- Jessica Watson
- SOLO mit PINK LADY - MIT 16 DIE WELT EROBERT
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Ein Halbmond war aufgegangen und verlieh der See einen silbrigen Schleier über der Dunkelheit darunter. Nach dem Sonnenuntergang hatte ein leichter Westwind die ruhigen und glatten Bedingungen des Nachmittags fortgeweht. ELLA’S PINK LADY machte gute Fahrt unter Groß-, Stag- und Vorsegel. Ich hätte mir für meine erste Nacht auf See keine besseren Bedingungen wünschen können. Während ELLA’S PINK LADY mit konstanten vier Knoten Fahrt dahinsegelte, war ich sehr stolz auf meine hübsche kleine pinke Yacht. Stolz und unglaublich erleichtert, endlich unterwegs zu sein. Ich dachte über die nächsten Segeltage und das große Abenteuer nach, zu dem ich bald aufbrechen würde. Es war eine wunderschöne Nacht, und der Gedanke daran, dass irgendetwas schiefgehen könnte, war der letzte, der mir in den Sinn gekommen wäre.
Ich hatte Mooloolaba an diesem Morgen gegen 10 Uhr mit einer Eskorte von Booten und Helikoptern verlassen. Nach 15 Stunden auf See und anstrengenden Wochen der Vorbereitung fühlte ich mich müde und gereizt. Es hat mich immer schon ein paar Tage gekostet, meine Seebeine zu bekommen.
Ich stellte sicher, dass an Bord alles okay ist, und entschied mich dazu, meinen Kopf kurz auszuruhen und eine kleine Mütze Schlaf zu nehmen.
Zu diesem Zeitpunkt befanden ELLA’S PINK LADY und ich uns etwa 15 Seemeilen östlich von North Stradbroke Island. Ich wäre gern schon weiter draußen auf See gewesen, weiter entfernt von Fischerbooten und dem kommerziellen Schiffsverkehr, aber die starke Strömung und die leichten Winde zum Auftakt hatten dazu geführt, dass ich seit dem Ablegen noch nicht besonders weit gekommen war. Nachdem ich den Horizont gescannt, das Radar und das AIS (Automatic Identification System) gecheckt und mein Alarmsystem aktiviert hatte, kletterte ich – mit Schwimmweste und Lifebelt – in meine Koje.
Eine markerschütternde Geräuschexplosion weckte mich, als ELLA’S PINK LADY plötzlich jäh stoppte und sich wild im Kreis drehte. Ich sprang auf, während das schreckliche knirschende Geräusch anschwoll. Ich blickte schnell den Niedergang hoch und sah, dass wir mit etwas Riesigem kollidiert waren, einem Schiff. Statt des Himmels sah ich eine Mauer aus schwarzem Stahl, die alle Sterne verdeckte und sich über mir auftürmte. Das Brüllen der Maschinen erfüllte meinen Schädel und meine ganze Welt.
Ich lehnte mich hinaus ins Cockpit, griff nach der Pinne, schaltete den Autopiloten aus und versuchte uns zu steuern. Es war hoffnungslos. Kein Ausweg in Sicht. Ich konnte nichts tun. Zitternd und kreischend wurden wir am Rumpf des Riesen entlanggespült. Mein nächster schneller Blick sagte mir, dass das Heck des Schiffes mit seinen überhängenden Brücken rasant näher kam. Die Geräusche wurden immer lauter. Ich wusste, dass der Mast brechen würde, und sprang in der Hoffnung auf Schutz wieder unter Deck und saß mit den Händen über dem Kopf in meiner Koje, als eine neue Serie noch viel schrecklicherer Geräusche begann. Einige Sekunden vergingen, die mir wie Stunden erschienen. Neben mir flog ein Regal durch das Boot, als der Beschlag für die Wanten hinter dem Schott explodierte und es in eine Million Stücke riss. Das Boot legte sich auf die Seite, bevor es sich plötzlich mit einem Ruck wieder aufrichtete, begleitet vom bis dahin lautesten Knall. Das verhakte Rigg hatte sich selbst befreit und krachte aufs Deck.
Als sich das Boot beruhigt hatte und die Motorengeräusche sich langsam entfernten, kletterte ich wieder nach draußen. Es herrschte blankes Chaos. Überall lagen Teile des Riggs, Leinen und große rostige Splitter aus schwarzem Lack und silbernem Metall vom Rumpf des anderen Schiffes. Hinter ELLA’S PINK LADY konnte ich die schwarzen Umrisse des riesigen Hecks erkennen, das sich unbeschädigt entfernte und uns in seinem weiß schäumenden Fahrwasser zurückließ.
Geschockt und ungläubig, den Kopf voller umherwirbelnder Gedanken, versuchte ich verzweifelt zu begreifen, was passiert war, während ich die Bilge auf Wassereinbruch und den Rumpf auf Schäden untersuchte.
Alles, was ich denken konnte, war: »Mein armes Boot!« Ich kontrollierte die Schalter, um festzustellen, welche Systeme noch funktionierten, und die Worte in meinem Kopf formten eine Art Gesang: »Mein armes Boot, armes Boot, armes Boot.« Ich fühlte mich wie betäubt und bemühte mich, die Müdigkeit abzuschütteln. Ein Gefühl der Angst hatte ich keine Sekunde lang. Meine einzigen Gedanken galten ELLA’S PINK LADY.
Ich holte ein paarmal tief Luft, um meine zitternden Hände zu beruhigen. Dann ging ich ans Funkgerät, um das Schiff zu kontakten. Danach griff ich zum Telefon, um meinen Vater anzurufen. »Ich bin in Ordnung«, sagte ich ihm und fuhr eilig fort, »mir geht es gut, absolut okay. Aber wir sind mit einem Schiff kollidiert. Der Mast ist gebrochen.«
Zurück an Deck, allein und meilenweit von Land entfernt, hat es mich über zwei Stunden gekostet, das Chaos zu klarieren. Ich habe das gebrochene Rigg festgebunden und das verhedderte Vorsegel weggeschnitten. Ich musste regelmäßig kleine Pausen einlegen, um mich über die Seite der Yacht zu übergeben, weil meine Gereiztheit inzwischen längst in echte Seekrankheit umgeschlagen war. Endlich startete ich den Motor, um die sechs Stunden in Richtung Gold Coast, einer Hafenstadt in Queensland, in Angriff zu nehmen.
Wie schnell sich alles geändert hatte!
Vor mir lagen mindestens 23 000 Seemeilen in der einsamen Weite des Ozeans, wütende Stürme und die Gefahr von Kenterungen. Doch an diesem Tag zweifelte ich daran, dass irgendetwas, das mir in den Monaten allein auf See bevorstand, so schwer sein würde wie das Steuern von ELLA’S PINK LADY in diesem Moment vor der Mole von Gold Coast, wo Menschenmengen am Flussufer standen. Ich sah die Flotte der Zuschauerboote auf mich zukommen und ahnte den Medienrummel an Land.
Ich wusste nicht, ob die Menge dort war, um mir ihre Unterstützung zu signalisieren oder das zu beobachten, was viele als meine vorzeitige Niederlage bewerteten. Ich musste mich selbst zwingen, negative Gedanken zu ignorieren und uns den Fluss hoch zu navigieren. Hin und wieder winkte ich den Menschen zu und lächelte halbherzig hinüber zu den anderen Booten.
Allzu deutlich war mir bewusst, dass ich mit diesem einen entsetzlichen Vorfall allen jenen Munition gegeben hatte, die mich und meine Eltern für mein Vorhaben kritisiert hatten. In ihren Augen hatte ich exakt bewiesen, warum man mir niemals hätte erlauben sollen, allein zu segeln. Gleichzeitig aber hatte ich mir selbst bewiesen, dass ich mir meinen Traum erfüllen kann. Jegliche Zweifel daran, ob ich dem Projekt mental gewachsen sei, waren ausgelöscht. Ich hatte meine innere Stärke erkannt.
In den kommenden Monaten – wann immer ELLA’S PINK LADY von Wind und Wellen auf die Seite geworfen wurde oder wenn die Heimat wieder einmal eine Million Seemeilen entfernt schien, während wir in der Flaute dümpelten und die Tage einander nur wie in Zeitlupe ablösten – war ich imstande, auf jenen Tag zurückzuschauen, an dem ich mit dem 63 000 Tonnen schweren Containerfrachter SILVER YANG kollidierte und Stärke aus der Erkenntnis zog, dass ich mich zusammengerissen habe, als alle meine Träume zu platzen drohten. Wie heißt es doch so schön: Was dich nicht umbringt, macht dich härter. Der Tanker hätte mich töten können. Aber er tat es nicht. Aus seinem Kielwasser war ich stärker, entschiedener und mehr denn je bereit für alle bevorstehenden Aufgaben hervorgegangen. Na ja, für fast alle …
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