenimitator die Tüchtigen, die wackeren kleinen Leute und Lebensrechthaber, die Realisten ohne Lebenstraum, die primitiven Unbeschädigten mit ihrem Eintopf von Meinungen, ihrem Gewäsch, ihrem falschen, weil ekelhaften, unbegründeten Urteilen und Besserwissen, stinkenden Dünkel, die Pharisäer im Kleinstformat. Er war auch Leser, auch diesbezüglich ein Süchtling, nur eben das triefende Selbstmitleid. Er lag und rauchte, philosophierte, und manchmal sprach sein aufgerissenes Auge Wahrheit.

Exhibitionist. Er versprühte das übersüße Parfum der Dekadenz. Wenn ich aus seiner Wohnung trat, war mir nach Kraftproben zumute, nach Körperstählung, Rennen und Brüllen, nach Grobheit. Ich ertrug nicht seine Ironie und Selbstironie, seine Übersensibilität, Feminität, ich konnte die Exhibition seiner Schwäche nicht ertragen, wenn ich auch von seiner Intelligenz nicht unbeeindruckt blieb. Schwäche als Makel. Seine Schwäche schien mich anzuklagen – welcher Schuld? Ich setzte mich zur nachsichtigen, verständnisvollen, trotz Trauer lustigen Frau Neuhaus in die Küche.

Meine Schwester hingegen … Das bißchen Zugang zu Gérard Neuhaus hatte ich über meine Schwester.

In dem Haus das kranke Marieli, mein bettlägeriger Vater, Gérard Neuhaus, das Künstlerwrack, die kriminellen Brüder, die immer abwechselnd auf Reisen waren, das heißt ins Gefängnis verschwanden, der Hausarchitekt von Berger Früchte- & Gemüse-Geschäft, nach dem Verziehen der Juweliersgattin und einstigen Hausbesitzerin und Marielimutter neuer Hauseigentümer, die wechselnden Pensionäre usf. Das war der Anschauungsunterricht der Kindheit, alles in allem das Gegenteil von einem aufmunternden Beispiel, von Geborgenheit, Sicherheit, Stabilität, dafür um so mehr Exemplum von Abstieg und Auflösung, Kommen und Gehen, Lotterleben, Vorläufigkeit, aber auch ein interessantes Bestiarium, nicht unähnlich Thomas Wolfes Elternhaus, wo auch eine Pension geführt wurde, andererseits die Sippe dominierte.

Gérard Neuhaus habe ich wohl nicht oder nur zu gut begreifen können in vorwegnehmenden Ahnungen, die mich geimpft haben. Zusammen mit Emil Rötlisberger, unserem ewigen Pensionär, der mir neben seinen Ticks Lesesucht und Musikverrücktheit und Richard-Wagner-Verehrung und das Lebensbeispiel eines auf ewig verstoßenen und mißratenen Sohnes, aber auch etwas wie krause Bildungsvorstellungen vorgelebt, vor allem anderen aber Robert Walser vermittelt hat, stand Gérard Neuhaus für Kultur und Kunst und deren Gefahren, Feinheit, Sensibilität, Bildung, hochfliegende Träume als Lebensschwäche, Lebensuntauglichkeit, Außenseitertum, Siechenhaus, Scheitern und Untergang.

Für meine Schwester war dieser »Musiker« wohl ein Treibhaus für Gefühlspflege, Phantasieren, Nur-Empfänglichkeit, Passivität. Für mich bedeutete er: nur nie so werden wie er, also Vita activa, Ertüchtigung, Mobilmachung als Überlebenswille.

1. April 2002, Ostermontag, Paris

 

Unterhaltungsliteratur. Was habe ich dagegen? Gegen das Geschichtenerzählen? Ich selber bin ja ein erklärter Liebhaber von Krimis. Solche Lektüre ist letztlich immer Ablenkung, du nimmst den Zug, um dich entführen zu lassen, um gewissermaßen Urlaub zu nehmen. Es ist das Gegenteil von Vergewisserung. Dahingegen Kunst: Sprachkunst: Es ist das Aufbrechen der Lebensintensität in dir, deine eigene Vervielfältigung, Vervielfachung, Zentrierung, ja Auferstehung. Und das Dasein versammelt sich um dein Erwachen in der unerhörtesten, nie gesehenen Bereicherung, du lebst auf, du zerspringst – vor Dichte. Alles ist unerhört, alles wird wertvoll, weil einmalig. Die homerische Versammlung und Selbstversammlung. Nur nicht den Ferienzug in die lässige Entspannung nehmen. Nur nie die gewöhnlichen Augen bekommen, nur sehend und begeistert bleiben.

16. Juni 2002, Paris

 

Konrad Aeschbacher schickt die Todesanzeige von Ernst Müller, wir nannten ihn Aeschi, wie wir den Bruder Erich Richu nannten – bernische Wortverdrehungen (Kosenamen wäre zu viel gesagt), mich nannte man Pole. Ich lernte die beiden Brüder, Künstlerbrüder, im WK, Wiederholungskurs, Militärdienst kennen, wir schlossen gleich Freundschaft. Wir waren knapp über zwanzig, was für mich zwischen Abiturient und Student bedeutete, die beiden waren bereits schaffende Künstler. Sie wohnten in Bern in einem großen gehöftartigen Anwesen am Stadtrand, war der Vater nicht Leiter eines Heims? Behindertenheims? Er war Anthroposoph, glaube ich.

Erich/Richu sah aus wie ein Koreaner, Ernst/Aeschi war eine Art Sonnyboy, aussehens- und wesensmäßig. Mit dem kleineren, drahtigen, eben koreanisch kompakten und physiognomisch unergründlichen Erich verband mich fortan eine enge Freundschaft, wir verkehrten in unseren Familien zu Hause, vor allem aber unternahmen wir lange Spaziergänge an der Aare entlang weit über die Elfenau hinaus, wenn nicht bis Belp, es waren ewiglange Gespräche im Gehen, sie zogen sich über Kilometer hin, kilometerlange Gespräche in der Natur; über Kunst, Kunstwollen, über unsere Zeit, über Vorbilder in Kunst und Literatur, übers Leben, über Werte, Anschauungen, über den Menschen. Wir waren, was man engbefreundet nennt, vorübergehend unzertrennlich, Aeschi war höchstens ein Ableger oder Anhängsel unserer Verbindung. Er zog bald einmal nach Erlach, und später zog Erich auch dahin, Erlach war für mich eine Art Künstlerkolonie, es gab noch einige weitere Kunstschaffende dort, einen Martin Ziegelmüller, ich fuhr auch des öftern zu ihnen in das mittelalterliche Städtchen mit dem Schloß, das, glaube ich, eine Jugendstrafanstalt beherbergte. Wir trieben uns am See herum oder wanderten auf den Jolimont, tranken Wein, kehrten ein, diskutierten.

Ernst malte Landschaften, eher traditionell, mit einem leichten Stich ins Märchenhafte oder Naturmythische, Erich war ein moderner Stein- und Holzbildhauer im Groß- bis Riesenformat, eine Zeitlang genoß er den Ruhm eines modernen Pioniers, mit seinen archaischen Formvereinfachungen, seiner monumentalen Urtümlichkeit, dann schlug auch bei ihm etwas Pseudoreligiöses ein, auch etwas allzu Naturmythisches vielleicht, eine Verklärung, Entrückung, vermutlich war es das im Elternhaus aufgenommene Anthroposophische, und in der Wesensart nahm das Eigenbrötlerische bis Eremitische, verbunden mit einer von mir nicht nachvollziehbaren Gläubigkeit, diffusen Weltanschauung zu. Ernst aber wurde ein Großlieferant als Lokalkünstler, er wurde wohlhabend, der materiell erfolgreiche große Bruder. Und Erich/Richu mutierte zu einer Art Waldschrat, wenigstens im Äußeren, die moderne Kunst ging andere Wege, sie vergaß ihn, den einsamen Spintisierer, eigensinnig Abseitigen. Ich verlor ihn aus den Augen. Er muß tot sein, wenigstens figuriert er nicht unter den Leidtragenden, die in der Todesanzeige von Ernst Müller angeführt sind.

Erich war, glaube ich, zweimal verheiratet, zweimal mit deutlich größeren ansehnlichen Frauen, von denen er Kinder hat. Vergangenes oder vorvergangenes Jahr tauchte bei einer Lesung in Bern eine junge Frau auf, die sich als Erichs Tochter zu erkennen gab. Erich verschwand, für mich, in noch jungen Jahren in einem für meine Begriffe verwachsenen, unzugänglichen geistigen oder sektiererischen Dschungelgebiet oder Atoll. Als wir blutjung und unzertrennlich waren, konnte er lustig sein. Er war der erste, der mich auf Laurel und Hardy aufmerksam machte, zu einer Zeit, da ich von Filmkomikern nur Chaplin kannte. Seine jugendliche Ruhmestat als Bildhauer war ein mehrere Meter hohes Nashorn aus Holz, das in einem Buch über moderne Plastik von Carola Giedion-Welcker, der Joyce-Freundin und -Mäzenin, abgebildet ist.

24. Juni 2002, Paris

 

Ich notiere meine rückhaltlose Bewunderung für Dieter Bachmanns Grimsels Zeit. Ein Entwicklungs-, Heimat-, Familien-, Zeitroman in gleitend immer anderen Perspektiven und Sprachtönen, zart und spröd; die Zeit ist die unmittelbare Nachkriegszeit, und sie ersteht vor dem Leserauge in Dinge-, Warenbeschreibungen, Zeugnissen, Redensarten von einer Erinnerungsexaktheit, daß ich an Perecs Je me souviens denken mußte. Die Zeit dringt durch das Erzählgefälle wie eine Ameisenplage durch Ritzen. Höhepunkte für mich sind die Liebesgeschichte und die Jazzpassage. Ganz toll die eingelegten Bahnhöfe mit den Geleisen zurück in die Herkunftsfernen.

Ich denke Grimsels Zeit war Bachmanns Lebenstraum, und jetzt hat er ihn wahr gemacht. Ich kann nur staunen.

29. Juni 2002, Paris

 

Mit Colette zweite Sitzung in bezug auf das ROM-Projekt für Pauvert absolviert. Für mich ist es ja eine Art Generalprobe für Salve Maria oder doch ein zimperliches Wiederaufnehmen der schon fast verwachsenen Spuren. Was wir bisher herausgearbeitet haben in den in den paar römischen Tagen aufgenommenen Gesprächen, betrifft den lebenden Vorläufer der Canto-Erzähler-Figur, den einstigen, eben dreißig gewordenen Stipendiaten, der mit Frau und Kindern in Rom eintraf im Februar 1960, in der römischen Regenzeit, entschlossen, das geschenkte Freiheitsjahr nicht nur zu nutzen, sondern zu leben und mehr: es zu seinem heimlichen Geburtsjahr zu ernennen; Neubeginn.

Dazu gehört etwas Vorgeschichte, nämlich ein paar Bemerkungen zum Dasein als Berner Museumsassistent, der ja in Die gleitenden Plätze vorkommt, hier sein Abklatsch und Abglanz. Und im »Bildnis Karl Buri«. Aber was dort nicht vorkommt, ist das seltene, aber immerhin bemerkenswerte Triebwesen im Gewande des Assistenten, wenn er beim Durchqueren der Museumssäle auf eine aufregende Besucherin stieß und ohne zu zögern ihr nachlief, durchs Portal hinaus ihr hinterherlief, an der Schleppe der Schönen hängend. War es das Wiedererwachen des Frauenhunds, wie er in Stolz beschrieben wird? Das Barbarische in ihm, das mühsam im Zaum Gehaltene? Er konnte eine Besucherin in die Arme reißen, im Grunde nicht weniger als überfallen. Dieses Triebwesen brach sich im römischen Hurenhirten Bahn. Rom ist das Freiwerden des Künstlers im bis anhin bürgerlich lebenden Subjekt. Auch die Verschwendungssucht – in einem Nachtklub einmal ein Monatsgehalt des Museumsbeamten, der er vor kurzem noch gewesen ist, verschleudert. Offenbar geht das Freiwerden und Hervorbrechen des Künstlers mit dem Freiwerden des Barbarischen bis an die Grenze von kriminellen (?) Möglichkeiten einher. Von daher erklärt sich teils die innere Verstörung des römischen Nichtstuers, der im Unterschied zu den anderen Stipendiaten kein Projekt, kein Forschungs-, Schöpfungs-, Schreibthema hat, rein nichts, und statt dessen alle Zeit, Freizeit, die er vertut und verschleudert; das Ergebnis ist das schlechte Gewissen und Angst – zu mißraten, zu verraten, alle in ihn gesetzten Hoffnungen bitter zu enttäuschen? Angst vor dem unbekannten Ich. Verschwenden ist auch einigermaßen identisch mit Sich-Häuten. Verlorenheit, Selbstverlust, Angst. So wenn der Stipendiat spät nachts auf den krummen Straßen ins Institut zurückschlich. Darum die Nähe zu Scipione, bei dessen Figuren auch dieses Sich-Verschleichen.

Diese Vorgänge in der Kulisse der Ewigen Stadt, vor allem in den Trümmern der Antike und vor den schönsten Glaubensgebäuden des Christentums – in diese gewaltigen Überlebensbeispiele hätte der windig-winzige Stipendiat und Künstleranwärter seine Pfade des lausigen Lotterlebens eingeschrieben. Er hätte ja, nimmt man sein Romjahr als Stufe oder Wegmarke von Lehr- und Wanderjahren, in Rom »in die Schule gehen« können. Und was spielt nun Maria als Immaculata in diesem Zusammenhang für eine Rolle? Immaculata dolorosa virgine. Wer soll unberührt bleiben?

Was mich in Rom auch von allem Anfang an fasziniert hat: Ich nenne es das Urbane. Ich habe es gleich wiederempfunden, als ich neulich in Rom (zurück) war. In der Straße del Tritone? Citybauten, finsterlich und rund um Piazza Colonna. Banken, Geschäftshäuser, Verwaltungen, die Beamten trugen seinerzeit, wenn ich nicht irre, schwarze Berufsmäntel, im Canto schreibe ich, ich höre durch Mauerritzen Schreibmaschinen, Rechenmaschinen zischen. Das Urbane hat mit der anonymen Existenz der Angestelltenentfremdung zu tun, mit einem spezifischen Schattensklavendasein, in das sich die durch viele Jahrhunderte an Schicksalshinnahme gewöhnten Römer tagsüber schicken. Das wäre nichts Besonderes, das gibt es ja überall, aber in Rom damals, von der Schweiz kommend, empfand ich es wie eine Mutter von amerikanischen Verhältnissen, eigentlich schon fast surrealistisch, Modern Times im Herzen der Antike, das Mit-allen-Wassern-Gewaschensein des alten Kulturmenschen, Mutter des Mafiosendaseins? Jedenfalls hat es mich erregt und erregt mich heute noch. Und dann abends verwandeln sich diese kapitalistischen Gespenster zurück in die physischen Römer mit den ausgedehnten Abendessen (Cena) zu Hause und den streng geregelten Familienhierarchien, verleiblichen sie sich.

Es hat auch mit den großstädtischen Verkehrsmitteln, Massentransporten zu tun, Stoßzeiten-Verdunkelung. Kafka in Rom. Ich kann es noch nicht wirklich sagen, wie ich auch den Geruch der Metro nicht eigentlich sagen kann, ich nannte ihn einen Mischling oder faulen Atem, doch heute dachte ich, dieser Geruch habe mit Ausdünstungen der Menagerie beim Zirkuszelt zu tun, mit Zirkusluft also, und daran könnte etwas sein, genauso wie ich, aus dem Flughafengebäude Ciampino tretend, die Düfte draußen in der feuchten Hitze mit Raubtierdünstung gleichsetzte, also Afrika.

Und wäre Maria also meine Eurydike gewesen, die ich opferte, um cantare zu können? Sollte sie eine Verheißung, ein Versprechen bleiben, mein Stern, und sexueller Konsum hätte den Stern auf die Erde und in die Vergänglichkeit geholt? Darum die andere niedere Maria, mit der ich schlief. Meine Maria vermißte ich mit Schmerzen, die mir den Hals zuschnürten. Oder konnte ich sie auch nicht »in Besitz« nehmen, weil ich ja verheiratet und insofern in einer realen Geschichte eingebunden und verankert war?

10. Juli 2002, Paris

 

Meteorologe der inneren Wetterlagen

 

Er lebt in diesem alten Hof in Schüpfen und gibt sich das Ansehen eines Krautjunkers. Das hat er mit Thomas Bernhard gemein, der in seinem Vierkanthof in der Nähe von Gmunden (Österreich) in einem ähnlichen Habitus und ebenso zeitungemäß selbstverkrochen hauste. Eine Neigung zum Althergebrachten?

Das Althergebrachte drückte sich bei Moehsnang auch in seinem altmodischen Handwerksethos aus – welcher Maler reibt heute noch seine Farben eigenhändig an und mischt ihnen kostbare Erden bei? Wer pflegt den Umgang mit dem Grabstichel, pflegt die Ätzkunst ebenso altmeisterlich hingegeben wie er und zieht die Proben auf einer eigenen alten Presse ab?

Das Atelier im Gebälk des ausgebauten Dachbodens hinter dem tief hängenden Dach zeigt mehr als nur Verkrochensein an, man denkt an Verschanzung. Und was seinen äußeren Habitus angeht, so wundere ich mich immer, daß ich Moehsnang, wenn ich aus der Ferne an ihn denke, in Stulpstiefeln und weiterer Vermummung vor Augen habe – wie einen alten Niederländer? Ich könnte auch sagen: wie einen aus dem Gulag. Einen Entlaufenen.

Schon in den Berner fünfziger Jahren war er ein heimlicher Künstler, sein Selbstschutz waren Höflichkeit und Zurückhaltung, was zur freizügigen existenzialistischen Kunstszene der Rüdlinger Zeit in krassem Kontrast stand; man müßte einige Schichten wegkratzen können, um zu ihm vorzudringen, dachte ich damals.

Er war ein Außenseiter, den es aus dem Ruinendeutschland in die Beamtenhauptstadt der kriegsverschonten Schweiz mit den wieder offenen Grenzen abgetrieben hatte. Für die Schweizer Künstler seiner Generation in ihrer wilden Aufbruchstimmung gab es damals keine Beladenheit durch die nahe Vergangenheit und schon gar nicht die Aufgabe der Schuld- und Schreckenstilgung: Auch das mag eine Trennwand errichtet haben. Ich erwähne diesen Umstand in der Form der Vermutung, niemand machte sich Gedanken darüber, Moehsnang gehörte am Rande zu uns, er sprach ein leicht bayerisch gefärbtes Berndeutsch, er gehörte zur Altstadt, zur Subkultur. Und war doch ein Fremdling.

Er ist verschwiegen, was die dreißiger und Kriegsjahre betrifft. Die Rede ist von dem großelterlichen Palais in Amberg mit der schönen Dixhuitième-Fassade und der bunten Bewohnerpopulation innerhalb der Mauern, man ahnt Egberts Heranwachsen als eine glückliche Kindheit; Verwandte, vielerlei Berufe, viel menschlicher Anschauungsunterricht, viele Anlaufstellen für das Kind, Sippenzugehörigkeit, Geborgenheit, die Hausmusik nicht zu vergessen. Und danach die Austreibung aus dem Paradies und das Unterkommen in einer engen Wohnung für die zur Kleinfamilie geschrumpfte Lebensgemeinschaft. Vor den Fenstern die Drohung der braunen Horden und Angst. Und Klein-Egbert, der an seinem Kindertisch gegen die Furcht anzeichnet, bis er, ein Jüngling, selber eingezogen wird.

Ist hier die Konstellation – die Verwundung? –, die Moehsnangs Künstlerwerden begründet; und die innerste Motivation für das in der Stille und im Verborgenen gewachsene malerische Werk, das heute als einer der wichtigen Beiträge der internationalen informellen Kunst verstanden werden darf?

Ich fand für seine dunkeltonige Kunst der achtziger Jahre das Wort Malerei der aufgewühlten Tiefen. Ich spreche von den abstrakten Schlachtenbildern (wie ich sie für mich nenne), die in erdfarbenen Tönen gehalten und in ein dramatisches Helldunkel getaucht sind. Bilder des Ringens, Notwehr gegen ein drohendes Verschlungenwerden, Notwehr gegen den seelischen Absturz.

Gegen Ende des Jahrzehnts setzt behutsam der Gang in die lichten Zonen der Farben, in zauberisch hingehauchte Heiterkeiten ein. Lichte Momente, Lichtblicke. Das Malen des Falterbesuchs, wenn denn das Bild des Falters für das Zarteste, Heikelste an Glücksbalancen stehen und taugen mag.

Egbert Moehsnang ist ein abstrakter Diarist, wage ich anzunehmen. Er sitzt, wie damals der Knabe angstgebeutelt vor seinem Kindertisch saß und gegen die Furcht anzeichnete, vor seiner Staffelei und wirft im Medium der Farbsubstanzen seine Empfindlichkeiten und Befindlichkeiten auf die Leinwand; und durch seine Augen malen die verehrten alten Meister, die er in Florenz studiert hat, mit. Ein heimlicher Maler, immer noch. Wieviel Tarnung braucht der Künstlermensch, um sich den gefährlichen Odysseen in den tiefen Wassern der Seele aussetzen zu können? Ist das weitläufige Atelier im Gebälk des alten Hofes Schlüpfen seine Arche geworden?

Moehsnang, der Maler der verletzten und verletzlichen Seele. Ein Meteorologe der inneren Wetterlagen? Der Matrose auf dem Ausguck des hohen Mastes, dessen Augen nach dem rettenden Land hungern? Ein im Gelingen der Kunst Davongekommenenen. Hier der existentielle Aspekt, hier der Stempel der Glaubwürdigkeit.

22. Juli 2002, Paris

 

Wenn ich am früheren Vormittag schon im Atelier beginne, hat der Arbeitstag so viel Abwechslungsmöglichkeit wie einst in meinen ländlichen Klausuren. Lesen, notieren, sinnen, Siesta, Radio, dazu der Wechsel des Lichts. Früh ist’s dunkel und kühl in der ebenerdigen Klause, ab Mittag fällt die Sonne ins Zimmer, und am Nachmittag bade ich in sommerlich warmem Licht. Lebe nach dem Sonnenstand.

Bin dabei, Joseph Zoderers Schmerz der Gewöhnung fertigzulesen, den er zu seinem fünfundsechzigsten Jahr beendet hat, wie er bei mir stolz verkündigte. Er hatte sich und seiner Frau zum Jahresfest und Gelingen des Romans eine Reise nach Paris geschenkt. Übrigens ist die Geschichte seiner Liebe und Ehe auch in das Buch hineingearbeitet, zart und sehr zupackend, wie ja alles in diesem Buch sehr kräftig im Duktus, manchmal geradezu stämmig und verblüffend eigen in den Bildern, in einer unnachahmlichen poetischen Prägnanz daherkommt, die das Leserempfinden füttert wie mit Brot und Wein. Es ist alles sehr stark hingestellt und das Gegenteil von Geschwätzigkeit, erdhaft im Geruch und knapp bis lapidar im Ton, unsentimental, fern von Wehleidigkeit, neugierig, lebenszugewandt und nachdenklich und, ja, sogar im Zorn, liebevoll, nun, human. Es erzählt Provinz und ist welthaltig: weltbedeutend?

Es ist jetzt siebzehn Uhr, ich fahre nach Hause. Kochen, Skwara kommt zum Abendessen.

26. August 2002, Paris

 

Einfall für Fell der Forelle

 

Immer wieder das Wasser im Rinnstein: eile eile

Zum Schluß läuft der Gejagte in ein Bild hinein, das heißt in ein Wahnbild, eine Einbildung, in den Wahn. Andere laufen in den Tod oder in die Freiheit, er läuft in die – Kunst?

Die Schuld ist das Verbrechen am Leben, und am Leben hat er sich vergangen, weil er die Liebe, diesen Lebensanruf, um der Kunst willen, verraten hat. Verraten, umgebracht hat er die Liebe. Es war Mord. Derlei »Geständnisse« müßten bruchstückweise zum Vorschein kommen, es ist ja nie klar, wovor er davon- und wohin er wegläuft oder weglaufen möchte. Das Umkippen in den Wahn oder in die reine Einbildung könnte auch durch ansatzweise Identifikation mit der ihm weitgehend unbekannt gebliebenen verstorbenen Tante inkubiert oder angedeutet oder vorweggenommen werden. Und eine Art Mordversuch war ja auch die kurz vor dem Akt abrupt verlassene willfährige Frau. Eile eile. Ein Mann, der irgendwo ankommt, aber nicht ankommen, nicht Fuß fassen kann und aus der Welt bzw. Realität kippt.

Antagonismus zum erneuten Male: Leben und Kunst. Das Leben hat ihn aufs Trockene geworfen, und die Kunst ist verstummt.

 

Ich kam auf diese Idee gestern im Kino, als ich Bogart in The Big Sleep sah, ich kam auf den Gedanken an das Verbrechen. Es geistert ein Verbrechen in meinem Text herum. Übrigens hat mir der Film, an dessen Drehbuch Faulkner mitgewirkt hat, nicht sonderlich gefallen, nicht zuletzt der Fehlbesetzung der weiblichen Hauptrolle mit Lauren Bacall wegen.

7. September 2002, Paris

 

Auf dem Markt gewesen und gestern einsam essen und danach ins Kino gegangen, einen frühen Losey anzusehen, den ich vor langem bereits genossen, nein, nicht sonderlich gemocht hatte, wirkt auch heute theatralisch überdramatisiert, überaltert, nun; danach auf dem Heimweg über den Pont des arts, wo die jungen Leute campen und zu Gitarrenklängen oder Tamtam-Trommeln lagern, scharenweise, den schönen Abend, das Herdenaufgehobensein, das Zusammensein genießen, die Gemeinschaft.

Ich sehe all die Paare, die sich küssen und streicheln und aneinanderschmiegen in der Öffentlichkeit, sehr viele häßliche, bei welchen man sich Anziehung oder gar Begehren beim besten Willen nicht vorstellen kann, und dennoch lassen sie nicht voneinander ab und halten zusammen, ich denke verächtlich, ihr Idioten, Schmalverbraucher, Illusionisten, ich kann mir offenbar Zuneigung und Zusammengehen, Zusammensein und Zusammengehörenwollen überhaupt nicht mehr vorstellen, möchte nur Niedrigkeit oder tierische Tumbheit dahinter vermuten und denke mir die künftigen Scherbenhaufen aus. Und hatte es ja auch gehabt, auch gekannt bis zur Verzauberung Hörigkeit Erfüllung, konnte es aber nicht am Leben erhalten, nicht durchhalten. Ich habe in den Ehen, in der Familie, in der Liebe versagt, sogar die Kinder haben sich abgewandt, Kontakt nur noch mit Valérie, nicht aber im Werk. Alles für das Werk geopfert oder verspielt? Die Humanität, auch die Liebe, alles ist ins Werk gegangen. Auch mir war wohl im Leben nicht zu helfen. Das Werk ist gelungen, es war wohl der Antrieb, die Kompensation eines gewaltigen Webfehlers.

Warum nur sagen mir auch heute noch jüngere Gesprächspartner, wenn sie mich besuchen kommen, sie kämen, weil meine Gegenwart für sie ermutigend sei? Weil ich durchzuhalten scheine? Tönt wie Ironie in meinen Ohren.

25. Oktober 2002, Paris

 

Vor einigen Tagen kam ein irritierender nächtlicher Anruf der Schwester mit der Vermeldung, sie habe eine Art innerlich-schöpferische Explosion erlebt, ihr seien die Augen aufgerissen oder besser entschleiert und ihrem Wesen eine Schläfrigkeitswand entrissen worden, sie fühle sich zu tausendundein Unternehmungen und Projekten erwacht, sie sprach von Designergelüsten, von einem Rundumgepacktsein, kurzum von Aktivitätsanwandlungen der verschiedensten, nicht nur musikalischer Art, sondern wahren Projekten. Und nun hat sie gestern nacht wieder angerufen und erwähnt, sie komme aus einer Mitteilungs- und Einmischungswut gar nicht mehr heraus, sie spreche Leute an, telefoniere in alle Richtungen, nehme alle vergessenen Kontakte auf, sie sei zwar auch beim Arzt und Psychiater gewesen, es könne schon manisch-depressiv sein, das heißt im Moment manisch, eine Manie, sie finde keine Ruhe, keinen Schlaf mehr, sei aber nicht unglücklich, wobei sie die vorangehende und notorische Schläfrigkeit, Müdigkeit als depressiv denunzierte. Sie stehe stundenlang vor dem Spiegel und probiere immer neue Kleiderkombinationen, das Kleiderkaufen sei schon fast eine ausgewachsene schöpferische Sucht, sie brauche etwa zwei Stunden, um sich zurechtzumachen, bevor sie ausgehe. Sprach davon, wie sie in einem Selbstüberschwang irgendwelchen Leuten in Geschäften über den Mund fahre und sie auf ihren Platz verweise mit der Deklaration, sie sei keine blöde Bürgerin/Spießerin, sondern aus der Existenzialistengeneration hervorgegangen, habe als Mädchen in Paris in Kellern Sidney Bechet und Claude Luter erlebt und zu deren Jazz getanzt und alle möglichen inzwischen weltberühmten Künstler gekannt. Sie möchte eine Zusammenkunft der in den fünfziger Jahren in Bern angetretenen Rüdlinger Künstlergeneration planen, habe auch schon einige diesbezüglich angerufen. Selbstbewußtsein übersteigertes und Wahn, die eigene Singularität herauszustellen, eine Selbstigkeit, die in ihr seit immer schlummert und ab und zu geradezu brutal hervorbricht, dann wieder einem übertriebenen Weichsein, Verständigseinwollen weicht. Mich fröstelte am Telefon. Sie betont, sie leide nicht, nur daß die Beruhigungsmittel nicht wirkten. Für mich ist es die schreiende Grimasse von Einsamkeit durch Unverstandensein, ein Schub, dachte ich. Offenbar kann Tamara damit umgehen, sie verhalte sich vernünftig und mit Zartgefühl und sei hilfreich. Sind diese Anrufe Hilferufe an den Bruder? Und ich die letzte Adresse?

27. Oktober 2002, Paris

 

Diese Nacht hat sie von neuem angerufen, um mir mitzuteilen, daß Unseld gestorben sei, ich brauchte einige Zeit, bis ich die Tragweite dieses Satzes erfaßte. Rief Hörning und danach Elisabeth Borchers an, es hieß, die Abteilungsleiter, die Damen und Herren von der täglichen Postkonferenz, Rainer Weiss, Günter Berg etc., seien in der Klettenbergstraße und hielten Totenwache. Borchers meinte, er habe wohl schon einen Hirnschlag gehabt, niemand sei wirklich ins Bild gesetzt worden, man habe ihn abgeschottet und nach außen nichts über seinen Zustand verlauten lassen, ich fragte mich, wie seine letzte Stunde gewesen sein mochte. Ich schaute Fernsehen und dachte dabei an Unseld, ich war fassungslos, geängstigt, konnte mich nicht zum Zubettgehen entschließen, vermutlich kam ich mir verlassen, im Stich gelassen und ausgesetzt vor, so etwas, er muß also schon eine Vater- und entsprechende Sicherheitsgarantenrolle gespielt haben, wenn wir auch des öftern nicht nur haderten, sondern im Krieg lagen. Er war die Zentralperson meines Schriftstellerlebens, manchmal die einzige oder einzig verbleibende Schutzmacht, wenn er mir auch mißtraute wie damals in Venedig, als er, Alkohols wegen, eine lange Treppe heruntergefallen war und ich ihn mit Blutspuren zu Füßen der Treppe im Hausflur liegen sah, es war an seinem fünfundsechzigsten Geburtstag, und er hatte eine Anzahl Suhrkamp-Autoren nach Venedig einfliegen lassen, Frisch und Enzensberger und Walser und einige andere, auch den Sohn Joachim, der damals dem Vater den Fehdehandschuh hingeworfen hatte, er meldete den eigenen Macht- und Führungsanspruch an und verlangte, daß der Vater endlich abtrete, wenigstens dem Sinn nach, und daher das Zerwürfnis, der Sohnesrausschmiß, und Unseld hat es nie wieder gutgemacht, es war wohl Entthronungsfurcht, Ermordungsfurcht wie in alten Königsdramen; damals in Venedig hatte mir Unseld den Torcello-Preis der Suhrkamp-Stiftung zugespielt, eine tolle Summe, es war nach Erscheinen von Im Bauch des Wals (und in meinen Augen zur Geburt Igors); und als Unseld unten an der Treppe in seinem Blut lag, Handke über ihn gebeugt und seine Hand haltend, murmelte der Verletzte, als ich mich (neugierig) näherte: »Pablo, Du nicht« oder so ähnlich, als wäre ich ein potentieller Verräter oder Feind. Dabei war er häufig in meinen Ateliers gewesen und hatte sich Teile von werdenden Büchern vorlesen oder von Band vorspielen lassen, zuletzt zusammen mit Ulla in der Rue Saint-Honoré, ich erinnere mich an manche solcher Besuche, er war fasziniert von dem Gehörten und ermutigte und versprach weitere monatliche Vorschüsse, Finanzierungen, er wartete wohl immer auf meinen Durchbruch, den großen Erfolg, der leider ausblieb, und dennoch hielt er zu mir, wenn er mich auch zwischendurch beinah verleugnete nach außen hin, wenigstens schien es mir so, er blieb treu, scharte aber mit Vorliebe Erfolgreiche um sich, er mochte im Grunde den erfolglosen Autor nicht. Für ihn das Unvorstellbare. Bei mir half dann die französische Anerkennung über mein Manko hinweg, das hat ihn schon beeindruckt, und im tiefsten blieb ich seine ganz persönliche Entdeckung als junger Canto-Verfasser, darauf kam er immer wieder zu sprechen, und das wurde ja anscheinend gestern nacht in einer Ad-hoc-Radiosendung auch von Marcel Reich-Ranicki erwähnt, wie mir Maria Gazzetti heute am Telefon sagte, es hieß, Unseld habe einige der Autoren erster Stunde von Peter Suhrkamp übernommen und einige weitere wie Johnson und Nizon selber entdeckt oder an sich gebunden. Odile sagte mir immer, ich sei viel zu sehr seelisch von Unselds Gnaden abhängig, hätte mich seit langem lösen und mein Heil anderswo suchen sollen, und wenn ich so etwas Unseld sagte und ihm vorwarf, er habe sich nie einen Reim auf meine Kunst machen und mich darum nicht verkaufen und groß herausbringen können, dann entgegnete er immer in blutigem Ernst, kein anderer Verleger hätte mir mit vergleichbaren Investitionen die Treue gehalten. Sein gespaltenes Verhältnis zu mir kommt in der von ihm herausgebrachten und verfaßten Verlagsgeschichte zum Ausdruck, wo er mich zwar herausstellt, jedoch irgendwie zögerlich, er wagte nicht ganz, ganz zu mir zu stehen, weil er sich wohl nicht ganz sicher war, was meinen literarischen Wert anging. Erinnere mich, wie er in der Frankfurter Oper zum großen Verlagsjubiläumsfest, als ich ihm in die Hände lief, mich mit sich wegführte, als gälte es, mich irgendwem vorzustellen, oder als gälte es etwas Wichtiges; und dann führte er mich aus dem Trubel hinaus und setzte uns beide an ein dunkles Fenster in einem leeren Saal, setz dich, und wir saßen so im Dunkeln, und er schaute hinaus oder vor sich hin, und ich harrte der Dinge, die da kommen sollten, und dann murmelte er bloß: so oder na ja oder so ähnlich, und wir saßen stumm einer neben dem anderen. Er konnte mit meinem mangelnden Erfolg nicht zurechtkommen, nicht fertig werden, er hielt Stücke auf mich und blieb verunsichert. Und wie er zu meinem 50. Geburtstag in Paris erschienen war, mit einem Dupont-Schreibbesteck als Geschenk, und mit mir in der Closerie des Lilas gespeist und getrunken hatte, um mich »in den Kreis der Erwachsenen zu geleiten«, wie er meinte. Und in Berlin, wo er auftauchte, als ich meinen DAAD-Aufenthalt absolvierte, um mir bei einem zeremoniellen Essen anzukündigen, ich hätte den Lehrstuhl für die Frankfurter Poetikvorlesungen – derlei Einsätze (nebst allerhand Enttäuschungen). Und zuletzt im Intercontinental Hotel, wo er mir ultimativ das Manuskript Hund abverlangt und es zu verabredeter Stunde entgegengenommen hatte und fragte, was für eine Werksausgabe ich wünschte, ich hätte alles haben können. Und noch selbige Nacht rief er an und gratulierte zum Hund (er hatte ihn im Flugzeug gelesen).

Ich saß tief verunsichert vor dem Fernseher vergangene Nacht, um die Todesnachricht zu verdauen oder in mich absickern zu lassen, und fühlte Entsetzen und Furcht, wie wenn der Vater gestorben wäre, Furcht wie Lebensangst.

Heute morgen riefen Gstrein und Maria Gazzetti und Peter Henning und Martin Dean an. Er war doch im Zeichen der Waage geboren, muß diesen Monat seinen letzten Geburtstag gehabt haben. 78 Jahre.

13. November 2002, Paris

 

Brigittes Geburtstag. Bin vergangenes Wochenende in der S-Bahn vom Münchener Flughafen nach Tutzing (zum Treffen der ehemaligen Preisträger des Kaschnitz-Preises in der Evangelischen Akademie und zur Preisverleihung an Robert Menasse) an der Station Laim vorbeigekommen, wo wir beide 1952 im Pfarrhaus der Hofmanns, Brigittes Onkel und Tante, wohnten – ich offiziell bei Metzger Klass; es waren unsere blutjungen Anfänge, es war unsere Hochzeit, es war Studentenleben kurz nach Kriegsende und dem Jahre Null. Und dieses Wochenende feiern wir Brigittes Siebzigsten in Valéries Haus in Baden, übermorgen fahre ich hin.

Ich bin arbeitsmäßig in einem Engpass. Komme mit dem Klee (Auftrag von Professor Maurice Müller, berühmter Hüftgelenkchirurg) nicht recht vom Fleck und kann nicht zurücktreten, da das Buch bevorschußt ist. Ich trete auf der Stelle, und dies schon bald zwei Jahre. Habe das Fell der Forelle auf Eis legen müssen. Das Jahresende ein Schreckgespenst. Da ist noch das Projekt zusammen mit Colette für Pauvert, ein vierhändiges Rombuch, um den wunden Punkt von Salve Maria kreisend, ebenfalls bevorschußt, Abgabetermin überschritten. Da ist ein Text über Robert Schumann fällig, für eine Plattenedition, Kassette von Actes Sud. Da ist ein Text über Hans Josephsohn für eine Publikation des Aargauer Kunsthauses mit Arbeitstitel »Das wilde Sehen«, wo an die 70 internationale Schriftsteller über ein einzelnes Werk der museumseigenen Sammlung von Schweizer Kunst, der angeblich größten im Lande, einen freien Text zu verfassen eingeladen sind. Abgabetermin 1. Dezember. Ich bin von all diesen Arbeitsvorhaben wie in Stücke gerissen oder wie mit Stricken gefesselt; in eine Immobilität gerammt. Ist die Immobilität Angststarre? Die Angststarre hat auch mit dem Alter oder mit Todesfurcht zu tun. Zwar laufe ich wie eh und je erregt und unternehmungslustig quer durch Paris unterwegs zum Atelier und abends zurück, zwar fahre und fliege ich zu Lesungen und derlei Anlässen auf Reisen und nicht selten hochgestimmt; doch dann sagt mir mein Verstand mein Alter, nennt mir die gestundete Zeit, und ich mit meinem Trödeln und leichtsinnigen Zeitverlieren angesichts des Alters, der gestundeten Zeit, was Wunder, daß mich Panik überfällt. Kommt hinzu, daß das angelaufene Scheidungsverfahren mich mit Einsamkeitsängsten und Hilflosigkeitsdrohungen anficht, die ich spazierender-, das heißt weglaufenderweise überspiele, ich laufe de facto ja in eine Sackgasse. Aus der mich nur die Arbeit hinausführen könnte, wenn sie mich nicht dermaßen mit unüberwindlichen Mauern der Mutlosigkeit umstellte. Nicht aus noch ein wissen.

29. Dezember 2002, Paris

 

Es ist Sonntag, und morgen fahre ich mit Igor in die Schweiz. Habe eben einige Seiten am Fell der Forelle weitergemacht, wie übrigens auch gestern, gestern habe ich die Arbeit endlich wieder richtig aufgenommen und möglicherweise die Kurve gekriegt, und zwar in eine Art Wahnsinn (des Protagonisten) hinein.

Es gibt einige neue Gesichtspunkte: 1. daß der Erzähler oder Vermelder sich für einen Mörder hält; 2. daß er sich innerlich daran klammert, aus dem Geschlecht der Stolp und nicht der Neffe der Tante zu sein (Spaltung oder Flucht in die Erfindung). Erfindung als Erlösung; 3. läuft das Ganze darauf hinaus, daß er am Ende die umgebrachte Geliebte wiederfindet und sich für immer mit ihr vereinigt. Und wäre es auch nur in seinem Wahn. Daß es auf ein (wahnsinniges) Happy-End hinausläuft. Sie steht an der Tür. Es ist die Vereinigung. Ich habe so lange auf dich gewartet. Er schließt sie in die Arme. Nie wieder werde ich dich lassen, du Veilchenvoll, du Schönes. Und sieh, was ich für dich aufgehoben habe. Er reicht ihr ein Ding, von dem man nicht recht weiß, was es ist. Es ist DAS FELL DER FORELLE. Dann führen ihn die Wärter ab. Vielleicht geht es aber auch ohne Wärter, und zwischendurch, auch wenn er mit Brisa zum Beispiel ausgeht, spinnt er insgeheim seine andere Geschichte des Stolp »Ich stamme aus dem Geschlecht der Stolp« weiter. Er könnte auch eine Version von Serrazzano als vereinigtes Leben oder Leben der Vereinigten, ein Wunschleben ausbreiten.

Ist der Packen das Schuldgefühl des Mörders? Irgendwie hat die Situation des protokollierenden Mannes in der Forelle mit dem von Brando gespielten Versager in Bertoluccis Last Tango und dessen Versagensschuld (an der Liebe) zu tun. Müßte überprüft werden. Die Szene und das Gespräch am Totenbett der Frau.

Über den Tod und in die Jahre.

 

Die vergangene Woche um Weihnachten mit Besuch von Valérie und dem langen Nachmittag bei Handke, dem einsamen Tag des heiligen Abends – Besuch in Saint-Julien-le-Pauvre und Notre-Dame und dem Blumenmarkt neben der Préfecture de Police. Anderntags bei Malika und vordem bei Colette und Jean-Baptiste … diese sehr, sehr traurige Woche hat offenbar endlich den Stein des Erzählens ins Rollen gebracht oder die Blockade aufgesprengt. Mit Valérie sowie bei Handke und Colette waren oder liefen lauter Bekenntnisse ab. Es war die Woche des Bekennens. Viel gelitten.

Jetzt freue ich mich auf Bern. Silvester bei meiner Schwester. Elisabums hat angerufen und mich aufgefordert, nach Lunki zum Schreiben und Aufgepäppeltwerden zu kommen. Vielleicht gar keine schlechte Idee. Bin ja mehr als schon einmal im Lunki vor Anker und in Deckung gegangen. Der Anruf ein gutes Omen.