Vier
Måndag, 17. Januari – Torsdag, 20. Januari
Zwischen 1500 und 2000 stieg die Zahl von Gewaltverbrechen (einschließlich Mord und Vergewaltigung) in Schweden um 46 % an.
Königliche statistische Erhebung für Schweden unter besonderer Berücksichtigung der Tundra von Norrbotten, 1310 – 2010
«Alle bereit, sich das Video anzusehen?», fragte Hauptkommissar Bubbles.
«Ich denke schon», entgegnete Wachtmeister Flunk. Er drückte auf den Play-Knopf der Videokamera. Auf dem Computerbildschirm geschah nichts. Bubbles bemerkte, dass die Videokamera einfach neben dem Desktop-Computer des Wachtmeisters lag.
«Haben wir eine Bluetooth-Verbindung?», fragte er.
Flunk sah Wachtmeister Snorkkle an. Beide zuckten mit den Schultern.
«Brauchen wir kein USB-Kabel, um die Kamera mit dem Computer zu verbinden?», fragte Bubbles.
Flunk und Snorkkle durchsuchten die Polizeihauptwache.
«Wir haben offenbar kein solches Kabel.»
«Dann müssen wir vielleicht eins kaufen.» Bubbles versuchte die Wut in seiner Stimme zu unterdrücken.
«Was für ein Kabel sagten Sie, Chef?»
«USB.»
Flunk notierte sich das auf seinem Handrücken.
«Man bekommt es in jedem Elektronikgeschäft», fügte Bubbles hinzu.
«Ich kümmere mich sofort darum, Chef.»
In diesem Moment flötete Flunks Mobiltelefon. Er sprach mehrere Minuten lang leise hinein.
«Entschuldigen Sie, Chef. Das war meine Lebensgefährtin. Heute muss ich unser Mädchen aus der Kita abholen. Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich zuerst bei der Kita vorbeidüse, bevor ich das …», er blickte auf seine Hand, «USB-Kabel kaufe?»
«Das geht in Ordnung, Flunk.»
«Schließen die Läden heute nicht früher?», fragte Wachtmeister Snorkkle. «Ist heute nicht Ostermontag? Tut mir leid, Chef.»
Snorkkle entschuldigte sich bei Bubbles für jeden christlichen Feiertag. Snorkkle riss sich ein Bein aus, um an jeden jüdischen Feiertag zu denken, und vergaß nie, seinem Chef dann einen Gewürzkuchen mitzubringen, den er in einer Bäckerei in Gamla Stan kaufte. («Fröhlichen Jom Kippur, Hauptkommissar!» – «Oh, vielen Dank, Wachtmeister Snorkkle. Ein Gewürzkuchen! Wie aufmerksam!»)
Bubbles sah in seinem Kalender nach. «Sie haben recht. Heute schließen die Geschäfte um zwei.»
Es war bereits halb zwei.
«Wenn ich das Kind zu spät abhole, verhängt die Kita eine Ordnungsstrafe», sagte Flunk. «Zehn Kronen pro Minute.»
Snorkkle pfiff durch die Zähne. «Nicht schlecht.»
«Keine Sorge, Flunk», sagte Bubbles. «Die Abteilung übernimmt die Gebühr.»
Flunk trat unbehaglich von einem Bein aufs andere. «Es geht nicht nur ums Geld. Die Kita wird zu Hause anrufen. Meine Partnerin wird stinkwütend sein.»
«Tun Sie, was Sie tun müssen, Flunk. Aber machen Sie, dass Sie loskommen.»
«Ja, Chef.»
Blomberg saß in dem 95 Quadratmeter großen rechteckigen Hauptlesesaal des UKEA Unternehmensarchivs. Eine Archivarin näherte sich ihm auf leisen Hauslatschen. Ihr Haar war straff aufgesteckt. Sie hatte Augen wie ein Alaskan Malamute, eines war braun und das andere hellblau. «Wie kann ich Ihnen helfen?»
«Ich würde gern den Originalentwurf des Jugendstuhls sehen.»
Die Archivarin legte den Finger an die Lippen. Sie trug weiße Baumwollhandschuhe «Leise! Dies ist der Lesebereich.»
Blomberg blickte sich um. Der Lesesaal war gähnend leer, bis auf vier weitere Archivare, die in den Ecken des Raumes saßen und sie nicht aus den Augen ließen.
«Tut mir leid», flüsterte Blomberg. «Die Entwürfe für den Kackerlacka-Jugendstuhl, bitte.»
«Alle Anfragen müssen schriftlich gestellt werden.»
Sie wies Blomberg auf einen säuberlichen Stapel Anfrageformulare hin, die sich in einer Schachtel auf dem Tisch befanden.
Blomberg füllte das Formular aus und reichte es der Archivarin. Eine halbe Stunde später kam sie mit der Akte «Kackerlacka-Jugendstuhl: Originalentwurf und Design» zurück.
Die Akte war leer.
Er gab sie der Archivarin zurück. «Kann ich eine andere anfordern?»
«Selbstverständlich.»
«Ich hätte gern …»
«Anfragen müssen schriftlich gestellt werden.»
Er füllte ein neues Formular für den Arisk-Kindertisch aus. Eine halbe Stunde später kann die Archivarin zurück. Die Akte war ebenfalls leer.
Als Nächstes fragte Blomberg nach dem Snåljåp-Beistelltisch. Leer. Das Herrefolk-Bücherregal. Nichts. Das Büfett. Niete.
Nach einigen Stunden ermüdete er.
«Noch weitere Anfragen?»
«Nein, ich bin versorgt. Vielen Dank.»
Die Archivarin nickte gnädig.
Doch gerade als er ihr die Akte des Ljushårig-Doppelbetts mit passender Kommode zurückgeben wollte, bemerkte er den leichten Abdruck einer Handschrift in der Ecke der Akte. Nonchalant schoss er mit seinem Xperia-X10-Android-Smartphone ein Foto von dem Abdruck. Eine Stunde später, in seiner Wohnung, vergrößerte Blomberg das Foto auf seinem 17-Zoll-Apple-G4. Die Schrift war trotz des Versuchs, sie auszuradieren, klar und eindeutig lesbar. Originalahornholzdoppelbettentwurf von AH.
Flunk wickelte das USB-Kabel aus und suchte am Computer nach der passenden Buchse.
«Es ist die mit dem Dreizack-Symbol», sagte Bubbles.
«Dreizack?», entgegnete Flunk zweifelnd.
«Mistgabel», sagte Bubbles. Er nahm einen diskreten Schluck aus seiner Flasche Pepto-Bismol. Die Finnen haben kein großes Vokabular.
«Okay, ich habe sie gefunden.»
«Papa, krieg ich was zu trinken?», meldete sich Flunks fünfjährige Tochter Brigitta.
«Was möchtest du denn, Schätzchen?»
«Ein Glas Mjölk!»
Snorkkle sah im Bürokühlschrank nach. Er schüttelte den Kopf.
«Keine Mjölk», sagte Flunk. «Vielleicht was anderes?»
«Ich will Mjölk!», kreischte das Mädchen.
«Normalerweise haben wir für unseren Kaffee Mjölk da», sagte Bubbles.
«Ich glaube, wir haben heute Morgen den letzten Rest genommen», sagte Snorkkle.
«Wenn Sie das wussten, warum haben Sie keine neue gekauft?», entgegnete Bubbles.
«Es ist mir entfallen», sagte Snorkkle.
«Wir können es im Moment nicht ändern», sagte Flunk. «Alle Geschäfte haben geschlossen.»
«In der Drottninggatan müsste noch ein Konsum geöffnet haben», sagte Bubbles.
«Ich sehe nach», sagte Snorkkle und griff nach seinem Mantel.
«Warum rufen Sie nicht vorher an?», schlug Bubbles vor.
«Gute Idee.» Nachdem er einige Anrufe getätigt hatte, fand Snorkkle einen geöffneten Mini-Markt. «Sie haben sowohl normale Mjölk als auch Choklad-Mjölk. Welche möchtest du haben?»
«Choklad-Mjölk!», quengelte das Mädchen.
«Wie sagt man?», fragte ihr Vater.
«Bitte.»
Während Snorkkle beim Einkaufen war, ging Hauptkommissar Bubbles die Notkiste voll Spielsachen holen. Bubbles persönlich mochte Playmobil-Figuren am liebsten, aber einige Eltern hatten gegen die Unterstützung deutscher Plastikspielsachen durch die Polizei protestiert, und die Truppe musste sie durch gewaltfreie Holzspielsachen von Brio ersetzen.
Trotzdem hatte Bubbles es nicht über sich gebracht, die Playmobil-Polizeistation wegzuwerfen.
Er setzte sich mit Brigitta auf den Fußboden und versuchte, eine Geiselnahme zu schlichten.
«Peng, peng! Du bist tot!», rief Brigitta. Ihr Playmobil-Polizist schwenkte eine Waffe.
«Es ist besser, erst mal zu verhandeln», ermahnte Bubbles sie sanft.
Brigitta entriss Bubbles’ Playmobil-Polizisten das winzige Megaphon und schleuderte es wütend durchs Zimmer. «Man verhandelt nicht mit Terroristen!», schrie sie. «Es ist Zeit einzugreifen!»
Glücklicherweise kehrte in diesem Augenblick Snorkkle mit einem Zwölferpack Choklad-Mjölk zurück. Die Beamten steckten die Strohhalme in ihre Kartons und bereiteten sich darauf vor, das Video anzusehen.
«Papa, ich will auch mitgucken.»
«Nein, Schätzchen. Was hab ich dir über das Anschauen von Enthauptungen gesagt?»
«Ist mir egal. Ich will auch zugucken!»
Ein Wutanfall folgte. Schließlich gaben die Beamten nach.
«Aber Papa hält dir die Augen zu, wenn schlimme Bilder kommen, ja?»
«Nein!»
Die Überwachungskamera war mit Arssens Haustür verbunden gewesen, und so begann das Video damit, dass er auf wiederholtes Klopfen hin öffnete. Bubbles notierte sich penibel, was er sah.
Arssen öffnet die Tür. Auf der Schwelle steht ein kleinwüchsiges Mädchen, vielleicht 17 oder 18. Sie trägt ein schwarzes T-Shirt mit dem Comicvogel Tweety darauf, der ein Maschinengewehr in der Hand hat (AK-47?). In Tweetys Sprechblase steht:
«Mach dich bereit zu sterben, beschissene Miezekatze.» Die Angreiferin betritt Arssens Wohnung. Arssen weicht furchtsam zurück. Die Angreiferin zieht hinter ihrem Rücken ein Samuraischwert hervor (Carbonstahl?). Größe: nicht über 1,25 m. Gewicht: ca. 40 kg. Haare: pechschwarz. Augen: ebenfalls. Stark tätowiert und gepierct. Läuft mühelos über Wände und Decke von Arssens Diele. Das Opfer zieht sich weiter zurück, nun sichtlich verängstigt. Sie formt mit den Lippen die Worte: Mach dich bereit zu sterben, beschissener Twig Arssen! (Mit Lippenleser abklären?) Die Angreiferin schwingt das Schwert.
«Papa! Ich will was sehen!»
Der Kopf der Opfers fliegt zur Seite, prallt ein paarmal vom Holzboden (Esche? Eiche?) ab und bleibt liegen. Die Angreiferin nimmt einen schwarzen Stift und zeichnet etwas wie ein Fußballtor an die Wand der Diele. Sie entfernt sich wie für einen Elfmeter, nimmt dann Anlauf und kickt den Kopf gegen die Wand.
«Toooor!», schrie Brigitta.
Die Angreiferin verschwindet in einem anderen Zimmer. Wenige Momente später erscheint sie wieder. Ihr Rucksack (Tumi?) sieht jetzt gefüllt aus, vielleicht hat sie etwas gestohlen, eventuell einen Laptop. Bevor sie geht, wendet sie sich direkt an die Überwachungskamera und hält ihren Mittelfinger hinein. Formt mit den Lippen einen Fluch. Verlässt das Haus.
«Lieber Gott, das Gesicht kenne ich!», rief Wachtmeister Flunk. «Ist das nicht das Mädchen aus Schweden sucht den Superstar?»
«Eher aus Schweden sucht den Psychopathen», knurrte Snorkkle. «Das ist diese schmutzige Punk-Göre, die bei einem Familienfest lebendig begraben wurde.»
Bubbles schluckte. Aus seiner obersten Schreibtischschublade nahm er den silbernen Augenbrauenring, den er am Ekkrot-Tatort gefunden hatte.
«Oh, so eine schöne Gecko-Nadel!», sagte Brigitta.
«Das ist kein Gecko», sagte Bubbles leise. Dann, an Wachtmeister Snorkkle gewandt: «Schicken Sie einen Haftbefehl für Lizzy Salamander raus. Sie wird gesucht wegen Mordes an Dr. Jerker Ekkrot und dem unveröffentlichten Autor Twig Arssen. Die Verdächtige ist bewaffnet und extrem gefährlich … besonders für Männer.»
Snorkkle twitterte diese Nachricht an die anderen fünf Mitglieder der schwedischen Polizei. Er murmelte: «Dieses Mal nageln wir die psychopathische Fotze an die Wand.»
Blomberg und Erotikka lagen im Bett.
Erotikka schmollte. «Du liebst Bu mehr als Bä.»
«Mach dich nicht lächerlich. Ich liebe Bu und Bä genau gleich.»
«Bä fühlt sich vernachlässigt.»
«Arme Bä. Fühlst du dich vernachlässigt?» Er bedeckte Bä mit anbetenden Küssen.
Erotikka warf ihm ihre Arme um den Hals. «Ich weiß nicht, wie du es anstellst, aber bei dir fühle ich mich wie eine brünstige Elchkuh.»
Blomberg lächelte. Offen gestanden begann Erotikkas Lust ihn zu erschöpfen.
«Lass uns den ganzen Tag im Bett bleiben!», schnurrte sie. «Es ist zu kalt, um aufzustehen.»
Blomberg überprüfte auf seinem titanfarbenen HTC-HD7 - 1GHz-Snapdragon-CPU-Smartphone die Temperatur. Forsche 58 Grad minus. Draußen war es noch kälter. Sie waren in Blombergs 25 Quadratmeter große Bömshüttå am Poppensee nördlich von Stockholm gefahren. Die offene Raumaufteilung sorgte dafür, dass sich die Hütte für Erotikka eher wie 35 Quadratmeter anfühlte.
Blomberg setzte sich im Bett auf, zündete sich eine Zigarette an und trank aus der Thermoskanne auf seinem Nachttisch einen Schluck Kaffee.
«Was ist los?», fragte Erotikka.
Blomberg zuckte mit den Schultern. «Ich weiß, es klingt albern, aber auf einmal fühle ich mich inmitten all dieser UKEA-Möbel nicht mehr wohl.»
Er blickte auf das UKEA-Kopfende, den UKEA-Nachttisch, die UKEA-Kommode, den UKEA-Schaukelstuhl, das UKEA-Schuhregal, das UKEA-Wechselgeld-Tablett, den UKEA-Sexverbesserungs-Stuhl. Sogar sein Rentier-Nachtlicht war von UKEA.
«Stört dich der Gedanke, dass all dies von Adolf Hitler entworfen worden sein könnte?»
«Ja.»
«Aber diese Modelle sind aus dem letzten Herbst-Katalog.»
«Darum geht es nicht. Sie beruhen alle auf diesen ersten Entwürfen. Es will nicht in meinen Kopf, dass UKEAs günstige, schlichte Bücherregale zum Selbstaufbauen auf Hitlers Entwürfen beruhen.»
«Später wurde sein Geschmack so bombastisch.»
«Das lag zum Teil an Albert Speers Einfluss.» Blomberg verstummte, dann sagte er leise: «Stell dir nur vor – wenn Twigs unveröffentlichtes Manuskript über UKEA erschienen wäre, überleg nur, wie viele Leute ihn dann loswerden wollten. Der Mord steht vermutlich in Verbindung mit Personen in den höchsten Kreisen.»
«Dafür hast du keinerlei handfeste Beweise.»
«Nur die Geschichte, die sein Vater mir erzählt hat. Und die ausradierte Aufschrift aus dem UKEA-Archiv.»
«Und was ist mit dem Manuskript?»
«Das scheint verschwunden zu sein.»
Da meldete sich Ralf, Erotikkas Ehemann, zu Wort. «Das solltet ihr euch mal ansehen.» Er hatte sich ohne Decke in einer Ecke des Bettes zusammengerollt und las auf seinem Windows-Mobile-HTC-P3300 - 2-GHz-Smartphone die Zeitung. Nun reichte er es Blomberg.
Die Schlagzeile stammte vom Aftonbladet:
POLIZEI IDENTIFIZIERT LIZZY SALAMANDER ALS HAUPTVERDÄCHTIGE FÜR DIE MORDE AN DEM STÖR-EXPERTEN UND DEM UNVERÖFFENTLICHTEN KRIMIAUTOR
Was zum Teufel?, dachte Blomberg. Oh Lizzy, nicht schon wieder.
Blomberg betrat Hauptkommissar Bubbles’ Büro, ohne anzuklopfen. Bubbles erhob sich mit ausgestreckter Hand.
«Was für eine Überraschung! Wir haben dich letzte Woche in der schul vermisst.»
«Ich musste meinen Blog fertig schreiben. Kam ein Minjan zusammen?»
«Zum Glück konnten wir ein paar holländische Touristen auftreiben.»
Bubbles und Blomberg gehörten beide zur Gemeinde von Adat Jisrael, einer kleinen Synagoge für alle acht Juden, die nördlich des 59. Breitengrads lebten. Sie waren außerdem gute Freunde, auch wenn das nicht immer der Fall gewesen war. Vor einigen Jahren, als Blomberg noch für Millennium geschrieben hatte, waren sie beinahe über eine Enthüllungsstory aneinandergeraten, die Blomberg über Korruption, Prostitution und Drogenhandel in der Sondereinheit für Korruption, Prostitution und Drogenhandel der Polizei veröffentlicht hatte.
«Was verschafft mir die Ehre deines Besuchs?», fragte Bubbles. «Lass mich raten: Es hat mit deiner Freundin, der Mörderin, zu tun.»
«Ich kann sie eigentlich nicht als meine Freundin bezeichnen. Ich habe Salamander seit zwei Jahren nicht gesehen. Aber ich frage mich schon, was ihr Jungs gegen sie habt.»
In den letzten fünf Jahren hatte die Polizei Salamander zweiunddreißig Mal verhaftet, war aber mit den Anklagepunkten – alles vom Diebstahl eines schwarzen Lippenstifts aus der Grufti-Boutique in Holdershalm bis hin zu Ausrottungsplänen für die gesamte männliche Bevölkerung Nordeuropas – niemals durchgekommen. Ohne Ausnahme stellte sich stets heraus, dass all ihre Gewalttaten als Vergeltungsmaßnahmen verübt worden waren, auch wenn sich einige Mitglieder der Polizeitruppe fragten, wie präventive Kastration als Selbstverteidigung angesehen werden konnte. Wachtmeister Snorkkle befand sich unter diesen Zweiflern. In diesem Augenblick linste Snorkkle in Hauptkommissar Bubbles’ Büro und schrie: «Dieses Mal nageln wir die Satansfotze an die Wand!»
«Wir sind recht zuversichtlich», sagte Bubbles zu Blomberg, «dass wir endlich handfeste Beweise gegen deine ein Meter fünfundzwanzig große Psychopathin haben. Unwiderlegbare Beweise. Beweise, die den fanatischsten Salamander-Verteidiger in einen Glaubensgenossen verwandeln würden.»
«Wirklich? Was für Beweise?»
Bubbles lachte. «Glaubst du, ich verrate dem bekanntesten Blogger Schwedens Dienstgeheimnisse?»
«Ich bin wohl kaum der bekannteste. Das ist Volvo_ Recall.Se. Aber ich bin unter den Top Hundert. Und du hast es auch in anderen Fällen schon getan.»
«Stimmt. Aber nur, wenn du mich wissen lässt, was du in der Hand hast. Angenommen, du hast überhaupt etwas.»
«Was glaubst du denn?»
«Okay, nimm dir einen Stuhl.»
Nachdem er das Video zum zweiten Mal gesehen hatte, saß Blomberg immer noch sprachlos da.
«Siehst du», sagte Bubbles. «Ziemlich starker Tobak. Ich gehe davon aus, dass du nicht weißt, wo wir Fröken Salamander finden könnten.»
«Wie gesagt, ich habe sie seit zwei Jahren nicht mehr gesehen.» Blomberg schüttelte den Kopf, als wolle er die verstörenden Bilder loswerden, die er soeben gesehen hatte. «Ich verstehe es nicht. Was könnte ihr Motiv sein?»
«Rache?», schlug Bubbles vor.
«Ich habe Lizzy Salamander nie als rachsüchtige Person erlebt.»
Einen Augenblick saßen Blomberg und der Kommissar still da. Dann brachen beide gleichzeitig wie auf ein Stichwort hin in brüllendes Gelächter aus. Als sie sich die Tränen aus den Augen gewischt hatten und wieder Luft bekamen, fragte Blomberg: «Rache wofür?»
«Vor zwei Jahren ist Ekkrot verhaftet worden, weil er gegen das Gesetz zur Gleichheit und Würde der Geschlechter von 1999 verstoßen hat. Er hatte seine Freundin ‹unpraktisch› genannt.»
Blomberg dachte darüber nach. «Vielleicht wurde er provoziert.»
«Darum geht es nicht. Wir wissen, dass Salamander sich als Mitglied einer Geschlechter-Selbstjustiztruppe begreift.»
«Und was ist mit Arssen? Wie passt er ins Bild?»
«Vor drei Jahren wurde er wegen Verstößen gegen die koitale Parität in zwei Fällen verurteilt.»
«Was hat er gemacht?»
«Anscheinend hat er in einer Bar in Östermalm eine Frau getroffen und sie mit in seine Wohnung genommen. Sie legte sich ins Bett, während Arssen schnell unter die Dusche sprang, sich rasierte und sich die Zähne putzte. Zu dem Zeitpunkt, als er unter die Bettdecke schlüpfte, war sie bereits schläfrig. Aber sie hatten trotzdem Sex. Sogar zwei Mal.»
Blomberg pfiff durch die Zähne.
«Das ist noch nicht alles. Sechs Monate später wurde er wegen krimineller Nachlässigkeit in Bezug auf eine Verhütungsmethode angeklagt. Er hatte die Nacht mit einem Mädchen verbracht, das er offenbar seit einigen Jahren kannte. Sie half ihm, ein Kondom überzustreifen, und in diesem Moment kam er und ejakulierte über ihre ganze Hand. Er behauptete, es habe sich um einen vorzeitigen Samenerguss gehandelt, aber die Frau sagte, es sei Absicht gewesen. Der Richter folgte ihrer Version der Geschichte.»
Blomberg sann über die Tatsache nach, dass Arssens Vater die beiden Verurteilungen seines Sohnes nicht erwähnt hatte. Trotzdem konnte Blomberg nicht ganz glauben, dass Salamander sowohl Arssen als auch den Autor von Der Lebenszyklus des Baltischen Störs unter besonderer Berücksichtigung der Bedingungen küstennaher Vermehrung umgebracht hatte. Das Buch hatte auf Blomberg einen bleibenden Eindruck gemacht, als er ein Junge gewesen war; die großartigen epischen Passagen über das zahnlose Maul des Fisches hatten ihn sogar dazu angeregt, selbst zu schreiben.
«Wir sind uns einig, dass diese Jungs ein paar ziemlich schäbige Dinger gedreht haben», sagte Blomberg. «Dasselbe könnte man über viele Männer sagen, und nicht nur über Schweden – genauso über Norweger und sogar Dänen. Warum sollte sie sich diese beiden als Ziele aussuchen?»
«Das müssen wir herausfinden», sagte Bubbles. «Wir haben herausgefunden, dass Arssen Ekkrot vor zwei Monaten auf seinem Handy angerufen hat.»
«Sie kannten sich also.»
«Aus den Verbindungsnachweisen ihrer Handys geht hervor, dass sie ein halbes Dutzend Mal telefoniert haben. Wir wissen nicht, ob sie sich je getroffen haben. Aber sie haben sich unterhalten. Einmal fast zwei Stunden lang.»
Blomberg holte tief Luft. Lizzy, was für Ärger hast du dir nur dieses Mal eingebrockt? Eine Stimme schien sich in seinen Kopf einzuloggen: «Nicht deine verdammte Sorge, Kalle Fucking Blomberg.»
«Okay, Mikael», sagte Bubbles. «Ich habe meinen Anteil des Handels erfüllt. Ich habe dir das Hauptbeweisstück aus einer laufenden Ermittlung gezeigt. Jetzt lass sehen, was du in der Hand hast.»
Blomberg atmete aus. Dann hielt er sich einen Kamm über die Oberlippe und salutierte mit ausgestrecktem Arm.
«Müssen wir immer Scharade spielen?», fragte Bubbles.
Es war eine Übereinkunft, die sie vor einiger Zeit getroffen hatten. Blomberg fühlte sich weniger schlecht dabei, Informationen aus vertraulichen Quellen weiterzugeben, wenn der Kommissar sie erraten musste.
Blomberg hielt sich weiter den Kamm über die Lippe und streckte seinen Arm steif aus.
«Schnurrbart», sagte Bubbles. «Hitlergruß.»
Blomberg nickte ermutigend.
«Hitler.»
Blomberg lächelte breit. Dann zeigte er auf Bubbles’ Schreibtisch.
«Zum Selbstzusammenbauen … mit vier Beinen … UKEA!»
Als Nächstes tat Blomberg so, als würde er den Tisch zeichnen. Dann tippte er auf eine imaginäre Tastatur.
Bubbles runzelte die Stirn. «Arssen schrieb an einem Krimi, in dem behauptet wurde, die frühen Möbel von UKEA seien nach Entwürfen von Hitler gebaut worden?»
Blomberg nickte leidenschaftlich.
«Wer zum Teufel hat dir das erzählt?»
«Komm schon, Svenjamin, du weißt, dass ich dir das nicht sagen kann.»
«Hast du Arssens Manuskript gelesen?»
«Das ist das Problem. Es ist seit dem Mord verschwunden. Keiner weiß, wo es sich befindet.»
«Du glaubst also, Arssen sei ermordet worden, damit er nicht über UKEA auspacken konnte?»
«Ich weiß nicht, was ich denken soll», sagte Blomberg, «und schon erst recht nicht mehr, nachdem ich dieses Video gesehen habe.»
«Kannst du dir wirklich nicht vorstellen, wie Salamander einen Mann umbringt?»
«Natürlich kann ich das. Bloß keinen Loser wie Arssen.»
Beim Verlassen der Polizeiwache hatte Blomberg kurzen Blickkontakt mit einer Beamtin. Er erkannte sie sofort. Es war Hedda Aas, eine einstige Debütantin aus Uppland, die kürzlich zur Polizei gegangen war. Aas starrte lasziv auf seinen Bauchansatz. Blomberg verzog den Mund zu einem Lächeln voller Koffein-und Tabakflecken. Die einstige Debütantin stöhnte. Sie zitierte ihn mit gekrümmtem Zeigefinger zu sich. Gehorsam näherte sich Blomberg der umwerfenden Blondine, die ihn um einen halben Kopf überragte.
«Sind Sie Mikael Blomberg?»
«Der bin ich.»
«Sie sind verhaftet.» Die umwerfende Beamtin befeuchtete ihre Lippen.
«Aber warum?», fragte er.
«Weil Sie mich kriminell geil machen.»
Die Beamtin legte ihm Handschellen an und führte ihn in eine Einzelzelle.