2004

 

27. Januar 2004, Paris

 

Der Traum von dem Tier auf dem Schinderkarren unterwegs zum Schlachthaus und mit dem Kälbchen illustriert, wie mir jetzt aufgeht, meine Angst und Anfechtung geradezu messerscharf. Er sagt, ich sei am Ende, und das bißchen Leben oder Lebenshoffnung könne aus meinem Kadaver nur noch Blut und Kot, bestimmt keine Nahrung saugen. Welch ein Verdikt. Ich denke, mein gegenwärtiger Zustand ist nicht nur mit Krise, sondern mit Panik zu bezeichnen. Ein wahrhaft schrecklicher Jahresbeginn.

28. Januar 2004, Paris

 

Ich finde es immer so verblüffend und komisch, wenn ich, etwa vom Zug aus und meistens gegen Abend, einen einzelnen Vogel so verdammt zielstrebig und geradlinig und beinah stur irgendwohin fliegen sehe, der Kurs wie mit einem Lineal gezogen, als hätte er noch schnell einen Brief zuzustellen, er allein am Himmel, und wo solls denn hingehen und warum so eilig, eine Verabredung, ein Auftrag, und dennoch ist weit und breit nichts zu sehen, was ihm ein Ziel bedeuten könnte. Würde man ihn anreden, er quäkte: Keine Zeit, muß mich beeilen, habs versprochen.

16. Februar 2004, Paris

 

Es ist ja nicht seine Überflüssigkeit, es ist seine totale Antriebslosigkeit. Ist Antriebslosigkeit das Fehlen von Interesse? Wofür interessiert sich der Mensch? Fürs Überleben? Für einen Beruf, eine Tätigkeit? Für eine andere Person? Für vitale Bedürfnisse, den Sport? Fürs Kino fürs Reisen für eine Arbeit fürs Geldverdienen für Frauen den Sex für Bücher fürs Lesen Studium für Politik für die Natur für sein Ego für die Gesellschaft für Reichtum und Luxus für die Zukunft? Für die Karriere?

 

Die Tante könnte ihm die Frage stellen, warum er nichts tut. So etwas ist doch nicht normal. Ein Mensch muß eine Arbeit haben, du hast doch studiert, du hattest doch einen Beruf. Ich will dich nicht zur Rede stellen, doch wüßte ich gerne, was du hier suchst. Versteckst du dich? Das Nichtstun wird dich krank machen, mein Kleiner.

 

Frank wird immer mehr eingekreist, er wird durch Fragen, wenn nicht Verdächtigungen seitens Carmens und Jeannines und der Tante gewissermaßen gestellt, im Grunde wird er durch seine eigene Hasenherzigkeit und durch sein Davonlaufen und durch seine Ausflüchte, wenn nicht gemartert, so doch gequält und in untergründige Ängste versetzt.

 

Sollte Carmen nach dem Besuch in der Wohnung und der Feststellung der Verwahrlosung bei ihm saubermachen? Etwa den Herd und die Küche putzen? Die Berührungsfurcht.

Sollte sie bei ihm vorbeikommen oder irgendwelche Fressalien mitbringen, um eine Mahlzeit oder auch nur ein Frühstück zu bereiten und zu diesem Zweck ein bißchen saubermachen?

 

Ein Einbruch.

 

Was zum Teufel ist mit ihm los? Was hat ihn umgeworfen? Wäre er ein Fall im Vorstadium der Clochardisierung? Oder müßte er eingeliefert werden?

 

An dieser Stelle oder in solcher Perspektive fällt mir die Ähnlichkeit mit Un homme qui dort von Perec auf. Es gibt eine Verwandtschaft, doch möchte ich den Text nicht in diese Richtung laufen lassen. Was bei diesem Frank auffällt, ist so etwas wie Wirklichkeitsverlust. Er hinterfragt sich nicht (wirklich), fragt sich nicht, was mit ihm los sei oder insbesondere, was für ein Grund für das Zerwürfnis mit seiner Frau und den Mord vorlag. Sie ist weg und hat nicht nur ihre Sachen, sondern ganze Teile seiner inneren Person mitgenommen, sein Herz? Seitdem ist diese Leere oder diese merkwürdige Benommenheit da, dieser innere Nebel, den er nicht lichten kann. Und eben auch diese merkwürdige Schmerzunempfindlichkeit. Oder wäre es ein Fall von Entrückung? Ver-rückung? Das wäre viel besser.

Er marschiert einfach drauflos

24. Mai 2004, Paris

 

Übermorgen kommt Freund Jungk, Tonbandaufnahme der inzwischen entstandenen Seiten vom Fell der Forelle. Viel ist es nicht, doch scheint der Fortgang schlüssig. Für mich ist es überraschend, was da aus mir hervorkommt, völlig unerwartet unübersehbar unvorhersehbar verrückt. Ich kann es nicht sagen, ich komme nicht vom Fleck, weil das Buch immer neue Wendungen nimmt und wirklich fortschreitet und auf ein ahnbares Ende zuläuft, doch brauche ich nach jedem Stück schrecklich viel Zeit, bis der Prozeß wieder anläuft. Es gibt natürlich auch die Unterbrüche durch berufsbedingte Verpflichtungen oder Reisen. Fast jeden Monat hatte ich bisher Lesungen und damit verbundene Reisen. Zuletzt Bonn, nächste Woche Zürich (Abschied von Europa als aufgemotztes Buch und Kunstobjekt zusammen mit einer Ausstellung der Fotos von Willy Spiller in einer Galerie und zu diesem Anlaß die Lesung). Nebenher in Zürich verschiedene Verpflichtungen – Gespräch über Canetti mit Morlang; Atelierbesuch Willy Rieser für einen Text, außerdem Valérie und Elisabeth Plahutnik plus Marianne (sie erhält Einblick in die sie betreffenden Teile des neuen Journals zwecks Personenschutz). Derlei Ablenkungen oder Unterbrüche. Und dann laufen die Vorbereitungen für einen 52minütigen Fernsehbeitrag »Les grands entretiens« fürs Westschweizer Fernsehen, der Partner ist Daniel Jeannet, auch das braucht seine Vorbereitungszeit. Und dann ist nach wie vor viel Aufmerksamkeit für Odile vonnöten, und auch das Erscheinen Igors während der langen Auffahrts- oder Pfingstwochenenden verlangt väterlicherseits Hinwendung und Präsenz. Letztes Wochenende war großes Schulfest in Juilly (in der Roissy-Gegend), das aus dem 17. Jahrhundert stammende Collège, das älteste Frankreichs, war in ein ausgedehntes Rummelgelände verwandelt. Sehr eindrücklich Schloß und Wehrturm und die umliegenden Parkanlagen; ich war mit Odile, die mich in ihrem Wagen hinfuhr, zugegen – mit wem denn sonst? Ich bin ja ihre Anlaufstelle und das Seelenlazarett.

 

Fiel mir ein, daß die Forelle mit dem früheren »Auf der Suche nach dem verlorenen Fisch« zu tun hat, das heißt korrespondiert.

Und jetzt müßte ich noch eine Miniversion eines Vorworts Grußworts Segens ?? für Bernhard Wüschers riesige Werkkassette zu seinem 60. Lebensjahr schleunigst hinbekommen. Es scheint, die Kassette enthält perfekte Reproduktionen aus allen bisherigen Entwicklungsphasen, Werkperioden und eingestreut Zitate aus bisherigen Würdigungen nebst einem durchlaufenden Text von Ueli Meister, alles in allem eine reiche und reich dokumentierte Rückschau (für den Maler Bilanz), von mir erwartet man sich möglicherweise einen gewitzten Toast, champagnerspritzigen, oder aber eine originelle Etikette aufs Ganze.

 

Das Problem bei der Forelle besteht darin, daß ich den Kerl oder Protagonisten immer über eine weitere Schwelle/écluse bugsieren muß, wobei die Schwelle einesteils eine Handlungswendung, zum andern einen weiteren Schritt in die Verrücktheit hinein bedeutet, und all das fern von Theorie, sondern möglichst selbstverständlich. Und ich selber weiß ja nicht das mindeste im voraus, ich lasse mich überraschen, oder anders gesagt: Ich hänge ganz und gar von Einfällen oder Zufällen ab. Aus diesem Grunde sind mir die Unterbrüche nicht unlieb. Übrigens hat mir noch nie das Schreiben eines Buches so viel Spaß gemacht und Vergnügen beschert. Es ist einfach schlicht wunderbar, wie die Dinge aus mir heraus- oder hervorkriechen. Wie ich mich überraschen lasse. Zudem ist mir bewußt, daß ich meine eigene Depression im Zusammenhang mit der Scheidung auf den armen »Frank« übergewälzt habe. Kaum fing er an, auf dem Papier zu laufen, fühlte ich mich erlöst und befreit.

Das Verrückte schillert ein klein wenig ins Metaphysische, und genau in diesen irren Abläufen muß ich mit allen Gelenkstellen nicht nur exakt, sondern auch zwingend anschaulich bleiben. Das Ganze muß in der Mechanik ineinandergreifen wie ein Uhrwerk – wenn man es auch nicht als erstes sehen mag. Eine verdammt heikle Erzählpraxis.

Ende Juni 2004, Paris

 

Bei Suhrkamp ist offenbar eine Einladung nach Rußland für mich eingegangen, es handelt sich um einen Aufenthalt in der Wolgagegend. Auslöser scheint das Projekt einer russischen Canto-Übersetzung zu sein – und dies unabhängig? von oder nach vier anderen Übersetzungen. Ich notiere die freudige Nachricht, weil ich die ganze Zeit daran herummachte, mir eine Rußlandreise zu organisieren, zuletzt mit Igor zum Ferienabschluß: Und jetzt fliegt eine Einladung ins Haus. September. Auch mit Valérie und Leonid, die diesen Sommer nach Rußland fahren, war gemeinsam eine Reise seit langem geplant. Zusammen mit Canto hätte ich dann fünf Bücher auf russisch, anzahlmäßig nach den französischen die meisten Übersetzungen, es ist das Herkommen, das Heimweh, das mich dabei besonders berührt. Außerdem tun sich Übersetzungen ins Polnische auf (Vera Michalski).

 

Was nun das zimperliche Vorankommen der Forelle angeht, so ist einmal mehr die Handlungs- und Plotlosigkeit mein Kreuz und der Grund für das jämmerlich langwierige Entstehen des Textes. Ich wollte ja die Ausgangssituation aus dem Jahr der Liebe: das Landen/Stranden eines krisengeplagten, vielleicht liebeskranken Ausländers im Tantenschachtelzimmer, wiederaufnehmen, nur daß diesmal der Mann, der kein Schriftsteller ist, ein Sprachloser, keine Rettung findet. Er läuft in den Untergang, das heißt in die absolute Isolierung, in den Kerker seines geplagten Selbst, in die Verrücktheit und in den Untergang. Wobei ihm selber das Überdrehen und Überkippen (= das Verrücktwerden) nicht bewußt ist, dagegen dem Leser sehr, und zwar zunehmend. In all den im Verhältnis zum Normalbetragen als verrückt erscheinenden Betragensformen, Äußerungen und Selbsthinterfragungen steckt eine ziemliche Portion Komik, das Buch ist – soll man sagen – verzweifelt komisch. Die Komik hat auch mit einer unfreiwilligen Selbstabbildung (des Erzählers oder besser Erleiders) zu tun.

 

Er wagt in der Wohnung nicht Fuß zu fassen, weil er da nichts zu suchen hat. Er ist eine Art Erbe. Die verstorbene Tante lebt als eine Gewissensstimme mit ihm in der Wohnung. Er haust da, ohne sich niederzulassen. Die Wohnung verkommt.

 

Er hat nichts zu tun, keine Beschäftigung, nur zu warten und bis dahin Zeit herumzubringen.

Das Warten – worauf? – geschieht u. a. in Form von Unternehmungen. Kundschaftsgängen, es sind dies kleine oder minimale Expeditionen in den Tag, in die Stadt hinein. Expeditionen bis Odysseen (wobei ein solcher Begriff sträflich hochgegriffen erscheinen muß). Die Frage ist: Was will muß oder darf er erfahren auf solchen Ausfluchten Ausflüchten? Sind es metaphysische Ausflüge?

 

Da sind die drei Frauenfiguren: Carmen, Ghislaine, Tante. Sie sorgen sich um sein Heil. Männerfiguren gibt es nur in negativem Sinne: die Brüder im Waschsalon, der Pulloverwirt.

 

Bis dahin lag das Heil für meine Figuren in der Selbsterfindung, also Imagination. Frank hat sich als Abkömmling von Luftakrobaten/Trapezkünstlern kurz nach seiner Landung in der Falle eine Identität angeschwindelt, er ist ein Zirkuskind. Aber in Bruchstücken gibt er auch Einblick in eine andere private Vergangenheit, eine näher liegende: die gescheiterte Liebe – möglicherweise der Anlaß für sein Stranden, möglicherweise das Todesurteil, und sein »Erdenleben« in der »Tanten«wohnung wäre nurmehr so etwas wie das Zucken des Fischs auf dem Trockenen.

 

Wo und wie soll ich ihn nun weiter- und zuendeführen?

 

Die Forelle ist ja nicht zu haben. Hätte man sie »gefangen«, dann wäre sie, ihrem Element entzogen, am Ersticken und Verenden. Die Forelle ist der Raum der Erwartung, das Hoffnungsfünkchen, Glühwürmchen eines Hoffnungsschimmers.

 

So bleibt es bei der definitiven »Unbetretbarkeit« der Wohnung und seiner eigenen diesbezüglichen Heimatlosigkeit. Sieht man Franks Lage von außen an, so muß sie aussichtslos bis tragisch erscheinen. Er zappelt wie ein Insekt im Netz vielfacher (Lebens-)Verhinderung.

Ermanne dich! Was könnte das in seinem Falle bedeuten?

9. August 2004, Paris

 

Forelle

Das eile eile des Anfangs meint ja nicht einfach Weglaufen, nein, es ist der Ausdruck von Ungeduld, es ist im Zusammenhang mit einer Mission zu lesen, es wäre die Ungeduld, das Wesen zu erhaschen, das mir immer davonschwimmt (sich mir entzieht), und was ist das Wesen, wenn nicht das ICH, das eigene Gemeintsein, es wäre die Rettung.

Dann könnte ich die Wohnung beziehen in der Stadt, in der Welt. Dann könnte ich den Helm anlegen, mich rüsten (und ausziehn mit meinem Tod gegen den Tod). Dann hätte ich eine Geschichte.

11. August 2004, Paris

 

Hörning sprach am Telefon nach mehrmaliger Lektüre des bisherigen Manuskripts von einem Attentat, bemerkt das Nebeneinander von schreiender Schmerzlichkeit oder Verzweiflung und verrückter Komik, unterstreicht die Zwangsläufigkeit auf eine tödliche, eventuell mörderische Verengung hin – und bei alldem bleibe alles geheimnisvoll. In den Dialogen etwa mit Carmen schwingt Zärtlichkeit mit, und dennoch bleibt offen, ob er sie nicht umbringt.

Bezüge zur Nizon-Biographie einzig in den paar Serrazzano-Reminiszenzen. Klar ist die unmögliche Liebesvergiftung mit Odile eine vage Hintergründigkeit, doch ist sonst rein nichts, nämlich nicht die geringste Allusion an Schlüsselromantik. Ich persönlich denke und möchte, daß das Warten und Bangen auf die Forelle bzw. deren Fleischwerdung nur als ein unergründliches Parfum in der Luft liege. Möglich wäre außerdem, daß die Sprachmaske des Erzählers (den bisherige Leser wie Diane Meur, die Übersetzerin, oder war es Skwara? dahingehend memorieren) entfernt walserische Anklänge hat. Das Sich-Herausreden! Und damit wären wir VOR DEM GERICHT.

Ich fühle, daß ich mich dem Ende nähere oder zuwende, wenigstens in der Richtung. Im Moment schreibe ich nicht an der Forelle, wenn ich sie auch nie ganz aus dem Sinn lasse. Es ist ja Hochsommer. Es ist ja Hitzepause.

7. September 2004, Paris

 

Nachsommer, Altweibersommer hier in Paris, die Stadt innig in sich gekehrt, das Lebensgefühl heiter beschwingt oder doch von Entzückungen gestreift, das Träumerische springt von den Fassaden und löst sich vom Pflaster, und zwar in dem herrlichen Sonnenlicht, das nicht mehr mörderisch, sondern Abglanz ist, ja, vielleicht ist Abglanz das Wort, das sowohl die äußere Verzauberung wie deren Widerschein in der eigenen Laune bezeichnet. Es ist ein Aufleben, und in rund zehn Tagen gehts nach Rußland, nach Moskau und in die Wolgagegend nach Rostow, Saratow. Lesereise, Lesungen an Goethe-Instituten, und zwar aus dem Canto, der eben übersetzt herausgekommen ist, die Übersetzung liest ein russischer Schauspieler.

Ich beginne mich zögerlich für die Reise zu erwärmen, es ist zum ersten Mal, daß ich, um es pathetisch auszudrücken, den Fuß auf den Boden des Landes setzen werde, aus dem mein Vater stammt. Er kam übrigens ungefähr im selben Alter wie Leonid, das heißt, beide haben nur die Kindheit, das Aufwachsen bis zur Maturität in Rußland verbracht, nun, rund zwanzig Jahre, der eine unter dem Zaren, der andere unter den Sowjets. Für mich kommt das im Grunde erzwichtige Ereignis wahrlich spät im Leben.

Ich habe sommerpausiert, doch nicht wirklich gelitten wie sonst, es war ja nicht extrem sommerlich dieses Jahr, nun, in Rom war es heiß, wo ich Ende August zusammen mit Igor eingeflogen bin, um Dieter Bachmann in seiner neuen umbrischen Bleibe zu besuchen, auf einer Hügelkuppe mit Sicht auf Montefalco und Assisi, wo wir einige Tage verbrachten.

Der Tramontana riß an den Nerven, trotzdem genossen wir, nun, was? das Ausspannen? den Gastlichkeitsgrad? die landschaftliche Schönheit und das Bachmannsche Landleben (wie weiland in Serrazzano), es hat bei allem Komfort und der architektonischen Reinlichkeit oder Zurückhaltung etwas leise Pionierhaftes, weil etwas von Gutsbesitzerleben, wenn auch ohne Tiere, aber mit Gemüsegarten und Olivenanbau. Es ist eine Wahl, das spürt man, darum spielte Freund Dieter anfangs in seinen Briefen auch auf Bouvard und Pécuchet an.

Besuche in den umliegenden Städtchen. Ich habe diesmal weder in Rom noch auf dem Lande die Italianità genießen können, die entsprechenden Antennen vermeldeten nichts, auch auf den alten Wegen der ewigen Stadt kam innerlich nichts in Wallung oder auch nur Bewegung, mag sein, daß es mit Igors anscheinend totaler Unempfindlichkeit, einem demonstrativ und in meinen Augen blasiert zur Schau getragenen Desinteresse zusammenhing, er ging in den Insignien seines sorgfältig fabrizierten Halbwüchsigenlooks wie in einem Tarnkleid oder besser einer narzißtischen Abkapselung des Wegs mit Augen nur für Modisches oder seinesgleichen, nämlich Halbstarkes. Ich meckerte nicht oder nur ganz wenig an ihm herum, wir vertrugen uns sogar, doch teilen konnten wir nicht eben viel. Und dennoch war dieser Ferienversuch für Vater und Sohn meinerseits (der ich Sommer und Ferien hasse) in jeder Hinsicht ein über meine Verhältnisse gehender Kraftakt gewesen.

 

Neulich zusammen mit Odile und Igor (der jedoch gleich aufgab und per Taxi nach Hause desertierte) eine Abel-Ferrara-Nacht im Kino Champo verbracht, drei Filme bis zum Frühstück, Beginn um Mitternacht. Ich mag diesen in meinen Augen genialischen, als Person verdrogten, verrückten, wohl versexten Filmer mit seiner apokalyptischen Kreativität oder besser Intensität – Gewalt und Sex/Sex und Gewalt –, seine Protagonisten sind alle an der Nadel und an der Flasche und am Kopulieren, es ist eine abstoßende Fauna von Jet-set-Film-Pack oder mafiöser Kriminalität, seine Verfluchten haben längst alle Grenzen von Verantwortlichkeit oder Achtung vor dem Leben in irgendeiner Form hinter sich, aber die künstlerische Kralle oder Signatur ist hinreißend, im Vergleich dazu kriege ich angesichts der braven französischen Gesellschaftskomödien Gänsehaut oder das große Gähnen. Nur das Bis-an-die-Grenze-Gehen zählt oder genügt in Sachen Kunst. Nun, wieder so ein Fall von rasender gewissenloser Unbürgerlichkeit, gelinde gesagt, Anstandslosigkeit/Rauschabhängigkeit wie Malcolm Lowry, wie Friedrich Kuhn, es ist das Manische, das allen Benimmregeln Spottende, das Sittliche Verabscheuende, es ist die »Freiheit«, dieser Freiheitsgrad, den ich auch bei einem Serge Gainsbourg spüre, an dem meine eigenen künstlerischen Wellen sich brechen, diesen Verlorenen oder Verdammten gegenüber komme ich mir wie der ärgste Spießer vor, solche »Freiheit« wage ich nicht in Anspruch zu nehmen, bleibe gleichzeitig angezogen und abgestoßen. Abel Ferrara kommt meiner Meinung nach spürbar von Cassavetes her. Das was mich abstößt und anzieht und tief irritiert, ist wohl die Rücksichtslosigkeit in der Selbstzerstörung. Es muß sich um eine verdrängte Hälfte in mir handeln.

Insgesamt eine schöne Kinonacht gewesen, eine wahre Lebenszufuhr, wie sie nur echte Kunst vermag. Danach der Heimweg zu Fuß nach Hause bei Tagesanbruch, den Quais entlang.

21. Oktober 2004, Paris

 

Das Drehbuch der Liebe. Journal 1973-1979 ist seit gestern im Buchhandel und verspricht, nicht ganz unbemerkt über die Bühne zu gehen. Ich las daraus im Rahmen der Unseld-Ausstellung im Wasserschlößchen im Holzhausenpark in Frankfurt (ganz in der Nähe der Unseldschen Klettenbergstraße); der nicht enden wollende Applaus des vollbesetzten Saals wäre wenigstens zehn Vorhänge auf der Bühne oder ebenso viele Verbeugungen des Solisten oder Dirigenten nach einem Konzert wert gewesen, die Lesung wurde auch von den Suhrkamp-Leuten als eine Sternstunde bezeichnet. Man sagt mir Gelassen- und Vergnügtheit nach, und das bin ich auch, sinnlos vergnügt, sage ich immer. Ich war auch auf der Buchmesse bei dem ZDF-Gespräch mit einem Herrn Panzer auf dem Blauen Sofa sehr entspannt und zugänglich. Und gestern in der FNAC in Strasbourg zusammen mit Colette Fellous, doch da handelte es sich um Maria Maria. Viel Außendienst, so letzten Sonntag in Stuttgart zusammen mit Diane Meur zur Entgegennahme ihres Übersetzerpreises (André-Gide-Preis), den sie für mein erstes Journal, Die Erstausgaben der Gefühle, erhalten hat. Wir lasen an der Preisfestlichkeit die deutsche und übersetzte französische Version. Wir tafelten und plauderten mit den Juroren und den Leuten der DVA-Stiftung, mehrheitlich ältere, eindrückliche, gutgelaunte deutsche Herrschaften, die ich in einem geheimen Rückschluß auf die deutsche Ehezeit, auf Aschaffenburg, München, Nürnberg und dergleichen, sowohl prima verstand wie auch mochte; das Rad war zurückgedreht, voilà. Und wenn ich an den Spaziergang auf dem alten Stuttgarter Friedhof und an das Lesen der deutschen Grabsprüche, auch von hingegangenen Adligen, denke und auch an den bei Pivonas in Wiesbaden verbrachten Tag (am Tag der Lesung in der Unseld-Ausstellung), dann kann ich sagen, daß ich diesmal Deutschland geradezu genossen habe. Jedenfalls wurde etliches reaktiviert an in mir versunkenen frühen Eindrücken von damals, als dem jungen Studenten das Original der humanistischen Bildung, die er genossen hatte, in Form von Nachkriegsdeutschland begegnet war. Oder bin ich versöhnlicher geworden?

 

Gestern mit Samuel Moser ein langes Interview auf Band aufgenommen, vor kurzem ein großes Gespräch mit Norbert Jocks über Glück überarbeitet sowie ein sehr umfangreiches mit Doris Krockauer, wo noch ein problematischer Rest zu bewältigen bleibt; und noch etwas weiter zurück liegt das mit Werner Morlang geführte ausführliche Gespräch über Canetti, kurzum lauter Auskunftgeben, lauter Summeziehen, natürlich hängt es auch mit dem kommenden Geburtstag zusammen. Und im Moment überarbeite ich Skwaras Übersetzung der République Nizon, die auf deutsch im kleinen Wiener Selene Verlag herauskommen wird auf Veranlassung und unter Mitarbeit von Stefan Gmünder. Wenn ich erst damit durch bin, kann ich endlich wieder an Das Fell der Forelle, Gottseidank.

10. November 2004, Villa Mont-Noir Saint-Jans-Cappel

 

Handke, Don Juan

 

Es geht um das archaische Verständnis von Frau und Mann, nicht um Liebe im landläufigen Sinne und schon gar nicht um Weiberheldentum bzw. Eroberung, sondern um die gegenseitige Erweckung im Blick des Erkennens. Das Ganze erzählt vom Gastwirt in Chaville alias Handke, und Don Juan ist zuerst ein Zuflüchtiger, fast Einbrecher, eine Erscheinung. Erzählt wird in sieben Tagen Don Juans jüngste Frauenzeit. Wie sich herausstellen wird, ist dieser Don Juan ein Sendbote, ein Überbringer von etwas (aus einer anderen Welt), und was er überbringt, ist ein (höheres) Wissen. Und der Gastwirt wird dadurch eingeweiht. Es ist die Erzählung einer Einweihung, und die Sprache ist eine Art Bibelsprache, es geht um Wunder und Offenbarung, es geht im Kleinen auch immer um Wunder der Natur, aber im Großen um das Wunder der gegenseitigen Erweckung von Mann und Weib, fast einer Taufe – zum Menschwerden. Und tatsächlich besitzt dieser Sendbote Don Juan eine Macht über Menschen (sie zu verwandeln), er ist verwandt dem Besucher in Pasolinis Teorema. Nun, die Sprache ist altertümelnd ungelenk und tönt manchmal wie eine ungeschickt auf Genauigkeit bedachte Übersetzung einer tiefen Überlieferung, einer mündlichen natürlich. Don Juan verschwindet, nein er verläßt den Gastwirt, wie er die Frauen verläßt, sein innerster Sinn ist angeblich das Trauern (um ein verlorenes Kind), nein, nicht sein Sinn: sein Tun, seine Bestimmung. Es ist auch eine Reise oder wie immer Wanderung, und es kommen weit verstreute Orte in der Welt vor, so Tiflis, Damaskus.

Offenbarung, Sinnsuchen, Heiligung.

Man kann es lesen wie die Anlehnung an eine (heilige) Schrift oder auch wie an den Haaren herbeigezogen, eine Zumutung, manchmal an der Grenze zum Peinlichen? Und dennoch gewinnt der Text gleichsam wider Willen des Lesers allmähliche Autorität. Man kann ihn ablehnen, doch man kann sich ihm mit fortschreitender Lektüre kaum entziehen. Sprachlich am schönsten sind die Stifterschen Naturbeobachtungen, wenigstens für mich. Ist der Text nicht in einer Art Prophetensprache geschrieben? Der Mann ist wirklich ein sittlicher Lehrer, Erzieher.

18. November 2004, Saint-Jans-Cappel

 

Eben zurück aus einem Lycée, zwei Klassen, insgesamt etwa sechzig Schüler, Mädchen und Jungen, sehr sympathisch, alle in diesen nicht gerade schulsauren, aber doch für Halbwüchsige typischen, sportlich sträflingsabgenutzten Aufzügen, (genormten) Körperverpackungen, die Gesichter bei näherem Hinsehen fast ergreifend mit dem Ausdruck von Neugierde, Respekt, erwachendem Interesse, obwohl man ja über eine Mauer, wenn nicht über Gräben hinweg einen, nun, Gedankenaustausch in Gang zu setzen versucht. Ich bin ein Kuriosum als lebendiger Vertreter der Spezies Schriftsteller. Zudem in tiefer Provinz.

 

Und heute vormittag am Telefon die Nachricht von Höhlus Tod erhalten und eben jetzt einen Anruf der einstigen Henriette Pinschewer, die wir damals im Gymnasium Weggli nannten und mit Höhlu bis zuletzt in Kontakt gestanden zu sein vorgibt. Mein ältester Freund tot, mein Schulbänkleinkamerad und beinah Herzensbruder, mit dem ich nicht nur bis zur Matura alles geteilt habe, vor allem das denkbar intimste Wissen voneinander geteilt habe. Lange hatte ich ihm seinen mit der Diplomaten- und Botschafterkarriere verbundenen Komfort übelgenommen, das Baden in Privilegien, das mit mondänen Gepflogenheiten verbundene Verrätertum, wie ich mir vorstellte, Verrat an allem, was wir an Idealen damals geteilt hatten in jugendlicher Hochgestimmtheit, während ich den mit mageren Jahren nur zu reich ausgestatteten einsamen Weg ging. Doch das wurde ausgeräumt, als wir wieder Kontakt aufnahmen, des öfteren am Telefon und dann als ich ihn in Athen besuchte. Und wie wir da in unseren alten Brüderschaftlichkeiten schwelgten. Am schönsten unsere späte Schulzeit mit dem ganzen Hinaussehnen und -denken, hinaus aus Schulstufen und Elternhaus, hinaus in eine von Symphonien und Lektüren vorgebahnte Zukunft, ins Leben – welch ein Leben! Und dann wurde es in seinem Falle doch sehr bald schon ein Leben in den gesellschaftlich vorgeplanten Spuren des Botschaftervaters und dann seiner eigenen Außenposten, zuletzt, nach Moskau, Belgrad, Washington, Brüssel etc., in Bonn und Athen, wo er von den zwei Thailänderinnen, die er vor langem angeheuert hatte (als Botschafter), nun im Ruhestand versorgt und bekocht wurde – er war ja auch einmal Diplomat in Bangkok gewesen, wenn er die beiden Schwestern auch erst später in Belgrad aufgegabelt und eingestellt haben mag. Und nun ist er, wie seine Frau mitteilt, als längst nicht mehr fußfester, vielmehr dahertappender und nach vielen Stürzen überhaupt nicht mehr gehfähiger, vom Alkohol und anderen Ausschweifungen zerstörter alter Mann in einer Klinik in Luzern gestorben, die Söhne haben ihn heimgeholt, heimgeschafft. Er liege in Beckenried begraben. Diese Morgennachricht erhalten.

27. November 2004, Saint-Jans-Cappel

 

Vorabend der Abreise von Mont-Noir. Die Forelle ist nicht entscheidend weitergediehen, vielleicht ist nicht mehr zu wollen. Die Tauben sind aus dem Hof verschwunden. Ebenso gibt es die Tante nicht mehr. Die Küche blitzsauber und vor Sauberkeit unbetretbar. die Wohnung eindeutig nicht zu bewohnen. Eine Reduktion, Umzingelung der Leere. Er wird also aus- und weiterziehen. Wieder ist sein Gepäck da in der Diele, wie am Anfang. Soll er unten beim K`ürschner den Stich mit der Halbnackten kaufen, wozu? Wem könnte er das Fell der Forelle anbieten? Ghislaine? Carmen? Soll er sich verabschieden?

10. Dezember 2004, Paris

 

Zurück aus Rußland. Bin aus St. Petersburg vorgestern um 16 Uhr Ortszeit abgeflogen und am Abend hier angekommen und mit Odile essen gewesen. Hier war es ziemlich kalt, in Petersburg während unseres Kurzbesuchs eine Art Wärmeeinbruch, das heißt über null Grad und Sonnenschein, so daß die in der Newa aufgeworfenen Eisschollen – wie von Caspar David Friedrich akribisch horrifiziert – im hellen Licht emporstarrten und die herrlich farbigen Fassaden der vielen vielen Paläste, an den Kanälen liegenden und darum nicht nur wie vom Wasser getragenen, sondern wie über Wasser schwebenden Fassaden und Kirchen zauberisch, vor allem leicht und apart in Erscheinung traten. Es ist soviel Raum in dieser Stadt, Lichtraum, natürlich des Wassers wegen, die Stadt ist ja fast wie Venedig eine Wasserstadt und nicht recht auf festem Grund. Ich frage mich die ganze Zeit, ob es wirklich der Panzerkreuzer Potemkin war, der da ankerte in diesem Grauton, der uns von den Kriegsspielzeugen oder besser den Spielzeugpanzern und -panzerschiffen vertraut ist und mit den ebensolchen nicht ganz ernst zu nehmenden Kanonen und Kanonenrohren. Aber auf dieser Stadtrundfahrt habe ich nur panoramisch oder schweifenden oder verhangenen Auges hingeschaut, ich sagte mir, es ist wunderbar und ich werde ja wiederkommen, es muß jetzt nicht alles gleich wie für immer sein. Dachte, diese vielen Kirchen hier in Rußland sehen wie Gruppen von eng zusammenstehenden Mütterchen unter geblähten Zipfelmützen aus, es ist eine andere Religiosität, eine in der Dimension des Massenchors, und innen sind die sakralen Räume fast bis zum Ersticken bunt bemalt wie Ostereier mit all den Ikonen, es ist wiederum eine hitzige Frömmigkeit, und dann liegen in Reihen die zaristischen Sarkophage da, und das Zarentum ist überhaupt immer allgegenwärtig, volksnah, und manchmal grausam volksnah, und damit muß die ostereibunte Frömmigkeit auch zu tun haben; und die Verschickten, nach Sibirien Verschickten, in Ketten. Wie Dostojewski, dessen Wohnung ich besucht habe. Er war mit einer sechsundzwanzig Jahre jüngeren Frau verheiratet, wie ich, und hat eine Anzahl Kinder mit ihr gezeugt, wovon deren einige starben (im Kindesalter), und er war lange Spieler gewesen und hat es sich ihretwegen abgeschworen. Er war ja Anfang seiner zwanziger Jahre wegen antizaristischer Umtriebe nicht nur verhaftet, sondern zum Tode verurteilt worden und im letzten Augenblick vor der Exekution begnadigt und verschickt worden (s. Totenhaus), und er hat seiner Frau immer viele verliebte Zettelchen zugeschoben und kleine Aufmerksamkeiten erwiesen, er war eben verliebt. Und er war brünstig bibelfest, die Bibel die einzige erlaubte Lektüre in der sibirischen Verschickung und Gefangenschaft, und warum kam mir seine Wohnung, die im Unterschied zu der gräflich tolstoischen bescheiden zu nennen ist, wenn sie auch für unsereinen immer noch recht standesbewußt wirkt, zwar eben bürgerlich und nicht aristokratisch, und dennoch ist sie mehr als nur geräumig, in so einer Wohnung dürfte sich Oblomow mehrheitlich liegenderweise aufgehalten haben, nun, warum kam mir die Wohnung vertraut vor bis zu dem Grade, daß ich mir sagte, ich kenne sie, kenne sie von früher her, vom Vater her? Wie denn überhaupt diese kurze Rußlandreise, wie ich eben jetzt erst erkenne, eine Art Heimkehr war, ja, es ist nicht übertrieben, das zu sagen, im Grunde war das Kindheitshaus in der Länggasse ein russisches Haus, um von unserer Familie gar nicht zu sprechen, Vater muß dennoch einiges mitgebracht oder besser transferiert haben, ich könnte fast so weit gehen zu behaupten, ich hätte in manch Russischem das Länggässliche wiedergefunden. Nun zur Heimkehr: Am bewegendsten war für mich die hohe Verehrung, die mir entgegengebracht wurde, ich war ja überhaupt nicht unbekannt, Irina erzählte, Canto (in ihrer anscheinend genialen Übersetzung) sei im Fernsehen diskutiert worden, wie immer; wurde ich nicht wie ein später Heimkehrer behandelt? Und wie ein anderer Professor in einer Einführung festhielt, die Sprache meines Vaters war das Russische, so ist es. Ich werde von nun an ohne jede Schwierigkeit nach Moskau und St. Petersburg und Riga und warum nicht Witebsk fahren können, die Verbindungen sind geknüpft und dies mit freundschaftlichen Banden – nicht nur ein Heimkehrer, fast ein Verwandter. Insofern war mein russischer Blitzbesuch ein überhaupt noch nicht einschätzbarer Schritt – zurück zu den Wurzeln??

In Moskau habe ich schon beim Einfahren stadteinwärts vom Flughafen kommend den Puls des riesigen Landes empfunden, der Verkehr hatte das unbekümmerte Ausschwärmen, das nur riesenräumlichen Verhältnissen eigen ist, und verrußt und angeschwärzt waren alle Vehikel, der Puls kräftig, ich liebe die langen Einfahrten durch die namenlosen Vorstadtgebiete oder Einöden und das ganze Aufschieben des Kommenden, Hinausschieben, meine ich. Ich kann jetzt im Falle von Moskau nicht alles Gesehene wiedergeben, wozu auch? Ich fand den Bahnhof zur Abfahrt nach St. Petersburg, einen unter acht Bahnhöfen, wenn ich nicht irre, ganz toll und ganz anders als alles Gewohnte, vielleicht weil gerade da sowohl das Vorrevolutionäre wie das Sowjetische, eben das Russische, war vor allem in den Wartesälen mit all dem Sack und Pack, wie soll ich sagen, man spürt, daß es sich nicht um Reisende wie bei uns, nicht um Vergnügungsreisende, sondern um Nomaden handelt, man spürt die Distanzen und Weiten und das Sich-Einrichten in diesen Riesendimensionen, das andere Unterwegssein, spürt es aus den Ballen des Begleitgepäcks, der Bekleidung, dem Benehmen. Und auch die kleinen Läden und Verköstigungsstände sind anders, der Alltag weitet sich in seiner Gräue gewissermaßen ins Mystische. Und schön war die sechsstündige Eisenbahnfahrt von Moskau nach St. Petersburg, eine Art Reisewohnen oder doch ein Vorgeschmack davon, mit all den Gratisverköstigungen, der überhitzten Temperatur, den russischen Komikerfilmen im Fernsehen. Im übrigen war das Hotel am Ziel der Reise, in St. Petersburg, ein Luxus-Vier-Sterne-Hotel am Newski Prospekt. Corinthia Nevskij.

Während in Moskau das Rossija-Hotel nahe dem Roten Platz ein sowjetischer Riesenkasten mit mindestens vier Eingängen in den vier Himmelsrichtungen und das Wetter Winter mit Schnee und Eis und zehn Grad unter Null war. Und innerhalb des überheizten Hotels kilometerlange Gänge mit den immergleichen Türen wie in Gefängnissen, Gänge mit Kreuzungen zum Sich-Verlaufen; was ich zu Anfang auch befürchtete, ähnlich wie damals in New York im Hotel für christliche junge Männer, was mir wie ein Deckname für das Schlimmste erschien. Nun, und das sagenhafte Frühstück im 21. Stockwerk mit heißen Speisen und Pulverkaffee zum Selbermachen. In Moskau war man natürlich witterungsbedingt etwas heruntergedämpft, man stapfte mit tauben Füßen durch den Kreml, das ehemalige Zentrum der zaristischen Macht, die dann ja an Lenin und Stalin und schließlich an Putin, gewissermaßen nahtlos und schamlos, überging, das Zentrum der Macht eine Art Insel hinter Mauern, eine Art Machtinsel, nicht unähnlich dem Vatikanstaat inmitten Roms. Die verschiedenen vieltürmigen, vielzwiebligen Zarenkirchen, innen osterbunt, und mitzudenken die vielstimmigen Choräle der Gläubigen. Und natürlich erinnert man sich an die Beschreibungen des Kreml in den russischen Romanen und sucht heraufdämmernde Szenen dem vor Augen stehenden Bild zu implantieren. Im übrigen erschien mir der Rote Platz später viel kleiner als angenommen und als vom Fernsehen kolportiert. Es ist ja dies alles noch überhaupt nicht lange her und scheint dennoch einer weit zurückliegenden Vergangenheit anzugehören.

Ja, das Tolstoi-Wohnhaus in Chomowniki mitsamt Garten und Nebengebäuden (im Garten eine Art künstlicher Hügel fürs Schlitteln). Sowohl die Dostojewski-Wohnung in Petersburg wie das Tolstoi-Haus sind heute Museen, man muß Plastik-Überschuhe überstreifen und wird von lieben Matronen überwacht, während der Direktor mit dem Dolmetscher an seiner Seite schier stundenlang ausholt, um das Leben des Dichterfürsten Revue passieren zu lassen. Es geht ja in dem Hause nicht nur um ein Schreibleben, wenn der Schreibtisch im Obergeschoß mit der »Umzäunung« der Tischfläche (um das Herunterfallen der beschriebenen Blätter zu verhindern) auch eindrücklich und der kurzbeinige Stuhl, um des Dichters brillenlose Augen dem Papier näher zu bringen, auch interessant und die Vitrinen mit den selbstgefertigten Stiefeln überraschend zu nennen sind: Es geht um das Familienleben in diesem Hause, Holzhaus: um den großen mit englischem Geschirr gedeckten Eßtisch für das um 18 h abgehaltene Abendessen, wo Eltern und alle Kinder versammelt waren. Um die verschiedenen Kinderzimmer, die eine Tochter Kunstmalerin, um die Salons, wo abends nach dem Essen und der getanen Arbeit (Tolstoi war Frühaufsteher) die Besuche empfangen wurden, Dichter und Künstler und Musiker – die Musik für T. die höchste der Künste –, Freunde und Bekannte; es ging um den hinter einem Paravant versteckten Schlafraum mit den zwei Betten und den Waschschüsseln für das Elternpaar, es ging um Gesinde- und Gouvernantenräume, alles was zur Abhaltung des um den großen Mann gescharten kinderreichen Familien- oder besser Sippenlebens gehörte; um das Private wie um das Öffentliche, Tolstoi war ja mit zunehmendem Alter eine öffentliche Person und vor allem: Instanz.

Von Moskau habe ich natürlich auch nur flüchtige Eindrücke, immerhin ist das zu einem Festungsring gehörende Neujungfrauenkloster mit den dickwandigen Mauern und den unendlichen Ikonen im Inneren der verschiedenen Kirchen ein noch abrufbarer Eindruck; ebenso wie ich mich an die Lesungen und die Gaststätten zu erinnern vermag, ich meine an den jeweiligen Rahmen, vor allem im Puschkin-Café, einem stilvollen mehrstöckigen, vor nobler Förmlichkeit prangenden Lokal erster Güte und Schönheit, während es in der Staatlichen Bibliothek für ausländische Literatur, wo sich die verschiedenen Ansprachen ablösten und mit offenbar landesüblichem Applaus ebenso ununterbrochen quittiert wurden, eher langweilig zuging und der Rahmen des Saals vom Boden bis zur Decke mit beschlagnahmter deutscher Literatur tapeziert war. Bei dem anschließenden Empfang näherte sich mir die einzige auffallend hübsche junge Frau, eine Studentin und Nizon-Leserin, was mir überaus gefiel.

Ich darf den Mittagstisch zu meinen Ehren in der schweizerischen Botschaft nicht vergessen, der Botschafter, Erwin H. Hofer, gestaltete das Ganze amüsant und aufmerksam, ich war gerührt, natürlich auch beim Gedanken, daß Höhlu oder Fredli, mein ältester Freund aus Schulzeiten, hier gewirkt und gewohnt und meine Tochter Valérie zu Gast gehabt hatte.

 

Das Jahr endet, wie mir scheinen will, imposant. Der Aufenthalt im Yourcenar-Gebiet nahe der belgischen Grenze, das Versinken in vorwinterlich flandrischer Erde, bildlich gesprochen, mit Abstechern nach Lille und Dünkirchen und Brügge … und zum Finale Rußland. Und morgen nach Zürich zu Radiointerviews, zum 75. Geburtstag. Ja, altersmäßig kam ich mir in Rußland schon ein wenig angeschlagen vor, ich meine, ich dachte bei all dem Schnee, Eis und Matsch, es sei Vorsicht geboten. Schön war auch das Wiedersehen mit Egon Ammann, der als Kurator der S. Fischer Stiftung mit von der Partie war. Er ist ein überaus charmanter und amüsanter, merkwürdig levantinisch (wie er selber sagt) wirkender älterer Herr geworden, fast ein Mann von Welt und dann wieder ein bernischer Spaßvogel mit Hans Schweingruberschen Derbheiten, Allüren.

17. Dezember 2004, Paris

 

Zurück aus Bern und Zürich, wohin ich zu einem Radiointerview DRS 2 mit Hardy Ruoss bestellt war. Anderntags zu Elisabums nach Unterlunkhofen, wo ich auch über Nacht blieb. Und davon will ich reden.

Das Haus, vor allem natürlich der ganze weiß gekachelte moderne Komplex oder Anbau mit den vielen modernen Bildern an den Wänden, dem leicht absurden Bad mit der in den Boden vertieften Badewanne (vage altrömisch), dem ausführlichen Wohnraum oder Wohngebiet, das sich in runden Bogen in den hinteren Schlafteil schwingt (weshalb mir dieser von Elisabeth entworfene Trakt immer leicht anthroposophisch vorkam), kurzum: die Wohnung blitzend vor Sauberkeit und Aufgeräumtheit, vielleicht wäre besser: Unberührtheit. Es kommen ja anscheinend nicht nur Frauen oder Hilfspersonal zum Saubermachen, sondern auch zur leiblichen Versorgung und Hygiene, Spitex. Der Eindruck der Leere oder Unangerührtheit hängt mit Elisabeths Schrumpfen nicht nur in körperlicher, sondern auch in geistiger Hinsicht zusammen, es ist ja schon fast ein Verschwinden im Raume. Sie ist bis auf die Knochen abgemagert, die einstige Rundliche, die Hans deswegen Nockerl genannt und gerufen hatte, der Kopf ein Vogelkopf ohne Wangenweichheit, die Haut fein gefältelt und plissiert, die Augen groß und schwarz, manchmal erinnerte mich das Gesicht an Virginia Woolf, wohl der vogelartigen hohlwangigen Großäugigkeit wegen. Ich denke, Elisabeth ißt fast nichts mehr, sie sagte ja auch beim Verzehren der von mir mitgebrachten Waadtländer Würste, alles schmecke nach Papier, sie scheint den Geschmackssinn verloren zu haben sowie weitgehend das Gedächtnis, zumindest das Kurzzeitgedächtnis, alles Reduktionen und Aspekte des Schrumpfens und mit dem Schrumpfen zusammengehend eine Art Verlorenheit im Raume; der fragende Gesichtausdruck der Herumirrenden, sie ist nicht einfach verwirrt, sondern verirrt, wenn sie anderseits, zum Beispiel in bezug auf das Katzenschicksal, auf Ulan und vor allem das unausweichlich bevorstehende Sterben des über zwanzigjährigen Siamesen, nicht nur vernünftig, sondern luzid sprechen kann. Zum andern drückt sich beim Wortesuchen oder eben in diesem fragenden Gesichtsausdruck das Schwinden der Anhaltspunkte und damit der Orientierung schlechthin aus. Und aus all diesen Gründen wirkte das Haus so leer und unbewohnt. E. gibt vor, Hans sei eben gerade nicht da, sondern wie üblich am Herumstreunen, sie spricht immer von »uns«, weiß dabei aber schon, daß Hans tot und begraben ist, denn manchmal kommt blitzschnell in einer Stimme wie von einem Kind die Bemerkung, er sei ja nicht mehr da, doch gleich darauf ist sie wieder in ihrer eingebildeten Wirklichkeit.

Aber das Kaminfeuer brannte, und immerzu hat sie nachgelegt, große gute Scheiter, die sie in Scheiterhaufen vor dem Haus hat und zum Trocknen nach innen bringt. Das Cheminéefeuer loderte, und Ulan legte sich auf die Steinstufe vor dem Kamin in nächster Nähe der Hitze, und ich habe auf der an der Wand unter den Bildern entlanglaufenden Bank geschlafen, von der Hans, ehe sie ihn zum Sterben in ein Krankenhaus schafften, so gut wie nicht mehr aufgestanden ist, er schien sich nicht mehr recht bewegen zu können.

Und sonst war alles noch da, jedoch so da wie in zum Überwintern oder Übersommern verlassenen, gewissermaßen in Tiefschlaf versetzten Häusern und Wohnungen. Und ich mußte an den Lebensrummel denken, der sich in diesem Haus mit den unzähligen Gästen, von denen man einige überhaupt nicht kannte, abgespielt hatte, an Diskussionen, Gelagen, Liebeleien, Überraschungen, Gastlichkeit und Begegnungsfreiheit, an Freiheiten überhaupt; ich dachte an die Zeit, da ich in diesem Haus den Stolz schrieb, und an jene andere, als ich zusammen mit Elisabeth meine Liebesvergiftung und deren Konsequenzen zu verstehen suchte, ich dachte an die eigentlich wunderbare Vorzugsstellung, die ich als Bewunderter oder besser als eine Art auserwähltes Wesen genießen durfte, von Elisabeths unbedingtem Glauben an mich getragen. Und natürlich war ich damals noch jung und entsprechend von Verlockungen Erwartungen Ungeduld ans Leben und besonders ans Künftige gefesselt, im Grunde war ich davon überzeugt, daß mir das Leben das Wunderbarste schuldete. Und in diesem Haus auf dem Lande, wo ich nicht nur zum Pferdewechseln unterkam, sondern wo die aus lauter Glauben gefestigte Burg meiner harrte, konnte ich, je nachdem, mich erholen oder aufmöbeln, isolieren oder hinreißen lassen, das Haus war die Garantie der verlängerten Jugend und entsprechender Guthaben. Und nun ist das Haus ausgehöhlt. Und Elisabeth wie eine dunkle Dohle darin zusammen mit dem uralten Kater.