- Jessica Watson
- SOLO mit PINK LADY - MIT 16 DIE WELT EROBERT
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Zweiter Abschnitt:
Nach Süden mit Kurs auf Chile und Kap Hoorn
Dienstag, 24. November 2009
Wieder nach Süden
Heute Abend haben wir den Äquator erneut überquert. Dieses Mal auf südlichem Kurs. Es ist schön, wieder zu Hause zu sein. Ich grüßte Neptun kurz und dankte ihm für den Fisch. Eine dicke rote Linie konnte ich immer noch nicht sehen, aber vielleicht hat das Wasser sie ja fortgespült?
Es war ein ruhiger Tag ohne besondere Ereignisse hier draußen. Ich habe ein paar Arbeiten an Bord erledigt, mich meinen Schularbeiten gewidmet, gelesen und ein wenig geschlafen. Wir sind die meiste Zeit sehr gut vorangekommen, wurden nur hin und wieder von kleineren Gewitterwolken gestört. Die Schauerböen bescherten uns zwar nicht mehr als bis zu 20 Knoten Wind, doch das war gerade eben zu viel (und zu nass!), um die Luken zu öffnen. Dadurch ist mein Leben zurzeit ziemlich heiß und stickig. Hatte ich schon erwähnt, dass ich mich auf kühleres Wetter freue?
Vor uns liegt in den kommenden Tagen viel freie See. Es wird schön sein, endlich wieder etwas ungestörter schlafen zu können. Gleichzeitig juckt es mich in den Fingern, so viele Seemeilen wie möglich hinter uns zu bringen. Bobs letzte Wettervorhersage sagt südöstliche Winde voraus. Es sieht so aus, als könnten wir in Richtung Süden gut vorankommen, in Richtung Osten allerdings für eine Weile weniger gut.
Mittwoch, 25. November 2009
Leben in der Waschmaschine
Es war nicht gerade ein toller Tag hier draußen: bedeckter Himmel, stürmische Bedingungen und eine leicht chaotische See. So in etwa muss es sich im Innern einer Waschmaschine anfühlen! Bob hatte bereits vorhergesagt, dass der Schwell recht unangenehm werden würde, weil die nach Osten fließende Strömung mit dem südöstlichen Wind kollidiert. Glaubt mir: Er hatte Recht!
Ich muss gestehen, dass meine Laune dem grauen Himmel an diesem Nachmittag sehr ähnelte. Also hielt ich eine kleine Ansprache an mich selbst. Es bedarf in der Regel keiner großen Anstrengung, mich wieder in eine hundertprozentig positive Stimmung zu versetzen. Es gibt ja keinen Grund, auch nur eine Minute meiner Reise in mieser Stimmung zu verbringen! Und ich habe auch keinen Grund zur Beschwerde. Die Sonne glänzte zwar durch Abwesenheit, doch wir kamen sehr gut (wenn auch etwas holprig) in Richtung Süden voran. Obwohl ich melancholischer Stimmung war, konnte ich mir nichts vorstellen, was ich gerade lieber täte. Es gibt sicher nicht viele Menschen, die das von sich behaupten können. Also bin ich ein Glückskind!
Wir sind zwar noch weit von Kap Hoorn entfernt, aber ich habe schon begonnen, die Seemeilen zu zählen (noch 5450!). Mit einem Ziel vor Augen kann ich mich besser konzentrieren. Ich kann es kaum erwarten, endlich wieder Albatrosse zu sehen und herauszufinden, wie diese gigantischen Wellen im Südpolarmeer wirklich sind. Es scheint so, als hätten sie an Land bereits die Vorweihnachtszeit eingeläutet. Es gibt also noch etwas, auf das ich mich freuen kann!
Uns stehen ein paar schnelle Segeltage ohne Hindernisse auf See bevor. Abgesehen von einer kleinen Insel namens Starbuck Island, die wir zu passieren haben. Wenn ich meinen Törn nicht unter der Überschrift »Ohne Hilfe von außen« absolvieren würde, dann könnte ich kurz anhalten und einen Kaffee trinken!
Es ist an der Zeit, das Abendessen vorzubereiten. Ich habe Lust auf Spaghetti bolognese und werde dann noch einen Blick in das Süßigkeitenschapp werfen. Mal sehen, was sich dort finden lässt …
Ich habe in meinem Blog selten Ereignisse oder Gefühle verschwiegen. Nur mit meinen düsteren Stimmungen hielt ich mich etwas zurück. Das hatte vor allem mit Selbstschutz zu tun. Außerdem wollte ich meine Eltern nicht unnötig beunruhigen. Ich musste mich selbst am Schopf packen und aus solchen Löchern befreien. Das Schreiben darüber half mir nicht. Ich musste mich ablenken und mit anderen Dingen beschäftigen. Das half!
Es gab nicht viele solcher harter Tage, aber doch einige emotionsgeladene Zeiten. Anfangs verbarg ich sogar die kleinen Probleme vor den Menschen daheim, doch dann merkte ich, dass diese Phasen Teil des Lernens über mich selbst waren. Ein großer Antrieb für meine Reise um die Welt war die Suche nach Antworten: Würde ich es schaffen? Wäre ich stark genug? Wie würde ich mit schlechten Zeiten umgehen? Ich habe in dieser Woche einige solcher Zeiten durchlebt. Ich fühlte mich allein und lethargisch, hatte Kopfschmerzen. Doch ich bemühte mich, alles in der richtigen Perspektive zu sehen. Zu Hause hatte ich schlimmere Phasen durchlebt. Es war seltsam, weil es mir die meiste Zeit über gut ging und ich gern allein war. Dann wieder wünschte ich mir plötzlich jemanden, der mich in den Arm nimmt und sich um mich kümmert. Einmal ging es in der Woche so weit, dass es dringende Aufgaben zu erledigen gab und ich mich regelrecht zwingen musste, sie zu erledigen, weil ich mich lieber in meinen Schlafsack verkrochen und ein paar Tage geschlafen hätte.
Ich habe mich davor gefürchtet, in dieser Stimmung mit Mum, Dad oder Bruce zu sprechen. Aber dann gelang es mir, mich selbst aus dieser emotionalen Falle zu befreien. Es waren wirklich die kleinen Dinge, die mir halfen. Ich räumte unter Deck auf, sprach mit Freunden, las, schrieb und ernährte mich gut. Das habe ich nicht immer gemacht! Ich glaube, dass ich in meinem Blog noch nicht berichtet habe, dass es zum Frühstück öfter Popcorn gab … Ich neigte dazu, über Proviant und Ernährung nur dann zu schreiben, wenn es mir gut ging.
Hin und wieder sprach ich mit Mike Perham, ebenso mit Tom, Hannah, Emily und anderen Familienmitgliedern und Freunden. Es tat gut, mit Mike zu reden, der inzwischen seit mehr als drei Monaten zu Hause war und sich langsam wieder an das normale Leben an Land gewöhnte. Es war gut, sich mit jemandem über die Höhen und Tiefen der Reise auszutauschen, der genau wusste, worüber ich sprach. Ich erhielt auch Nachrichten über Abby Sunderlands Projekt. Auch Abby plante, die Welt nonstop, einhand und ohne Hilfe von außen zu umrunden. Sie hatte sich für ihren Versuch eine Yacht vom Typ Open 40 ausgesucht. Mike hatte auf einem Open 50 gesegelt und seine Probleme damit gehabt. Ich war immer noch glücklich über meine Entscheidung zugunsten der S&S 34. Längst hatte sich gezeigt, dass ELLA’S PINK LADY eine zähe kleine Yacht war – die perfekte Wahl für mich.
Freitag, 27. November 2009
Fliegen und Mangos
Mit viel Lage und unter vollen Segeln flog ELLA’S PINK LADY heute über die Wellen, dass das Wasser nur so spritzte. Ich bin ganz offensichtlich nicht allein mit meinem Wunsch, so schnell wie möglich südwärts zu segeln! Der Wind hat ein bisschen weiter auf östliche Richtung gedreht. Wir konnten die Schoten ein wenig auffieren und abfallen. Das Leben an Bord wurde auf direktem Kurs nach Süden etwas angenehmer.
Heute habe ich die Pantry ein wenig aufgeräumt. Dabei stieß ich zu meiner Begeisterung auf einige versteckte Dosen mit Mangos! Ich habe so viel darüber gehört, wie gut die Mangos zu Hause gerade schmecken. Es kam mir also ein bisschen wie Weihnachten vor, als ich nun meine persönliche Portion fand. Natürlich sind sie nicht mit den frischen Früchten vergleichbar, aber schlecht sind sie auch nicht. Ich habe das Gefühl, dass ich diesen Fund nicht in mehrere Rationen werde einteilen können! Ich kann euch versichern, dass der Genuss von Dosenmangos auch nicht weniger Saukram ist als der Verzehr der frischen Früchte. Aber vielleicht liegt es ja nur an mir?
Viel mehr gibt es heute eigentlich nicht zu erzählen. Also nutze ich die Zeit, um ein wenig über meine Pläne für die zweite Etappe mit Kurs auf Kap Hoorn zu berichten. Die gestern von mir angegebene Distanz bis Kap Hoorn beträgt 5450 Seemeilen in direkter Luftlinie. Tatsächlich aber segeln wir auf einem etwas kürzeren Kurs. Das mag komisch klingen, hat aber mit der Großkreisroute und der Krümmung der Erdkugel zu tun. Ich bin vermutlich nicht die geeignetste Person, um dieses Phänomen zu erklären, aber ich gebe euch ein Beispiel: Wenn ich für uns den schnellsten Kurs nach Südamerika ausplotten soll und dabei die Krümmung der Erde einbeziehe, dann würden wir tatsächlich in einem Bogen nach Süden segeln. Unsere Route entlang des Großkreises oder auch der schnellste Weg, das Kap zu erreichen, führt zunächst südwärts und dann in einem weichen Bogen über 5130 Seemeilen nach Osten. Wenn wir unsere Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa fünf Knoten halten können, dann dürften wir Kap Hoorn in der ersten Januarwoche erreichen. Aber wer weiß? Natürlich könnten wir im Süden etwas mehr Fahrt aufnehmen und das Kap doch ein bisschen schneller erreichen.
Das klingt so weit eigentlich nach einer leichten Aufgabe. Doch da sind noch ein paar ärgerliche Inseln und Riffe, die unseren Kurs säumen! Und der Wind macht den ganzen Spaß rund: Er lässt uns natürlich niemals dorthin segeln, wohin wir gerade segeln wollen!
Ich verabschiede mich für heute mit einer Entschuldigung für meinen kleinen Vortrag. Könnte es sein, dass ich euch nun alle komplett verwirrt habe?
Das war’s von mir heute Nacht. Parker ist gerade ein wenig vom Kurs abgekommen, denn der Wind hat etwas nachgelassen. Also bringe ich uns jetzt mal lieber wieder auf den richtigen Kurs. Danach werde ich vor einer schweren Entscheidung stehen: Öffne ich eine weitere Dose mit Mangos oder nicht?
PS: Danke für die vielen fröhlichen Grüße zum Erntedankfest aus Amerika!
Jessica Watsons
Video-Tagebuch – Tag 41
JW
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Samstag, 28. November 2009
Ein neuer Tag
Es ist ein weitgehend gewöhnlicher Tag hier draußen. Wir fliegen immer noch rasant voran. Hat jemand einen Tipp, wie wir Radarfallen umgehen können? Ein paar Schauerböen haben mich auf Trab gehalten: Reff rein, Reff raus. Ich habe die Zeit genutzt, um versäumten Schlaf nachzuholen. Ein passierendes Schiff hat mich letzte Nacht wach gehalten. Dazu kamen einige kleinere Gewitter.
Ich bin nicht ganz sicher, wie ich das jetzt formulieren soll, aber viele Leute haben nachgefragt und deswegen hier die Antwort: Ja, ich schreibe meine Blogs (und mein Buch!) selbst! Es wäre für mich völlig undenkbar, jemand anderen unter meinem Namen schreiben zu lassen. Oder könnt ihr euch vorstellen, dass eure Mutter oder sonst wer eure Gefühle der ganzen Welt in eurem Namen beschreibt? Eine scheußliche Vorstellung! Vielleicht sind das aber auch nur die Befindlichkeiten eines Teenagers? Ich muss allerdings zugeben, dass meine Berichte eine Rechtschreibüberprüfung durchlaufen, bevor sie veröffentlicht werden. Meine Rechtschreibung ist ja berüchtigt!
Und weil ich nun schon einmal mit den Bekenntnissen angefangen habe, kommt hier gleich noch eines, für das ich mich schon vorab entschuldige: Ich schreibe nicht nur, um eure Neugier zu befriedigen, sondern weil ich es liebe!
Ach ja, die Dose mit Mangos habe ich übrigens geöffnet. Und danach gleich noch einige hinterher. Dazu habe ich mir die perfekte Ausrede zurechtgelegt: Mangos sind schließlich tropische Früchte und sollten deswegen auch gegessen werden, solange wir noch in tropischen Gewässern segeln. Für die kälteren Etappen warten andere Leckereien in ihren Verstecken auf mich.
Zu Hause amüsieren sich heute alle bei der traditionellen Weihnachtslichterparade. Ich bin ein bisschen neidisch, aber ich bin immer noch am liebsten an Bord von ELLA’S PINK LADY. Ich denke, ich werde mir heute noch einen schönen Kinoabend mit viel Popcorn und Schokolade gönnen. In jedem Fall würden die funkelnden Sterne über mir in jedem Lichterwettbewerb den ersten Platz belegen!
Nein, ich bin von den Mangomengen nicht krank geworden. Abgesehen von gelegentlichen Kopfschmerzen und dem einen oder anderen melancholischen Tag, ging es mir großartig. Die Kopfschmerzen wurden vermutlich teilweise von der Hitze und teilweise von meinen unregelmäßigen Schlafgewohnheiten verursacht.
Wir lebten im Hier und Jetzt der Bordzeit auf ELLA’S PINK LADY. Wenn es nicht die regelmäßigen Funkgespräche zu fest vereinbarten Zeiten gegeben hätte, hätte ich die gesamte Bordroutine komplett auf den Kopf gestellt. Diese Termine gaben mir eine Art Rahmen. Ich musste die Gespräche führen. Wenn ich eines verpasste, dann bekam ich das schnell zu spüren. Ich weiß ja, dass sich daheim alle um meine Sicherheit sorgten, aber ich habe schon vorher erzählt, dass ich manchmal einfach nur allein sein wollte.
Das klingt sicher seltsam, denn ich war ja allein. Aber die vielen Fragen danach, was ich aß, wie ich schlief, ob ich die Ausrüstung überprüft hatte oder ähnliche gingen mir manchmal auf die Nerven. Natürlich wollten Mum und Dad alles wissen, was ich tat. Ich aber wollte viel lieber darüber sprechen, was zu Hause los war und wie es Tom, Emily, Hannah und meinen Freunden ging. Manchmal ärgerten mich die Gespräche so sehr, dass ich ihre Fragen nur mürrisch und kurz angebunden beantwortete.
Montag, 30. November 2009
Der Wind nimmt zu
Der Tag begann mit einer vorbeiziehenden Gewitterfront, die mich äußerst nass weckte. Während ich ein Reff einzog, bemühte ich mich, die Szene mit der Kamera einzufangen. Nach der ersten Welle war ich bereits hellwach, doch irgendjemand schien Zweifel daran zu haben … Man stelle sich nur vor, dass manche Menschen ihren Tag mit einer ruhigen Tasse Kaffee beginnen!
Wie so oft hatte auch diese Gewitterwolke lauter gebellt als wirklich gebissen. Sie hatte so dramatisch ausgesehen, als sie so groß, so dunkel und so unglaublich bedrohlich näher kam. Doch zu mehr als 30 Knoten und ein bisschen Regen hat es nicht gereicht. Allerdings war ich ein wenig erstaunt darüber, wie schnell sich auf dem Schwell eine hackige Kreuzsee aufbaute. Seitdem ist es bewölkt und nieselig. Aber immerhin hat sich der Wind heute Nachmittag auf 18 Knoten gesteigert. ELLA’S PINK LADY läuft hart am Wind – normales Leben hier draußen. Ich verbringe die Zeit mit Lesen, ein paar Schularbeiten oder wieder einmal an meinem Lieblingsplatz hinter dem Dodger, wo mir Wind und Gischt ins Gesicht fegen und ich sehen kann, wie gut wir vorankommen. Das wird mich nie langweilen!
Heute habe ich die Karten für Französisch-Polynesien ausgepackt und mir eingeprägt, was demnächst auf uns zukommt. Außerdem habe ich über anstehende Arbeiten nachgedacht, die erledigt werden wollen, bevor wir das Südpolarmeer erreichen. In Sachen Kochen war ich zuletzt ein wenig faul, habe meistens nur eine Easyfood-Mahlzeit erhitzt oder ein paar Cracker gegessen. Ich sollte es vielleicht nicht zugeben (weil ich damit meinen Ruf ruiniere), aber ich habe mich sogar daran gewöhnt, diese Zwei-Minuten-Nudeln zu essen, wenn mir gar nicht nach Kochen zumute ist.
Dienstag, 1. Dezember 2009
Kühleres Wetter, Müll und eine neue Provianttasche
Wir kommen immer noch gut voran, doch die wichtigste Nachricht des heutigen Tages kommt aus der Kajüte: Ich habe erstmals seit Wochen einen meiner kleinen Hella-Kabinenventilatoren ausgeschaltet! Zwei kleine Ventilatoren klingen vielleicht nicht nach einer großen Story, aber glaubt mir: Sie waren für mich zuletzt wertvoll wie eine Rettungsleine, liefen ununterbrochen und halfen mir dabei, auch unter Deck einen kühlen Kopf zu bewahren. Vielleicht freue ich mich zu früh, aber ich habe das Gefühl, dass die Temperaturen seit einigen Tagen langsam fallen. Ihr könnt sicher sein, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis ich mich über die Kälte beschwere!
Es geht hier draußen immer noch recht stürmisch zu. Die Gewitter hinterlassen jedes Mal ihre lästige kurze Kreuzsee und scheinen sich über alles lustig zu machen, was ich Schlafroutine nenne. Ich habe heute Nachmittag mehrere kurze Nickerchen gemacht, um den verlorenen Schlaf wieder aufzuholen. ELLA’S PINK LADY kommt weiter gut in Richtung Süden voran. Morgen werden wir irgendwann wenden, um auch in östlicher Richtung Boden gutzumachen. Wir haben heute die Datumslinie überquert und die Ortszeit auf minus zwölf Stunden eingestellt. Für mich macht das kaum einen Unterschied. Ich bewege mich derzeit weiterhin in Queensland-Zeit!
Zu meinen kleinen Jobs zählte heute der allwöchentliche Versuch, meinen Müll zu komprimieren und in kleinstmöglicher Form im Vorschiff zu verstauen. Alle biologisch abbaubaren Dinge wandern über Bord. Die übrigen Dinge, zumeist Verpackungsmüll, wasche ich nötigenfalls aus und verstaue sie bis zu meiner Rückkehr.
In meiner aktuellen Provianttasche befanden sich nur noch ein Paket gebackene Bohnen und eine Tüte mit Bananenchips. Weil diese Kombination kein leckeres Abendessen versprach, öffnete ich die nächste Tasche. Sie offenbarte eine ganze Reihe Köstlichkeiten und sogar ein Geschenk von meiner Oma!
Rückblickend ist für mich der chronische Schlafmangel einer der härtesten Aspekte des Einhandsegelns. Man muss sich den Schlaf nehmen, wenn es passt. Es ist überlebenswichtig, mit immer wieder unterbrochenen Schlafeinheiten zurechtzukommen. Ich weiß wirklich zu würdigen, was Mütter mit kleinen Babys erdulden und was meine eigene Mutter mit vier Kindern durchgemacht hat. Und jüngste Forschungen haben es offiziell bestätigt: Teenager schlafen gern aus! Maritime Queensland hatte uns nach der Kollision mit der SILVER YANG dafür kritisiert, dass wir keinen Plan für den Umgang mit Erschöpfungszuständen entwickelt hatten. Wir hatten viel Zeit und Arbeit in die Beantwortung der Frage gesteckt, wie ich mit dem unregelmäßigen Schlaf umgehen sollte, der Teil jedes Einhandtörns ist. Weil wir unsere Gedanken und Pläne aber nicht schriftlich festgehalten hatten, stuften uns die Behörden in diesem Bereich als »nicht genügend vorbereitet« ein. Sie ermutigten uns, alle Informationen aufzuschreiben und ein entsprechendes Dokument zu entwickeln. Meine Tante Vivienne (die Schwester meiner Mutter) verbrachte die letzten Wochen vor meiner Abreise mit uns in Sydney und hatte angeboten, einen passenden Schlafmanagementplan für mich auszuarbeiten. Ich bin sehr stolz auf das umfangreiche, aufwendig recherchierte und übersichtlich gegliederte Dokument, das ich seitdem an Bord habe. Ich bin meines Erachtens die erste Einhandseglerin, die dieses schriftliche Dokument wirklich mit sich an Bord führt.
Mittwoch, 2. Dezember 2009
In aller Kürze
Ich will euch nur schnell auf den neuesten Stand bringen. Hinter uns liegt ein weiterer wolkenverhangener Tag. Die Nacht hat ein bisschen rumpelig begonnen, denn der Wind hat auf 30 Knoten zugenommen, und die Wellen steigen steil empor, weil wir gerade flachere Gewässer passieren. Der Wind hat oft gedreht. Jedes Mal, wenn ich meinen Kopf für eine kurze Schlafpause ins Kissen drücken möchte, scheint irgendetwas zu passieren, und ich muss zurück an Deck. Wie schade, dass Parker nicht auch Segel trimmen und navigieren kann! Aber ich kann mich nicht beklagen, denn wir kommen immer noch gut in Richtung Süden voran.
Gerade haben sich die Wolken ein wenig gelichtet. Das Mondlicht scheint auf die aufgewühlte See und lässt sie wie wild zusammengeknüllte Alufolie aussehen. Nur, dass die See intensiver leuchtet und sich bewegt!
Samstag, 5. Dezember 2009
Viel besser geht es nicht!
Die aufgewühlte See und die gewittrigen Bedingungen haben uns noch ein paar Tage begleitet, doch heute haben sich die Wolken und die Sturmböen restlos verabschiedet. ELLA’S PINK LADY fliegt in den traumhaften Passatwinden nur so übers Meer. Die Passatwinde wehen grundsätzlich und überaus beständig von Osten nach Westen zum Äquator hin. Was die Bücher oftmals nicht erwähnen, sind der beglückende Sonnenschein, das herrliche Segeln in konstanter Brise und das unglaublich blau leuchtende Wasser mit seinen kleinen weißen Schaumkronen. Vielleicht bin ich auch nur gerade besonders guter Laune und sehe alles durch die rosarote Brille. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Segeln noch wesentlich schöner sein könnte.
Es war lustig zu lesen, wie einige meiner Kommentare, etwa der über die rosarote Brille, aufgenommen und von vielen Leuten zitiert wurden, die den Blog lasen. Es erstaunte mich immer wieder, dass die Leute meine Berichte lasen. Noch mehr wunderte es mich, dass sie meine auf positiven Gedanken aufbauende Strategie übernahmen und auf ihr eigenes Leben übertrugen. So lächerlich es auch klingen mag: Ich glaube an rosarote Brillen! Ich habe auf See gelernt, dass es nur sehr wenige Situationen gibt, die man nicht umdrehen kann. Man kann Situationen positiver wahrnehmen und als weniger bedrohlich empfinden, wenn man sie nur aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Natürlich hatte auch ich meine trüben und selbstmitleidigen Momente, wenn ich Angst hatte oder traurig war. Aber ich habe begriffen, dass es an mir lag, wie ich mich fühlte (jemanden anderen gab es ja auch nicht). Also rückte ich mir den Kopf bei Bedarf selbst gerade.
Auf der anderen Seite sind die südöstlichen Passatwinde auch ein Ärgernis, denn Südost ist genau die Richtung, in die wir gern segeln würden. Wir haben bislang große Fortschritte in Richtung Süden gemacht, jedoch keinerlei in Richtung Osten. Zurzeit ist das noch kein Anlass zur Sorge. Je weiter südlich wir segeln, je mehr wird der Wind in sich zusammenfallen und dann vermutlich aus jeder Richtung ein bisschen wehen (diese Gegend nennt man Subtropen). Erst wenn wir uns den Brüllenden Vierzigern nähern, wird der Wind konstanter aus dem Westen kommen. Bobs Vorhersage verspricht uns eine weitere Woche in diesen Windbedingungen, bevor wir auf einen etwas direkteren Kurs mit Ziel Kap Hoorn gehen können.
Inzwischen haben wir übrigens Französisch-Polynesien passiert. Dank der vorherrschenden Winde konnten wir die meisten Inseln und Riffe gut umschiffen. Abgesehen von ein paar weiteren kleinen Inseln, liegt nun zwischen uns und Kap Hoorn nur noch die offene See – und davon 4380 Seemeilen!
Ach ja, da ist noch etwas, das vermutlich viele von euch interessiert: Nein, ich habe das Pink noch nicht satt! Die Farbe bereitet mir immer noch viel Freude. Sie hat sich als gute Wahl für die Tropen entpuppt, hat die Kajüte recht kühl gehalten und sich als angenehmer Kontrast zu den Blau- und Grautönen erwiesen, die das Bild hier draußen dominieren. Aber noch stehen uns ja viele Monate bevor. Ich werde euch natürlich auch weiterhin auf dem Laufenden halten, wie es mir künftig mit dem Pink ergeht!
Jetzt muss ich los und mein aktuelles Easyfood-Lieblingsgericht (Bœuf Stroganoff) für ein frühes Abendessen vorbereiten. Nachdem ich mir gestern erfolgreich einige Scones gebacken habe, werde ich es heute eventuell noch einmal probieren. Vielleicht dieses Mal eine Käsevariante …
Sonntag, 6. Dezember 2009
Ein ruhiger Sonntag
Heute war ein schöner, aber recht ereignisloser Tag. Es klingt sicher komisch, wenn ich es hier draußen und so weit weg von Land und zu Hause sage, aber es kam mir wirklich wie ein typischer Sonntag vor!
ELLA’S PINK LADY fliegt weiter in Richtung Süden, und es wird jetzt immer kälter. Als ich heute Abend draußen in der frischen Brise saß, musste ich mir doch tatsächlich einen Pullover überziehen. Es ist noch nicht wirklich kalt; die Lufttemperatur beträgt 28 Grad (ich habe in der Kajüte 38 Grad gemessen, als wir die Weihnachtsinsel passierten). Mich hat heute vielmehr die Veränderung der Wassertemperatur überrascht, die von 26 °C am Morgen binnen weniger Stunden auf 24,5 °C gefallen war. Im Vergleich zu den 30 °C, die wir lange genossen haben, fröstelte es mich bei der Katzenwäsche am späten Nachmittag ein wenig – brrrr!
Während sich das Meer glättete, habe ich einen klassischen Sonntag auf See verbracht: Ich gönnte mir ein paar Extraeinheiten Schlaf und bewegte mich auch sonst möglichst wenig. Ich habe mich fast den ganzen Tag in einem Buch vergraben. Es war genau, was ich brauchte: einmal einen Tag lang abschalten. Es tat so gut, meinen Gedanken einmal freien Lauf zu lassen. Jetzt fühle ich mich wie neu aufgeladen und bin bereit für die nächste Woche.
Mittwoch, 9. Dezember 2009
Bereit für mehr Wind!
Ich war in den vergangenen Tagen recht fleißig und habe einige Jobs und dringend notwendige Wartungsarbeiten erledigt, bevor wir zu weit in den Süden vordringen. Dabei flogen wir in hervorragenden Segelbedingungen weiter voran. Meine wichtigste Arbeit bestand in der Installation eines Sicherheitsgurtes für meine Crew – die Kuscheltiere!
Die Kajüte habe ich komplett neu arrangiert, alle beweglichen Gegenstände gesichert. Die Leichtwindsegel habe ich ganz unten in den Segelhaufen gepackt, sie werden zukünftig durch Sturmsegel ersetzt. Ich habe alle meine warmen Klamotten ausgepackt und das Ölzeug so aufgehängt, dass ich schnell herankommen würde. Ich hatte mich ein wenig davor gefürchtet, das Vorschiff aufzuräumen, denn das war inzwischen zur Müllhalde mutiert. Es erinnerte mich ein wenig an zu Hause, wo ich meinen Müll immer unter mein Bett geschoben habe. Die Aktion stellte sich dann aber doch als Spaß heraus, denn ich entdeckte alle möglichen Dinge, deren Existenz ich längst vergessen hatte, darunter auch meine Weihnachtsgeschenke! Aber macht euch keine Sorgen, ich habe der Versuchung widerstanden und sie für das Weihnachtsfest aufgehoben.
Meine Aufräumaktion erwies sich als gutes Timing, denn schon morgen sollen wir es mit Schwerwetter zu tun bekommen. Obwohl der Wind heute noch recht moderat war, rollen die Wolken schon langsam heran. Der Wind soll sehr bald zunehmen. Es sieht so aus, als müssten wir uns für morgen auf einen ziemlich holprigen Ritt gefasst machen. Ihr dürft mich gern für verrückt erklären, aber für mich kam diese Nachricht einer Erleichterung gleich. Endlich würden ELLA’S PINK LADY und ich es mit raueren Bedingungen zu tun bekommen! Damit würde die Ungewissheit enden, die mich so lange unter Spannung gehalten hat!
Ich bin ein kleines bisschen nervös, aber vor allem aufgeregt. Ich weiß, dass ich uns so gut wie möglich vorbereitet habe.
Das war es für heute von von mir. Ich verabschiede mich und freue mich auf eine leckere Mahlzeit, bevor ich versuchen werde, so viel Schlaf wie möglich zu bekommen, solange die Bedingungen noch vergleichsweise gut sind.
Jessica Watsons
Videotagebuch – Tag 53
JW
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Freitag, 11. Dezember 2009
Bananenmuffins und große Erwartungen
In den letzten paar Tagen hat sich der Himmel über uns und der sich aufbauenden See verdunkelt, er sah fast etwas gespenstisch aus. Der Wind nahm für eine Weile zu, sollte laut Wettervorhersage sogar die 40-Knoten-Marke überschreiten. Wir waren zum Kampf bereit, doch es sieht so aus, als hätten wir die Action in diesem Fall verpasst. Wir sind knapp an der sogenannten »Squash-Zone« vorbeigesegelt. So nennt sich das Zentrum, in dem zwei Wettersysteme aufeinanderprallen.
Es gibt ja immer ein nächstes Mal. Ich jedenfalls kann bei meinem Blick in den Süden keinen Mangel an starken Winden entdecken. Nennen wir diese Begegnung also einen Testlauf.
Mein liebster Zeitvertreib ist neuerdings das Stehen im Niedergang unter dem Dodger. Dort bin ich vor dem Wind geschützt und schaue der Welt dabei zu, wie sie an uns vorüberzieht. Man könnte wohl sagen, dass ich mich an den kleinen Dingen erfreue. Ich finde es immer noch faszinierend, jeder Welle dabei zuzusehen, wie sie unter ELLA’S PINK LADYS Rumpf hindurchrollt. Hin und wieder allerdings geht auch eine von ihnen übers Deck …
Der Himmel hatte zuletzt nichts Besonderes zu bieten, zeigte sich bewölkt und schickte uns Regen, der eine ziemlich schlechte Sicht verursachte. Aber in einer ganz eigenen Art sind solche Tage genauso spektakulär wie einer dieser atemberaubend wolkenlosen Tage.
Inzwischen freue ich mich richtig darauf, wenn ich in meinen Schlafsack kriechen kann. Das Herauskommen dagegen gleicht schon eher einer Herausforderung. Heute habe ich mir sogar zum ersten Mal einen Faserpelz angezogen. Vermutlich habe ich damit überreagiert, denn die Temperatur beträgt immer noch etwa 20 Grad. Aber zurzeit ist das kühlere Wetter doch neu für uns.
Ich bin bester Stimmung, dachte allerdings heute Morgen kurz darüber nach, wie schön es wohl wäre, wenn ich jetzt ein paar Tage freinehmen könnte, um über etwas anderes nachdenken zu dürfen als das Segeln und meine Wache für eine Weile zu verlassen. Natürlich ist das nur Wunschdenken. Aber am Ende gehört sogar das zur Herausforderung.
Außerdem habe ich heute früh eine Entdeckung gemacht, die zu meiner neuen Lieblingsspeise aufsteigen könnte: heiße Vanillesoße zum Frühstück! Und da wir gerade über Essen reden: Um einige der Bananenchips loszuwerden, die meine Mutter mir eingepackt haben muss (vermutlich in der Hoffnung, ich würde sie vielleicht doch irgendwann mögen!), habe ich heute Nachmittag Bananenmuffins gebacken. Alle Anwesenden haben sie für perfekt erklärt! Sie müssen ziemlich gut gewesen sein, denn ich esse gerade den letzten.
Eine Nonstop-Weltumseglung wie diese hier zu unternehmen bedeutet vor allem eines: Du hast niemals wirklich frei. Du kannst weder das Wetter noch das Boot jemals aus den Augen lassen. So entschlossen, wie ich die Reise ins Visier genommen habe, so unbarmherzig war sie manchmal. Obwohl ich sie die meiste Zeit genossen habe, hätte ich manchmal töten können, um einfach das Wort »Auszeit« sagen zu dürfen, mich gehen zu lassen, meine Freunde zu treffen oder den letzten Barometerstand einfach ignorieren zu dürfen.
Während der Zeit auf See konnte ich niemals richtig entspannen. Mich in einem Buch zu verlieren war echt schwierig, wenn ich doch alle paar Minuten meinen Kopf aus der Luke stecken musste, um Ausschau zu halten. Kennt ihr den Spruch »Es ist ein Marathon und kein Sprint«? Genau der bringt das Einhandsegeln über lange Distanzen perfekt auf den Punkt!
Sonntag, 13. Dezember 2009
Glücklich und gar nicht allein!
Zum ersten Mal seit Wochen habe ich heute etwas anderes von Menschenhand Erschaffenes gesehen als ELLA’S PINK LADY – einen Tusch, bitte! Als wir heute früh für eine Weile in einem Flautenloch festsaßen, trieb ein kleines weißes Stück Plastik an uns vorbei. Das war eigentlich nichts Besonderes, führte mir aber vor Augen, wie weit weg von allem wir uns befanden. Jede weitere Seemeile führte uns weiter hinaus in die endlos leere Weite des Ozeans. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, sich hunderte Seemeilen entfernt von jeglicher Zivilisation zu befinden. Zwei Monate sind nun schon vergangen, seit ich zum letzten Mal einen anderen Menschen gesehen habe. Natürlich habe ich andere Boote gesehen, doch keinem davon kamen wir nahe genug, um die Crew wirklich zu erkennen. Noch merkwürdiger ist es, dass ich mich hier draußen trotz allem nicht einsam fühle. Heimweh habe ich schon manchmal. Und ich vermisse alle, seit ich Sydney verlassen habe. Aber ich bin nicht einsam. Einsam ist man, wenn man am Freitagabend daheim sitzt, keine Pläne hat und sich selbst bemitleidet.
Der Unterschied besteht wohl darin, dass ich mir meine Reise selbst ausgesucht hatte. Aus irgendeinem merkwürdigen Grund hatte ich mich dazu entschlossen, meine Zeit auf einem kleinen Boot mitten im Meer zu verbringen. Vielleicht kann das Lexikon es besser ausdrücken als ich (stimmt, ich zitiere jetzt): »Einsam: das deprimierende Gefühl allein zu sein.« Ich bin vermutlich physisch so allein, wie man nur allein sein kann, aber ich bin darüber nicht deprimiert. Wie könnte ich angesichts der vielen Menschen, die überall auf der Welt an mich denken, die über mich reden (ich muss schon wieder niesen!) oder sogar heftig darüber diskutieren, ob ich überhaupt hier draußen sein sollte oder nicht, jemals einsam sein? Meine Familie und meine Freunde warten zu Hause auf mich. Da ist einsam wirklich nicht das richtige Wort. Tatsächlich fühle ich mich wie das glücklichste Mädchen der Welt!
Nach vier Tagen ohne Sonnenschein wurden wir heute von einem leicht blauen Himmel überrascht. Ich hatte gar nicht bemerkt, wie sehr er mir gefehlt hat. Unser Leben zu Hause an der Sunshine Coast brachte oft endlose Schönwetterperioden mit sich. Also liebte ich daheim auch die Regentage und bewölkte Himmel, weil sie die Monotonie unterbrachen. Hier draußen aber zaubert mir nichts schneller ein Lächeln ins Gesicht als ein bisschen Sonnenschein. Heute Nacht konnte ich sogar ein paar Sterne sehen. Wie verwöhnt bin ich wohl?
Abgesehen von dem Windloch heute Morgen, das ELLA’S PINK LADY und mich etwas unangenehm über die Wellen schaukeln lässt, haben wir inzwischen auch eine gute Distanz in Richtung Osten absolviert. Wir mühen uns jeden Tag ein wenig voran!
Montag, 14. Dezmber 2009
Was für ein Sonnenuntergang!
Der Tag verlief ganz normal, der Wind blies gerade eben genug, um uns in ruhiger See mit fünf Knoten Geschwindigkeit ein wenig voranzubringen.
Nur der Sonnenuntergang heute Abend war alles andere als normal. Er war atemberaubend! Anfangs sah es nur wie ein typischer Sonnenuntergang aus, doch als die Sonne dann verschwand, wurden die Farben prächtiger und prächtiger.
Ich schicke heute nur eine kurze Nachricht, denn mein Magen verlangt dringend nach Nahrung!
Ein fantastischer Sonnenuntergang oder auch ein Sonnenaufgang war immer dazu geeignet, mich glücklich machen. Insbesondere dann, wenn wir gerade ein paar düstere Tage hinter uns hatten. Die verschiedenen Farben, die dann über den Himmel wandern, sind einfach faszinierend: Da sind Pinktöne, Blau in allen Schattierungen, die tintenfarbenen Indigos und natürlich Lila.
Wenn ich nachts einen roten Himmel sah, dann konnte ich nicht anders, als einen alten Seglerspruch zu rezitieren:
»Roter Himmel bei Nacht, des Seglers Stimmung lacht –
Roter Himmel am Morgen, Segler mach dir Sorgen!«
Auch wenn Bobs Vorhersage ganz anders klang, erinnerte mich dieser Spruch stets daran, dass die Farbe des Himmels einiges über das bevorstehende Wetter aussagen kann. Wo der Spruch herkommt? Ich habe ein wenig im Internet recherchiert, und fand es faszinierend herauszufinden, dass er offensichtlich bis ins biblische Zeitalter zurückreicht. Damals hatten sie noch keine Leute wie Bob. Also hatten die Segler – und die Schäfer (den Spruch gibt es auch in ihrer Variante!) – gelernt, Veränderungen um sich herum zu interpretieren. Sie achteten auf äußere Anzeichen wie die Farben des Himmels oder die Windrichtungen und prägten sich das Wetter ein, das dann folgte. Aus meiner Sicht macht das Sinn. Ich denke gern an die Segler von früher, Menschen wie Joshua Slocum, die den Himmel genauso betrachteten, wie ich es tat, während sie um die Welt segelten. Ich mag im Vergleich zu ihm in engerem Kontakt mit der Heimat gestanden haben, doch wenn es stürmte, die See sich auftürmte und ich nur noch den endlosen Ozean und den ebenso endlosen Himmel miteinander verschmelzen sah, dann müssen unsere Gedanken daran, nur ein kleiner Teil von etwas viel Größerem zu sein, doch sehr ähnlich gewesen sein. Slocum schrieb in seinem Buch »Allein um die Welt«: »Wieder einmal befand ich mich abgeschieden auf See, in einer Einsamkeit, die alles andere überragte.«
Viele Menschen empfinden den Gedanken an Einsamkeit über einen längeren Zeitraum als beängstigend. Mich hat das nie abgeschreckt. Natürlich gab es Zeiten, in denen ich um Gesellschaft gefleht und mir nichts sehnlicher gewünscht habe als eine Umarmung. Aber die meiste Zeit über ist die Einsamkeit, über die Slocum schrieb, eines der Dinge, die ich am Segeln besonders liebe. Ich habe es zuvor schon gesagt: Wenn ich segle, dann dreht sich die Welt langsamer. Wenn ich es zulasse, dann geht es nur um den Moment. Alles wird dann ganz einfach.
Donnerstag, 17. Dezember 2009
Rauf auf den Mast und rein in die Brüllenden Vierziger
Gestern hatten wir einen schönen ruhigen Tag. Also entschied ich mich, in den Mast zu klettern. Ich nahm das Großsegel herunter, schaltete den elektrischen Autopiloten ein, setzte meinen depperten Helm auf und kletterte hoch. ELLA’S PINK LADY hat nicht gerade den höchsten Mast, und Wellen gab es auch kaum. Trotzdem konnte ich unsere rollenden Bewegungen da oben deutlich spüren!
Es war wichtig, sich nach so langer Zeit auf See und vor dem Einsetzen rauerer Bedingungen da oben im Masttopp einmal genau umzusehen. Ich bin zufrieden, denn alles scheint noch in perfektem Zustand zu sein. Die Aussicht war großartig, und ich fand es cool, ELLA’S PINK LADY einmal aus anderer Perspektive zu beobachten. Wenn ich das so sagen darf: Was für ein entzückendes Boot!
Am interessantesten aber war der Rückweg: Ich habe es nicht geschafft, mich sanft herunterzulassen – aua!
Es war natürlich typisch, dass der Wind, der uns den ganzen Morgen eine beständige leichte Brise beschert hatte, ausgerechnet in der Zeit drehte, als ich oben im Mast hing. Er kam plötzlich aus der Richtung, in die wir segelten und zerrte ein wenig an uns herum. Glücklicherweise hatte ich meine Fernbedienung (ein Gerät zur Kontrolle des Hauptautopiloten, das Informationen wie unseren Kurs, die Windstärke und Weiteres anzeigt) dabei und konnte uns mit ihrer Hilfe wieder auf einen besseren Kurs bringen.
Es war keine dramatische Situation, denn der Wind wehte nur schwach. Schlimmer wäre es gewesen, den Weg nach unten bei viel Wind antreten zu müssen. So aber war ich hingerissen von der Tatsache, dass ich nun da oben um den Mast herumschwang und ELLA’S PINK LADY wie ein ferngesteuertes Auto segelte. Einfach verblüffend!
Ich habe erst gestern Morgen bemerkt, dass ich mein Abenteuer im Mast doch nicht gänzlich unbeschadet überstanden hatte. Ich fühle mich ein wenig steif und bin von blauen Flecken übersät. Ansonsten aber ist alles gut.
Im Alter von zwölf Jahren bin ich zum ersten Mal in den Mast einer Yacht geklettert. Damals war ich ziemlich ängstlich. Es geschah am gleichen Tag, an dem ich eine weitere Premiere erlebte: mein erstes Hochseerennen. Ich absolvierte an dem Tag eine wichtige Lehrstunde für den Rest meines Lebens: Lass niemals das Fall (die Leine, die zum Hochziehen oder Runterlassen der Segel benutzt wird) los! Denn wer es beim Befestigen am Segel oben im Mast loslässt, wird immer auch derjenige sein, der wieder rauf muss, um es einzufangen (in diesem Fall ich).
Bei meinem ersten Mal war es relativ leicht, in den Mast zu klettern, weil ich in einem Bootsmannstuhl (eine Art Sitz in Trapezform) saß und von jemandem hinaufgezogen wurde. Ich war damals klein und fast immer die leichteste Seglerin an Bord. Ihr könnt euch also vorstellen, dass die Wahl fast immer auf mich fiel, wenn jemand in den Mast musste.
Natürlich gibt es beim Einhandsegeln niemanden, der einen in den Mast ziehen kann. Also ist die Aktion etwas komplizierter. Viele Leute haben kleine Stufen in den Mast gebaut und klinken sich auf ihrem Weg nach oben oder wieder nach unten auf verschiedenen Höhen jedes Mal neu ein. Ich hatte keine Stufen am Mast von ELLA’S PINK LADY befestigt, denn in ihnen könnte sich ein Fall oder ein Segel verfangen und Probleme verursachen, die ich lieber vermeiden wollte. Stattdessen nutzte ich eine Steigklemme (Grigri-System) und einen Sicherheitsgurt, um mich selbst hinaufzuziehen und mich anschließend wieder herunterzulassen.
Es war Bruce, der mir dieses System gezeigt hatte, als wir zusammen gesegelt sind. Ich konnte damit im riesigen Mast der BIG WAVE RIDER üben, während wir im Hafen lagen. Als ich das draufhatte, setzte ich mein Training auf See fort.
Ich lernte viel. Ist zum Beispiel ein Mastrutscher des Großsegels an der nach achtern zeigenden Seite des Mastes vorhanden, dann kann man sich dort einklinken, um zu verhindern, vom Mast weggeschleudert zu werden, wenn das Schiff ins Rollen kommt.
Das Ganze beweist wieder einmal, dass man nie wissen kann, wozu man fähig ist, wenn man sich von seiner Angst aufhalten lässt (so wie ich es beim ersten Mal fast getan hätte).
Wir sind zuletzt in 14 Knoten Wind gut vorangekommen. ELLA’S PINK LADY liebt Raumschotsbedingungen wie diese! Gestern sank unsere Geschwindigkeit kaum mal unter sechs Knoten. Auch ich liebe diese Art des Segelns, denn die Bewegungen des Bootes und seine Krängung halten sich in angenehmen Grenzen. Ich empfinde es als Geschenk, wenn ich mich nicht wie eine Spinne mit Armen und Beinen gleichzeitig bewegen und abstützen muss, um nicht umhergeschleudert zu werden.
Gestern haben wir die Vierziger-Breitengrade erreicht. Der Wind begann nicht gleich zu brüllen. Ich bin aber sicher, dass er es später noch tun wird. Heute ist ein durchschnittlicher Tag. Nicht durchschnittlich im negativen Sinn, denn jeder Tag ist großartig. Es gibt nur nichts Neues oder Ungewöhnliches zu berichten.
Ich habe heute meine gesamte Weihnachtsmusik hervorgekramt (meine Favoriten sind »Snoopy zu Weihnachten« und »Weihnachten mit den Wiggles«). Ich habe sehr laut und sehr, sehr schlecht mitgesungen!
Die Brüllenden Vierziger sind auch so ein Ausdruck, der automatisch Bilder von riesigen Wellen und wilden Stürmen vor meinem geistigen Auge auftauchen lässt. Die Gewässer zwischen dem 40. und dem 50. Breitengrad Süd tragen diesen Namen. Ich habe endlos über dieses Revier gelesen und konnte kaum glauben, dass ich es nun selbst erleben sollte. Ich war mit Blick auf diesen Teil der Reise ein wenig nervös, denn ich wusste, dass die Stürme sich hier blitzschnell aufbauen können. Obwohl ich mich selbst zur Ruhe mahnte, mir die Vorstellung von möglichen Schreckensszenarien versagte und mich bemühte, nur für den Moment zu leben, konnte ich nicht anders, als an Francis Chichesters legendäre Worte zu denken: »Keine zehn Pferde könnten mich mehr in einem kleinen Boot rund Kap Hoorn und in dieses unheilvolle Südpolarmeer bringen. Seine dunklen Wellenbrecher und die schreienden Winde haben etwas Albtraumartiges; ich fühlte mich dort so hilflos, bevor ich die Kraft der Wellen zu spüren bekam, die über mich hinwegrollten.«
Dieses Gefühl der Hilflosigkeit war mir zum Glück fremd; ich war lediglich etwas nervös. Was ich jedoch schnell begriff, war, dass die Fantasie mein schlimmster Feind war. Wenn es mir gelang, nur im Hier und Jetzt zu agieren, dann ging es mir gut … na ja, jedenfalls so gut, wie es dir in zwölf Meter hohen Wellen gehen kann.
Freitag, 18. Dezember 2009
Eine kurze Nachricht
Der heutige Tag war bewölkt, der Wind blies nur schwach. Aber wir sind mit dem Code Zero einigermaßen gut vorangekommen. Es ist das Segel, von dem ich nie gedacht hätte, dass wir es in diesen Breitengraden setzen würden!
Die Temperatur hat sich auf 17 °C abgekühlt. Für die nächsten Tage erwarte ich eine weitere Abkühlung auf etwa 12 °C.
Ich habe mich am Nachmittag mit einem kleinen elektrischen Problem beschäftigt. Der Batteriemonitor (ein Gerät, das mich über den Ladezustand der Batterien und alle Stromdetails informiert) hatte seinen Dienst eingestellt. Ich war sicher, dass er »tot« war und ich in Zukunft ohne ihn würde auskommen müssen. Doch nach Übermittlung einiger sehr detaillierter Informationen durch unseren scharfsinnigen Elektriker Neil in Kombination mit einem Nachmittag harter Arbeit kann ich stolz vermelden, dass ich diese Auseinandersetzung gewonnen habe! Ich kann nicht behaupten, dass ich angesichts der vielen kleinen komplizierten Teile mit diesem Erfolg gerechnet habe. Ihr hättet mich sehen sollen: Ich war überglücklich, nachdem ich die letzte Sicherung eingesetzt hatte und das Ding tatsächlich wieder funktionierte!
Das war’s von mir. Es ist kurz nach Mitternacht (Ortszeit), und ich bin überfällig für eine kleine Runde Schlaf.
Gute Nacht!
Montag, 21. Dezember 2009
Grau und neblig
Ich bin gerade erst hereingekommen, nachdem ich draußen mit einer Tasse heißer Schokolade in der Hand die Dämmerung beobachtet habe. Statt eines Sonnenuntergangs gab es heute nur dicke Wolken und schlechte Sicht, doch der leichte Nieselregen und die hohen rollenden grauen Wogen sind genauso anmutig wie jeder Sonnenuntergang.
Ich habe einige Vögel beobachtet. Ich liebe es, ihnen dabei zuzusehen, wie sie tief über die Wellen und um ELLA’S PINK LADY herumfliegen, und ärgere mich ziemlich über mich selbst, weil ich kein Bestimmungsbuch für Vögel mitgenommen habe. Ich denke, dass die meisten von ihnen Sturmvögel sind, und habe heute Morgen meinen ersten Albatros auf dieser Reise entdeckt.
Es war alles in allem ein recht ereignisloser Tag, also habe ich unter Deck aufgeräumt und die Kajüte mit ein wenig Weihnachtsdekoration geschmückt. Wir kommen weiter mit guter Geschwindigkeit voran, doch das Boot rollte recht heftig. Das Segeln vor dem Wind zählt nicht gerade zu den Stärken von ELLA’S PINK LADY. Aber ich werde mich an das Rollen gewöhnen müssen, denn wir werden den größten Teil der noch vor uns liegenden Reise vor dem Wind segeln – und es wird schnelles Vorwindsegeln sein!
Ich schätze, dass es noch 20 Tage dauert, bis wir Kap Hoorn erreichen. Noch vier Nächte bis Weihnachten!
Dienstag, 22. Dezember 2009
Nebel
Heute haben wir uns kaum fortbewegt. Es gab fast keinen Wind. Der Morgen war wieder bewölkt und diesig, doch am Nachmittag braute sich dann wirklich dicker Nebel zusammen. Es fühlt sich an, als hätte sich eine graue, feuchte Decke über die ganze Welt gelegt. Kurz bevor es dunkel wurde, war der Nebel so dick, dass ich kaum 50 Meter weit sehen konnte. Es war ein ziemlich ungewöhnliches Szenario. Eingebettet in absolute Stille, gruselte ich mich fast ein wenig. Ich habe hart an mir gearbeitet, damit meine Fantasie nicht mit mir durchgeht, aber es fühlt sich so unwirklich an, nahezu bewegungslos dazusitzen, während die hohen, langen Wellen unter uns hindurchrollen und wir von Nebel eingeschlossen sind. In der Dunkelheit werfen jetzt die Navigationslichter von ELLA’S PINK LADY rote und grüne Lichtkegel in den Nebel. Es ist echt wie eine Szene aus einem Kinofilm!
Ich schätze, dass ich das absolute Gegenteil dessen sehe, was die anderen zu Hause in der hektischen Vorweihnachtszeit beim Last-Minute-Shopping in strahlendem Sonnenschein und bei heißen Temperaturen erleben.
Heute hatte ich hin und wieder etwas Heimweh. Aber ich lasse nicht zu, dass es mich darin beeinträchtigt, jede einzelne Minute hier draußen zu schätzen. Ich habe mein Weihnachtsessen sorgfältig geplant und vorbereitet. Die leichten Winde halten mich sehr auf Trab, weil ich andauernd Parkers Kurs korrigieren muss. Es ist keine besonders schwierige Aufgabe. Normalerweise kann ich Parker sogar korrigieren, ohne an Deck zu gehen, indem ich einfach meine Hand hinausstrecke und die Leine zwischen Windanlage und Pinne etwas justiere. Doch die nicht enden wollenden Anpassungen sind ziemlich ermüdend, weil sie mir die Ruhezeiten rauben.
Es sind inzwischen weniger als 2300 Seemeilen bis Kap Hoorn. Trotz der zuletzt mühsamen Fortschritte kommen wir ihm langsam näher.
Wenn der Nebel sich nicht verzieht, dann werde auch ich so etwas wie weiße Weihnachten feiern!
Es gab einen Moment in all dem Nebel, in dem ich mich selbst ein wenig erschreckt habe. Ich hatte gerade die Musik ausgestellt, um den Geräuschen von ELLA’S PINK LADY zu lauschen und einen Blick auf die dichten Nebelschwaden um uns herum zu werfen, die uns wie dicke Decken umhüllten. Auf eine ganz seltsame Weise sah es wunderschön aus. Doch nach einer Weile bekam ich ein ungutes Gefühl. Ich konnte nicht sehen, was um uns herum geschah. Das gefiel mir nicht. Ich wusste ja, dass es da draußen außer uns niemanden gab. Doch diese Erkenntnis hielt mich nicht von der gruseligen Vorstellung ab, dass uns jemand oder etwas ganz nahe kam. Es war lächerlich, und es gelang mir mit einiger Willensanstrengung zum Glück auch, das Gefühl der Angst wieder abzuschütteln. Aber ich kann nicht behaupten, dass ich unglücklich war, als sich der Nebel endlich lichtete und ich die Wellen um uns herum wieder sehen konnte. Es war der typische Wellengang des Südpolarmeeres, der uns entgegenrollte. In den Tälern der etwa drei Meter hohen Wellen waren noch Reste des Nebels hängen geblieben. Sie sahen aus wie kleine Wolken zwischen lauter Berggipfeln und gaben mir merkwürdigerweise ein viel besseres Gefühl.
Es war hart, sich so weit entfernt von meiner Familie dem Weihnachtsfest zu nähern. Ich war immer noch genau an dem Ort, an dem ich sein wollte, doch die Emotionen überkamen mich trotzdem. Ich hatte mich so sehr in meinen Gefühlen und in mir selbst verstrickt, dass ich einige Anrufe bei meiner Mutter vergaß. Wir hatten schon eine ganze Weile nicht mehr miteinander gesprochen. Als wir dann endlich telefonierten, wurden wir beide ziemlich emotional. Ich sollte eigentlich ein egoistischer Teenager sein, doch ich erkannte, was für ein riesiges Geschenk meine Eltern mir mit ihrem Vertrauen in mich und meine Fähigkeiten gemacht hatten. Als ich merkte, wie sehr meine Mum zu kämpfen hatte, verlor auch ich die Fassung und bekam noch mehr Heimweh. Ich wollte nur noch meine Mutter umarmen. Danach sprach ich mit Hannah. Das machte es nur noch schlimmer. Hannah ist so lustig, und ich vermisste sie sehr. Als ich hörte, dass Tom seinen ersten Job bekommen hatte, war ich sehr stolz auf ihn und begann zu weinen, weil ich nicht da war, um es ihm selbst zu sagen. Zum Glück konnten sie meine Tränen nicht sehen. Sie wären entsetzt gewesen … Die Kombination aus Weihnachten und dem vielen Nebel hatte mich tatsächlich etwas weinerlich werden lassen. Also hängte ich noch mehr Weihnachtsdekoration auf, um gegen meine trübselige Stimmung anzukämpfen.
Donnerstag, 24. Dezember 2009
Weihnachten im Nirgendwo
Es ist immer noch neblig und grau hier draußen, doch wir sind in 15 Knoten Wind aus westlicher Richtung gut vorangekommen. Sowohl die Luft- als auch die Wassertemperatur sind noch einmal um ein paar Grade gefallen. Heute früh sind wir ziemlich genau über Point Nemo hinweggesegelt. Er bezeichnet den Punkt im Ozean, der am weitesten vom Land entfernt liegt. Man kann also durchaus sagen, dass ich Weihnachten im Nirgendwo verbringen werde!
Angesichts der recht beständigen Bedingungen und der gemäßigten Wettervorhersage für die nächsten Tage habe ich meine Weihnachtsdekoration in der Kajüte auf die Spitze getrieben. Dort hängen jetzt Lametta und Christbaumkugeln und schwingen bei jeder von ELLA’S PINK LADYs Bewegungen mit.
Das war’s von mir, denn es wird schon spät. Ich gehe jetzt besser zu Bett, bevor mich der Weihnachtsmann wach erwischt. Ich hoffe wirklich, dass er mich hier draußen finden wird!
Bis morgen!
Point Nemo ist auch als Pazifischer Pol der Unzugänglichkeit bekannt. Sein Name war wohl ein bisschen sehr lang, und deswegen kann ich verstehen, dass er einen Spitznamen bekommen hat. Er bezeichnet den Punkt im Ozean, der am weitesten von jeglichem Land entfernt liegt, und zählt entsprechend zu den entlegensten Orten der Erde. Seine Position: 48°52,6’ S, 123°23,6’ W. Man hat mir erzählt, dass er nach Kapitän Nemo in Jules Vernes Buch »Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer« benannt wurde. Ich habe es noch nicht gelesen, aber ich sollte es bald tun.
Jessica Watsons
Videotagebuch – Tag 66
Jessica’s
Christmas Video Message.mov
Freitag, 25. Dezember 2009
Fröhliche Weihnachten!
Ich wünsche euch allen fröhliche Weihnachten aus dem Südpolarmeer! Der Weihnachtsmorgen ist angebrochen, und ich werde mich gleich an den Stapel Weihnachtsgeschenke wagen. Dann freue ich mich über ein langes Gespräch mit meiner Familie via Satellitentelefon. Danach wartet reichlich gute Weihnachtskost auf mich. Ich beginne mit meiner Lieblingslammkeule von Easyfood mit geröstetem Gemüse aus der Dose und werde dann mit Sahne, Vanillesoße, viel Weihnachtspudding und Schokoladenmousse fortfahren. Ich freue mich schon sehr darauf! Tatsächlich haben wir auch weiße Weihnachten hier draußen, denn der Nebel ist wieder zurück, die Luft ist grau und feucht. Es sieht cool aus, aber mich fröstelt es ein wenig. Immerhin kommen wir gut voran, und das ist großartig.
Ich möchte mich bei euch allen für eure Unterstützung bedanken. Es bedeutet mir viel, dass alle heute an mich hier draußen denken. Ich wünsche euch wunderbare Weihnachten!
An Weihnachten ging es mir wieder gut. Obwohl wir die Datumsgrenze längst passiert hatten und es bei mir, technisch gesehen, noch gar nicht Weihnachten war, richtete ich mich nach der Zeitzone zu Hause, damit wir alle zusammen feiern konnten.
Ich sagte ja, dass ich zu Bett gehen müsse, damit der Weihnachtsmann mich nicht erwischt. Das tat ich wirklich und gönnte mir, was ich seit meiner Abreise aus Sydney nicht mehr hatte: fünf Stunden Schlaf am Stück! Natürlich hatte der Wind während der Zeit gedreht, und wir sind mindestens eine Stunde lang in die völlig falsche Richtung gesegelt. Ich schätze, dass wir etwa sechs Seemeilen verloren haben – das macht insgesamt zwölf Seemeilen, wenn man die Strecke betrachtet, die wir hätten schaffen können. Ich war wirklich überrascht, dass mich der Kurswechsel nicht wie sonst geweckt hatte.
Es war ein toller Tag! Ich habe mit meiner Familie und Freunden telefoniert, und ich hatte viel Spaß daran, alle ganz genau nach ihren Weihnachtsmenüs und ihrem Weihnachtsprogramm zu befragen. Ich selbst war ziemlich faul und habe nur ein Minimum an Arbeit investiert, um ELLA’S PINK LADY weitersegeln zu lassen. Nach meinen Telefonaten hatte ich das gute Gefühl, selbst bei den vielen verschiedenen Weihnachtsfeiern dabei zu sein. Und, ist es nicht auch daheim so, dass sich am Weihnachtsnachmittag alle erst einmal ausruhen?
Draußen war es so kalt, dass ich mich viel lieber in der gemütlichen Kajüte aufwärmte. Abgesehen von den Sorgen, die sich andere Menschen um mich machten, und meinen eigenen Zweifeln, die an einem so besonderen Feiertag etwas ganz Normales sind, war ich den ganzen Tag über bester Laune. Ich war irgendwie froh darüber, dass niemand mich im Gebrabbel mit mir selbst und beim kichernden Öffnen der Geschenke hören konnte. Egal wer, jeder hätte gedacht, ich wäre verrückt geworden. Neben anderen Dingen hat mir meine Mutter vier ausgefallene Notizbücher geschenkt. Dabei habe ich immer so meine Probleme, in besonders schöne Notizbücher zu schreiben. Ich habe Angst, dass ich sie mit meiner miserablen Handschrift und meiner schlechten Rechtschreibung ruiniere. Normalerweise nutze ich einfache klassische Notizbücher, in denen das keine Rolle spielt. Als ich meine Mutter später fragte, wie ich die Notizbücher füllen sollte, antwortete sie, dass sie mich herausfordern wollte. Ich sollte es einfach versuchen. Wie also sollte ausgerechnet ich, die immer behauptet, dass nichts unmöglich ist, dazu Nein sagen?
Samstag, 26. Dezember 2009
Die fürchterlichen Fünfziger
Weihnachten war nicht nur aus den bekannten Gründen (Geschenke und Festessen!) ein aufregender Tag. Wir haben außerdem die Heulenden Fünfziger erreicht. Bis Kap Hoorn sind es jetzt noch weniger als 2000 Seemeilen.
Viele Leute haben mir geschrieben, dass ich Weihnachten einen Tag zu früh gefeiert habe. Das stimmt mit Bezug auf die Zeitzone, in der wir gerade unterwegs sind. Aber ich fand es wesentlich schöner, gemeinsam mit allen Daheimgebliebenen zu feiern als einen Tag später und dann wirklich allein!
Weihnachten muss der nebligste Tag gewesen sein, den ich je erlebt habe. Ich muss gestehen, dass ich sehr faul war. Ich habe nur gerade eben das Minimum an Einsatz gezeigt, das für ELLA’S Fortkommen notwendig war und sie in die richtige Richtung segeln ließ. Ansonsten habe ich die Kälte lieber gemieden. Ich war ohnehin den ganzen Tag damit beschäftigt, Telefonate entgegenzunehmen, alle meine Lieblingsgerichte zu essen und die Geschenke auszupacken, die überall an Bord versteckt waren. Ich mochte alle und halte sie alle für wertvoll, auch die kleinsten und verrücktesten Gaben. Genau genommen schätzte ich sie mehr, als ich das zu Hause jemals getan hätte. Ich kann euch versichern, dass ein paar wirklich alberne Teile darunter waren. So etwa ein aufblasbarer Kiwi (Neuseelands Nationalvogel und nicht etwa eine Person!) und eine rosafarbene Puppe, die sich im Wasser ausdehnt (bekannt auch unter dem Titel »Züchte dir deinen eigenen besten Freund«). Daneben gab es natürlich auch die klassische Kollektion an Socken, Büchern und anderen Kleinigkeiten.
Für mich fallen das Zuschauen beim Start des Sydney-Hobart-Rennens und der Schlussverkauf am Boxing Day (Zweiter Weihnachtstag) heute aus. Aber ich bin trotzdem glücklich, dass mir ein paar Sonnenstunden geschenkt wurden und ein Albatros einige Runden über ELLA’S PINK LADY gedreht hat. Albatrosse sind unglaubliche Vögel. Egal, wie lange ich ihnen zuschaue: Sie scheinen niemals mit den Flügeln zu schlagen. Sie lassen das Fliegen so mühelos aussehen und wirken absolut entspannt, wenn sie tausende Seemeilen von Land entfernt in die Wellentäler einund aus ihnen wieder auftauchen.
Sonntag, 27. Dezember 2009
Die gar nicht so fürchterlichen Fünfziger
Der heutige Tag verging langsam, brachte uns wenig Wind und Nieselregen. Es ist kaum zu glauben, dass das hier wirklich das Südpolarmeer ist. Na ja, abgesehen von den langen Wellen und den Albatrossen und natürlich der Kälte.
Ich empfand die flauen Winde und unser langsames Fortkommen als leicht frustrierend. Aber ich sollte mich nicht beklagen, denn das Leben ist in diesen leichten Bedingungen viel angenehmer. Wenn der frostige Wind erst loslegt, dann kann es äußerst ungemütlich werden. Gott sei Dank habe ich meine warme Ausrüstung von Musto und genieße den Schutz des Dodgers.
Aber dass wir so weit im Süden segeln, hat auch etwas Gutes: Es gibt nur noch wenige dunkle Stunden.
Ich hatte in den letzten Tagen mit einem anderen Solosegler Kontakt: Dilip Donde kommt aus Indien und hat die Hälfte seiner Weltumseglung bereits hinter sich. Es war toll, mit ihm zu sprechen. Wir haben uns über unsere gegenseitigen Wetterbedingungen ausgetauscht. Er segelt nicht allzu weit westlich von uns, ebenfalls mit Kurs auf Kap Hoorn. Mit 47 Fuß Länge ist Dilips Boot ein ganzes Stück größer als ELLA’S PINK LADY. Er holt also mächtig auf!
Das war’s für heute.
Dilip Donde ist ein 42 Jahre alter Minentaucher der indischen Marine. Er hat Indien am 19. August 2009 verlassen, um als erster Inder die Welt zu umrunden. Seinen Rekordversuch unternahm er mit der ersten Glasfaseryacht, die je in Indien gebaut wurde. Ich habe den Meinungsaustausch mit Dilip wirklich genossen. Es war schön, mit diesem Mann zu sprechen und zu mailen, und ich hoffe, dass ich ihn eines Tages persönlich kennenlerne. Es hat mir gut getan zu wissen, dass er, nur einige hundert Seemeilen entfernt von mir, mit dem gleichen Ziel unterwegs war. Es ist fast merkwürdig, wie sehr ich mich mit ihm verbunden fühlte. Es tat auch gut, mit Mum und Dad zu sprechen, doch so sehr sie sich bemühten, meine Lage hier draußen zu verstehen – sie hatten nicht wirklich eine Ahnung. Aber Dilip verstand mich. Und deswegen war es so inspirierend, einen Abschnitt meiner Reise mit ihm zu teilen (nun ja, soweit man eben teilen kann, wenn man auf zwei verschiedenen Booten und weit voneinander entfernt ist). Ich wusste nicht, dass es ihm genauso ging, bis mir jemand diese Nachricht von seinem Blog schickte:
Es ist Mitternacht am Silvesterabend. Als ich gerade an Deck kam, um die Windsteueranlage in den leichter gewordenen Winden neu einzustellen, klingelte mein Telefon. Ich fand es zwar ein bisschen merkwürdig, dass mich jemand kurz vor Mitternacht anrief, nahm das Telefonat aber an und wurde angenehm überrascht! Jessica rief an, um mir ein gutes neues Jahr zu wünschen! Wie aufmerksam von ihr! Unter all den Neujahrswünschen, die ich über die Jahre an den verschiedensten Orten erhalten habe, werde ich den Gruß von diesem mutigen Mädchen – 350 Seemeilen entfernt von mir und doch der Mensch, der mir am nächsten war – am meisten wertschätzen. Wie könnte das Jahr 2010 mit guten Wünschen wie diesen nicht großartig werden?
Dilip kehrte nach 276 Tagen auf See am 19. Mai 2010 in seinen Ausgangshafen Mumbai zurück. Er wurde der 175. Einhand-Weltumsegler und hatte damit seinen Traum verwirklicht, als erster Inder diese Herausforderung zu bestehen.
Dienstag, 29. Dezember 2009
Besserer Wind!
Ich bin total begeistert, dass wir in den vergangenen zwei Tagen so gut in Richtung Osten vorangekommen sind. Wir hatten endlich 15 bis 20 Knoten beständigen Wind und ELLA’S PINK LADY ist zügig über die Wellen geglitten. Der Wind soll weiter zunehmen. Man weiß also nie: Vielleicht bekommen wir doch endlich das wahre Gesicht des Südpolarmeeres zu sehen?
Der leichte Nieselregen ist zur Konstanten geworden, und die Temperatur scheint jeden Tag ein wenig weiter zu fallen. Immerhin hat sich der Nebel einstweilen verabschiedet. Es gibt immer noch einige Vögel um uns herum, aber ich schaffe es nicht, sie vernünftig zu fotografieren, weil sie einfach nicht stillsitzen wollen!
Wenn ich dieser Tage an Deck komme, dann fühle ich mich oft wie ein tapsiger Elefant mit all der Ausrüstung, die ich tragen muss. Da sind zunächst die Faserpelze und verschiedene andere Lagen. Darüber die Stiefel, das Ölzeug, ein Hut, die Rettungsweste und – gefühlt – das halbe Ersatzteillager in den Taschen meines Overalls.
Ich trage immer mein Messer, das PLB (persönliches EPIRB/Peilsender), einen verstellbaren Schraubenschlüssel und meistens eine Auswahl an Werkzeugen in den Taschen meines Overalls bei mir. Es ist wesentlich einfacher, das gesamte Schraubenschlüsselset dabeizuhaben. Wenn man nur den falschen in der Tasche hat, bedeutet das eine Extrarunde Ein- und Aushaken des Lifebelts und das nochmalige Öffnen und Schließen des Steckschotts.
Dennoch muss ich sagen, dass ich hier draußen die beste Zeit meines Lebens verbringe. Ich lese viel, nehme regelmäßig heiße Getränke zu mir und habe Spaß am Kochen (mein Schokoladenpudding kam gestern besonders bei der Crew gut an!). Heute Nachmittag habe ich ein paar Jobs erledigt, weil einige Schäkel am Baumniederholer (der den Großbaum nach unten hält) und die Windsteueranlage ihren Geist aufgegeben hatten. Mit ein bisschen Improvisation aber haben wir es schnell wieder in Ordnung bekommen.
Bis Kap Hoorn sind es jetzt noch 1500 Seemeilen. Das Jahr 2009 geht zu Ende. Ich kann kaum glauben, wie schnell es vergangen ist. 2010 steht schon vor der Tür!
Donnerstag, 31. Dezember 2009
Der erste Sturm mit einem Delfin an unserer Seite
Tut mir leid, dass ich euch gestern keine Nachricht geschickt habe. Ich habe ein wenig versäumten Schlaf nachgeholt. Hinter uns liegen ein paar interessante Tage. Der Wind hat gleich nach meinem letzten Blog am Dienstag reichlich zugenommen. Gestern Vormittag waren es in der Spitze 44 Knoten. Damit habe ich meinen ersten echten Sturm im Südpolarmeer erlebt.
ELLA’S PINK LADY und ich haben unsere Bewährungsprobe in wundervoller Weise bestanden. Ich habe viel über ihr Verhalten in rauer See gelernt. Es besteht ja durchaus die Chance, dass wir es auf unserer Reise mit noch schlimmeren Bedingungen zu tun bekommen. Aber abgesehen von ein paar rasanten Surfs (ein bisschen zu schnell, um noch komfortabel zu sein!), ging dieses Mal alles glatt. Nach einer Weile haben uns einige der Wellen fast umgeworfen – das hat ein wenig an meinen Nerven gezerrt. Wirklich glücklich bin ich darüber, dass Parker uns während dieser Phase zuverlässig auf Kurs gehalten hat!
Die gewaltige See hat mich beeindruckt. Ich würde vorsichtig schätzen, dass die Wellen eine Höhe von etwa fünf Metern erreichten und für wesentlich imposantere Bilder sorgten, als ich mir bislang vorstellen konnte. In diesem Zustand ist der Ozean absolut spektakulär und faszinierend zu beobachten. Aber ich denke, das zählt zu den Dingen, die man einfach selbst erlebt haben muss. Ich bin nicht sicher, dass ich es wirklich beschreiben kann. Auch Bilder werden der Realität nicht gerecht.
Am meisten verwundert hat mich allerdings die Tatsache, dass uns in den schwersten Stunden des Sturms ein Delfin über sechs Stunden lang begleitet hat. Als ob er ein Auge auf uns haben wollte! Jedes Mal, wenn ich durch das Bullauge schaute, sah ich entweder seine Finne aufblitzen oder seine Schwanzflosse. Als ob er mir versichern wollte, dass er immer noch da war. Zuvor hatte ich wochenlang keinen Delfin gesehen. Deswegen gab es mir ein besonders gutes Gefühl, dass ausgerechnet im Sturm einer kam, um uns zu begleiten!
Ja, der erste Sturm. Ich dachte gerade, dass der Wind sich etwas beruhigen würde, und saß entspannt am Navigationstisch. Natürlich war ich äußerst erfreut darüber, dass wir den Sturm so lässig abgewettert hatten. Da erwischte uns plötzlich eine riesige Welle aus dem Nichts. Obwohl er verschlossen war, schoss aus dem Lüfter über mir Wasser ins Boot. Ich bekam eine eiskalte Dusche ab. Auch den Navigationstisch hat es erwischt – nicht gerade der ideale Ort für eine ungeplante Überschwemmung. Ich kreischte vor Schreck, überprüfte dann aber schnell die Geräte und stellte erleichtert fest, dass alles noch funktionierte.
Der Wind nahm wieder zu und biss sich bei 36 bis 44 Knoten fest, die See türmte sich erneut auf. Als ich wieder trocken war, presste ich mein Gesicht ans Bullauge und beobachtete die rauschenden Grünund Grautöne, durchsetzt von weißen Streifen.
Als der Wind nach einigen mir endlos lang erscheinenden Tagen endlich wieder auf etwa 20 bis 25 Knoten abnahm, war ich fertig. Ich hatte binnen 24 Stunden nur drei Stunden geschlafen und wusste, dass ich gut auf mich achten musste. Ich schrieb mir eine neue Arbeitsliste:
- Neue Karte auspacken und Karten für Kap Hoorn sichten
- Pantry aufräumen (eine niemals endende Arbeit!)
- Ausrüstung umstauen und neu organisieren (nach dem Wassereinbruch)
- Gründlicher Check auf möglichen Verschleiß an Deck
- Haare waschen, Ganzkörperwäsche
- Viel leckeres heißes Essen!
- Ausruhen
Der Wind und die See haben sich heute weiter beruhigt. In 15 bis 20 Knoten und drei Meter hohen Wellen sind wir gut vorangekommen. Bei mir ist es gerade mitten in der Nacht, aber zum ersten Mal wird es fast gar nicht mehr dunkel, denn nach langer Zeit funkeln Sterne und Mond endlich wieder einmal über mir. Das ist ein solches Novum, dass ich mir mehr Klamotten angezogen habe, als ich je für möglich hielt, und im Cockpit der grimmigen Kälte widerstehe, um alle Eindrücke in mich aufzunehmen.
Weil ich in den letzten Tagen so sehr mit anderen Dingen beschäftigt war, naht der Silvesterabend nun viel schneller als gedacht. Ich denke, dass ich meine Silvesterparty erst morgen in meiner eigenen Zeitzone feiern werde. Aber ich möchte euch allen jetzt schon zu euren Partys ein fröhliches und glückliches neues Jahr wünschen. Es sieht so aus, als würde ich die Feuerwerke dieses Mal verpassen. Also genießt sie für mich mit!
Freitag, 1. Januar 2010
Ein fröhliches neues Jahr!
Der heutige Tag war so ganz anders. Wir haben fast die ganze Zeit in der Flaute gelegen. Doch das hat mich nicht allzu sehr frustriert, denn zur Abwechslung haben wir einen klaren Himmel, Sonnenschein, etwas wärmere Temperaturen und die Begleitung zweier Albatrosse genossen.
Der Wind war so flau, dass sogar die Albatrosse mit den Flügeln schlugen. Ich habe einige tolle Nahaufnahmen machen können, denn sie landeten ein paarmal nur wenige Meter von ELLA’S PINK LADY entfernt in den Wellen. Ein Albatros, der ohne Wind in die Lüfte steigen will, sieht ziemlich unbeholfen aus. Er muss sehr heftig mit den Flügeln schlagen, um sich aus dem Wasser zu erheben. Das wiederum kommt bei diesen anmutigen Vögeln sonst nur selten vor.
Heute ist mein Silvestertag. Bis Mitternacht sind es für mich noch fünf Minuten. Hier draußen ist eine ziemlich wilde Party geplant. Viele namhafte Gäste aus der näheren Umgebung sind geladen. Das Unterhaltungsprogramm beinhaltet Tischfeuerwerk. Serviert wird eine Auswahl meiner Lieblingsgerichte. Ihr könnt mir glauben: Diese Köstlichkeiten würdet ihr nicht verpassen wollen!
Es ist das zweite Silvester in Folge, das ich auf See verbringe. Im vergangenen Jahr bin ich auf einem 34-Füßer durch die Tasmanische See nach Neuseeland gesegelt. Weil Silvester bereits auf den dritten Tag auf See fiel und die Bedingungen recht stürmisch waren, war uns allen ein wenig übel. Also ignorierten wir damals die Köstlichkeiten, die Mum uns eingepackt hatte. Doch dieses Jahr wird es anders sein.
Einen guten Vorsatz für das neue Jahr zu fassen war ganz einfach. Ich denke, dass es Herausforderung genug sein wird, heil nach Sydney zurückzukommen. Also ist das mein größter Wunsch für 2010.
Euch allen ein glückliches neues Jahr und nochmals vielen Dank für eure Unterstützung!
Es war diese Zeit, in der sich die Menschen noch einmal auf das vergangene Jahr besinnen und reflektieren, was sie sich für das kommende Jahr wünschen. Ich habe mich immer gefragt, ob meine Reise einen anderen Menschen aus mir machen würde. Wenn man ein solches Projekt in Angriff nimmt, muss es doch eigentlich Auswirkungen auf die eigene Person haben. Trotzdem fühlte ich mich während des ersten Monats nicht anders als sonst. Es mag seltsam klingen, doch in den Tagen der Annäherung an Kap Hoorn änderte sich das. Jetzt plötzlich fühlte ich mich anders. Ich weiß nicht genau, wie ich es erklären soll – vielleicht ruhiger, ausgeglichener, älter? (Ha!) Ich bin nicht sicher. Ich kann nur sagen, dass ich mich eben irgendwie anders fühlte. Ich habe dazu keinen Blog geschrieben, weil ich nicht wollte, dass es lächerlich klingt. Ich hätte es beinahe auch nicht im Buch angemerkt, weil ich die Veränderung nicht auf den Punkt bringen kann. Etwas hatte sich in mir verändert. Das ist alles.
Samstag, 2. Januar 2010
Die Ruhe vor dem Sturm
Heute war es wieder ruhig und sonnig. Ich habe den Morgen mit einigen Arbeiten an Deck verbracht und den wunderbaren Sonnenschein in mich aufgesogen. Diese herrlichen Bedingungen kommen mir wie ein Geschenk vor!
Ich habe alle Vorsegelschoten, Backstagen und die Leinen der Windsteueranlage entweder umgedreht oder ausgetauscht, den Spinnakerbaum nochmals gesichert, ein paar Rostflecken weggescheuert und meinen ganzen Kram im achteren Stauraum neu sortiert und wieder verstaut.
Es sieht allerdings nicht so aus, als bliebe uns die Ruhe lange erhalten. Laut Vorhersage soll der Wind morgen wieder deutlich zunehmen. Es klingt, als würde der bevorstehende Sturm wirklich hässlich werden, und deswegen könnte es einige Tage dauern, bis ihr wieder von mir hört. Aber bitte sorgt euch deswegen nicht. ELLA’S PINK LADY und ich sind bereit. Der Wind sollte nicht wesentlich stärker sein als beim letzten Mal, doch er kommt direkt aus der Antarktis. Also wird er sehr kalt sein. Meiner kleinen Dieselheizung dürfte eine ordentliche Trainingseinheit bevorstehen. Mein Aktionsplan für diesen Sturm ist ganz einfach: ruhig und zuversichtlich bleiben. Wenn mir das nicht gelingt, dann sieht Plan B vor, dass ich einfach so tue als ob.
Ich melde mich ab, um noch etwas zu schlafen, solange es möglich ist.
Es war die einzige Zeit während unserer Reise, in der uns Eisberge und Raureif an Bord (Vereisung von Deck und Rigg) Sorgen bereiteten. Wir hatten meine Abreise so geplant, dass ich Kap Hoorn im Sommer runden würde. Damit wollten wir die Gefahr einer Kollision mit einem Eisberg möglichst minimieren. Doch dieser Sturm flog uns direkt aus der Antarktis entgegen, und sein kalter Wind konnte durchaus kleine abgebrochene Eisstücke mit sich bringen. Es gab nicht viel, was ich dagegen tun konnte. Ich meine, ich konnte ja schlecht 24 Stunden auf Wache sein. Zu dieser Jahreszeit hatte ich wirklich mehr Sorgen, mich warm zu halten, als mit einem Eisberg zusammenzustoßen.
Kurz bevor ich später heimkehrte, war eine vierköpfige englische Familie aus South Georgia mit ihrer 55-Fuß-Yacht HOLLINSCLOUGH um 2 Uhr morgens im Südatlantik mit einem sogenannten Growler kollidiert. So nennt man die abgebrochenen Eisbergstücke, die dicht unter dem Wasser umhertreiben. Sie sind schon unter allerbesten Bedingungen schwer auszumachen. Um 2 Uhr in der Früh ist es jedoch schlicht unmöglich, sie zu sehen oder ihnen auszuweichen. Glücklicherweise wurde diese Familie von einem britischen Kriegsschiff von ihrer sinkenden Yacht abgeborgen. Die HMS CLYDE hatte über 200 Seemeilen zurückgelegt, um sie zu retten.
Jessica Watsons
Video-Tagebuch – Tag 78
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Dienstag, 5. Januar 2010
Kalt!
Die gute Nachricht zuerst: Bislang ist der Wind nicht annähernd so stark wie erwartet. Auf der anderen Seite aber war und ist es immer noch sehr kalt!
Die Temperatur in der Kajüte beträgt exakt 4 °C. Der frostige Wind da draußen ist extrem unangenehm. Meistens fühle ich mich warm wie ein Toast unter allen meinen Bekleidungslagen, doch das Arbeiten mit den Schoten ist absolut schmerzhaft. Unglücklicherweise ist die Heizung keine große Hilfe – sie hat sich einen Superzeitpunkt ausgesucht, kalte statt heißer Luft auszuspucken!
Ich denke aber, dass es sich um ein lösbares Problem handelt. Dennoch muss es warten, bis die Dinge sich etwas beruhigt haben.
Tatsächlich hatte die Heizung sogar für einige Tage gestreikt. Ich habe aber niemandem davon erzählt, denn Dad und Bruce waren nach ihrem Blick auf die Wettervorhersage ohnehin schon beunruhigt darüber, wie ich während des Sturms mit den niedrigen Temperaturen klarkommen würde. Ich nahm an, dass sie genügend Sorgen hatten, und wollte den Druck nicht noch zusätzlich erhöhen, indem ich ihnen von der Heizung erzählte, bevor wir das Schlimmste überstanden hatten.
Ich habe auch ein kleines Problem mit dem Block für die Großsegelschot (die Leine, mit der ich das Großsegel trimme). Es ist nichts Schlimmes, doch für den Moment habe ich das Großsegel runtergenommen und warte erst einmal ab, denn es weht immer noch heftig.
Während ich diesen Blog schreibe, hat sich der Wind auf 30 Knoten eingependelt. Das erste Tageslicht ist da und zeigt einen wütenden grauen Ozean. Es ist nicht wirklich dramatisch, aber ich bin trotzdem etwas nervös, denn wir erwarten heute noch mehr Wind und werden von der rauen See ziemlich herumgeschubst. Wir sind aber gut vorbereitet, und deshalb gibt es für mich im Moment nicht viel zu tun. Zwischen meinen regelmäßigen Blicken auf die Instrumente und aus dem Niedergang hinaus habe ich gelesen, eine DVD gesehen und mich durch die vielen Nachrichten und Kommentare in meinem Blog gearbeitet.
Ich hoffe, dass ich nicht wie eine hängen gebliebene Schallplatte klinge, möchte mich aber trotzdem noch einmal für die vielen aufmunternden Botschaften bedanken. Wann immer ich sie lese, machen sie mir gute Laune und zaubern mir ein Lächeln ins Gesicht.
ELLA’S PINK LADY hat die Bedingungen unter Sturmfock großartig gemeistert. Das weitaus größere Problem war ich selbst, denn ich bekam nach einer Weile meine ungeheure Müdigkeit zu spüren. Die Wellen wirbelten uns herum. Es klingt vielleicht nicht wie eine große Sache, wenn ich im Blog davon schreibe, und es war auch nicht sehr gefährlich, aber ich spürte den Druck, und meine Nerven waren ein bisschen angespannt. Manchmal konnte ich eine große Welle heranrollen hören und mich rechtzeitig festhalten, aber meist hatte ich andere Dinge zu tun und merkte nichts, bis wir umgeworfen wurden. Ich habe reichlich blaue Flecken und Prellungen davongetragen und hatte wenig Spaß dabei.
Gerade als ich mit Bruce telefonierte, erwischte uns die vermutlich übelste Welle des ganzen Sturms. Das Gespräch war ohnehin schon schwierig, denn weder ich noch Bruce waren in bester Stimmung. Wir fassten uns kurz. Nachdem ich aufgelegt hatte, verlor ich kurz die Kontrolle und brach in Tränen aus. Es ist erstaunlich: Jedes Mal, wenn ich nah dran war, die Nerven zu verlieren, und dann mit jemandem sprach, konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Mir ging es wesentlich besser, wenn ich alles für mich behielt. Man sollte meinen, dass Gespräche tröstlich waren und meine Stimmung aufheiterten, aber meistens ging es mir danach eher schlechter. Endlich beruhigte sich der Wind, und ich schlief wieder mehr. Am nächsten Tag fühlte ich mich viel besser, obwohl die Heizung immer noch kalt und kaputt war. Bob schickte mir eine Wetterprognose, und ich war sehr angetan von der Aussicht, dass wir bis zur Rundung Kap Hoorns wohl kein schlechtes Wetter mehr bekommen würden.
Nachdem ich etwas ausgeschlafener war, begann ich von einem wundervollen heißen Kaffee zu träumen. Doch der musste bis zu meiner Rückkehr warten. Kaffee an Bord – das funktionierte mit meinem scheußlich schmeckenden Wasser und dem Milchpulver einfach nicht.
Donnerstag, 7. Januar 2010
Wir nähern uns dem Kap!
Der Wind hat am Dienstag noch einmal auf 40 Knoten zugenommen. Das Leben blieb also interessant und immer noch ein bisschen schaukelig. Seitdem aber hat der Wind bis auf die aktuellen acht Knoten konstant abgenommen – das ist gerade genug, um weiter voranzukommen.
Typisch Südpazifik: Die Sicht war zuletzt nicht gerade gut. Die Lichtverhältnisse veränderten sich kaum. Nieselregen war ein ständiger Begleiter, von einem klaren Himmel keine Spur. Aber ich will mich nicht beschweren. Wie ich schon gesagt habe: Das alles ist in ganz eigener Art und Weise genauso hübsch wie Sonnenschein und blaues Wasser. Andersherum betrachtet, könnte man auch sagen, dass die schlechte Sicht wenigstens den Blick auf das schlechte Wetter verschleiert hat!
Die gute Nachricht: Es ist mir ganz leicht gelungen, das kleine Problem mit dem Großschotblock zu lösen. Die schlechte Nachricht: Obwohl ich den ganzen gestrigen Vormittag an der kaputten Heizung gearbeitet habe, will sie immer noch nicht wieder mit mir spielen! Nun ja, auf der Skala der wichtigsten Dinge rangiert die Heizung nicht ganz oben. Sie ist ja nur eine nette Zusatzoption.
Ich freue mich sehr auf Kap Hoorn, denn wir kommen ihm immer näher. Es sind nur noch etwas mehr als 500 Seemeilen.
Das muss es für heute gewesen sein, denn meine Finger wollen unbedingt in diese herrlich warmen Handschuhe zurück!
Freitag, 8. Januar 2010
In der Flaute
Nur eine kurze Nachricht: Wir liegen heute in der Flaute, aber die Albatrosse sind wieder da! Bis Kap Hoorn sind es nur noch 450 Seemeilen. Ich bin jetzt noch aufgeregter, denn meine Eltern sind heute aus Australien abgeflogen, um ELLA’S PINK LADY um Kap Hoorn segeln zu sehen!
Dieser Flautenblog war ziemlich kurz, und das hatte einen guten Grund. Ich musste dagegen ankämpfen, in eine tiefe Depression zu verfallen. Traurigkeit und Frustration schienen von jeder Faser meines Körpers Besitz ergreifen zu wollen. Es war das erste Mal während meiner Reise, dass ich fast die Kontrolle über das große Ganze verlor. Mein größtes Ziel dieser Reise war der Beweis, dass ich die mentale Stärke hatte, sie zu bestehen. Darauf wollte ich stolz sein. Deswegen war es ja auch so schwer für mich zuzugeben, dass ich im Kleinen die Kontrolle verlor. Selbst wenn es nur für kurze Zeit war. Nicht einmal die Freude auf Kap Hoorn war groß genug, um mich aufrecht zu halten. Ich brach nicht zusammen, weil wir uns nicht mehr fortbewegten, sondern weil ich das Gefühl hatte, wir würden rückwärtssegeln. Am Freitag war ich noch okay und am Samstag einigermaßen erträglich. Ich konnte den Blick auf die glatte See und den launischen Himmel beinahe genießen. Doch als wir am Sonntag immer noch in Öl lagen und nur noch willenlos hin und her schaukelten, konnte ich mit dem Weinen gar nicht mehr aufhören.
Wir waren dem Kap so nah! Und dieses Wetter war so unendlich frustrierend! Besonders, weil News Limited meine Eltern nach Chile geflogen hatte. Sie wollten von Punta Arenas aus zum Kap fliegen, um mich dort zu sehen. Man hatte mir schon vor ein paar Tagen berichtet, dass ein Flugzeug mit Fotografen zu mir herauskäme, um mich beim Runden des Kaps zu fotografieren. Ich war also ziemlich aufgeregt. Und dann erzählten sie mir, dass Mum und Dad ebenfalls im Flugzeug sitzen würden. Das war einfach zu viel für mich! Ich wollte nicht, dass sie auf Kosten anderer Leute auf mich warten müssten, konnte aber nichts dagegen tun. Vermutlich hätte ich mit unserem Schneckentempo weniger gehadert, wenn ich in den Tropen gewesen wäre. Dort hätte ich im Sonnenschein selbst an der Pinne gesessen. Aber hier war es so kalt! Um ehrlich zu sein, verbrachte ich so wenig Zeit wie möglich an Deck. Ich war in meiner Kajüte gefangen und lauschte dort dem klappernden Großsegel beim Schlagen gegen den Baum. Normalerweise empfand ich die Geräusche an Bord von ELLA’S PINK LADY als tröstlich. Aber wir kamen einfach nicht voran, sodass mich dieses Mal das monotone Klappern, Rasseln und Schlagen schier verrückt machte. Ich hatte nicht einmal die Energie, die Musik einzuschalten. Ich saß einfach nur da, weinte und hatte Mitleid mit mir selbst.
Im Nachhinein vermute ich, dass mir die fehlende Beschäftigung und das Wissen um die Reise meiner Eltern so zugesetzt hatten. Ich freute mich wirklich für sie und hatte das Gefühl, sie würden auf diese Weise etwas für ihr Engagement für mich zurückbekommen. Aber wenn ich traurig war oder Heimweh hatte, dann stellte ich sie mir immer zu Hause vor und richtete mich an diesen Bildern auf. Nachdem ich gehört hatte, dass sie über die Anden fliegen und so viele schöne Dinge sehen würden, wurde ich fast ein bisschen neidisch. Für mich ging es gerade nirgendwo hin! Ich wollte selbst Chile sehen, also war ich eifersüchtig. Es war einer dieser Tage, an denen ich einfach nicht die Kraft hatte, mich selbst aus dem Sumpf zu ziehen.
Ich versank in Selbstmitleid und wollte nichts davon hören, dass die anderen zu Hause in der Sonne tauchten, schwammen oder surften, obwohl mir doch so kalt und mies zumute war. Also halfen auch E-Mails und Gespräche nicht. Alles türmte sich auf. Die Kälte kroch mir unter die Haut und machte jede Art von Bewegung zur Tortur. Ich konnte nicht mehr tun, als das Rollen und Schlagen zu ignorieren und möglichst nicht daran zu denken, dass wir uns in die falsche Richtung bewegten. Aber ich konnte mich partout nicht aus diesem Loch befreien.
Erst viele, viele Tränen später hielt ich mir selbst eine Ansprache. Ich holte ein Buch heraus und versuchte, meine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Ich kann euch gar nicht sagen, wie erleichtert ich war, als der Wind endlich zurückkam und wir uns wieder bewegten! Das half.
Montag, 11. Januar 2010
Allzu langsam Richtung Kap!
Ich verbringe hier draußen nicht gerade die aufregendste Zeit! Der Wind ist immer noch sehr, sehr flau. Entsprechend langsam bewegen wir uns auf das Kap zu. Ich habe in diesen Breitengraden weder das mühsame Vorankommen noch die leichten Winde erwartet. Also musste ich meine Erwartungshaltung anpassen.
Gestern blieb der Wind wieder ganz aus. ELLA’S PINK LADY lag gänzlich still da, wurde über Stunden nur von den spiegelglatten Wellen bewegt. Wenn man in solchen Bedingungen auch nur minimal vorankommen will, dann erfordert das viele Stunden in der Kälte an Deck, entweder an der Pinne selbst oder beim kontinuierlichen Justieren von Parker, um das Boot wenigstens auf dem richtigen Kurs zu halten.
Ich muss zugeben, dass ich unter diesen Bedingungen sehr viel geneigter bin, einfach aufzugeben, uns treiben zu lassen und mich in der warmen Kajüte zu verkriechen, als ich es in den wärmeren Breitengraden der Doldrums war!
Um meine Gedanken von den nervtötenden »Geschwindigkeiten« und dem ungemütlichen Rollen abzulenken, habe ich mir ein paar Bücher vorgeknöpft und mich total in die Geschichten hineinversetzt. Meine Mutter fragt mich regelmäßig, welche Bücher ich lese. Ich glaube, sie ist ein bisschen erstaunt über meine Antworten. Ich habe seit meiner Abreise kaum ein Abenteuer- oder Segelbuch angefasst. Stattdessen habe ich die unsinnigste Schundliteratur gelesen, die ich dabeihatte. Wenn ein Teil deiner Gedanken (oder oftmals auch alle) um nichts anderes mehr kreist als das Segeln und die vernünftige Wartung von ELLA’S PINK LADY, sind Segelbücher wirklich das Letzte, was man lesen möchte!
Meine Lage hier draußen stand im krassen Gegensatz zu den Geschichten von Sonnenschein, Schwimmen, Tauchen und Surfen zu Hause. Trotzdem wollte ich nirgendwo anders sein. Windmangel kann einen zwar die Wände hochgehen lassen, doch dann sehe ich wieder, wie die glasklaren Wellen den launischen grauen Himmel spiegeln – einfach unglaublich. Die guten Dinge gibt es eben nur zusammen mit den schlechten!
Aber zurück zum Geschäft. Der Wind hat in den vergangenen Stunden endlich auf zwölf Knoten zugenommen. ELLA’S PINK LADY kommt endlich wieder gut voran. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie gut das tut! Bis Kap Hoorn sind es jetzt noch 270 Seemeilen. Wenn der Wind sich wie erwartet verhält, dann könnten wir das Kap etwa am 13. Januar runden.
Ich halte alle meine Daumen, Finger, Zehen und sonstigen Gliedmaßen gedrückt und hoffe, dass das Wetter mitspielt und meinen Eltern einen guten Überflug beschert. Die Rundung von Kap Hoorn bedeutet für mich einen weiteren riesigen Meilenstein.
Als der Wind wieder zunahm, passierte etwas Seltsames. Wir befanden uns etwa 213 Seemeilen von Kap Hoorn entfernt, als die Sonne herauskam und ich eine Déjà-vu-Sensation erlebte. Da segelten wir nun auf 55 Grad Süd, und ich hatte eine Weile das Gefühl, ich wäre mit Emily und Nick irgendwo in der Nähe von Mooloolaba mit Kurs auf Mudjimba Island unterwegs, einem Eiland, das auch unter seinem Spitznamen »Insel der Alten Frau« bekannt ist. Ich konnte kaum glauben, dass ich fast halb um die Welt gesegelt war und mich plötzlich wie daheim fühlte. Als der Wind zunahm und die Sonne verschwand, verflüchtigten sich mit dem Tageslicht auch meine Gedanken. Aber sie waren schön …
Mittwoch, 13. Januar 2010
Einen Steinwurf vom Kap entfernt
ELLA’S PINK LADY hat die letzten 80 Seemeilen bis Kap Hoorn in böigen Winden um 35 Knoten in Angriff genommen. Es sieht so aus, als würden wir das Kap gleich morgen früh als Erstes runden. Ich bin super aufgeregt! Drückt die Daumen, dass sich die Wolken ein wenig lüften und ich beim Runden einen halbwegs guten Blick erhaschen kann.
In Punta Arenas bereiten sich Mum und Dad derweil auf ihren Abflug am Nachmittag vor. Sie werden über mir im Flugzeug kreisen. Wir werden via Funk miteinander sprechen können. Ich freue mich darauf!
Außerdem erwarten wir Boote der chilenischen und der argentinischen Marine zum Geleit. Es ist mehr als einen Monat her, dass ich zuletzt ein anderes Boot gesehen habe. Und es ist mehr als drei Monate her, dass ich einen anderen Menschen sah. Ich bin absolut begeistert von der Aussicht, so viele Gäste auf einmal zu haben! Meine Haare habe ich heute Morgen besonders ausgiebig gebürstet (was in diesem Wind aber völlig sinnlos ist!).
Und es gibt noch mehr gute Nachrichten: Dilip und seine MHADEI haben Kap Hoorn vor uns gerundet und sind nun auf dem Weg in Richtung der Falklandinseln, um dort seine Probleme an der Ruderanlage zu beheben.
Ich verabschiede mich jetzt lieber, denn hier draußen passiert gerade so viel, und ich muss mich um alles kümmern.
Am Tag unserer Annäherung an Kap Hoorn bin ich am Nachmittag vor Aufregung fast geplatzt. In wenigen Stunden nur würden wir tatsächlich die berühmte südamerikanische Insel mit dem berüchtigten Kap runden! Ich erwartete Mum und Dad jede Minute. Die sich aufbauende See und der launische Himmel verstärkten die Atmosphäre noch. Dass ich – überdreht wie ich war – in meiner sehr kleinen Kajüte saß, machte es wahrscheinlich noch extremer. Ich schrie, als ich plötzlich die Diego-Ramirez-Inseln südwestlich von Kap Hoorn erblickte. Land! Nach so langer Zeit auf See war es wie ein Weckruf. Die Stunden vergingen, aber ich hörte oder sah immer noch nichts von Mum und Dad. Ich machte mir Sorgen, dass etwas schiefgegangen war. Ich dachte, dass sie uns aus dem Flugzeug vielleicht nicht hatten ausmachen können. Endlich rief mich mein Vater über das Satellitentelefon an und berichtete, dass der Pilot hätte umkehren müssen, weil das Wetter so schlecht gewesen sei. Sie hatten es also nicht in meine Nähe geschafft. Als ich mit meinen Eltern sprach, klangen sie beide enttäuscht. Es war ein rauer Flug mit vielen Turbulenzen gewesen. Meinem Vater ist ziemlich übel geworden. Sie waren enttäuscht, doch nicht einmal das konnte mir die Stimmung verderben, denn ich kam meinem großen Meilenstein näher und näher. Sie sagten mir, dass sie immer noch entschlossen waren, mich zu sehen. Direkt nach unserem Telefonat begannen sie mit den Planungen für einen weiteren Versuch am nächsten Tag. Fotograf Gary, der sie begleitete, wollte ebenso wenig aufgeben, und ich drückte die Daumen, dass es klappen würde.
Jessica Watsons
Video-Tagebuch – Tag 88
Jessica Excited About Approaching Cape Horn – on
site.mp4
Jessica Watsons
Video-Tagebuch – Tag 88
Jessica Watson Rounds Cape Horn.mp4
Samstag, 16. Januar 2010
Höhepunkte einiger unglaublicher Tage
Ich entschuldige mich schon vorab für das Überstrapazieren von Ausrufezeichen (!), aber die letzten Tage waren so aufregend! Es tut mir leid, dass ich nicht schon viel früher berichtet habe, aber nachdem mich über gute vier Tage ausschließlich Adrenalin angetrieben hatte, wollte ich nur noch eines: schlafen!
Es ist so viel geschehen. So viele Höhepunkte. Aber ich beginne am besten von vorn: Am Mittwoch trennten Kap Hoorn und uns noch 80 Seemeilen. Wir segelten durch einige Schauerböen, der Wellengang nahm etwas zu, während wir in flachere Gewässer vordrangen. Über Nacht pegelte sich der Wind bei 40 Knoten ein und machte mein Leben recht interessant. Die Meilen bis zum Kap schmolzen nun schnell dahin. Der Anblick von Land hatte mich bereits am Nachmittag in Hochstimmung versetzt. Nach so langer Zeit Land zu sehen war einfach unfassbar! Ich kann mich kaum erinnern, wann ich zuletzt so begeistert war. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, erscheint es mir wie eine kleine Überreaktion, denn außer einem grauen Zipfel Felsen, der immer wieder verschwand, wenn wir in die Wellentäler sackten, gab es gar nichts zu sehen. Für mich aber sah dieses entfernte Stückchen Felsen einfach nur wie das schönste und unglaublichste Ding aus, das ich je gesehen hatte. Die Auswirkung von Entbehrung ist schon erstaunlich: Sie kann etwas eine Million Mal spezieller aussehen lassen als sonst. Ich schätze, dass es mir mit der ersten heißen Dusche nach meiner Rückkehr ebenso ergehen wird!
Es war eine betriebsame und schlaflose Nacht, denn wir näherten uns dem Kap. Um sicherzustellen, dass sich ELLA’S PINK LADY in der Dunkelheit nicht überschlägt, gab ich mir alle Mühe, unsere Geschwindigkeit zu drosseln. Als es gerade hell wurde, sah ich sie: die markanten Umrisse von Kap Hoorn!
Vor dem grauen Himmel und mit Albatrossen im Vordergrund sah es genauso aus, wie ich es mir so lange schon vorgestellt hatte. Mystisch und auffallend schön! Die schlechte Sicht bescherte uns nicht gerade das beste Besichtigungswetter, aber seien wir mal ehrlich: Wären wir an einem sonnigen Nachmittag um das Kap gedümpelt, wäre es nicht halb so spektakulär gewesen! Zwischen Telefonaten und Fotografieren genoss ich den stolzen Moment.
Der Überflug meiner Eltern entpuppte sich als echtes Abenteuer. In den schlechten Wetterbedingungen fand das Flugzeug ELLA’S PINK LADY erst im dritten Anlauf. Für mich war das eine emotionale Achterbahnfahrt. Von meinen Eltern ganz zu schweigen. Zuerst hörte ich, dass sie gerade losgeflogen waren und binnen weniger Stunden bei mir sein sollten. Dann die schlechte Nachricht: Sie mussten umkehren! Als das Flugzeug uns endlich gefunden hatte, nahm ich die 45 Minuten, die es über uns kreiste, nur wie durch einen Schleier wahr.
Mir wurde ganz schwindlig, und ich verfing mich in meiner Sicherheitsleine, während ich sie dabei beobachtete, wie sie ihre Kreise über uns drehten! Am Ende war es vermutlich ganz gut, dass ich meine Eltern durch die Fenster nicht wirklich sehen konnte. Hätte ich sie sehen können, dann hätte ich wahrscheinlich die Fassung verloren. Ich schulde allen großen Dank, die diesen Überflug ermöglicht haben.
Hier ein Brief darüber von meiner Mutter an eine Freundin:
»WIR HABEN JESS GEFUNDEN! … Kein Wunder, dass wir damit bei unseren ersten Versuchen Probleme hatten: Sie wirkt da draußen im Meer so klein! Die Aufregung in der Kabine war so groß, dass die Fenster sofort alle beschlugen. Dann schickten wir den Fotografen Gary ins Fegefeuer (aber er hat seinen Job wie immer cool und ruhig erledigt). Er hatte nicht nur deshalb eine schwierige Aufgabe zu bewältigen, weil wir seine Fenster haben beschlagen lassen. Aber wir haben alles wieder in Ordnung gebracht und sind 45 Minuten über ihr gekreist. Manchmal etwas höher, manchmal etwas tiefer, manchmal unter lautem Motorengeräusch steil hinauf und dann wieder gerade über sie hinüber. Wir haben alle Möglichkeiten ausgeschöpft! Es war fantastisch, sie zu sehen. Das Boot und die Segel sahen aus, als hätten sie Sydney gerade verlassen – einfach perfekt!
Schon bevor wir sie sahen, hatten wir Funkkontakt hergestellt. Wir haben uns unterhalten und waren dann eine Weile außerstande, weiter zu reden. Als wir unsere Fassung wieder gewonnen hatten, haben wir sie erneut angefunkt. Sie wollte wissen, wie sie von dort oben ausgesehen haben. Und wie es Dad ging (er war ziemlich grün im Gesicht). Ich habe gefragt, ob sie ihre Hausaufgaben gemacht hat – sie sagte, dass es vermutlich besser sei, dass ich gerade hier oben sei! Sie beschwerte sich, dass sie sich in ihrer Sicherheitsleine verfangen hatte, als sie für uns mit ihrem Boot kleine Kreise drehte! (Was bedeutet, dass sie gut in Form gewesen sein muss.) Es war so wundervoll, sie dort unten auf dem Bug winken zu sehen. Ich war sehr stolz auf sie, dass sie einfach weitersegelte. Welle über Welle. Sie schafft es da draußen wirklich! Das, was sie so lange geplant und wovon sie so lange geträumt hat.«
Der Wind hat sich in den letzten zwei Tagen als freundlich erwiesen, und wir nähern uns bereits den Falklandinseln. Ich habe wegen des Schiffsverkehrs um uns herum und aufgrund der Nebeneffekte meines Adrenalinrausches bis gestern kaum Schlaf gefunden. Ich wurde aber mit einem klaren Himmel beschenkt, und heute Nacht funkeln die Sterne über mir wie schon sehr lange nicht mehr! Ich war allerdings nicht die Einzige, die zuletzt wenig Schlaf bekommen hatte. Mum, Dad, Bruce und Andrew bewegten sich alle in merkwürdigen Rhythmen. Und sie sind nur einige der vielen Menschen, die großen Anteil an unserer sicheren Rundung Kap Hoorns hatten. Tausend Dank!
Einige Leute fragen sich sicher: »Was ist so besonders daran, in windgepeitschter See um einen Felsklumpen zu segeln?« Die Wetterbedingungen haben dafür gesorgt, dass ich nicht allzu viel sehen konnte. Das Kap ist kein atemberaubendes Naturwunder wie Ayers Rock oder die Zwölf Apostel. Aber als ich die Umrisse des Kaps endlich sehen konnte, habe ich es fast eine Ewigkeit angestarrt. Ich wollte in diesem Moment einfach alles in mich aufsaugen. Ich rief Mum und Dad in Chile an, dann Bruce und dann den Rest meiner Familie, der sich bei uns zu Hause mit einigen anderen Teammitgliedern getroffen hatte.
Es war toll, diesen Moment mit ihnen allen zu teilen, weil sie mir geholfen hatten, diesen Meilenstein zu erreichen. Bruce hatte an dem Tag Geburtstag, und er erzählte mir, dass ich ihm mit der Rundung Kap Hoorns das schönste Geschenk gemacht hätte.
Als ich nach dem letzten Gespräch auflegte, war es, als hätte jemand einen Schalter in meinem Kopf umgelegt. Während der Gespräche war ich voller Energie gewesen. Sobald ich jedoch aufgehört hatte, konnte ich meinen Kopf kaum mehr aufrecht halten. Die Wetterbedingungen waren zwar noch lange nicht wieder gut, aber ich musste einfach meine Augen für eine Weile schließen. Nicht einmal meinen Trockenanzug zog ich aus, sondern schlief einfach angeleint auf dem nassen Sitz unter dem Dodger ein.
Für mich setzte sich die bei der Rundung Kap Hoorns entstehende Energie aus drei Komponenten zusammen: seiner berüchtigten und anspruchsvollen Reputation, den Jahren, die ich davon geträumt hatte, und den Wochen, in denen wir uns der Vollendung näherten. Nach einer physisch und psychisch anspruchsvollen Woche vor unserer Ankunft am Kap war die Rundung noch viel besser, als ich jemals erwartet hätte. Verzeiht mir das Klischee, aber für mich wurde ein Traum wahr.
Der Höhepunkt meiner Rundung war einfach fulminant, aber es lag noch ein langer Weg vor mir, und ich musste weiter auf alles vorbereitet und für alles bereit sein. Nachdem ich mit Bruce, meinen Eltern, meinem Bruder und meinen Schwestern gesprochen hatte, rief ich auch Don an. Ich wollte meine Begeisterung mit jemandem teilen, der wirklich verstand, wie sie sich anfühlt. Don war an Bord der ORION und kam gerade von einer Expedition in die Antarktis zurück, die er mit etwa hundert Passagieren durchgeführt hatte. Es war großartig, mit ihm zu sprechen. Er schaltete unser Gespräch auf Lautsprecher, damit auch die Gäste zuhören konnten. Wir haben nur kurz miteinander reden können, aber ich fasste es kaum, als ich hörte, dass Kay Cottee bei ihm an Bord war. Wie klein die Welt doch ist!

